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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Dreizehntes Kapitel

Das erste, dessen sich der Künstler am nächsten Morgen beim Erwachen bewußt wurde, war, daß zwischen ihm und Flunkert junior am heutigen Vormittag eine Unterredung stattfinden sollte. Der Zirkusmensch hatte sich dazu bereit erklärt und die Nachricht noch gestern durch Wanda überbringen lassen.

Es würde also ein Kuhhandel stattfinden.

Noch war Paul Haake durch die in Breslau verlebte Woche in seinem edleren Wesen bestärkt und gewissermaßen versteift. Er wirkte durchaus wie ein Mensch der gebildeten Kreise. Niemand hätte in ihm den wüsten Trunkenbold, der, auf dem Prellstein sitzend, einem Straßenkinde sein Elend beichtete, wiedererkannt. Es schien unmöglich, er könne je wieder in eine solche Tiefe der Entwürdigung herabsinken. So glaubte er auch, entschlossen zu sein, entweder Wanda noch heut mit sich zu nehmen oder selbst auf Nimmerwiedersehen davonzugehen.

Es elektrisierte ihn förmlich, die Klärung, die Befreiung um jeden Preis so nahe zu wissen. Denn wie hätte er, wenn er nach dem, was er gestern wieder gehört hatte, sich abermals von diesem Landstreichergesindel, zu dem er in ihrem jetzigen Zustand auch Wanda rechnete, ins Schlepptau nehmen ließe, noch irgendeinen Funken Selbstachtung retten können?

War das wirklich Balduin Flunkert, der zur bestimmten Stunde in sein Zimmer trat und ihn mit »Schön guten Morgen, Herr Professor!« begrüßte? Wohl seinem äußeren, aber nicht seinem inneren Wesen nach, das von dem herzlichsten Entgegenkommen förmlich leuchtete. Beinahe zwei Meter hoch, das eine Bein nachschleppend wie ein verwundeter Panther, im Jagdjackett, den Schal um den Hals wie damals beim Amtsvorsteher, nahm er, zum Sitzen aufgefordert, Platz, wobei er den Hut mit dem Gamsbart auf den Tisch legte.

»Sie haben ganz recht«, sagte er. »Ich habe mir das auch schon gedacht. Mir ist bei der Sache nicht gut zumute. Ich war heilsfroh, als ich hörte, daß Sie wiedergekommen sind. Mein Gewissen ist rein. Ich habe mit dem Mädchen einen Vertrag gemacht, ich zahle ihr pünktlich ihre Gage, aber da sie ja schließlich nicht mündig ist und ich ihre Mutter nicht auftreiben konnte, so ist es mir schließlich lieber, wenn ich die ganze Geschichte loswerden kann.«

»Das ist sehr verständig von Ihnen, Herr Flunkert. Haben Sie Dank, Herr Flunkert, daß Sie gekommen sind. Und wenn ich Sie nun bitten darf, denken Sie sich mal in das Interesse des Mädchens, in mich und meine Absichten, kurz, in den ganzen Fall menschlich hinein. – Ich liebe Wanda. Und meine Absicht war vom ersten Augenblick an, sie aus dem Elend, in dem sie steckte, herauszuziehen. Sie mußte ja unbedingt verkommen, wenn nicht noch im letzten Augenblick eine rettende Hand sich ihrer erbarmte. Es ist ja ein reines Wunder, daß sie nicht damals unter sogenannte ›Sitte‹ gekommen ist, dann war sie ja auf der Stelle verloren. Nun also: seien Sie einmal menschlich, Herr Flunkert! Helfen Sie mir das Mädchen auf den rechten Weg zurückbringen!«

Während dieser Rede blickte der Kunstreiter unverwandt den Sprecher aus zugekniffenen Augen, mit der lauernden Grimasse eines liebenswürdigen Lächelns an. Als er endete, schrak er zusammen.

