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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Viertes Kapitel

Man kam sehr bald auf die Flunkerts zu sprechen. Seltsam, wie nun das ganze Um und An der kleinen Zirkusgesellschaft nur eine heitere Seite bot. Sie hätte in dieses rauchgeschwärzte, feuchte Gewölbe und unter alles, was darin war, recht gut hineingepaßt. Sie hätte auch überhaupt nach Rom gepaßt, in den Schoß dieser Allerweltsbuhlerin, die ja aller Gaukeleien Meisterin ist. Schließlich hatte der große Scurra Tom Billing hier sein Publikum gefunden, man würde auch den kleinen Dummen August, Pudelko, in den Vorstädten weidlich belacht haben. Und was den großen Springer und Trapezkünstler, diesen Schwerenots-Flunkert, betraf, er konnte jeder Konkurrenz standhalten. Die römische Plebs war noch immer das dankbarste Publikum.

In heiterster Weise glossierte der Baron, jetzt Egon Schmidt, seine Beziehungen zur Direktorin. Es gehe ihm nun einmal ähnlich wie einem gewissen Erbprinzen, der auf sein Ländchen verzichtet und eine Riesendame geheiratet habe. Ein gewisses Übergewicht habe es ihm immer angetan. Das Alter, wenn es sich in gewissen Grenzen halte, sei dabei gleichgültig. Unerläßlich schien ihm indes daneben ein bißchen ammoniakhaltiger Stallgeruch. Er sei verloren, wenn etwa gewisse Balkonanlagen die bekannten blauen Tätowierungen zeigten: so war es bei der Direktorin. Daß die Herren bei dergleichen Erörterungen recht derb und zynisch wurden, ist selbstverständlich. Wenn Haake den Geschmack des Barons kopfschüttelnd verurteilte, so zögerte dieser nicht, zum Vergleich den Geschmack an jungem und altem Käse herbeizuziehen, von denen ja jeder gerechtfertigt sei.

»Ich bin eine etwas infantile Natur, behaftet mit allen Schwächen einer solchen. Darum geht meine Liebe immer durch das Mütterliche. Mit einem jungen, unerfahrenen Springinsfeld kann ich nichts anfangen. Die Flunkert ist eine kluge, welterfahrene Frau, die Menschen und Verhältnisse hinreichend kennt, um keine Vorurteile mehr bei sich aufkommen zu lassen. ›Was die Gesetze uns in moralischer Beziehung verbieten wollen‹, habe ich sie sagen hören, ›das sind jene Sprenkel, in denen sich die Drosseln fangen, arme kleine Vögel, die natürlich, wenn sie in der Pfanne schmoren, das Fliegen aufgeben müssen ...‹ Das hindert aber die Drosseln im allgemeinen am Fliegen nicht. Sie sind ja schließlich auch ein Mann ohne Vorurteil, lieber Professor. Wissen Sie, weshalb ich diesen peinlichen Auftritt mit Flunkert junior eigentlich gehabt habe? Warum er so wütend gegen mich war? – Weil es zwischen ihm und der tätowierten Frau Mama auch wohl nicht ganz geheuer ist. Auch gegen den Maskos, der ohne alle Verwandtschaft in der Welt steht, ist sie mütterlich. Sie ist eben einfach auf eine unbeschreibliche Weise, auf eine ganz entzückende Art und Weise, auf eine im höchsten Grade beglückende Art und Weise mütterlich. Ich brauche das. Ich habe das notwendig.«

»Nun, Sie haben ja jetzt die Kirche!« sagte der Bildhauer.

Baron Dagobert von Römerscheid – Egon Schmidt schwieg einen Augenblick und brach dann in Lachen aus: ›Sachte, sachte, lieber Professor! Darüber habe ich mir natürlicherweise vor meinem Schritt volle Gewißheit verschafft. Die Kirche ist nachsichtig, duldsam, langmütig. Nein, meine menschlichen Schwächen und Bedürfnisse leugne ich nicht. Meine Berater wissen, daß ein Mensch ohne Schwächen, ein Sünder ohne seine Sünden nicht auskommen kann. Es hat einen einzigen sündlosen sogenannten Menschen, in Wahrheit einen Gottmenschen, gegeben: Jesus Christ, und der steht so unerreichlich hoch, daß es Frevel wäre, die gleiche Höhe und Reinheit der Tugend auch nur zu erstreben. Da ist es aber eben allein die Gnade, die uns helfen kann. Darum begibt man sich an den Beichtstuhl, legt ein reuiges Geständnis ab und wird absolviert. Erst gestern, wollen Sie es mir glauben, habe ich einen Brief von der herrlichen Frau erhalten!«

