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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Elftes Kapitel

Honigmond auf Honigmond war mit dem glühend heißen Breslauer Sommer vorübergegangen. Um die Weihnachtszeit konnten es die im Hause verkehrenden Freunde deutlich erkennen, daß bei dem Ehepaar Haake nicht mehr alles ganz im Lote war. Was man und was insonderheit Willi Maack beobachtete, sprach aber mehr gegen den Bildhauer als gegen die junge Frau, welche immer wieder von ihrem Gatten Ausbrüche finsterer Laune zu erdulden hatte. Versuche Wandas, Versuche der Freunde, den Meister aufzuheitern, waren umsonst oder halfen nur kurze Zeit. Es war der schreckliche Dämon der Eifersucht, dem er verfallen war.

Im Januar nahm Willi Maack eines Tages der jungen Professorsfrau die Beichte ab. Er hatte gesehen, wie sie im Atelier, auf der Straße, bei Tisch von Haake gequält wurde. Ärger war, was er nun erfuhr. Mochte auch Übertreibung von Wandas Seite mit unterlaufen, es wurde klar, daß sie ein keineswegs rosiges Dasein, sondern eher eine Art Fegefeuer zu bestehen hatte.

»Da und da im Restaurant«, sagte Wanda, »fing es an. Da hieß es, ich hätte Blicke gewechselt.« Als ein Kürassieroffizier zu Haake gekommen war, um eine Bronzebüste in Harnisch und Helm von sich machen zu lassen, wurde das auf eine schnöde Art abgelehnt. Wanda habe, erklärte dann seinem Weibe der Herr Gemahl, diesem windigen Gecken Mut gemacht, sozusagen mit Hilfe von Sitzungen ihn mit ein paar appetitlichen Hörnern auszustatten. Er sei kein Gelegenheitsmacher oder gar Zuhälter, sagte er.

Zu solchen Vermutungen, solchen Annahmen – Wanda weinte und schwor – war nicht der geringste Grund, wie denn auch die tadellose Haltung der kleinen pikanten Person, seit sie verheiratet war, allgemein anerkannt wurde. Hatte sie von einem Postamt Briefe mit chiffrierter Adresse, von Flunkert oder anderer Seite stammend, abgeholt? Ihr Gatte warf ihr das freilich vor, ohne daß er aber einen dieser Briefe gesehen hätte.

Er selber hatte mit ihr kostbare Stoffe, Hüte, seidene Strümpfe und Unterwäsche eingekauft, besprach mit der Schneiderin ihre Kleider, deren Schnitt er selber entworfen hatte. Jedes Strumpfband wählte er aus. Und nun auf einmal wurde er mißtrauisch und gedrückt, wenn sie dieses Armband, jenes Paar Schuhe, diesen Mantel, jenen Pelz, diese Haarspange, jenes ausgeschnittene Kleid anlegte. Hinter allem versteckt lag irgendein sündhafter Grund, eine betrügerische Absicht, die seine Eifersucht witterte.

Geradezu eine psychische Krankheit war diese Eifersucht. Im Anfang wußte es Haake beinah genau, daß sie keinen tatsächlichen Grund hatte. Nahm er ihr doch gnadenlos ein kleines Bologneser Hündchen weg, weil sie Zärtlichkeiten an es verschwendete. Er sagte manchmal, sie könne ja nichts dafür, daß ihr gebrechlicher, lüsterner Körper die Blicke und Begierden aller Männer auf sich ziehe. Aber das sei doch eine Tatsache! Und weil es eine Tatsache war, erwog er allen Ernstes, ob er Wanda nicht während seiner Abwesenheit im Atelier in der Wohnung mit einem alten Weibe als Bewachung einsperren sollte. – Willi standen die Haare zu Berge. – Wenn sie ausgehe, sagte Wanda, lasse der Bildhauer sie beobachten. Wenn sie ein Käsebrötchen in einem Laden gegessen habe, wisse er es am Tage darauf. Sie brauche nur zweimal den Namen irgendeines Bekannten zu nennen, so werde Haake totenbleich, auch wenn er eben laut gelacht habe. »Ich weiß nicht, wie das noch enden soll!« hatte er einmal zu Wanda gesagt. »Meine Liebe zu dir ist jetzt, wo ich dich täglich und stündlich und ganz besitze, beinahe noch schmerzhafter, quälender, sinnlos unmäßiger als in den Zeiten, da ich dich suchen ging. Ich weiß ja, du bist zu nichts anderem da. Alle müssen ja auf dich fliegen und in dich hineinstürzen. Du bist ja die reinste männermordende Gottesanbeterin: das aber macht mich ja eben zu deinem Hörigen! Und trotzdem, wenn ich dir je wieder etwas nachweise, Wanda, bist du nicht mehr! Du bist von der Straße, du bist eine, die dorthin gehört! Eine Allerweltshure bist du! Den Kerl möchte ich morden, der nicht für eine Nacht mit dir seine Seele verkaufen würde. Aber wehe! wehe! wehe!, wenn auch nur der kleinste Gedanke an Untreue in dir ist!«

Sorgenvoll schüttelte Willi den Kopf.

Wanda ging weiter in ihren Herzensergießungen. Sie sagte ganz offen, wenn sie gewußt hätte, was ihr bevorstehe, wäre sie lieber geblieben, wo sie war. Dieses goldene Elend sei fürchterlich. Sie habe Haake immer noch gern. Aber allmählich würden andere Gefühle bei ihr die herrschenden: Angst, Furcht, Schreck, Entsetzen, Abscheu, Haß. Er mißbrauche, erniedrige sie ohne Maßen. Mit seiner brutalen Gewalt zwinge er sie in der leeren Wohnung, aus der er alles Hauspersonal entfernt habe, zu Dingen, die man nicht einmal aussprechen dürfe. Er habe ja schließlich die Kraft eines Stiers. Sein Nacken, das sähe ja Maack, sei wie ein Stiernacken. Dann träten ihm auch die Augen wie zwei Stieraugen aus dem Kopf hervor. Dann sei es so, daß sie manchmal eine Stunde in tiefer Ohnmacht zugebracht habe, bis sie schließlich von dem nun verzweifelten Manne, der sich angstvoll und schweißbedeckt über sie beugte, wieder ins Leben zurückgerufen worden sei. Schon öfters hatte sie sich gefragt, wenn sie außerhalb des Hauses war, ob sie sich nochmals in diesen Lustkerker, diese Glückshölle zurückbegeben oder auf Nimmerwiedersehen davongehen sollte. Aber dann hatte ihr jedesmal Haake wieder leid getan.

Er zog sie aus, er richtete sie ohne alle Bekleidung, nur mit goldenen Fuß-, Arm- und Halsspangen, das schwarze Haar mit Perlen durchflochten, zur Tänzerin her. Und während er saß und trank, mußte sie tanzen. Und wenn er auf brutale Weise ihre Ermüdung bis zur Erschöpfung durchgesetzt hatte, begann er den wildesten Teil seiner Orgie.

Armer Paul Haake! dachte Maack und sah, wie der Blitz eines Verhängnisses über dem Hause des Bildhauers in einer schwarzen Wolke gebraut wurde.

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