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Walther Rathenau

Harry Graf Kessler: Walther Rathenau - Kapitel 13
Quellenangabe
authorHarry Graf Kessler
titleWalther Rathenau
publisherRheinische Verlags-Anstalt
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Kapitel X.
Die neue Außenpolitik: Der Kampf um den Frieden

Am 10. Januar trat der Friede mit den Alliierten in Kraft. Er brachte als erste Widerwärtigkeit die Liste der sogenannten »Kriegsverbrecher«, die nach dem Vertrag an die Alliierten auszuliefern seien; Rathenau war nicht genannt. An die Freundin schreibt er:

»Ihr Brief, vielleicht der schönste und tiefste, den Sie geschrieben haben, kam, mit allem Lieben, das ihn begleitete, und ich kann ihn nicht beantworten, nur danken. Er kam in dem Augenblick, wo eine Last von mir genommen wurde, die ich glaubte, tragen zu müssen, und die ich getragen hätte. Sie hat gedrückt, und doch fühle ich mich nicht freier. Viel schwerer empfinde ich jetzt die Last der anderen und des Landes. – Fast ist es mir, als ob ich sie lieber bis zum äußersten geteilt hätte. Doch alles das grenzt an Verwirrung. Bis zum letzten Augenblick war ich fast sicher, meinen Namen auf der Liste zu finden; wenn ich Ihnen einmal von dem widerwärtigen Notenwechsel mit Belgien erzähle, der meinetwegen geführt wurde – und noch geführt wird, – so werden Sie das nicht seltsam finden.

Die Verwirrung der Begriffe unseres armen Landes ist so groß, daß wieder einmal kein klares Gefühl durchdringt.

Das Land darf nicht ausliefern. Doch die Betroffenen dürfen das Land nicht ins Unglück stürzen. Deshalb müssen sie entweder sich stellen oder fliehen; ostentativ hier spazierengehen, das dürfen sie nicht. Ich hatte alles vorbereitet, um mich zu stellen. Ich verlange es von keinem anderen. Jeder muß jedem zur Flucht behilflich sein, doch ein Bleiben gibt es nicht. Wer in Griechenland unschuldig oder unwissend eine Last auf sich geladen hatte, der verließ das Land.

Nun schreibe ich Ihnen gar politisch. Ist das nicht fast eine Antwort auf Ihre Frage? Nein, es soll keine sein. Heute ist meine Antwort nur ein Dank.

Ihr W.
5.2.20.«

Es folgte am 13. März der Kapp-Putsch. Bald nachher begann, zunächst kaum merklich, der politische Wiederaufstieg Rathenaus. Am 29. März bildete sich nach dem kläglichen Ende der Diktatur die neue Regierung. Die organisierte Arbeiterschaft, an deren passivem Widerstand der Putsch gescheitert war, forderte die Sozialisierung. Die Regierung berief eine neue, die Zweite Sozialisierungs-Kommission, und diesmal kam, nachdem die Unabhängigen ihr Veto zurückgezogen hatten, auch Rathenau hinein.

Wichtiger für die Zukunft wurde das Vertrauen, das der neue Finanzminister Wirth zu ihm gewann. Der sittliche Ernst, die christliche Grundanschauung, daß es vor allem auf die Seele des Menschen ankomme, war ein tief innerliches Band zwischen beiden. Äußerlich kam hinzu, daß sie gemeinsame wissenschaftliche Interessen hatten, Wirth Mathematiker, Rathenau Physiker war, daß beide sich mit Philosophie beschäftigten und beide innerlich einsame Menschen waren. Das war ihr Gemeinsames. Aber andererseits ergänzten sich auch ihre Gegensätze: die impulsive, großzügige Natur Wirths und Rathenaus genaue Kenntnis der Einzelheiten jeder finanziellen oder wirtschaftlichen Frage, Wirths intuitive, volkstümliche, einfache, manchmal dunkle Gedankengänge und Rathenaus Kompliziertheit und stets wacher Verstand. So bildete sich zwischen beiden eine halb politische, halb geistige Freundschaft. In manchem glich diese Freundschaft der zwischen Walther Rathenau und seinem intuitiven, aus unübersichtlichen Gedankengängen zu überraschenden Entschlüssen gelangenden Vater. Ob sich Rathenau der Ähnlichkeiten dieser Beziehung bewußt war, weiß ich nicht; aber seine Haltung Wirth gegenüber hatte immer etwas von zarter Rücksichtnahme – fast möchte man sagen von Pietät.

Die erste Auswirkung dieser gegenseitigen Schätzung war, daß Wirth Rathenau zur Konferenz von Spa mitnahm.

 

Der Friede stellte Deutschland vor zwei Fragen:

1. Wie sollte es ohne Machtmittel den mit Machtmitteln unerhört gerüsteten Alliierten gegenübertreten, um wieder Handlungsfreiheit, ein wenn auch zunächst nur bescheidenes Maß von Selbstbestimmung zu gewinnen? Grunderfordernis infolgedessen: eine neue deutsche Außenpolitik, die ohne Machtmittel Ergebnisse zu erzielen verstand.

2. Welche Haltung zu den ungeheuren materiellen Lasten aus dem Friedensvertrag, insbesondere zu den Wiederaufbau- und Reparationsverpflichtungen sollte Deutschland einnehmen, um von ihnen wirtschaftlich und finanziell nicht erdrückt zu werden?

 

Um die Lösung dieser beiden Probleme hat sich bis heute die ganze deutsche Nachkriegspolitik gedreht. Rathenau erkannte, man kann sagen sofort, daß die Antwort auf beide Fragen, wenn überhaupt, nur in einer zielbewußten Verknüpfung zwischen beiden zu finden sei. Schon am Tage der Ratifikation des Friedensvertrages durch die deutsche Nationalversammlung, am 16. Juli 1919, schreibt er an den Finanzminister Erzberger: »In unserer verzweifelten Lage gilt es, den beweglichen Punkt zu finden, von dem aus die ganze Situation aufgerollt werden kann. Dieser Punkt liegt in Belgien und Nordfrankreich, und zwar beim Problem des Wiederaufbaus. Von hier aus können wir

1. das Verhältnis zu Frankreich regeln,

2. den Friedensschluß korrigieren,

3. die Entschädigung umgestalten und mildern,

4. auf die inneren Verhältnisse Deutschlands zurückwirken,

5. Deutschlands moralische Stärkung wieder gewinnen.

Erforderlich ist, daß wir den Wiederaufbau nicht als eine Verlegenheitsverpflichtung durchführen, sondern zu einem gewaltigen Zentralproblem erheben.« (Brief 551.)

 

Am 26. April erging eine Einladung der Alliierten an die deutsche Regierung, die durch den Friedensvertrag aufgeworfenen Fragen in Spa zu besprechen. Die Konferenz begann am 5. Juli. Zu der deutschen Delegation gehörten außer dem Reichskanzler Fehrenbach, dem Außenminister Dr. Simons, den für Wirtschaftssachen zuständigen Ministern, dem General von Seeckt und einer großen Zahl von Sachverständigen auch Rathenau, den Wirth gegen heftige Widerstände durchgesetzt hatte, und als Hauptvertreter der deutschen Unternehmer Hugo Stinnes, damals schon der mächtigste Mann Deutschlands, eine Art von heimlichem Wirtschaftskaiser: für die breiten Massen im In- und Auslande eine mythische Figur, ein Klingsor, für den allein auf dem steinigen Boden deutscher Wirtschaftstrümmer Zaubergärten wuchsen, ein Cagliostro, ein Alchemyst, der aus Papier für sich Gold machte, – auch aus der Nähe betrachtet großen Formats, halb gerissener Geschäftsmann, halb Prophet, laut seine Meinung sagend, doch undurchsichtig für Freund und Feind und daher unheimlich, – wie ein Fremdling unter seinen Kollegen vom Kohlenhandel und der Schwerindustrie herumgehend, südländisch, schwarzbärtig, mit Augen, die auf eine innere Vision zu blicken schienen, in Bauernstiefeln, in Kleidern, die auf ihm hingen, als ob er sie von der Stange gekauft hätte, immer umringt von einer zahlreichen Familie, die er überall hinter sich herzog, eine Kreuzung zwischen Patriarch, Commis voyageur und Fliegendem Holländer; alles in allem vielleicht ein Besessener, ein von Wirtschaftsträumen Besessener, wie Hokusai von der Malerei besessen war: ganz ohne andere Interessen, nichts als Unternehmer; übrigens kein Reaktionär, sondern, wie ihm Stresemann in seinem Nachruf bezeugt hat, »zunächst einmal überzeugter Republikaner«, auch in einem gewissen Sinne arbeiterfreundlich, das lebende Inventar seiner zahllosen Unternehmungen, die Lebenshaltung, Gesundheit, Leistungsfähigkeit seiner Arbeiter nicht minder wichtig nehmend wie die Instandhaltung und Vervollkommnung seiner Maschinen, ja, sogar dem Aufstieg von Arbeitern in leitende Stellungen das Wort redend, im Interesse allerdings nicht der Arbeiter, sondern der Wirtschaft, mit der Begründung: »Es ist eine eigentümliche Erscheinung, daß der Reichtum der Eltern die geistige Entwicklung der Nachkommen nicht gerade günstig beeinflußt ... Wer das richtig einsieht, muß dafür sorgen, daß aus der großen Suppenterrine der Arbeiterschaft die Fettaugen nach oben kommen und an die Stelle der reichen Familien treten können« Rede vom 29. Oktober 1920. Zitiert von Gaston Raphael »Hugo Stinnes, der Mensch, sein Werk, sein Wirken« S. 27..

Die Konferenz begann mit der Aufforderung des französischen Ministerpräsidenten Millerand an die Deutschen, sich über die Gründe ihrer mangelhaften Kohlenlieferungen auszulassen. Der Oberste Rat habe beschlossen, Deutschland solle den Reparationskohlen ein absolutes Vorrecht vor allen Lieferungen für den eigenen deutschen Bedarf geben und eine strenge Kontrolle der deutschen Kohlenverteilung zulassen. Die Alliierten verlangten monatlich zwei Millionen Tonnen und drohten, falls ihr Diktat nicht ausgeführt werde, wie es schon in der Einladung zur Konferenz geheißen hatte, zur Sicherung ihrer Forderungen »alle Maßnahmen zu ergreifen, selbst wenn es notwendig sein sollte, auch zur Besetzung eines neuen Teils deutschen Gebiets zu schreiten

Am folgenden Tage stand nach einer Antwortrede des Außenministers Dr. Simons Hugo Stinnes auf, richtete den Blick auf die Vertreter der Alliierten und begann: »Ich spreche stehend, damit ich meinen Zuhörern ins Auge sehen kann« Rede abgedruckt in der D. A. Z. vom 10. April 1925. In diesem Tone ging es weiter. Die Rede »erregte«, wie der in Spa als Vertreter der deutschen Regierung bei der Reparationskommission anwesende Staatssekretär Bergmann berichtet, »gewaltiges Aufsehen und hat der deutschen Sache in Spa sehr geschadet« Carl Bergmann: »Der Weg der Reparation« S. 62. Die Spannung zwischen den Deutschen und Alliierten wurde fast unerträglich und gab zu Zwischenfällen Anlaß. Innerhalb der deutschen Delegation, wo sie kaum minder groß war, kam es zu einer prinzipiellen Auseinandersetzung, die von entscheidender Bedeutung wurde, weil von ihr die Linien der künftigen deutschen Politik grundlegend bestimmt worden sind.

Als Vertreter zweier entgegengesetzter Richtungen traten vor dem Forum der Delegation Stinnes und Rathenau einander gegenüber. Schon äußerlich war der Gegensatz auffallend zwischen dem stets gepflegten, in wunderbaren Perioden mit komplizierten Vergleichen von einer hohen Warte herab redenden Rathenau und Stinnes, der proletarierhaft gekleidet, kein Freund schöner Worte, seine visionären Pläne hinter einem dicken Schein von Selbstverständlichkeit, einer undurchsichtigen Maske von gesundem Menschenverstand verhüllte Ich entsinne mich vor dem Kriege eines Besuches, den Rathenau bei Stinnes in Mülheim machte, und von dem er ganz entsetzt über die dort erlebte Unkultur zurückkam.. Stinnes forderte die Ablehnung des alliierten Diktats, auch wenn infolgedessen neues Gebiet in Deutschland besetzt und das übrige Deutschland bolschewisiert werde: die Alliierten sollten die bolschewistische Gefahr vor ihren Toren fühlen, dann würden sie in ihrer Angst zur Vernunft kommen und Deutschland sein Recht geben. Also Erpressung gegen Erpressung, bei der aber der deutsche Erpresser zunächst einmal Harakiri an der Schwelle des französischen verüben sollte Die gefürchtetste Rache in Japan ist die, daß der Bedrückte sich auf der Schwelle des Bedrückers den Bauch aufschlitzt; das ungefähr mutete Stinnes Deutschland zu.: eine neue, sonderbar in Weltrevolution vermummte, sonderbar mystische Form der alten Machtpolitik; übrigens, wie zugegeben werden muß, die einzige Art von Machtpolitik, die Deutschland damals zu Gebote stand. Dahinter erblickte Stinnes zweifellos, ohne sie ganz abzulehnen, die Möglichkeit, die Rathenau angedeutet hatte, als er kurz vor Spa in seinem Vortrag über »Demokratische Entwicklung« sagte: »Wir dürfen uns nicht von denjenigen täuschen lassen, die uns sagen: ›Laßt das alles gut sein, das findet sich von selbst.‹ Unter denen, die das sagen, sind manche, die mit dem Gedanken spielen: wenn man Deutschland in drei Teile teilt, so wird ein Teil gesund, nämlich der westliche, der eine Art von deutschem Belgien ergibt.« (A. a. O. S. 23.) Dieses deutsche Belgien war der Teil, in dem Stinnes seine Unternehmungen hatte. In der Tat wäre dort vielleicht eine kurze Scheingesundung eingetreten. Aber sicher ist, daß, wenn die Alliierten unter den damaligen Verhältnissen die Ruhr besetzt hätten, Poincaré sein Ziel, die Angliederung der Rheinlande an Frankreich, erreicht hätte. Und daher ging die Auseinandersetzung zwischen Stinnes und Rathenau um das Schicksal Deutschlands und Europas.

Rathenau lehnte den Stinnesschen Vorschlag entschieden ab. Er empfahl eine Haltung, die Verhandlungen ermöglichte; im Verlauf von Verhandlungen könne mit der Zeit, wie er sich Erzberger gegenüber ausgedrückt hatte, »die ganze Situation aufgerollt werden«; das heißt nicht nur die Kohlen- und Reparationsfragen, sondern alle Probleme, vor die Deutschland durch den Frieden gestellt war. Um diese weitsichtige Politik zu empfehlen, brauchte er nur an die Anschauungen anzuknüpfen, die er schon in seinem »Neue-Ära«-Artikel nach den Reichstagswahlen 1907 entwickelt hatte: » daß Kriege nur selten entscheiden – daß im Mühlespiel der äußeren Politik ... jeder so viel Steine hat als seine wirtschaftliche Kraft ihm leiht; daß eine Nation nach außen nur so viel Terrain gewinnen und beherrschen kann, als ihrer inneren Schwerkraft an moralischen, intellektuellen und wirtschaftlichen Werten entspricht.« (Vgl. oben S. 135.) Das galt sowohl für die Alliierten wie auch für das entwaffnete Deutschland. Also Verhandlungen: Verhandlungen erzeugen Wünsche, Wünsche gestatten es, Gegenwünsche auszusprechen. In der laufenden Besprechung und Erfüllung von Wünschen und Gegenwünschen kommt unwiderstehlich das Schwergewicht der beiderseitigen intellektuellen und wirtschaftlichen Kräfte zur Geltung; ein Rad greift ins andere, und wie auf einem Paternoster beginnt der Wiederaufstieg aus der Tiefe. Um das Ruhrgebiet zu retten, aber auch um Verhandlungen einzufädeln, befürwortete Rathenau die Annahme der Kohlenforderungen und drang überdies darauf, daß sofort den Alliierten ein präzises Angebot zur Abgeltung der gesamten Reparationsschuld gemacht werde. – Den von Rathenau glänzend vorgetragenen und verteidigten Ansichten schlossen sich der frühere Staatssekretär Dernburg und natürlich Wirth, aber auch bemerkenswerterweise der General von Seeckt und die Mehrheit der deutschen Delegierten an. » In dieser Stunde wurde«, wie Wirth mir vor kurzem sagte, » die ›Erfüllungspolitik‹ geboren.« Der Gesichtspunkt, von dem Rathenau ausging: »Verhandlungsmöglichkeit gewonnen, alles gewonnen«, war der gleiche, der Talleyrand als Vertreter des geschlagenen, besetzten und machtlosen Frankreich auf dem Wiener Kongreß leitete.

