Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
Schließen

Navigation:

Zweiundzwanzigstes Kapitel

»Kommen Sie!« sagte Wanda hastig zu Maack, nachdem der Kunstreiter sich in den Wagen, wie der Hund in die Hütte, verkrochen hatte. Sie ging ins Innere des Zeltes voran, wohin er ihr widerwillig folgte, von allem, was vorging, abgestoßen. Er war erstaunt, wie ganz anders und, von dem Gelärm des undurchsichtigen Prinzipals unberührt, ihre Tonart einsetzte.

»Lassen Sie sich nicht stören, Euer Gnaden!« rief ein Mensch, der, während er rief, im grotesken Frackkostüm des Dummen August in der Manege Salti mortali übte und Räder schlug: »Keine Angst! Keine Angst! Wünsche wohl zu schnäbeln!« – Die kurze Shagpfeife ging dem Burschen bei seiner Arbeit nicht einmal aus.

»Wir wollen uns hier ein bißchen hinsetzen!« sagte Wanda. Ihre zarten Ärmchen waren bloß. Maack sah nun wieder die feinen Gesichtszüge, das dunkle Auge, das schwere, schwarze, gelöste Haar, kurz, den ganzen bleichen, lemurischen Reiz, den er von früher her kannte.

»Ich weiß, Sie sind Haakes Freund, Herr Maack. Um seinet- und meinetwillen gesagt: Sie müssen ihn mir vom Halse halten. Ich gehe nun einmal nicht mit ihm. Schon das Modellstehen ist mir widerlich. Aber auch wenn ich seine Frau werde: ich kann nicht! er ist nicht der Mann für mich! Ich kann solche Schwerblüter, solche Kaltblüter, solche lastenden, solche unbeholfenen Männer nicht aushalten. Aber nun gar nach dem, wie er sich jetzt gezeigt hat, was er jetzt geworden oder was aus ihm geworden ist – ich kann doch keinen gemeinen Säufer, keinen Landstreicher heiraten. Er hat mir ja erzählt, daß er schon als Handwerksbursche einige Male beinahe unter die Räder gekommen ist. Er hat in Asylen herumgelegen und seine Finger sogar einige Male in schlimmen Sachen gehabt! Es dauert nicht lange, wenn es so weitergeht, und, meiner Seele, er endet im Zuchthaus, falls er nicht hinter der Hecke krepiert. Sicher, ich habe etwas übrig für Paul. Er hat sich mir auch mal als ein anständiger Mensch gezeigt. Was er an mir getan hat, war sehr anständig. Anständig mag er im Grunde sein. Aber was nutzt das, er kann ja durchaus keinen Pfennig Geld halten. Er schmeißt ja das schöne Geld förmlich mit Scheffeln zum Fenster hinaus. Er wird mich aus meinem Berufe herausreißen, und wir werden dann – noch was! – die Leute auf der Landstraße um Groschen für Fusel anbetteln. Das kann mir wahrhaftig niemand zumuten. Wenn Sie glauben, daß ich zu schwarz sehe, überzeugen Sie sich! Sie werden ihn, wenn Sie weitersuchen, in irgendeiner Schenke der Umgegend total vertiert hinterm Schnapsglase finden. Dann kommen Sie wieder, wenn Sie das Herz haben, Herr Maack, und raten Sie mir, einen solchen Menschen zu heiraten!«

Als sie das gesagt hatte, lief sie, wie um alles Weitere abzuschneiden, davon.

Was sie vorgebracht hatte, benahm übrigens Willi Maack jeden Wunsch, weiter in sie zu dringen, ganz einfach, weil er ihre Art, den Fall zu betrachten, als gerechtfertigt anerkannte. Er wandte sich also an den Clown, weil er möglicherweise von ihm eine Auskunft erhalten konnte, wo und wie etwa der betrunkene Bildhauer auszumitteln sei.

»Tun Sie ein gutes Werk, Herr großer Architekt! Tun Sie ein gutes Werk, Herr großer Herr, und kaufen Sie uns diesen Galgenvogel ab! Wir geben ihn unbesehen hin. Mit einem Bahnbillett vierter Klasse in jedes beliebige Trinkerasyl, jede beliebige Irrenanstalt! Sollten Sie es nicht fertigkriegen, daß er heut oder morgen aus dieser Gegend verduftet, so sitzt er übermorgen im Arbeitshaus!«

Nach alledem nannte der Clown, der Pudelko war, einige gemeine Schenken, wo man den Trinker vielleicht antreffen konnte.

Willi Maack befand sich in einem Alter, in dem man eine Aufgabe, wie sie ihm bevorstand, herzhaft, und ohne sie allzu tragisch zu nehmen, anzugreifen in der Lage ist. Auch hegte er keinen Zweifel, daß sich die edleren Kräfte und Eigenschaften seines Freundes sehr bald wieder beleben und durchsetzen würden. Er brauchte den Künstler für seine Bauten. Er hatte Dinge mit ihm vor, von denen er glaubte, er könne sie nicht ohne ihn durchführen. Und da er, im Bewußtsein eigener Willenskraft, der Schwäche des Freundes gegenüber Gewalt zu brauchen imstande war, schien ihm auch der gute Erfolg gewährleistet.

Er suchte also und fand den Bildhauer noch am Abend des gleichen Tages, wie er schreiend, lallend und grunzend in einer gemeinen Schenke hinter seiner Schnapsflasche saß. Wie ein Gespenst stierte Haake ihn an, als er ihn bemerkte. Mit einer Bewegung seiner Hand hatte Willi Glas und Flasche vom Tisch gefegt, bezahlte alsdann gelassen die Zeche, das zerschlagene Glas mit inbegriffen, fuhr Haake mit Kommandostimme an, drohte dem Wirt mit einer Anzeige und duldete keinen Widerspruch, weder von ihm noch von seinem Freunde, der das Bild einer schweren Vergiftung bot: ein Gesicht wie Kalk, eine stechende Leere im Blick, große Schweißperlen auf der Stirn.

Und Haake, dessen Krakeelerstimme der junge Baumeister schon auf der Straße erkannt hatte, begriff auf einmal, daß sein Retter gekommen war, und ließ sich willenlos von ihm abführen.

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.