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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Vierzehntes Kapitel

Haake hatte genug, er wollte abbrechen. Das Verhalten Wandas war ihm unheimlich. Weder Willi noch er waren vorhanden für sie. Es war höchste Zeit, den Ort zu verlassen, wenn man nicht allen Einfluß auf sie verlieren wollte. Vielleicht würde man ihn nicht ganz verlieren, aber je länger man blieb, um so härter würde nachher, wenn man ihn zur Vernunft bringen wollte, der Kampf mit diesem Wildling sein.

»Also komm«, sagte Haake, »wir wollen jetzt gehen, Wanda!«

Ihr Kopf flog herum, ein Auge voll Grauen sah Haake an, ein furchtbarer Blick, der ihn förmlich klein machte: »Nimm einen Strick und binde mich! Binde mir Hände und Füße!« sagte sie. »Dann kannst du mich wie ein Paket hinausschleppen! Aber vergiß den Knebel nicht, sonst schreie ich, schreie ich ...!«

»Bist du verrückt, Wanda?!«

»Du bist es vielleicht, denn du redest vom Weggehen!«

»Ich habe bis über den Hals genug von diesem Klimbim!« sagte Haake.

Die Antwort war: »Schieb ab! Mir gefällt der Klimbim!«

Der Zwang, sich zu mäßigen, seine steigende Wut zu ersticken, die sie mit solchen geringschätzig hingeworfenen Reden aufpeitschte, trieb dem Bildhauer dunkle Röte ins Gesicht.

»Ich gehe, Wanda, und du gehst mit!«

»Du gehst, und ich bleibe hier!« sagte Wanda.

Eigentlich war es ja sonderbar, warum Haake so plötzlich aufbrechen wollte. Er hatte indes ein Gefühl, einer Warnung ähnlich, das ihm diesen Gedanken aufdrängte. Irgendeine verhängnisvolle Wendung würde vielleicht, wenn man ginge, vermieden sein.

Unter dem Hin- und Widerreden des Paares hatte die Vorstellung ihren Fortgang genommen, mit Tom Billing als musikalischem Clown. Der Groteskkomiker erschien in den Lumpen und Flicken eines Stromers, ebenso malerisch als närrisch hergerichtet, in die Stümpereien seiner Geige vertieft und verliebt, die ihn seine Umgebung vergessen ließen. Ein Stallmeister sagte ihm, daß er hier nicht am rechten Orte sei und seine mißtönigen Übungen gefälligst woanders anstellen sollte. Der dumme Mensch begriff aber das Gesagte nicht. Nun kamen Versuche verschiedenster Art, ihn zu entfernen, die alle fehlschlugen. Auch blieb vergeblich, was man anstellte, um wenigstens seine Geige zum Schweigen zu bringen. Man verleidete ihm das Stehen, indem man ihn in den Hintern trat. Er überschlug sich, ohne daß, selbst während des Überschlagens, die Geige zur Ruhe kam. Er nahm einen Stuhl, stieg hinauf und setzte sich, immer geigend, auf die Stuhllehne. Der Stuhl aber wurde umgestoßen. Ein Salto mortale abermals, ohne daß es die mehr und mehr virtuosen Klänge der Geige unterbrach. Der Clown saß solide auf dem Stuhl: man zog ihn fort, die gleiche Geschichte. Der Stromer setzte sich abermals. Als man ihm wieder den Stuhl entzog, sah man ihn, ungestört, in sitzender Stellung fortgeigen. Ein kleines Shetlandpony kam und faßte den Clown bei den Rocklumpen. Es half nichts. Geigend schwang sich schließlich der Clown auf den Rücken des Ponys hinauf, geigte und ward geigend abgeworfen, wälzte sich geigend in den Sägespänen, sprang wieder hinauf, geigte fort, ahmte schließlich auf den Saiten des Instruments Tierstimmen nach, die Henne, nachdem sie ein Ei gelegt, den Hahn, die Katze und schließlich den Hund, dem man auf den Schwanz getreten hat, ein Trick, mit dem er sich hinkend unter dem rauschenden Beifall des Hauses empfahl.

Eh man es recht begriffen, war bereits ein schlanker Trapezkünstler in Trikots eingetreten und flog, an einem Seil gehoben, bis in schwindelerregende Höhe der hölzernen Zirkuskuppel hinauf. Dort hing die Schaukel, auf der er seine gefährlichen Kunststücke ausführte. Jedermann hielt den Atem an, auch schwieg die Musik, wie es üblich ist, beim Höhepunkt seiner äquilibristischen Produktion. Der Künstler stand, ohne sich anzuhalten, Kopf, auf dem Querholz der Schaukel balancierend. In solcher Höhe war das eine kühne Ungeheuerlichkeit. Wanda brachte das Fernglas nicht vom Auge. Nur einmal, als sie, mit einem entfärbten Gesicht, sich mit den Worten »Das ist ja unmöglich!« gleichsam hilfesuchend an Haake und dann an Willi wandte.

Der Bildhauer fragte: »Was ist unmöglich?« – »Was ist denn unmöglich?« der junge Baumeister. Eine Antwort erhielten sie nicht. Plötzlich, als der tollkühne Mensch, der den Zirkus in einen Taumel der Angst, der Beklemmung, der Begeisterungsraserei versetzt hatte, schräg wie eine Sternschnuppe niedergeschossen und in einem Netz aufgefangen worden war, in dem er watete, schrie sie jedoch: »Um Gottes willen! um Gottes willen ...! Das ist ja ...! Das ist ja Balduin!« Und nun kreischte sie: »Balduin! Balduin! Balduin!«, so daß man im Umkreis aufmerksam wurde und in Wanda eine jener exaltierten Personen zu sehen glaubte, die bei öffentlichen Schaustellungen nicht selten sind.

Haake durchfuhr es wie Schmerz einer Schwertschneide, als auch er Balduin Flunkert erkannt hatte. Bevor er aus der Verwirrung seines Inneren wieder zu sich selber gekommen war, hatte Wanda das Weite gesucht. »Wo ist Wanda?« fragte erwachend Haake. – »Ich weiß nicht, mein Guter«, antwortete Maack; »vielleicht einen alten Bekannten begrüßen«, setzte er unwillkürlich hinzu. – »Da liegt ja ihr Mantel!« sagte Haake. Er nahm ihn, und als er mit Willi die Loge verließ, stellte er sich, als sei ihm das Verschwinden Wandas nur deshalb verdrießlich, weil man sich leicht im Gedränge verfehlen konnte.

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