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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Sechzehntes Kapitel

Etwa zwei Tage nach Haakes Gewalttätigkeit trat etwas ein, worauf er mit einer ähnlichen Inbrunst wie die leidende Menschheit auf die Geburt eines Heilandes gewartet hatte. Frau Flunkert junior war endlich mit einem Knäblein niedergekommen. Auf die veränderte Lage, die mit diesem Ereignis gegeben sei, hatte der Zirkusdirektor immer wieder den Künstler vertröstet, weil ja dann seine behinderte Gattin Elsa als Gaila, die Tochter der Luft, das Drahtseil besteigen und ihre Arbeit wiederaufnehmen könne.

Das Ereignis verlief programmgemäß. Eine Zeitlang war der Wagen der zweiten Flunkertgeneration Gegenstand allgemeiner Sorge und Aufmerksamkeit. Mehrere alte Frauen sah man beständig hinein- und herauskriechen, sogar der Landarzt hatte darin zu tun. Ein neuer Laut drang zum Fenster heraus, der die Bulldogge Grunz total verrückt machte, so daß sie anfallsweise mehrmals wie toll um den Wagen herumrabatzte. Aber auch Richardl, die übrigen Pferde und die beiden Milchziegen, die man mitführte, schienen das Außergewöhnliche zu spüren, das die Gesellschaft, zu der sie gehörten, betroffen hatte. Immer wieder mußte die Hebamme eine Ziege oder eine Ziege die Hebamme von der Wagenstiege fortstoßen.

Flunkert junior markierte familienväterliche Glückseligkeit. Er ließ sich schmunzelnd von Paul Haake die Hand schütteln, der es, in anderer Weise festlich berührt, ebenfalls nicht lassen konnte, um die fahrende Wohnung herumzuschleichen, in der das Mysterium vonstatten gegangen war.

Acht Tage später bereits war in der protestantischen Kirche des Ortes die Taufe angesagt. Die Familie Flunkert hielt darauf, daß in kirchlichen Dingen nichts versäumt wurde, ging doch Flunkert junior, wenn eine Kirche erreichbar war, am Sonntagmorgen regelmäßig zum Gottesdienst.

Wie scheinbar innig das Verhältnis der Flunkerts zu dem Bräutigam Wandas geworden war, konnte man aus dem Umstand entnehmen, daß er gebeten wurde; bei dem Täufling Gevatter zu stehn. Er schätzte sich glücklich, schon weil seine Stimmung die allerbeste war, dieser Auszeichnung gewürdigt zu sein, nahm sie an und fuhr sogleich mit Wanda nach dem nahen Berlin, um das Patengeschenk für sein Patchen zu kaufen. Als beide am nächsten Mittag zurückkehrten, konnte man unschwer erkennen, daß Wanda ganz gewiß den zehnfachen Wert des Patengeschenkes in einem neugekauften Hut, Mantel und Sonnenschirm, einer neuen Armbanduhr und dergleichen am Leibe trug.

Zum Taufdiner nach dem kirchlichen Akt hatte der Bildhauer in ein Haus eingeladen, das erst vor kurzem aus einer verwahrlosten Villa in einen Gasthof umgewandelt worden war. Das Gebäude hatte länger als ein halbes Jahrzehnt unbewohnt gestanden und war verrufen, weil man vor dieser Zeit ein Hehlernest und eine Falschmünzerwerkstatt darin entdeckt hatte. Es war eben schon die Peripherie der Riesenstadt, die man zu spüren bekam.

Die Räume des Hauses und so sein Besitzer waren für einen Gasthof sehr fremdartig. Der Wirt glich in seinen Schaftstiefeln einem verabschiedeten Kavallerieoffizier, der eine tückische Hoffart, verbunden mit Roheit, unter den vergeblichen Versuchen zur Katzenfreundlichkeit nicht verbergen konnte. Es mochten die Eigenschaften sein, die ihn seine Karriere gekostet hatten. In der Erniedrigung, zu der er verurteilt war, wirkte er abstoßend. Haake gestand sich, trotzdem der seltsame Gastwirt es im Reden und Tun durchaus nur mit den feudalen Kreisen hielt, daß er durch ihn, der diese Falschmünzerhöhle in den besten Gasthof des Ortes umzuwandeln versuchte, mehr an die Kreise dieser Hehler und Falschmünzer erinnert wurde.

