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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Drittes Kapitel

Es war überhaupt ein höllenmäßiger Zustand, in dem er auf der Landstraße vorwärtstorkelte. Nachdem der Halt, den eine unabweisbare Pflicht ihm gegeben hatte, nicht mehr vorhanden war, trat die ganze fürchterliche Verwirrung und Sucht in Kraft, in die ihn die Flucht der Geliebten gestürzt hatte. In seiner Tasche befand sich ein Brief des befreundeten Polizeikommissars, der ihm die Richtung und Route mitteilte, welche die kleine Flunkert-Truppe wahrscheinlich genommen hatte. Es konnten Plätze wie Herrnhut, Muskau, Spremberg, Kottbus, Lübben in Betracht kommen und dazwischenliegende kleinere Ortschaften.

Bei jedem der Flecken, die er erreichte, fing das Fragen an. Weniger um zu trinken als um zu fragen und sich zu betäuben, verweilte er in den Wirtshäusern. O ja, ein solcher Zirkus sei gestern vorbeigekommen. Ein paar Affen, ein Pudel, einige Schecken. Und wenn Haake nur hinreichend Kornschnaps an den Berichterstatter austeilte, so war es der leibhaftige Zirkus Flunkert, mit seinen zwei Wagen und seiner von dem langen Menschen geführten Künstlerschaft, jenem, der das Bein wie ein verwundeter Panther nachschleppte. Er kam dann immer auf Wanda zu sprechen und brauchte nur mit Schnaps nachzuhelfen, um eine genaue, aber auch haargenaue Schilderung seiner durchgebrannten Geliebten zu erhalten.

Am Ende des Dorfes sei ein Zirkus, sagte man ihm nach tagelanger Wanderung, als er, durchnäßt und frierend, in einen sogenannten Kretscham getreten war. Nur das geübte Auge hätte ihn noch von einem wirklichen Stromer unterschieden. Er hatte ihrer viele getroffen und sich gelegentlich, in der Wirrnis eines Fiebernden, ihnen angeschlossen. Ganz fremd war ihm ja schließlich auch ihr Rotwelsch nicht. Er kannte es von seiner Handwerksburschenwanderschaft, zu der ihn der Vater genötigt hatte, weil er der veralteten Meinung war, sie gehöre zum Lehrgang eines Handwerkers.

Paul Haake konnte nicht daran denken, sofort nach dem Ende des Dorfes aufzubrechen. Er mußte sich setzen. Die frostroten, nassen Hände auf dem Tisch übereinandergelegt, ließ er den Kopf darauf niedersinken, so maßlos stieß ihm das Herz in der Brust. Er dachte: Was wissen die Menschen von so etwas?! Ganz gewiß, ich krepiere dran, ich gehe daran unbedingt zugrunde!

Er sah ein Zelt, als er schließlich am Ausgang des Dorfes war. Er hielt sich wie ein geprügelter Hund hinter einem Baum, gut tausend Schritt entfernt davon. Aber die Leute hatten nicht recht gesehen, oder sie hatten ihn angelogen, denn es war nur ein Karussell.

Drei Tage später war der Zirkus Flunkert in der Nähe von Königswusterhausen wirklich erreicht. Ganz plötzlich tauchte er vor Paul Haake auf, als er fast gar nicht mehr an ihn dachte. Nämlich an den wirklichen Zirkus Flunkert hatte er kaum noch gedacht, nur noch an den in seinem Kopfe. Dieser war ununterbrochen im Gange. Die Schecken galoppierten im Kreise herum, ein kleines Mädchen schwang sich durch Reifen, zwei lumpige Spaßmacher grinsten ihn an, und der verdammte Direktor Flunkert junior hing am Trapez oder knallte mit seiner langen Peitsche. Aber da! da! da! auf dem Drahtseil stand nicht mehr mit spitzen Knien die Direktorin, sondern was da stand, war ein zerbrechliches Geschöpf von sechzehn Jahren, schwarzhaarig und glutäugig, Antlitz und Körper blaß wie der Tod.

Der wirkliche Zirkus Flunkert war nicht im Gang. Auf einem Grasplatz standen die beiden bekannten ausgedienten Wohnwagen: ihren Ofenröhren entqualmte Rauch. Von der ganzen Zirkusgesellschaft schienen die Pferde und eine Bulldogge die einzigen im Freien befindlichen Artisten zu sein.

