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Walther Rathenau

Harry Graf Kessler: Walther Rathenau - Kapitel 8
Quellenangabe
authorHarry Graf Kessler
titleWalther Rathenau
publisherRheinische Verlags-Anstalt
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171020
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Kapitel V.
Freundschaften

Rathenau war von Natur leidenschaftlich und, wie aus seiner künstlerischen Veranlagung und Sehnsucht nach Schönheit zu folgern ist, sinnlich. Aber in der ungeheuren Vielstimmigkeit seines Wesens war die Sinnlichkeit mit allen von ihr abgeleiteten Regungen nie mehr als eine von den vielen Stimmen, die gleichzeitig in ihm tönten. Vor allem nie so stark, daß sie seine mächtigsten Triebe, sein Selbstgefühl, seinen Hang zur Verschlossenheit, seinen Widerwillen gegen jede Form der Abhängigkeit, seinen wie eine Naturkraft in ihm wirkenden Verstand, zum Schweigen bringen konnte. Man findet daher in seinen Schriften und Briefen viel Sehnsucht nach Hingegebenheit, nach Freundschaft, nach Versunkenheit in der Liebe, viel zarte Einfühlung in die Regungen liebender oder verehrender Herzen, wie schon in seiner frühen Dichtung »Blanche Trocard«, aber kein Zeugnis für irgendeinen Augenblick, wo alle vielen Stimmen seines Wesens vor dem einen reinen Ton der Liebe geschwiegen hätten. Wenn das Liebesmotiv als süßes Flötensolo anheben soll, geigt irgendwo der Paganini des Verstandes wie toll weiter; und man ahnt, wie verzweifelt, wie erfolglos der Kapellmeister abklopft, um Ruhe für sein Flötensolo herzustellen. In den Briefen, deren Worte der Leidenschaft am nächsten kommen, verrät immer zum mindesten die Schrift, die stets geschäftsmäßige, gleiche, etwas floskelhafte, nie und nirgends erregte Schrift, eine Zurückhaltung, die nicht einen Augenblick den Schleier von der Seele ganz lüften will oder kann. Nie geht die Leidenschaft mit Rathenau durch. Nie besiegt die Gier der erotischen Inbesitznahme die Angst vor dem Gefangenwerden in fremdem Netz. Nie täuscht ihm die Sinnenlust die Möglichkeit des Ineinanderschmelzens zweier Seelen vor. »Ich kenne diese Sehnsucht«, schreibt er an Lore Karrenbrock, »und fühle sie Ihnen nach, und weiß doch, wie vergeblich sie ist. Vereinigung gibt es nur im Bereich der Sinne, und da ist sie flüchtige Täuschung. Die Seelen aber stürzen hintereinander her wie die bewegten Sterne und können doch ihre Bahn nicht verlassen und begegnen sich nicht.« (Brief 645.)

Er konnte manchmal sehr unbedeutende Menschen seiner Freundschaft für wert halten; dann mußten sie allerdings blond sein, mit einem Siegfried-Typus, der seiner romantischen Bewunderung für die nordische Rasse einen Gegenstand bot. Ja, wenn sie beschränkt waren, dann verstärkte das in seinen Augen ihre Ähnlichkeit mit dem nordischen Ideal-Typus. In solchen Freundschaften zeigt sich bei ihm manchmal fast bis zur Karikatur, wie eigenartig aus Erotik und Theorie sein Gefühlsleben gemischt war. Und auch dem Dämonischen gegenüber versagte deshalb seine Einfühlung, ja sogar manchmal seine Vorsicht. Der Vergleich mit Lassalle drängt sich auf. Auch bei diesem die Hemmung, die allzu laute Begleitmusik des Verstandes: »Ich bin, wie Ihnen vielleicht nicht entgangen sein wird,« schreibt Lassalle an Lina Duncker, »nicht ein Mensch wie andere. Ich bin, um mich so auszudrücken, ein durch und durch theoretisches Wesen. Ich lebe mit dem Geiste, ich kann nur gleichgestimmte Wesen lieben. Beeinträchtigen, zerstören Sie meine theoretische Schätzung Ihres Geistes und besonders Ihres Charakters, und meine Liebe ist verflogen, unaufhaltsam und unwiederbringlich.« Aber Lassalle ist primitiver, roher als Walther Rathenau; in einem gewissen Augenblick bezwang seine Sinnlichkeit doch seinen Verstand: da entführte er Helene von Dönniges. Rathenau kommt über das Hindernis nie fort; er bringt es nur bis zur Sehnsucht. » Ich kenne diese Sehnsucht«: die Sehnsucht nach dem Gefühl der vollen Hingabe, die seine Kompliziertheit ihm nie gestattete. Er begreift, sozusagen als Dichter, die volle Hingabe, fühlt sich in sie ein, besitzt für sie auch den Ausdruck in Worten, kann sie aber hinter den Worten nicht rein aufbauen. Diese Hemmung macht seine Erotik in den Augen anderer geheimnisvoll und problematisch, enttäuscht die, die nach seinen Worten volle Hingabe erwartet hatten, und gibt ihm selbst das Gefühl der Vereinsamung, weil die Brücke, die er zwischen sich und andere durch Hingabe bauen möchte, nie ganz das andere Ufer erreicht.

