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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Einundzwanzigstes Kapitel

»Was wollen Sie wissen? Nach wem fragen Sie? Mir wird das nun bald zu dumm, verstehen Sie mich? Erst fragen Sie nach dem versoffenen Hunde da, der mich nichts angeht! Dann fragen Sie nach der Wanda Schiebelhut, die Sie nichts angeht! Was wollt ihr von der Wanda Schiebelhut? Was wollt ihr von mir? Versteht ihr mich? Ich zahle meine Gewerbesteuer. Wenn das so weitergeht, schicke ich zur Polizei. Dieser Hund kommt her, kommt her und brüllt, er will sie heraushaben! Sinnlos betrunken wie ein Stier! Brüllt und schmeißt mir mit einem Steine die Scheiben ein! Wen und was soll man einem solchen lausigen Schnapsbruder verfluchten herausgeben?! Ich werde ihm doch nicht mein Mitglied ausliefern?! Eher haue ich ihm mit dem Peitschenstiel über den Deez, bis er im Dreck liegt und das Aufstehen vergessen tut!«

»Hören Sie, mit wem reden Sie eigentlich?« fragte Maack, als sich der Wortvorrat des Kunstreiters zu erschöpfen begann.

»Das ist mir egal, mit wem ich rede! Und wenn Sie der Bürgermeister von Breslau sind oder der Polizeipräsident von Berlin! Mein Gewissen ist rein. Ich habe meinen Vertrag mit dem Mädel, und dieser verdammte, geile, verhurte Stukkateur ...«

»Wen nennen Sie so, möchte ich mir erlauben zu fragen? Und von wem reden Sie eigentlich in diesem ungeschliffenen Tone, Herr Zirkusdirektor? Wer sollte vor Ihren Wagen gekommen sein, Schimpfreden in trunkenem Zustand ausgestoßen haben und schließlich mit Steinwürfen gegen Sie vorgegangen sein? Werden Sie das vielleicht auch von mir erzählen, Herr Zirkusdirektor, wenn ich gegangen bin?«

»Von wem ich rede? und wer mir die Fenster eingeschmissen hat? Haake hat mir die Fenster eingeschmissen! Kommen Sie mal her, Maskos! Hier mein Musikdirektor Maskos hat ihn mit vieler Mühe überredet, es doch nicht zum Äußersten kommen zu lassen. Maskos, haben Sie ihn nicht abgeführt?«

»Ja, ich habe ihn in einem höchst bedauernswürdigen Zustand abgeführt. Ich wollte ihn in sein Gasthaus bringen. Gestern abend war das, in der Dunkelheit. Aber kurz vor dem Gartentor riß er aus.«

»Nun, das ist eben dann wieder einer seiner scheußlichen Anfälle, seiner schrecklichen Rückfälle, besser gesagt!« erklärte Maack, indem er sorgenvoll den Hut lüftete und mit seinem Taschentuch über die Stirne strich. »Aber es handelt sich hier um einen außergewöhnlichen Menschen und Mann, der schon etwas erlebt haben muß, wenn es so weit mit ihm gekommen ist.«

Maskos sagte mit breitem Grinsen, wobei er Maack aus kleinen Äugelchen anblickte: »Natürlich, die Liebe hat ihn aus dem Lot gebracht.«

»Nein, da muß wohl schon noch was anderes mitsprechen. Wenn ein Mensch wie Haake bis zu solch einem scheußlichen Grade herunterkommen kann, daß er alte Möbelwägen oder – Verzeihung! – Wohnwägen mit Steinen bombardiert, da ist nicht alleine die Liebe im Spiele. Aber das lasse ich jetzt auf sich beruhen. Ich habe Sie also nur noch zu fragen, Herr Zirkusdirektor, ob das Fräulein Wanda zugegen ist oder wo ich sie finden kann? Oder ob Sie die Dame dermaßen unter Verschluß halten, daß eine Unterredung mit ihr nicht möglich ist. Sie kennt mich: Willi Maack. Ich bin Baumeister.«

»Machen Sie, was Sie wollen, das geht mich nichts an! Sprechen Sie, mit wem Sie wollen, wenn Sie lustig sind! Aber ich bin kein Gelegenheitsmacher! Wo die Wanda ist, weiß ich nicht. Ob die Wanda hier oder woanders ist! Mag sie tun, was sie will! Mag sie sein, wo sie will: ich bin für das Mädel nicht verantwortlich! Meinen Sie etwa, ich hätte nichts Besseres zu tun, als einem Weibsbilde nachzulaufen?«

»Der kleine Junge in der ›Kaiserkrone‹ sagt, das Taufessen Ihres Söhnchens, wenn Sie Herr Flunkert sind, wäre von dem Gelde des Mannes bestritten worden, über den Sie sich jetzt so entrüstet auslassen. Darf ich fragen, ob der Junge gelogen hat?«

»Was? Was? Was?« schrie Flunkert verdutzt. »Da sieht man's ... Man ist dazwischengetreten, man ist dem Vater in den Arm gefallen, als er diesen Bengel verdroschen hat. Hätte er ihn doch totgeschlagen! Halbtot war der Lümmel ja schon! Ich danke dafür! Mir bezahlt man kein Taufessen. Der eine hat das, der andere jenes mitgebracht ...«

Unbeirrt fuhr der Baumeister fort: »Hat der Junge gelogen, wenn er erzählt, es sei zuletzt zwischen Ihnen und Haake ein Streit ausgebrochen? Der Bildhauer habe die Entlassung Wandas verlangt, weil ihm die Freigabe unmittelbar nach dem Wochenbett Ihrer Frau von Ihnen auf das bestimmteste zugesagt worden ist? Und das hätten Sie wiederum bestritten?«

Das war zu viel. Flunkert rannte davon, als wäre er tätlich beleidigt worden und suche nun blindlings sein Gewehr, um den Beleidiger niederzuknallen, wobei er jedoch immer wieder nach Wanda rief.

Was sind das alles für Sachen! dachte sich Maack. Er war von Flunkert im ganzen und einzelnen angewidert, allein schon von seiner geschraubten Sprechweise und seinem Organ, das sich, an einem tief im Halse steckenden Kloß vorbei, mehr oder weniger heiser Luft machte. Also nun sollte er Wanda mit Augen sehen, die er aus dem Atelier seines Freundes Haake kannte, das, mit einem Kanonenofen überheizt, sie tagsüber nie anders als in der Bekleidung einer Eva vor dem Sündenfall gesehen und beherbergt hatte. Man konnte da schon begreifen, welchen betörenden Einfluß auf eine Künstlerseele sie gewann.

Wanda schien nicht da zu sein. Auch das Wäschermädel, das, einen langen, nassen Strumpf in der Hand, vom Waschfaß weg nach ihr hatte suchen helfen, blickte sich überall in der Runde um, zuckte die Achsel und gab es auf, wie es schien, sie zu finden. Warum macht, denkt Willi, der Kunstreiter diesen kleinen Fratzen für den Mißerfolg verantwortlich, als er sieht, wie jener das Mädchen von rückwärts unsanft bei den Schultern packt und ihm entgegen vorwärts stößt: »Da, macht und tratscht und klatscht und quatscht nach Herzenslust miteinander! Sage dem Herrn, was der Stukkateur für ein Engel und Flunkert für eine Canaille ist! Habe ich dich nicht mit Wäscheleinen am Bettpfosten festgebunden? Habe ich nicht ...?«

In einer plötzlichen Überraschung sperrte der junge Baumeister wirklich Mund und Nase auf, als sich das ihm wohlbekannte Modell aus dem Wäschermädel herauslöste.

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