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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Fünftes Kapitel

Wenn Haake seine Arbeitsperiode hatte, so wurde er zum Arbeitstier. Der Zwang seiner proletarischen Vorfahren, zwölf bis vierzehn Stunden des Tages schuften zu müssen, und die Befähigung dazu hatten sich auf seine Moral und seine eiserne Muskulatur vererbt. Zwar hatte er ein Faktotum in seinem römischen Studio, aber die schwersten Arbeiten, die schwersten Verrichtungen seines Töpfer-, Ofensetzer- und Maurerhandwerks, wie er seine Tätigkeit je nachdem nannte, pflegte er selbst auszuführen. Er stampfte und knetete selbst seinen trockenen Ton, packte und klebte ihn zentnerweise um die Gerüste seiner Statuen, ja, er war auch gelernter Gipsgießer und unterzog sich der Mühsal, seine manchmal recht umfangreichen Tonmodelle selbst abzuformen.

Solange es Tag war, befand sich Haake in seinem Arbeitsraum und war in seiner verbohrten Schweigsamkeit Besuchern, selbst Kollegen aus den Nachbarateliers kaum zugänglich. Sie bewunderten seine bärenhafte, unverwüstliche Arbeitsfähigkeit, und seine Grobheit war gefürchtet. »Halt's Maul, arbeite!« war seine Redensart, wenn ein Kollege ihm durch Maulaffenfeilhalten lästig wurde.

Den ganzen Winter hindurch hatte die Arbeitswut den Bildhauer nicht einen Tag verlassen, und höchstens an einigen Sonntagen und während der Dunkelheit hatte er Zeit, die trotz der durch die Jahrtausende gehenden Zerstörungsraserei noch ungeheuren Kunstschätze Roms zu betrachten. Im Blute wühlte ihm der stündlich zitierte gigantische Dämon Michelangelo, von dem er, das machte ihn glücklich, bei Winckelmann gelesen hatte, daß er unter gewissen Voraussetzungen für einen Neueren nicht unerreichbar sei. Auch Haake pflegte zuweilen, wie Buonarroti, den eigensinnigen Versuch zu machen, bei Kerzenlicht seine Arbeit fortzusetzen, da in den römischen Ateliers elektrisches Licht damals noch nicht vorhanden war.

Drei Dinge besuchte der Bildhauer mindestens einmal in der Woche: die Pietà des Michelangelo in der Peterskirche, diese Magna mater, diese Demeter, die statt ihrer dem Tode verfallenen Tochter einen toten Sohn auf den Knien hält, auch dieser, wie jene, zur Auferstehung bestimmt. Er besuchte den Moses desselben Meisters, er besuchte einen gewissen Heraklischen Torso griechischer Kunst, der eines der schönsten Stücke der Vatikanischen Sammlungen ist. Das waren die Quellen, aus denen er immer neue Kraft, neue Begeisterung holte, ein göttlicher Zustand, den er jedoch nur stumm in seinen Werken aufgehen ließ.

Ein solches pausenloses Roboten, das noch dazu keine den Geist unbeteiligt lassende Taglöhnerarbeit ist, erschöpft natürlich mit der Zeit auch den Widerstandsfähigsten. Haake war eine Stiernatur. Als er es indessen auf diese rastlose Art und Weise fünf Monate lang getrieben hatte, fragte er sich mitunter, wie lange das noch gehen sollte. Zuweilen packte ihn eine zerstörungssüchtige Reizbarkeit. In Rom sind Fälle bekannt geworden, wo Bildhauer in einem der natürlichen Anfälle wiederkehrender Depression den Hammer nahmen und alle ihnen erreichbaren Marmorfiguren, Erzeugnisse ihrer Lebensarbeit, kurz und klein schlugen. Auch Haakes Schöpfungen schwebten zuweilen in dieser Gefahr.

Weiß überhaupt ein Mensch außer einem, der es selber an sich erlebt, über wie viele innere Nöte hinweg Plastiker das Leben ihrer Kunstwerke zu erzwingen haben? Manchmal robotete Haake fort, obgleich sein eigenes Urteil sein Ton- und Steingebilde völlig entwertet hatte. Er arbeitete unter Flüchen fort, so, wie vielleicht seine Vorfahren, die Taglöhner und Hörigen, wenn sie auf ihren Schultern und Rücken die Steinblöcke fühlten, unter denen sie fast zusammenbrachen, und wußten, daß es ihnen trotz der Geißel des Vogtes nicht gelingen werde, sie zur Höhe der Mauer eines Raubnestes hinanzuschleppen.

Kamele, die zu schwer beladen sind, pflegen nicht aufzustehen. Sie bleiben liegen, auch wenn man nun ihre Last erleichtert. Man kann sie halb tot prügeln, ohne daß man ihren Entschluß zu brechen imstande ist. Wenn man sie aber wirklich tötet, so tut man ihnen nicht mehr, als sie wollen und voraussetzen. So wirft der Hörige, der Leibeigene seine Steinlast plötzlich ab, ist befreit, atmet auf und erwartet das Ende. In einer ähnlichen Stimmung kam es vor, daß Haake mit der Landstraße und einem friedlichen Tod hinter der Hecke liebäugelte.

