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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Vierzehntes Kapitel

Er blieb zurück mit gemischten Gefühlen.

Was hatte er aus dem Verhalten dieses Burschen herauszulesen? Fünftausend Mark, bar auf den Tisch gezählt, hatten ihm keinen Eindruck gemacht oder schienen ihm keinen gemacht zu haben. Weil es ihm zu wenig war? Es gibt ja bei solchen Leuten Dinge, die begreiflicherweise überhaupt nicht verkäuflich sind. So wertvoll war ihm Wanda wohl nicht. Also lagen doch wohl Beziehungen vor, welche ihn, ebenso wie den Künstler, gleichgültig gegen Geld machten. Hätte Paul Haake fünfzigtausend Mark im Besitz gehabt, er hätte sie ohne weiteres hingegeben, wenn er das Mädchen wirklich mit dieser Summe erobern konnte. Auch bei Flunkert war vielleicht der Geldnerv durch die überstarke Vibration eines anderen Nerven übertäubt, ja totgemacht worden.

Eine lange, lange Zeit saß der Künstler fast regungslos. Es war, als blicke er mit den Augen der Seele nicht etwa in die Vergangenheit, sondern in grauenvoller Hellsicht in seine eigene Zukunft hinein. Dann schien es plötzlich, als habe das, was er so erblickt, einen Entschluß zur Reife gebracht. Auf sein Klingelzeichen kam der Kellner des kleinen Gasthofs herein; Haake bat um die Rechnung, er werde abreisen.

Kaum war dies geschehen, als Wanda erschien.

»Was, du packst deine Sachen? Was, du willst abreisen?«

»Ja, Wanda, ich reise! Reise mit!«

»Was denkst du nur, Paul?! So schnell geht das doch nicht! Man kann doch die Sache nicht übers Knie brechen!«

»Heut brech' ich sie aber übers Knie, Wanda!«

Wanda trat ans Fenster und schwieg.

Im Hofe des kleinen Gasthofs lärmten die Sperlinge. Man zog ein Paar Gäule aus dem Stall, um sie vor den alten, windschiefen Omnibus anzuschirren, der Gäste nach der Bahn bringen sollte. Eine Kastanie, die Laub in allen Tönungen von Gelb zeigte, hatte den größten Teil ihrer Blätter über die feuchtgrauen, schmutzigen Katzenköpfe des Hofes wie einen goldenen Teppich gelegt. Enten schnatterten in irisierenden Pfützen der Umgegend eines gewissen Ortes, in den hie und da eine Magd oder ein Gast schlüpfte. Ein Kettenhund schob seinen eisernen Ring, hin und her rasend und heiser bellend, an einer dicken Stange herum. Auf dem oberen Rand einer Stalltür hockten Hühner. Unter schuppenartigen Überdachungen lagen alte Kisten, Gerümpel, Räder, Stangen, zerbrochene Karren, Gebunde Stroh und dergleichen umher, in ganzen Armeen leere Bier- und Weinflaschen. Es war einer jener schönen Augenblicke, da die Sonne nach einem herbstlichen Regen alles besonders köstlich blinken und aufleuchten macht. Paul Haake empfand das, als er nach einiger Zeit neben Wanda trat, um, die Hand auf ihren Scheitel gelegt, den Grund ihres Schweigens zu erfahren. Da hatte sie Tränen in den Augen. Und weil die Sonne auch diese Tropfen durchleuchtete, küßte er sie, unterm verliebten Gurren der Täuberiche, sanft von ihrem Antlitz hinweg.

»Du sollst nicht fortgehen!« sagte sie trotzig und leise und stieß dabei mit dem Fuße auf.

Der Bildhauer nahm sie auf den Schoß.

