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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Dreizehntes Kapitel

Man saß zu dreien in einer Loge. Freund Willi hatte sich angeschlossen.

Er konnte unmöglich den Angeber machen und dem Bildhauer mitteilen, er habe Wanda zur Zeit, als dieser in Gleiwitz war, nicht nur auf ihrem bezahlten Platz, sondern auch während der Pausen im Gespräch mit Tom Billing, dem Dummen August, gesichtet, da er begreiflicherweise Unrat witterte. Heute, schon beim Betreten des Zirkus, als er die Sünderin scharf beobachtete, merkte er, welchen verhängnisvollen Grad das Artistenfieber bei ihr erreicht hatte. Kaum hörte sie mehr, was man zu ihr sprach. Sie wurde heftig, ja ungezogen, wenn man ihre alles verschlingenden Fieberaugen irgendwie ablenkte. Der Geruch der riesigen Schaubude, der Manege, der Ställe wirkte auf sie wie Stechapfeldunst. Und wenn sie einerseits in dem Gewühl und Gesumme des Menschenkraters nur selbstvergessene Masse war, so hatte sie gleichzeitig etwas Erwecktes, Sprunghaftes, einem seltsamen, wilden Vogel ähnlich, der, lange gefangen, sich unvermutet in der offenen Tür seines Käfigs sieht: im nächsten Augenblick wird er davonfliegen.

Die Stallmeister kamen und bildeten wie üblich Spalier. Im nächsten Augenblick hörte man Lärm: eine Armee von Clowns, an der Spitze der Dumme August, wurden in die Manege geworfen. Nach einem prächtigen dicken Kaltblüterschimmel, auf dessen Rücken man gut eine Sommerlaube hätte errichten können, erschien die zum Urbestande jeder Manege gehörende Kunstreiterin, eine Balletteuse mit Reitpeitsche. Graziöse Sprünge führten sie bis in die Mitte des Raumes, wo sie Knickse nach allen Seiten machte, um bald darauf mit den bekannten hellen Vogelschreien immer wieder Seidenpapier zu zerreißen, das große Reifen verschloß, durch die sie vom galoppierenden Pferde sprang.

Hodgini, der Jockei auf ungesatteltem Pferde, war die erste größere Sensation. Wiederum war es ein kräftiger Schimmel, auf dem er seine Kunststücke ausführte. Wahrscheinlich war der glänzende Rücken des Tieres, um ihn glatt zu machen, mit Kreidestaub imprägniert, damit der tollkühne Reiter um so leichter hinauf- und hinabgleiten konnte. Denn während es im gestreckten Galopp die Manege umkreiste, sprang er ab und auf. Er sprang auf, indem er zunächst den Gurt faßte. Später sprang er, neben dem Tiere gleichen Schritt haltend, ohne den Gurt zu fassen, auf. Und schließlich, ohne den Gurt zu fassen, sprang er so, daß er auf der breitgebauten Kruppe des Gaules sicher Fuß faßte. Der Zirkus brach in frenetischen Beifall aus.

Wanda schrie und zerklatschte die bis über die Ellbogen reichenden Handschuhe. Dem Bildhauer war nicht anders zumute, als maßregele ihn eine fremde Frau, nach der Art, wie sie seine Dämpfungsversuche heftig ablehnte. Die Fremdheit wuchs mit jeder weiteren Vorführung. Dabei machten die mondhaft durchsichtige Blässe ihrer feinen Züge, das nächtliche Haar und die düster zuckenden Fanale ihrer Augen den Gatten fast wahnsinnig. Sie hatte sich mit offenem Mund so weit vorgebeugt, daß die unter ihr in Reihen sitzenden Leute beinah von den Spitzen ihrer schwarzen Haarwellen berührt wurden. Es war Haake vorgekommen, als hätten Tom Billing und sogar Hodgini mehrmals zu ihr hingewinkt. Jedenfalls streckte Wanda manchmal den Arm mit schnellen, intimen Bewegungen ihrer Finger, als ob sie ihn, von Sehnsucht getrieben, verlängern wolle. Auf Haakes Frage, was das bedeute, rief sie hastig beiseite: »Das geht dich nichts an!«

So kam der hochklopfenden Herzens erwartete und begrüßte Augenblick, wo auf der Altane die sanfte Musik der »Klosterglocken« mit den betörenden Triangelschlägen einsetzte. Inmitten der Manege stand – wie anders als Flunkert und doch ihm ähnlich in Handhabung seiner langen Peitsche – Direktor Renz, freilich ein reicher und vornehmer Gentleman, dessen Erscheinung – Lackschuhe, Frack – ihn in den allerhöchsten Kreisen gesellschaftsfähig gemacht haben würde. Er erwartete die Creme, die Elite seines eigenen Besitzes und des Pferdegeschlechts. Vier Rosse erschienen in einer Reihe. Sie knieten vor ihrem Meister hin und traten, die Trensen kauend, beiseite. Vier andere kamen und taten wie sie. Und abermals vier betraten mit gleichem Anstand, mit gleicher Grazie, mit gleichem Stolz die Manege.

Diese Hengste, deren unbehaarte Körperteile eine rosige Haut zeigten, gehörten, was ihren Adel anbetraf, Geschlechtern von Fürsten, Herzögen und Königen an. Aber nicht gemeinen Fürsten, gemeinen Herzögen, gemeinen Königen. Sie schienen nicht aus einer noch so aristokratischen Stute Leib, sondern aus dem Atem der Scheherezade, den Klängen der Leier eines Ariost und, soweit sie Materie waren, mindestens aus dem Gestüt der Sonnenrosse des Helios abzustammen.

Diese mit langen Schweifen und Mähnen geschmückten milchweißen Tiere trugen eine Krönung von ebensolchen Federn auf dem Haupt, rote Zaumzeuge mit Troddeln und breite rote Gurte hinter dem Widerrist um den Leib. So edel und stolz wie von Göttern war, wenn sie nebeneinander standen, ihre Haltung, die Art, wie sie mit den Schweifen die Lenden schlugen, und ihr unablässiges Kopfnicken. Aber auch die Götter mit köstlichen Gliedern, Flanken und Schenkeln hatten einen höheren über sich, den sie mit frommem Funkeln gehorsamer Blicke verehrten, dessen Winken sie, mit rührend ergebenem Eifer, schnell und ohne Verfehlung zu gehorchen suchten, feurig schnaubend, mit erschrockener Wendung einen etwa verfehlten Schritt, eine etwa verfehlte Richtung sogleich bereuend. Wie köstlich war alles, was sie beim Klange der Musik im Verlauf ihres göttlichen Tanzes an Bewegungen, Drehungen, Wendungen und Bäumungen im kurzen oder schlanken Trabe ausführten! Und herrlicher, wenn bei einem dieser Wesen, das ausbrach, die wilde Freiheit der weiten Wüste Himmels und der Erde einen Augenblick lang zum Ausdruck kam und eine Galoppade die gebändigte Kraft unter der Schönheit verriet.

Nicht den kürzesten Blick entwendete diesem Schauspiel die junge, pikante Professorsfrau. Diese Wesen im Königsweiß des Hermelins: wie sie zitterten, wie sie schauderten, und wie mehr und mehr bei jedem das dämonische innere Leben in geschleuderten Blicken und Mähnengewölken zum Ausdruck kam, bis zu dem ungeheuren Schluß, wo sich sechs Rosse auf jeder Seite vor dem Gotte in der Mitte schnaubend, hufestampfend und gleichsam anbetend emporbäumten. Der Beifall raste, mit ihm die junge Künstlersfrau, bis zur Verzückung hingerissen.

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