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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Neunzehntes Kapitel

Sollte man es glauben? Auch dieser widerwärtige Zwischenfall war nicht imstande, die Entwicklung des Gelages in dem mysteriösen Gasthof Zur Kaiserkrone aufzuhalten oder es gar abzuschließen. Den vermickerten, bleichen Helmut hatten die Frauen nun, ebenso wie Firmian früher, zu Bett gebracht. Sein Verbrechen war, einmal seinen Hunger gründlich gestillt und mehr als ihm gut tat getrunken zu haben. Die rüde Abstrafung hatte man vorgenommen, weil er sich angeblich über den Küchentisch erbrochen hatte.

Nachdem die Stoßkraft des Überfalls ihren Höhepunkt überschritten und der staatserhaltende Schaftstiefelmann sich ein wenig von der erhaltenen Lektion, das heißt von den Prügeln und Schimpfworten, die über ihn hergehagelt waren, erholt hatte, erklärte er, er werde die ganze Gesellschaft wegen Hausfriedensbruches ins Gefängnis bringen. Was er getan habe, sei geschehen in einfacher Ausübung seines Züchtigungsrechtes und überdies im Interesse der Gäste. Ob es ihnen wohl passen würde, fragte er sie, wenn er ihnen Schüsseln serviere, in die jemand gekotzt hätte. Das würde ihnen nun freilich nicht gepaßt haben, sagten die Angreifer, aber der Junge sei eben nur ein Junge und auch nur ein Mensch. Man dürfe ihn deshalb nicht halb tot prügeln.

»Verlassen Sie auf der Stelle mein Haus!« schrie daraufhin immer wieder der wunderliche Hotelbesitzer. »Ich schicke sonst nach der Polizei!«

Aber Haake fragte, ob man nicht bezahlen dürfe. Daß bezahlt werden mußte, sah er ein. Als man die Rechnung zu machen begann, hatte sich die Mehrzahl der Taufgäste bereits wieder in das gemietete Festlokal zurückgezogen. Noch schimpfte Botho, aber seine Miene besänftigte sich, als er die sogenannten blauen Lappen und das klingende Gold der Stadt Gleiwitz aufsammeln konnte. Sie sollten tun, wie sie wollten, sagte er, als er von Haake und Billing gefragt wurde, ob man noch etwas verweilen dürfe. Die Absicht, den Überfall auf dem Polizeiamt zu melden, hatte er nicht. Da er sich als Sozialistenfresser aufspielte und einen im Verdachte des Sozialismus stehenden einfachen Mann des Lokales verwiesen hatte, war er dort freilich gut angeschrieben, ja, es ist wahrscheinlich, daß ihn der Amtsvorsteher als Spitzel benützte. Aber derselbe Amtsvorsteher hatte ihn bereits mehrmals verwarnen müssen, da verschiedene ernsthafte Anzeigen vorlagen, die ihn beschuldigten, seinen Sohn Helmut auf Ärgernis erregende Weise mißhandelt zu haben, Grund genug, diesen beschränkten, aber doch rechtschaffenen Beamten mit dieser Sache nicht zu befassen. – Aber auch Billing und Haake und besonders die Witwe Flunkert wünschten keine Weiterungen: so war denn alles reif zum Vergleich. Und wie es in solchen Fällen ist, bald ging man dazu über, sich nach einem Pflaster für die Beulen des Geprügelten umzusehen, und kam darauf, ihn an den Tisch zu laden. Ein Parlamentär wurde abgeschickt. Man hatte ihn in dem Baron gefunden, mit dem wahrscheinlich angemaßten Namen Römerscheid, der bisher nur wenig getrunken, sich gegenüber dem Wirt mit besonderer Höflichkeit betragen und sich auch von dem Vorfall im Keller geflissentlich ferngehalten hatte. – Es verging eine reichliche halbe Stunde, bevor der Baron mit dem standesverwandten junkerlichen Botho ins Zimmer trat, worauf sich die Herren mit einem Freudenbegrüßungsruf erhoben, was sogar die Damen mitmachten, und alle auf einmal die Gläser auf Bothos Wohl leerten. Bald war er, nicht ohne ein vorheriges inniges Händeschütteln der ganzen Korona überstanden zu haben, in die Gesellschaft aufgenommen und eingereiht. Den allgemeinen Bemühungen gelang es schnell, den Vorfall, wenigstens für den Augenblick, vergessen zu machen.

Diese Bemühungen bewegten sich hauptsächlich auf dem Gebiet, das den Artisten natürlich war. Sie überboten sich in allerhand Kunststücken, womit sie sogar untereinander Verblüffung und Staunen auslösten. Diese Produktionen hätten genügt, ein großes, vollbesetztes öffentliches Schauhaus zu Beifallsorkanen hinzureißen. Es endete mit den Kunststücken Billings, der auch als Taschenspieler, will sagen Zauberer – Geschwindigkeit ist keine Hexerei – auf dem Gebiete der schwarzen und weißen Magie Meister war. So wurden furchtbare Schläge gegen die Decke und gegen die Wände durch zitierte Geister geführt, die gefüllte Bowle wurde durch unsichtbare Hände in die Luft gehoben, man hörte Stimmen hinter der Tür so deutlich, daß man an Bauchrednerkünste dabei nicht denken konnte, und Gegenstände flogen, von niemand geworfen, durch die Luft.

Wie alles geendet hatte, wußte Paul Haake nicht, als er am nächsten Morgen beim Tagesschein mit Billing, Botho und dem Baron noch beim Kümmelblättchen ausharrte. Ihm war, als habe es schließlich noch einen Streit gegeben, und zwar mit Wanda wegen der nahe bevorstehenden gemeinsamen Abreise. Richtig: Tom Billing war ja mit allen Kräften dafür eingetreten. Richtig! er hatte gesagt: »Liebe Wanda, eine große Karriere wirst du nun mal überhaupt nicht machen. Wenn du unter die Haube kommen kannst, so tue das lieber heute als morgen!« – Um die Mittagszeit, ja des Nachmittags gegen fünf war das Kümmelblättchen immer noch beieinander: ein sauberes Vierblatt, das erst zum Dreiblatt wurde, als Billing aufsprang und mit seinem zusammengescharrten kleinen Gewinst nach dem Bahnhof rasen mußte, um noch rechtzeitig für sein Auftreten in Berlin und im Zirkus zu sein. Jetzt ging Paul Haake nicht etwa zu Bett, sondern er wankte aus dem Hause.

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