Eine opferbereite, in die feinsten fremden Regungen sich einfühlende und sie zart streichelnde Freundschaft scheint daher auch Frauen gegenüber das stärkste Gefühl gewesen zu sein, das seine Natur ihm gestattete; ein Gefühl, das er fast in gleicher Wärme Männern wie Frauen entgegenbringen konnte. In den veröffentlichten Briefen an Wilm Schwaner, Ernst Norlind, Constantin Brunner kommen Stellen vor, deren Gefühlston nicht weniger stark ist als der von Briefen, die fast Liebesbriefe sind, an Frauen. Alles was zu einer solchen Freundschaft führen kann, die für ihn das ihm unzugängliche tiefste erotische Erlebnis ersetzt, ergreift er mit einer inneren Erregung, die manchmal fast den Eindruck der Naivität macht. Dann folgt bald, meist auf beiden Seiten, die Enttäuschung; und die angebahnte Freundschaft erkaltet. Beziehung folgt auf Beziehung, mit Männern und Frauen, mit bedeutenden und unbedeutenden, mit berühmten und unberühmten, mit anspruchsvollen und rührend anspruchslosen, mit naiven und schlauen, meistens nur auf Tage, Wochen, Monate und ohne eine Spur zu hinterlassen, so daß nicht ganz ohne Recht jemand, der das Jahr für Jahr mit ansah, von ihm halb bedauernd, halb spöttisch sagen konnte, er sei »nur ein Don Juan der Freundschaft«. In einem Falle, der Freundschaft mit Harden, ist die Enttäuschung beim andern Teile zum unversöhnlichen Haß bis über den Tod hinaus geworden, in vielen anderen zu einer etwas geringschätzigen Gleichgültigkeit; einige haben sich mit dem abgefunden, was er geben konnte, und seiner Hilfsbereitschaft, seinem Zartgefühl trotz mancher Enttäuschungen eine dauernde Zuneigung entgegengebracht; im ganzen aber hat ihm dieses so eigenartig gehemmte und gestörte Gefühlsleben mehr Feinde als Freunde gemacht und einen Kern von Mißvergnügten geschaffen, von dem ausstrahlend Haß gegen ihn in weite Schichten hinausgetragen wurde.