Übrigens war ihm ein Unglück passiert. Eine überlebensgroße Brunnenfigur, die eine schweißbedeckte Tätigkeit von Wochen mühsam errichtet hatte, sank eines Tages vornüber zusammen. Viele Zentner nassen Tons waren an ein zu schwaches, nicht genügend durchdachtes Gestell geklebt. Millionen formender, denkender Augenblicke waren an ihre schön herausgebildeten Flächen vergeudet worden. Als sie kaum merklich zu sinken begann – es war eine Weibfigur, zu der ihm ganz im geheimen Carola Ingeström einige Male Modell gestanden hatte –, als sie kaum merklich zu sinken begann, sprang er mit einem Fluch auf den niedrigen, mächtigen Drehschemel und fing ihren Oberkörper mit seinen Armen auf. Er schrie: »Carola!«, aber niemand hörte ihn. Sein Faktotum war zum Essen gegangen. Selbst seine athletischen Kräfte ließen schließlich nach. Das Antlitz Carolas ward schwerer, lastender, immer drückender. Da wich er – was blieb übrig?! – aus, und einige Zentner amorpher Ton verbanden sich unter einem häßlichen Klatschgeräusch mit dem Zementboden der Werkstätte.

Nun war die Beziehung zu den Ingeströms das freundliche Licht seiner römischen Zeit. Er verehrte Carola und ihre zarte, schlichte Mütterlichkeit. Er verehrte sie, diese Mütterlichkeit, in fast noch zarterer Weise. Das hohe, schlanke, blonde Mädchen, das überflüssige Worte nicht machte und keineswegs, wie etwa Wanda, eine Plaudertasche war, traf damit auf verwandte Eigenschaften des Bildhauers. Es war schon viel, wenn sie ihre schöne, lange, durchsichtig weiße Hand, wie nach der Tonmodellkatastrophe, begütigend auf die Schulter ihres Freundes legte, dessen Stimmung mehr als verdrießlich war. Wie war wohl eigentlich das Einverständnis dieser beiden Menschen zustande gekommen? Ein Vertrag auf Grund irgendeiner Abrede lag nicht vor. Es sah vielmehr aus, als seien Bruder und Schwester, seit der Geburt getrennt, durch eine Schicksalswendung einander begegnet und nach langer Trennung vereint worden. Man war, was man war: was sollte da viel zu reden sein?

Carola, falls sie ihm nicht den Dienst erwies, Modell zu stehen, erschien täglich etwa um zwölf Uhr für einen Augenblick bei dem Bildhauer. Nach der Arbeit, später und später bei zunehmender Helligkeit, pflegte der Meister im Café Aragno seine Tasse Schwarzen zu nehmen und Zeitung zu lesen. Dort wurde er meist von den Damen Ingeström zum Abendessen abgeholt, das man gemeinsam im Restaurant zu sich nahm. Von dort aus, nicht später als etwas nach zehn, zogen sich die Damen in ihr Hotel, Hotel Regina, zurück – sie liebten die großen Prunkkästen nicht –, bis an dessen Pforte sie Haake begleitete. Er ging dann meist noch in die Goldkneipe oder in eine andere, wo ein guter Wein verzapft wurde und er entweder einsam grübeln konnte oder mit dem oder jenem Kunstgenossen in alltäglichem Gespräch ausruhte.

In seinem Atelier war Haake nicht ganz allein. Wann er immer heimkehrte, erwartete ihn eine weiße Katze, die einen schwarzen Kopf hatte und die der Bildhauer Waschi nannte. Beinahe Anstoß erregte bei Carola seine Liebe zu ihr. Zwar packte sie selbst beim Abendessen das Mitbringsel für Waschi sorgfältig in Papier, aber sie wurde doch rot, wenn der breite und so selbstsichere Mann aus irgendeinem Grunde in die eigensinnigste Übertreibung verfiel und Waschi seine einzige Liebe nannte. Da war nichts zu machen, solche Sonderbarkeiten waren bei Künstlernaturen in Kauf zu nehmen. Denn wenn man nun lachte, es bestritt und selbst Mama sich ins Mittel legte, konnte man eine Änderung seiner Behauptung erst recht nicht herbeiführen. Lieber, sagte er, möge er selbst ein Bein brechen, als daß man Waschi auch nur ein Haar krümme. Wer Waschi auf die Pfoten träte, schlüge ihm, Haake selbst, ins Gesicht. Auf so absurde Art ging es dann immer fort, bis sich ein neues Thema einstellte.

Mit dem Edelfräulein Carola als Gelegenheitsmodell kam Haake natürlich nicht aus. Er mußte Berufsmodelle herbeiziehen. Auf der Spanischen Treppe und auch sonst standen sie, Männer, Frauen, Kinder, zur Auswahl bereit. Gegen Carola erlaubte sich Haake wohl nur eine abgemessene, im Rahmen eines Beinahe-Bräutigams erlaubte Zärtlichkeit. Er nahm keinen Anstand, sich anderweitig auszutoben. Dies war bei seiner Natur, seiner Jugend, seiner überschäumenden Körperkraft, seinem Beruf eine Selbstverständlichkeit, mit der er sich von den Kollegen nicht unterschied.

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