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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Neuntes Kapitel

Am ersten Oktober trat Haake seine Stellung als Professor der Kunstschule an. Hauptsächlich infolge der Bemühungen Willi Maacks war es nun endlich doch so weit. Von Rom hatte der Bildhauer die Nase voll. Da er aus Gründen einiges wieder in Italien arbeiten wollte, verbrachte er die Monate Februar, März und April in Florenz, wo der Marmor Carraras leicht erreichbar war und er wohlfeil geschickte Abbozzatoren haben konnte. Es war hier in Florenz, wo ihm einer dieser italienischen Gehilfen die Karte eines Besuchers in den innersten Arbeitsraum brachte, auf der Carola Ingeström zu lesen stand. Er rief sein deutsches Faktotum herbei und gab ihm in völliger Ruhe diesen Auftrag: »Geh hinaus, Neumann, und sage der Dame, daß ich zu Hause sei, daß ich mir aber ein für allemal ihre Besuche verbäte. Verstehst du mich? Ich verbitte mir ihre Besuche für jetzt und immer, wann es auch sei. Sie möge mich also nicht mehr belästigen!«

Der Leumund Haakes stand nun so, daß er, wenn er gewollt hätte, unter den Töchtern der ersten Familien Breslaus die Auswahl hatte und ebenso unter den Töchtern des konservativen schlesischen Landadels, mit oder ohne elterliche Einwilligung. Aus diesen Kreisen strömten ihm eine Menge Schülerinnen zu, die sich um jeden Blick, jede freundliche Miene, jedes Wort des Meisters stritten, dessen Anziehungskraft als Lehrer eine ganz ungewöhnliche blieb. Im Frühjahr war Haake nach Breslau zurückgekehrt, im Oktober besuchte der Kaiser sein Atelier, fand nichts zu tadeln an seinen Bildwerken, und damit hatte sein Ruf, zum mindesten in der Stadt Breslau, einen Punkt erreicht, der kaum noch zu überbieten war. Das Denkmal in Gleiwitz, der Brunnen in Breslau waren aufgestellt und von der Presse glänzend beurteilt worden.

Abermals war ein Arbeitswinter vorübergegangen, als eines Tages ein unerwarteter Umstand Haakes Stellung von Grund aus veränderte. Von einem Ferienausflug nämlich war Haake nach etwa vier Wochen in Begleitung eines jungen, weiblichen Wesens zurückgekehrt, das er als seine Frau vorstellte. Die Angetraute war eine geborene Wanda Schiebelhut.

Von dem Schritt des Meisters war niemand unter allen, die ihm wohlwollten, so recht erbaut, am wenigsten aber Willi Maack, obgleich er natürlich der erste war, der sich über das Unabänderliche mit Humor hinwegsetzte. Der Schülerinnenzudrang ließ etwas nach, was jedoch niemand, am wenigstens Haake, bedauerte. Man riß sich bis dahin um Haake bei allen Gesellschaften. Da er von nun an ohne seine junge Frau nicht erschien, stand man davon ab, ihn, außer zu Herrenabenden, einzuladen. Auch das war Haake nur angenehm. Niemand wußte, wieso die Wendung in seinem Leben so plötzlich eintreten konnte. Sie hatte sich gar nicht vorbereitet. Selbst Willi Maack traf sie wie eine Überrumpelung. Es hatte sich folgendermaßen zugetragen:

Niemand hatte darauf geachtet, als eines Tages ein kleines Modell nach dem Bildhauer fragte und von ihm empfangen wurde. Das Persönchen glich etwa jenen kleinen, dürftig gekleideten Laufmädchen, die bei Putzmacherinnen Hutschachteln und dergleichen austragen. Wie sich im Atelier herausstellte, war es Wanda Schiebelhut. Der Bildhauer, welcher, gerade auf einer Leiter stehend, an einer überlebensgroßen Figur, Albrecht Dürer darstellend, arbeitete, geriet, als er sie erblickte, zunächst in einen Zustand der Sprachlosigkeit. Es war nicht entschieden, welche von allen Regungen, die sich im Ausdruck seines Gesichtes ablösten: Schreck, Verblüffung, Entsetzen, Grauen, Haß, Wut, Angst, den Sieg davontragen würde. Ein Tonklumpen fiel aus seiner Hand, ein Bund Modellierhölzer regnete auf den Fußboden.