Diese sozusagen halbseitige Lähmung seines Gefühlslebens durch die Vielseitigkeit seiner Natur erklärt auch seine Einstellung zur Kunst. Er hat ein »Grundgesetz der Ästhetik« formuliert, und zwar mit den Worten: » Ästhetischer Genuß entsteht, wenn eine verborgene Gesetzmäßigkeit empfunden wird.« (Ges. Schr., Bd. 4, S. 49.) Diese Formel setzt eine Hemmung des Gefühlslebens als selbstverständlich schon voraus; denn Gesetze erkennt man durch den Verstand. Wem die Ahnung einer verborgenen Gesetzmäßigkeit als letzte Wirkung eines Kunstwerkes genügt, nicht bloß als Vorstufe zu seiner Inbesitznahme durch alle Seelenkräfte, der bleibt an der Schwelle stehen; – wie in der Erotik derjenige, welcher die Liebe nur als Einkleidung der Fortpflanzung empfindet, und nicht als eine alle Kräfte der Seele in sich einsaugende und überwältigende, in jedem Falle wieder neue und einzigartige Erschütterung zu Zweien. Denn wie die Liebe ist die Kunst in jedem Falle, wo ein Künstler und ein Liebhaber durch das Werk miteinander eins werden, eine solche Erschütterung zu Zweien, in der auch beim Liebhaber nicht die bewußte oder unbewußte Tätigkeit seines Verstandes, sondern die Ergriffenheit seiner ganzen Seele durch das Kunstwerk das Wesentliche ist; und diese tiefe Erschütterung entstammt in der Kunst, ebenso wie in der Liebe, nicht dem Geist, sondern der Sinnlichkeit, die allein von ihren primitivsten bis zu ihren verfeinertsten Formen die ganze Seele restlos durchglühen kann. Naturen, denen die Tiefe des erotischen Erlebnisses aus inneren, nicht bloß äußeren Gründen verschlossen ist, sind daher selten Liebhaber großer Kunst. Und auch Rathenau war trotz unzweifelhafter Begabung für Malerei und Architektur – seine Bleistiftskizzen sind nicht die eines Dilettanten – seine Wiederherstellung des Schlößchens Freienwalde und sein Grunewaldhaus, das er selbst entwarf, zeigen einen feinen, wenn auch kühlen Geschmack – auch Rathenau war als Kunstliebhaber durch seine Anlage gehemmt. Er liebte Gilly, Schadow, Schinkel, die anmutige, etwas provinziale, wie zu zarten Eisblumen erfrorene Antike des preußischen Klassizismus, die vom pathetischen Empire sich so rein abhebt. Er hatte Freude an hübschen, übersichtlichen, sauberen Kunstwerken, die nach einem historisch erprobten Stil und leicht durchschaubaren Regeln hergestellt waren. Darüber hinaus versagte sein Kunstgefühl. An seine Freundin schreibt er: »So sehr ich das Gewaltsame in der Kunst oder vielmehr das Gewaltsame, durch Kunst gebändigt, dankbar hinnehme: gewaltsame, aufgeregte, steile Kunst ist mir nicht gemäß.« Van Gogh war ihm ein Ärgernis. Unter den Werken, die er angekauft hat, ist nicht ein einziges, das großes künstlerisches Format hat.

 

Seine einzige von Leidenschaft gefärbte Beziehung ist vor der Erfüllung wie die anderen im Dornengestrüpp innerer Hemmungen steckengeblieben. Einige Briefe, die sie beleuchten, sollen hier und später folgen. Sie sind wie an eine Idealgestalt gerichtet, die ihn blenden, entflammen, beglücken, bis zur Selbstentlarvung treiben konnte, wenn er sich in ihr spiegelte –, aber für ihn vielleicht doch hauptsächlich Spiegel blieb, vor ihm immer wie Helena vor Faust ganz dicht und doch unermeßlich fern zu schweben scheint.

Die Reihenfolge der Briefe ist nicht mehr festzustellen: die meisten sind undatiert; die hier folgenden stammen aber aus der Zeit von 1906 bis 1911.

»Ihr schöner, ernster Brief bewegt mich und begleitet mich seit gestern.

In Schreiberhau, auf dem Weg nach Agnetendorf, habe ich in vollkommener Wahrheit Ihnen gesagt, was mich den Menschen problematisch macht, und was selbst die, die mich am meisten lieben, zwingt, mich zu fürchten und zu hassen. Das erste ist, daß ich keinem Menschen ganz gehören kann. Ich bin im Besitz von Mächten, die, gleichviel ob sie mich zum Guten oder zum Bösen führen, ob sie mich im Spiel oder Ernst beherrschen, mein Leben bestimmen. Es kommt mir so vor, als ob ich nichts aus mir heraus willkürlich tun kann, als ob ich geführt werde, sanft, wenn ich mich füge, rauh, wenn ich widerstehe.

