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Walther Rathenau

Harry Graf Kessler: Walther Rathenau - Kapitel 12
Quellenangabe
authorHarry Graf Kessler
titleWalther Rathenau
publisherRheinische Verlags-Anstalt
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171020
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Kapitel IX.
Vereinsamung

Ich schreibe diese Worte am Nachmittag des 31. Juli 1916, und morgen jährt sich zum zweitenmal der europäische Krieg ... Heute sind es zwei Jahre, daß ich von der Denkweise meines Volkes mich schmerzlich getrennt fühle, soweit sie den Krieg als ein erlösendes Ereignis wertet ... Im Sommerglück der Julisonne jubelte das reiche, lebensfrohe Volk von Berlin dem Kriegsruf entgegen. Lebende und Todgeweihte in hellen Kleidern, heiteren Auges, fühlten sich auf dem Gipfel lebendiger Macht und politischen Daseins ... Den Stolz des Opfers und der Kraft durfte ich teilen; doch dieser Taumel erschien mir als ein Fest des Todes, als die Eingangssymphonie eines Verhängnisses, das ich dunkel und furchtbar, doch niemals jauchzend und um so furchtbarer, geahnt hatte ...« (»Von Kommenden Dingen« S. 234.)

Vom ersten Tage stand Rathenau in seiner Haltung zum Kriege fast allein. Er wußte es und empfand es mit der ganzen Tiefe seiner Sehnsucht nach Gemeinschaft, und gleichzeitig wohl doch auch mit einem leisen Gefühl wie »Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie andre Leute«. Während der Annexionismus nicht nur bei uns, sondern auch bei der Entente seine ersten hemmungslosen Orgien feierte, Erzberger Calais forderte und Poincaré sich vom Zaren die Rheingrenze verbriefen ließ, schrieb Rathenau am 10. Oktober 1914 an den Gesandten Gerhard von Mutius, der als Vertreter des Auswärtigen Amts bei seinem Vetter, dem Reichskanzler, im Hauptquartier war: »Lieber Freund, jetzt nach dem Fall von Antwerpen möchte ich glauben, daß der Zeitpunkt gekommen wäre, um über die Zukunft Belgiens eine beruhigende Erklärung abzugeben. Ich würde eine solche für eine Erleichterung der künftigen Friedensverhandlungen ansehen. Denn nach Wilsons Äußerung und der ganzen Vorgeschichte des Krieges, soweit sie England betrifft, hat es den Anschein, als ob die belgische Komplikation den schwierigsten Punkt in der künftigen internationalen Abwicklung bedeutet. Ich kann es nicht hindern, daß meine Gedanken sich immer wieder der Schwierigkeit des Friedensschlusses zuwenden, die mir fast noch größer erscheint als die des Krieges. Die Hoffnungen auf Erwerb sind hier ins Maßlose gesteigert. Jede Veränderung der Landkarte und jede Zahlung wird für möglich erachtet, und keine genügt der Unersättlichkeit der unverantwortlichen Beurteilung. Für meine Empfindung kann nur derjenige Frieden uns Nutzen bringen, der ein wirklicher Friede ist und unserer Politik eine neue und sichere Grundlage gibt ... Ich würde es als das größte Glück ansehen, wenn es uns gelänge, einen solchen Frieden mit Frankreich zu schaffen, der uns den Feind in einen Bundesgenossen verwandelte ... Deswegen komme ich abermals auf die Hoffnung zurück, die ich durch Sie dem Kanzler nochmals ans Herz legen möchte: durch einen zentraleuropäischen Wirtschaftsaufbau einen inneren Siegespreis zu schaffen, der alle äußeren Errungenschaften übertrifft ... Das österreichische Programm wird erst durch das französisch-belgische vervollständigt, und ich möchte immer wieder die Erwägung darauf lenken, daß die wirtschaftliche Vermählung mit dem Nachbarn die künftige politische einschließt.« (Brief 150.)

