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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Siebzehntes Kapitel

Noch eine gute Weile zögerte der Augenblick, an dem die Tonart Balduins und seines getreuen Hundes Pudelko sich durchsetzen konnte. Den kleinen Toast auf den Täufling hielt der Bildhauer und Gastgeber, der sich durch Maskos und vor allem Tom Billing mit der größten Zuvorkommenheit und Achtung behandelt sah. Seine Gegenwart legte nahe, das Artistenwesen herauszustreichen, um ein volles Verständnis dafür zu erwecken.

»Ich stehe nicht an, zu erklären«, sagte der quäkige, kleine Zirkusmusikus mit einem um Erlaubnis bittenden Blick an die Direktorin, »ich stehe nicht an, zu erklären: die Hochleistungen in der Manege sind das Gediegenste, Wunderbarste und Genialste, was menschlicher Fleiß, menschlicher Mut und der menschliche Körper erreichen können. Höheres hat Arbeit auf keinem Gebiete geleistet. Dieses Gebiet ist vielleicht das höchste, klassischste, weil natürlichste menschliche Bildungsgebiet!« – Er quäkte weiter und lächelte breit: »Ich weiß nicht, warum man es eigentlich so verachtet. Ich sehe außer der menschlichen Stupidität keinen Grund dafür. Bei keiner Kunst, die ja bekanntlich vom Können kommt, kann so wenig gemogelt werden. Als Pianist in Wien habe ich angefangen. Greife ich fehl, nun, so fallen eben ein Dutzend Noten unters Klavier. Greift aber zum Beispiel Herr Flunkert auf dem Trapez fehl, so fällt er selber unters Klavier, und das heißt eben weiter nichts als den Hals brechen.«

Obgleich dies nun eigentlich keine Herausforderung des Götterneides war, klopfte die ganze Gesellschaft mit Kniebeln gegen die Tischplatte. Flunkert indessen stand geschmeichelt auf, reckte sich hoch, riß die Schultern zurück und machte mit beiden Armen seitlich jene Bewegungen, welche seine kraftstrotzende Muskulatur gezeigt haben würden, wenn die Rockärmel es nicht verhindert hätten. Die Wirkung dieses ersten Hervortretens seiner Person war einstweilen nur ein kleines Schweigen der Betretenheit, worauf Maskos sein Quäken fortsetzte:

»Hier ist Tom Billing, der berühmte Künstler und Mann, der unübertroffene Meister auf allen Gebieten: Kunstreiter, Drahtseilkünstler, Jongleur, der sogar Meister ist auf meinem Gebiet, der Musik, und zwar als ein herrlicher ernster Violinvirtuos ...«

»Ah, soo! Tom Billing sind Sie, Tom Billing sind Sie?« sagte plötzlich der Wirt mit großen Augen.

Tom aber wollte durchaus nur zuhören und legte, immer nur Maskos anblickend, erst die Handflächen vielsagend auf den eigenen Mund und streckte sie dann in die Richtung des Wirtes, wie wenn er sie auch auf dessen Mund legen wollte: »Lassen Sie sich im Lobe Tom Billings nicht stören, Herr Maskos!«

»Gewiß nicht! Das kann auch kein Mensch in der Welt. Ich habe genug von der Welt gesehen, um zu wissen, welche Impotenz hinter den meisten glänzenden Außenseiten verborgen ist. Aber das macht es ja nicht, das ist ja gleichgültig. Wenn ich bedenke, was ein Mann wie Sie, Tom Billing, geleistet hat und zu leisten imstande ist« – Tom Billing warf ein Glas in die Luft, es stand sogleich fest wie ein Denkmal auf seinem Kopf -, »und zu leisten imstande ist ...« – nicht sogleich flaute das Gelächter ab -, »und zu leisten imstande ist, so zögere ich nicht einen Augenblick, ihn unter die größten Männer des Jahrhunderts einzureihen!«

»Well«, sagte Tom, »that's the right moment. Well, well!« – Damit griff er unter den Tisch und stellte eine Blechbüchse, enthaltend zwei Pfund Kaviar, mitten auf die Tafel.

Nachdem die Freude über die höchst willkommene Aufbesserung des Taufmahles, dessen spottschlechte Qualität nur durch die lauten und leisen Humore der Gesellschaft verdaulich gemacht wurde, abgeklungen war, ergriff Haake das Wort.