Das Kabinett nahm das Kohlen-Ultimatum an, lehnte dagegen die Übermittlung eines Angebots für die Gesamtschuld, sehr zum Schaden Deutschlands, ab: und am 16. Juli wurde »inmitten einer unbeschreiblichen Aufregung«, wie Bergmann berichtet (A. a. O. S. 63), ein »Kohlenprotokoll« unterzeichnet, in dem sich Deutschland verpflichtete, vom 1. August ab auf sechs Monate den Alliierten monatlich zwei Millionen Tonnen Kohle zu liefern.

Dafür wurde auf Antrag von Lloyd George beschlossen, mit Deutschland die ganze Reparationsfrage auf einer neuen Konferenz in Genf zu besprechen.

Hugo Stinnes verzieh seine Niederlage Rathenau nicht. Das böse Wort von Rathenaus » fremdrassiger Seele« ist von ihm, der mindestens südfranzösisches Blut hatte und aussah wie ein phönizischer Schiffskapitän, in Spa geprägt worden. Und Emile Buré berichtete im »Eclair«, daß die Agenten von Stinnes »répandent partout des bruits calomnieux et laissent entendre notamment que monsieur Loucheur ne songe avec monsieur Rathenau qu'à s'assurer la direction d'un trust européen de l'électricité« Übersetzung: daß Stinnes' Agenten »überall verleumderische Gerüchte verbreiten und insbesondere durchblicken lassen, daß Herr Loucheur und Herr Rathenau nur daran denken, sich die Leitung eines europäischen Elektrizitäts-Trustes zu sichern«. Zitiert von Etta Federn-Kohlhaas. A. a. O. S. 215..

 

Dem Verlangen von Stinnes, Deutschland zu bolschewisieren, trat Rathenau mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit entgegen; aber Beziehungen auch zu Sowjet-Rußland gehörten logisch unabweisbar mit zu meiner Verhandlungspolitik: je mehr Beziehungen, um so sicherer und schneller mußten die von ihm erhofften Wirkungen eintreten. Schon unter der kaiserlichen Regierung hatten im Sommer 1918 Verhandlungen mit Rußland stattgefunden, um das einseitige Diktat von Brest-Litowsk in eine Grundlage gegenseitiger freundschaftlicher Beziehungen umzumodeln. Teilnehmer an den Verhandlungen, die in Berlin zunächst unter dem Staatssekretär von Kühlmann, dann unter dem Staatssekretär von Hintze stattfanden, waren von russischer Seite der Volksbeauftragte Krassin und der Botschafter Joffe, von deutscher der Chef der Ostabteilung im Auswärtigen Amt Nadolny, der Chef der Juristischen Abteilung Kriege, als Vertreter der Obersten Heeresleitung wechselnde Offiziere, als Beauftragte des Reichskanzlers von Hertling der jetzige Botschafter in Washington von Prittwitz und ich, und schließlich der damalige Reichstagsabgeordnete Dr. Stresemann. Die Verhandlungen wurden durch verstiegene Forderungen Ludendorffs und seiner Umgebung in die Länge gezogen: u. a. war es längere Zeit unmöglich, Ludendorff von der Forderung abzubringen, daß die Sowjet-Regierung eine Kosakenrepublik am Don unter deutschem Protektorat dulden sollte; schließlich wurden die Ergebnisse durch den Zusammenbruch und das Diktat von Versailles zunichte gemacht. Rathenau nahm gleich nach dem Inkrafttreten des Friedensvertrages den Gedanken der Verständigung mit Rußland auf; »aber«, schreibt er am 26. Januar 1920 an einen Bekannten in Berlin, » die heutige Regierung steht noch nicht auf dem Standpunkt, den ich vertrete, daß eine wirtschaftliche Beziehung mit Rußland angeknüpft werden muß«. (Brief 609.) Er nahm daher die Sache selbst in die Hand und begründete »mit einigen Freunden, wie er sagt, gegenüber bedeutenden Schwierigkeiten« eine » Studienkommission für Rußland«. (Brief 621.) Am 10. März 1920 schreibt er an Professor Hoffmann, Wilhelmshaven: » Über die Notwendigkeit, mit Rußland eine Gemeinschaft zu finden, stimme ich mit Ihnen voll überein. Der Bolschewismus ist heute nur noch eine Fassade; in Wirklichkeit handelt es sich um eine straff oligarchisch regierte Agrar-Republik, die, wie ich glaube, trotz aller Schwierigkeiten Bestand haben wird. Es wird freilich lange dauern, bis Rußland so weit erstarkt, um uns wirtschaftliche Kompensationen zu gewähren ... Ich hoffe, daß die Arbeiten der Kommission (der »Studienkommission für Rußland«) die erste und entscheidende Annäherung auf wirtschaftlichem Gebiete bringen werden, denen diejenigen auf politischem Gebiet sich hoffentlich anschließen.« (Brief 622.)

So ergaben sich die beiden Grundpfeiler der künftigen deutschen Außenpolitik: Verständigung nach Westen, Wiederanknüpfung nach Osten; sie ergaben sich notwendig aus Rathenaus Anschauungen von den Grundlagen weltpolitischer Geltung, die er sich schon vor dem Kriege gebildet hatte. Auf ihnen hat er dann in der Tat die neue Außenpolitik Deutschlands, die die alte Rüstungs- und Machtpolitik ersetzte, aufgebaut: die sogenannte » Erfüllungspolitik«, die von Stresemann mit wachsender Zustimmung des deutschen Volkes und einem trotz mancher Rückschläge und ärgerlicher Verzögerungen wachsendem Erfolge fortgesetzt worden ist. Ihr Ziel, Deutschland trotz Versailles und trotz Vernichtung seiner militärischen Machtmittel durch Verhandlung und Verständigung seine Selbstbestimmung und diejenige Stellung unter den Völkern, welche »seiner inneren Schwerkraft an moralischen, intellektuellen und wirtschaftlichen Werten entspricht« wiederzugewinnen, ist jetzt Gemeingut aller Verständigen in Deutschland.

 

Aber welche Rolle spielte, kann man fragen, für Rathenau in seinen Zukunftsplänen der bisher nicht erwähnte Völkerbund? Ich glaube, man muß hier unterscheiden. Als Friedenssicherung bei schweren Konflikten zwischen Großmächten vertraute er ihm in seiner jetzigen Form – in der ihm von Wilson gegebenen Gestalt eines Bundes souveräner Regierungen – nicht. Als Treffpunkt der Außenminister aller Staaten, zu dem er sich erst nach seinem Tode entwickelt hat, hätte er in ihm das wirksamste Instrument zur Wiederaufrichtung Deutschlands in seinem Sinne durch Verhandlungspolitik gesehen.

Für einen als zuverlässige Friedenssicherung dienenden Völkerbund schwebte ihm eine andere Form zwischenstaatlicher Organisation vor, deren Zusammenhalt gemeinsame Arbeit der Völker sein müßte. Also kurz gesagt, eine fest organisierte Produktions- und Austauschgemeinschaft der Völker. In seinem Vortrag über » Den Höhepunkt des Kapitalismus« sagt er: »Die Staaten sind im außenpolitischen Sinne bewaffnete Konkurrenzgemeinschaften, und so lange sie dies bleiben, verliert jede friedliche und nationale Beschränkung der Konkurrenzmethoden ihren Sinn. Jede Bestrebung zur Ausrottung des Waffenkrieges ist vergeblich, so lange der stille, hartnäckige Friedenskrieg Lebensaufgabe der Staaten bleibt.« (Reden. S. 162.) In einem Brief, den er kurz vor dem Zusammenbruch an Professor Victor Riecke schrieb, hält er es daher »für nötig zu betonen, daß nur dauernde schöpferische Arbeit ein Zusammenwirken der Nationen möglich macht.« (Brief 444.) Als den Anfang einer Arbeitsgemeinschaft der europäischen Völker begrüßte er die Idee eines »europäischen Konsortiums« zwischen Deutschland und den Westmächten, das den Wiederaufbau Rußlands unternehmen sollte. Auch die von ihm empfohlene gemeinsame deutsch-französische Arbeit beim Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete Nordfrankreichs (vgl. den auf S. 293 angeführten Brief an Erzberger) war von diesem Hintergedanken eingegeben. Der den Frieden sichernde Völkerbund, der ihm vorschwebte, beruhte auf einer Verallgemeinerung dieses Gedankens, war also eine die gemeinsame Arbeit der Völker organisierende Einrichtung. Als ich ihm im Winter 1919 meinen bereits erwähnten, auf den gleichen Gedanken beruhenden Völkerbundsplan (vgl. oben S. 230) entwickelte, stimmte er ihm zu, aber mit dem Vorbehalt, daß er erst nach Jahrzehnten sich verwirklichen lassen werde. Ende 1919 schreibt er in einem Brief in weitgehender Übereinstimmung mit dem von mir ausgearbeiteten Plan: »Das übliche internationale Programmparadies, wo die Tiger- und Leopardenstaaten friedlich mit den Lammstaaten wandeln, lediglich deshalb, weil sie alle Volksregierungen haben, ist eine Torheit. Meine Gedanken hierüber sind weit utopischer als die Programme und dennoch weit realer. Eine Vorstellung davon bekommen Sie, wenn Sie den »Neuen Staat« lesen. Erst mit dem Zerfall des Staatsbegriffes, des nationalen und des Konkurrenzstaates, mit der Aufteilung der Welt in Rechtsgemeinschaften, Wirtschaftsgemeinschaften, Verwaltungs-, Kultur- und Religionsgemeinschaften, die nicht staatlicher Art sind, ist die Möglichkeit gegeben, die Wirtschaftskonkurrenz zu beseitigen, die immer wieder, auch unter den harmlosesten Volksregierungen, Konflikte und Kriege hervorrufen wird. Dieses Ziel ist freilich sehr entfernt; um es zu erreichen, müssen wir nicht bei den anderen beginnen, sondern bei uns, und das Vorbild eines Staats- und Wirtschaftswesens liefern, wie ich es dargestellt habe.« (Brief 602.) Die Stimmung, in der Rathenau aus Spa zurückkam, spiegelt sich in dem folgenden Brief an die Freundin:

»30. 9. 1920.

Wie eine dunkle Flamme brennen Ihre Herbstblumen in meinem Zimmer. Diese Jahreszeit ist die rätselhafteste von allen; obgleich sie mich seit Jahren mit einer schneidenden Angst vor dem Winter erfüllt, fühle ich mich mit ihr gewissermaßen verwandt. Noch wenige Wochen, und es beginnt diese endlose, graue, sonnenlose Nacht.

Ich will gern zu Ihnen kommen, aber ich bringe Ihnen nicht viel. Der Sommer war leer, und die Erkältung der langen Regentage weicht langsam aus den Gliedern.

Jetzt bin ich 53. Ich blicke mehr rückwärts als vorwärts. Meine Arbeit ist fast getan. Noch hält sie mich, aber sie treibt mich nicht mehr. Die Höhe des Lebens ist überschritten, doch die Ruhe, die ich erwartete, ist nicht gekommen. Ich sehe nicht die weite Ebene des Tales, sondern Gebirg auf Gebirge und Sterne und Horizont.

Leben Sie wohl. Ich danke Ihnen herzlich für dies und jenes, für alles.

Herzlichst
Ihr W.«

Inzwischen verharrte ein Teil der Alliierten trotz Spa bei seiner Taktik, Verhandlungen mit Deutschland über Fragen aus dem Friedensvertrage auszuweichen und möglichst die bisher erfolgreiche Methode des Diktats fortzusetzen: er teilte offenbar die Ansicht Rathenaus, daß Verhandlungen die gefährlichste Waffe Deutschlands, das wirksamste Werkzeug seines Wiederaufstiegs seien. Taktisch ist die Lage in dieser Zeit die, daß Deutschland, so wie Rathenau in Spa geraten hatte, immer wieder, allerdings zunächst zaghaft und ohne viel eigene Ideen zu entwickeln, den Versuch macht, zu Verhandlungen zu gelangen, die Alliierten aber unter französischem Einfluß zielbewußt und ängstlich Verhandlungen aus dem Wege gehen. Zu der für Ende 1920 vom Völkerbund nach Brüssel einberufenen internationalen Finanzkonferenz wurde Deutschland zwar eingeladen; doch faßte der Völkerbundsrat unter Frankreichs Druck schon am 5. August den Beschluß, daß auf der Konferenz keine der Fragen erörtert werden dürfte, die zwischen den Alliierten und Deutschland schwebten. (Bergmann a. a. O. S. 66.) Endlich trat zwar nicht die in Spa zugesagte, durch Frankreichs Einfluß immer wieder hinausgeschobene Konferenz von verantwortlichen Staatsmännern, aber doch eine vorbereitende Konferenz zwischen deutschen und alliierten Sachverständigen zur Besprechung der Reparationsfragen am 16. Dezember in Brüssel zusammen. Sie dauerte bis zum 26. Dezember und vertagte sich dann bis zum Januar. Beschlüsse wurden nicht gefaßt, aber die Verhandlungsmethode hatte doch Früchte getragen. »Alliierte und Deutsche verkehrten auch außerhalb der Sitzungen in ungezwungener Weise miteinander. Alles ließ erhoffen, daß diese Konferenz von Sachverständigen, frei von jedem politischen Druck, nun endlich den richtigen Weg weisen würde. In der Konferenzpause sollte sich für jede Frage ein alliierter Berichterstatter mit einem deutschen Vertreter in Verbindung setzen ... Zum ersten Male hatte eine Zusammenkunft von alliierten und deutschen Vertretern stattgefunden, die bei jedem der Beteiligten einen günstigen Eindruck hinterließ und überall eine gute Presse fand.« (Bergmann a. a. O. S. 72.)

Aber alsbald trat die französische Regierung, die auf diesem Wege einen zu raschen Wiederaufstieg Deutschlands befürchtete, wieder auf den Plan. Am 24. Januar 1921 versammelte sich überraschend der Oberste Rat in Paris und bestimmte einseitig, ohne Deutschland zu hören, nach einer Rede des französischen Finanzministers Doumer, der von einer Schuld Deutschlands von 212 Milliarden Goldmark ausging und Zahlungen von 12 Milliarden jährlich forderte, Deutschland solle zunächst in den ersten elf Jahren zwei bis fünf Milliarden Goldmark, dann aber während einunddreißig Jahre sechs Milliarden Goldmark jährlich zahlen. Um dieses Diktat entgegenzunehmen, wurde Deutschland zu einer Konferenz nach London eingeladen.

Jetzt tat in der Eile und viel zu spät die deutsche Regierung das, was sie in und seit Spa versäumt hatte: sie suchte nach einem Vorschlag, den sie von sich aus den Alliierten unterbreiten könnte. Eine Sachverständigen-Kommission wurde zusammenberufen, der auch Rathenau einen Plan vortrug. Dieser wurde verworfen; die Regierung arbeitete einen eigenen Plan aus, der dem Rathenaus, wie er später einmal schrieb, »diametral zuwiderlief«. Dieser Regierungsvorschlag ging aus von einem » Gegenwartswert« der alliierten Forderung von 53 Milliarden, zog von dieser Summe als Gegenwert für die bisherigen deutschen Leistungen und Abtretungen 20 Milliarden ab, so daß 33 Milliarden übrigblieben und rundete diese Summe nach unten auf 30 Milliarden ab. Davon sollten zunächst 8 bis 10 Milliarden durch Anleihen und weitere 5 Milliarden durch Sachleistungen im Verlauf von fünf Jahren abgegolten werden. Als Sicherheit wurden Zölle und einzelne Verbrauchsabgaben angeboten. Mit diesem Plane fuhr sie zur Konferenz.