Der Bildhauer fragte: »Von welcher herrlichen Frau?«

»Natürlich von Innocentia.«

»Sie haben mir aber noch gar nichts erzählt von Innocentia!«

»Aber wieso? Wir sprachen doch soeben von Innocentia!«

»Ach, um Gottes willen, mich trifft der Schlag! Dieses alte, schnaufende Nilpferd heißt Innocentia?!« sagte mit übertriebenem Staunen der Bildhauer.

»Nein, nein, Herr Haake, so dürfen Sie diese Sache nicht auffassen! Ich protestiere! Nein, durchaus: Sie beleidigen mich! Ich lasse nichts kommen auf diese edle, diese zuverlässige, hilfreiche Frau! Hier ist ihr Brief, ich trage ihn stets auf dem Herzen!«

Haake bemerkte, daß der ihm gewiesene große Brief mit fünf dicken Siegeln gesiegelt war. »Alle Achtung! Hut ab!« waren die Worte, mit denen er seiner verdutzten Verwunderung Ausdruck gab. So etwas war möglich: zwischen diesem Globetrotter und dem verregneten und verfrorenen Lumpengesindel im Schmutz der fernen schlesischen und märkischen Landstraßen bestand aus unsichtbaren Fäden ein Zusammenhang! Warum hatte er selbst eigentlich alle Fäden zerrissen, an einen Briefwechsel nie gedacht?

Haake dachte noch immer versonnen darüber nach, als die Geschwätzigkeit des Barons, über Stock und Stein springend, schon allerlei andere Dinge berührt hatte: wie grotesk es war, daß Flunkert seine täglichen Übungen, seine halsbrecherischen Kunststücke am Trapez machen, seine dressierten Pferde vorführen, Fingal, den kamtschadalischen Löwenhund, um sich kreisen lassen mußte, daß er Wanda-Pipilada und jetzt wohl auch seine Frau täglich aufs Drahtseil jagte, mit dem Possenreißer, Pojaz und Dummen August läppische Konversation trieb, Maskos mit seinem Blech schmettern und wettern ließ, damit ein Nichtsnutz fern in der Ewigen Roma das nötige Geld habe, um es, heidi heida, zu verjubeln. Hier also endete ein Teil der durch saure Arbeit verdienten Groschen zahlloser kleiner Leute, die ihnen wiederum ehrliche, saure, mühselige Arbeit anderer Art aus der Tasche gelockt hatte! Ein Liederjan wurde mit ihnen finanziert, damit er katholisch werden und dabei schlemmen und lumpen konnte.

Haake schien verstimmt. In diesem Augenblick haßte er das nichtsnutzige Schoßkind der Direktorin und war geneigt, einen Ausbund mißbrauchter Güte in ihr zu sehen, wie er denn auch in den wenigen Unterredungen, die er mit ihr gehabt hatte, immer nur ein allgemeines, menschliches Wohlwollen feststellen konnte. Etwas wie tiefe Sympathie und wahre Rührung kam ihn an, wenn er an den ahnungslosen Flunkert und seine Gehilfen dachte, die sich für diesen Schweinehund abrackerten. Diese naiven Menschen waren ungeheuer pflichttreu und arbeitsam. Und wie langsam, langsam mehrte sich, was sie sich am Munde absparten! Einen gefährlichen Funken aber schlug der Gedanke unter seinen Wimpern heraus, daß Wanda, die kleine Wanda, für diese Canaille die Knochen zu Markt tragen sollte.

