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Walther Rathenau

Harry Graf Kessler: Walther Rathenau - Kapitel 9
Quellenangabe
authorHarry Graf Kessler
titleWalther Rathenau
publisherRheinische Verlags-Anstalt
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Kapitel VI.
Das Reich der Seele

1906 im Mai unternahm Walther Rathenau eine Reise nach Griechenland. In dem Skizzenbuch, das er von dort zurückbrachte, findet sich eine kurze Eintragung unter dem Titel » Breviarium Mysticum«, die einen entscheidenden Moment in der Entwicklung seiner Weltanschauung beleuchtet:

1. »Das Weltbild eines jeden ist das Maß seiner Seele.

2. Vielen ist eine Seele eingeboren, alle können sie erringen.

3. Die Seele wird jedem zuteil, der bonae voluntatis ist.

4. Die Seele ist das Spiegelbild Gottes.

5. Die Kräfte der Seele sind dreifach: Phantasie, Liebe, Ehrfurcht.

6. Mit der Phantasie umfaßt sie die Welt, mit Phantasie und Liebe die Kreatur, mit allen drei Kräften Gott.

7. Die Seele ist zweckfrei, der Verstand zweckhaft.

8. Im Kampfe mit dem Verstande liegt die Seele, weil der Verstand seine Zwecke selbst auflöst.

9. Die Kunst und das unbewußte Schaffen ist die Sprache der Seele, die Wissenschaft und das bewußte Schaffen ist die Sprache des Verstandes.

10. Die Seele nährt sich vom Lebensdrang, der Verstand von der Todesfurcht.«

In dieser Notiz fällt ein Wort auf, das hier zum erstenmal in einer neuen Bedeutung, nein, Bedeutsamkeit, mit einem neuen Pathos auftritt: das Wort » Seele«. Was versteht Rathenau unter »Seele«? Wodurch bekommt dieses Wort für ihn einen so hohen Wert? Was macht er daraus?

In seinem Hauptwerk, der »Mechanik des Geistes« (S. 30ff.) schildert er die » Geburt der Seele«; und hinter seinen Ausführungen zeichnen sich in durchsichtiger Verhüllung drei Erlebnisse oder Erfahrungen ab, die auf seine Reise nach Griechenland hinweisen: die der erhabenen Natur Griechenlands, die der Glückseligkeit künstlerischen Schaffens und die einer großen, unerfüllten Liebe. Wer, der die griechische Landschaft kennt, wird sie nicht wiedererkennen in der Schilderung der Welt, wie sie den Augen jünglinghafter Menschen erscheint? »Eine neue Natur umgibt ihn; nicht mehr Steine, Pflanzen, Luft und Wasser, sondern ein geheimnisvoller Kosmos voll Leben, Geist, Blut, Licht und Liebe. Die Dinge reden nicht mehr die Sprache des Tages; es rauscht aus ihnen Ungesprochenes, Unauflösliches. Eine zweite Natur verbirgt sich hinter der sichtbaren und will hervorbrechen; es bedarf eines Wortes, und alle Wirklichkeit ist aufgehoben. Der Weltgeist atmet Majestät und Liebe, und die jugendliche Seele begehrt nichts anderes, als sich den Mächten hinzugeben und in ihren Werken aufzugehen.« – Die zweite Erfahrung: die Seligkeit zweckfreien Schaffens, wie es dem Künstler beschieden ist, spendete Rathenau ohne Zweifel gerade in Griechenland, das er skizzierend durchwanderte, wieder tiefste Beruhigung. Im selben Abschnitt von der »Geburt der Seele« heißt es: »Es bleibt das Schaffen: doch nicht mehr um der Werte willen; das Sorgen, doch nicht mehr um der Ziele willen. Schaffen heißt: Umsetzen die Seele in sichtbare Form, Erschautes gestalten. Ein Naturvorgang, vergleichbar dem Weben der Muschel und der Spinne, die aus dem Safte ihres Lebens mit Freuden und Schmerzen ihr Kleid, Rüstzeug und Kunstwerk nach dem inneren Bilde wirken.« – Das Entscheidende aber ist die Liebe; und die Worte, mit denen er die Rolle der Liebe bei der Geburt der Seele schildert, Worte, die in die unmittelbare Nähe des »Breviarium Mysticum« weisen, sind unter einer gesuchten Form, in der man das Ringen nach Wärme noch spürt, doch innerlich so bewegt, daß sie den Kampf zwischen Sehnsucht und Unvermögen zu voller, hingebungsvoller Liebe, der in ihm der Geburt der Seele voraufgegangen sein muß, treuer als ein bewußtes Bekenntnis spiegeln. »Die Liebe des Mannes ist nicht hingebend wie die Liebe des Weibes, denn sie ist werbend; und doch geht sie in einem Sinne über die Hingebung des Weibes hinaus: sie ist bereit, sich zu opfern. Das Weib will hinnehmen und vergehen, der Mann will besitzen, aber zugleich sich opfern und verschenken: so ist im Augenblick des höchsten Lebenswillens der Lebenswille aufgehoben, der Zweck gebrochen.« Und etwas später im selben Abschnitt: »Es bleibt die Liebe; je reiner und heißer das Feuer der Sinne sich erhielt, desto leuchtender umgibt es sich mit der Aura übersinnlicher Klarheit. Es regt sich die Menschenliebe, die Liebe Gottes regt sich, und es erwacht die Liebe des Franciscus, die alle Kreatur mitsamt den Gestirnen umspannt; die in die Sphären tönt und die Gottheit herabzwingt. Denn diese Liebe ist transzendent. Sie ist Ahnen und Begreifen des Sichtbaren und Unsichtbaren, sie ist Hingabe und Opfer, sie ist aber auch Erfüllung und Verklärung. Sie faßt die Welt nicht mit den Krallen des Verstandes, sie löst sich auf, geht unter, vereinigt sich, wird Eins, und begreift, indem sie Eins wird. So wird aus Natur und Schaffen, Liebe und Transzendenz im Menschen die Seele geboren, ja wesentlich gesprochen: sie wird nur aus Liebe geboren, denn Liebe umfaßt die anderen drei Kräfte insgesamt.« (Mechanik des Geistes S. 32.)

» Seele« nennt Rathenau also das innere Erleben, wenn es zweckfrei abläuft, das heißt, nur inneren, nicht auch äußeren Antrieben folgt (Breviarium Mysticum VII). »Seele« ist der Sammelname für alle diejenigen inneren Erfahrungen, welche dem Zweckmenschen fremd und feindlich sind, für alle Kräfte, die Rathenau in seinem Innern gegen den verhaßten Verstand aufbietet: eine Losung, unter der diese plötzlich als geschlossene Phalanx auftreten.

Aber »Seele« ist mehr als ein bloßes Wort: den Zuständen, die es zusammenfaßt, ist etwas Wirkliches gemeinsam, etwas, das sie von allen anderen Augenblicken inneren Erlebens unterscheidet und über sie hinaushebt: nämlich, daß nur in ihnen der Mensch ganz er selbst, also wirklich frei ist. Daß es solche Augenblicke innerer Freiheit geben kann, daß sie beglückend, ja, die einzigen voll beglückenden und wertvollen im menschlichen Leben sind, hat Rathenau von der griechischen Reise als Erfahrung, als unerschütterliche Tatsache seines eigenen inneren Erlebens zurückgebracht.

Als das typische und alle anderen verdunkelnde Beispiel solcher Erfahrung verweist er, wie gesagt, auf die wunschlose, transzendente Liebe. Warum gerade diese, nicht irdische Liebe, der alles zusammenfassende und bewegende Mittelpunkt seiner Weltanschauung werden mußte, nämlich weil der durch tausend Hemmungen erzwungene Verzicht auf diesseitige Erfüllung seine tiefste Not war, ergibt sich aus dem vorigen Kapitel. Daß trotzdem gerade durch die eine wirkliche, wenn doch schließlich auch erfüllungslose Leidenschaft seines Lebens die »Seele« ihm zum Erlebnis ward, hat er selbst angedeutet in dem Briefe, mit dem er viele Jahre später die »Mechanik des Geistes« der Freundin zuschickte. »Sie glauben, daß von diesem Buch Ihnen Nichts gehört? Wenn Sie es ganz besitzen – und Sie werden es besitzen, – so werden Sie fühlen, daß es nicht nur ein Bekenntnis, sondern auch ein umgeschaffenes Erlebnis ist

Er war nach Griechenland abgereist mit der Einsicht, daß die Erfüllung seiner Leidenschaft nicht bloß aus äußeren, sondern auch, und ganz besonders, aus inneren, in ihm selbst liegenden Gründen aussichtslos sei. Ja, vielleicht war die Reise selbst eine Geste, eine bewußte oder unbewußte Geste des Verzichts. Aber dann schreibt er doch mit leiser Hoffnung an die Freundin aus Athen:

»Mehr Ruhe und Stimmung. Gestern war ich an der alten Stätte der Mysterien: Eleusis. Morgen begrüße ich das Delphische Orakel. Ich habe viel zu fragen (auch wo Sie sein mögen).«

Aus Delphi teilt er ihr dann mit, daß er das Orakel auch ihretwegen befragt habe. Als Antwort und Orakelspruch war plötzlich in der erhabenen Einsamkeit des Delphischen Gebirges ein Adler vor ihm aufgestiegen.

 

Einige Tage später schreibt er wieder aus Athen (23. Mai 1906):

»Für Ihren Brief herzlichen Dank. An den Toren von Athen erwartete er mich und erfüllte so schon einen Teil des Delphischen Zeichens, das ich Ihnen andeutete. Dieses selbst war phantastisch und fast pompös, so daß ich es wohl als ein Geheimnis werde hüten müssen. Die Fahrt nach Delphi hinauf, die tiefe, kühle Schlucht und das ferne Grüßen des Meeres hat mich ganz erfüllt, und so war es mir lieb, länger als sonst Touristenart, zu bleiben. – Heute ist Abschiedstag von Athen. Ich habe eine sonderbare Fahrt durch den Peloponnes mit elfstündigen Ritten ausgekundschaftet: Ziel und Gipfel soll Sparta und der Taygetos mit seinen Klüften sein. Auch hier in Griechenland habe ich meine Ketzerei: ich meide die leichenschänderischen Ruinenfelder, die man in der krassen Sonne dörrt, und halte mich ans jugendlich Unvergängliche von Wasser, Luft und Erde ... Gewaltig war der schneegekrönte Parnassos, von zwei Seiten dem Meere zugekehrt, kahl, starr. Er ruht, unsichtbar gegenwärtig über der Delphischen Landschaft, und sein tiefer Schatten fällt über das bewegte Tal. Von dieser Reinheit und Größe ist die Campagna nur ein trüber Spiegel; hier wirken die Grundelemente in unvergänglicher Ruhe; Vegetation und Menschheit sind nur ein leichter Hauch, der das Bild kaum färbt ...«

Die Frage an das Orakel kennen wir nicht; können sie uns aber denken. Und der Adlerflug hieß, wenn Rathenau ihn als Antwort auffaßte: »Steig auf, dann findest du Erlösung in der jenseitigen, himmlischen Liebe.« Aber welche Erlösung? Die Deutung war ihm geworden, als er in sein Skizzenbuch das »Breviarium Mysticum« eintrug: Erlösung durch die Geburt der Seele. Ähnlich wie Dehmel, der Rathenau in seiner Weltanschauung von Zeitgenossen am nächsten stand, im »Eingang« zu seinem Epos »Zwei Menschen« sagt:

»Steig auf, steig auf mit deinen Leidenschaften,
Tu ab die lauliche Klagseligkeit;

*

Um den Drehpunkt des Lebens kreisen
Wonne und Schmerz mit gleichem Segen;
Sieh, mit unaufhaltsamer Sehnsucht weisen
Die Menschen einander Gott entgegen!«

Diese Erleuchtung war für Rathenau das große Erlebnis nicht nur dieser Reise, sondern seines Lebens, eine ihn tief erschütternde, umwühlende, umwälzende innere Erfahrung, weil sie den Unzulänglichkeiten, den Hemmungen, dem negativen Teil seines Wesens plötzlich einen positiven, einen erhabenen Sinn gab. Und weil sie überdies einen Sinn auch dem Leben überhaupt gab.