»Höre mal, Wanda! Denke dich doch mal in das zurück, was gewesen ist! Wie glücklich sind wir beide gewesen! Du hast mir hundert und hundertmal dankbar die Hand geküßt, als ich dich in meinem Atelier erwärmt und gepflegt habe. Wie herrlich hat dir der Glühwein geschmeckt, Wanda! Den großen eisernen Ofen hast du immer die Brutmaschine genannt, weil seine Glut deine starren Glieder gleichsam bebrütete. Und wie hat ihm unser Faktotum, der Neumann, eingeheizt! Später hast du ein bißchen Modell gestanden, aber doch nur so lange, als du Lust hattest, länger nicht. Da warst du doch mein kleiner Götze, da habe ich dich doch angebetet. Es ging doch so gut, du sagtest ja selbst, es ginge doch alles so gut mit uns, du hättest dich nie im Leben so wohlgefühlt. Einmal trällertest du das Lied: ›Es kann ja nicht immer so bleiben, hier unter dem wechselnden Mond!‹ Das machte mich unruhig. Aber da hast du mich geradezu ausgelacht. Ich wollte vor dem vierzigsten Jahre nicht heiraten: wir kamen so herrlich miteinander aus, daß ich anderen Sinnes wurde. Du hantiertest den ganzen Tag vergnüglich singend in unseren paar Räumen herum, unser Essen kochten wir miteinander, des Abends tranken wir unsern Wein. Dann kam das Glück mit dem Toberentz. Ich hatte den Brunnen fertigzumachen. Habe ich da nicht zuerst an dich gedacht? Habe ich dich nicht von oben bis unten neu ausgestattet? Du kostetest mich ein Riesengeld. Aber was sollte denn mir der Prast, wenn ich ihn nicht für meine Kleine ausgeben konnte?! Wanda, Mädel, wenn mein Geld gelangt hätte, ich hätte dir ganz Breslau, ganz Preußen, ganz Deutschland gekauft. Die Leute aus aller Herren Ländern, Künstler und Kaufleute, Juweliere, Seidenhändler und Pelzhändler und was weiß ich, hätten ihre Herrlichkeiten vor dir ausschütten müssen!«

Sie hinderte ihn durch Küsse am Weitersprechen.

»Meine Verhältnisse besserten sich. Wir sind bei deiner Mutter gewesen. Die alte Frau hat mich ein ums andere Mal als ihren Schwiegersohn umarmt und ans Herz gedrückt. Sie sagte, nun könne sie gerne sterben. Wir haben dann miteinander Kaffee getrunken. War das nicht schön? Haben wir nicht alle fortwährend Wasser in den Augen gehabt? Und dann hast du mich plötzlich heimlich verlassen. Es wäre mir lieber gewesen, Wanda, glaube es mir, wenn du mich mit einem schnellwirkenden, starken Gift abgetan hättest. So ließest du mich in einem Zustand, in dem ich nicht leben und nicht sterben konnte, zurück. Ich habe furchtbare Augenblicke, furchtbare Stunden, furchtbare Tage und geradezu höllische Nächte durchgemacht, unsägliche Leiden, kleine Wanda. Ich könnte dich fragen: Warum hast du mir das getan? Warum bist du gerade auf diese und keine sanftere Art und Weise verfahren mit mir? Wanda, wir wollen das alles nicht aufrühren. Wanda, Geliebte, rette mich! Ich kann ohne dich nicht leben, Geliebte! Ich lebe nur von dem Gedanken an dich! Nur daß ich an dich denke, lindert mein Fieber, meine Schmerzen hier über dem Magen, den Brand des Stachels, den ich in mir stecken habe! Nur daß ich an dich denke, hebt ein wenig meine Mattigkeit, meine Abgeschlagenheit, das graue Elend, das mich hundertmal am Tage vergehen, mir hundertmal am Tage speiübel macht. Oder da, da – mach ein Ende mit mir, Wanda!« Er kramte nach etwas in den Taschen herum, und sie wußte von einem blanken Dolch im Futteral, den er in einem Antiquitätengeschäft gekauft hatte und immer bei sich trug.

»Nein«, sagte sie, »nein! So mußt du nicht wieder anfangen, Paul.«

Der Liebende mochte eine Zeitlang geglaubt haben, er sei seinem Ziel, sie zu erweichen und wiederzugewinnen, nähergekommen. Nun wußte er, daß er sich getäuscht hatte. Es hatte geklopft, der Hausknecht kam, und Haake sagte: »Ja, bringen Sie meine Sachen auf den Omnibus!« Und hernach, als der Hausknecht verschwunden war: »Nun ja, was noch? Laß es dir gut gehen, Wanda!«

»Nein!« sagte sie wütend unter Tränen, »du wirst mich hier nicht wieder allein lassen!«

»Du läßt mich allein, ich lasse nicht dich allein! Glaubst du denn, daß ich hier den Pudel oder das Richardl oder den Grunz oder den Clown der ehrenwerten Familie Flunkert machen kann? Glaubst du, ich könnte ihrer Zigeunerwirtschaft auf Rädern wie ein Schakal nachlaufen und von den abgenagten Knochen leben, die ihre Mitglieder so gnädig sind, aus den Fenstern herauszupfeffern? oder dem Müllhaufen, den sie zurücklassen? Glaubst du, ich hätte in der Welt – Himmeldonnerwetter nochmal! – nichts anderes zu tun? Ich bin ein Künstler, ich bin ein Bildhauer! Ein großer Künstler, ein großer Bildhauer! Mein ›Schlafender Knabe‹ hat mich berühmt gemacht. Ich habe den Toberentz-Brunnen vollendet. Es ist bereits ein Gereiß' um mich. Ich habe drei oder vier große Aufträge, die mich ebenso viele Jahre vollauf beschäftigen und die mich außerdem reich machen, Wanda, verstehst du mich! Dies alles werde ich in den Wind schlagen, meinst du? wie? und dir und den Flunkertleuten nachlaufen, weil du eine ganz gemeine Dirne bist?«