Verfolge ich mein vergangenes Leben, so finde ich äußere Wahrzeichen nicht außer in meinen Gedanken, die – ich weiß nicht, ob stärker oder schwächer – mir immerhin anders erscheinen als die der andern (die für meinen Blick sich meistens gleichen), und die mir im realen Leben manche seltsame Erfüllung, im geistigen Leben manche neue Lösung gegeben haben. Aber auch meiner Gedanken bin ich in keiner Weise Herr; Sie selbst kennen die verzweifelten Zeiten meines Verlöschens.

Zum zweiten: Es ist wahr, daß mein Empfinden polyphon ist. Die Melodie schwebt klar als Diskant über den Stimmen, aber sie ist fast niemals unbegleitet. Und im Baß, im Tenor, da rollen andere Klänge, zuweilen sich fügend, zuweilen im reinen Gegensinn des Gesanges. Ich kenne unvergleichlich Größere, ja Große, denen ich das gleiche Spiel aus jedem Wort und Gedanken nachfühle: hierin finde ich mich nicht vereinsamt. Ja, zuweilen will es scheinen, als sei es gerade diese Kraft oder Schwäche, die einer Muschel gleicht, die das ganze Brausen der Welt, verloren zwar, widertönen läßt. Indessen das reine Schalmeienspiel einer einfacheren Empfindung mir einförmig, lieblich und etwas flau erscheint.

Deshalb nun werden die Menschen an mir irre, weil sie aus diesem Stimmengewirr keine Melodie erkennen. Aber ich erkenne sie und weiß, daß sie da ist, und daß sie alles leitet.

Der Beweis aber ist der: wenn alles trügt, so trügt das Leben nicht. Betrachten Sie mein Leben. Kennen Sie ein anderes, ernsteres, entsagenderes? Und das liegt wohl nicht an Unempfindlichkeit und Stumpfheit. Es liegt auch nicht an irgend etwas, das ich will. Denn ich will nichts. So sehr ich mein Inneres zerquält habe, ich habe nie Weltliches gefunden, das ich will. Ich will, was ich muß, sonst nichts. Und was ich muß, das sehe ich wie ein nächtlicher Wanderer mit der Laterne nur wenige Schritte voraus. Daß dieses mein Leben ein Opfer ist, das gutwillig und freudig den Mächten gebracht wird, nicht um Lohn noch um Hoffnung, das darf ich sagen und das wissen Sie selbst; daß mir die Liebe der Menschen dabei zerbrochen ist, das weiß ich und empfinde es hart.

Wenn ich nun gesagt habe, daß Ihr Leben ein Spiel ist, so meint das nicht, es sei frivol, sondern vielmehr, es sei kein Opfer. Sie sind um Ihrer Schönheit und Ihres Griechentums willen geschaffen worden, und meinem Nordseegeblüt konnte nur dies eine Licht geschenkt werden und kein anderes.

Bleiben Sie, was Sie sind, und bleiben Sie mir, was Sie mir sind. Adieu, ich verreise heute nach Köln. Leben Sie wohl!

Ihr W.«

 

Was wollen Sie denn eigentlich von mir? Mit der Natur, mit meinem Gott und mit mir stehe ich ganz gut, das wissen Sie. Auch Sie haben mich manchmal ganz gern und verwöhnen mich ab und zu. Was soll's denn da noch weiter? Was hab' ich da mit den Menschen zu schaffen? Soll ich Ihnen eine Fensterscheibe in meinen Brustkasten setzen, damit Sie mir hinterher für die »Anregung« quittieren? Oder soll ich ein paar Jahre meines Lebens daran setzen, um mir ein Etikett zu beschaffen, damit man mich nicht geradeweg als einen Hanswurst ansieht?

Mit zwei Sachen tun Sie mir unrecht. Selbstüberschätzung! Ich kenne meine Grenzen sehr genau und habe sie immer respektiert. Aber Sie kennen sie nicht, denn einen Menschen erschöpft man nicht im Gespräch. Und abhängig sind Sie trotz allem von dem etablierten Urteil: »geistreich, fein und kalt«. Gleichviel.

Aber daß Sie, Sie mir gerade Kälte und Empfindungslosigkeit vorwerfen, das empört mich. Das tut Ihr Egoismus, der über alle Reflexionen hinausgeht.