Denn auch er stand, wie über kurz oder lang jeder nicht ganz primitive Mensch, – wie der Mensch jeder alten Kultur, wenn der Mythos, der sie zur Welt brachte, verblaßt ist, – vor der Grund- und Existenzfrage » Wozu, warum das ganze anscheinend sinnlose Weltgeschehen? Wozu mein Leben? Wozu überhaupt Leben?« – – Die Kultur muß sich dann einen neuen Mythos erfinden, sonst versinkt sie unrettbar in das gestaltenlose Chaos, das Nietzsche »Nihilismus« nennt. (»Nihilismus: es fehlt das Ziel, es fehlt die Antwort auf das Warum«. Wille zur Macht S. 11.) Die antike Kultur erfand in diesem Zustand das Christentum und senkte in seinen Boden den Samen einer neuen Welt. Unsere Kultur ist heute an diesem gleichen Punkte angelangt und braucht deshalb, wie vor zweitausend Jahren die Antike, eine »Umwertung aller Werte« nach einem neuen Mythos, als welchen Nietzsche die »Ewige Wiederkunft aller Dinge« und den »Übermenschen« verkündete. Rathenau fand Antwort und Mythos zugleich in seinem Erlebnis der »Seele«. » Wozu der Mensch da ist? Um immer und immer wieder das reine Glück seiner inneren Freiheit, immer wieder seine ›Seele‹ zu erleben

Für ihn hatte diese Antwort noch über ihre allgemeine Tragweite hinaus eine ganz persönliche Bedeutung. Bis zu diesem Augenblick sind seine Schriften und Briefe durchweg Zeugnisse eines stets unentschiedenen Kampfes zwischen zwei Naturen in seiner Brust: »Ich bin ein Deutscher jüdischen Stammes«, sagt er in seinem »Aufruf an Deutschlands Jugend«, »mein Volk ist das deutsche Volk, meine Heimat ist das deutsche Land, mein Glaube der deutsche Glaube, der über den Bekenntnissen steht. Doch hat die Natur in lächelndem Eigensinn und herrischer Güte die beiden Quellen meines alten Blutes zu schäumendem Widerstreit gemischt: den Drang zum Wirklichen, den Hang zum Geistigen. Die Jugend verging in Zweifel und Kampf, denn ich war mir des Widersinnes der Gaben bewußt. Das Handeln war fruchtlos und das Denken irrig, und oftmals wünschte ich, der Wagen möchte zerschellen, wenn die feindlichen Gäule auseinanderstürmend sich ins Gebiß legten und die Arme erlahmten.« Jetzt hat er ein Erlebnis, das, wie er hofft, den Streit in seiner Brust beenden wird. Ja, er fühlte sich dessen so sicher, daß, als er zurückkam, der Entschluß bei ihm feststand, sich von den Geschäften zurückzuziehen. Er teilte ihn mir mit und begründete ihn: »er habe sich auf der Reise gefragt, wozu er das alles mitmache? – und keine Antwort gefunden.« In Wirklichkeit lautete die Antwort: jenes ganze Getriebe geht um Nichts; aber doch gibt es etwas, worum es sich lohnt zu leben: die Seele; diesem einzigen Sinn des Lebens muß ich mein Leben anpassen.

Die Verschlossenheit, die ihm von Kind an eigen war, bekam von da ab eine neue Färbung: hinter der gläsernen Wand, die er um sich zog, schien er nicht mehr bloß seine furchtsame Seele, sondern irgendein geheimes Wissen, über das er schweigen wollte, vor der Roheit der Welt zu schützen. Aber wenn er einen Augenblick daran dachte, auf seine geschäftliche Tätigkeit zu verzichten, so verkannte er allerdings sein Schicksal, die Unheilbarkeit des Risses in seinem Innern; die Unmöglichkeit, aus seinem zwiespältigen Leben ein eindeutiges zu machen. Er konnte nicht seinen mächtigsten Trieb, seinen praktischen Verstand, durch einen Beschluß beiseite schieben oder schwächeren Trieben unterordnen.

Dafür geschah aber etwas anderes: nämlich das, was ihn zu einer ganz aus der Reihe tanzenden, einzigen Erscheinung machte: er bog seinen mächtigen praktischen Verstand um und machte aus ihm ein Instrument, durch das das Erlebnis der »Seele«, dieses ganz innerliche, jenseitige Erlebnis, zum Ausgangspunkt politischer und wirtschaftlicher Forderungen wurde.

*

Daß Rathenaus Weltanschauung ihre letzte Wurzel in einer eigenen, ganz persönlichen Erfahrung hatte, steht fest; daß sie, wie jede Weltanschauung, auch aus fremden Quellen gespeist wurde, ist selbstverständlich. Diese Quellen sind aber bei ihm nicht leicht zu entdecken, weil er sie grundsätzlich nur selten genannt hat, und weil ihm fremde Gedanken erst brauchbar wurden, wenn seine Erfahrung sie mit dem Licht eines eigenen Erlebnisses durchleuchtet hatte. Er nennt fast nur die Worte des Apostels Paulus über die Liebe im Ersten Korintherbrief und das Evangelienwort: » Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne und nähme an seiner Seele Schaden?« (Markus VII, 36). Nachweisbar ist eine Einwirkung der spätesten und berauschendsten Blüte der jüdischen Mystik, des vom »Meister des guten Namens«, Baal-schem-tow, in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts begründeten Chassidismus, wenigstens als Bestätigung seiner eigenen Erfahrung und Sinngebung des Lebens. Denn er verkehrte gerade in den entscheidenden Jahren mit dem Geschichtschreiber des Chassidismus, Dr. Martin Buber, las bei seinem Erscheinen im Spätherbst 1906 (allerdings also später als die Niederschrift des »Breviarium Mysticum«) dessen erstes chassidisches Buch »Die Geschichten des Rabbi Nachman« und fand dort als Antwort auf die Frage nach dem »Wozu?« des Lebens genau die, die er als Ergebnis seiner inneren Einkehr aus Griechenland mitbrachte: daß der Sinn des Lebens Freude in Gott sei: das zweckfreie Eingehen der Seele in Gott, das seine vollkommenste Erfüllung in der Ekstase erreicht. »Aber die Ekstase ist hier nicht«, erläutert Martin Buber, »wie etwa bei der deutschen Mystik ein ›Entwerden‹ der Seele, sondern deren Entfaltung: nicht die sich beschränkende und entäußernde, sondern die sich vollendende Seele mündet ins Unbedingte. In der Askese schrumpft das geistige Wesen, die Neschama, zusammen, sie erschlafft, wird leer und trübe; nur in der Freude kann sie wachsen und sich erfüllen, bis sie, alles Mangels ledig, zum Göttlichen heranreift. Niemals hat eine Lehre das ›Gottfinden‹ mit einer solchen Kraft und einer solchen Reinheit auf das › Selbstsein‹ gestellt.« (Martin Buber »Die Chassidischen Bücher« 1928 S. 14.) Dr. Martin Buber schreibt mir:
»Heppenheim, 16. 1. 28. Ich war mit Rathenau gut bekannt. Wir kamen zwar (in der Zeit, die ich in Berlin gelebt habe, d. i. bis Ende 1915, später hat es, ohne Abschwächung der inneren Beziehung, keinen persönlichen Kontakt mehr gegeben) selten zusammen, aber dann war es jedesmal ein großes Gespräch. Meinen beiden ersten chassidischen Büchern (»Die Geschichten des Rabbi Nachmann«, 1906, und »Die Legende des Baalschem«, 1907, jetzt in die Gesamtausgabe aufgenommen) und den sechs ersten meiner »Reden über das Judentum« (einbändige Gesamtausgabe bei Lambert Schneider in Berlin) war er ein aufmerksamer Leser, wie ich aus allerlei Bemerkungen und Hinweisen erkannt habe. Über den Chassidismus haben wir wiederholt miteinander gesprochen; ich hatte den Eindruck, daß er für ihn eine Erweiterung seiner Selbstwahrnehmung bedeutete und daß, was er hier und aus den »Reden« vom Judentum erfuhr, auf eine Wandlung in seiner Anschauung von Wesen und Schicksal des jüdischen Volkes nicht ohne Einfluß geblieben ist. Er hatte den Wunsch, in eigener Arbeit zu den Quellen vorzudringen, und hat eine Zeitlang, wie Sie ja wohl wissen, eifrig Hebräisch gelernt; sein Lehrer von damals, den ich nach vielen Jahren in Palästina wiedergesehen habe, erzählte mir bei dieser Gelegenheit, wie ernst und gründlich Rathenau dieses Studium betrieben hat; warum er es dann abgebrochen hat, weiß ich nicht.«

Einwandfrei ergibt sich auch der Einfluß Spinozas, dem das »Breviarium Mysticum« im Latein seines Titels, in seiner Form als Reihe numerierter Propositionen und im Wesentlichen seiner Weltanschauung so unverkennbar nahe steht. Wenn es im »Breviarium Mysticum« heißt: »Die Seele ist das Spiegelbild Gottes«, so verdichtet sich in diesen Worten nicht bloß Rathenaus eigenes glückseliges Erlebnis, sondern auch die Anschauung Spinozas von Gott als der unendlichen Substanz, von der Raum und Zeit und alle Wesen und alle Gedanken und Gefühle und wir selbst nur flüchtige Erscheinungsformen sind. Die Seele ist das Spiegelbild Gottes, weil sie eine Erscheinungsform Gottes ist. Durch sein inneres Erlebnis, die göttliche Glückseligkeit des zweckfreien Seelenzustandes, wird Rathenau die Anschauung Spinozas bestätigt. Ebenso wenn Rathenau von der Transzendenz der Liebe als von etwas, das er selbst erlebt hat, redet, so fließt auch hier wieder dieses Erlebnis über in Spinozas Anschauung von der Liebe, die nach seiner kühlglühenden, gletscherhaften Definition nur ein Affekt Gottes ist, eine Äußerung der Liebe Gottes zu sich selbst; weshalb unsere Liebe, unsere Liebe zu uns selbst, unsere Liebe zu anderen endlichen Wesen, im letzten Grunde nichts ist als unsere unvollkommen und stückweise sich offenbarende Liebe zu Gott oder richtiger nichts als ein Teil der Liebe Gottes zu sich selbst; daher jede Liebe immer transzendent ist, immer über das geliebte Wesen hinaus Gott sucht. So wächst das Erlebnis Rathenaus hinein in die Metaphysik Spinozas, durchleuchtet sie von innen und gewinnt sie als Boden für weitere Konstruktionen.

Als Boden zunächst für eine Erneuerung und Fortführung der Ethik Fichtes, der Rathenau wie kein anderer Philosoph, mit Ausnahme von Spinoza, beeinflußt hat ( – ihn packte das Spartanertum, das Preußische, das Fichte in idealer Vergeistigung verkörperte, und seine Verachtung des Zweckes). Denn Fichtes Ethik wächst gradlinig aus Spinozas Anschauung vom Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Da jeder Mensch eine einmalige Erscheinungsform Gottes ist, so folgt mit zwingender Notwendigkeit als seine höchste Pflicht, daß er immer er selbst sei, ohne nach irgendwelchem Zweck von seiner Bahn abzubiegen; denn jeder Widerspruch mit sich setzt ihn in Widerspruch mit Gott. »So gewiß der Mensch Vernunft hat,« sagt daher Fichte, »ist er sein eigener Zweck; das heißt, er ist nicht, weil etwas anderes sein soll – sondern er ist schlechthin, weil Er sein soll: sein bloßes Sein ist der letzte Zweck seines Seins ... Der Mensch ist Selbstzweck; er soll sich selbst bestimmen und nie durch etwas Fremdes sich bestimmen lassen ... Ich will daher den Grundsatz der Sittenlehre in folgender Formel ausdrücken: Handle so, daß du die Maxime deines Willens als ewiges Gesetz für dich denken könnest. – Die letzte Bestimmung aller endlichen, vernünftigen Wesen ist demnach absolute Einigung, stete Identität, völlige Übereinstimmung mit sich selbst.« (Johann Gottlieb Fichte »Über die Bestimmung des Gelehrten«. Jena und Leipzig 1794 S. 8-12.) Es bedarf kaum eines Hinweises, wie überzeugend für Rathenau diese Sätze klingen mußten; drückten sie doch aus, was er als kostbarstes Erlebnis selbst erfahren hatte.