Der Raum, in dem das Taufessen abgehalten wurde, verleugnete mit seinen feuchten Wänden, mulmigen Dielen und dürftig angehängten Fenstervorhängen ebensowenig das einst verrufene Gespensterhaus. Denn daß in solchen Gebäuden Gespenster umgehen, ist selbstverständlich.

Das Hauspersonal des Wirtes, der mit Vornamen Botho hieß und hinter diesem einen märkischen Adelsnamen trug, aber ohne das Wörtchen von, bestand aus einem alten Weib, das er irgendwo aufgelesen und, gegen den dürftigsten Bissen täglichen Brotes, bei sich schuften ließ. Er war unbeweibt, hatte nur einen kränkelnden, vierzehn Jahre alten, zurückgebliebenen Sohn, der seine Schwächlichkeit den Hungerkuren verdankte, die er fortgesetzt zu erdulden hatte. Der Vater zog Helmut, so nach dem großen Moltke genannt, zur Bedienung der Gäste heran. Man kann nicht sagen, daß er deshalb überbürdet gewesen sei, denn Gäste trafen sehr spärlich ein, fast immer nur dann, wenn sie sich hierher verirrt hatten, wie denn das Ganze nur allzu deutlich die Züge eines totgeborenen Unternehmens trug. Ein Gast wie der Professor Haake, der im Hause wohnen blieb, stand in der Chronik des Hauses allein. Und ebenso eine Gesellschaft von elf Personen, wie sie sich gegen Mittag um die bereitgestellte Tafel gruppierte. Den Pastor als zwölften an der Tafel zu haben, war der Versuch gemacht worden, aber fehlgeschlagen.

Die Mutter des Täuflings hatte Paul Haake zur rechten Seite. Ihm zur Linken saß Wanda, die einen Berliner Gast, einen Clown, Tom Billing, zum Tischherrn hatte. Dieser hatte ein buckliges, älteres Dämchen mitgebracht, eine Schwester der Witwe Flunkert, die einen ausgedienten Stallmeister bei Renz zum Manne hatte und in der Buchhaltung dieses Zirkus Verwendung fand. Sie wurde von Flunkert junior zu Tisch geführt. Der geprügelte Baron saß, zu Gnaden angenommen, zur Linken der Direktorin. Die Mißhelligkeiten waren, jedenfalls für den Augenblick, ausgeglichen. Zwischen diese Paare waren der Generalmusikdirektor der kleinen Wandertruppe, Maskos, der Mann für alles, Pudelko, und der siebenjährige kleine Firmian eingeschoben. Er betrank sich vor Ablauf der ersten halben Stunde bis zur Besinnungslosigkeit und mußte in einem Zimmer der Falschmünzervilla zu Bett gebracht werden, ein Vorfall, welcher der anfänglich etwas stockenden Geselligkeit einen erwünschten Anstoß gab. Tom, ein alter Kollege und sibirischer Wandergenosse der Direktorin, eine berühmte Nummer in Berlin, hatte sich allerdings schon beim Eintritt bemüht, durch allerhand Späße Leben in die Bude zu bringen. Aber erst jetzt gelang es ihm durch ein Frage- und Antwortspiel, das er, ehe er ihn forttrug, mit dem benebelten Jungen anstellte. Das Essen war, wie zu erwarten, nämlich eine schlechte Hausmannskost. Jedes Gericht, das von dem feudalistisch lackierten Wirt und seinem Sohne aufgetragen wurde, mußte sich die witzigsten Glossierungen von Tom gefallen lassen. »Mein liebes Gulasch, wo habe ich Sie zuletzt gesehen? Wahrhaftig, Sie sind wieder jung geworden! Nur durch einen Zufall, sonst hätte ich Sie stundenlang kauen können, habe ich Sie wiedererkannt. Wie haben Sie es möglich gemacht, sich vor Hunden, Katzen und Ratten zu retten? Was hat Sie überhaupt dermaßen wacker auf die Beine gestellt?« Die tödlichen Blicke des falschen Feudalaristokraten schienen Tom keinen Eindruck zu machen. Ein Glück, daß nicht der unbezahlte Giftkeller des Falschmünzerhotels auch den Wein stellte. Paul Haake hatte einen guten deutschen Schaumwein eingekauft und sich mit Herrn Botho auf Pfropfengeld geeinigt.

