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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Zweites Kapitel

Schließlich gelangte Paul Haake nach Florenz, er gelangte nach Rom. In Florenz besuchten die Freunde den großen Bildhauer Adolf Hildebrand, dessen Grundsätze jedoch Paul Haake sich nicht zu eigen machen konnte. Zwar las er manchmal im Winckelmann und verehrte die Denkmäler griechischer Kunst, aber seine Bildnerschaft hatte, man könnte sagen, eine rohe Ursprünglichkeit, die sich als michelangeleske Größe mißverstand. Maack verstärkte dies Mißverständnis. Die Sagrestia nuova mit den Werken des erhabenen Demiurgen in Marmor wurde in Ehrfurcht besucht, das Haus des Meisters wurde besucht, und die Freunde hatten nach reichlichem Chiantigenuß die erhabensten Träume, in denen der alte Mann mit dem eingeschlagenen Nasenbein, Michelangelo, erschien und sie selbst sowie ihre Unternehmungen guthieß und segnete. Hinwiederum blieb Paul Haake mitunter plötzlich, etwa auf der Viale dei Colli, wo man den herrlichen Blick über die Stadt genießt, wie angegossen stehen, verwirrte und verwickelte sich in unverständliche Sätze während der Erörterung irgendeiner Kunstfrage, so daß Willi Maack nicht wußte, was mit ihm geschehen war. Das Geschehnis war innerlich. Der Bildhauer hatte einen schlanken Menschen mit gewichstem Schnurrbart in enganschließendem rosafarbenem Trikot erblickt, wie er sich lachend auf einem Trapez schaukelte, dessen Leinen sich in dem glücklichen Himmel Italiens verloren. –

In Rom wurden die empfänglichen Sinne und Seelen der Künstler noch stärker hingenommen. Haake bezog sogleich sein Atelier in der Villa Strohl-Fern. Den Arbeitsraum umgab ein herrlicher Garten auf einem der sieben Hügel, dem Monte Pincio, von dem aus man die Ewige Stadt mit der Peterskuppel unter sich sah. Nun mußten denn doch die mit schlechtem Wetter, Straßenkot und Straßenstaub, mit Stallgeruch und Wagenschmiere, verlausten Bierfilzen, Dünsten von Schnaps und Lagerbier, schmutziger Bettwäsche verbundenen heimatlichen Eindrücke einigermaßen zurücktreten. Aber auch hier meldete sich mitunter jählings die Sehnsucht danach, die sich durch das natürliche Gefühl des Heimwehs sogar verstärkt hatte.

Nach Verlauf eines Monats aber erklärte Haake, er begreife nicht, wie man als Künstler woanders als in Rom zu leben vermöchte. Der Plastiker, sagte er, befinde sich außerhalb Italiens geradezu in einem Zustand der Ausgeschlossenheit. Daran änderten auch in Deutschland etwa die hie und da aufgesammelten Kunstwerke nichts, die man nach und nach über die Alpen geschafft habe. Hier in Rom atme man in der Atmosphäre der bildenden Kunst, wenn auch eine neuere italienische Bildhauerei nicht vorhanden sei. Der Atem der Kirche, der Atem des Altertums, in ihr aufgegangen, sei pure Belebung, pure Nahrung für den künstlerischen Schöpfergeist. Nur um Aufträge einzuheimsen und etwa das fertige Werk aufzustellen, werde er noch in Deutschland zu sehen sein.

Später konnte er sehen, wie dieses Hockenbleiben in Rom eigentlich keinem deutschen Künstler recht bekam. Da waren Kollegen, die ein halbes Jahrhundert in der Ewigen Stadt versessen und nichts anderes erreicht hatten, als daß sie die Größenempfindung, welche ihnen die Ewige Stadt einflößte, auf sich und ihre Kunst bezogen, die entweder nie vorhanden gewesen oder im Sybaritismus des Kunstgesprächs hinter der Chiantiflasche untergegangen war.

Eines Tages besuchte die Ateliers in der Villa Strohl-Fern eine Frau Ingeström mit zwei schönen Töchtern. Meister Haake, den man ihr als einen aufgehenden Stern am Himmel deutscher Kunst gerühmt hatte, und seine Arbeiten gefielen ihr. Sie besprach mit ihm ein Grabmal für ihren verstorbenen Mann und ließ eine Büste der ältesten Tochter für ihren Bräutigam modellieren. Zwischen der jüngeren, die meist den Sitzungen beiwohnte, Carola Ingeström, und dem Meister bahnte sich mehr und mehr eine wärmere Beziehung an, die schließlich zu einem geheimen Einverständnis der beiden führte. Die Familie war schwedisch. Die junge Dame sprach Deutsch und Schwedisch mit gleicher Ungezwungenheit. Sie war jung, wohlerzogen, reizvoll und verständig, hatte Erfahrungen in Ateliers und im Umgang mit Malkasten und mit Staffelei.

Frau Ingeström war eine aufgeklärte Frau, und wo sie es nicht gewesen wäre, hätte sie, als Mitglied eines kunstliebenden Hauses, den Adel des Künstlers neben dem Geburtsadel anerkannt. Ohne etwas dafür und dagegen zu reden, ließ es deshalb die noch immer schöne, hochgewachsene Dame zu, wenn man öfter und öfter Carola und Meister Haake zusammen sah, ja, schließlich wurde sie selbst samt den Töchtern in den Museen, Restaurants und Cafés fast nur noch in seiner Begleitung gesichtet.

Als Willi Maack, um sich vom Fortgang der Arbeiten Haakes zu überzeugen, etwa Anfang März in Rom für kurze Zeit auftauchte, wurde er den drei Damen vorgestellt und konnte seinem Freunde von ganzem Herzen zu dem geradezu unerhörten Schwein, das er hatte, gratulieren. Was er alsdann aus verschiedenen Quellen über die Familie Ingeström erfuhr, schien ihm das Glück seines Freundes ins Märchenhafte zu steigern. Sie besaß einen Reichtum an Ländereien und Fabrikbetrieben, der, selbst wenn er in drei Teile zerfiel, dem einzelnen Teilhaber keine Beschränkungen auferlegte. Erstaunlich zu sehen, welchen fast unbedingten Einfluß der untersetzte, breitschultrige Paul Haake auf Mutter und Töchter ausübte. Und auch als der junge Marquis Saintpierre, Deutscher aus einer französischen Flüchtlingsfamilie und Bräutigam der älteren Schwester, erschien, ein junger Mensch von leidenschaftlicher Kunstliebe, blieb diese Sachlage unberührt. Das Auge der Frau Ingeström ruhte mit Wohlgefallen auf diesem volkstümlich breiten, vierschrötig zuverlässigen Mann, der wahrscheinlich ganz der Rechte war, um den gestürzten Pfeiler des Hauses, den verstorbenen Gatten, in allen praktischen Anliegen zu ersetzen. Die Zufriedenheit Willi Maacks, der den Neid in bezug auf Paul Haake nicht kannte, war vollkommen: seine Konsolidierung als Mensch und Mann, seine Entwicklung als Bildhauer, sein Eintritt in diese alte Familie gingen sogar über das hinaus, was Willi je für den Freund gewünscht und erhofft hatte.

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