So hat sich durch ein natürliches Wachstum das Erlebnis der »Seele« zu einer breiten philosophischen Grundlage erweitert, an der das Neue Testament, der Chassidismus, Spinoza und Fichte, teilhaben, in deren Mittelpunkt als festes Kernstück aber immer das ursprüngliche Erlebnis Rathenaus steht. Dieses Erlebnis zwingt sogar zu einer wesentlichen Einschränkung gegenüber Fichte und Spinoza; denn diese machen keinen Unterschied zwischen verschiedenen Seelenzuständen; alle sind für Spinoza gleich vollkommene Erscheinungsformen Gottes – und Fichtes »Mensch« ist der Mensch schlechthin. Rathenau dagegen nennt » Seele« das innere Erleben nur in den Augenblicken, in denen es zweckfrei seiner eigenen Natur allein gehorcht – ganz nur das von irdischen Begierden nicht getrübte, reine Spiegelbild Gottes ist. Daraus folgt zweierlei: einmal, daß es seelenlose Menschen gibt – was nach Spinozas Anschauung unvorstellbar ist, aber andererseits der Kabbala geläufig war, die sogar Menschen mit zwei oder mehreren Seelen kannte –; daß es also Menschen ohne Seele gibt, sei es, daß sie von außen gedrückt oder durch Not gehetzt, keine Zeit haben, sich eine Seele zu erwerben, sei es, daß sie im Getriebe des Alltags, der Geschäfte, des Vergnügens sich selbst keinen zweckfreien Augenblick gönnen. – Und ferner, daß in den meisten Menschen die Seele erst » geboren« werden muß. »Vielen ist eine Seele eingeboren,« heißt es im »Breviarium Mysticum«, »alle können sie erringen.« Deshalb steht die » Geburt der Seele« wie ein Mysterium, wie eine Art von Gralswunder, im Mittelpunkt von Rathenaus Weltanschauung. Die Menschen unterscheiden sich nicht danach, ob sie »gut« oder »böse« sind; – auch Rathenaus Ethik steht im Sinne Nietzsches »jenseits von Gut und Böse«, – sondern danach, ob oder nicht sich in ihnen die Geburt der Seele vollzogen hat, ob sie »seelenlos« oder Menschen mit einer Seele sind. Dieses Mysterium, diese Weihe, die einem Menschen zuteil geworden sein muß, damit er bei der großen Scheidung auf die Lichtseite kommt, ist aber nichts als das erste Erleben der eigenen Individualität, der eigenen einmaligen Einzigkeit, der eigenen Gotteskindschaft. Also nichts anderes als das Erlebnis – das höchst persönliche Erlebnis – das so viele große mystische Religionen und Religionsstifter in den Mittelpunkt ihrer Lehre rücken: nicht nur das chassidische Judentum, sondern auch Laotse, Buddha, Plato, Christus, auch Plotinus, auch die deutschen Mystiker, Meister Ekkhardt, Jakob Böhme, Angelus Silesius. Auch Nietzsche hat den Gegensatz zwischen Intuition und Geist zu dem zwischen Seele und Welt erweitert, und »Weisheit« nannte er die fest begründete Vorherrschaft der Seele, deren Obsiegen im Ringen mit der Welt. In einem um 1875 niedergeschriebenen Fragment über »Wissenschaft und Weisheit im Kampfe« sagt er: »Weisheit zeigt sich

1. im unlogischen Verallgemeinern und Zum-letzten-Ziele-Fliegen,

2. in der Beziehung dieses Resultates auf das Leben,

3. in der unbedingten Wichtigkeit, welche man seiner Seele beilegt. Eins ist Not.« (Werke Bd. X. S. 216.)

Daraus, daß nicht jeder eine »Seele« hat, daß in jedem die Seele erst »geboren« werden muß, aus dieser Einschränkung der Spinozistischen und Fichteschen Anschauung wachsen dann aber Fichtes ethische Gebote nur um so zwingender empor: die Pflicht eines jeden, nicht in sich das reine Licht Gottes trüben zu lassen, sondern jenseits des Zweckes zu seiner zweckfreien Seele durchzudringen; – die Forderung – die noch heute, wie vor zweitausend Jahren, in der Praxis revolutionäre Forderung – daß an dem Erringen seiner Seele niemand gehindert werden solle; und daher die wie eine Anklage wirkende Behauptung, daß jede Beschränkung dieser Freiheit ein Unrecht ist, das die Weltordnung stört und daher beseitigt werden muß. Aus dieser Erkenntnis, daß die Seele nicht notwendig von Geburt an im Menschen schon da ist, sondern auch nachträglich in ihm geboren werden kann, wächst aber auch die erlösende Erkenntnis, daß der schmerzliche Zwiespalt zwischen Mensch und Welt, das, was das Christentum »Sünde« nennt, überwunden werden kann – überwunden aber nur, wenn im Ansturm der Welt auf den Menschen dieser sich zu seiner Seele durchkämpft und in jedem Augenblick ihr die Oberhand sichert; – fehlt ihm die Kraft dazu, so müssen, nachdem er seine Seele entdeckt hat, Kampf und Pein verstärkt weitergehen. Das besagt schon die Erzählung vom reichen Jüngling im Evangelium; das besagt der Glaube der antiken Welt, daß der in die Mysterien Eingeweihte, der in seinem Leben den Weihen nicht treu blieb, vom rächenden Gott gestraft werde. Und wirklich wurden die in Rathenaus Doppelnatur latenten Gefahren wirksam und bedrohlich erst, als er an einer Wegkreuzung, wer weiß wo in Griechenland, seiner Seele begegnete, aber durch tausend Bindungen verhindert, ihr nur auf halbem Wege folgen konnte.

Und doch, was bei Spinoza eine mystische Formulierung für das Verhältnis zwischen Mensch und Unendlichkeit, bei Fichte die Grundlegung einer neuen Sittlichkeit war, die Göttlichkeit jeder Menschenseele, ihre Einzigkeit und ihr souveränes Recht der Welt gegenüber, erscheint dem Sucher Rathenau als eine ihn aus tiefster Lebensnot erlösende Zauberformel. »Wer die ersten stillen Regungen des Seelenlebens erfahren hat«, sagt er, »bedarf der Beweise nicht. Ihm besteht die innere Gewißheit, lebendiger als alles andere Erleben, daß hier eine neue Beschaffenheit des Geistes beginnt, die, von den intellektuellen Beschaffenheiten vollkommen gesondert, neue Kräfte, Freuden, Schmerzen und ein Leben über dem Leben erschließt.« (Mechanik des Geistes S. 36.)

 

Dieses Wunder, die Geburt einer Seele, dieser allerzarteste, geheimnisvollste Vorgang, kann sich aber nicht bloß in einem einzelnen Menschen abspielen; nein, auch eine Gemeinschaft – und das ist eine bei den Mystikern noch nicht vorkommende Vorstellung – auch eine menschliche Gemeinschaft kann aus ihrem Schoße eine Seele, eine Gemeinschaftsseele gebären. So wie nach der Kabbala in einem Leibe mehrere Seelen hausen können, so können nach dieser Vorstellung Tausende, ja Millionen Menschen an einer Seele teilhaben. Und nicht bloß Millionen von gleichzeitig Lebenden, sondern auch Geschlechter von Vor- und Nach-Lebenden, die alle durch die Teilhaberschaft an dieser einen Seele sozusagen nur einen Körper bilden. So entstehen Familien, Stämme, Völker, Nationen, Glaubensgemeinschaften, Kulturen um dieses zentrale Wunder der Geburt einer Seele herum, das der eigentliche gemeinschaftsbildende Vorgang ist, wie die Geburt einer Seele in einem Menschen seine eigentliche Menschwerdung ist. Wie ein Mensch erst in der Seele, die in ihm entsteht, sich selbst erlebt, so erlebt auch eine Gemeinschaft sich selbst erst, wenn eine Gemeinschaftsseele in ihr wirkt, die sich in ihren Gebräuchen, in ihrer Sprache, Sage, Dichtung, Kunst, Lebensform, Kultur offenbart. Mit dieser Vorstellung kam der deutsche Klassizismus über den reinen Individualismus hinaus. Von Herder formuliert, von Fichte weitergebildet und zu Ende gedacht, wurde sie zum lebendigen Kern des revolutionären Nationalgefühls, zum mächtigsten Hebel der politischen Umwälzungen des neunzehnten Jahrhunderts. Nach dieser Anschauung ist auch die Seele einer Gemeinschaft im Sinne von Spinoza eine Erscheinungsform Gottes, auch sie darf sich als reinen Spiegel Gottes fühlen; auch sie hat daher im Sinne Fichtes, wie der einzelne Mensch, die Pflicht gegen sich, jenseits aller Zweckmäßigkeit sie selbst zu sein, und darf die berechtigte Forderung an die Menschheit stellen, daß sie an der Verwirklichung ihrer zweckfreien Individualität, an ihrer Selbstbestimmung, durch Nichts gehindert werde. »Selbstbestimmungsrecht der Völker«, – hier ist seine transzendente Wurzel.

Aber wie ist die Geburt einer Gemeinschaftsseele möglich? Wie können mehrere Menschen an einer Seele teilhaben und diese Seele sogar von Geschlecht zu Geschlecht an Nachgeborene weitergeben? Rathenau erklärt es durch zwei psychologische Vorgänge: einen, den er das Phänomen der » Addition« den anderen, den er das Phänomen der » Strahlung« nennt.

Wie in einer Familie zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern eine Gemeinschaftsseele durch Liebe entsteht, so entsteht sie auch in einer größeren Gemeinschaft durch Vorgänge, die der Liebe ähnlich sind: durch das Gefühl der Solidarität und die Bereitwilligkeit des Einzelnen, sich für diese Gemeinschaft zu opfern; jede Gemeinschaft, ob Familie, Stamm, Nation oder Gesellschaft verschiedener Nationen (wie z. B. die Schweiz), in der Solidarität und Opfersinn herrschen, besitzt den Mutterboden, aus dem ihr eine Seele geboren werden kann. Diese Geburt der Seele in einer Gemeinschaft aus diesen Stimmungen nennt Rathenau das Phänomen der »Addition«, weil durch Solidarität und Opfersinn die Seelenteilchen der Einzelnen sich in einer Gemeinschaftsseele »addieren« (Mechanik des Geistes S. 158ff.).

» Strahlenphänomen« aber nennt Rathenau (Mechanik des Geistes S. 130ff.) den Vorgang, der in einer Gemeinschaft das Gedächtnis ersetzt, der ihr gestattet, ihre seelischen Erlebnisse zu einer fortlaufenden Erfahrung aneinander zu reihen. Am einfachsten läßt sich dieses » Strahlenphänomen« an einem Beispiel verdeutlichen. Der Wasserstrahl im großen Bassin des Parks von Sanssouci ist heute noch gleich dem, den Friedrich der Große gesehen hat; allerdings in jedem Augenblick seit dem Tode seines Schöpfers ist ein anderes Wasser aufgestiegen, aber seit hundertfünfzig Jahren hat sich die Form des Strahles nicht geändert, – wird in tausend, in zweitausend Jahren, wenn das Wasser noch aus dem gleichen Rohr steigt, immer die gleiche sein. Dieses Strahlenphänomen beherrscht, wie Rathenau richtig feststellt, alles Lebendige. Alles fließt, aber jeder Moment der dahineilenden Materie wird aufgefangen in einem milliardenfachen Netz von Formen, die der Welt den Schein der Stetigkeit verleihen, weil sie, von der Form des Weltalls bis zu der des Atoms, an menschlichen Maßstäben gemessen, unwandelbar sind. Dieses »Strahlenphänomen« – ich habe es in einem 1906 in der »Zukunft« veröffentlichten Aufsatz über » Nationalität« die Erscheinung » stetiger Formtendenzen« genannt, – beherrscht auch die Welt des Geistes und schafft die Möglichkeit, ein inneres Erlebnis in Gestalt einer Formtendenz weiterzugeben, so daß es trotz absterbender Menschen und aufeinander folgender Geschlechter immer wieder als das gleiche Erlebnis in anderen, neuen Menschen wiederkehrt; – so wie der Wasserstrahl im Park von Sanssouci immer wieder andere Wassermoleküle in die gleiche Form preßt. Nicht das Blut, sondern ein Schatz von stetigen Formtendenzen, die aus dem fortlaufend neuen, durchstürmenden Stoff immer den gleichen Strahl formen, gibt einer Gemeinschaft in den Formen ihrer Sprache, ihrer Kunst, ihrer Sitten, ihrer Religion eine eigene Individualität – im Sinne Rathenaus eine » Seele«. Und aus der Seele der Gemeinschaft fließen dann die Formen in die Seelen der Einzelnen zurück, so wie sie vor Zeiten einmal aus der Seele eines Einzelnen in die Seele der Gemeinschaft ausgeströmt sind. Die Geburt der Seele im Menschen und die Geburt der Seele in der Gemeinschaft sind Zwillingserscheinungen, zwei voneinander nicht zu trennende Mysterien, und diese beiden mystischen Vorgänge beherrschen Rathenaus Ethik, seine wirtschaftlichen, sozialen und politischen Forderungen.

 

Große Gedanken sind, wie Rathenau selbst einmal sagt, auf der Straße zu finden: sie zu fassen, ist leicht, sie in die Praxis umzusetzen schwer, schon der ehrliche Versuch fast unerhört – wenn eine komplizierte, von mehr Hemmungen als Hamlet behinderte Natur ihn unternimmt, tragisch. Um dem » Reiche der Seele« – das eine ähnliche Vorstellung wie Fichtes »Vollkommene Gesellschaft« ist –, in dem der Mensch und die Gemeinschaft Raum für die zweckfreie Entfaltung ihrer Seele haben sollen – um diesem Reich der Seele den Weg zu bereiten, hat Rathenau in drei grundlegenden Werken die Grundzüge einer neuen menschlichen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Weltordnung gezeichnet. Diese drei Werke sind: die 1912 veröffentlichte » Kritik der Zeit«, die 1913 veröffentlichte » Mechanik des Geistes« und das im Kriege geschriebene Buch » Von kommenden Dingen«.