 

Die erste Sitzung der Konferenz fand in London am 1. März 1921 statt. Teilnehmer waren außer Dr. Simons und der deutschen Delegation der englische Ministerpräsident Lloyd George, der französische, Briand, der italienische und belgische Ministerpräsident, die zuständigen alliierten Minister und eine lange Reihe alliierter Sachverständiger. Als erster erhielt Dr. Simons das Wort Bei der Schilderung der Vorgänge auf der Londoner Konferenz folge ich der unübertrefflich klaren und anschaulichen Darstellung des Staatssekretärs a. D. Bergmann, der selbst dort eine führende Rolle gespielt hat.. »Anstatt das schriftliche deutsche Angebot vorzulesen,« sagt Bergmann, »gab er eine gewissenhafte Darlegung der Schwierigkeiten, unter denen der deutsche Vorschlag entstanden sei. Er knüpfte daran eine eingehende Kritik der Pariser Beschlüsse, die wirtschaftlich unausführbar seien. Eigentlich sei es der deutschen Regierung unmöglich, bei der Lage der heimischen Verhältnisse einen festen Vorschlag zu machen; trotzdem aber habe sie sich dazu entschlossen, um baldigst zu einer Lösung des Reparationsproblems zu gelangen.« (A. a. O. S. 88.) Worauf er den eben skizzierten deutschen Gegenvorschlag entwickelte. »Dr. Simons sprach auch bei seinen weiteren Ausführungen immer von den 30 Milliarden. Er erklärte, daß davon vorläufig acht Milliarden im Wege der internationalen Anleihe finanziert werden sollten und setzte unter immer steigender Unruhe der Versammlung auseinander, wie er sich die Finanzierung der restlichen 22 Milliarden denke. Diese Art der Darstellung, welche die verpönten 30 Milliarden sozusagen in die Köpfe der Versammlung einhämmerte und die Schuldsumme anscheinend immer weiter zusammenschrumpfen ließ, machte im Verein mit den Schwierigkeiten der Übersetzung des verwickelten deutschen Vortrages auf die alliierten Zuhörer einen ungünstigen Eindruck. Dr. Simons sah sich daher veranlaßt, kurz abzubrechen und zur Verlesung seiner formulierten Vorschläge überzugehen. Das aber erklärte Lloyd George als Vorsitzender sehr schroff für unnötig ... Die Aufregung bei den Alliierten war ungeheuer ... Man sprach im vollen Ernst von einer deutschen Herausforderung, und alle Welt schrie sofort nach Sanktionen.« (A. a. O. S. 89.)

In der zweiten Sitzung, am 3. März nannte Lloyd George die deutschen Vorschläge eine klare Verhöhnung des Vertrages von Versailles ... Es sei Zeitvergeudung, auf die deutschen Vorschläge einzugehen. Die Alliierten hätten nur zu sagen, daß wegen der vielfachen Verstöße der deutschen Regierung gegen den Versailler Vertrag jetzt mit Strafmaßnahmen vorgegangen werden müsse. Wenn Deutschland nicht bis zum 7. März erkläre, daß sie die Pariser Beschlüsse annähme, so würden die Alliierten zu Sanktionen schreiten, u. a. zur Besetzung der Städte Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort. Am 4., 5. und 6. März fanden private Verhandlungen von Dr. Simons und dem Staatssekretär Bergmann mit Briand, Loucheur, Lloyd George und Lord D'Abernon im Privathause von Lord Curzon statt, bei denen der Versuch unternommen wurde, Öl auf die aufgeregten Wellen zu gießen; jedoch ohne praktischen Erfolg. Am 7. März fand die letzte Sitzung statt, in der Lloyd George die Sanktionen verkündete; und schon am 8. März wurden Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort besetzt. Die Verhandlungspolitik war wieder durch das wenig geschickte Verhalten der deutschen Regierung und deutschen Öffentlichkeit und die geschickte Mache des Teiles der Alliierten, der Verhandlungen um keinen Preis wollte, sabotiert worden.

Nunmehr wurde die Reparations-Kommission mit der Berechnung der deutschen Reparationsschuld, die nach dem Versailler Vertrag bis zum 1. Mai festgesetzt sein mußte, betraut. Am 27. April schloß die Reparations-Kommission ihre Arbeiten und errechnete als Gesamtbetrag die Summe von 132 Milliarden Goldmark. Der Oberste Rat der Alliierten trat wieder in London zusammen, entwarf selbst einen Zahlungsplan für die Reparationsschuld und berief die Reparations-Kommission aus Paris nach London, damit sie den fertigen Zahlungsplan als ihr eigenes Werk Deutschland mitteile. Das geschah am 5. Mai; und die alliierten Regierungen fügten von sich aus ein Ultimatum bei, in dem sie, falls die deutsche Regierung den gesamten Plan nicht bedingungslos binnen sechs Tagen annähme, die Besetzung des Ruhrgebietes androhten.

Die Aufregung in Deutschland war ungeheuer. Weite Kreise erklärten, man dürfe unter keinen Umständen einen Schuldschein über die ganz unmögliche Summe von 132 Milliarden unterschreiben. Auch die Regierung stellte sich auf diesen Standpunkt. Bergmann legt überzeugend dar, daß diese Haltung unberechtigt war. Denn »wer den Zahlungsplan genauer ansah, mußte finden, daß er gar nicht die Bezahlung der 132 Milliarden forderte. Im Gegensatz zu der Bestimmung des Versailler Vertrages war nicht die gesamte Schuld fest zu verzinsen. Maßgebend war nämlich nicht der nominelle Schuldbetrag, sondern die jährliche Schuld. Sie bestand aus einer festen Rate von zwei Milliarden und einem von der Höhe der Ausfuhr abhängigen veränderlichen Betrag. Die deutsche Ausfuhr hatte damals einen Wert von vier bis fünf Milliarden. Die davon geforderte Abgabe von 26% stellte sich also zunächst auf etwas über eine Milliarde, so daß im ganzen rund drei Milliarden jährlich zu zahlen waren. Das entsprach fünf Prozent Zinsen und ein Prozent Tilgung auf ein Kapital von 10 Milliarden Goldmark. Das Diktat von London war also nicht schlimmer als das kurz vorher den Vereinigten Staaten übermittelte deutsche Angebot, das die Zahlung von 50 Milliarden Jetztwert und außerdem noch Leistungen auf Grund eines Besserungsscheines versprochen hatte. Die Ablehnung des Ultimatums war daher auch logisch nicht richtig. Abgesehen davon mußte alles getan werden, um die Besetzung der Ruhr abzuwenden. Gewiß war nicht abzusehen, wie Deutschland die verlangten Zahlungen aufbringen konnte; man mußte eben darauf rechnen, daß wirklich ernstliche Anstrengungen für die Reparationen mit der Zeit dem Gegner ein besseres Verständnis der wirtschaftlichen Notwendigkeiten Deutschlands beibringen würde. Diese Beweisführung gab den Ausschlag. Der Reichstag sprach sich mit schwacher Mehrheit für die Annahme aus. Eine neue Regierung unter Führung von Dr. Wirth nahm das Ultimatum, wie von den Alliierten verlangt, ohne Bedingung und Vorbehalt an.« (A. a. O. S. 104-105.)

*

Der neue Reichskanzler Wirth bat Rathenau, zu dessen Sachkenntnis und Vaterlandsliebe er in freundschaftlichem Verkehr ein uneingeschränktes Vertrauen gewonnen hatte, das Wiederaufbau-Ministerium zu übernehmen. Endlich hatte Rathenau gesiegt; seinen Ideen stand der Weg offen zu maßgebendem Einfluß. Seine Person allerdings trat damit in einen Bereich erhöhter Gefahr. Seine Mutter drang in ihn, abzulehnen. Er selbst scheint in letzter Stunde geschwankt zu haben: scheint, denn innerlich trieb ihn alles, anzunehmen. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge. An Gerhart Hauptmann schreibt er am 25. Mai: »Leider verdiene ich Glückwunsch und Zuversicht noch nicht, denn die Verhandlungen der letzten zehn Tage haben mich noch nicht überzeugt, daß ich unter den sehr verwickelten politischen Verhältnissen dem Lande wirklich nutzen kann. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Mein inneres Barometer steht noch immer weit links von ›veränderlich‹ nahe dem Punkt, wo Regen und Schnee, politisch gesprochen ›Ablehnung‹ verzeichnet ist.« (Brief 711.) An seine Mutter am 27.: »Nachdem Du abgereist warst, war immer noch keine Ruhe, und ich mußte noch weiter Besprechungen wahrnehmen. Schließlich habe ich Sonntagabend nach einer langen Aussprache beim Kanzler zwischen ihm, Rosen, der inzwischen ernannt worden war, und mir, abgelehnt, konnte mich aber einer Verabredung mit Rosen zum Frühstück nicht entziehen, die natürlich dahin gedeutet wurde, daß die Verhandlungen noch schweben. Inzwischen eklatierte die Nachricht am Montag in der Zeitung, nachdem, wie Du weißt, 12 Tage nichts durchgesickert war, und nun stellte es sich zu meinem Erstaunen heraus, daß wirklich eine Menge Leute, selbst von der schwerindustriellen Seite, meinen Eintritt sehr gewünscht hätte, möglicherweise zum Teil nur aus Schadenfreude, zum Teil wohl aber auch ernstlich. Ich habe nichts getan, um die Sache in den Zeitungen zu dementieren; ich nehme an, daß die Gerüchte von selbst verrauchen, und hoffe, daß schon in den nächsten Tagen die endgültige Besetzung stattfindet, so daß damit jede Diskussion sich erledigt.« (Brief 713.) Aber dann entschloß er sich doch. Er nahm an, trennte binnen vierundzwanzig Stunden seine Verbindungen mit der Industrie, legte sein Amt als Präsident der A. E. G. und seine sämtlichen Aufsichtsratsstellen nieder und trat in die Regierung ein. Am 1. Juni meldete er seiner Mutter nach Karlsbad: »Über die Vorgänge der letzten Tage kann ich Dir nur mündlich erzählen. Die Dinge überstürzten sich gewaltig: Seit Sonntag bin ich ernannt, seit gestern ins Amt eingeführt; an zwei Kabinettsitzungen habe ich teilgenommen, morgen werde ich vermutlich im Reichstag sprechen. Es ist mir lieb, daß Du all die Aufregung hier nicht mitzumachen hattest. Der Entschluß war schließlich doch recht schwer.« (Brief 716.) Und drei Tage später an den Präsidenten Julius Frey: »Es war der schwerste Entschluß meines Lebens ... Nun stehe ich vor über- und unübersehbaren Problemen und Fragen. Der einzelne vermag in diesem großen Getriebe so gut wie nichts. Es werden Mann für Mann in den Graben springen müssen, bis er überstiegen werden kann. Gleichviel: er wird nie überstiegen werden, wenn nicht einer beginnt.« (Brief 717.) Und im selben Sinne an Geheimrat Witting: »Ich fasse meine Aufgabe dahin auf, den Weg für die Nachfolgenden zu ebnen. Die ersten zwei, drei Leute können nur den Weg weisen, der vierte wird es schaffen. Aber ein Anfang muß gemacht werden.« (Brief 724.)

Der Ton klingt in diesen Äußerungen freudiger als der Inhalt, und der Ton ist wahrhaftiger als der Inhalt. Schwer wurde der Entschluß mit Recht seiner Vernunft; aber selbstverständlich war er für seine fast kindliche Liebe zu Deutschland verbunden mit dem Trieb, der letzten Endes seine ganze komplizierte Persönlichkeit beherrschte, seinem Drang nach Betätigung und Macht. Auch diesmal passen auf Rathenau, wie bei der ersten großen Erleuchtung seines Lebens, Worte seines Freundes Richard Dehmel:

»Kommt mir nicht mit Euerm Treiben,
ich weiß kein Ziel, ich will kein Wohl!
ich habe nur dies mein Herz im Leibe,
das von jeher überschwoll ...
Das Spiel der Hörner und der Geigen
verstummte plötzlich wüst und irr:
mitten durch den Erntereigen
kam ein losgerissener Stier.
Und da riß mich mein Herz vom Platze,
und man griff nach mir vor Schreck;
aber mit Einem Satze
schlug ich dem Freund in die Fratze,
stieß ich das Weibsbild weg!
Und jetzt reit ich von Sieg zu Siegen
bahnfrei auf meinem Stier dahin,
bis ich dem Schicksal erliege,
dem ich gewachsen bin

Das war seine subjektive Einstellung; aber wie stand es um die Wirkung seines Entschlusses? Hat der Eintritt Rathenaus in die Regierung etwas geändert? Seine Verhandlungs- und Verständigungspolitik war bereits in Spa von der damaligen Regierung angenommen worden, und seitdem hatte sie im Prinzip an ihr festgehalten. War also die Macht das Opfer wert, das Rathenau ihr brachte? Man stößt hier auf das Problem, welche Rolle die Persönlichkeit in der Verkettung des Geschehens spielt. Wirkt der Motor der Persönlichkeit bestimmend auf Richtung und Ablauf der Ereignisse, oder erzeugen seine Kräfte nur einen kleinen Wirbel, über den der Strom der Geschichte in majestätischer Zwangsläufigkeit hinweggeht? Ich glaube, man kann, man muß sagen: Rathenaus Eintritt in die Regierung hat grundlegend die Lage für Deutschland anders gestaltet. Was sich änderte, war, daß ein Wille und Ideen hinter die Verständigungs-Politik traten, die seit Spa ohne festen Willen und ohne fruchtbare Ideen geführt worden war. Zum erstenmal fühlte man auf der Gegenseite, daß ein Mann von Format, ein zäher und gedankenreicher Mann diese Politik in die Hand nahm; und auf deutscher Seite gewann sie erst jetzt, da sie aktiv und intelligent wurde, eine greifbare Gestalt; auch allerdings eine angreifbare, denn sie bot ihren Gegnern von jetzt an eine Persönlichkeit und positive Vorschläge als Zielscheiben.

Rathenau verlor keine Zeit. Schon wenige Tage nach seinem Amtsantritt fuhr er nach Wiesbaden, traf sich dort mit Loucheur und leitete Verhandlungen ein für eine tatkräftige Beteiligung Deutschlands am Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete Nordfrankreichs durch direkte Sachlieferungen an die Geschädigten. Am Abend seiner Abreise nach Wiesbaden schreibt er an die Freundin:

»11.6.1921.

So wie es ist, ist es recht. Glauben Sie wirklich, daß ich Sie in diesen Taumelkreis ziehen wollte, von dem ich kaum selbst weiß, ob ich ihn ertrage?

Daß Sie mir so zur Seite sind, da zur Seite sind, wo ein inneres Gesetz wirkt, davon sind diese schneeweißen Nelken Zeuge und der wundervolle Brief, der sie begleitete.

Sie wissen nicht, in welcher Stunde dieser Brief mich trifft und mir Kraft gibt. Es ist Sonnabendabend halb neun, und noch heute habe ich einen schweren Gang anzutreten, auf den ich nichts mitnehme als Ihr Wort und Gefühl. Nicht morgen werde ich Sie wiedersehen, doch hoffe ich, in den nächsten Tagen. Vielleicht finden Sie mich müder und enttäuschter als das letztemal, und dennoch der Freiheit näher.

Vor einer Stunde im Kreis der Menschen und der Arbeit war ich ganz allein. Jetzt, wo ich ganz in Sorgen versinken wollte, fühle ich Ihre Hand und Ihren Hauch. Wollen Sie es wagen, da zu zweifeln, wo das wahre Leben ist?

Ich grüße Sie mit herzlicher Dankbarkeit
W.«

In seiner ersten Rede vor dem Reichstage am 2. Juni hatte er gesagt: » Ich bin eingetreten in ein Kabinett der Erfüllung. Wir müssen Wege finden, uns mit der Welt wieder zusammenzubringen.« Als gangbarste Brücke über den Abgrund, der sich um Deutschland aufgetan hatte, erschien ihm der Wiederaufbau der verwüsteten nordfranzösischen Gebiete: Weil hier das deutsche und das französische Volk gemeinsam ein großes Werk vollbringen konnten. Weil dieses Werk notwendig war, »denn es besteht diese Wunde am Körper Europas. Nicht früher wird der Friede in die Welt kommen, als bis diese Wunde sich geschlossen hat.« (Reichstagsrede.) Weil Deutschland durch eine so gewaltige Leistung seinen guten Willen, der ihm abgesprochen wurde, und seine ungebrochene Schaffenskraft beweisen konnte. Schließlich weil es im Interesse der deutschen Währung dringend war, die Goldzahlungen durch Sachlieferungen und Arbeitsleistungen für die Alliierten zu ersetzen: schon die Zahlung der ersten Goldmilliarde am 31. August hatte den Dollar von 60 auf 100 Mark hinaufgetrieben; weitere Goldzahlungen in derselben Größenordnung eröffneten die sichere Aussicht auf eine Markkatastrophe.

