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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Zwölftes Kapitel

Im April stellte Direktor Renz unweit des Freiburger Bahnhofs ein riesiges, rundes, ziemlich feuergefährliches Zirkusgebäude aus Brettern auf, in welchem einige tausend Menschen amphitheatralisch um die Manege herum sitzen konnten. Ganz Breslau sprach nur noch davon und erwartete mit höchster Spannung den gewaltigen, nie dagewesenen Apparat, mit dem man diesmal die Schaulust der Massen befriedigen wollte. Man erzählte sich von den vierundzwanzig milchweißen Araberhengsten, die der junge Renz gleichzeitig in der Manege ihre Bewegungen ausführen ließ, von Tom Billing und einigen anderen weltberühmten Clowns, von Ozeana, einer Drahtseiltänzerin, zubenannt die Sylphide der Luft, welche die derzeit schönste Frau der Welt sein sollte. Jedermann in der Stadt war aufgeregt lange vor Beginn der ersten Vorstellung. Nachdem sie aber erst stattgefunden hatte, brach ein Rausch, ein Taumel über die Haupt- und Residenzstadt herein. Das große Stadttheater, Oper und Schauspiel sowie das Lobetheater blieben leer und verloren ihre Leuchtkraft wie Lichtstümpfe, wenn die Sonne über den Horizont gestiegen ist.

Entschieden war Ozeana die größte Sensation. Der Kommandeur des Leibkürassierregiments war ebenso betört und betrunken von ihr wie der Sextaner, der »mensa« zu deklinieren kaum angefangen hatte, der Stadtgouverneur, Herzog von Soundso, ebenso wie der Sohn des jüdischen Althändlers auf der Stockgasse. Für die Frauen, die sich zum Teil nicht minder für Ozeana begeisterten, waren andere Götter da, zum Beispiel ein Jockei, der auf ungesatteltem Pferd nie gesehene Kunststücke ausführte. Übrigens waren der Nummern so viele, daß jeder auf seine Rechnung kam.

Im zweiten Teil des Abends wurde gewöhnlich ein großes Spektakel veranstaltet, in dem Elefanten, Pferde und Strauße mitwirkten. Eine Steeplechase in Form einer Jagd über Hindernisse auf Straußen und Gazellen wurde dabei ausgeführt. Das Donnern der Hufe über hölzerne Rampen hinauf hörten die Breslauer noch im Traum. Jung und alt aber sang die süße Melodie eines Stückes, das vom hohen Altan des Zirkus einsetzte, wenn, vier und vier, die weißen Hengste mit roten Gurten und Troddeln, unter lautlosem Schweigen, in die Manege tänzelten, und welches »Klosterglocken« genannt wurde. Die Triangelschläge bildeten den besonderen Reiz dabei.

Für Paul Haake, und wahrscheinlich nur für ihn, stieg das ganze Ereignis eher wie eine Wolke denn als eine Sonne über dem Horizont herauf. Solchen Veranstaltungen im Grunde leidenschaftlich geneigt, stand er ihnen aus Gründen, die in seinen Erlebnissen lagen, jetzt mit Zurückhaltung gegenüber. Es war ihm, als sollte er lieber nicht hinblicken, wo etwas dergleichen in Erscheinung trat. Dagegen war Wanda außer Rand und Band. Die Verschmitztheit ihrer Natur ermöglichte ihr, das vor dem Gatten zu verbergen. Als sie durch gelegentliches Antippen, durch leicht hingeworfene Fragen, ob Haake nicht seiner Stellung wegen dem gesellschaftlichen Ereignis der ersten Vorstellung beiwohnen müsse, keine Gegenliebe fand, beschloß sie, koste es, was es wolle, doch dabei zu sein.

Dies durchzusetzen, war bei ihrer Entschlossenheit eine Kleinigkeit. Der Bildhauer wurde in diesen Tagen zu einer Besprechung in Gleiwitz erwartet. Die gemeinsame Reise dorthin war für den Tag der Zirkuseröffnung festgesetzt. Daß Wanda mitreisen würde, darüber ließ sie bei Haake bis zum Morgen des Reisetages einen Zweifel nicht aufkommen. An diesem Morgen blieb sie zu Bett, schützte Unterleibskrämpfe und wüstes Kopfweh vor, war verzweifelt, daß sie daheimbleiben sollte, und drängte Haake, die nun einmal fällige Fahrt nicht aufzuschieben. Da auch er in ihrem Rat die einzig vernünftige Lösung sah, ging er arglos darauf ein, nahm Abschied und war damit für diesen und den folgenden Tag von Breslau ferngehalten.

Als er am dritten Tag wiederkam, konnte seine Frau den Versuch machen, sich vom Bett zu erheben und aufzubleiben. Es gelang ihr wider Erwarten gut. Was ihr schwer fiel, war das Verbergen und Insichverschließen der ungeheuren Eindrücke, der nie gesehenen Wunder, die am Eröffnungsabend des Zirkus Renz, dem sie beigewohnt hatte, über sie hereingebrochen waren. Aber auch dies gelang ihr vermöge einer fast übermenschlichen Willenskraft.

Eine Woche ließ Haake vergehen, bevor er dem allgemeinen Drängen seiner Freunde, insbesondere dem Willi Maacks nachgebend, Karten für den Zirkus nahm und damit dem schmerzhaft gestauten Verlangen seiner Gattin endlich genügte. Über die nun zutage tretende Erregung Wandas wunderte sich der Künstler nicht. Die Erscheinung war ja ganz allgemein und hatte schließlich auch ihn befallen. Und wenn sie mit dem Artistenblut seines Weibes zusammenhing, so war sie auch darum nicht zu verurteilen. Ihn beherrschte noch immer eine argusäugige Eifersucht, aber schließlich war er an ihrer Seite, und ihm auf irgendeine Weise sein angetrautes Weib zu entwinden würde eine unausführbare Unternehmung geblieben sein.

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