Mit dem Willen, rücksichtslos festzustellen, was ist, tritt er an die heutige Welt heran und fragt: Was wird in dir aus der Seele? – Als Antwort erhebt sich vor seinen Augen eine Grundtatsache, die der Welt heute ihr Gepräge gibt: die Mechanisierung: die Seele liegt in den Ketten der Mechanisierung. Was heißt das? Mechanisierung, sagt Rathenau, ist » die Zusammenfassung der Welt zu einer unbewußten Zwangsorganisation, zu einer lückenlosen Gemeinschaft der Produktion und Wirtschaft.« (Von kommenden Dingen S. 35.) In dieser Zwangsanstalt verkommt die Seele. Das Problem, das Rathenau zu lösen unternommen hat, verdichtet sich zur Frage: Wie kann in dieser durch und durch mechanisierten, zu einer Zwangsorganisation von Zweckmenschen zusammengefaßten Welt wieder Freiheit geschaffen werden für die Seele? Man merkt: es ist das Problem, mit dem Rathenau für seine eigene Person nicht fertig wird, das unabsehbar erweitert vor ihm wieder auftaucht: der Schatten des Ringens in seinem Innern zwischen »Zweck« und »Seele«, der sich brockengespenstartig über die Erde ausbreitet. »Mit dem Riesenscheinwerfer des egozentrischen Geistes warf er das Bild seines inneren Schicksals auf sein Jahrhundert.« Richtig: mit unfehlbarer Intuition hat Emil Ludwig die Formel gefunden; aber da der Zwiespalt in Rathenau in der Tat derselbe ist, der die Menschheit bald in Fieberphantasien hin und her wirft, bald zu dumpfer Resignation erstarren läßt, so fälscht er nichts, wenn er den Versuch, sich zu erlösen, zu dem, die Menschheit zu befreien, erweitert.

Schicksal ist die Situation für die Menschheit deshalb, weil die Mechanisierung, wie Rathenau feststellt, die unentrinnbare Folge der unerhörten Vermehrung der Bevölkerung im letzten Jahrhundert und das einzig wirksame Mittel zu ihrer Erhaltung in dieser vermehrten Zahl ist. Wenn innere Freiheit mit einer mechanisierten Welt unvereinbar ist, wird die Menschheit ihre Seele opfern müssen. Rathenau selbst muß täglich im Andrang der Geschäfte um seine Seele kämpfen. Millionen von Menschen haben schon auf eine Seele ganz verzichtet. Vielleicht steht die ganze Menschheit vor der Wahl, die noch ihrem Auswurf schwer wird: entweder Leib oder Seele preiszugeben. Rathenau hat die Tragik dieser Wahl ganz ausgekostet. Daher das Pathos seiner Schriften: das Pathos eines tragischen persönlichen Schicksals erhoben zu dem undenkbar furchtbaren Schicksal der Menschheit.

Aber ist es richtig, daß eine unerhörte Vermehrung der Bevölkerung der Menschheit dieses Schicksal auferlegt? Nach Sombart (Hochkapitalismus III, Erster Halbband S. 355) hat sich die Bevölkerung Europas von 1800 bis 1914 vermehrt von 180 Millionen auf 452 Millionen, und die weiße Bevölkerung der ganzen Erde im selben Zeitraum von 185 Millionen auf 559 Millionen; die Hauptursache dieser Vermehrung ist allerdings, wie Sombart nachweist, der Rückgang der Sterblichkeit, nicht die Erhöhung der Geburtenzahlen. Aber das ist im Augenblick nebensächlich. Denn welches auch immer die Ursachen der Vermehrung sein mögen, – um den Bedürfnissen einer in so unerhörtem Tempo wachsenden Bevölkerung gerecht zu werden, »blieb den Völkern nur eins übrig: zu gänzlich neuen Gewohnheiten und Gesetzen des Lebens und Schaffens überzugehen zu dem Zweck, die irdische Produktion auf das gewaltigste zu vermehren und sie der Milliardenzahl der Menschheit anzupassen. Dies war nur auf einem Wege möglich: wenn durch eine rücksichtslose Anpassung an den Zweck der Effekt der menschlichen Arbeit um ein Vielfaches gesteigert und gleichzeitig ihr Erzeugnis, das produzierte Gut, auf das Vollkommenste ausgenutzt werden konnte. Erhöhung der Produktion unter Ersparnis an Arbeit und Material ist die Formel, die der Mechanisierung der Welt zugrunde liegt.« Ihre Hilfsmittel sind Organisation und Technik. » Organisation, indem sie Produktion und Verbrauch durch Verteilung, Vereinigung, Verzweigung in die gewollten mechanischen Bahnen lenkt, Technik, indem sie die Naturkräfte bändigt, und sie bald in gewaltigen Massenbewegungen, bald in chemischen Wirkungen, bald in elektrischen Strömen, bald in mechanisch-kunstfertigen Handgriffen – neuen Produktions- und Verkehrsorganisationen ausliefert ... Wenn somit die Mechanisierung ursprünglich in der Gütererzeugung wurzelt, so blieb sie nicht lange auf dies Gebiet beschränkt. Freilich bedeutet dieses noch heute den Stammbezirk ihrer Verzweigung und Überschattung; denn die Gütererzeugung bleibt das zentrische Gebiet des materiellen Lebens, dasjenige, mit dem sich alle übrigen in mindestens einem Punkt berühren. – Aber Mechanisierung erblicken wir, wohin wir auch über die Provinzen menschlichen Handelns das Auge schweifen lassen; allerdings treten ihre Formen derartig verwickelt und vielgestaltig auf, daß es vermessen dünkt, den ganzen Umriß des ruhelos bewegten Bildes zu umfassen. Dem wirtschaftlich Betrachtenden erscheint sie als Massenerzeugung und Güterausgleich; dem gewerblich Betrachtenden als Arbeitsteilung, Arbeitshäufung und Fabrikation; dem geographisch Betrachtenden als Transport- und Verkehrsentwicklung und Kolonisation; dem technisch Betrachtenden als Bewältigung der Naturkräfte; dem wissenschaftlich Betrachtenden als Anwendung der Forschungsergebnisse; dem sozial Betrachtenden als Organisation der Arbeitskräfte; dem geschäftlich Betrachtenden als Unternehmertum und Kapitalismus; dem politisch Betrachtenden als reale und wirtschaftlich-politische Staatspraxis. – Gemeinsam ist aber allen diesen Erscheinungsformen ein Geist, der sie seltsam und entschieden von den Lebensformen früherer Jahrhunderte unterscheidet: ein Zug von Spezialisierung und Abstraktion, von gewollter Zwangsläufigkeit, von zweckhaftem, rezeptmäßigen Denken, ohne Überraschung und ohne Humor, von komplizierter Gleichförmigkeit: ein Geist, der die Wahl des Namens »Mechanisierung« auch im Sinne des Gefühlsmäßigen zu rechtfertigen scheint ...« (»Zur Kritik der Zeit« S. 42-56.)

 

Mechanisierung bedeutet also eine vollkommene Umwälzung des ganzen geistigen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lebens.

Zunächst des wirtschaftlichen: »Von allen Teilen der Erdoberfläche strömen Urprodukte mineralischer und organischer Abkunft auf eisernen oder wässernen Wegen in die Sammelbecken der Städte und Häfen. Von dort verzweigen sie sich nach den Verarbeitungsstätten, wo sie in vorbestimmter Mischung eintreffen, um chemisch oder mechanisch umgestaltet als Halbprodukte einen zweiten Kreislauf zu beginnen. Von neuem getrennt und abermals vermischt und bearbeitet, erscheinen sie als Verbrauchsgüter, die zum drittenmal geordnet in den Lägern der Großhändler sich vereinigen, bevor sie die fein verzweigten Wege zum Kleinhändler und endlich zum Verbraucher finden, der sie in Abfallstoffe verwandelt und in den Gestaltungsprozeß zurücksendet. Dem Blutumlauf vergleichbar, ergießt sich der Güterstrom durch das Netz seiner Arterien und Adern. Und jeden Augenblick des Tages und der Nacht donnern die Schienen, rauschen die Schiffsschrauben, sausen die Schwungräder und dampfen die Retorten, um die Last dieses Umlaufes zu erneuern und zu bewegen ... – Fassen wir die Reihe dieser Vorstellungen zusammen, so muß uns die Erde als eine einzige untrennbare Wirtschaftsgemeinschaft erscheinen.« Der Betriebsstoff dieser ungeheuren neuen Weltmaschine ist das Kapital: »Damit der zum sichtbaren Gesamtgeschöpf erhobene wirtschaftliche Bienenstaat Existenz und Leben gewinnen konnte, mußte ein System unsichtbarer Verständigungen, Bindungen und Beziehungen gegeben sein, das die menschlichen Elemente des Organismus zusammenhielt, Beruf und Arbeit verteilte, und gleichzeitig die zu bearbeitende tote Substanz an diese lebenden Elemente kettete ... Den Kern dieser unsichtbaren Organisierung der wirtschaftlichen Welt bildet die Einrichtung des Besitzes, und zwar in der auf das strengste an die Person gebundenen Form erblichen Besitzes. Damit nun diese höchst persönliche Einrichtung den mannigfachen Bildungen und Bewegungen der mechanisierten Produktionsform sich anschmiegen konnte, mußte sie in analoger Weise wandelbar und unpersönlich werden. Der Besitz mußte bis ins kleinste teilbar, bis zum Größten anhäufbar, er mußte beweglich, austauschbar, fungibel, seine Erträge mußten von Stamm trennbar und für sich verwertbar sein. Kurz, der Besitz mußte im Abbilde den Aufgaben der mechanisierten Wirklichkeit, der Arbeitsteilung, Arbeitshäufung, Organisation und Massenwirkung entsprechen lernen, er mußte mechanisiert werden. – Den mechanisierten Besitz nennen wir Kapital. Der Vorgang, der von außen und physiologisch betrachtet, als mechanisierte Gütererzeugung erscheint, dieser Vorgang stellt sich von innen, menschlich und organisatorisch betrachtet, als Kapitalismus dar. – Daher wird der Kapitalismus andauern, solange das mechanisierte Produktionssystem Bestand hat ... Man kann daher von dem Aufhören der privatkapitalistischen Gesellschaft reden, vorläufig aber nicht von dem Aufhören der kapitalistischen Produktionsweise.« (»Kritik der Zeit« S. 61/62.)

Aus der Umwälzung der Wirtschaft folgt eine ebenso tiefgreifende Umwälzung und Krisis des politischen Denkens: »Der anonymen, selbsttätig wirkenden und rationalen Organisation des Besitzes steht, nicht minder mächtig, wechselseitig sich stützend und von ihr gestützt, eine zweite Organisation gegenüber, die auf Herkommen, Anerkennung, Gewalt und Sanktion sich aufbaut, die Organisation des Staates. In ihr kämpft seit unvordenklichen Zeiten das mystische mit dem mechanischen Prinzip, das erste berufen, Herkommen und Ziele zu festigen, das zweite von den wachsenden Aufgaben und Sorgen des Augenblicks emporgetragen. Die mystische Stärke des Staates lag in seiner uralten Verbindung mit Religion und Kult. Von dem Zeitpunkt ab, wo eine veränderte Wirtschaft, eine steigende Bedeutung der Bevölkerungsmenge, ein verstärkter Reibungskoeffizient in der Außenbewegung den Staat veranlaßte, Toleranz zu üben, das Verbrechen der Nebenreligion zu ignorieren, fremdreligiöse Nachbargebiete anzuerkennen, war der Stützpunkt vom Unbedingten, Überirdischen ins Bedingte, Nützliche verlegt; der religiöse Staat war ein Sakrament, der Verwaltungsstaat ist eine Einrichtung.« Ihm bleiben als unumgängliche Funktionen: äußere Politik und Landesverteidigung, Gesetzgebung und Rechtsschutz. Aber » tatsächlich und normalerweise gelten neun Zehntel der politischen Tätigkeit den wirtschaftlichen Aufgaben des Augenblicks, der Rest den wirtschaftlichen Aufgaben der Zukunft.« Den heutigen Staat »als eine bewaffnete Produktionsvereinigung auf nationaler Grundlage hinzustellen, wäre vielleicht verfrüht; ihn als eine mystische Institution oberhalb der mechanisierten Wirtschaft und Gesellschaft zu betrachten, sicherlich verspätet.« (Kritik der Zeit S. 68.) Als unvermeidliche Folge der Mechanisierung ergibt sich eine nicht mehr rückgängig zu machende Schwächung des Staatsgedankens, seine Zurückdrängung hinter wirtschaftlichen Erwägungen.

Also eine politisch und wirtschaftlich vollkommen auf den Kopf gestellte Welt; und in dieser erstickt die Seele. Wie? An welchen Giftgasen? Durch welche Vorgänge? Rathenau schildert sie im einzelnen.