Am 6. und 7. Oktober wurde auf Grund von Rathenaus Verhandlungen mit Loucheur das » Wiesbadener Abkommen« gezeichnet. Es errichtete eine deutsche Körperschaft privaten Charakters, die unter Ausschaltung der beiden Regierungen Lieferungen an die französischen Kriegsgeschädigten übernehmen sollte. An die Stelle eines Teiles der Goldzahlungen traten Sachlieferungen, und an Stelle des umständlichen Weges über die beiden Regierungen eine direkte Verbindung zwischen französischen Bestellern und deutschen Produzenten. Die französischen Kriegsgeschädigten sollten in viereinhalb Jahren Sachlieferungen bis zum Wert von sieben Milliarden Goldmark anfordern dürfen; die deutschen Lieferanten von der deutschen Regierung in deutscher Währung entschädigt werden. Wenn der Plan sich als durchführbar erwies, sollte er den Wiederaufbau, aber auch den Handelsverkehr zwischen beiden Ländern in schnellen Fluß bringen, die Stimmung verbessern, die Atmosphäre für weitere Verhandlungen und Verständigungen schaffen, die Mark vor weiterem Verfall sichern; wenn er aber undurchführbar war, weil Frankreich eine so große Warenmenge nicht aufnehmen konnte, dann war durch ein praktisches Experiment bewiesen, daß die von Deutschland einzutreibende Kriegsentschädigung nicht nur an der Leistungsfähigkeit Deutschlands, sondern auch an der Aufnahmefähigkeit der Alliierten eine Grenze hatte. Rathenau wird damit gerechnet haben, daß er durch das Wiesbadener Abkommen beide Ziele erreichen würde: indem zwar erhebliche Bruchteile der vorgesehenen Sachlieferungen abgenommen und dadurch Wiederaufbau und Handelsverkehr gefördert würden; daß aber die Übersättigung Frankreichs diesem selbst und aller Welt die Unerfüllbarkeit der übertriebenen alliierten Erwartungen beweisen würde. In der Praxis erwies sich das Abkommen als fast völlig undurchführbar: es scheiterte an dem begreiflichen Widerstand der französischen Industriellen, für die das Wiederaufbaugebiet der zu jener Zeit ertragsreichste Absatzmarkt war: statt der in Aussicht genommenen Milliardenwerte hat Frankreich im Jahre 1922 nur für 19 Millionen Goldmark Sachlieferungen angefordert und erhalten! Aber nicht nur das Wiesbadener Abkommen, sondern auch der Londoner Zahlungsplan waren dadurch als praktisch nicht durchführbar erwiesen, weil Deutschland die ihm auferlegten Zahlungen in Geld nicht leisten und, wie sich jetzt zeigte, auch in Waren nicht absetzen konnte, da die alliierten Länder außerstande waren, Sachlieferungen im geplanten Umfange von Deutschland ohne schwere Schädigung ihrer eigenen Wirtschaft anzunehmen. (Vgl. Bergmann a. a. O. S. 126.) Trotzdem erhob sich in Deutschland gegen Rathenau ein Sturm, weil die im Abkommen auf dem Papier zugesagten Sachlieferungen die Forderungen, die Frankreich aus dem Londoner Ultimatum zustanden, übertrafen. Der volksparteiliche Abgeordnete von Rheinbaben sagt in seinem Buch »Von Versailles zur Freiheit«, daß dieser Sturm »rückblickend nur Erstaunen hervorrufen kann und in erster Linie mit parteipolitischer Gegnerschaft zu erklären ist.« (A. a. O. S. 47.) In Wirklichkeit schürten den Widerstand gewisse Kreise der deutschen Industrie, die, wie Rathenaus Gehilfe Legationsrat Simon sagt, »sich dagegen sträubten, daß sie nun für Reparationslieferungen statt mit wertbeständigen Devisen mit der verfallenden Mark bezahlt werden sollten.« (H. F. Simon, »Reparation und Wiederaufbau S. 128.) Aber für beide, für Deutschland ebenso wie für Frankreich, war es ein Unglück, daß das Abkommen sich in so geringem Umfange auswirkte; viel Unheil wäre verhindert worden: der Ruhreinbruch, die Mark- und Frank-Katastrophe, die Verarmung des deutschen und französischen Mittelstandes.

Vierzehn Tage nach der Unterzeichnung des Wiesbadener Abkommens, am 20. Oktober 1921, sprach der Völkerbunds-Rat auf Grund einer sehr anfechtbaren Auslegung des Versailler Vertrages den wertvollsten Teil Oberschlesiens Polen zu. Zum Protest zog die Demokratische Partei ihre Minister aus dem Kabinett zurück: Rathenau mußte gegen seinen Wunsch und ohne erkennbaren Vorteil für Deutschland zurücktreten.

Am 15. Januar und 15. Februar sollte Deutschland nach dem Londoner Zahlungsplan weitere Goldzahlungen leisten. Schon im Herbst wurde offenbar, daß die volle Summe nicht aufzubringen sein werde. Der Versuch, eine Anleihe von einer Milliarde Goldmark in London aufzunehmen, schlug fehl. Der Gouverneur der Bank von England antwortete auf das Gesuch der deutschen Regierung, daß im Hinblick auf Deutschlands weitergehende Verpflichtungen aus dem Londoner Zahlungsplan »weder eine langfristige deutsche Anleihe, noch ein kurzfristiger Bankkredit aufgenommen werden könne.« (Bergmann a. a. O. S. 133.) Daraufhin zeigte der Reichskanzler am 14. Dezember 1921 der Reparationskommission an, daß es Deutschland unmöglich sei, den Gesamtbetrag der am 15. Januar und 15. Februar fälligen Zahlungen zu beschaffen: es würden höchstens 150 bis 200 Millionen zur Verfügung stehen; Deutschland sei daher genötigt, für diejenigen Beträge, die am 15. Januar und 15. Februar nicht beschafft werden könnten, einen Zahlungsaufschub zu erbitten. Die Reparations-Kommission antwortete sehr unwirsch, daß sie mit Befremden von der Note des Reichskanzlers Kenntnis genommen habe und den Antrag auf Zahlungsaufschub so lange nicht berücksichtigen könne, bis er nicht im einzelnen begründet sei. In ihrer Bedrängnis bat die deutsche Regierung Rathenau, nach London zu fahren, um für Deutschlands Lage dort beim englischen Ministerpräsidenten Lloyd George und den Finanzleuten der City Verständnis zu erwecken.

Ob Rathenaus Reise im Hinblick auf ihren unmittelbaren Zweck, dem Zahlungsaufschub, politisch klug war, kann fraglich erscheinen. Bergmann kritisiert sie; er meint, Rathenau habe übersehen, »daß gerade die Verhandlungen mit einer einzelnen alliierten Macht um so heftigeren Protest bei den anderen Alliierten auslösen und daher der deutschen Sache schaden würden«. (Bergmann a. a. O. S. 134.) Das ist, wenn man nur den Zahlungsaufschub ins Auge faßt, richtig. Richtig ist auch, daß die deutsche Nachkriegspolitik zu oft der trügerischen Hoffnung nachgelaufen ist, England bei einer akuten Krisis gegen Frankreich ausspielen zu können. Zum Teil lag das an der Persönlichkeit des englischen Botschafters in Berlin, Lord D'Abernon, dem kein französischer Gegenspieler von gleicher Weltklugheit, Phantasie, Initiative, Zähigkeit, von gleichem Format gegenüberstand; zum Teil an einer unklaren Vorstellung von den Beziehungen zwischen Frankreich und England. In jeder akuten Krisis hatte Frankreich seine geographische Lage, die größte Armee und Luftflotte der Welt, und die noch von der Kriegspropaganda beherrschte öffentliche Meinung in England hinter sich; England dagegen gegen Frankreich als einzige Waffe bestenfalls nur den langsam wirkenden, für eine rasche Entscheidung unbrauchbaren Druck des englischen Geldmarktes auf die französische Währung und der englischen Schuldforderungen auf die französischen Finanzen. Im Ruhrkampf hat England diesen Druck spielen lassen, weil seine eigenen Interessen bedroht waren und die öffentliche Meinung gegen Frankreich umschlug; und damals hat er auch gewirkt und zum Scheitern von Poincarés Rheinpolitik beigetragen, weil der Kampf sich lange hinzog und der City Zeit gab, ihren Aufmarsch zu vollziehen Die letzten Zweifel an Poincarés Absicht, England vor eine Tatsache zu stellen, die seine lebenswichtigsten, wirtschaftlichen und politischen Interessen bedroht hätte, zerstreute der von einem englischen Journalisten im »Manchester Guardian« veröffentlichte Geheimbericht des französischen Senators Dariac an Poincaré vom 28. Mai 1922 über die Mittel und Wege, die Rheinlande und das Ruhrgebiet von Deutschland loszulösen und an Frankreich anzugliedern. Übersetzt Berlin 1923. Zentralvertrag. In diesem Lichte bekam auch die von Frankreich bezahlte separatistische Bewegung für die englische öffentliche Meinung ein beunruhigendes Gesicht.. Ein Zahlungsaufschub für Deutschland im Dezember 1921 war aber kein lebenswichtiges englisches Interesse und mußte, wenn überhaupt, dann binnen kürzester Frist Frankreichs Zustimmung erhalten. Daher wird auch Rathenau kaum gehofft haben, ihn mit Englands Hilfe gegen Frankreich zu erzwingen. Aber er erblickte eine Gelegenheit, eine Bresche in die Mauer von Haß und Mißtrauen, die Deutschland umgab, zu schlagen, indem er wenigstens die englischen Staatsmänner und Finanzleute unter vier Augen über Deutschlands wahre Lage und Absichten aufklärte; und diese Gelegenheit ergriff er, trotzdem vermutlich auch ihm gleich die von Bergmann geäußerten Bedenken gekommen sind.

Überhaupt ist der Grundzug von Rathenaus Außenpolitik, daß sie als Hauptziel die Beseitigung des Mißtrauens und Hasses verfolgte, um Verhandlungen auf sachlicher Grundlage möglich zu machen, weil er von sachlich geführten Verhandlungen den sicheren Wiederaufstieg Deutschlands auf Grund seines natürlichen Schwergewichts erwartete. Er erkannte, daß der deutschen Außenpolitik nach dem Zusammenbruch als einziges Mittel Fleiß und Intelligenz des deutschen Volkes geblieben waren, und zog daraus die Folgerungen: er unternahm es, auf sie allein eine Politik aufzubauen; er vertraute auf die Arbeitskraft und Tüchtigkeit des deutschen Volkes wie Friedrich auf seine Bataillone. Diesem auf lange Sicht eingestellten Operationsplan opferte er, oft widerstrebend, aber schließlich doch jedesmal mit festem Entschluß, taktische Erfolge, selbst wo es sich um greifbare und wichtige Vorteile handelte, weil sie ihm später, wenn er seinem Hauptziele näher kam, doch wieder zufallen mußten. Wie richtig sein Hauptziel gewählt und sein Operationsplan angelegt war, hat sich seither erwiesen: jeder Schritt vorwärts, der Deutschlands Lage erleichterte, ist auf dem von Rathenau vorgezeichneten Wege erfolgt, auf dem Wege, der wenn, auch unter schmerzlichen Opfern, von Etappe zu Etappe das Mißtrauen der Gegner abbaut und Fragen verhandlungsreif macht.

Aber diesem Rathenauschen Plan stand der Plan von Poincaré feindlich gegenüber, der im Gegenteil Reste der Kriegspsychose benutzen wollte, um das von Wilson in Versailles durchkreuzte Ziel, die französische Rheingrenze und die Zertrümmerung der deutschen Einheit nachträglich zu erreichen. Ob Poincaré selbst diesen Plan erfunden oder bei eigener innerer Unsicherheit vom Leiter der politischen Abteilung im französischen Außenministerium, dem früheren französischen Botschafter in Petersburg, Paléologue, in Ermangelung eines besseren übernommen hat, ist schwer festzustellen. Auch wäre es unrichtig und ungerecht, diesen Plan schlechthin den französischen zu nennen, denn in Frankreich widerstrebten ihm schon seit Versailles große und einflußreiche Kreise, deren Wortführer nicht bloß Pazifisten oder Sozialisten, sondern auch Männer wie Loucheur, Briand, François-Poncet und der Vertreter der Garantiekomités in Berlin, Haguenin, waren; aber die französische Politik hat doch bis nach dem Zusammenbruch des Ruhr-Abenteuers zäh an dieser Konzeption festgehalten und daher offen oder versteckt Rathenaus Bemühungen, so lange er lebte, jedesmal zu sabotieren versucht. Gescheitert ist sie schließlich in Locarno nur an der größeren realpolitischen Kraft der Rathenauschen, von Stresemann übernommenen und fortgeführten pazifistischen Konzeption.

Rathenaus Besprechungen mit Lloyd George und den City-Leuten führten zu einem Versprechen von Lloyd George, eine Herabminderung der deutschen Goldzahlungen im Jahre 1922 auf 500 Millionen zu befürworten. Darüber hinaus aber noch zu einem Plan, Rußland durch ein Konsortium aus den Westmächten, Deutschland und Rußland wiederaufzubauen. Ferner sollten die interalliierten Kriegsschulden in Europa ausgeglichen, und England, Belgien, Frankreich, eventuell unter Hinzuziehung Deutschlands, einen großen Friedenspakt in bezug auf den Rhein schließen: erstes Auftauchen der Idee von Locarno! (H. F. Simon a. a. O. S. 119.)

Im Anschluß an Rathenaus Besuch fanden am 18. Dezember 1921 französisch-englische Besprechungen auf dem Landsitz des englischen Premierministers, Chequers, statt, bei denen » aus dieser großen Konzeption heraus der Entschluß zur Zusammenkunft in Cannes gefunden wurde, wo die Brücke zu einem gesamteuropäischen Wirtschaftskongreß gesucht werden sollte.« (H. F. Simon a. a. O. S. 119.) Diese Wirtschaftskonferenz wurde von den fünf alliierten Hauptmächten schon in Chequers beschlossen und zum nächsten Frühjahr nach Genua eingeladen.

 

Anfang Januar trat in Cannes der Oberste Rat der Alliierten zusammen. Deutschland war auf Anregung von Lloyd George eingeladen, als Gast an den Reparationsberatungen teilzunehmen. »Eine kleine deutsche Delegation«, erzählt Bergmann (a. a. O. S. 146ff.), »unter Führung von Dr. Rathenau traf am 11. Januar 1922 in Cannes ein. Dr. Rathenau und ich wurden sofort zu einer ganz vertraulichen Besprechung nach der in der Nähe von Cannes gelegenen Villa des Broussailles gebeten, wo wir die Minister Loucheur und Sir Robert Horne antrafen. Beide machten uns auf den Ernst der Lage aufmerksam. Die innerpolitische Lage in Frankreich sei sehr bedenklich. Das französische Kabinett werde, wenn es Deutschland in dem in London besprochenen Sinne entgegenkäme, schweren Erschütterungen ausgesetzt sein. Aber die Stimmung in Cannes sei für Deutschland günstig, nur müßten wir sofort zugreifen. Es erscheine möglich, uns ein einjähriges Moratorium zu gewähren. Die Geldzahlungen von 1922 würden allerdings nicht auf fünfhundert, sondern nur auf 720 Millionen Goldmark ermäßigt werden können. Außerdem würden wir zu Sachlieferungen in Höhe von 1450 Millionen Goldmark, wovon 950 Millionen für Frankreich, verpflichtet werden. Jede Verzögerung der Annahme sei gefährlich; morgen schon könnte das französische Kabinett gestürzt sein. – Unmittelbar darauf wurden die Deutschen zur Reparations-Kommission gerufen, welche gleichfalls vom Obersten Rat nach Cannes entboten war. Hier verbreitete sich Rathenau in langer Rede über die Lage Deutschlands und über seine Zahlungsmöglichkeiten. Währenddessen schob mir ein Mitglied der Reparations-Kommission einen Zettel zu, auf dem stand: »Nehmen Sie schnell an, die Bedingungen sind 720 Millionen Goldmark und 1450 Millionen Sachleistungen!« – Dr. Rathenau hielt es nicht für richtig, auf diese wiederholten Fingerzeige einzugehen. Er wollte nicht mit der Reparations-Kommission, die in Cannes gleich ihm nur Gast war, ein Abkommen treffen, sondern die Entscheidung des Obersten Rates einholen. Dabei hoffte er immer noch, die Ermäßigung der Geldzahlungen für 1922 auf 500 Millionen Goldmark durchzusetzen. Am folgenden Tage, dem 12. Januar, fand dann eine stark besuchte Sitzung des Obersten Rates statt, in der Dr. Rathenau eine mehrstündige großangelegte Rede hielt ... Dr. Rathenau war noch mitten in seiner Rede, als plötzlich die Nachricht kam, das Kabinett Briand sei soeben in Paris gestürzt worden.«

Die Nachricht vom Rücktritt Briands führte zu einer halbstündigen Pause. Lloyd George stellte sofort fest, daß mangels Teilnahme der französischen Regierung eine neue Situation geschaffen und der Oberste Rat beschlußunfähig geworden sei. Er forderte Rathenau aber auf, trotzdem sein Exposé zu beenden. Dieser fuhr daher in seiner Rede fort und hob am Schluß noch besonders die Bereitwilligkeit Deutschlands hervor, nicht nur »mit seinen Leistungen bis zu den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu gehen«, sondern auch, »mit den Westmächten und Rußland zusammen, Ost- und Zentral-Europa wieder aufzubauen.«

Noch am selben Abend hatte er auf Einladung von Lloyd George eine einstündige Unterredung mit ihm in der Villa Valletta. Lloyd George nahm die Situation ernster als am Mittag, setzte auseinander, daß die Fortsetzung der Beratungen des Obersten Rates nicht möglich sei; dagegen bleibe Genua bestehen. Er beauftragte gleichzeitig Sir Robert Horne, die Einladung Deutschlands nach Genua durch den italienischen Minister Bonomi zu veranlassen.