»Habe ich dir je gesagt, Paul, ich wäre ein Engel?«

»Nein, das hast du mir nicht gesagt, das wäre auch eine verfluchte Lüge gewesen!« Er schrie, er nahm keine Rücksicht mehr: »Ich kann hier nicht bleiben, ich muß nach Breslau! ich muß nach Paris! ich muß nach Rom! Ich habe Pläne und Absichten, die eines großen Künstlers würdig sind. Ich kann hier nicht im Kote ersticken!«

Da flog sie ihm jäh um den Hals und beschwor den Sturm seiner Heftigkeit, indem sie »Paul, ich komme ja mit dir! ich komme ja mit dir!« gleichsam in das eine seiner Ohren blies. Bald beugte er sich zum Fenster hinaus, um sein Gepäck zunächst noch einmal aus dem Omnibus herausnehmen zu lassen. Der Hausknecht brachte es wieder herauf.

Jetzt entwickelte Wanda einen Plan, den sie zu ihrer Befreiung entworfen hatte. Haake, der seine Heftigkeit nicht ohne Absicht gespielt hatte, von dem Nutzen des Schachzuges überzeugt, nahm, was sie sagte, in der Rolle des Inquisitors entgegen, um seinen Vorteil nicht wieder einzubüßen. Bald aber stieg er vom Richtersessel herab, weil eine Beichte, ein Bekenntnis, ein Geständnis größter Körper- und Seelenleiden ihn alle Strenge vergessen machte.

Nein, das hatte denn doch der Bildhauer nicht geahnt, was dieser Flunkert für ein abgefeimter, verruchter Geselle war. Es gab kein Verbrechen gegen die Sitte zum Beispiel, das ihm nicht von seiner nächsten Umgebung nachzuweisen gewesen wäre. Ihm zehn Jahre Zuchthaus einzubrocken, war eine Kleinigkeit. »Rette mich! rette mich von dieser Bestie!« rief sie aus. »Paul, wenn ich dir sagen wollte, was er mit der Peitsche in der Hand von mir verlangt, du würdest an den Wänden hinaufgehen! Er schickt mich zu einem Freiherrn von Giersdorff auf die Jagdhütte. Ich weigere mich. Der Mann hat ihm Geld bezahlt. Ich schreie: Ich bin kein Tier! Ich lasse mich nicht verkaufen! Ich bin nicht gegangen, natürlich nicht. Aber ich werde doch schließlich hinmüssen, wenn du mich nicht mit dir nimmst! Und nun erst seine schwangere Frau: in den Topf mit Suppe aus Hundekuchen, oder was es ist, den wir hinunterwürgen müssen, wenn wir nicht verhungern wollen, hat sie mir neulich ein Pulver geschabt, davon bin ich drei Tage krank gewesen. Ich fühlte, wie alle Glieder abstarben, und habe über vierzig Grad Fieber gehabt. Sie stellen mir nach, sie wollen mich umbringen. Ich habe das Geld an Mutti geschickt, das du mir neulich gegeben hast. Jetzt behauptet der Mensch, ich sei ihm sechshundert Mark schuldig. Es stehe alles zu Buch, sagt der Mensch. Schuhe, Wäsche, Trikots für mein Auftreten, Doktor, Wohnung, Kost und so fort, Steuer, Bahnbillets und dergleichen. Lehrgeld: ich sei eine Anfängerin. Was er mir zahle, sei Taschengeld. Er gibt mir nicht einen Pfennig Gehalt. Gegen sechstausend Mark, Paul, will er mich loslassen ...«

»Nein! Keinen Pfennig, sondern der Staatsanwalt!«

Da mußte sie ihm ein Bekenntnis machen. Es war ohne weiteres einleuchtend, daß danach der Staatsanwalt unter allen Umständen zu vermeiden war. Am Schlusse war alles dahin gediehen, daß Wanda nach einem Liebestribut, den sie Haake unzweideutig gezollt hatte, mit etwa sechshundert Mark davonschlüpfte.

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