Wie berührt der neue Weltzustand die Seele zunächst äußerlich? Er spannt sie ein in ein Netz von Organisationen, die kaum irgendwo einen Ausweg ins Freie lassen. »Ein erwachsener Deutscher, der vermögenslos aus Amerika heimkehrt, hat, sofern er sich nicht um Wohltätigkeit bewirbt, nur das Recht, sich mit normaler Geschwindigkeit auf öffentlichen Straßen zu bewegen und seine Stimme für die Reichstagswahl abzugeben.« (Kritik der Zeit S. 70.) Organisationen legen ihre vielfachen, unsichtbaren Maschen über jeden Fußbreit Erde. »Konnte vor Zeiten ein Deutscher sich rühmen, Christ, Untertan, Bürger, Familienvater und Zunftgenosse zu sein, so ist er heute Subjekt und Objekt zahlloser Gemeinschaften. Er ist Bürger des Reiches, des Staates und der Stadt, Eingesessener des Kreises und der Provinz und Mitglied der Kirchengemeinde; er ist Soldat, Wähler, Steuerzahler, Inhaber von Ehrenämtern; er ist Berufsgenosse, Arbeitgeber oder -nehmer, Mieter oder Grundbesitzer, Kunde oder Lieferant; er ist Versicherungsnehmer, Mitglied gewerblicher, wissenschaftlicher, unterhaltender Vereinigungen; er ist Kunde einer Bank, Aktionär, Staatsgläubiger, Sparkontenbesitzer, Hypothekengläubiger oder -schuldner; er ist Mitglied einer politischen Partei, er ist Abonnent einer Zeitung, des Telephons, des Postscheck-Kontos, der Trambahn, der Auskunftei; er ist Kontrahent von Verträgen, mündlichen und schriftlichen Verpflichtungen; er ist Sportsmann, Sammler, Kunstliebhaber, Dilettant, Reisender, Bücherleser, Schüler, Akademiker, Inhaber von Zeugnissen, Legitimationen, Diplomen und Titeln; er ist Korrespondent, Firma, Referenz, Adresse, Konkurrent; er ist Sachverständiger, Vertrauensmann, Schiedsrichter, Zeuge, Schöffe, Geschworener; er ist Erbe, Erblasser, Gatte, Verwandter, Freund. Diese Bindungen bedeuten die Verzweigungen der Nervenfasern im bloßgelegten Innern der mechanisierten Wirtschaft.« Sie bedeuten auch, daß das äußere Verhalten des Einzelnen in wachsendem Umfange nicht mehr ihn selbst, sondern ein Schema wiederspiegelt. Und ähnlich verschleiert die Persönlichkeit auch der mechanisierte Beruf. Früher, noch vor zwei, drei Menschenaltern, konnte man wenigstens den Beruf jedes Menschen an seinem Äußeren erkennen: man unterschied schon von weitem den Arzt, den Künstler, den Handwerker, den Landwirt; heute ist alles »Mittelstand«: der Maurermeister ist vom Journalisten nicht zu unterscheiden, der Preisboxer nicht vom Geistlichen. Jeder will und muß so aussehen wie der andere, weil » eine lebende Maschinerie (wie die mechanisierte Gesellschaft), um den Produktionsprozeß der Erde zu tragen, aus gleichmäßigem, normalem und festem Material bestehen muß« und » ihre Teile massenhaft produzierbar und auswechselbar sein müssen«. (Kritik der Zeit S. 71.)

So entwickelt sich aus diesen beiden Elementen, der organisatorischen Bindung und dem mechanisierten Beruf, »die entscheidende Eigenschaft der mechanisierten Gesellschaft: ihre Homogenität ... Ein Rechtsanwalt von heute ähnelt seinem medizinischen Stammtischgenossen weit mehr als ein Leinenweber einem Tuchmacher von ehedem. Und mehr noch ähneln sich ihre Häuslichkeit, ihre Lebensgewohnheiten, ihre Kleidungen, ihre Denkweise und ihre Wünsche.« (Kritik der Zeit S. 70-72.)

Daß die Menschen einander äußerlich immer ähnlicher werden, zunächst innerhalb jedes Landes, dann aber auch über alle nationalen Grenzen hinaus, ist die sichtbarste Folge der Mechanisierung; umwälzender sind weniger auffallende Wirkungen, die aber tiefer ins Innere dringen.

Die erste in die Tiefe gehende Wirkung, die einen völlig neuen Seelenzustand schafft, ist eine unerhörte Vermehrung der Kenntnisse und Vorstellungen jedes Einzelnen; nicht seiner »Bildung«, wie man noch vor kurzem sagte, sondern zunächst nur des rohen Tatsachenmaterials, das in ihn eindringt. Der mittlere Deutsche »verläßt die Schule mit einer Übersicht der vergangenen und der gegenwärtigen Welt, mit einer flüchtigen Kenntnis mehrerer Sprachen, verschiedener Rechnungsmethoden; er hat einen Begriff von der Mannigfaltigkeit der Lebenseinrichtungen, von der Schematisierung der Naturerscheinungen. In millionenfachen Reproduktionen sind Kunstwerke aller Zeiten, Baustile, Landschaften, Völkerschaften an ihm vorübergezogen. Der Weg durch eine städtische Straße hat ihm mehr Häufungen von Waren, Gerätschaften, Apparaten und Mechanismen vor Augen geführt wie Babylon, Bagdad, Rom und Konstantinopel kannten. Das Arbeiten der Maschinen, der Verkehrsmittel, der Fabrikation ist ihm verständlich, der Anblick von Menschen aller Berufe und Länder, von Tieren und Pflanzen aller Zonen nicht überraschend ... Aber mit der Lehrzeit und Berufseinreihung läßt der Strom der zudringlichen Kenntnisse nicht nach. Täglich mindestens einmal öffnet das Welttheater seinen Vorhang und der Leser des Zeitungsblattes erblickt Mord und Gewalttat, Krieg und Diplomatenränke, Pferderennen, Entdeckungen und Erfindungen, Expeditionen, Liebesverhältnisse, Bauten, Unfälle, Bühnenaufführungen, Spekulationsgeschäfte und Naturerscheinungen; an einem Morgen während des Frühkaffees mehr Seltsamkeiten, als seinen Ahnherren während eines Menschenlebens beschieden waren.« (Kritik der Zeit S. 81-83.) Im Zeitalter von Radio und Kino klingen diese Ausführungen schon fast altväterlich; die ungeheure Flut fremdartigster Vorstellungen ist inzwischen, unermeßlich vermehrt, ins letzte Dorf, ins entlegenste Asien und Südamerika gedrungen. Aber bereichert und befruchtet diese Überschwemmung die Seele? Alle diese Vorstellungen, Kenntnisse, Nachrichten hasten in einer rasenden Flucht vorüber. Kaum eine kann von Zeit zu Zeit haften bleiben, in die Tiefe dringen; die meisten dienen nur dazu, den Menschen von sich abzulenken, ihm Augenblicke, Minuten, Stunden der Selbstvergessenheit zu schenken; ihn von Tag zu Tag weniger innerlich zu machen, mehr und mehr aus den Tiefen seiner Seele fort an die Oberfläche und weit weg von sich in die Ferne zu ziehen.

Noch verheerender für das Innenleben sind die Wirkungen der neuen Arbeitsmethoden: einer so ins kleinste gehenden Arbeitsteilung, daß die Arbeit der großen Mehrzahl bloßes Stückwerk wird, das mit dem Schaffen früherer Zeiten fast nichts mehr gemein hat. »Mit Ausnahme der wenigen freien Berufe, deren Wesen ungeteilt und Selbstzweck ist, der künstlerischen, wissenschaftlichen und sonstigen schöpferisch gestaltenden Arbeit ist der mechanisierte Beruf Teilwerk. Er sieht keinen Anfang und kein Ende, er steht keiner vollendeten Schöpfung gegenüber; denn er schafft Zwischenprodukte und durchläuft Zwischenstufen ... So wird in der Schule des Berufes der Mensch seltsam gemodelt. Mag ihm die Arbeit eine Freude sein, sie ist nicht mehr die Freude des Schaffens, sondern des Erledigens. Eine Aufgabe ist gelöst, eine Gefahr beseitigt, eine Etappe gewonnen: nun zur nächsten und zur folgenden.« (Kritik der Zeit S. 84-87.)

Der Mensch, der mit tausend anderen zwanzigmal in der Minute die gleiche Handbewegung macht, ist kein Spiegelbild Gottes, nicht einmal Mensch mehr, sondern Maschine, ein seelenloses Uhrwerk, von dem die künstlichen Menschen der Brüder Czapek, die »Robbots«, nicht einmal Karikaturen sind. Seine Individualität ist bei seiner Arbeit ausgeschaltet; wenn er aus dem Fabriktor tritt, war er acht Stunden scheintot. Wer hätte noch die Stirn, »das Glück des Schaffens« ihm zu predigen? Die »Vossische Zeitung« vom 8. März 1928 (Morgenblatt) bringt die Zuschrift eines Maschinenschlossers Franz Flächsenhaar aus Mannheim: »Man versetze sich einmal in die Psyche eines Arbeiters, der früher ganz in seiner Arbeit aufging, der ihr seine Seele einhauchte, der mit der Gestaltung wuchs und in der vollendeten Arbeit sich selbst wiederfand. Und nun steht er am »Band«, macht Tag für Tag hundert- und aber hundertmal immer wieder dieselben Handgriffe und Bewegungen mit der stets gleichen Geschwindigkeit, die ihm vorgeschrieben ist. Seinen Handwerkerstolz hat er zu Grabe tragen müssen, denn das, was er macht, kann jeder andere auch. Der Rationalisierung mußte er seine Seele opfern.

Daher müssen andere Triebe als die Schaffensfreude geweckt werden, um ihm seine Arbeitskraft abzuzapfen: die Furcht vor dem Hunger, die Freude am überflüssigen Besitz, der Ehrgeiz, die Genußsucht. Und in der Tat, in seiner Reinkultur ist der mechanisierte Mensch nur noch geldgierig, geil und eitel: das ist das Restchen Seele, der eiserne Bestand, der ausreicht, um seinen Mechanismus, um den der Welt, in Betrieb zu halten.

 

Aber bekommt die Seele neben diesen tauben Nüssen keine kräftigere Nahrung geboten? Ja, doch: Ein Ideal hat das Zeitalter der Mechanisierung wachsen und alle anderen überschatten sehen, den Nationalismus. Nicht den Patriotismus, sondern den Nationalismus. Patriotismus bedeutet Opferbereitschaft für das eigene Volk ohne weiteren Zweck, einfach Opferbereitschaft zum Schutz und Wohl des eigenen Volkes. Eine schlagende und bildhafte Illustration patriotischer Opferbereitschaft schlechthin ohne Gedanken an irgendeinen Vorteil bietet die Schilderung Theodor Däublers von der Rettung der kleinasiatischen Griechen nach der Katastrophe von 1921 durch die armen griechischen Schiffer und Fischer von Santorin, Paros, Naxos, Syra usw.; sie zeigt das Element des Patriotismus, eines der kostbarsten der menschlichen Seele, in solcher Reinheit, daß sie hier unverkürzt folgen möge:

»Von Santorin kommend, verließ ich den griechischen Dampfer in Paros, um den Marmorbrüchen der Insel und ihrer wundervollen byzantinischen Kirche einen Besuch abzustatten. Die Bevölkerung kam mir zutiefst traurig vor. Man ahnte ein großes Unglück, sprach aber nicht davon. Nach zwei Tagen wollte ich Paros verlassen: Alte Fischer im Hafen nickten abweisend mit dem Kopf, blickten auf das Meer und sagten: ›Das Schiff kommt nicht.‹ ›Wann wird es kommen?‹ fragte ich. ›Vielleicht in einem Monat,‹ erwiderte ein Pilot, ›vielleicht schon früher.‹ Ich war im Besitz eines Scheines der Regierung, auf dem stand, alle griechischen Behörden sollten mir hilfreich sein. Den konnte ich zunutze ziehen. Es gelang denn auch der Seebehörde, mich auf ein Segelschiff, das Fische, in Eis verpackt, nach dem Piräus brachte, am Nachmittag des gleichen Tages einzuschiffen. Es war das letzte, das der Hauptstadt zusteuerte. Sämtliche Dampfer Griechenlands hatten den Befehl erhalten, an die Küste von Kleinasien zu fahren, um Flüchtlinge aufzunehmen. Die griechische Armee war geschlagen; Ionien, die Heimat Homers und der großen Philosophen der Antike, preisgegeben worden. Erbittert hatte sich der siegreiche Türke auf Städte und Dörfer seiner unbotmäßigen Untertanen gestürzt. Diesmal sollten Griechen und Armenier ausgerottet werden. Oh, der Archipelagus sah beklommen aus! Bei heftigem Nordweststurm sah man alle Schiffe, auch kleine Segelboote, die dem bedrohlichen Wogengang kaum gewachsen sein konnten, ostwärts Kurs nehmen. Jeder Grieche, der ein Schiff besaß, war vom Weckruf, der seine Seele durchschauerte, ergriffen worden: Das asiatische Hellas verloren! – Überall an der Europa zugewandten Küste Kleinasiens erscholl nun der Ruf: »Wenn hier Christen sind, wenn sich Hellenen wo verstecken, so kommt, Brüder! Brüder warten mit Boten, um Euch wegzuführen.« Und ein Wunder sollte sich ereignen: Beinahe eine halbe Million Menschen, Frauen, Greise und Kinder sind grausam niedergemetzelt worden, doch dreimal so viele konnten gerettet, nach Europa gerettet werden. Ich habe das mit eignen Augen gesehen. Ich dichte nicht, sondern ich berichte.« Von Theodor Däubler für mich nach einem mündlichen Vortrage aufgezeichnet.