»Es ist nicht die erste Geschichte dieser Art«, sagte er, »die mir in meinem Geschäft vorgekommen ist. Die Herren sehen so ein Balg, kriegen Appetit auf so ein Balg, haben ihr Vergnügen an so einem Balg und glauben dann jedesmal, es müßte nun alles eben nach ihrem Vergnügen gehn!« – Dies war mit sächsischem Anklang gesprochen. Der Mensch fuhr fort: »Man kann aber so ein Mädel nicht ohne weiteres aus seinem Beruf herausreißen. Wie ist sie denn auf die Straße gekommen, wo Sie das Mädel gefunden haben? Weil sie mit einem feinen Herrn durchgegangen ist! Nach acht Tagen wird sie dann sitzengelassen und weiß nun natürlich nicht wohin. Man muß nicht vergessen, wir sind Gewerbetreibende. Ich zahle meine Steuern wie jedermann. Meinen Gewerbeschein muß ich überall vorzeigen. Mir kommt die Polizei über den Hals, wenn nicht alles klipp und klar in Ordnung ist. Wir sind keine Vagabunden, keine Pennbrüder, keine Naturforscher. Wir sind Geschäftsleute, weiter nichts. Wenn Sie wollen, können Sie es sich ansehen, wie ich von morgens bis in die Nacht allein oder mit meinen Leuten und meinen Pferden arbeite. Unsere Groschen sind ehrlich verdient. Wer bei uns mitmachen will, muß seine Sache aus dem Effeff verstehen. Nennen Sie mir einen anderen Beruf, wo man manchmal bei Wind, Wetter und Regen Tag um Tag, wie ich zum Beispiel, sein Leben riskieren muß. Und nun, was haben wir schließlich davon? Daß uns jeder über die Achsel betrachtet!«

»Sie haben mich nicht verstanden, Herr Flunkert!« Das waren die Worte, mit denen der Artist seinen Wortschwall unterbrochen sah. »Ich habe Ihnen gesagt, ich werde Wanda zu meiner Frau machen. Ich habe das Wandas Mutter gesagt, und alle meine Freunde wissen, ebenso wie es Wanda weiß, wie blutig ernst mir die Sache ist. Grade weil Sie ein ehrlicher Bürger, ein rechtschaffener Geschäftsmann sind, müssen Sie doch für die Rechtschaffenheit meiner Absicht Verständnis haben ...«

»Aber Sie müssen halt auch Verständnis haben!« gab der Artist mit eindringlich schmalziger Lachgrimasse zurück. »Sie müssen halt auch Verständnis haben. Nehmen Sie doch mal gefälligst an: ich habe da einen Boxer, eine Bulldogge, einen Hund. Jeder wird sagen: Was kostet 'ne Bulldogge? Ich kriege für zehn, für dreißig, für hundert, für zweihundert Mark 'ne Bulldogge. Ja, ich kann sie sogar geschenkt kriegen, weil mancher froh ist, wenn er seine Bulldogge loswerden kann. Meine Bulldogge kann ich nicht verschenken, kann sie auch für zweihundert Mark nicht hergeben, nicht für tausend und nicht für fünftausend Mark, weil sie mir im Jahre mehr als die Zinsen von zehntausend Mark bringt. Nehmen Sie Richardl, meinen kleinen, schwarzen schottischen Ponyhengst. Richardl hat mich selbst tausend Mark gekostet. Und wenn Sie mir fünfzehntausend Mark auf den Tisch hinlegen ...«

»Gut, das ist alles schon gut, ich verstehe!« sagte der Bildhauer. »Ihre Tiere haben Dressur, diese Dressur sieht man ihnen nicht an, diese Dressur ist mühsam und langwierig.«

»Auch meine Menschen haben Dressur. Wenn mir mein siebenjähriger Junge stirbt, oder Pudelko läuft mir davon, ein Mensch, den mein Vater mühsam zugeritten hat, oder meine Mutter wird mager, daß sie keine Gewichte mehr auf dem Busen tragen kann, und Sie holen mir zu guter Letzt vielleicht noch Wanda vom Drahtseil herunter, so ist es Matthäi am letzten mit mir, ich kann sofort meine Bude zumachen!«

»Herr Flunkert, ich bin nicht hier, um auf mein gutes Recht zu pochen. Einer meiner Freunde ist ein Breslauer Kriminalkommissar und hat mir seine Hilfe in der Sache angeboten. Aber ich habe sie abgelehnt.«

»Da haben Sie auch sehr richtig gehandelt.«

»Ich habe die feste Absicht, nichts unversucht zu lassen, was zwischen uns zu einer befriedigenden Lösung, einer Lösung im guten führen kann. Also bin ich bereit, den Schaden, wenn Ihnen einer erwächst, nach meinem besten Vermögen auszugleichen.«

