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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Erstes Buch

Erstes Kapitel

Paul Haake war bei dem schlesischen Bildhauer Toberentz angestellt und hatte, als der Meister starb, dessen von der Stadt Görlitz bestellten Monumentalbrunnen selbständig vollendet. Haake war achtundzwanzig Jahre alt. Aus dem Stukkateurfach hervorgegangen, fühlte er in sich den Beruf zur Kunst, besuchte Gewerbe- und Kunstschulen und hatte es schließlich so weit gebracht, daß er jetzt in Görlitz den großen Monumentalbrunnen aufstellen konnte, als dessen Vollender von der Stadt geehrt und bezahlt.

Man schrieb den achtundzwanzigsten Mai, als ein Mensch in einem der nahen Dörfchen um Görlitz auf einem Prellsteine saß und sich mit einem Bauernmädchen unterhielt, das nicht über vier Jahre zählte. Er lallte nicht. Seine Trunkenheit war in unaufhaltsame Redseligkeit ausgeartet. Er hatte durchaus nichts Furchtbares, sonst hätte ihm das kleine Mädchen, dem der Rotz aus der Nase lief, nicht so andächtig, mit dem Finger im Munde, zugehört. Er mischte Hochdeutsch mit Dialektbrocken. Sein Anzug war so, daß man glauben konnte, er habe eine lange Wanderung durch Straßenstaub und Straßenkot bei Regen und Sonnenschein, Wärme und Frost hinter sich.

»Gut, Hulda heißt du!« sagte er zu dem Kinde. »Das freut mich zu hören. Du mußt mir zugeben, Hulda, daß ich im Rechte bin! Du mußt mir unbedingt zugeben, daß ich im Rechte bin! Nein! Nein! Nein! Kein Wort weiter! Ich schweige! Ich schweige auf der Stelle, oder wir müssen darüber einig sein. Das halte fest! Das halte du eisern fest! Das laß dir von keinem Menschen ausreden, Hulda, daß ich im Rechte bin!«

Hulda sah ihren eben aus dem Munde gezogenen Finger an und führte ihn sinnend in die Nase.

»Wenn du einen Augenblick Zeit hast, Hulda, will ich dir erzählen, will ich dir haargenau und Wort für Wort erzählen, wie alles gekommen ist. Beim Grabe meiner Mutter, Hulda, verstehst du mich!« Er blitzte sie an und hob zwei Finger wie zum Eide: »Ich habe sie von der Straße aufgelesen. Sie hatte erfrorene Hände, Hulda. Sie hatte nichts an außer einem nassen Kattunröckchen, aus einer alten gestohlenen Kaffeedecke oder so was gemacht. Sie war verlaust. Jedes einzelne ihrer langen blauschwarzen Haare sah wie eine Perlenkette aus. Ein Eiergeschäft hätte ich können aufmachen, so viel Läuseeier saßen an einem einzigen Haar, an einem einzigen Haar, bei Gott, Hulda! So sah sie aus, und doch habe ich sie mit nach Hause genommen. Weißt du also nun, was sie war? Weißt du nun, was sie eigentlich und ohne jeden Zweifel nachgewiesen war, Hulda? Weißt du, daß sie eine ganz gemeine, aber auch schon ganz gemeine Schnepfe war? Schnepfe sagen wir oder Schnebbe, wenn wir den echten deutschen Ausdruck, der Hure heißt, nicht gebrauchen wollen. Aber, Hulda, bei Gott! sie war eine. Sie sah wie ein Engel Gottes aus. Du hast ja vielleicht noch keinen gesehen. Ich habe auch noch keinen gesehen. Aber ich will nicht selig werden, oder sie sah wie ein Engel Gottes aus. Ein Engel, der aus Versehen aus dem Himmel heruntergefallen ist, wie ein junger Stieglitz aus dem Nest. Ich habe die Hure ins Bett gelegt. Ich habe ihr heißen Tee, heißen Grog und so weiter eingeflößt. Gewaschen, gelaust, von oben bis unten gereinigt habe ich sie, diesen Engel Gottes, wollte ich sagen. Und dabei habe ich sie nicht berührt: nein, Hulda, zum Donnerwetter nein! und nein, Hulda! Ich habe sie nicht einmal mit einem unsauberen Blick berührt. Sie ist hernach mein Modell geworden. Dann freilich – dann freilich: ich bin kein Unmensch, Hulda! dann habe ich mir die Bezahlung geholt. Aber nicht, ohne daß ich die Bezahlung wiederbezahlt hätte. Ich habe bezahlt, bezahlt und bezahlt! Ich habe für das Luder bezahlt, Hulda, bis mir nur noch ein Buckel voll Schulden übriggeblieben ist! Ich bereue nichts. Ich bereue nichts. Der kleinste Gedanke, der mir etwas von Reue aufreden will, der fliegt in den Dreck wie mein Kalabreser, und ich trample ohne Gnade auf ihm, du siehst's, wie auf meinem Hute herum!«

Er war aufgestanden und tat, wie er sagte.

Er fuhr fort, indem er den Hut aus dem Drecke nahm und so, wie er war, aufstülpte: »Weißt du, was die Pointe von der ganzen Sache ist, Hulda? Ein Engel Gottes von der Straße hat mich ums Leben gebracht! Das ist die Pointe, der Punkt, der Kneller, das Punctum saliens, Hulda. Das nennt man nämlich den springenden Punkt. Ha, hahaha, der springende Punkt! der springende Punkt!« lachte der Betrunkene wahnsinnig. »Erst hat sie mich ausgesogen, ausgezehrt wie ein Iltis, ein Marder, ein Puma, mir mit heißen Lefzen das Blut aus den Adern herausgeholt. Sie hat mir das Mark aus den Knochen geleckt. Dann hat sie mir wie einem Hühnchen den Hals umgedreht, wie wenn ich ein kleines Hähnchen wäre, a kleenes Hähnchen, hahaha! Sie hat mich vergiftet, erstochen, erschlagen, Hulda, mich auf hundert verschiedene Arten und Weisen umgebracht, damit ich auch ja recht mausetot wäre. Oder weißt du es besser? Weißt du es besser, Hulda?«

Er stand abermals auf und suchte verschiedene Sachen zusammen, Taschenmesser, Stock und dergleichen, was er achtlos um sich herum verstreut hatte. Dann reckte er sich und ging von dannen. Seine letzten Worte waren: »Sie ist mir mit einem Lausekerl von einem Pferdejungen durchgebrannt!«

Eine Viertelstunde später wurde der singende und torkelnde Mann von einem mit zwei Pferden bespannten geschlossenen Wagen aufgenommen. Der Kaufmann, dem er gehörte und der darin fuhr, erkannte in der schwankenden Gestalt den Bildhauer Haake wieder, jenen Paul Haake, der den Brunnen von Toberentz vollendet hatte. Sein kunstliebendes Haus hatte den Künstler wiederholt zu Gaste gehabt. Er nahm ihn wiederum mit dorthin, damit er nicht zum Gespötte der Stadt würde, und gab ihm Gelegenheit auszuschlafen.

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