Im Gegensatz zu dieser selbstlosen Opferbereitschaft ist der Nationalismus bewaffnete Expansionspolitik, gerechtfertigt durch den Anspruch, daß sie einem auserwählten Volk zu seinem Rechte verhilft. Der Nationalismus hat im neunzehnten Jahrhundert eine auffallende Blüte erlebt; keineswegs aber ist er, wie Rathenau meint, »sehr jung« und sozusagen eine neuere Erfindung. Wo es unternehmungslustige Geschäftsleute und starke Staaten gegeben hat, hat es immer auch Nationalisten gegeben. Der Sokrates-Schüler, schöne Jüngling, deklassierte Adlige und gern gesehene Gast reicher Athener Getreidehändler, Alkibiades, der Athen nach Sizilien und in die Katastrophe vor Syrakus trieb, war schon ein Nationalist, der Expansionspolitik mit bewaffneter Hand durch Hinweise auf Athens Kulturmission rechtfertigte. Auch hat nationalistische Politik keineswegs immer bloß Katastrophen herbeigeführt; das Britische Weltreich ist von Cromwell bis zum jüngeren Pitt das Meisterstück eines rücksichtslosen Nationalismus, der die göttliche Vorsehung im Munde und reichliche Munition im Bauch seiner Orlogschiffe führte. Und nicht einmal einen ideologischen Gehalt kann man dem Nationalismus absprechen. Die Vorstellung, einem auserwählten Volke anzugehören und daher auf eine bevorzugte geschäftliche Stellung in der Welt Anspruch zu haben, vermag auch ideale Kräfte auszulösen, die allerdings etwas zweideutig am Rande privaten Geschäftemachens dahinleben. Doch diese ideologische Seite zugegeben, darf deshalb vom Nationalismus die Befreiung des Menschen vom Alpdruck der Mechanisierung und des »Materialismus« erwartet werden? Millionen glauben es, haben es vor allem geglaubt, als sie das »Stahlbad des Krieges« herbeisehnten. Und selbst nach dem Kriege bleibt er der eigentliche Glaube, die einzige Religion und ideale Regung großer Volksteile in jedem Lande. Und doch hegt es auf der Hand, daß gerade er die Seele nicht über die Mechanisierung hinausheben kann. Denn er ist zweckhaft – es ist durchaus ein Ausfluß des gleichen materialistisch rechnenden Verstandes wie die Mechanisierung selbst, und als solcher mit ihr wesensverwandt: sozusagen ihr älterer Bruder, wenn auch ein feindlicher, der auf halben Wegen stecken geblieben ist zwischen der alten, noch in viele Wirtschaftsgebiete geteilten Welt und der neuen, die zu einer wirtschaftlichen Zwangsgemeinschaft zusammengewachsen ist. Und deshalb hat er auch keine Zukunft, kann er auch zukünftig keine Bedeutung mehr für die Seele, für die innere Freiheit des Menschen gewinnen. Denn täglich zerstört sein feindlicher, ihm über den Kopf gewachsener Bruder ein kleines Stück nach dem anderen von seinem Unterbau. Sein Fundament, die Gegensätzlichkeit der Interessen nach Landstrichen und Nationen, ist unterhöhlt, bröckelt ab; andere Gegensätze kommen auf, die tiefer einschneiden. Obwohl es so aussieht, wie wenn der Nationalismus das mechanistische Zeitalter gewissermaßen als Religionsersatz beherrsche, steht er wirklich in einem Kampfe auf Leben und Tod mit der Grundtendenz der Epoche; und in diesem Kampfe kann er nicht siegen. Er bietet daher nicht nur keinen Ausweg aus der Mechanisierung, sondern muß ihr letzten Endes erliegen. Daher auch das faschistische Experiment, einem Volke aus dem Nationalismus eine neue, über dem platten Materialismus anderer Nationen erhabene Seele zu schmieden, mißglücken muß: ehe das Werk vollendet ist, wird das Feuer längst erloschen sein, das das Wunder wirken soll. Der Nationalismus hat in hundert Jahren nicht ein einziges Kunstwerk oder Gedicht von Bedeutung hervorgebracht; wie sollte er das Ungeheure, eine Seele, hervorbringen? So erklärt sich Rathenaus schroffe Ablehnung des Nationalismus, die seine Haltung vor, in und nach dem Kriege bestimmte. Wenn es scheine, als sei der Nationalismus in seiner Eigenschaft als Brotfrage für alle Zeiten verankert, so könne man nur antworten: »Er ist es nicht, denn das Widersinnige ist nicht von Dauer.« (Kritik der Zeit S. 116.)

 

Die mechanisierte Welt zeigt also ein Bild äußerer Bindungen und innerer Zerstörungen der Seele ohne irgendein aus ihr selbst erwachsendes Ideal als Erlösung. Und dieses Bild ist bisher sogar noch unvollständig; denn es fehlt die schlimmste Sünde der Mechanisierung, eine innere Verkrüppelung des Menschen, die in der Form einer äußeren Bindung auftritt: das proletarische Verhältnis, die Zweischichtigkeit der mechanisierten Gesellschaft, ihre Teilung in eine Oberschicht, das Bürgertum, das überall auf einer Unterschicht, dem Proletariat lastet. Die schlimmste Sünde: denn infolge dieser Schichtung kommen für den Proletarier neue Bindungen und neue seelische Zerstörungen zu denen hinzu, die den Bürger umstricken und verkümmern lassen, und wird die Frage, wie er sein Menschentum durch die Maschen der Mechanisierung hindurch retten soll, zu einem für ihn noch dringlicherem und furchtbarerem Problem als für den Bourgeois, zu einem keine Ruhe und keinen Frieden gebenden Spezialproblem, das er lösen muß, um nicht körperlich und zugleich seelisch zugrunde zu gehen. Als Spezialfall der Frage, wie dem mechanisierten Menschen zu helfen sei, erscheint in dieser Beleuchtung die soziale Frage.

 

Dadurch, daß Rathenau den Befreiungskampf der Unterschicht in einen umfassenderen Fragenkomplex einordnet, erweitert und stärkt er seine ethische Grundlage und steckt sein Ziel höher als die bloß wirtschaftliche Hebung des Proletariers. Marx stützt die ethische Berechtigung des Klassenkampfes auf eine sozusagen juristische Forderung: der Bourgeois vergütet dem Proletarier nicht den ganzen Wert seiner Arbeit, sondern nur einen Teil dieses Wertes: den anderen Teil (Marx nennt ihn » Mehrwert«) steckt er ohne Gegenleistung in die Tasche; dieser Unterschlagung verdankt er sein Einkommen, sein Kapital, seine Existenz. Der Proletarier fordert das Unterschlagene, den »Mehrwert«, zurück; aber das Urteil ergeht in der kapitalistischen Gesellschaft gegen ihn, nicht weil er unrecht hat, sondern weil der Bourgeois die politische Macht und die Produktionsmittel sich gesichert hat und das Recht beugen kann. Daher muß der Proletarier beides, die Produktionsmittel und die politische Macht, erobern; und ihn stützt dabei das Recht, wenn nämlich die Voraussetzung richtig ist, daß der Unternehmer ihm einen Teil des Kaufpreises für seinen Arbeitswert unterschlägt. Dies die ethische Grundlage des Marxismus. Sie ist agitatorisch hinreißend, politisch unerhört wirksam, aber schmal und offensichtlich schwach, weil sie von einer Voraussetzung ausgeht, die zum mindesten bestritten ist. Rathenau geht ebenfalls aus von einem Unrecht, das dem Proletarier vom Bourgeois widerfährt. Dieses Unrecht ist aber nicht die Unterschlagung eines Bruchteils des Kaufpreises für seine Arbeit; oder richtiger, falls eine Unterschlagung vorliegt, so ist sie nur ein Teil eines noch größeren Unrechts, indem dem Proletarier nicht nur sein rechtmäßiger Verdienst, sondern auch seine Seele gestohlen wird. »Nicht innere Notwendigkeit des Mechanisierungsprinzips,« sagt Rathenau, »sondern bequem gebilligte Begleitumstände der Entwicklung haben die an sich unvermeidliche Arbeitsteilung zwischen geistiger und körperlicher Leistung zur ewigen und erblichen gemacht und so in jedem zivilisierten Lande zwei Völker geschaffen, die blutsverwandt und dennoch ewig getrennt, im gleichen Verhältnis wie ehedem die stammesfremden Ober- und Unterschichten, einander gegenüberstehen. Beide sondert und beherrscht der Zwang ... Von unerhörter Härte ist dieser Trennungszwang für das zweite Volk ... Die Arbeit des Proletariers genießt zwar jene lockende Anonymität der Abhängigkeit; er erhält nicht Befehle, sondern Anweisungen, er folgt nicht dem Herrn, sondern dem Vorgesetzten; er dient nicht, sondern übernimmt eine freie Verpflichtung; seine menschlichen Rechte sind die gleichen wie die des Gegenkontrahenten; er hat die Freiheit, Ort und Stellung zu wechseln; die Macht, die über ihm steht, ist nicht persönlich: erscheint sie in der Form eines einzelnen Arbeitgebers oder einer Firma, so ist es in Wahrheit die bürgerliche Gesellschaft. Dennoch verläuft sein Leben, wie er es auch innerhalb seiner Scheinfreiheit gestaltet, in generationenlanger Öde und Gleichförmigkeit ... Wer ermißt, daß dies Leben nicht endet, daß der Sterbende die Reihe seiner Kinder und Kindeskinder unrettbar dem gleichen Schicksal überliefert sieht, den ergreift die Schuld und Angst des Gewissens. Unsere Zeit ruft nach Staatshilfe, wenn ein Droschkenpferd mißhandelt wird, aber sie findet es selbstverständlich und angemessen, daß ein Volk durch Jahrhunderte seinem Brudervolke front, und entrüstet sich, wenn diese Menschen sich weigern, ihren Stimmzettel zur Erhaltung des bestehenden Zustandes abzugeben.« (»Von kommenden Dingen« S. 34ff.) An einer anderen Stelle kommt er nochmals auf die unüberwindliche Schranke zurück, die den Proletarier vom Bürger trennt. Mag er sich noch so sehr abmühen, in die Oberschicht überzugehen: »Der Eintritt gelingt nicht. Der Kreis ist heimlich geschlossen, sein besonderes Merkmal ist Geld. Wer hat, dem wird gegeben; was er besitzt, das vermehrt sich, doch zunächst muß er besitzen ... So erheben sich gläserne Mauern von allen Seiten, durchsichtig und unübersteiglich, und jenseits liegt Freiheit, Selbstbestimmung, Wohlstand und Macht; die Schlüssel des verbotenen Landes aber heißen Bildung und Vermögen und beide sind erblich. – Dieses Verhältnis bedeutet unter dem Schein der Freiheit und Selbstbestimmung eine anonyme Hörigkeit, nicht von Mensch zu Mensch, sondern von Volk zu Volk ... Mit der Forderung der seelischen Freiheit und des seelischen Aufstiegs verträgt es sich nicht, daß die eine Hälfte der Menschheit die andere, von der Gottheit mit gleichem Antlitz und mit gleichen Gaben ausgestattet, zum ewigen Dienstgebrauch sich zähmt.« (Von kommenden Dingen S. 69ff.)

Sein sittliches Urteil über diesen Zustand faßt Rathenau zusammen in den Worten: » Eine sittliche Rechtfertigung des proletarischen Verhältnisses ist unmöglich.« Und weiter: »Wir haben die anonyme Dienstbarkeit erblichen Standes, die hoffnungslose Verurteilung eines Volkes zu ungeistiger Fron, die Entseelung seiner Wünsche und Freuden als dem Segenskreise des Natürlichen entwichen, als übel und unrecht anerkannt. Der Wille zum Volk schließt den Willen zur Schichtung aus. Wer den deutschen Menschen will, kann nicht den proletarisch gebundenen Deutschen wollen.« (Von kommenden Dingen S. 201f.) Man hört die Stimme Fichtes: »Die Wahl eines Standes ist eine Wahl durch Freiheit; mithin darf kein Mensch irgend zu einem Stande gezwungen oder aus irgendeinem Stande ausgeschlossen werden. Jede einzelne Handlung, sowie jede allgemeine Veranstaltung, die auf einen solchen Zwang ausgeht, ist unrechtmäßig« (Über die Bestimmung des Gelehrten 1794 S. 64) und etwas früher in derselben Schrift: »Jeder, der sich für einen Herrn andrer hält, ist selbst ein Sklav. Ist er es auch nicht immer wirklich, so hat er doch sicherlich eine Sklavenseele und vor dem ersten Stärkern, der ihn unterjocht, wird er niederträchtig kriechen. Nur derjenige ist frei, der alles um sich herum frei machen will.« (A. a. O. S. 39.) Rathenau schließt: » So erscheint uns die Forderung der Wiedergeburt nicht mehr allein unter dem Anblick der Befreiung eines Standes, sondern schlechthin in der Fassung der Versittlichung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ordnung unter dem Gesetz persönlicher Verantwortung.« (Von kommenden Dingen S. 85.)