»Wissen Sie was, Herr Professor? Kriminalkommissare schrecken mich nicht. Ein Zirkusdirektor ist kein Verbrecher. Ich hab' mit diesem Mädel, das schon als Elfjährige in einem Zirkus gearbeitet hat, einen auf zwei Jahre lautenden, rechtsgültigen Vertrag, und wenn sie ihn etwa brechen will, so hat man ja schließlich auch seine Anwälte.«

»Sie haben mit Wanda vielleicht, aber nicht mit ihrem gerichtlich bestellten Vormund in Oppeln einen Vertrag gemacht. Ich bin nämlich selbst bei dem Vormund gewesen. Hier ist sein notariell beglaubigter Brief, der mich bittet, Wanda, wenn ich sie finden sollte und es mir möglich wäre, zu ihm zurückzubringen, ihm sonst aber ihren Aufenthalt anzuzeigen.«

»Das können Sie tun. Ich glaube, daß er höchstens Wandas Vertrag bestätigen wird. Das Mädel hat hier ihr Brot gefunden. Zum Heiraten zwingen kann sie auch ein Vormund nicht.«

Hier pochte das Herz des Bildhauers bis in die Halsgrube, weil das letzte Argument seines Gegners nicht zu entkräften war. Einen Augenblick dachte er flüchtig daran, sein Anklagematerial ins Treffen zu führen, das ihm der gestrige Abend mit dem Baron geliefert hatte. Aber er fühlte, daß dies am Ende die Kluft zwischen ihm und dem andern nur verbreitern würde. Mit einer Hast, die man als wohlüberlegte Handlung nicht ansprechen konnte, erklärte Haake, er wolle zum Schluß kommen. Er lege bare fünftausend Mark auf den Tisch, wenn der Artist ihm schriftlich erkläre, daß er der Abreise Wandas nichts in den Weg lege, daß er sie während eines halben Jahres, auch auf ihren Wunsch, nicht mehr einstelle, daß er sie auch sonst nicht in irgendeiner Weise berühre oder beeinflusse, durch die sie unfrei gemacht werden könnte.

Flunkert sagte: »Nichts leichter als das! Wenn Sie wollen, das unterschreibe ich. Aber Sie tun mir doch zu leid, und ich bin zu ehrlich, als daß ich Sie nicht vor einem solchen Vertrage warnen sollte. Was kann ich am Ende gegen Hunde tun, die mir partout nachlaufen? Es ist manchmal bloß ein Geruch, den man in den Kleidern hat. Ich nehme heute vielleicht Ihr Geld, und in acht Tagen kommt sie zu mir zurück, und da wollen Sie alles wieder raushaben. Ich habe es aber vielleicht schon ins Geschäft gesteckt, kann es vielleicht beim besten Willen nicht schaffen, und dann nennen Sie mich vielleicht einen Lumpenhund. Und das Mädel hat große Rosinen im Sacke. So ein Frauenzimmer weiß, sie kann vor die Hunde gehen, kann aber ebensowohl auch noch ein ganz anderes Glück machen, als es ihr – entschuldigen Sie – ein Mann wie Sie, Herr Professor, bieten kann. Sie bildet sich ein, sie kann einen Grafen, kann einen Fürsten heiraten. Und glauben Sie mir, daß sie gar nicht so unrecht hat. Eine oberschlesische Fürstin hat auf dieselbe Weise angefangen und sich im Hui und Hastenichtgesehen mit einem Salto mortale in ihre Kreise aus unseren Kreisen hinübergeschwungen.«

Damit erhob sich Flunkert von seinem Sitz, um zu gehen. Er schien mit dem Erfolge der Unterredung zufrieden zu sein.

Das ist von dem Bildhauer nicht zu sagen.

»Wann werden wir unsere Unterredung zu Ende bringen, Herr Flunkert?«

»Wann Sie wollen, jederzeit. Ich muß jetzt nur zu einem Sühnetermin. Ich habe nämlich jemand geohrfeigt, der sich erlaubt hat, meiner knädchen Frau Mama zu nahe zu treten.«

Bei diesem Worte hatte der Zirkusdirektor bereits die Türklinke in der Hand, grüßte und ging, das eine Bein wie ein verwundeter Panther nachschleppend. Der Bildhauer blieb allein zurück.

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