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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Drittes Kapitel

So standen die Dinge, als eines Tages im Café Aragno, wo Paul Haake diesmal allein seine Tasse Schwarzen nahm, ein Mensch am Nachbartisch sich erhob und ihn mit großer Freude begrüßte. Haake wußte nicht gleich, wer wohl das geschniegelte Herrchen sein mochte, als er sich ihm, seine Unsicherheit bemerkend, als Baron Dagobert von Römerscheid in Erinnerung brachte.

»Dagobert von Römerscheid?«

»Ja, aber ich will Ihnen gleich sagen, ich lebe hier inkognito. Ich bin hier in einer geheimen Mission und habe mir von Seiten der Regierung einen Paß erwirkt, der auf einen Kunsthistoriker Egon Schmidt lautet. Ich sage Ihnen das, lieber Professor, weil Sie mich unter einem anderen Namen kennen, der mein wahrer Name ist, und weil mir doch einigermaßen daran liegen muß, nicht verraten zu werden.«

»O bitte, bitte, richtig, ja, ich erinnere mich!«

»Erlauben Sie, daß ich ein bißchen bei Ihnen Platz nehme?«

Was sollte Haake dawider tun? Nein, diese Begegnung war ihm nicht angenehm.

»Also, ich heiße Egon Schmidt. Es ist besser, damit Sie es nicht vergessen, Sie haben die Güte und nehmen hier meine Visitenkarte. Es ist übrigens nicht so ohne mit meinen kunstgeschichtlichen Kenntnissen. Sie sind weit über den Durchschnitt hinaus. Ich genieße die hohe Protektion eines Kardinals und werde vornehmen Ausländern sozusagen als Gentleman-Cicerone attachiert. Sie wissen, daß ich fünf Sprachen perfekt und sogar etwas Russisch spreche.

Ich habe hier einen Schritt getan, den mir freilich meine Familie nie verzeihen wird. Nämlich ich habe konvertiert, ich bin zum katholischen Glauben übergetreten. Daher auch meine Verbindung zum Vatikan und meinem Protektor, dem Kardinal. Der nüchterne Protestantismus genügte mir nicht. Was soll man mit diesem laisser-faire, laisser-aller anfangen, wenn man sich an etwas anschließen, an etwas anklammern will? Ich will mich durchaus an etwas anklammern. Ich muß geführt, gelenkt, ermutigt, getröstet und absolviert werden, wenn es nötig ist. Ich muß mich auf etwas stützen können. Auf was aber kann man sich stützen, wenn nicht auf eine Macht, auf eine immer und überall zuverlässige Macht? Die protestantische Kirche ist keine Macht, die katholische Kirche ist eine Macht. Weil Christus arm war unter Menschen, muß deshalb die Kirche, deren Grund- und Eckstein er ist, deren göttlicher Inhalt, König und Kaiser er ist, dürftig, hinfällig, armselig und ohnmächtig sein? Ich will die Glorie Jesu Christi, Herr Professor, nicht aber den Pauperismus dieser mesquinen evangelischen Betstundenfrömmigkeit.

Sehen Sie, nicht nur meine Familie, die Welt hat mich vielfach mißverstanden und verfolgt. Obgleich ich so viele Sprachen spreche, Kenntnisse und Erfahrungen genug habe, um drei Lehrstühle an deutschen Universitäten über und über damit auszustatten, dichtet mir meine Familie Unzurechnungsfähigkeit und Schwachsinn an, und der Geistliche unseres Patronats nahm mich weder als Christ noch sonstwie für voll. Hier in Rom werde ich durch diese allmächtige Kirche sofort für voll genommen. Um mich elenden Menschen zu gewinnen, hat sich ein Jesuitenpriester monatelang, und zwar täglich, innig bemüht. Ich habe den Zugang zu Kardinälen, zu Bischöfen. Ich habe vor dem Heiligen Stuhl gekniet und den Fuß des Heiligen Vaters küssen dürfen. Denken Sie, was es bedeutet, und wie es einen durchrieseln und erheben muß, wenn man aus diesem heiligen Munde die Worte hört: Mein Sohn! Und ob ich Urkunden gefälscht, Perlenketten und Juwelen aus der Kassette meiner Mutter entwendet hätte, der Papst, der Vertreter Gottes auf Erden, würde mich nichtsdestoweniger seinen Sohn nennen! Hätte ich Einbrüche, Überfälle, ja Morde begangen, er würde zu mir sagen: Mein Sohn!«

Der einstige, vielleicht nur so genannte Baron, jetzt Egon Schmidt, hatte sich nicht nur im Namen, sondern auch sonst verändert. Auf gute Kleidung und saubere Wäsche hatte er immer nach Kräften gehalten. Seine Art aber und sein Wesen waren erregter und belebter geworden, ähnlich der eines Wasservogels, den man zuletzt auf einem stehenden Wassertümpel bei stehender Luft erblickt und der nun auf einen freien, großen, schnell fließenden Strom geraten ist, mit dem er schwimmt und flattert, während stromauf, vom Meere her, frische Luftwellen ihm entgegenschlagen. Was er sagte, war schließlich nicht uninteressant, und so nahm es Haake gefangen. Er vergaß darüber, was ihm anfangs besonders peinlich war, daß er in diesem Menschen einen Zeugen seiner tiefsten Erniedrigungen vor sich hatte.