Aber was tun? »Ein tief bewegtes, furchtbar schweigendes Proletariat ruht zu unterst, ein Volk für sich, ein dunkler See, aus dem zuweilen ein Blick und ein Schrei nach oben dringt: den Inbegriff der Schuld und Sünde mechanisierter Gesellschaft.« (Von kommenden Dingen S. 201.) Wie dieses Volk aus seiner Seelenferne, aus dem untersten Kreis der Hölle der Mechanisierung erlösen? Die Aufgabe scheint hoffnungslos, doppelt hoffnungslos, weil sie nur ein Teil der umfassenderen Notwendigkeit ist, beide: nicht nur den Proletarier, sondern auch den Bourgeois wieder zu Menschen zu machen. Und hier muß gesagt werden, daß die Form, in der Rathenau die soziale Frage stellt, – mag man über seine Antworten denken wie man will – einen Fortschritt bedeutet, einen Fortschritt über Marx hinaus; nicht nur, weil dadurch die Forderungen des Proletariats eine breitere und weniger angreifbare Stütze erhalten, – sondern weil die Lösung auch der größeren Aufgabe, die Erweckung des Menschen als solchen aus dem Todesschlaf der Mechanisierung, nötig ist, wenn aus dem Proletarier nicht bloß ein kleiner Bourgeois, sondern wieder ein Mensch werden soll. Die ungeheuren, fast unüberwindlichen Schwierigkeiten der Aufgabe, die er sich so gestellt hat, hat Rathenau nie verkannt; ja, sie waren ihm aus seiner eigenen inneren Erfahrung nur zu vertraut. Denn wenn die mechanisierte Welt auch kein Ideal hat, so stützt sie sich doch wiederum nicht bloß auf materielle Macht, sondern auch auf eine noch schwerer als diese zu überwindende allgemeine Zeittendenz, auf das Streben nach dem ausschließlich Vernünftigen. »Wir müssen anerkennen«, sagt Rathenau in der »Kritik der Zeit« (S. 126), »daß niemals, solange die irdische Menschheit besteht, eine Weltstimmung so einheitlich einen so ungeheuren Kreis von Wesen beherrscht hat wie die mechanistische. Ihre Macht scheint unentrinnbar, denn sie beherrscht die Produktionsquellen, die Produktionsmethoden, die Lebensmächte und die Lebensziele: und diese Macht beruht auf Vernunft

» Trotzdem«, sagt er, » trotzdem trägt die Mechanisierung schon heute den Tod im Herzen. Denn im Urgrund ihres Bewußtseins graut dieser Welt vor ihr selbst; ihre innersten Regungen klagen sie an und ringen nach Befreiung aus den Ketten unablässiger Zweckgedanken. – Die Welt sagt, sie weiß, was sie will. Sie weiß es nicht, denn sie will Glück und sorgt um Materie. Sie fühlt, daß die Materie sie nicht beglückt und ist verurteilt, sie immer von neuem zu begehren. Sie gleicht Midas, der im Goldstrom verschmachtet ... Aus aller Verworrenheit aber klingt die Stimme der Sehnsucht doppelt ergreifend, weil sie, das selbstsichere Wort der Bewußtseinswelt verleugnend, sich anklagt, was sie ersehne, das wisse sie nicht.«

 

Mit diesen Worten, die wie ein Selbstbekenntnis klingen, leitet er in der »Kritik der Zeit« seine Ausschau nach Gegenkräften ein, die die Mechanisierung, wenn nicht beseitigen, so doch überwinden könnten. Denn eine Rückbildung der Mechanisierung kommt nicht in Frage. »Nach jahrelanger Arbeit an den Idealproblemen unserer Wirtschaft glaube ich, daß die Mechanisierung nur durch die Mechanisierung überwunden werden kann« (Brief 263). Aber wo sind die Kräfte, die die Mechanisierung sozusagen resorbieren und unschädlich machen könnten? Daß der Nationalismus nicht dazu taugt, ist gesagt worden. Vermöchte es eine der alten, klassischen Formen seelischer Abkehr von der Welt und schöpferischer Verinnerlichung? »Wer lehrt dem zweifelnden Menschen dieser Zeit, was er schätzen, lieben, begehren, erstreben darf? Er wendet sich zur Philosophie; sie antwortet ihm: so mußte dieser, so mußte jener denken, Umstände und Anlagen führen zu der einen oder zur anderen Weltanschauung. Jede ist wahr, jede ist falsch. – Er wendet sich zur Religion ... Sie gibt ihm eine Geschichte Gottes. Die Gottheit wird zum naturgeschichtlichen Gegenstand ... Er befragt die Wissenschaft. Sie rät ihm, sich zu spezialisieren. – Die Kunst eröffnet ihm den Bildersaal, der von Memphis bis Paris, von Mexiko bis Peking alle Schönheit der Zeiten und Völker birgt. Sie verherrlicht die eine, schmäht die andere Epoche mit dem Hinweis, daß sie morgen umgekehrt verfahren wird ... Es ist, als sei die Welt flüssig geworden und zerrinne in den Händen. Alles ist möglich, alles ist erlaubt, alles ist begehrenswert, alles ist gut. – Der Mensch aber begehrt Glauben und Werte.« (Kritik der Zeit S. 127.)

Das soll nicht heißen, daß Philosophie, Religion, Wissenschaft, Kunst jeden Wert verloren hätten; wohl aber, daß sie nicht ausreichen –, daß ihre Stoßkraft zu schwach geworden, oder noch nicht wieder stark genug ist, um für sich allein und ohne fremde Hilfe die eiserne Klammer der Mechanisierung zu sprengen. Ja, »in der vollkommenen Konsequenz der Mechanisierung, die dem heutigen intellektualen Stande der Welt restlos entspricht, und in selbst erregender Steigerung mit ihm wetteifert, liegt es begründet, daß diese Gegenkräfte auch nicht politische, nicht soziale, nicht wirtschaftliche, mit einem Wort: nicht mechanischer Art sein können. Selbst das Emporkommen eines theoretisch vollständigen sozialen Staatswesens, die Verstaatlichung der Produktionsmittel und die Kontingentierung der Arbeitsgüter würde nicht die Mechanisierung brechen, sondern allenfalls in ihrem Schatten eine im Sinne der Kultur unerhebliche Neuregelung von Besitz und Macht bewirken, und nicht einmal für ihren Bestand Gewähr leisten.« (Mechanik des Geistes S. 313.)

Die Welt erscheint Rathenau wirklich wie der Makrokosmos, wie das ungeheure Spiegelbild seines eigenen Innern: wie in ihm, nachdem er sich die materielle Freiheit gesichert hatte, Intuition, Phantasie, gefühlstiefe Innerlichkeit gegen Verstand und Zweckhaftigkeit aufgestanden sind und plötzlich ihm im Erlebnis der » Seele« einen Sinn des Lebens und einen Ausweg aus dem Kerker der Mechanisierung gezeigt haben, so meint er, daß diese selben Kräfte und einige mit ihnen verwandte, außerhalb des Zweckkomplexes stehende, auch der Menschheit einen Sinn ihrer Geschichte zeigen und sie über die Mechanisierung hinausführen würden, wenn sie dem Verstande gegenüber freie Bahn bekämen, und man entschlossen die Hindernisse wegräumte (vor allem die materielle und seelische Not des Proletariats), die heute die volle Auswirkung ihrer Wundermacht hemmen. Schon heute sieht Rathenau ihre Stoßkraft »ohne äußeres und inneres Zutun, – ohne Erkenntnis neuer Welt- und Glaubensrichtung, ohne Einkehr und Ausblick« im Wachsen begriffen und der Alleinherrschaft der Klugheit und Schlauheit allmählich gefährlich werden. Im Gegensatz zu den aus der Furcht geborenen Kräften des Geistes »werden Eigenschaften, die dem Mute nicht allzu fern stehen, Phantasie, Schaukraft, Innerlichkeit, verbunden mit den tieferstehenden Eigenschaften der Energie, der Geduld und Zähigkeit, in den Mittelpunkt der Kräfte treten, deren die Mechanisierung im Zenit und Abstieg bedarf und die berufen sind, dereinst zur Vollendung der Seele den Weg zu weisen.« (Mechanik des Geistes S. 332.)

Gleichzeitig werden die vom Verstande geleiteten Triebe, die bisher die Hauptmotoren der Mechanisierung gewesen sind, Besitzfreude, Ehrgeiz, Streben nach äußerlichem Glanz an Bedeutung verlieren. »Wir alle wissen, daß schon heute, in dieser Zeit des Begehrens, die erleuchtetsten und geistigsten Geister den Lebensweg wählen, der sie am weitesten vom Besitz hinwegführt ... Wir wissen, daß alle Besitzseligkeit, Genußsucht und Verschwendung die Sache mißratener Söhne, zufälliger oder diebischer Emporkömmlinge ist, daß schöpferische Menschen von ihrer Lebensführung unabhängig sind. Wir wissen, daß die Reichsten unserer Zeit im Besitz eine Verantwortung zu sehen beginnen, daß sie mehr und mehr es würdig finden, sich dieser Bürde bei Lebzeiten zu entledigen, anstatt sie der Willkür des Erbganges zu überantworten. Es gehört wenig Voraussicht dazu, zu erkennen, daß die Zeit naht, die, sofern sie die Institution des Privateigentums beibehält, das Erbrecht aufs engste beschränkt und den überwiegenden Teil des persönlichen Einkommens der Gemeinschaft zuführt ... Die denkbar schlechteste Arbeit ist es, die aus Not oder bloß um des Lohnes willen geleistet wird. Wenn es noch irgendwo ein Paar gutgenähte Stiefel gibt, so stammen sie von einem Schuster, der an seinem Handwerk Freude hat. – So sehen wir denn bei kühler, ja geschäftsmäßiger Betrachtung den Boden auch des materiellen Lebens für das Kommende bereitet.« (Mechanik des Geistes S. 298ff.)

Ja, die Schwächung dieser Triebe, die die mechanisierte Welt gebaut haben, legt die Frage nah, ob nicht die Gefahr besteht, »daß die individualen Motoren, welche den soziologischen Weltmechanismus treiben, geschwächt, ja vernichtet werden? ... Wird nicht dieser ungeheure Mechanismus vom Begehren und vom Kampf, vom Denken und vom Zweck getrieben? – Was soll geschehen, wenn die Triebkräfte erlahmen, das Begehren schweigt, der Kampf in Liebe endet, das Denken im Schauen aufgeht, und der Zweck erstirbt? Mancher wird meinen, daß ohne die lebendige Kraft dieser Motoren die menschliche Welt nicht einen Tag bestehen kann und damit dieser Welt das Zeugnis ausstellen, daß sie nicht verdient, einen Tag zu leben, und daß es besser sei, sie wäre nie geschaffen worden.« (Mechanik des Geistes S. 290ff.) Die Frage, die hier aufgeworfen wird, spielt in einem anderen Zusammenhang, bei der Darstellung von Rathenaus praktischen Reformvorschlägen, wieder eine Rolle. Hier, wo nur eine Übersicht über die beiden Schlachtfronten gesucht wird, die für oder gegen die Befreiung des Menschen von der Alleinherrschaft des Zweckes kämpfen, genügt es, Rathenaus Antwort zu verzeichnen, daß diese Motoren zwar den Weltmechanismus getrieben haben, aber nie wirklich schöpferisch gewesen sind. »Ehrgeiz hat in dieser Welt nie andres gewirkt als schlaue Praktiken, kleine Mittel und mittlere Zufallserfolge ... Nähern wir uns aber den wahrhaft Großen und Schöpfern der Gedanken und Werke, so erkennen wir Menschen, die der Sache dienen ... Schein, Nebenwirkung und Lohn bedeutet ihnen nichts; auf Besitz, Macht und Leben verzichten sie, wenn ihrer Sache gedient ist. Diese Liebe zur Sache ist transzendent, denn sie ist zweckfrei und intuitiv; phantastisch und divinatorisch sind auch die Geisteskräfte, die sie entfesseln. Solcher Art waren und sind die Menschen, welche den weltlichen Dingen ihre Form gegeben haben. Die Leidenschaft, die sie bewegt, ist die gleiche, die den Künstler, den Forscher, den Handwerker und Bauer beseelt; sie heißt Schaffensfreude. Ein weiteres Hochgefühl des tätigen Menschen muß sich in ihnen zur herrschenden Empfindung steigern, jenes Bewußtsein, durch den Willen geistiger, ja göttlicher Kräfte zu einem Wirken berufen zu sein, das den ganzen Menschen hinnimmt, das den restlosen Kampf gegen die eigene Unvollkommenheit verlangt, das nicht ohne weiteres übertragbar ist und daher die Würde einer persönlichen Last und Notwendigkeit verleiht. Dieses Bewußtsein bezeichnen wir mit dem Namen der Verantwortung, der besagt, daß vom Geiste vor Gott und Menschen Rechenschaft gefordert wird.« (Mechanik des Geistes S. 297.) Hinter diesen Worten steht nicht nur ein Selbstbekenntnis, dem die Zukunft eine tragische Bedeutung verleihen sollte, sondern auch wieder die Gestalt Emil Rathenaus. Die Motoren, die Walther Rathenau bei seinem Vater als die stärksten erkannt hat, Schaffensfreude und Verantwortung, sieht er an die Stelle des Willens zum Besitz und des Ehrgeizes treten und erwartet, daß sie »noch lange die menschliche Betriebsgemeinschaft erhalten und führen, wenn der Motor des Ehrgeizes längst erkaltet ist.«