Wenige Tage später schreibt er an denselben wieder: » Wir dürfen niemals vergessen, daß kein Volk isoliert auf der Welt stehen kann; im Kriege muß für den Frieden gesorgt werden, und der Frieden muß ein wirklicher sein. Deshalb wird es die vornehmste Aufgabe des Friedensschlusses werden, dafür zu sorgen, daß auf allen Seiten der Haß sich mildert.« (Brief 153.) Rathenaus Rat hätte, wenn er befolgt worden wäre, dem Krieg wahrscheinlich einen anderen Lauf gegeben; denn gerade Belgien war es, Belgien und Elsaß-Lothringen, aber Belgien noch mehr als Elsaß-Lothringen, an dem 1917 die letzte Möglichkeit, einen vernünftigen Frieden zu schließen, scheiterte. Der Rat war aber auch sonst in hohem Grade bemerkenswert; denn die Anschauungen, von denen er ausgeht, sind dieselben, die erst zehn Jahre später einer heftig widerstrebenden Welt durch furchtbare Erfahrungen aufgezwungen wurden, nachdem Rathenau selbst sie als Außenminister zum Fundament zunächst der deutschen Außenpolitik gemacht hatte. Es ist, wie gesagt, in hohem Grade bemerkenswert, daß er an diesen Anschauungen, die allerdings zwangsläufig aus seinem Weltbild folgten, und eben Anschauungen, nicht bloße Meinungen waren, unbeirrbar festhielt, während um ihn herum alles im Kriegstaumel den Kopf verlor. Allerdings bewirkten sie damals und noch jahrelang, wie er in den oben angeführten Sätzen bekennt, daß er sich »von der Denkweise seines Volkes schmerzlich getrennt« fühlte; daß es um ihn in unheimlichem Maße menschlich einsam wurde. Solange er die Rohstoffabteilung im Kriegsministerium leitete, wurde ihm seine Vereinsamung durch seine Arbeit und durch dienstliche Beziehungen verschleiert. Als diese Tätigkeit zu Ende ging und der Undank, mit dem sie ihm gelohnt wurde, zutage trat, empfand er, daß er völlig fremd und allein dastand. An seine Freundin schreibt er wenige Tage vor seinem Rücktritt:

Kriegsministerium.

Kriegsrohstoffabteilung. Berlin, 25. III. 15.

»Haben Sie Dank, für Ihre Worte und Wünsche. Ich habe keine Neigung, für mich etwas zu tun. Ich darf nicht sagen, was ich sehe und fühle; wie diese vielen Monate vergehen sollen, weiß ich nicht. Bisher war ich durch Arbeit Tag und Nacht gebunden. Jetzt beginnt der Leerlauf; denn jetzt kann mein Denken nichts mehr bewegen. Am besten wäre es vielleicht, ins Feld zu gehen. Lugano ist mir so gleichgültig wie die Mendel; wenn ich nicht fürchtete, Menschen zu sehen, bliebe ich hier.

Das Schwingen der Entscheidung lastet wie ein Gewitter. Wir werden getrieben in einer Herde, ins Ungewisse, ohne Begreifen.

Musik kann ich nicht ruhig vernehmen. Die H-Moll-Messe neulich abend hat mich gequält; es war freilich eine unschöne, auf Übertreibung gestellte Aufführung. Aber schon die Gegenwart der Massen ist mir unmöglich. Dank für Ihre liebe Absicht!

Leben Sie wohl. Die Berge mögen Ihnen ein frisches Fest der Hoffnung schenken.«

W.

 

Sechs Wochen nach seinem Rücktritt:

65, Königsallee. 9. V. 15.

»Verzeihen Sie mir, es ist mir jetzt nicht möglich, anders als in flüchtigster Berührung zu reden und zu hören. Im Innern ist alles so verletzt und wund, daß jedes tieferdringende Wort mir Schmerzen macht. Ich suche mich auf Gedanken eines scheinbar fernen Gebietes zu konzentrieren und daneben ein paar gleichgültige Tagesaufgaben zu erfüllen.

Ich hoffe, wir sehen uns, wenn ich draußen bin. Gestern war ich dort, Blüten und Blau, und alles tot.«

Ihr
R.

