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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Zwölftes Kapitel

In der Ecke des Honoratiorenstübchens, als es Haake an diesem Abend betrat, saß ein junger, hübscher Mensch, der sich augenscheinlich heut dem stillen Suff ergeben hatte. Es war, wie Haake vom Kellner erfuhr, ein Baron Dagobert von Römerscheid, der ebenfalls im Hause wohnte. Er sah in der Tat wie »aus unseren Kreisen« aus, es war aber immerhin nicht unmöglich, daß er seine Standeserhöhung sich selbst verdankte. Dieser Zirkus Flunkert hatte eine seltsame Anziehungskraft. Hier in Zeuthen wußte man Gott sei Dank nichts von dem Skandal, den der Bildhauer in seinem letzten Standort erregt hatte. Aber man wußte von einem anderen, dessen Held dieser junge Baron Dagobert geworden war.

Und sollte man es wohl glauben: mit ihm nicht etwa Wanda, sondern die verwitwete Direktorin.

Bald hatte der Kellner die ganze Skandalgeschichte ausgekramt. Und der Künstler, abwechselnd den Kopf schüttelnd und selbst von unwiderstehlichem Lachen geschüttelt, hatte, wenn er wollte, ein Beispiel vor sich, wie Liebe verblendet und bis zu welchen Absurditäten sie führen kann.

Man lockt die Katzen mit einigen Tropfen Baldrian. Wenn man nach diesem Stoffe riecht und sie einem darum wie Kletten anhängen, so ist dies eben eine Tatsache, die man hinnehmen muß. Und wenn ein elegant gekleideter junger Mann, der an Antlitz, Wuchs und Haltung gute Abkunft verrät, einer fetten, alten Frau, die einen Sohn von über dreißig Jahren besitzt, mit Anträgen lästig wird und, von diesem Sohne öffentlich gezüchtigt, den Ort seiner Schmach nicht verläßt, die Hoffnung nicht aufgibt und seine Qualen im Trunk zu ersticken versucht, so gibt es dafür keine andere Erklärung als für das Verhalten der Katzen zum Baldrian.

Der Künstler wurde von der Erscheinung des Fremden, um seines verwandten Schicksals willen und seiner Beziehung zur Familie Flunkert wegen, dermaßen angezogen, daß er ihn über das Abendessen hinweg immer wieder anblickte, bis der Baron einen solchen Augenblick mit einer kleinen Verbeugung quittiert hatte. Hiermit war die Bekanntschaft gemacht, und bald saß er mit Haake am gleichen Tisch.

»Man lebt hier«, sagte der junge Mann, »wie in den Zeiten der Postkutsche. Wenn man die Peripherien der großen Städte verlassen hat, so fällt man um mehrere Jahrhunderte zurück. Wer weiß, vielleicht sind es sogar Jahrtausende. Und schließlich, was soll sich im wesentlichen verändert haben? Was sich verändert, ist nur der Lack. Das Essen, wollte sagen, das Fressen, das Trinken, will sagen, das Saufen, der Zwang, sich vor Regen, Wind und Kälte zu schützen, der Zwang der Weiber, bei Männern zu liegen, und umgekehrt, ist dem Menschen wesentlich und damit verbunden: Stehlen, Rauben und Totschlagen. Sonst ist dem Menschen nichts wesentlich. Wie soll sich da die Menschheit auf dem flachen Lande von der vor zweitausend Jahren unterscheiden?! Ich habe in großen Städten gelebt, in Berlin bin ich Gardereiter gewesen. So jung ich bin, wenn ich etwas Sitzfleisch hätte, könnte ich zwölf Bände mit meinen Erlebnissen anfüllen im Umfang eines Konversationslexikons. Ich könnte Ihnen Dinge erzählen ... aber ich wollte nur sagen, immer wieder hat mich das Land, haben mich die kleinen Städte, hat mich die Landstraße angezogen. – Ich habe einmal ziemlich viel Geld gehabt, aber doppelt und dreifach soviel verpulvert. Eine Zeitlang war ich von meiner Familie unter Kuratel gestellt. Bereits zweimal war ich verheiratet. Das erstemal mit einer Opernsängerin. Die Kuratel wurde auf Betreiben dieses energischen Frauenzimmers aufgehoben. Mein Vermögen war hin. Und mein alter Herr, hart wie Granit, hätte mich, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne einen Pfennig herauszurücken, verhungern lassen. Aber die Opernsängerin langweilte mich. Sie war schließlich nichts weiter als ein lebendiges Theaterrequisit, das sich hie und da bereit erklärte, mir ein kleines Vergnügen zu gewähren. Meine zweite Gattin war eine Spanierin. Sie trug einen alten spanischen Namen; ich habe sie in Madrid geheiratet. Ich spreche nämlich Spanisch wie Deutsch und habe darum auch ohne Mühe festgestellt, daß diese sogenannte Pipilada im Zirkus Flunkert, die eine Catalina Godoy, in Buenos Aires geboren, zu sein behauptet, wo sie angeblich bis zu ihrem zwölften Jahre erzogen worden ist, kein Wort Spanisch kann. – Ich finde sie übrigens dumm und fade!«