Infolge des Abbruchs der Konferenz wurde wieder die Reparations-Kommission für den deutschen Stundungs-Antrag zuständig. Diese beschloß am 13. Januar in Cannes einen vorläufigen Zahlungsaufschub für die am 15. Januar und 15. Februar fälligen Barzahlungen; während des Zahlungsaufschubs sollte Deutschland alle zehn Tage 31 Millionen Goldmark zahlen.

Bergmann läßt deutlich erkennen, daß er Rathenaus Verhalten in Cannes nicht billigt, weil er das Angebot der Reparations-Kommission nicht sofort annahm, sondern darauf bestand, zuerst seine große Rede vor dem Obersten Rat zu halten. Praktisch war der Schaden nicht übermäßig groß; denn am 22. März setzte die Reparations-Kommission die Leistungen Deutschlands genau so fest, wie sie das von Rathenau vernachlässigte Angebot vorgesehen hatte: 720 Millionen Goldmark und 1450 Millionen Sachleistungen für 1922. (Bergmann a. a. O. S. 153.) Und so weit Schaden entstanden war, wurde er reichlich wieder gutgemacht durch die Überzeugung vom ehrlichen Erfüllungswillen des deutschen Kabinetts, die Rathenau einem Teil der Alliierten beizubringen verstand, und durch die Erhöhung seines persönlichen Ansehens, die Deutschland zugute kam. Zum ersten Male seit dem Kriege hatte ein deutscher Staatsmann zur Welt so gesprochen, daß sie ihn ernst nehmen und hinter dem durch die Kriegs- und Nachkriegs-Propaganda entstellten Bilde Deutschlands ein anderes, arbeitsames, ehrliches, friedliches, erfüllungsbereites Deutschland erblicken mußte. In der ersten Runde des Duells zwischen Poincaré und Rathenau blieb Poincaré Sieger; aber Rathenau hatte schon in Cannes die deutsche Politik auf den Weg gehoben, der zu der wiedererlangten Großmachtstellung in Genf, zum Begräbnis von Poincarés Rheinpolitik in Locarno und zur Bekehrung von Poincaré selbst zu Rathenaus Verständigungspolitik in Carcassonne führte.

 

Wenige Tage nach Rathenaus Rückkehr trat der deutsche Außenminister Dr. Rosen zurück, ein feiner Kenner persischer Poesie, ein altroutinierter kluger Diplomat, der zu dem kleinen Kreise derjenigen gehörte, welche im Kriege Zivilcourage gezeigt hatten, jetzt aber den Zusammenstößen mit alliierten Militär-Kommissionen physisch nicht mehr gewachsen war. Stinnes, der gefragt wurde, schlug als Nachfolger den deutschen Gesandten in Wien von Rosenberg vor; Wirth wandte sich an Rathenau, der durch seine Urheberschaft an der Erfüllungspolitik, durch die von ihm angeknüpften persönlichen Beziehungen zu Lloyd George, Loucheur und anderen führenden alliierten Staatsmännern, durch sein in Cannes erworbenes europäisches Ansehen als der am meisten Geeignete erschien. Wieder schwankte Rathenau; wieder beschwor ihn seine Mutter, abzulehnen. Schließlich nahm er an, wie er seinen ersten Ministerposten angenommen hatte, in klarer Erkenntnis der Lebensgefahr, aber unwiderstehlich getrieben von denselben Motiven, die ihn das erstemal bestimmt hatten. Seiner Mutter verheimlichte er seine Annahme noch möglichst lange; sie erfuhr sie, wie sie Etta Federn-Kohlhaas erzählt hat, aus den Zeitungen: »Als Rathenau zum Mittagbrot wie gewöhnlich zu seiner Mutter kam, saßen sich beide gegenüber und stocherten in ihrem Essen herum, bis endlich die Mutter fragte: »Walther, warum hast du mir das angetan?« Und er antwortete: »Mama, ich mußte es ja, weil sie keinen anderen gefunden haben.« (A. a. O. S. 233.)

Am Vorabend hatte er an die Freundin geschrieben:

»31. 1. 1922.

Schweren Herzens gedenke ich Ihrer in dieser Nachtstunde. Sie haben von F. gehört, welchen Entschluß ich am Abend fassen mußte. Mit tiefem und ernstem Zweifel stehe ich vor dieser Aufgabe. Was vermag ein einzelner gegen diese erstarrte Welt, mit Feinden im Rücken, im Bewußtsein seiner Grenzen und Schwächen? Ich will allen guten Willen daran setzen, und wenn er nicht ausreicht, so werden Sie mich nicht mit den andern verlassen.

Ihr W.«

Die Art, wie Rathenau plötzlich und heimlich über Nacht gegen den Wunsch einflußreicher industrieller Kreise ernannt worden war, erweckte eine starke Mißstimmung. Auch mißtraute man ihm bis in die Kreise seiner nächsten politischen Freunde. Von seinen Feinden wurde er mit Schmäh- und Drohbriefen überschüttet. Er alterte in diesen Wochen vor Genua zusehends. Verständnis fand er für seine Außenpolitik nur bei einem verschwindend kleinen Kreise, zu dem allerdings der Reichskanzler Wirth gehörte. Trotzdem machte er sich ans Werk, die deutsche Außenpolitik systematisch in seinem Sinne umzustellen, »Es handle sich darum,« sagte er mir, »der ganzen Maschine des Amtes eine Drehung zu geben, und das sei eine übermenschliche Arbeit. Nachdem acht Jahre lang die deutsche Außenpolitik ganz passiv gewesen sei, gehe es darum, sie langsam wieder aktiv zu machen, jeden Tag ein Eisen ins Feuer zu schieben.«

Als schwerstes Hindernis empfand er »den Gegensatz, in dem sich jede vernünftige Außenpolitik in Deutschland heute mit der Volksstimmung bewegen müsse.« Poincaré, der anstelle von Briand französischer Ministerpräsident geworden war, verstärkte pflegsam dieses Hindernis, indem er die Volksstimmung durch eine fortlaufende Reihe berechneter Unfreundlichkeiten und neuer Forderungen immer mehr reizte; das gehörte mit zu seinem Operationsplan. Der Chef der Interalliierten Militär-Kommissionen, General Nollet, der sich bis dahin als Pazifisten bezeichnet hatte, mußte nach Poincarés Amtsantritt eine Wendung vornehmen und noch schärfere Seiten aufziehen wie bisher. »Die Auswirkung von Poincarés Politik«, sagte Rathenau in einer Reichstagsrede Ende März, »... zeigte sich zunächst in einem Hagel von Noten, die seitens der Interalliierten Militär-Kommissionen auf uns herniederprasselten. Ich habe zählen lassen, daß wir im Laufe von etwa zwei Monaten hundert dieser Noten zur Beantwortung bekamen. Sie können sich denken, daß es geradezu einer Lahmlegung der Behörden gleichkommt, wenn sie gezwungen sind, täglich und nächtlich an der Beantwortung dieser Schriftstücke zu arbeiten.« (Reden S. 378.) Auch knüpfte Poincaré Verbindungen mit Stinnes an, vermutlich in der Hoffnung, den Gegensatz zwischen Stinnes und Rathenau für seine Zwecke nutzbar zu machen. Sogar mit Radek, der für ihn der Teufel war, suchte er Beziehungen, um eine Annäherung Rußlands an Deutschland zu hintertreiben. Französischen Verständigungspolitikern gegenüber hüllte er sich in ein geheimnisvolles Schweigen oder tat so, als ob er seine Politik nur aus Ängstlichkeit betreibe und auch anders könne; einer von diesen in hoher offizieller Stellung sagte mir nach einem Besuch bei ihm kurz vor Genua in tragikomischer Erregung: Poincaré wisse, daß mit Gewalt nichts zu erreichen sei; aber er sei » un monstre de lâcheté« (»ein Ungeheuer von Feigheit«). Inzwischen wurde das Volk in Frankreich künstlich immer mehr an die Idee der Gewalt gegen Deutschland gewöhnt; und diese französische öffentliche Meinung dann dazu benutzt, um wiederum in Deutschland die Stimmung aufzupeitschen. Am 21. März antwortete die Reparations-Kommission auf das deutsche Gesuch um einen Zahlungsaufschub in einer Note, deren Ton und Inhalt provokatorisch wirken mußten. Das Kabinett Wirth-Rathenau erwiderte ablehnend, und es kam so weit, daß selbst Rathenau begann, die Nerven zu verlieren. Die Reichstagsrede, in der er zu der Note Stellung nahm, zeigt kaum verhüllt seine Verärgerung und Enttäuschung.

Am Vorabend seiner Abreise nach Genua schreibt er an die kranke Freundin:

»In später Stunde, todmüde von den Tagen und betrübt von Ihrem Brief drücke ich Ihnen die Hand. Sie haben glauben können, daß ich nicht mit Ihnen leide, weil ich versuchte, Sie diese Minuten über das Leiden hinwegzuführen! Vielleicht konnte ich es dennoch nicht, weil ich selbst litt und leide. Diese Zeit, die Sie die höchste meines Lebens nennen, ist die schwerste, und nichts als ein Abschied. Ich weiß, daß es den Bruch eines Lebens bedeutet, was ich vornehmen muß, ob ich will oder nicht. Denn wer auch nur einen Augenblick seinen Rücken unter diese Last beugt, wird zermalmt. Kehre ich heim, so wird sich alles auf mich stürzen.

Denn jede eherne Tat den Nötigen wende,
Nur unsereiner ist's, der sie vollende,
In der man uns in ehrner Wirrsal ruft
Und dann uns steinigt: Fluch dem, was ihr schuft.

Auf solcher Fahrt und am Abend zuvor habe ich stets in aller Stille Ihrer gedacht und manchmal ein Wort zum Zeichen und zum Gruß geschrieben. Auch heute geschieht es, und nicht minder guten, aber schwereren Herzens als sonst.

Ich fühlte Ihr Leiden zu sehr – und nicht nur das offenbare –, ich weiß und verstehe, daß Sie mir diesmal den Weg nicht erleichtern konnten. Sie hätten es getan, und vielleicht tue ich nicht genug, um Ihnen diese Stunde, die kein Abschied ist, zu erleichtern. Möchten Sie fühlen, daß ich Ihrer diese Nacht in Liebe und Treue gedenke.

W.
Dienstag-Mittwoch.«

Unter diesen Vorzeichen begann die Konferenz von Genua. Poincaré hatte ihr im voraus das Rückgrat gebrochen. Mit der Drohung, daß Frankreich sonst fernbleiben werde, hatte er in einer Zusammenkunft mit Lloyd George in Boulogne am 25. Februar endgültig durchgesetzt, daß in Genua von der Reparationsfrage nicht geredet werden dürfe. Trotzdem betrachtete er die von Lloyd George und Loucheur inszenierte Veranstaltung mit dem äußersten Mißtrauen wie ein Komplott gegen seine Rhein-Pläne, denen sie den Boden zu entziehen drohte. Daher ging er nicht selber hin, weil er die Versammlung im Notfalle, wenn sie trotz Boulogne eine ihm nicht genehme Wendung nähme, als deus ex machina leichter aus der Ferne durch ein einfaches Telegramm sprengen konnte; und schickte eine Vertretung, die er über seine Ziele im Dunklen ließ und dadurch lähmte. – Lloyd George dagegen brauchte einen Erfolg, um seine Währung und seinen Handel, und auch seinen politischen Kredit, zu heben, und wünschte mit aus diesem zweiten Grunde, unter seiner Führung in Genua einen gesamteuropäischen Wiederaufbau Rußlands einzuleiten. Hinderlich war ihm die öffentliche Meinung in England, die unbesehen hinter Poincaré stand, weil sie seine Absichten nicht erkannte; ein Hauptziel von Lloyd George in Genua war daher, Poincaré zu zwingen, seine Karten aufzudecken, mit dem Hintergedanken, Handlungsfreiheit zu erlangen, um nötigenfalls die Entente zu lösen. – So stand die Konferenz von vornherein unter dem Zeichen eines scharfen und unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen der offiziellen französischen und der englischen Politik, der mit dem Gegensatz zwischen Rathenaus und Poincarés Politik parallel ging, ohne sich überall mit ihm zu decken. – Italien, in dem, nach kurzen Wirren, längst wieder Ordnung und Ruhe herrschten, und das als erstes von den früher kriegführenden Völkern die Kriegspsychose vollkommen überwunden hatte, wünschte als Gastgeber und aus Prestigegründen unter allen Umständen einen Mißerfolg der Konferenz zu verhüten.

Die beiden anderen Prominenten, Deutschland und Rußland, mußten innerhalb dieses Gegensatzes operieren. Die Russen wollten drei Dinge, die nicht leicht zu vereinigen waren: eine Anleihe für ihre Regierung, eine Minderung des Druckes von außen auf ihren Staat und eine Plattform für ihre weltrevolutionäre Propaganda. Deutschland schützte in Genua den Rhein, suchte, wieder gleichberechtigt an den Verhandlungstisch der Großmächte zu kommen, und wollte eine Entgiftung der europäischen Atmosphäre und den Wiederaufbau Europas mit Einschluß von Rußland als Vorbedingung seines eigenen wirtschaftlichen und politischen Wiederaufstiegs. Für Deutschland bedeutete Genua außerdem die erste große Probe, ob und wie sich seine neue Außenpolitik in das Netz der europäischen Beziehungen einfügen und als Schutz gegen die Poincaréschen Pläne bewähren werde. So waren die Karten verteilt; das Spiel konnte beginnen.

Die Konferenz wurde am 10. April eröffnet: eine Veranstaltung, wie sie die Welt seit dem Berliner Kongreß nicht gesehen hatte. Unter dem Vorsitz des italienischen Ministerpräsidenten Facta, des letzten parlamentarischen italienischen Kabinettschefs vor Mussolini, versammelten sich zum Wiederaufbau der Weltwirtschaft, oder in Wahrheit zur Beendigung des Krieges, alle leitenden Politiker Europas: Zentralmächte, Alliierte, Russen, Neutrale; nur Poincaré war wie die böse Hexe in »Dornröschen« nicht erschienen. Die mächtigsten Bankiers und Unternehmer, die einflußreichsten Arbeiterführer, die bekanntesten Journalisten aus allen Erdteilen kamen als Zuschauer oder Sachverständige; Wall Street und Fleet Street, Downing Street und Wilhelmstraße flossen im Engpaß der Via Garibaldi, zwischen den hohen Palastmauern von Genua, in eins zusammen: ein ökumenisches Konzil, den im Mittelalter von der Kirche zur Rettung der Christenheit zusammenberufenen vergleichbar. Allgemein war die Furcht, daß, wenn Genua mißlinge, eine Katastrophe bevorstünde.

