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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Zwanzigstes Kapitel

Nachdem der Architekt Willi Maack in Breslau drei Wochen vergeblich auf die Rückkehr seines Freundes Haake gewartet hatte, beauftragte er ein Detektivbüro, dem er alle ihm möglichen Hinweise gab, seinen Aufenthalt zu erkunden und Nachrichten über sein Leben einzuziehen.

Er hatte gewichtige Gründe dazu.

Erstlich war er mit Haake nach Gleiwitz gereist, wo man ihn, nicht nur nach seiner Tüchtigkeit, sondern auch als Sohn eines alten Breslauer Patrizierhauses kannte, und hatte ihm beim Oberbürgermeister jenen Vorschuß ausgewirkt, mit dem er, wie sich Willi Maack ausdrückte, auf die Freite gegangen war. Für die richtige Verwendung oder aber die Rückgabe der erhaltenen Summe fühlte Maack sich verantwortlich. Er war aber keineswegs reich genug, um sie im Notfalle, wenn es etwa sein Ruf verlangen würde, sie zurückzugeben, obenhin verschmerzen zu können. Bei weitem wichtiger war ihm aber, wie gesagt werden muß, die Rettung eines Menschen, eines großen Talentes, eines Genies, wie er meinte, an dessen Entfaltung er mit leidenschaftlicher Erwartung beteiligt war. Natürlich ist eine solche Erwartung, verbunden mit einem Glauben dieser Art, auf Neigung, ja auf Liebe begründet.

Das Schreiben des Detektivbüros – Willi Maack erhielt es, nachdem etwa eine Woche vergangen war – lautete merkwürdig. Die Nachricht, Haake reise einer kleinen Zirkusgesellschaft nach und verprasse sein Geld mit einer Drahtseilkünstlerin, war natürlich das, was Maack mit Bestimmtheit vorausgesetzt hatte. Aber der Vertrauensmann, den das Büro zur Erforschung des Tatbestandes verwendet hatte, machte eine erhebliche Rechnung auf, weit über das Honorar, das in solchen Fällen üblich ist. Er beanspruchte Schmerzensgeld. Ärztliche Atteste, deren Abschrift der Auskunft beigelegt waren, stellten außer allen Zweifel, daß ihm das Nasenbein zerschlagen worden war. Die Nüstern Willis blähten sich. Aber trotzdem ihm der Schreck in die Glieder fuhr, weil solche Dinge mitunter nicht wenig Geld kosten, und ihn der Zorn darüber, was alles für Scherereien dieser Kerl, der Haake, einem machen konnte, übermannen wollte, brach er plötzlich in schallendes Gelächter aus. Da hatte dieser verfluchte Hund wieder seinen Raptus gekriegt! Es steckte doch Saft und Kraft in dem Kerle!

Um sich an sein Opfer heranzupirschen, hieß es, habe sich der Vertrauensmann als Agent für Zirkussachen geriert, sei mit Haake ins Gespräch gekommen und aus irgendeinem unerfindlichen Grunde von ihm auf obige Weise mißhandelt worden. Er werde sich natürlich an den Bildhauer halten, falls der Auftraggeber es wünsche und nicht vorzöge, die Angelegenheit von sich aus und in der Stille aus der Welt zu schaffen. Das hat Zeit! dachte Willi. Nun wollen wir erst mal persönlich nach dem Rechten sehn.

Der Zirkus Flunkert, hieß es, befinde sich augenblicklich in Erkner bei Berlin, wo auch der junge Architekt wenige Tage darauf anlangte. Diesmal wollte er keinen Spaß verstehen und Haake auf eine Weise ohne Handschuhe anpacken, ihn dermaßen schütteln und aufrütteln, daß er sich wenigstens nicht mehr darüber täuschen könne, was die Uhr geschlagen habe. Er fragte nach einem Gasthof. Da man ihm aber keinen zu nennen wußte, beschloß Willi Maack, sein Gepäck auf dem Bahnhof zurückzulassen. Jetzt nannte man ihm einen neuen Gasthof Zur Kaiserkrone, den man aber mit so vielen geringschätzigen Glossen bedachte, daß der Reisende seinen Entschluß nicht änderte. Er fand den gesuchten Zirkus ziemlich verregnet auf einem Gelände zwischen den letzten Häusern des Ortes und dem Rande des Kiefernforstes, der viele Hunderte von Quadratkilometern weit den märkischen Sand überzieht. Ein nicht allzu großes Zelt war aufgeschlagen, dessen Leinwand der Wind zerzauste.

Der Architekt wurde von einem Menschen, der unter dem Zelt die gelehrten Schindmähren striegelte, in den Wagen geleitet, wo ihn eine noch immer weiblich wirkende, sehr gewichtige ältliche Dame mit einer dicken Zigarre im Munde empfing. Sie sagte, sie sei Frau Direktor Flunkert, nachdem sie nach den Wünschen des Besuchers gefragt hatte.

»Ich bin der Freund des Professors Paul Haake, und man sagt mir, daß er aus bestimmten Gründen immer in der Nähe des Zirkus Flunkert ist. Ich habe hier geschäftlich zu tun, und als ich Ihre Plakate las, war mir das zufällige Zusammentreffen mit Ihrem Institut ein willkommener Anlaß, ihn aufzusuchen.«

»Bitte, nehmen Sie Platz!« sagte die Witwe.