Der italienische Wein ist schwer. Vielleicht waren die beiden schon beim dritten oder vierten Liter Falerner angelangt. In solchen Fällen trat es bei Haake zuweilen ein, daß er, von einer einzigen Tatsache oder Bemerkung, die ihm mißfallen konnte, gereizt, mit zähem Eigensinn an ihr haftenblieb und, wie in bekannten sowie unbekannten Fällen, schließlich tätlich wurde. Es kam in diesem Falle nicht so weit, da der Bedrohte sich einem solchen Ausgang entzog. Der gefährliche Zustand entwickelte sich auf folgende Weise:

»Sagen Sie mal, Sie haben mir da einen Brief mit fünf Siegeln gezeigt. Ich möchte wissen ...«

Der Baron überhörte, in das Rauchen von Haakes Zigaretten, in sein eigenes Geschwätz vertieft und verliebt, das erste-, das zweitemal diese Anrede. Aber Haake wiederholte mit eigensinniger Zähigkeit:

»Sagen Sie mal, Sie haben mir da einen versiegelten Brief mit fünf Siegeln gezeigt. Ich möchte wissen ...?« Er hob sein Glas, an das der Baron mit dem seinen stieß, weil er annahm, daß man ihm zutrinken wollte.

»Prosit«, sagte er, »lieber Haake!«

»Hören Sie mal, ich bin nicht Ihr lieber Haake! Sagen Sie mir lieber mal, Sie haben mir da einen fünfmal versiegelten Brief gezeigt. Ich möchte wissen ...?«

»Was weiter? Natürlich Pinke-Pinke!«

»Sagen Sie mal, Sie haben mir da einen Brief mit fünf Siegeln gezeigt. Ich möchte wissen, für was für Leistungen ich da ein ...?« Noch unterbrach sich der Bildhauer: »... für was für Leistungen ein solches Ehrenhonorar von Ihnen bezogen wird?«

»Was für Leistungen? Gar keine Leistungen. Hätte ich nicht Mitleid mit ihr, ich könnte dieses Pfundweib wie einen ledernen Geldbeutel umkehren! Ich könnte sie auf den Kopf stellen, und sie würde noch nicht einmal so viel in den Taschen behalten, als sie für eine ihrer dicken Zigarren bezahlen muß!«

»So?! Sie können also das Pfundweib umkehren?« Das Auge Haakes hatte, als er das sagte, etwas Unverwandtes, düster Glotzendes angenommen.

Jetzt merkte der Baron, Kunsthistoriker, Konvertit und diplomatische Geheimemissär, daß es mit Haake nicht mehr ganz richtig war. Er konnte sich an die Schläge erinnern, die Flunkert von Haake und alsdann eines Abends der sogenannte Agent von Renz wiederum von dem Bildhauer bezogen hatte. Trotzdem wiederholte er törichterweise:

»Ja, ich könnte das Pfundweib umkehren!«

»Wie machen Sie das, wenn Sie das Pfundweib umkehren?«

»Wie ich das mache? Kunststück! Lächerlich! Seien Sie doch gescheit, bester Meister Haake, und verderben Sie unsere gemütliche Stimmung nicht!«

»Wie machen Sie das, wenn Sie Pfundweiber umkehren? Und halten Sie das Umkehren von Pfundweibern für ein Geschäft, das eines anständigen Menschen würdig ist?«

Der andere rief:

»Nun hören Sie mal, ich könnte auch Fragen stellen! Wenn Sie mir so kommen ... Lächerlich! Halten Sie es etwa für eines Ehrenmannes würdig, im Straßenschmutz auf der Lauer zu liegen und, die Taschen voll Klopfsteine, die Fenster von Wohnwägen einzuschmeißen?«

»Nein, so weit soll sich ein Mensch nicht gehen lassen. Aber ich sehe nur die Handlung eines zeitweilig Unzurechnungsfähigen darin. Dagegen Pfundweiber umzukehren, wozu Sie übrigens höchstens Lust haben, sonst aber ein viel zu jammervoller, viel zu erbärmlicher Geselle sind, ist etwas ganz anderes als so etwas. Ich habe höchstens mit meinem Gelde die Flunkerts fett gemacht. Sie, Sie lassen sich Schürzengeld bezahlen, von diesen bettelarmen Herumziehern aushalten – jetzt aber hopp, hopp! Sie sind ein Rowdy, der jeden bedreckt, mit dem er am Tische sitzt!«

Der Baron verstand, ergriff die Flucht und blickte selbst dann nicht einen Augenblick zurück, als, erst im Rahmen der Ausgangstür, ein Weinglas an seinem Hinterkopfe zerschellte.

»Es ist ein Kreuz«, dachte Haake, »wie ich doch immer, trotz aller festen Vorsätze, im gegebenen Augenblick nicht an mich zu halten vermag!«

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