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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Elftes Kapitel

Willi Maack hatte Paul Haake begleiten und persönlich helfen wollen, Wanda von ihrem Ausbeuter zu befreien, diesem verdammten Flunkert junior. Der Bildhauer aber wollte diesmal noch allein den Versuch machen.

Der Zirkus war inzwischen bis Zeuthen weitergerückt. Bei einer Beleuchtung von Azetylenlampen gab er, als Haake den Ort erreichte, seine erste Vorstellung. Schnell hatte der Künstler im Gasthaus seine sieben Sachen untergebracht und stand bald darauf ungesehen im äußeren Kreise der Zuschauer.

Eben hatte sich Flunkert junior, den Körper in fleischfarbene Trikots gepreßt, vom Trapez heruntergelassen und eine Nummer mit Grunz, der Bulldogge, in Gang gebracht, genannt »Fingal, der kamtschadalische Löwenhund«. Indem er es neckte, ließ er das Tier sich in einen Hader verbeißen und riß es an diesem Hader im Kreise herum, bis es den Boden unter den Pfoten verlor, ins Schweben geriet und schließlich, ohne loszulassen, wie ein dunkler, dämonischer Weltkörper um die rothaarige, stirnlose kleine Sonne, Flunkerts Schädelgebilde, kreiste.

Immerhin einigermaßen durch den Anblick gefangengenommen, hörte der Bildhauer plötzlich in seiner Nähe kleine Münzen auf Porzellan klimpern und riß in einer Ahnung den Kopf herum, die sich im gleichen Augenblick erfüllt hatte. Es war Pipilada, die Mexikanerin, die, im schwarzen Trikot, mit roter Halsschleife, mit dem Teller herumging und sammelte. Sie hatte so wenig an ihn gedacht, rechnete so durchaus nicht mit seiner Gegenwart, daß sie im huschenden Licht erst dann zu ihm aufblickte, als sie das große Goldstück sah, das sie auf einmal in der Rechten hielt.

»Bist du's, Paul?«

»Ja, ich bin es, Wanda!«

»Hast du Geld mit? Wirst du mich frei machen?«

»Ich brauche kein Geld, um dich frei zu machen!« antwortete er. Er war jetzt wieder bei klarem Kopf und auch, von Willi darin bestärkt, durchaus nicht geneigt, sich von einem Erpresser prellen zu lassen.

»Ich muß fort«, sagte Wanda, »sonst fällt es auf. Wenn du deine gereizte Stimmung hast, so rate ich dir, dich heute lieber nicht sehen zu lassen. Balduin ist wegen einer bestimmten Sache etwas aufgebracht. Er hat gestern einen Herrn von R., einen ehemaligen Kürassieroffizier, buchstäblich mit der Reitpeitsche aus der Manege geprügelt!«

»Wenn er das gestern an mir versucht hätte«, sagte der Bildhauer, »lebte er heute nicht mehr.«

Noch immer kreiste der Boxerhund. Man hörte sein Knurren und das laute Geräusch, mit dem er die Luft durch die Nasenlöcher zog. Es sah aus, als würde eine große, gelbgeflammte vorsintflutliche Echse an einer Angel herumgeschwungen.

»Ich komme wieder, wenn ich irgend kann!« sagte Wanda, »das heißt, du versprichst mir, keinen Skandal zu machen! Nun also, wenn du im Gasthaus wohnst und dich nochmals zu sehen hier nicht möglich ist, so besuch' ich dich dort, aber heut höchstens auf fünf Minuten.«

Eigentlich kam sich Haake nach der soeben in Breslau verlebten Zeit an diesem Platze bis zur Beschämung erniedrigt vor und fragte sich, ob er nicht lieber Knall und Fall kehrtmachen und in die gesunde Sphäre seines Wirkens zurückflüchten sollte. Alle mahnenden, bittenden, fordernden Worte Willis schlugen ihm jetzt stärker, als da er sie wirklich hörte, ans Ohr. Er gedachte der Kunst. Er gedachte der herrlichen Aufgaben, die ihm bevorstanden, Verwirklichungen der Phantasien, die ihn von Kindheit an beherrscht hatten: Wunderwerke zu formen aus nassem Ton, in Marmor, in Erz, wie er sie dann, auf der Wanderschaft durch die deutschen Städte, mit staunenden Augen erblickt hatte. Der Ruhm Thorwaldsens spielte in seine Jugend hinein, die Kunstanschauungen Winckelmanns. Die Ariadne von Dannecker tat es ihm an, die Amazone von Kiß auf der Treppenwange des Alten Museums zu Berlin. Er träumte von Größe, er träumte von Ruhm. Nichts anderes war die Unterhaltung des wandernden Handwerksgesellen auf der Landstraße. Nun aber hatte er eines Tages dieses Bettelkind aufgegriffen und mit sich ins Atelier genommen. Seine grazile Erscheinung reizte ihn. Schon lange hatte er mit leidenschaftlicher Ungeduld ein Modell gewünscht, an dem er sich begeistern, das gleichsam seine Muse werden konnte. Er hatte sich darin nicht getäuscht. Mit jedem Tage glücklicher Arbeit fühlte er, daß ihn dieser unvergleichliche Fund in unvergleichlicher Weise bereicherte. Erst Wandas Körper in seiner jungfräulichen Kindhaftigkeit hatte ihn die Andacht zur Form gelehrt. Sein Modellierholz, sein Meißel, sein Fingerdruck, früher von einem kalten, verstandesmäßigen Nachahmungstrieb geleitet, wurden nun, ihm fast unbewußt, von der lebendigen Gegenwart der Schönheit und von den Pulsen der Liebe bewegt. Hätte er, als ihn Wanda verließ und verlassen hatte, mehr Widerstandskraft gehabt, es wäre ihm vielleicht eher gelungen, das Mädchen zu finden und zurückzugewinnen. So aber war es schon ein Wunder, daß er dem Irrenhause und dem Selbstmord entgangen war. Er war, wenn er nicht trank, nicht weniger betäubt und umnebelt als ein Betrunkener. Alles das ging ihm nun durch den Sinn, und die Fähigkeit dieses immerhin klaren Überblicks schmeichelte ihm mit dem Gedanken, daß am Ende doch wohl die Krisis überwunden sei.

So hatte alles, was er sah, dieses bettelhafte Zirkusgesindel, dieses fahrende Vagabundenelend, inbegriffen Pipilada, augenblicklich den letzten Rest von Romantik eingebüßt. Er malte sich, nicht ohne ein Gefühl der Befriedigung, den Seelenzustand Wandas aus, wenn sie später ins Gasthaus käme und erführe, er sei abgereist. Im Geiste erblickte er staunende Besucher in seinem Atelier, war gegenwärtig bei Denkmalsenthüllungen, sah sich ähnlich drapiert wie Bändel neben seinem Kolossaldenkmal Hermanns des Cheruskers, sah sich im Frack, den Ordensstern auf der Brust, ja, er sah sich zuletzt geadelt, im Besitz großer Liegenschaften, und so fort.

Und wenn er nun diese Schindmähren, diese wackligen Wohnwagen mit ihrer Enge, ihrem Unrat, ihrer Roheit, ihrem Gestank, dieses hungernde, frierende, bettelnde, radschlagende, Salto mortale ausführende, springende, kletternde, kleinliche, das ganze Jahr von Ort zu Ort vagabundierende, von Ungeziefer starrende Lumpengesindel damit verglich, wie konnte, wie mußte es bei dem Vergleiche abschneiden?!

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