»Ich habe mir das Meine«, sagte er, »in dieser Beziehung auch gedacht. Es handelt sich bei den Künsten der Manege um etwas, das drei Jahrtausende lang und länger in der Entwicklung der Menschheit nachzuweisen ist. Es handelt sich da um ein Gildentum, das sich nun schon über anderthalbtausend Jahre, verfolgt, gehetzt, verachtet, unter dem kirchlichen und gesellschaftlichen Banne, in Armut, Elend und Entbehrungen aller Art fortschleppen und so sein Leben mühselig fortfristen mußte. Und was ist das Resultat aller dieser unsagbar schwierigen Umstände? Leistung auf Leistung steigender, bewunderungswürdigster Art, welche Leute aller Stände immer wieder dazu zwingt, Maul und Nase aufzusperren. Die körperliche Leistung des Artisten beginnt gleichsam auf dem Gebiete der Unmöglichkeit ...«

»Ach richtig, richtig, Sie sind ja der Dumme August von Renz!« erinnerte sich wiederum laut und vollkommen ungeniert der Wirt mit den Schaftstiefeln, der sich merkbar, wenn auch im Nebenzimmer, am Sekt beteiligt hatte. Man achtete seiner weiter nicht.

»Die körperliche Leistung des Artisten beginnt gleichsam auf dem Gebiete der Unmöglichkeit«, wiederholte Maskos. »Ich habe Ihnen seit Jahren in verschiedenen Städten zugehört und zugesehen. Wenn Sie den Dummen August spielen, so ist der Fall gerade umgekehrt, als wenn Stalljungen ihren Baron oder Grafen nachmachen wollen. Sie stellen sich dumm, und der Junge ist wirklich dumm. Sie, ohne den Mantel der Bescheidenheit zu zerreißen, zeigen sich nach und nach als einer, der an Klugheit, körperlicher Leistungsfähigkeit, Kunstvermögen, genialen Fähigkeiten jedem Baron überlegen ist, nachdem Sie vorher den Dummkopf gespielt haben, der jedermann im Wege ist und dem sich alle Welt glaubt überlegen dünken zu dürfen. Aber was wollte ich sagen: die körperliche Leistung des Artisten beginnt auf dem Gebiete des Unmöglichen, zum Beispiel Ihre Geigenclownnummer, Herr Billing. Sie sind ein Mann, von dem ich die Chaconne von Bach jederzeit mit Meisterschaft gespielt hören kann. Jedes erste Orchester würde stolz sein, Sie als Konzertmeister zu gewinnen. Sie sind Komponist, wenigstens wenn Sie Ihre Geige im Arme haben. Da locken Sie ihr Leistungen ab, merkwürdige Tonnuancen, wie ich sie mir bei Paganini denke. Ähnlicher Art war vielleicht bei ihm die Wirkung, die niemand recht definieren konnte und von der man sagt, daß sie dämonisch gewesen sei. In Ihrer Behandlung der Geige liegt Dämonie. Wenn Sie auf Ihrer E-Saite den krähenden Hahn imitieren, so scheint es jener zu sein, der bekanntlich dreimal krähte, während Petrus den Herrn und Heiland dreimal verleugnete. Es scheint jener biblische Hahn zu sein, der als dämonisches Tier hier und da an den gotischen Kirchen figuriert. Der ganze Zirkus mit zwei- bis dreitausend Menschen tobt wie ein Lachorkan, wenn Sie die gewaltige Stimme des Esels auf Ihrem himmlischen Guarnerius nachmachen. Aber es ist ebenfalls ein dämonischer Esel, etwa der Esel Bileams. Manchmal ist mir, als ob solche unerlöste, wehevolle Tierschreie auch durch Chopinsche Musik hörbar werden. Ich hörte einmal von Ihnen bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung das Violinkonzert von Beethoven. Die Anregung gab, sagt Schindler, dem großen Meister Shakespeares ›Sommernachtstraum‹. Sie gaben der Rüpelseite den ganzen derben Eselshumor und der Elfenseite überirdische Zartheiten. Ihre Tonfäden waren tauglitzernde Spinnefäden, in denen die Sonne funkelte, und Titania ruhte auf ihnen und ließ sich von Blumengeistern umtanzen. Und Ihre Pausen! Ihre Pausen, Herr Billing! Das waren durchaus keine toten Stellen. Ihre Pausen waren der schweigende Wald. Manchmal schien das Schweigen erwartungsvoll, immer unendlich vieles verbergend, immer unendlich vieles ahnen lassend und in Schweigen hüllend. Und der Wald, ein heiliger, ewiger, überirdischer Wald, ward zur Gegenwart mit der unergründlichen Tiefe seiner Mysterien!«

Maskos schwieg. Die Direktorin hatte ihm unter dem Tisch auf den Fuß getreten, weil Flunkert junior das letztemal schon ganz hörbar gegähnt hatte, ohne die Hand vor den Mund zu halten. Das Manöver wurde auch von Tom Billing und Pudelko bemerkt, und dieser glaubte den Augenblick gekommen, um die Unterhaltung in andere Bahnen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er brachte auf künstlichem Wege ein fürchterliches Geräusch hervor, was jede einigermaßen gute Gesellschaft streng verbietet.

Das Entsetzen war allgemein, das Lachen aber nachher um so befreiender, als Pudelko den Nachweis zu führen in der Lage war, daß nur ein Stuhlbein aus Versehen dieses Geräusch erzeugt hatte.

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