Gottlob. Jetzt dürfen Sie zanken, was Sie wollen. Denn schließlich laß' ich mich doch lieber von Ihnen schelten, als von anderen loben.

Herzlichst der Ihre W.
29. VII. 06.

 

Wir haben jetzt den dritten dieser verspäteten Sommertage, wolkenlos und von einer kühlen Wärme; ein Sommer ist ungenossen vorübergegangen. Ihr Brief hat mich sehr traurig gemacht; ich las ihn morgens früh und seitdem sind diese leeren Tage noch wesenloser.

Auch die vier Lieder, die Sie für mich niederschrieben, sind bedrückend traurig. Aber sie sind schön, zart und weich wie alles Gute in der Kunst empfindender Juden, sie erinnern mich an Ihre Brüder, zumal an Robert. Vor solchen milden und warmen Gebilden komme ich mir vor wie ein wüster Urzeitmensch, dessen Hände zerreißen und zerbrechen, nicht fügen und flechten. Nur in sichtbaren Dingen gelingt mir vielleicht das feinere: ich habe alle diese Abende mit Stift und Papier gebaut und sechs Entwürfe für das Haus gemacht, die mir gefallen. Ich will noch drei oder vier andere machen und Ihnen das Ganze zeigen. Aber dies ganze Schaffen kommt mir unbefriedigend vor, es ist zu leicht und ohne tiefere Verantwortung, fast Frauenarbeit.

Ich weiß, daß Sie leiden und quäle mich, und möchte Ihnen etwas Liebes und Tröstliches sagen und kann es nicht. Nun werden Sie an Kälte und Herzlosigkeit denken, das ist es beides nicht. Hier leiden wir beide an dieser jahrelangen Gebundenheit, die sich nur frei träumen kann im Spiel. Und wenn ich nochmal Voraussetzungen und treibende Kräfte prüfe, so war es auf andere Art unmöglich. Hier liegen Unfreiheit und Widersinn beisammen, und wenn wir hier und da vor einander erschrecken, so ist es, weil wir uns eben nur planetenhaft anblitzen und Bahn und Umlauf unharmonisch bleibt. Das andere, kleinere, liegt in den Naturen, die sich nicht fügen wollen.

So scheint es mir jetzt; aber ich will hierüber nicht mehr schreiben, so unklar es klingen mag, weder jetzt noch später.

Leben Sie wohl, sagen Sie mir, daß es Ihnen besser geht. Wenn Sie in dem, was ich Ihnen geschrieben habe, kalte Analyse sehen, so habe ich keine Hoffnung, mich verständlich zu machen. Lesen Sie es in Ruhe; Sie müssen mich verstehen.

Von Herzen der Ihre
W.

 

Ich habe noch eine Stunde zu arbeiten versucht und wollte eben zu Bett gehen. Ich komme im Eßzimmer an dem großen schwarzen Schrank vorbei und betrachte noch einen Augenblick den schönen Tannenzweig mit den sieben Zapfen, den Sie mir geschenkt haben. Nun denken Sie: ein wahrhaftiges Wunder! Der Zweig blüht! Allenthalben brechen aus den Nadelblättern die spitzen hellen Blüten hervor. Gute Nacht! Dies wollte ich Ihnen noch erzählen.

W.

 

Was fällt Ihnen nur ein, daß Sie sich verkleinern und von mir reden als könnte ich Ihnen etwas geben, da Sie soviel reicher und lichtvoller sind? Mein ganzer Wert ist, daß ich Sie liebe, mit dem, daß Sie meiner sicher sind. Es ist mir zumut, als hätte ich nie durch Sie gelitten und könnte nie durch Sie leiden, sondern nur durch mein Herz und seine Enge. Aber von Ihren lieben Worten hat es aufgerauscht und aufgeschäumt, und Ihr schönes Bild ist um mich, und ich fühle seit langem wieder Wärme, Licht und Frieden. Aber morgen früh vernichte ich Ihren Brief und fahre ins Freie. Ich hoffe, es gibt Schnee.

Immer und nur der Ihre
W.

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