Somit war das Gespräch bei dem Gegenstand angelangt, der beiden Männern vor allen anderen am Herzen lag, aber vielleicht noch mehr im Magen.

Es freute den Künstler, daß der Fremde Wanda dumm und fade fand. Er hatte bisher Bier getrunken, jetzt ließ er Wein kommen.

»Warum diese Pipilada dumm und fade ist, wollen Sie wissen«, setzte der Baron seine Rede fort, indem er ungeniert die Zigaretten des Künstlers aufrauchte. »Erstens ist sie eine sehr mäßige, höchst dilettantische Seiltänzerin, und dann läßt sie sich auf eine geradezu unerlaubte Weise mißbrauchen. Sie steht diesem Flunkert gegenüber allerdings im Zustande der Hörigkeit. Dieser Kerl aber, der sie im Grunde gar nicht mag, denkt nur daran, sie auszunützen. Er behandelt sie roh, er verwendet sie nach Art eines Zuhälters. Da muß sie mit einem gewissen Landedelmann auf die Jagdhütte. Er besitzt einen pathologischen Geiz und quetscht ihr zum Beispiel jeden Groschen ab, den ihr ein Professor aus Breslau, ein Maler, schickt, der sie um jeden Preis heiraten will und den auszuschlagen sie die geradezu heupferdmäßige Dummheit hat.«

»Das interessiert mich«, sagte der Bildhauer.

»Geben Sie einmal acht, wie sich dieser Aasgeier immer wieder über die Kasse stürzt, weil er selbst seiner Frau Mutter nicht traut und fürchtet, sie könne ihn betrügen. Aber Sie steigen nicht in solche Tiefen hinab. Diese Frau ist von guter Familie, die einzige unter dem Gesindel, die Ehre und Anstand im Leibe hat. Sie hat ein Verhältnis mit der Trompete. Die Vorführungen werden von Blechmusik begleitet, einem Trio, das sich aus Trompete, Waldhorn und Posaune zusammensetzt. Die Trompete ist wirklich ein Original. Schon der Name – er nennt sich Maskos – ist merkwürdig. Ein kleiner, strampliger Kerl mit quäkiger Stimme, der es faustdick hinter den Ohren hat. Der Mensch komponiert und spielt alle Instrumente. Man versteht es eigentlich gar nicht – aber freilich, die Liebe! die Liebe! –, wie er es bei dem Lausegesindel aushalten kann. Wir standen beide nicht schlecht miteinander, obgleich ich ihm bei der Direktorin etwas in die Quere geraten mußte.«

Der Bildhauer wollte immer mehr hören.

»Dieser Maskos wird von Flunkert junior am meisten gehaßt. Erstens, weil er ihm geistig vollkommen überlegen ist, zweitens, weil er glaubt, daß seine Frau Mutter ihm unterderhand allerlei außer seiner Gage zustecke. Dabei weiß er, daß er dem Zirkus durch seine Vielseitigkeit unentbehrlich ist. Er ist eben wieder dabei, einen Jungen zum musikalischen Clown auszubilden. Was Maskos betrifft, ich bin überzeugt, er vergilt ihm alles doppelt und dreifach. Und während er zu den waghalsigen Kunststücken Balduins seine Trompete schmettern läßt, hofft er bestimmt, er werde sich eines Tages den Hals brechen. Die Familie Flunkert ist nämlich nicht arm. Der verstorbene Flunkert hat gut gewirtschaftet. Wissen Sie übrigens, wie er zugrunde gegangen ist?«

»Nein.« Wie sollte Paul Haake das wissen.

»Der Schlag hat ihn in einem Augenblick gerührt, als er, unerwartet heimkehrend, einen andern – ich glaube, es war schon Maskos – sozusagen in flagranti beklappte.«

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