Schon die erste Vollsitzung enthüllte den englisch-französischen Gegensatz und die Isolierung der fern von Poincaré gestrandeten französischen Vertretung; allerdings nur in der Form eines Satyrspiels, das dieses Mal dem Drama vorausging. Die unter Teilnahme der Geistlichkeit mit großem Pomp umgebene Eröffnungs-Feierlichkeit in einem niedrig am Hafen gelegenen, gruftartig hell-dunklen Renaissancesaal, in dem immer Licht brennen mußte, glich zuerst einer Beisetzung. Facta, Lloyd George, Wirth und die Vertretung von Poincaré, sein Justizminister Barthou, verlasen die ihnen von ihren Bureaus zurechtgemachten Gemeinplätze. Die Versammlung wartete gespannt auf eine angekündigte Sensation. Und in der Tat, sie blieb nicht aus. Gleich nach Barthou erhob sich vor einem Kardinal, der ganz in Rot gekleidet in einem Sessel hinter ihm Platz genommen hatte, der Sowjet-Außenkommissar Tschitscherin, und aus der Trauerfeier wurde rasch eine großangelegte politische Komödie. Auch Tschitscherin las, und da seine französische Aussprache sehr persönlich ist, mußten sich die Zuhörer erst in sie einfühlen; viele dachten, er spräche Russisch. Aber dann wurden einzelne Worte, später ganze Sätze verständlich. Er verkündigte den ernsten Willen der Russen, am Wiederaufbau der Welt mitzuwirken, hoffte, daß Genua nur der erste einer fortlaufenden Reihe von europäischen Wirtschaftskongressen sein möge, erwartete, daß ein universeller, nicht bloß europäischer Kongreß, an dem alle Völker der Erde teilnehmen würden, den Wiederaufbau der Welt vollenden würde, und kam dann in Worten, die er deutlich und fast ohne Akzent sprach, auf die Abrüstung: Rußland sei bereit, die Rote Armee abzubauen, sobald die anderen Völker auch abrüsteten. Es verpflichte sich dazu feierlich! – Schon seit Tagen hieß es, daß Lloyd George die Russen zur Aufrollung der Abrüstungsfrage ermuntert habe: eine Woche vorher hatte mir ein englischer Politiker in hoher amtlicher Stellung, ein Freund von Lloyd George, gesagt, daß dieser sich von der Aufrollung der Abrüstungsfrage in Genua durch die Russen viel verspreche. Trotzdem wirkte die Rede Tschitscherins wie eine Überraschung; es schien nicht unmöglich, daß sie die Konferenz sprengen werde. Nachdem er sie französisch beendet hatte, las er sie zum zweitenmal englisch: wieder mit besonderem Nachdruck die Stelle über die Abrüstung. Dann sprang Barthou auf: in großer und steigender Erregung, mit der kunstvoll leidenschaftlichen Rhetorik eines gewiegten Pariser Schwurgerichtsadvokaten, legte er Protest ein gegen jede Erörterung der Abrüstung in Genua »in seinem Namen, im Namen der französischen Delegation, im Namen Frankreichs!« Sein Pathos wirkte nur wenig; der größere Teil der Versammlung blieb ungerührt. Kaum hatte Barthou ausgeredet, war Tschitscherin schon wieder auf den Beinen und antwortete geschickt und boshaft: »Die russische Regierung sei zu ihrem Versprechen, unter gewissen Bedingungen abzurüsten, durch eine Rede des Herrn Briand in Washington angeregt worden, in der er als das Haupthindernis einer französischen Abrüstung die russische Rote Armee genannt habe; sie habe deshalb gehofft, daß sie Frankreich und der Welt einen Dienst erweisen würde, wenn sie dieses Hindernis durch eine bindende Erklärung hier in Genua forträume. Im übrigen werde sich die russische Delegation der Entscheidung der Konferenz beugen, falls diese wünsche, die Frage der Abrüstung auszuschließen.« Man lachte und einige klatschten. Jetzt meldete sich Lloyd George zum Worte. Obwohl hinter dem Vorschlag der Russen er selbst steckte, ließ er sie sanft fallen, goß mit Humor Öl auf die bewegten Wogen, erklärte dann aber doch, » daß Genua nach seiner Ansicht ein Mißerfolg sein werde, wenn es nicht zur Abrüstung führe. Im übrigen sei der Völkerbund mit der Frage der Abrüstung befaßt, und diesem wolle Herr Barthou gewiß kein Hindernis bei seiner Tätigkeit in den Weg legen. Er beschwöre daher Herrn Tschitscherin, zunächst die Abrüstungsfrage aus dem Spiel zu lassen, um nicht das schwer beladene Schiff der Genueser Konferenz zum Sinken zu bringen. Denn wenn dieses Schiff untergehe, könne Herr Tschitscherin selbst mit ertrinken.« Das alles im Plauderton und wie aus dem Großvaterstuhl gesprochen! Ein Sturm des Beifalls ging durch den Saal, minutenlang klatschten Delegierte, Sachverständige, Journalisten, Zuhörer; nur die französische Delegation mußte in qualvoller Vereinsamung still sitzen. Barthou, offenbar in höchster Erregung, versuchte noch einmal zu Worte zu kommen, wurde vom Präsidenten Facta unterbrochen, dann barsch zum Schweigen aufgefordert, schließlich fast gewaltsam am Reden gehindert, indem ihm kurzerhand das Wort entzogen wurde mit der Begründung, die Frage, über die er rede, sei längst erledigt. Der Tag endete mit der aller Welt sichtbar gemachten Isolierung der Franzosen und dem von Lloyd George gesuchten Triumph, der ihn zum Mittelpunkt und König der Konferenz erhob.

Am nächsten Tage maßen sich zum erstenmal die französische und die deutsche Position aneinander. Unterkommissionen wurden gebildet. Die fünf »einladenden Mächte«, das heißt die vier Großmächte und Belgien, beanspruchten als ihr Recht Sitz und Stimme in jeder Unterkommission. Italien und England schlugen vor, das gleiche Recht auch Deutschland und Rußland einzuräumen; Frankreich widersprach, es wollte Deutschland und Rußland den Kleinstaaten gleichstellen: sie sollten sich zur Wahl stellen, nicht von Rechts wegen Mitglieder werden. Bei der Abstimmung blieben die Franzosen allein; auch Polen stimmte gegen sie. Aber Barthou gab sich nicht besiegt; am nächsten Tage versuchte er, auf telegraphischem Befehl von Poincaré, noch einmal, den französischen Standpunkt durchzusetzen, indem er ihn mit der am 10. April eingelaufenen ablehnenden Antwort der deutschen Regierung auf die Note der Reparations-Kommission vom 21. März begründete: wieder erfolglos. Der Widerstand Poincarés war begreiflich; denn die Entscheidung war von großer, grundlegender politischer Bedeutung: sie reihte Deutschland und Rußland de facto wieder als Großmächte in das europäische Konzert ein und schuf, wie gleich damals hervorgehoben wurde, ein Präjudiz für die Aufnahme beider Länder in den Rat des Völkerbundes als ständige Mitglieder. Es war vielleicht der wertvollste moralische Erfolg, den Deutschland aus Genua zurückbrachte. Zu danken war er ohne Zweifel dem internationalen Ansehen, das Wirth und Rathenau sich erworben hatten.

 

Trotz Poincaré suchte Rathenau auch mit Frankreich Fäden anzuknüpfen. Gleich am ersten Tage der Konferenz beauftragte er mich, sobald wie möglich eine Zusammenkunft zwischen dem Staatssekretär Bergmann und dem Chef der Handels-Abteilung im französischen Auswärtigen Amt, Seydoux, in die Wege zu leiten; er selbst wolle sich zunächst einmal noch zurückhalten. Seydoux gehörte zu den nicht wenigen Franzosen in hohen Stellungen, die hinter der Poincaréschen Fassade an einer Verständigung mit Deutschland arbeiteten; trotz eines schweren körperlichen Leidens mit viel Zähigkeit und eigenen guten Einfällen. Auf diesem Umwege wollte Rathenau trotz Boulogne zur Besprechung der Reparationsfrage in Genua, allerdings nicht im offiziellen Rahmen der Konferenz, aber parallel mit ihr gelangen; und Seydoux entzog sich dem nicht. Bergmann sagt in seinem Buch (A. a. O. S. 159): »Ein einwandfreier Anlaß dazu war gegeben. Am 4. April 1922 hatte die Reparations-Kommission beschlossen, ein Komitee von Sachverständigen zu berufen, um die Frage zu prüfen, unter welchen Bedingungen die deutsche Regierung Anleihen im Auslande aufnehmen könne, deren Erlös zur teilweisen Tilgung der deutschen Reparationsschuld verwendet werden solle.« Hier knüpfte Bergmann an: schon am 12. April fand die erste Besprechung statt. Bergmann wollte eine Anleihe von vier Milliarden Goldmark aufnehmen, mit dieser vier Jahreszahlungen der Reparationsschuld sofort begleichen und in der vierjährigen Atempause, die dadurch für Deutschland geschaffen worden wäre, eine endgültige Regelung der Reparationsfrage vorbereiten. Der Plan wurde auch von Seydoux und anderen einflußreichen Franzosen in Genua gebilligt; allerdings mit dem Vorbehalt, daß es zweifelhaft sei, wie Poincaré sich zu ihm stellen werde. Mit Recht meinte der in Genua anwesende Chefredakteur des »Petit Parisien«, Philippe Milliet, der in den Plan eingeweiht war und auf dieser Grundlage ein deutsch-französisch-englisches Bündnis anstrebte, diese Besprechungen zwischen Bergmann und Seydoux seien wichtiger als die ganzen Konferenzverhandlungen, weil sie den europäischen Wiederaufbau, den die Konferenz infolge von Boulogne nur theoretisch erörtern konnte, praktisch anpackten. Sie nahmen auch einen günstigen Fortgang und wurden nur infolge des Rapallo-Vertrages abgebrochen.

Um den Rapallo-Vertrag haben sich vom ersten Tage an Legenden gewoben. Man hat in ihn ein deutsch-russisches Militärbündnis hineingeheimnist und seine Unterzeichnung gerade in Genua als eine gewollte Herausforderung gedeutet. Beides war falsch. Sein Inhalt ging weder schriftlich noch mündlich über den harmlosen, sofort veröffentlichten Text hinaus. Daß gerade Rathenau, der nichts von Rüstungen hielt, eine geheime Militärkonvention abgeschlossen haben sollte, war eine besonders haltlose, ja komische Unterstellung. Der Vertrag war nichts weiter als was er zu sein vorgab: ein Friedensvertrag, der erste Vertrag seit dem Kriege, der darauf ausging, einen wirklichen Friedenszustand zwischen zwei durch den Krieg miteinander entzweiten Völkern herzustellen. Vielleicht war er gerade deshalb für einen Geisteszustand, der noch von der Kriegspsychose beherrscht war, unfaßbar. Im übrigen mag seine Unterzeichnung in Genua klug oder unklug gewesen sein: der Absicht, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, entsprang sie nicht: sie war eine fast zwangsläufige Folge von Umständen, für die die Hauptverantwortung den Alliierten zufiel.

Eine Regelung des seit dem Versailler Frieden, der den Brest-Litowsker Vertrag aufhob, vertraglosen deutsch-russischen Verhältnisses war schon lange überfällig. Sie gehörte, wie bereits dargelegt (vgl. S. 300), ganz besonders zum Programm von Rathenau. In Berlin hatten unter ihm durch den Chef der Ost-Abteilung im Auswärtigen Amt von Maltzan schon Vorverhandlungen mit den Russen stattgefunden; ein Vertrag war entworfen und wäre unterzeichnet worden, wenn Rathenau nicht Bedenken gehabt hätte, die Alliierten kurz vor Genua vor eine vollendete Tatsache zu stellen, die sie mißtrauisch machen konnte. Auch hemmte seinen Entschluß der mit Lloyd George besprochene großzügige Plan eines gesamteuropäischen Konsortiums, das die Regelung des Verhältnisses Europas zu Rußland in die Hand nehmen und damit eine gesamteuropäische Hilfsaktion für Rußland verbinden sollte. So eingestellt kam Rathenau nach Genua: er betrachtete es als eine seiner wichtigsten Aufgaben dort, mit den Russen und Alliierten gemeinsam einen Plan für den russischen Wiederaufbau fertigzustellen und in diesen die Regelung der deutsch-russischen Beziehungen einzugliedern. Aber diese Absicht wurde über den Haufen geworfen durch Umstände, deren Urheber letzten Endes Herr Barthou war. Dieser hatte sich mit seiner Niederlage in der Frage der Zulassung Deutschlands zu den Unterkommissionen nicht zufriedengegeben. Er suggerierte daher Lloyd George die Veranstaltung von »Privatbesprechungen« ohne Deutschland zwischen den Alliierten und den Russen im Privatquartier von Lloyd George, der Villa de Albertis. Barthou trieb dabei das Motiv, die Russen zu Reparationsforderungen gegen Deutschland zu bewegen, die dann indirekt Frankreich als Kompensation für seine russischen Vorkriegsanleihen zugeflossen wären; ein Unterfangen, das in Anwesenheit der Deutschen schwer gelingen konnte. Nebenbei wohl auch die Hoffnung, die Poincaré mißliebige Konferenz auf diesem Wege zu sabotieren. Lloyd George, der im allzu verwirrenden Spiel seiner Kreuz- und Querzüge die Übersicht verloren zu haben scheint und ein Pflaster auf die Wunde Barthous legen wollte, ging zu seinem Unglück auf die Anregung ein.

In der ersten Sitzung der »Politischen Unterkommission«, am 11. April, hatten die Engländer als Grundlage für die Verhandlungen mit Rußland ein Memorandum (»Londoner Memorandum«) vorgeschlagen, das u. a. in Art. 6 ausdrücklich das Recht Rußlands auf Kriegsentschädigung aus dem Artikel 116 des Versailler Friedensvertrages vorbehielt und in zwei weiteren Artikeln jeden Anspruch Deutschlands an Rußland ausschloß. Die Russen antworteten, daß sie erst heute von diesem Memorandum, das ohne ihr Wissen und ohne ihre Beteiligung von den interessierten alliierten Mächten aufgestellt sei, Kenntnis erhalten hätten; sie wären daher außerstande, sich sofort dazu zu äußern, und bäten um Vertagung der Versammlung bis Donnerstag. Der Antrag auf Vertagung wurde von den anwesenden am Memorandum beteiligten Mächten unterstützt und von allen angenommen. Die nächste Sitzung wurde auf Donnerstag, den 13. April vormittags einberufen und der Beschluß gefaßt, daß die Russen und die anderen Mächte erst in dieser Sitzung sich zu dem Memorandum äußern sollten.

Am gleichen Abend ( 11. April) fand eine Unterredung zwischen dem Chef der Russischen Abteilung im Foreign Office, Gregory, und dem Chef der Russischen Abteilung im Auswärtigen Amt, von Maltzan, statt, bei der Maltzan Gregory mitteilte, daß die deutsche Stellungnahme zum »Londoner Memorandum« sehr erschwert sei durch die oben erwähnten drei Artikel (Art. 6 des Memorandums und Art. 11 und 15 des Annexes 2 des Memorandums in Verbindung mit Art. 116 des Friedensvertrages). Gregory tat sehr erstaunt, er habe diesen Artikeln nicht die ihnen gegebene Tragweite beigemessen, müsse aber nach Maltzans Darstellung gestehen, daß der Wortlaut der Artikel allerdings diese Tragweite zulasse. Es sei selbstverständlich, daß man einen Selbstmord von Deutschland nicht verlangen könne.

Die folgenden Ereignisse, die zum Abschluß des Sondervertrages mit den Russen führten, sind denjenigen deutschen Teilnehmern der Genua-Konferenz, welche sie Stunde für Stunde miterlebt haben, unvergeßlich geblieben.

Am Mittwoch, dem 12. April ließ Gregory Maltzan morgens mitteilen, daß er ihn und den für englische Angelegenheiten zuständigen deutschen Sachverständigen, den Botschaftsrat Dufour-Féronce, nachmittags zum Tee ins Hotel Miramare einlüde. Die Deutschen trafen dort u. a. auch Mr. Wise, einen Abteilungschef aus dem englischen Handels-Ministerium, der als Vertrauensmann von Lloyd George galt und die meisten englischen Verhandlungen mit den Russen führte. Maltzan betonte, die Tatsache, daß Artikel 116, dessen Wirkungen er Lord d'Abernon anläßlich seiner Besprechungen mit Radek in Berlin als äußerst verhängnisvoll für Deutschland bezeichnet habe, ausdrücklich in das englische Memorandum aufgenommen worden sei, zwinge Deutschland zu größter Vorsicht. Maltzan deutete in diesem Zusammenhang wiederum die Möglichkeit an, daß die Deutschen gezwungen sein würden, sich mit den Russen hier wegen Artikel 116 erneut in Verbindung zu setzen. Die Engländer suchten jedoch die ganze Angelegenheit als harmlos darzustellen und versprachen, Maltzan baldmöglichst Nachricht zu geben. Einer erwähnte in diesem Zusammenhange, daß bei den bevorstehenden Besprechungen des Memorandums in der Unterkommission ja Gelegenheit gegeben sei, die deutschen Bedenken auch formell zur Sprache zu bringen.

Am Donnerstag, dem 13. April fand die erste »Privatbesprechung« des Londoner Memorandums mit den Russen bei Lloyd George in der Villa de Albertis statt; die für den Vormittag anberaumte Sitzung des Unterausschusses wurde zunächst auf den Nachmittag und dann sine die verschoben. Rathenau bat zweimal schriftlich und einmal telephonisch Lloyd George um eine Unterredung; alle drei Gesuche wurden abgeschlagen.