Das war nicht ganz leicht, doch da stand ein Schemel, der etwas quietschte, aber doch hielt, als er sich darauf niederließ.

»Sie werden begreifen, mein Herr«, sagte sie, nachdem sie durch Beendigung einer kleinen Addition Zeit zur Überlegung gewonnen hatte, »Sie werden begreifen, daß ich Ihnen höchstens, allerhöchstens einen allgemeinen Wink zu geben imstande bin, wo sich Professor Haake möglicherweise befindet. Es sind natürlich immer allerhand Leute um unseren kleinen Zirkus herum, die wir sehen und dann wieder nicht sehen und deren Lebensweise, Kommen und Gehen uns weiter nicht interessieren kann.«

»Natürlich, natürlich!« bestätigte Willi, »aber Sie kennen den Herrn, das ist ja die Hauptsache. Wenn Sie mir also nur sagen wollen, wo der Kerle geblieben ist.«

Sie wüßte nicht, wo er geblieben wäre. Vor drei oder vier Tagen sei sie ihm bei einer gewissen Gelegenheit begegnet, sagte sie. Seitdem habe sie ihn nicht wieder gesehen.

»Was war das für eine Gelegenheit?«

Sie wollte nicht mit der Sprache heraus. Die Gelegenheit, sagte sie, sei schließlich gleichgültig. Aber wenn er sie wissen wolle – es gäbe einen Gasthof Zur Kaiserkrone im Ort, und dort träfe man eben zuweilen Menschen. Als sie die »Kaiserkrone« genannt hatte, ging ein kleiner Ruck des Besinnens über ihr Gesicht, und die dicke, saubergepflegte Patsche machte eine unwillkürliche Bewegung nach der Stirn, wie wenn sie etwas Dummes gesagt hätte. Es gehörte nicht viel dazu, um zu spüren, daß irgend etwas Besonderes zwischen dem Zirkus, Meister Haake und der »Kaiserkrone« im Spiele war.

»Sie wissen nicht, wo Herr Haake wohnt?«

Er hatte mehrmals die Wohnung gewechselt. Sie konnte nicht sagen, wo er zuletzt untergekommen sei. Möglicherweise war er sogar abgereist. Seit etwa vier Tagen war er keinem Mitglied der Zirkusgesellschaft hier im Ort vor Augen gekommen.

Daraufhin empfahl sich der Architekt, weil er im allgemeinen nichts Gutes ahnte, sich aber zunächst bei der dicken Frau nicht auffällig machen wollte.

Als er endlich den Gasthof Zur Kaiserkrone fand, an dessen Gartenzaun und Fassade er mehrere Male, ohne ihn zu ahnen, vorübergegangen war, gratulierte er sich, diesen wackligen Steinhaufen auf feuchtem Grund unter dichten Baumwipfeln nicht bezogen zu haben. Das einzige Lebewesen, ein bleicher, blutloser Junge mit traurigen, gleichsam aufgequollenen Augen, schien hier Wirt, Kellner, Hausknecht, Portier, kurz, Mädchen für alles zu sein. Es hatte wohl keinen Zweck, diesen trübseligen kleinen Todeskandidaten nach Haake zu fragen. Aber schließlich, weil wirklich niemand anders im Hause war und Maack nicht gänzlich unverrichtetersache abziehen wollte, tat er es doch und erhielt die Antwort, daß Herr Haake im Hause wohne, aber seit einer Anzahl von Tagen verschwunden sei.

»Sage mal, Kerle«, Maack empfand eine gewisse Rührung über das kleine Jammerbild, »sage mal, Kerle, was habt ihr denn hier für aane komische Bude, was sich Gasthof nennt? Von alle Kaiserkronen, die ich g'sehn hob, is dös doch, weiß Gott, die merkwürdigste. Zuletzt hob ich aane aus Wurst g'sehn, bei Hefter im Schaufenster. Di möcht dir wohl besser g'folln als die hier, mein Lieber?! Was zahlt denn so pro Bett bei euch aane Fledermaus?«

Der Junge war aber gar nicht so dumm. In zehn Minuten hatte der Architekt die ganze Taufgesellschaft aus ihm herausgeholt und fand sich derart ins Bild gesetzt, daß er nun, besser ausgerüstet und neuerlich auf die Familie Flunkert verwiesen, diese, koste es was es wolle, nochmals auszuforschen beschloß. Was er das erstemal vermieden hatte, weil er seinen Besuch zunächst als gänzlich harmlos hinstellen wollte, das tat er, wiederum bei den Wohnwagen angelangt, nämlich er fragte nach Wanda Schiebelhut. Und nun gab es viel Achselzucken, Flüstern, Aufstampfen hinter den Wänden der Wohnwagen; ein scheußliches Vieh von einer Bulldogge brach hervor, ein Säugling quäkte, wahrscheinlich die unschuldsreine Ursache der Tauforgie, eine Frau weinte auf, um sogleich wieder abzubrechen, und plötzlich trat ein langer, muskulöser Kerl, nur mit Hemd, Hose und Holzpantinen bekleidet, mit einer langen Peitsche knallend, den roten Schnurrbart gewichst und martialisch aufgedreht, frech wie die Sünde und bleich wie das böse Gewissen, hinter einem der Wagen hervor, um sich mit einer Hochmutsgrimasse breitbeinig vor den Besucher zu stellen.

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