»Liegen eigentlich Ihre Güter in der Mark oder in Pommern, Herr Rittergutsbesitzer?« fragte Tom Billing mit der Miene der Selbstverständlichkeit.

»Wo meine Güter gelegen haben, geht Sie nichts an!« gab Botho zur Antwort und trat mit dem Absatz seines Schaftstiefels ein hörbares Loch in eine morsche Stelle des Fußbodens. »Ich stünde nicht hier, wenn mich nicht ein verdammter Jude darum betrogen hätte!«

»Ich bin kein Jude«, sagte Tom Billing und zündete, mit Erlaubnis Wandas, gleichmütig eine Zigarette an.

Zwischen Flunkert junior und Tom Billing bestand ein erheblicher Unterschied, nicht nur in der Kleidung – Flunkert trug einen würdigen Bratenrock, den vielleicht schon sein Vater von irgendeinem Dorfschneider hatte bauen lassen, der Cutaway des Clowns war in London gemacht -, sondern der Unterschied lag auch im Bau der Köpfe und war der zwischen einem gebildeten und einem ungebildeten Geist. Den verfeinerten und beweglichen Zügen des bartlosen Clowns stand die harte, sommersprossige Rothaarigkeit Balduins gegenüber, der ein in zwei Rattenschwänzen nach oben gedrehtes Schnurrbärtchen trug und eine Fliege unter der Lippe. Der glänzende Turner am Trapez konnte sich hier am Tisch nur mit unbeholfenen Bewegungen und einem befangenen, linkischen Betragen forthelfen. Mehrmals stieß ihn die Witwe Flunkert an und machte ihm seines Stillschweigens wegen Vorwürfe. Sie erreichte nichts weiter als eine kurze, knurrende Ablehnung. Seine leeren, wasserhellen Augen irrten hilflos herum und waren der Ausdruck einer Verlegenheit, die durch die Art des Gespräches, das zwischen Billing, Haake, Maskos und der buckligen Schwester der Witwe ging, verursacht war: es wurde auf einer Ebene geführt, zu der seine geistige Kraft nicht hinaufreichte.

An Wissen, an Erfahrung, an Geist, von der Summe seiner hier nicht zutage tretenden Talente ganz abgesehen, überragte Tom Billing sämtliche Taufgäste. Da er sich selbst nicht langweilen wollte und in Haake sowohl als dem kleinen, runden Musiker Maskos zwei Hörer sah, um derentwillen das Sprechen sich lohnte, ließ er sich gründlich die Zügel schießen. Natürlich renommierte er auch, aber keine Rede davon, daß er darum gelogen oder nur aufgeschnitten hätte.

»Für wie alt halten Sie mich?« fragte er. Der Bildhauer riet auf dreißig Jahre. – »Ich habe die Fünfzig überschritten. In Europa, inbegriffen England und Spanien, kenne ich jede größere Stadt. Dabei aber auch zahllose kleine Dörfer und Marktflecken. In Rußland bin ich jahrelang gereist. Im Wohnwagen machten wir das asiatische Rußland und, ohne daß ich je verbannt wurde, Sibirien unsicher. Ich habe den sibirischen Bauern und den Gefangenen dieselben Kunststücke gezeigt, mit denen ich in London, Madrid, Paris und Berlin Aufsehen machte. Ich spreche elf Sprachen wie meine Muttersprache, meine Herrschaften, trotzdem ich ein bloßer Spaßmacher bin. Nun werden Sie sagen, ich triebe den Spaß zu weit, wenn ich Ihnen erkläre, daß ich meine Verwandten nicht nur unter europäischen Zirkusfamilien, sondern auch in russischen Fürstenhäusern sitzen habe und daß eine meiner Schwestern Fürstin Dolgoruki ist.«

»Das ist gar nichts. Mein Bruder ist augenblicklich König von Polen!« sagte der Wirt.

»Oh, Sie brauchen nicht zu denken, daß ich aufschneide. Wichtig machen will ich mich deshalb nicht. Ich bin stolz darauf, daß ich, wie mein heutiges Patenkind, im Wohnwagen auf der Landstraße das Licht der Welt erblickt habe.«

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