Zu den Verdächtigungen, denen jeder, der als Außenseiter ein Amt übernimmt, ausgesetzt ist, kam bei ihm der Antisemitismus, der ihn zum erstenmal seit seiner Einjährigenzeit jetzt, nachdem er sich an weithin sichtbarer Stelle exponiert hatte, persönlich aufs Korn nahm. »Daß ich als Privatmann und Jude unaufgefordert dem Staat einen Dienst geleistet habe«, schreibt er im Mai 1916 an Emil Ludwig, »können beide beteiligten Gruppen mir nicht verzeihen, und ich glaube nicht, daß zu meinen Lebzeiten diese Stellungnahme sich ändert.« (Brief 200.) Bis zu welcher Blödheit sich schon damals gewisse junge Leute der »völkisch« sich nennenden Kreise ihm gegenüber verstiegen, bezeugt die Äußerung eines »Leutnants G.«, die Rathenau hinterbracht wurde: » Wenn dieser Rathenau uns geholfen hat, so ist es eine Schande und ein Ärgernis.« (Brief Rathenaus vom 18. VIII. 16 an Wilhelm Schwaner. Briefe I S. 219.) Hatte er in der Zeit seines gesellschaftlichen Aufstieges in den Salons der Berliner Hofgesellschaft sein Judentum wie einen Diplomatenfrack getragen, der ihm als Fremden von Distinktion verschlossene Türen öffnete, hatte er damals die Schwierigkeiten, die sein Bekenntnis seiner politischen Laufbahn bereitete, hinwegzuräumen mit einer Art von Bravour abgelehnt, und dann im Aufsatz »Staat und Judentum« die Frage theoretisch und wie aus weiter Ferne erörtert, so wurde ihm jetzt wohl zum erstenmal sein Judentum als schweres persönliches Schicksal zum Bewußtsein gebracht. Mehr noch als die öffentliche Auseinandersetzung mit einem Herrn von T.-F. in der 1917 erschienenen » Streitschrift vom Glauben« zeigt sich das in jener merkwürdigen Korrespondenz mit seinem völkischen Freunde, dem Herausgeber einer »Germanenbibel«, Wilhelm Schwaner. In diesen zahlreichen Briefen, die Rathenau den Anlaß gaben, sich als Juden im Spiegel seiner Gegner von allen Seiten zu betrachten, ist auffallend der Ton von äußerster Rücksicht auf Schwaners völkische Gefühle und Gefolgschaft. Rathenau konnte auf Angriffe, die nicht von antisemitischer Seite kamen, mit großer Schärfe antworten. Er war im persönlichen Verkehr durchaus nicht immer friedlich, sondern im Gegenteil durch Widerspruch leicht reizbar und dann manchmal, wenn er sich gehen ließ, von außerordentlicher Schroffheit. Aber auf den Brief, in dem ihm Schwaner – man weiß nicht recht warum – die oben angeführte, vom dümmsten Haß verzerrte Äußerung eines völkischen Leutnants übermittelt, antwortet er nicht nur ausführlich, sondern mit einem fast elegischen Verzicht auf Schutz und Verteidigung; ja, er dankt noch »für den lieben und schönen Brief« Schwaners. Daß er seine antisemitischen Feinde durch Güte und Friedfertigkeit entwaffnen könnte, hat er sicher nicht im Traum geglaubt. Daß er sich vor ihnen aus Angst duckte, ist undenkbar: dem widerspricht sein ganzes Leben. Um seine Haltung, die gegenüber dem von Jahr zu Jahr wachsenden antisemitischen Ansturm immer die gleiche blieb, zu verstehen, muß man schon seine Ansichten über Arier und Nichtarier, über blonde und dunkle Rassen, über »Furchtmenschen« und »Mutmenschen« heranziehen. »Inbegriff der Weltgeschichte, ja, der Menschheitsgeschichte ist die Tragödie des arischen Stammes. Ein blondes, wundervolles Volk erwächst im Norden, usw.« Wir haben die Stelle angeführt. Längst nachdem er die Rassentheorie mit dem Verstande überwunden hatte, war sie in ihm noch als Instinkt lebendig. Er gab seinen antisemitischen Gegnern, wenn auch nicht in ihrer Gehässigkeit, so doch in ihren Grundsätzen, bis zuletzt nicht völlig unrecht. Er fühlte sich als »Furchtmenschen« ihnen gegenüber minderwertig. Das Minderwertigkeitsgefühl, das durch die anschwellende antisemitische Hetze genährt wurde, trieb ihn nicht zur Abwehr, sondern noch tiefer in eine innere Einsamkeit, die ihn schmerzlicher drückte als die äußere.