Am Freitag, dem 14. April verdichteten sich die Gerüchte, daß in der Villa de Albertis die Franzosen gerade den Artikel 116 und die daraus abzuleitenden neuen Reparationslasten Deutschlands als Handelsobjekt gegenüber den Russen benutzten. Für den Fall der Anerkennung der Vorkriegsschulden durch Rußland sollten die russischen Forderungen aus Artikel 116 Frankreich gegenüber als Sicherungen dienen, diese Sicherungen in Form einer Abgabe von allen aus Deutschland nach Rußland ausgeführten Waren durchgeführt werden. Abends 11 Uhr erschien unerwartet im Auftrage des italienischen Außenministers Schanzer der Commendatore Gianini beim Reichskanzler. Er sei gekommen, um dem Reichskanzler mitzuteilen, daß die Besprechungen zwischen den »einladenden Mächten« und den Russen einen günstigen Verlauf nähmen. Die »einladenden Mächte« seien der Ansicht, daß die deutsche Regierung, so sagte er wörtlich, »die Sache wohl billigen würde«. Als Gianini nun in die Einzelheiten eintreten wollte, bat ihn der Reichskanzler, mit zu Rathenau zu gehen und begleitete ihn persönlich nach dem Erdgeschoß des Hotels, wo dann eine einstündige Unterredung zwischen dem Reichskanzler, Rathenau, Maltzan, dem Staatssekretär von Simson und Gianini stattfand. Gianini führte aus: In den Besprechungen am Donnerstag und Freitag in der Villa von Lloyd George zwischen Russen und »einladenden Mächten« habe man sich dahin geeinigt, daß die Kriegsschuld Rußlands gegen seine Forderungen an die Entente aus den Unternehmungen von Denikin, Koltschak, Judenitsch aufgerechnet, dagegen die russischen Vorkriegsschulden bestehen bleiben und dafür Obligationen ausgegeben werden sollten, über deren Amortisation, Zinsen und Befristung sicherlich Übereinstimmung zu erzielen sein werde. Rathenau fragte, ob dieser Vorschlag für sich allein gelten solle, oder im Rahmen des Londoner Memorandums? Gianini antwortete: » Selbstverständlich im Rahmen des Londoner Memorandums.« Rathenau dankte in höflichsten Worten Gianini für den Besuch und führte aus, daß Deutschland unter diesen Umständen an den Vorgängen ein Interesse zu nehmen außerstande sei. Als Gianini seine Verwunderung darüber ausdrückte, sagte Rathenau: »daß die Abmachungen ohne uns mit Rußland getroffen worden seien. Man habe ein schönes Diner arrangiert, uns nicht dazu eingeladen, aber gefragt, wie uns das Menu gefalle?« Auf mehrfache Wiederholung dieser Äußerung fand Gianini nur die Worte: »C'était seulement préparé pour nous.« Rathenau sagte: »Solange die Punkte aus Artikel 116 bestehen blieben, könnten wir uns nicht mit dem Memorandum einverstanden erklären.« Gianini deutete in keiner Weise an, daß die Möglichkeit für eine Änderung des Memorandums gegeben sei. Worauf Rathenau ihm zu verstehen gab, daß wir uns dann nach anderen Sicherungen umsehen müßten. Gianini erklärte auch dann noch: »Ich bin nicht autorisiert, irgendwelche andere Erklärungen abzugeben. Mein Auftrag ging lediglich dahin, das eben Gesagte zur Kenntnis der deutschen Delegation zu bringen.«

Die deutsche Delegation gewann aus dieser Unterredung die Überzeugung

1. daß die Verhandlungen der Westmächte mit Rußland nahe am Abschluß standen;

2. daß die bevorstehende Verständigung zwischen den Westmächten und Rußland, die aus dem »Londoner Memorandum« in drei Punkten sich ergebenden schweren Nachteile für Deutschland nicht beseitigen würde; und

3. daß die Information durch Gianini lediglich eine Aufforderung zum Beitritt Deutschlands zu einem Abkommen darstelle, auf das Deutschland keinen Einfluß mehr nehmen könne.

Am Sonnabend, dem 15. April um 10 Uhr traf Maltzan Joffe und Rakowsky verabredungsgemäß im Palazzo Reale. Er besprach mit ihnen die Ereignisse der letzten Tage und bekam von ihnen genaue Aufschlüsse über die Verhandlungen in der Villa Lloyd Georges. Sie erwähnten, daß diese geheimen Verhandlungen trotz bestehender Schwierigkeiten im ganzen einen guten Verlauf nähmen. Es bestünde bei den »einladenden Mächten« anscheinend die Absicht, sich zunächst mit den Russen zu verständigen und erst dann wieder vor die Unterkommission zu treten. Maltzan sondierte die Russen vorsichtig über die eventuelle Wiederaufnahme der Berliner Besprechungen. Er stellte ihnen vor, daß bei einer Separatverständigung in der Villa Lloyd Georges Deutschland kaum mehr in der Lage sein würde, ihnen die bisherige wirtschaftliche Unterstützung zu gewähren. Er stellte ihnen diese Hilfe auf Grund der mit der Industrie schwebenden Verhandlungen in erneute Aussicht, verlangte aber als Gegengabe, daß sie uns an den Sondervorteilen, die die Entente in den Verhandlungen in der Villa Lloyd Georges erhalten habe, durch die Meistbegünstigung teilnehmen ließen und uns Garantien für den Artikel 116 gewährten. Joffe und Rakowsky betonten, daß sie trotz der Sonderverhandlungen mit Lloyd George auf eine Zusammenarbeit mit Deutschland, wie bekannt sei, größtes Gewicht legten, daß sie die von Maltzan gewünschten Garantien am besten durch Unterzeichnung des Vertrages erteilen könnten (des in Berlin vorbereiteten deutsch-russischen Vertrages). Während dieser Unterhaltung, die öffentlich in der Veranda des Palazzo Reale stattfand, wartete der Botschaftsrat Dufour draußen, um sich mit Maltzan sofort zu den Engländern ins Hotel Miramare zu begeben und diese über die bei den Russen erfolgte deutsche Démarche offen aufzuklären. Da die Engländer nicht da waren, wurden an Wise und Gregory Briefe hinterlassen, daß Maltzan sie dringend zu sprechen wünsche. Wise kam darauf nachmittags gegen ½5 zu Maltzan ins Hotel Eden. Es folgte eine etwa zweistündige Unterredung im Garten des Hotels. Maltzan stellte Wise hinterher noch Hilferding vor und trank mit ihm Tee. Er setzte Wise nochmals alles auseinander und teilte ihm die gestrige Unterredung mit Gianini mit, auf Grund deren die deutsche Delegation alle Hoffnung auf ein Entgegenkommen hinsichtlich ihrer Wünsche auf Änderung des »Londoner Memorandums« verloren hätten. Er ließ ihm keinen Zweifel darüber, daß Rathenau Gianini gesagt habe, wir würden uns nunmehr anderweitig arrangieren. Er erzählte ihm ganz offen, daß er sich heute mit den Russen auf Grundlage der deutsch-russischen Berliner Besprechungen in Verbindung gesetzt habe, um von ihnen eine Sicherung hinsichtlich des Artikels 116 und die Meistbegünstigung zu erlangen. Die deutsche Delegation hätte beabsichtigt, ihre Einwendungen offiziell in einer der angesagten Sitzungen der Unterkommission zur Sprache zu bringen, diese Gelegenheit sei ihr dadurch genommen, daß die Unterkommission in die Privatvilla Lloyd Georges verlegt worden sei, zu der Deutschland anscheinend keinen Zutritt habe. Wise antwortete: »The question has been brought before the Prime Minister, but you know ...!« (»Die Frage ist dem Premierminister vorgelegt worden, aber Sie wissen ja ...!«) Hierbei machte er eine entsprechende Bewegung mit den Schultern, die das Ergebnislose seiner Bemühungen andeuten sollte. Über Maltzans Schritt bei den Russen tat er durchaus nicht erstaunt; in ehrlicher Weise erkannte er die Schwierigkeit der deutschen Stellung an. Auf Maltzans ausdrückliche Frage bestätigte er, daß die Unterhandlungen mit den Russen in der Villa Lloyd Georges weitergeführt würden und anscheinend einen guten Verlauf nähmen.

Nach dem Abschied Wises, der gegen 630 erfolgte, mehrten sich von allen Seiten die Meldungen, wonach im Laufe des Abends eine Verständigung zwischen den »einladenden Mächten« und den Russen in der Villa de Albertis erfolgt sei. Die folgenden erschienen der deutschen Delegation besonders bedeutungsvoll:

a) In den offiziellen Mitteilungen der italienischen Presse an die fremden Journalisten wurde von seiten Italiens zugegeben, daß seit einigen Tagen Sonderbesprechungen zwischen den »einladenden Mächten« und Rußland in der Villa Lloyd Georges stattgefunden hätten, die anscheinend heute abend zu einer vorläufigen Verständigung geführt hätten.

b) Der Berichterstatter der »Vossischen Zeitung«, Herr Reiner, meldete dem Reichskanzler und Rathenau, daß auf Grund guter Informationen die Russen mit den Alliierten in der Villa Lloyd Georges heute abend abgeschlossen hätten.

c) Gelegentlich eines Essens, welches der Sachverständige Dr. Hagen am gleichen Abend gab, wurde dem Reichskanzler unter Berufung auf eine authentische Äußerung von Benesch mitgeteilt, daß das Abkommen zwischen den Russen und den Alliierten getroffen sei.

d) Der zum Essen eingeladene Holländer Van Vlissingen bestätigte das aus neutraler Quelle.

In diesem Zusammenhange äußerte der Reichsfinanzminister Hermes dem Staatssekretär von Simson und Maltzan gegenüber seine große Sorge und Enttäuschung über den Abschluß Rußlands mit den Alliierten. Hierdurch seien wir nunmehr auch im Osten ganz abgeschnürt. Er stellte Maltzan insbesondere sehr eindringlich vor, ob dieser auf Grund seiner bekannten Beziehungen zu den Russen nicht im rechten Moment noch irgend etwas von ihnen erreichen könne, es müsse doch alles aufgeboten werden, damit wir nicht auch im Osten abgeschnürt würden. Alle gingen in ziemlich gedrückter Stimmung nach Hause. Maltzan saß mit Rathenau, Hagen, und eine Zeitlang noch mit Wirth in der Halle des Hotels zusammen. Darauf rief gegen 11 Uhr abends Wise Maltzan telephonisch an und bat ihn nochmals um genaue Angabe der inkriminierten Artikel des »Londoner Abkommens«. Als Maltzan in diesem Zusammenhange auch die Bestimmungen von Artikel 260 von Versailles betonte, erwähnte er, daß dieser Artikel seiner Ansicht nach nicht in Betracht komme, da die Rechte der Entente hierauf nach seiner Auffassung schon abgelaufen seien. Irgendeine Zusicherung, daß dieser Artikel nicht gegen uns angewendet würde, hat Wise Maltzan auch an diesem Abend nicht gegeben. Maltzan teilte den versammelten Herren die Anfrage Wises mit.

Oster-Sonntag, den 16. April. Nachts gegen 1.15 rief Joffe Maltzan an, daß die russische Delegation bereit sei, mit der deutschen Delegation in erneute Verhandlungen einzutreten und dankbar sein würde, wenn sie am Sonntag, gegen 11 Uhr, zu diesem Zweck in Rapallo eintreffen würde. Auf Maltzans Anfrage betonte er, daß ein definitiver Abschluß mit den Alliierten noch nicht erfolgt sei, daß eine Einigung aber in Aussicht stünde, und daß beabsichtigt sei, die Verhandlungen am Oster-Montag oder -Dienstag wieder aufzunehmen. Maltzan teilte diese neue Wendung Simson und Rathenau sofort mit. Es wurde in Aussicht genommen

a) daß sie nach Rapallo fahren würden,

b) daß Maltzan nach Möglichkeit am Sonntag früh Wise wiederum telephonisch von der bevorstehenden Fahrt nach Rapallo verständigen sollte.

Am Oster-Sonntag früh 7½ Uhr telephonierte Maltzan Wise an und erhielt von seinem Bureau die Mitteilung, daß er noch schliefe. Auf Maltzans Bitte, ihn zu wecken, erhielt er die Mitteilung, daß Wise ihn selbst, sobald er aufgestanden sei, anrufen würde. Als dieser Anruf bis 930 nicht erfolgte, rief Maltzan Wise zwischen 930 und 10 Uhr noch einmal an und bekam die Mitteilung vom Bureau, daß die Herren aus wären. Rathenau, Simson, Gaus und Maltzan begaben sich daraufhin nach Rapallo, wo sie gegen 12 eintrafen. Rathenau besprach die Lage mit Tschitscherin und schlug eine nochmalige Prüfung des Wortlautes des Vertrages vor, insbesondere die erhöhte Forderung einer Garantie für gleichartige Behandlung Deutschlands mit anderen Staaten im Falle der Sozialisierungsschäden. Die Deutschen frühstückten darauf allein im Hotel Zentral. Dann begaben sich Gaus und Maltzan verabredungsgemäß zu Litwinoff, um mit ihm den Wortlaut des Vertrages und die erhöhte deutsche Forderung nochmals durchzusprechen. Der Vertrag wurde daraufhin fertiggestellt und von Rathenau und Tschitscherin gegen 630 abends gezeichnet.

Während der Fertigstellung des Vertrages war Rathenau zum früheren deutschen Botschafter in Tokio von Mumm nach dessen Besitzung bei Portofino gefahren. Als er fort war, wurde Maltzan aus Genua angerufen, Lloyd George habe soeben telephoniert, er wünsche den Reichskanzler und Rathenau unverzüglich zu sprechen. Der Versuch, Rathenau zu benachrichtigen, mißlang, weil die Mummsche Besitzung kein Telephon hatte. Als Rathenau nach Rapallo zurückkehrte, teilte ihm Maltzan den Anruf mit. Aber der Vertrag war mit den Russen inzwischen fertiggestellt, es gab kein Zurück mehr. Rathenau ging ein paar Male schweigend im Zimmer auf und ab, sagte: »Le vin est tiré, il faut le boire Etwa: »Das Faß ist angestochen, wir müssen das Gebräu trinken«.«, stieg ins Auto und fuhr zur Unterzeichnung.

Nach der Rückkehr Rathenaus nach Genua besuchte ihn Sir William Blackett, dem er sofort über die zwischen den Russen und Deutschen getroffene Einigung Mitteilung machte. Sir William Blackett soll die Mitteilung ruhig und sachlich entgegengenommen haben und durchaus nicht erstaunt gewesen sein.

Montag, den 17. April früh machte Maltzan Wise privatschriftlich Mitteilung von dem abgeschlossenen Vertrag unter Beifügung der einzigen noch unbenutzten Kopie, die er hatte. Wise hat Empfang dieses Briefes zwischen 8 und 9 früh bestätigt. Später wurde bekannt, daß ein Amerikaner, der am Sonntag bei Lloyd George gegessen hatte, durchaus den Eindruck hatte, daß Lloyd George über die deutsch-russischen Verhandlungen orientiert sei; ferner eine Äußerung Wises einem mit der deutschen Delegation befreundeten Engländer gegenüber: »I was not at all surprised.«

 

Am Abend des Vertragsschlusses schrieb Rathenau an die Freundin:

»16. 4. 1922.

Herzlichen Gruß! Heute am Ostersonntag war ich in Rapallo und habe dort etwas gezeichnet.

W.«

Und vierzehn Tage später:

(Genua) »28.4.1922.

Auswärtiges Amt.

Ihr Vertrauen hat mir gutgetan und kam zur rechten Zeit. Das Gefühl, einer geschlossenen, starren Welt gegenüberzustehen, die auf jede Schwäche lauert – das ist ein physisches Empfinden, das an den Nerven zerrt. Und welche Widerstände im eigenen Kreise! F ... hat mir gut geholfen, es tut mir leid, daß er abreist. Alles Äußere wird er Ihnen schildern.

Ich bin überzeugt, daß wir gehandelt haben, wie wir mußten. Ohne Wunden geht das nicht ab, und der Sturm ist noch nicht vorüber. Auch die Natur will nicht freundlich werden. Ich sehe hinunter auf einen großen, grünen Garten mit dicken, halb blühenden roten und weißen Kastanien, dahinter ein Bergzug, und alles behängt mit grauen, tief regnenden Wolkenfetzen. Die feuchte Kälte geht durch alle Glieder bis in die Fingerspitzen.

Daß Sie H... kommen ließen, gerade jetzt, wo er alles tut, um meiner Arbeit zu schaden, erregt mich nicht, aber ich suche nach einem klaren und wahren Gefühl, das Sie bewegen konnte. Gern wüßte ich Sie irgendwo, wo die Sonne scheint und ein williges Frühjahr waltet. Dieser Winter klammert sich an alles wie der Krieg, und will noch Schaden tun. Der Sommer wird dennoch kommen und Sie heilen.

Während all dieses Schreibens ist nicht ein einziges Mal die Tür aufgegangen, – ein kleines Wunder! Und so war ich in Kälte und Kampf eine Viertelstunde bei Ihnen.