Das Mädchen stand auf der untersten von zwei Treppenstufen, die von der Tür ins Atelier hinabführten. Kein Wort der Begrüßung kam von ihr. Als ihr jedoch das lastende Schweigen zu lange währte und bedrohlich schien, warf sie, eins zwei drei, das Mäntelchen ab, zog die Schuhe aus, riß das Jäckchen, das Mieder, das Röckchen herunter, worauf die Drahtseilkünstlerin im schwarzen Trikot mit roter Schleife zum Vorschein kam. Nach diesem Manöver hatte der Bildhauer nur noch die eine Möglichkeit, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben und auszuliefern.

Nachdem bei verschlossenen Türen die Begrüßungen ausgetauscht waren, durch welche eine lange, öde Zeit der Entbehrungen sich in fast verzweifelter Raserei schadlos zu halten suchte, ließ sich Haake erzählen, wieso ein solcher Besuch Wanda in den Sinn gekommen und wie er menschenmöglich ward.

Es war Wanda endlich zu bunt geworden. Nicht nur hatte ihr Flunkert niemals Gage ausbezahlt, er hatte ihr auch alles, was sie etwa geschenkt bekam, aus der Tasche gezogen. Auf dem Drahtseil blamierte sich nun meist die junge Direktorin. Sie hatte vom Kindbett einen dicken Bauch, dünne Beine und einen Nabelbruch zurückbehalten. Wenn sie auftrat, lachte das Publikum. Flunkert war diesem Weibe gegenüber zum Schwächling geworden, ihr, Wanda, gegenüber wurde er immer brutaler und viehischer. Zustände waren das überhaupt! – Und die Sachen hatten sich kompliziert. Durch eine Schlangendame, die engagiert worden war, wurde der ganze Zirkus außer Rand und Band gebracht. Selbstverständlich, daß sich die Schlange zunächst um Flunkert ringelte, wodurch sie es mit dem Nabelbruch zu tun bekam. Sie, Wanda, mußte ehrlich gestehen, sie stehe in diesem Fall auf Seite der jungen Direktorin. Bei einem Handgemenge, das diese mit der Klapperschlange gehabt hatte, war Wanda zugesprungen und hatte die Schlange am Genick zu fassen gekriegt und zurückgerissen. Jede Gelegenheit benützte dieses Mensch – Gutshaus, Dorf und kleine Stadt –, um sich außer der Reihe Geld zu machen, und keinen Heller rückte sie raus. Nie trat sie auf, wenn Flunkert nicht vorher ihr Spielhonorar gezahlt hatte. In dieser Beziehung hatte der Schuft in ihr seinen Meister gefunden: eine Sachlage, der Wanda ihre eigene sträfliche Dummheit entnehmen konnte. Dieser Blutsauger, dieser Tyrann, dieser Menschen-, Pferde- und Hundeschinder hatte ihre Gutmütigkeit bis zum letzten Tropfen ausgepreßt. Wanda verfügte, wie sie vor Haake stand, obgleich sie die ganze Zeit nichts ausgegeben und nur gearbeitet hatte, nicht über mehr als zwei Mark im Geldtäschchen, die sie, das war ihr gutes Recht, beim Sammeln vom Teller genommen und beiseitegesteckt hatte. Nur hie und da durfte sie einmal auftreten, sonst nützte man sie als Mädchen für alles aus. Im Bettenmachen, Geschirreausgießen und -reinigen, Milchabkochen, Herumschleppen des Kindes bestand ihre Tätigkeit. Sie mußte die ekligen Hemden und Unterhosen des Flunkertpaares im Waschfaß walken, Trikotagen stopfen und reinigen und schließlich noch der Bulldogge das widerliche Fressen mit den Fingern einrühren. Sie wußte nun, was das Leben war, sie hatte gelernt, sie hatte bereut. »Und entweder«, sagte sie, »nimmst du mich für immer zu dir, Paul, oder aber ich gehe ins Wasser!

Wie eine Erleuchtung«, schloß sie, »ist das über mich gekommen, Paul! Der Zirkus steht nämlich wieder vor demselben Hause hier draußen in Breslau, wo du damals wohntest und wo wir beide aus dem Fenster geblickt haben, als Flunkert mit dem Schmitz immer uns unter die Nase knallte. Die größte Dummheit, der größte Wahnsinn, das größte Verbrechen meines Lebens schloß sich daran. Augenblicklich rannte ich fort, als die Erleuchtung diesmal über mich kam. Und nun bin ich da. Schlag mich, erschieß mich, Paul! Ich verdiene nichts Besseres. Ich hab's verdient! Aber nur von dir, Paul, will ich die Strafe erleiden!«

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