Es dauerte lange, bevor Paul Haake es sich glaubte, daß auf der Breitseite jedes der Wagen Zirkus Flunkert zu lesen stand. Dann drang eine Klarheit auf ihn ein, wie wenn ein Schlafender von einer stechenden Sommersonne geweckt würde, deren Strahl ihm schmerzend ins geöffnete Auge fällt.

Dieses Erwachen bewirkte, daß er fester auf seinen Füßen stand. Der Instinkt eines Tieres, eines Schakals, einer armen, bestaubten Hyäne, die im Müll in der Nähe von Menschenwohnungen Beute machen will, mahnte ihn, auf der Hut zu sein. Wenn er etwas entdecken und die Entdeckung ausnützen wollte, durfte er selbst nicht zur Unzeit entdeckt werden. Er schlich sich also zunächst davon.

Bald aber besann er sich eines anderen.

Er kehrte um, das Äußere eines müden Stromers bewußt verstärkend, in der rührenden Annahme, daß es überhaupt noch nötig sei, und faßte Fuß hinter einem halb abgeladenen Heuwagen. Vielleicht war es auf diese Weise möglich, schon jetzt jene Klarheit zu erhalten, die für sein nächstes Schicksal bestimmend war. Sein Herz begann wieder schrecklich zu arbeiten, als er das Quarren und Greinen eines Säuglings hinter der Verschalung eines der Wohnwagen zur Kenntnis nahm. Und er stand wie vom Donner gerührt, als gleich darauf die nackte Faust eines Mannes durch eines der kleinen Fenster fuhr und einen irdenen Topf von unverkennbarer Form ausleerte.

Damit war nun nichts weiter anzufangen. Es warteten seiner vielleicht hier Aufgaben, zu denen er mehr als gewöhnliche Kraft brauchte. Wenn er sie aber gewinnen wollte, so durfte er sich nicht planlos verhalten und im ersten Zustand der Bestürzung ins Bockshorn jagen lassen.

Er quartierte sich also für die Nacht im Kretscham ein, nachdem er dem Wirt, der ihm sonst mißtraut hätte, eine Banknote vorausbezahlt hatte. Da er den Mann noch andere Scheine sehen ließ, nahm dieser keinen Anstand, den großen Kachelofen im Zimmer des Fremden auf dessen Bestellung in Glut setzen zu lassen. Zum erstenmal, seit er die Wanderung angetreten, bekam Paul Haake die Kleider vom Leibe. Er selbst war verwundert, daß es so lange nicht geschehen war. Aber erst hier, und sonst nirgend in der Welt, lag etwas in der Luft, was ihn wieder zum Menschen machte. Er kroch ins Bett, zog das rotkarierte, schwere Deckbett über sich und schlief ohne Traum bis zum nächsten Morgen.

In dem Rausche und Rauschen seines Innern, in den Illuminationen und Betäubungen durch Alkohol hatte er den Beschluß nicht fahren lassen, eine Summe Geldes als eiserne Ration für den Notfall aufzubehalten. Er vergewisserte sich, daß sie vorhanden war. Mit getrockneten und gereinigten Kleidern ging er ins Gastzimmer. Gegen drei Uhr nachmittags, da es Sonntag war, gab der Zirkus seine erste Vorstellung. In zwei Kreisen hatte man Bretterbänke um die Arena herumgeführt, zwischen ihnen und einer umgebenden Schnur war der Raum für die Stehplätze. In der Arena balgten sich Hunde und Sperlinge, pickten Hühner und Tauben herum. Die Dorfjugend lärmte. Die Landleute waren zahlreich gekommen. Die meisten standen, auch Paul Haake zog das vor: er verschwand so besser unter den Zuschauern. Wie es auch geschehen mag, sprach er zu sich, wir werden, verzweifelt und todesmutig, wie wir sind, auf jede nur irgend erdenkliche Weise versuchen, unser Gut zurückzuerobern! Und ich werde jedenfalls, wenn es nicht möglich sein sollte, aus der Welt nicht eher gehen, als bis ich einen Quartiermacher vorausgeschickt habe. Wer dies sein wird, muß man erst feststellen.

Da sagte plötzlich ein Bauer: »Nanu?!« und starrte seinen Nachbar Paul Haake an, der ihn wild in den Arm gekniffen hatte. Er war gestört. Er hatte gerade den stieren Blick auf einen langen Menschen gerichtet, der, in einem aus vielen Flicken bestehenden Frack, peitscheknallend in die Manege getreten war. Wer weiß, was geschehen wäre, hätte nicht derselbe Mann den wütenden Blick des Landmanns von seinem Nachbar ab und abermals auf sich gezogen, Flunkert junior tanzte vor Haakes Augen herum.

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