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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Zweites Kapitel

Was der betrunkene Künstler dem Bauernkinde erzählt hatte, beruhte auf Wirklichkeit. Er hatte ein sechzehnjähriges Mädchen, Wanda, von der Straße hereingenommen, benutzte es als Modell und wollte es zu seiner Frau machen. Aber Wanda lief ihm davon.

Sie ging eines Morgens – es war in Breslau – wie immer, um etwas für das Mittagessen einzuholen, aus dem Atelier und war seitdem nicht wieder erschienen.

Er fragte überall nach ihr, er suchte alle Spelunken ab, er legte sogar die Polizei mit Hilfe eines befreundeten Kommissars auf ihre Spur, alles und alles leider vergebens.

Er hatte Aussicht, wenn die Brunnenangelegenheit in Görlitz zu aller Zufriedenheit verlief, an der Breslauer Kunstakademie Professor zu werden. Wenn dies sich verwirklichte, wollte er heiraten. Er hatte himmlische kleine Bronzen nach Wanda gemacht. Das Mädchen war klug und bildungsfähig. Man würde eine Wohnung beziehen, mit der Kleinen ein Hauswesen gründen, man hätte eine entzückende Frau und würde von aller Welt beneidet.

Jetzt aber war der Boden seiner Pläne dem werdenden Meister weggesunken.

Er schlief nicht mehr, konnte nichts mehr arbeiten, ergab sich mehr und mehr dem Trunke und stellte eben noch seinen Mann, bis der Auftrag in Görlitz erledigt war. Dann aber brach er völlig zusammen.

Aus der Villa des Kaufmanns Muscatblut völlig ausgeschlafen am nächsten Morgen hervortretend, begab er sich auf die Wanderschaft. Schon der Gedanke, Wanda zu suchen, erleichterte ihn. Er nahm es als seinen Lebensberuf. Was kümmerte ihn die Professur, oder daß er nur noch etwa dreihundert Mark in der Tasche hatte. Sie gehörten zehn- oder zwölfmal genommen den Gläubigern: nun, so mochten sie denn auch ihn suchen, wie er Wanda zu suchen gezwungen war.

Paul Haake war ein außerordentlich begabtes Proletarierkind. Der Glückswechsel war erst mit der Arbeit am Toberentz-Brunnen eingetreten. Er lag bis dahin bei einer Bahnschaffnersfrau in Schlafstelle. Zwei Betten standen in einem Loch. Er benutzte das leere des Bahnschaffners, der manchmal die dritte, manchmal die vierte Nacht zu Hause zubrachte.

Auf dem leeren Bauplatz, unter den Fenstern der Vorstadtmietskaserne, hatten sich eines Abends fahrende Kunstreiter eingefunden. Am Abend darauf war die Vorstellung.

Die Gesellschaft war in zwei wackeligen Wohnwagen untergebracht. Der Aufzug war äußerst jämmerlich, die Vorstellung weniger jämmerlich. Es wurde ehrliche Arbeit geleistet. Nagelneues Programm natürlich. Der Zirkus Flunkert durfte, ohne unbescheiden zu sein, von sich rühmen, daß er bereit sei, mit Renz und Busch, ja selbst mit dem großen Barnum furchtlos in die Schranke zu treten.

Ein älterer Flunkert, Träger der Tradition, mußte vor kurzem verschieden sein. Seine Witwe, über zwei Zentner schwer, die an der Kasse saß, trug jedenfalls einen Trauerflor, und ein jüngerer Flunkert, ein langer, etwa dreißigjähriger Mann, schien Erbe und Leiter des Ganzen zu sein. Dieser junge Flunkert ... hol' ihn der Teufel!

Wie solche Leute zustande kommen?! Im Grunde genommen ein schöner Kerl, eines seiner langen Beine manchmal wie ein angeschossener Panther nachschleppend, gänzlich furchtlos, überaus dreist der Blick. Wenn man mit ihm eine Wette einginge, hoch genug, seine Habgier zu reizen, er würde auf einem Königstiger spazierenreiten. Höchst wahrscheinlich würden seine eigentlichen Vorväter mehr außerhalb als innerhalb der Familie Flunkert zu finden sein. Unter den Offizieren des Leibkürassierregiments hier am Orte gab es solche Erscheinungen.

Von Anfang an war Herr Flunkert dem jungen Bildhauer unangenehm. Seine Abneigung steigerte sich, als der Zirkusdirektor – die Vorstellung fand unter freiem Himmel statt – mit seiner endlos langen Peitsche bis unter die Nase Wandas heraufknallte, die neben Paul Haake im Fenster lag. Wanda machte das förmlich wahnsinnig. Jetzt war es beinahe mit Händen zu greifen, daß sie früher in einem Zirkus gearbeitet hatte. Flunkert führte nicht nur seine abgetrabten Gäule vor, er schwang sich am Ende sogar aufs Trapez und zeigte wahrhaft tollkühne Dinge. Man mußte gestehen, daß Flunkert junior das beste Pferd in seinem eigenen Stalle darstellte. Übrigens hatte auch er schon Nachkommen. Seine Frau war die bereits mit etwas zu spitzen Knien behaftete Drahtseilkünstlerin.

Wanda hatte geschworen, sie habe mit niemand, durchaus mit niemand in der fahrenden Truppe gesprochen. Paul Haake aber stand es fest, er werde Wanda gefunden haben, wenn er den Zirkus gefunden hätte.

Was dann mit ihm werden sollte, war ihm gleichgültig, oder er dachte gar nicht daran.

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