Aber diese Antwort kann natürlich nur für die Führer des Wirtschaftslebens Geltung beanspruchen, nicht – oder vorläufig jedenfalls nicht – für das durch die mechanisierte Arbeitsteilung in seiner Mehrzahl jeder Möglichkeit der Schaffensfreude beraubte Proletariat. Bei diesem tritt aber ein anderer Trieb allmählich in den Vordergrund, der, wenn irgendeiner, vorbestimmt erscheint, wie eine wachsende Flut die kalte Vorherrschaft des Verstandes wegzuspülen und die Seele wieder emporzutragen: das Gefühl der Solidarität, wenn unter Solidarität das Bewußtsein verstanden wird, daß innerhalb einer Gemeinschaft einer für alle und alle für einen stehen. Die Schilderung und Analyse dieses Triebes ist in der »Mechanik des Geistes« eines von den Kernstücken. Mit Recht. Denn das Solidaritätsgefühl, das nicht bloß innerhalb der Völker, sondern auch von Volk zu Volk, und innerhalb vielfacher anderer Gemeinschaftsformen im Wachsen ist, entspricht der sich verdichtenden materiellen Verwobenheit der Menschheit und ist daher die aussichtsreichste Gegenbewegung gegen die Mechanisierungstriebe: gegen eigensüchtige Besitzfreude und persönlichen Ehrgeiz. Das Solidaritätsgefühl ist aber nicht bloß ein Wegbereiter der Seele, sondern selbst schon ein Stück Seele. Und das weist gerade den Unterschichten, gerade den am meisten erlösungsbedürftigen, in ihrer Seele geschändeten Proletariern bei der Überwindung der Mechanisierung eine ganz besondere Rolle zu. Weil ihnen der gemeinsame Leidensweg aufgezwungen worden ist, und weil das Gefühl der Solidarität in ihnen deshalb ganz besonders stark ist, tragen sie ein Stück der künftigen Menschheitsseele trotz Mechanisierung schon in sich und sind daher für die Befreiung der Seele vom eigensüchtigen Zwang des Zweckes die wahrhaft Auserwählten: »Vielleicht findet sich,« sagt Rathenau (1912), »bei tiefstem geistigen Stande, zu diesem Zeitpunkt keine größere Seelennähe der Massen, als in den geknechteten Bauernschaften Rußlands. Nur eine kurze Zeit wird vergehen, bis bei uns die Erkenntnis reift, daß nicht politische und soziale Rezepte, nicht Einrichtungen und Gesetze den Menschen befreien und beseligen; ist erst dieser mechanische Aberglaube gebrochen, so werden aus den Tiefen unserer Völker stärkere Lebenskeime der Seele als jene dumpfen Ahnungen des Nachbarstammes sich emporringen ... So erfüllt es sich: Die Letzten werden die Ersten sein; der Weg des freien Mutes war zu kurz, der Weg der Intuition war zu eng, der breite Weg des Leidens und der Einkehr ist für alle geebnet, und die Erkenntnis weist ihn. Die Not der seelenlosen Zeit, in der wir leben, ist noch nicht am höchsten, und dennoch erblicken wir ihr Ende; es naht, herbeigeführt durch jene Massen, die heute die Mechanisierung emportreiben, ihr frönen und ihr erliegen; es naht, nicht durch das Opfer der Edlen, nicht durch die Aufwälzung der Niederen, sondern durch die innerste Wiedergeburt der Völker aus heiliger Not und von Grund aus.« (Mechanik des Geistes S. 334.)

Daß diese Gegenkräfte der Mechanisierung Gesellschaft, Wirtschaft und Staat völlig neu gestalten müssen, wenn durch sie die Mechanisierung überwunden wird, daß sie, mit anderen Worten, revolutionär sind, liegt auf der Hand. Bekanntlich hat Rathenau selbst das Programm einer Neugestaltung aufgestellt. Aber da er dieses Programm am klarsten gezeichnet hat in den Schriften, die er während des Krieges und nach dem Zusammenbruch geschrieben hat, so wird die Darlegung dieses Teiles seiner Gedanken in einem späteren Kapitel besser als hier am Platze sein. Kapitel VIII »Von kommenden Dingen«.

Aber schon hier kann und muß erörtert werden, ob durch diese Umwälzung, durch die Beseitigung des Proletariats und die Drehung des Menschen vom Zweck fort nach der »Seele« hin das letzte Ziel Rathenaus erreicht werden kann, die für unsere Zeit befriedigende Lösung des Rätsels » Wozu das ganze Weltgeschehen?« Nietzsche hat die Voraussetzungen einer für uns befriedigenden Lösung mit genialem Blick erkannt: »Die Frage des Nihilismus › Wozu‹ geht von der bisherigen Gewöhnung aus, vermöge deren das Ziel von außen her gestellt, gegeben, gefordert schien, – nämlich durch irgendeine übermenschliche Autorität.« Eine solche Autorität wird von der großen Mehrzahl der Menschen heute bewußt oder unbewußt abgelehnt. Ein von außen gesetzter Sinn oder Zweck des Lebens kann daher nicht mehr die Lösung bringen. »Aber,« fragt Nietzsche, »könnten wir die Zweckvorstellung aus dem Prozeß wegbringen und trotzdem den Prozeß bejahen? Das wäre der Fall, wenn etwa innerhalb jenes Prozesses in jedem Momente dasselbe erreicht würde. – Und immer das gleiche. Spinoza gewinnt eine solche bejahende Stellung insofern jeder Moment eine logische Notwendigkeit hat: und er triumphierte mit seinem logischen Grundinstinkte über eine solche Weltbeschaffenheit. – Aber sein Fall ist nur ein Einzelfall. Jeder Grundcharakterzug, der jedem Geschehen zugrunde liegt, der sich in jedem Geschehen ausdrückt, müßte, wenn er von einem Individuum als sein Grundcharakterzug empfunden würde, dieses Individuum dazu treiben, triumphierend jeden Augenblick des allgemeinen Daseins gutzuheißen. Es käme eben darauf an, daß man diesen Grundcharakterzug bei sich als gut, wertvoll, mit Lust empfindet.« (Wille zur Macht S. 22.)

Rathenau will den, nur durch die Mechanisierung und die ausschließliche Einstellung auf materielle Zwecke verdunkelten, Grundcharakterzug des Menschen darin sehen, daß er sich nach dem Wachstum seiner Seele sehnt; daß er von Haus aus nichts will, als sich selbst möglichst rein erleben, ohne Trübung durch Zwecke, die von außen an ihn herantreten. Wenn Rathenau recht hat, so hätte er damit in der Tat einen Grundcharakterzug bloßgelegt, »der jedem Geschehen zugrunde liegt, der sich in jedem Geschehen ausdrückt und der, wenn er von einem Individuum als sein Grundcharakterzug empfunden würde, dieses Individuum dahin treiben müßte, jeden Augenblick des allgemeinen Daseins gutzuheißen.« Ob unsere Zeit diesen Zug als ihren herrschenden und als Antwort auf die Frage »Wozu dieses Dasein?« anerkennen will, kann nur die geschichtliche Entwicklung erweisen. Nietzsche selbst hat bekanntlich einen anderen Grundcharakterzug als Rechtfertigung des Lebens verkündet: den Willen zur Macht. Aber, fragt man sich, ist Rathenaus Sehnsucht nach Seele wirklich, wie sie zunächst erscheint, nur quietistisch, nur Wille zur Abkehr von der Welt, Flucht ins Jenseits, Verzicht, – oder nicht auch »Wille zur Macht«, nur in einer Verkleidung? In seinen »Ungeschriebenen Schriften« stehen die beiden aufschlußreichen Bemerkungen: »Dem starken Wollen öffnen sich alle Riegel; Nichts-Wollen hebt die Welt aus den Angeln« und »Im Innern ruht alle Macht; und alle Geschäftigkeit ist Bettel.« (Ungeschriebene Schriften S. 213.) Der Wille zum Nichtwollen, zum Nicht-Widerstehen kann die Form sein, die der Wille zur Macht im »Furchtmenschen«, im Schwachen, im innerlich Unsicheren annimmt, indem dieser gerade in der letzten Übersteigerung seiner negativen Eigenschaften, seiner Unsicherheit, seiner Schwäche, seiner Furchtstimmung, Macht sucht. War nicht bei christlichen Priestern, Kirchenfürsten, Heiligen, – war nicht erst recht bei den großen Kabbalisten ihre Demut, ihre Weltflucht, ihre Entsagung oft nur vergeistigter Machtwille? Und wäre nicht eine Weltepoche denkbar, in der diese Form des Machtwillens sich als die wirksamste erwiese und daher verallgemeinerte; so daß dann die gewöhnliche Form, in der er sich äußerte, »Nichtswollen«, Verinnerlichung, Sehnsucht nach Seele wäre? Und könnte dann nicht eine solche Weltepoche in der Tat hierdurch die Mechanisierung überwinden? Eine Weltepoche, in der die Mechanisierung als notwendiges Übel zur Versorgung der wachsenden Menschheit weiter ginge, aber die Macht denen zufiele, die der »Seele« dienten? Das scheint Rathenaus Hintergedanke. Denn tiefe Wurzeln hat durch tausendjährige Erfahrung das Bewußtsein von der Macht der Ohnmacht in der jüdischen Seele geschlagen; das hat ein Jude, Lion Feuchtwanger, meisterhaft ausgeführt: »Vielen war es nicht klar, aussprechen hätten es nur wenige können, manche hätten sich gegen die deutliche Erkenntnis gewehrt. Aber im Blut stak es allen, im innersten Gefühl, es war da: das tiefe, heimliche, sichere Bewußtsein von der Sinnlosigkeit, der Wandelbarkeit, dem Unwert der Macht. Sie waren so lange klein und gering gesessen unter den Völkern der Erde, zwergenhaft, lächerlich in Atome verspellt. Sie wußten, Macht üben und Macht erleiden ist nicht das Wirkliche, Wichtige. Zersplitterten nicht einer um den anderen die Kolosse der Gewalt? Aber sie, die Gewaltlosen, hatten der Welt ihr Gesicht gegeben. Und es wußten diese Lehre von der Eitelkeit und Belanglosigkeit der Macht die Großen und die Kleinen unter den Juden, die Freien und die Beladenen, die Fernen und die Nahen. Nicht mit deutlichen Worten, nicht mit meßbarem Begriff, aber von Bluts und Gefühls wegen. Dies heimliche Wissen war es, das ihnen plötzlich jenes rätselhafte, milde, überlegene Lächeln um die Lippen legte, das ihre Feinde doppelt reizte, weil sie es als zersetzende Frechheit deuteten, und weil all ihr Graus und Marter davor versagte. Dies heimliche Wissen war es, was die Juden einte und ineinanderschmolz, nichts sonst. Denn dies heimliche Wissen war der Sinn des Buches.« Lion Feuchtwanger: »Jud Süß« S. 239.

Rathenau selbst hat den Zwiespalt in seiner Brust durch die endgültige Unterordnung des materiellen Zwecken dienenden Verstandes unter das Streben nach Entfaltung der Seele nicht überbrücken können. Während er den einen Weg zu Macht, den der Klugheit und Geschäftigkeit, verachtete, aber weiterging, konnte er den anderen, höher hinaufführenden, den Weg der Seele, den Weg Tolstois und Gandhis, den Weg der großen Mystiker, nicht zu Ende schreiten, so daß Macht durch Verinnerlichung Wunschbild, Gegenstand der Sehnsucht blieb, für ihn nie Erfüllung wurde. »Es kann geschehen,« heißt es in der von Feuchtwanger zitierten Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria Aschkenasi, ›des Deutschen‹, »es kann geschehen, daß in einem Menschenleibe nicht nur eine Seele eine neue Wanderung erleidet, sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja mehrere Seelen sich in diesem Leibe zu neuer Erdenwanderung einen. Mag sein, die eine ist Balsam, die andere Gift; mag sein, die eine war eines Tieres, die andere eines Priesters und Beflissenen, nun sind sie in eines gebannt, einem Leibe zugehörig wie rechte und linke Hand. Sie durchdringen sich, sie verbeißen sich ineinander, sie schwängern sich, sie fließen ineinander wie Wasser.« Rathenau war sich dieser nicht zu tilgenden Doppelheit bewußt. »Ob ich in mir den Machtmotor gestillt habe?« schreibt er an einen Bekannten, »ich fürchte nein. Aber ich weiß, daß ich ihn bekämpfe. Sicher ist richtig, was Sie sagen: daß man hart gegen die Leidenschaften wird, von denen man zumeist besessen war.« (Brief 366.) Und an einen anderen: »Allzeit hat dies Menschengeschlecht gerungen, und jede Not war schwerer als die vorige. Aus jeder Not ist es erwachsen. Auch dieser Intellekt, den wir verachten, mußte errungen werden; heute ringen wir um unsere Seele ... Nun glauben Sie aber nicht, daß einer Ihnen das sagt, der ein Recht dazu hätte. Ich ahne dies, aber ich lebe tief, unwiedergeboren im Irdischen.« (Brief 374.) Mit diesen Worten hat er unerbittlich selbst sein Schicksal gekennzeichnet – vielleicht auch das unserer Zeit und Kultur.

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