Herzlich der Ihre
W.«

Rathenau hat den Rapallo-Vertrag in Genua ungern unterzeichnet; er hätte ohne Zweifel lieber das Verhältnis zu Rußland zusammen mit den Westmächten geregelt. Der Plan eines gesamteuropäischen Wiederaufbaus von Rußland, wie ihn Lloyd George gefaßt hatte, paßte zu seiner Weltanschauung und schien ihm sicher aussichtsreicher als eine Verständigung bloß zwischen Deutschland und Rußland; der Rapallo-Vertrag machte diesem Plan nach menschlichem Ermessen ein Ende. Ebenso gefährdete er die Verhandlungen Bergmanns mit Seydoux, die bei günstigem Erfolge die Reparationsfrage auf vier Jahre aus dem Wege schaffen und Poincarés Absichten am Rhein zunichte machen konnten. Aber der Erfolg dieser beiden Pläne war zweifelhaft, solange Poincaré nicht gesprochen hatte, zweifelhaft auch, so lange nicht feststand, ob die englischen und amerikanischen Bankiers das Geld dazu hergeben würden; und die Gefahr, wenn Deutschland mit Rußland nicht abschloß, erschien dringend und nur durch unverzügliches Handeln abzuwenden. Hätten die Russen sich auf Grund des »Londoner Memorandums« und des Artikels 116 des Friedensvertrages mit den Westmächten verständigt, so wären die Reparationslasten Deutschlands ins Unabsehbare gestiegen, die deutsche Ausfuhr nach Rußland durch Abgaben gedrosselt, die Wiederanknüpfung von Beziehungen nach dem Osten, die ein Hauptpunkt von Rathenaus weltpolitischem Programm war, zum mindesten vertagt und erschwert worden. Es ist daher unrichtig, wenn gesagt worden ist, er sei von Maltzan geblufft und vergewaltigt worden; er hat den Rapallo-Vertrag allerdings zögernd und ungern, aber nach reiflicher Abwägung der Gründe, die dafür und dagegen sprachen, in klarer Erkenntnis der Folgen unterzeichnet. Auch ist er dabei loyal vorgegangen: er hat mehrmals versucht, Lloyd George persönlich zu sprechen, um ihm die Zwangslage, in der er sich befand, zu erklären, hat Gianini zwei Tage vor der Unterzeichnung deutlich zu verstehen gegeben, daß er unter Umständen gezwungen sein werde, selbständig vorzugehen; und durch Maltzan ist Wise, der als Vertrauensmann von Lloyd George galt, in der gleichen Weise gewarnt worden. Der Eindruck ist unabweisbar, daß Lloyd George absichtlich nicht hörte, Rathenaus und Maltzans Andeutungen für einen Bluff zu halten beliebte und so die Katastrophe geschehen ließ, bis er in allerletzter Stunde doch Bedenken bekam und, als Rathenau schon in Rapallo und der Vertrag fertiggestellt war, einen aussichtslosen Versuch machte, die Aktion noch zu bremsen.

Der Abschluß des Vertrages drohte allerdings die Konferenz zu sprengen. Die Aufregung war unbeschreiblich und nahm zum Teil groteske Formen an. Barthou gab eine Note heraus, in der er den Reichskanzler Wirth der Lüge zieh. Die französische Delegation packte geräuschvoll im Hotel Savoy ihre Koffer. In Paris machten sich die jungen Leute marschbereit. Zu einem Frühstück, das ich gemeinsam mit zwei anderen Herren aus Berlin gab, sagten die eingeladenen französischen Delegierten im letzten Augenblick auf Befehl von Barthou ab. Poincaré argwöhnte, daß Deutschland gegen seine Rheinpläne militärische Hilfe bei Rußland gesucht und gefunden habe.

Die Haltung von Lloyd George war undurchsichtiger. Er tobte malerisch, aber nicht sehr überzeugend, verlangte kategorisch die Zurückziehung des Vertrages, was ebenso kategorisch sowohl von Deutschland wie von Rußland abgelehnt wurde: bewilligte dann aber trotzdem am Mittwoch dem 19. April endlich, als es schon zu spät war, die von Rathenau so lange vergeblich nachgesuchte Unterredung. Man hat den Eindruck, daß er an eine deutsch-russische Militärkonvention wahrscheinlich glaubte, sie aber als Gegenzug gegen Poincarés Rheinpläne nicht durchaus mißbilligte, ja vielleicht insgeheim als nicht unwillkommene Unterstützung seiner eigenen auf die Durchkreuzung jener Pläne gerichteten Absichten begrüßte. Die Unterredung zwischen ihm, dem Reichskanzler Wirth und Rathenau fand in Anwesenheit von Maltzan statt.

Als Maltzan sich darauf berief, daß er Wise unterrichtet habe, fragte Lloyd George: »Who is Mr. Wise?« (»Wer ist Mr. Wise?«), obwohl Wise allgemein als sein Vertrauensmann für die Verhandlungen mit Rußland bekannt war. »Why did you not come to me?« (»Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?«) Worauf ihm Maltzan die treffende Antwort gab: »Sie haben Herrn Rathenau nicht empfangen wollen, den Sie kennen. Wie hätten Sie mich denn empfangen, der Ihnen unbekannt war?« Lloyd George stellte den Kanzler und Rathenau vor die Wahl, entweder den Vertrag rückgängig zu machen, oder auf die Teilnahme an den Verhandlungen mit Rußland in der Politischen Unterkommission zu verzichten. Wirth und Rathenau brachten die Sache vor die deutsche Delegation, deren Ansichten geteilt waren. In Berlin war der Reichspräsident Ebert über den plötzlichen und auch für ihn überraschenden Vertragsschluß keineswegs erfreut; er hat ihn lange Wirth und Rathenau nachgetragen. In Genua aber legte sich der italienische Außenminister Schanzer ins Mittel, um die Konferenz zu retten, und erreichte in einer Unterredung mit Rathenau am 20. vormittags, daß in der deutschen Antwortnote auf den Protest der Alliierten, nach schärfster Betonung des deutschen Standpunktes und Zurückweisung des Vorwurfs der Illoyalität, Deutschland freiwillig auf die Teilnahme an den Verhandlungen über den Spezialvertrag zwischen Rußland und den Westmächten in der Unterkommission verzichten solle. In allen anderen Fragen, auch in den allgemeinen Fragen des russischen Wiederaufbaues, sollte sich Deutschland Sitz und Stimme in der Unterkommission vorbehalten. Rathenau ging auf diesen Vorschlag ein; und darauf berief Lloyd George, noch ehe unsere Antwort überreicht war, in großer Eile am gleichen Nachmittag alle Journalisten in den Palazzo San Giorgio und erklärte den durch den Rapallo-Vertrag geschaffenen Zwischenfall für geschlossen. Er entfaltete dabei so viel Grazie und unbewölkte Heiterkeit, daß man den Eindruck gewann, als ob er irgendeine geheime Befriedigung, die sich vermutlich auf Poincaré bezog, fühlte; wahrscheinlich weil er ihm durch die Eile, mit der er den Zwischenfall für geschlossen erklärte, zuvorkam. Maltzan wurde zunächst von einigen englischen Delegierten brüsk geschnitten; aber auf einem Ball in der nächsten Woche sah man ihn zur allgemeinen Überraschung mit Miß Megan Lloyd George tanzen.

Barthou aber legte nachträglich Protest ein gegen den bloß teilweisen Austritt Deutschlands aus der Unterkommission; und vier Tage später, am 24., hielt Poincare in Bar-le-Duc eine Rede, die seine Rhein-Pläne offen enthüllte, indem sie militärische Maßnahmen gegen Deutschland mit oder ohne die Alliierten androhte, falls es einen Versuch wage, sich in irgendeinem Punkte seinen Verpflichtungen zu entziehen. Worauf Lloyd George einen Ausspruch von sich in den Zeitungen kommentieren ließ: »daß er seine Haltung zur Entente revidieren müßte, wenn er zwischen der Entente und dem Frieden zu wählen hätte«; und seine Absicht ankündigte, die Frage, ob ein einzelner Alliierter allein Sanktionen vornehmen dürfe, zur Beantwortung den Signatarmächten von Versailles vorzulegen. Von diesem Tage an blieb die Entfremdung zwischen England und Frankreich auf der Konferenz unverhüllt. Engländer und Franzosen schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Garvin schrieb im »Observer« einen flammenden Artikel »France versus Europe« (»Frankreich contra Europa«): »ein Mißerfolg in Genua bedeute den Krieg.« Die Franzosen behaupteten, Lloyd George wolle die französische Delegation zwingen, abzureisen und die Konferenz zu sprengen, um Frankreich moralisch vor der Welt bloßzustellen; eine Ansicht, die sich bei dem sonst so gemäßigten Philippe Milliet zu dem Ausspruch verdichtete: Europa werde erst Frieden haben » quand elle aura vomi Lloyd George« (»wenn es Lloyd George ausgespien hat«). Die Nervosität in Genua, aber auch in Paris, wuchs von Stunde zu Stunde. Poincaré überschüttete Barthou mit Weisungen; an einem einzigen Tage soll er ihm hintereinander dreißig Telegramme geschickt haben. Schließlich entschloß sich Barthou, nach Paris zu fahren, um Poincaré mündlich Bericht zu erstatten.

 

Sehr merkwürdig war der Einfluß, den dieser Konflikt auf die Stellung der deutschen Delegation hatte. Rathenau war von Anfang an überzeugt, daß die Engländer gegen die Franzosen nichts ausrichten könnten; er hielt sich daher vorsichtig zurück. Aber beide Parteien begannen jetzt, um die deutsche Delegation zu werben. Eine ständige Verbindung zwischen deutscher und französischer Delegation über das Mitglied der französischen Delegation Professor Hesnard war schon in Berlin vorbereitet worden; aber obwohl ich der Verabredung gemäß Professor Hesnard täglich sah, gab sie nur mäßige Resultate, weil Barthou, wohl auf Weisung von Poincaré, in der ersten Zeit jede Unterredung mit Rathenau oder Wirth ablehnte. Jetzt äußerte Barthou selbst, der noch vor acht Tagen den Reichskanzler öffentlich der Lüge geziehen hatte, durch Professor Hesnard den Wunsch nach einer Unterredung. Rathenau antwortete mir, als ich ihm die Anregung übermittelte, gesellschaftlich würden er und der Reichskanzler sich einem Zusammentreffen mit Barthou nicht entziehen; aber eine rein geschäftliche Besprechung sei nicht erwünscht, weil da wieder allerlei gemunkelt und geredet werden würde. Die Unterredung kam nicht zustande; auch ist kaum anzunehmen, daß an der Haltung Poincarés, der zu seiner separatistischen Rheinpolitik fest entschlossen war, (gerade in diese Zeit fällt der Bericht des Senators Dariac) etwas zu ändern gewesen wäre. Ein sehr kluger französischer Delegierter meinte mir gegenüber, diese Bereitwilligkeit Barthous komme » zu spät«. – Dagegen wuchs die deutsche Delegation infolge des akuten englisch-französischen Konflikts und des Rapallo-Vertrages allmählich in das Verhältnis einer Vermittlungsstelle zwischen Engländern, Franzosen und Russen hinein. Am 2. Mai wurde den Russen ein neues Memorandum übergeben, das von den Alliierten mit Ausnahme der Belgier unterzeichnet war und ihnen die Bedingungen für eine Anleihe und die Wiederanknüpfung wirtschaftlicher Beziehungen bekannt gab. Das Schicksal der Konferenz und damit auch das politische Ansehen von Lloyd George hingen von der Antwort der Russen ab. Am 4. Mai fand auf Wunsch von Lloyd George eine lange Unterredung zwischen diesem, dem Reichskanzler und Rathenau in der Villa de Albertis statt. Da Barthou in Paris war, ergab es sich von selbst, daß er der Unterredung nicht beiwohnte. Es wurden im Laufe des Gesprächs alle aktuellen Fragen, also auch die des Memorandums an die Russen, berührt, aber keine bestimmte Abmachungen in irgendeiner Form getroffen. Lloyd George drückte den Wunsch aus, die gegenseitige Fühlungnahme fortzusetzen. – Am gleichen Tage bat mich der französische Pressechef, der jetzige Abgeordnete François-Poncet, Tschitscherin wissen zu lassen, daß, wenn die Russen die Beantwortung des Memorandums wegen der fehlenden Unterschrift der Belgier ablehnten (was als Möglichkeit besprochen wurde), dann die Behandlung der Russen-Frage auf der Konferenz ein Ende habe. Es sei »dringend«, dieses sofort Tschitscherin zu übermitteln. Ich teilte die Äußerung Maltzan mit, der es übernahm, sie an Tschitscherin weiterzuleiten. – Von diesen ersten Maitagen an begann eine fortlaufende Vermittlungsaktion der deutschen Delegation zwischen den Russen und namentlich den am meisten um das Zustandekommen eines Vertrages besorgten Engländern. Nach der russischen Seite vermittelten in erster Linie Maltzan und Hilferding, der als Finanz-Sachverständiger bei der deutschen Delegation war, nach der englischen Wise, den ich von da an ebenfalls täglich sah. Rathenau hielt die Fäden nach beiden Seiten in der Hand und war um eine Verständigung zäh bemüht, weil er den Rapallo-Vertrag in einen allgemeinen Vertrag zwischen allen Westmächten und den Russen eingliedern wollte. Allmählich erwarb sich die deutsche Delegation ein so großes Vertrauen, daß Lloyd George die Bitte aussprach, durch einen deutschen Sachverständigen den Russen die Finanzklauseln des Memorandums erläutern zu lassen, da sie selbst diese anscheinend nicht verstünden. Das geschah dann durch Hilferding. Bekanntlich endete diese russische Aktion damit, daß die Besprechung des Memorandums vertagt und eine besondere Konferenz zu diesem Zweck im Juni nach dem Haag einberufen wurde.

 

Mit diesem Beschluß war die Konferenz von Genua zu Ende. Ihre Ergebnisse für Deutschland waren seine Wiedereinreihung als Großmacht in das europäische Konzert, ein großer Gewinn an Vertrauen für die neue deutsche Außenpolitik, die in Rathenau und Wirth verkörpert war, und der Rapallo-Vertrag, der nach einem kurzen Sturm sich als Grundlage neuer vertraulicher Beziehungen auch zu England bewährt hatte. Gescheitert war die Lösung der Reparationsfrage und damit der europäische Wiederaufbau, wahrscheinlich weil sie scheitern mußten am festen Willen Poincarés, durch keine irgendwie geartete Maßnahme seine Rhein-Politik stören zu lassen. Gescheitert war auch die Annäherung der Westmächte an Rußland. Zieht man das Fazit, so erscheint als einziger Gewinner bei der Konferenz Deutschland, das in einer neuen Lage aus Genua zurückkehrte: für den unvermeidlichen Kampf am Rhein durch neue Sympathien gestärkt, die zum Zusammenbruch der französischen Rhein-Politik in den folgenden Jahren entscheidend beitrugen. Wenn Rußland sich zu einem Ring mit den Westmächten gegen Deutschland zusammengeschlossen hätte, so wie Barthou noch in Genua wollte, wenn England aus Mißtrauen gegen Deutschland Frankreich unterstützt hätte, so muß es fraglich erscheinen, ob die separatistische Bewegung am Rhein in den Jahren 1923/24 nicht gesiegt, die deutsche Einheit nicht, wenigstens zeitweise, zertrümmert worden wäre. Die intellektuelle Kraft und Zähigkeit, mit der Rathenau es verstand, einem Teil unserer früheren Feinde die Überzeugung von der Ehrlichkeit seiner Verständigungspolitik beizubringen, hat entscheidend dazu beigetragen, Deutschland in den furchtbaren Jahren, die bevorstanden, zu retten und seinen späteren, überraschend schnellen Wiederaufstieg vorzubereiten.

Das Ansehen, das Rathenau sich in Genua erworben hatte, kam zum spontanen Ausdruck in der tiefen Bewegung, die seine große Rede in der letzten Vollsitzung der Konferenz, und namentlich seine letzten Worte, das Zitat aus Petrarca, auslösten. Sie waren sein Schwanengesang und drückten gleichnishaft das Innerste seines Strebens aus: »Die Geschichte Italiens ist älter als die der meisten europäischen Nationen. Auf diesem Boden sind mehr als einmal große Weltbewegungen entstanden. Abermals und hoffentlich nicht vergebens haben die Völker der Erde ihre Augen und Herzen zu Italien erhoben in der tiefen Empfindung, der Petrarca den unsterblichen Ausdruck verliehen hat: » Io vò gridando: pace, pace, pace!« (»Ich gehe durch die Welt und rufe: Friede, Friede, Friede!«)

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