Seine Gegenwart blieb ihm trotzdem fatal, und er fragte sich jetzt, ob es gut wäre, wenn er mit ihm gesehen würde. Er schlug deshalb vor, das Lokal zu wechseln, obgleich er oder gerade weil er jeden Augenblick den Eintritt der Damen Ingeström befürchtete, mit denen er verabredet war. Der Vorschlag, ein behagliches Kneipchen aufzusuchen, das Zahlen und Verlassen des prismenglitzernden, von den Geräuschen des Servierens klimperklirrenden Cafés geschah so hastig und fluchtartig, daß es jeden anderen als diesen fahrigen jungen Abenteurer befremdet hätte.

Der Bildhauer atmete auf, als er, im Menschengedränge des erleuchteten Korsos untertauchend, ungesehen bemerken konnte, wie die Damen, in Begleitung des Herrn von Saintpierre, hinter der Tür des Cafés verschwanden. Lieber wollte er sie versetzen, wie man in solchen Fällen sagt, und für sein Fernbleiben eine plausible Lüge erfinden als gezwungen sein, sie mit diesem zweifelhaften Ehrenmann bekanntzumachen.

Gab es etwa noch andere Gründe, die seinen Entschluß beeinflußten?

Jedenfalls stellten sich solche ein, als Haake mit dem sogenannten Baron einer abgelegenen Kneipe allereinfachster Art zupilgerte. Er sagte sich, ich will diesen Menschen nicht wiedersehen, aber ich will ihn auch nicht von mir lassen, ohne ihn einmal über die versunkene, so verhängnisschwere Zeit, die wir beinahe gemeinsam durchlebt haben, gründlich auszupumpen. Es werden Stunden des Gegenwärtigmachens von Umständen sein, deren Gefährlichkeit den Reiz der Betrachtung aus sicherer Ferne erhöhen wird. Wenn ich die Gesellschaft der Damen, das gewohnte Souper mit ihnen heute einmal aufgebe, so ist das bedeutungslos und leicht vor ihnen und mir zu entschuldigen, da es sich nicht aus dem gleichen Grunde wiederholen wird. Ich habe ja auch die Pflicht, diesen Burschen von ihnen fernzuhalten, und eine andere Möglichkeit, ihn auf gute Art loszuwerden, gibt es nicht.

Fünf oder sechs riesenhafte Fässer in einem Steingewölbe, vor ihnen einige leidlich gescheuerte Tische und Schemel: das war die hie und da von deutschen Künstlern besuchte sogenannte Goldkneipe. Hier verzehrte Haake in den ersten Monaten seines römischen Aufenthaltes gewöhnlich sein Abendbrot. Es war Brauch, es vorher anderswo einzukaufen und sich hier nur mit Teller, Besteck, Brot und Wein versorgen zu lassen. Auch heute hatte der Bildhauer in einem Commestibili-Laden Salami, Schinken, Mortadella da Bologna und einige Käsearten, nicht zu vergessen Oliven, eingekauft, als er es sich mit seinem Gaste an einem der Tische des Lokals bequem machte.

In dieser Umgebung war die Wirkung des Abenteurers auf den Bildhauer weniger peinlich und weniger fremdartig. Und durch den Lichterglanz und das Gesumm des Großstadtcafés nicht mehr behindert, trat auch die kleine, verhältnismäßig farblose Welt des nordischen Vagantendaseins deutlicher in die Erinnerung. Warum fühle ich eigentlich ein Behagen, fragte sich der Bildhauer, in dem Gedanken, einen ganzen Abend mit diesem Schuft vor mir zu haben? Warum ist mir plötzlich so diebisch-vergnügt zumute wie einem Jungen, der hinter die Schule gegangen ist? Warum freue ich mich, wenn ich sehe, wie dem anderen ebenso wohl um den Magen wird? Wie wundervoll diese schlichten Arbeiter, die da und dort an den Tischen sitzen, teils allein, teils mit Weib und Kind, ihr wohlverdientes Nachtmahl verzehrend! Was einen hier überkommt, ist das Gefühl einer schlichten, einer klassischen Daseinsform. Menschliche Menschen ringsherum mit dem Anstand und Takt von Königen? Nein, denn das würde voraussetzen, daß alle Könige den Anstand und Takt, die Menschlichkeit solcher Arbeiter hätten.

Den ganzen Abend verließen Haake, wovon auch immer die Rede war, solche und ähnliche Gedanken nicht. Er hatte sie immer gedacht, sie hatten ihm immer wohlgetan, sooft er nach schwerer Arbeit sich vor diesen Weinfässern abends niedergelassen hatte, in dem spritigen Dunst dieses Raumes, wo er, außer unter den deutschen Künstlern hie und da, einen Betrunkenen nie erblickt hatte. Gehörte er nicht vielleicht doch hierher, wo der Mensch sich noch nicht, wie in der oberen Gesellschaftsschichte, durch Behängung mit Tand, Flitter und Maskierungen Leibes und der Seele belastet und bis zur Unkenntlichkeit gefälscht hatte? Seltsam, sogar die Scheu, die Verachtung und damit der Abstand, der ihn von dem Abenteurer getrennt hatte, fielen fort. Er verkehrte mit ihm wie der Mensch mit dem Menschen. Es war ihm lieb, zu sehen, wie alles gemachte Wesen von ihm wich und wie er sich, genau wie früher, ganz ungeniert über den Zigarettenbestand des Bildhauers hermachte. Die Scheinwelt, die Welt der Überflüssigkeiten, wie er meinte, zu der ja schließlich auch die schönen Künste gehörten, lag wieder einmal hinter ihm.

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