Schon vor dem Kriege hatte er an die Freundin geschrieben: » Betrachten Sie mein Leben. Kennen Sie ein einsameres ...?« In der »Mechanik des Geistes« singt er das Lob der Einsamkeit. »Einsamkeit ist die Schule des Schweigens. Die produktive Kraft des Geschehnisses liegt im Nachklang. In der Stille ... erheben Dinge und Werke ihre Stimme und sprechen sich selber aus, das Ereignis wird zum Erlebnis ... Der schweigende Geist ... weckt das Echo des Wesentlichen.« (Mechanik des Geistes S. 212.) Der Tod seines Vaters am 20. Juni 1915 zerschnitt das intimste, vielleicht das letzte Band, das ihn innerlich an einen Menschen knüpfte. Der Mutter gegenüber erfüllte er seine Sohnespflicht von da an mit noch größerem Zartgefühl. Er frühstückte bei ihr, mochte er noch so beschäftigt sein, täglich in der Viktoriastraße und verstand es, ihr das stolze Gefühl zu geben, daß sie für ihn unentbehrlich sei. In Wirklichkeit blieb zwischen ihm und der herrischen Frau, deren Einfluß er weder offen entgegentreten noch erliegen wollte, viel bewußt Verschwiegenes. Die viel jüngere Schwester blieb für ihn ein Gegenstand der Erziehung. Aber vom Vater schrieb er acht Tage nach seinem Tode an Wilhelm Schwaner: »Spät haben wir uns gefunden, mein Vater und ich; erst kam Achtung, dann Freundschaft, zuletzt Liebe. Und jetzt sind wir ganz eng vereinigt; ich fühle, wie die letzten Hüllen des Unverstehens gefallen sind und bin ruhig und sicher in seiner Gegenwart ... Mein Leben beginnt still zu werden, und der Abend bricht an.« (Brief 169.) Die Rede, die er am Sarge hielt, hat eine Zeitlang die Kampagne der Verächtlichmachung gegen ihn genährt: man warf ihm vor, es sei nur Eitelkeit gewesen, daß er keinen Geistlichen sprechen, sondern sich allein zu Worte kommen ließ und bei einer solchen Gelegenheit eine sorgfältig präparierte und schriftlich fixierte Ansprache gehalten habe. Das Echo dieser Kritiken tönte bis an die Front hinaus. In Wirklichkeit sprach er völlig frei und nicht aus Eitelkeit, sondern weil ihm eine konventionelle Rede am Sarge des von ihm am meisten geliebten Menschen unerträglich schien. Noch nach mehreren Jahren schreibt er: »Seitdem mein Vater und mein Bruder tot sind – für mich sind sie es nicht – hat es keinen Mann gegeben, von dem ich im höchsten Sinne sagen könnte, daß er mein Freund sei.« (Brief 180.)

Die gläserne Wand, die er schon als Kind begonnen hatte, zwischen sich und den Menschen zu ziehen, wurde jetzt auch für ihn undurchsichtig. Oder richtiger: scharf sah er nur noch in die Ferne. Die Nähe verdeckte, nachdem sie ihm nichts mehr bedeutete, immer unheimlicher auch für ihn seine eigene Figur, ihre Problematik, ihr Schicksal, vor allem ihr sein ganzes Gesichtsfeld füllendes Denken. Wie Gespenster drängten sich um ihn die Spiegelbilder seines Ichs, der Schwarm seiner unbotmäßigen Gedanken. »Die Menschheit steht mir näher als früher, aber ich habe nichts mehr, was ich dem Einzelnen geben könnte«, schreibt er bald nach Anfang des Krieges einer Bekannten. Die Spiegelbilder, die er von sich sieht, werden wie ein zweites Ich, das sich von ihm loslöst und ihn von der Welt abschließt. »Es ist, als ob in mir zwei Menschen lebten, von denen der eine erwächst, der andere stirbt. Es stirbt der Begehrende, der von außen zu Erfreuende, und mit ihm manche Lebendigkeit, Buntheit, Mitteilsamkeit und Freude, und es erwächst der andere, den ich kaum mehr Ich nennen darf. Denn dieser kümmert sich kaum mehr um mein Schicksal, er verlangt nach Dingen, die unpersönlich sind und macht mich zum Diener von Mächten, die mir keine Rechenschaft zu geben haben. Dieser Andere ist wie ein Teil einer fremden Macht, die sich eine Zeitlang meines armen Daseins bedient, um zu tun, was ihr gefallt ... Was ich zu schaffen und mitzuteilen habe, gehört mir nicht mehr. Ich kann es nicht mehr verschenken, es löst sich los, wie es ihm gefällt – für wen? Ich habe nicht zu fragen.« (Brief 147. An Fanny Künstler vom 23. IX. 1914.) Und einige Monate später an dieselbe: » Woran soll ich noch Anteil nehmen? Alles ist Schatten und Traum.« Brief 161.)

Müdigkeit wird immer häufiger seine Grundstimmung. Die Wunden, die seiner ursprünglich überkräftigen und zähen Natur die persönlichen Konflikte, die schweren Enttäuschungen und Sorgen der letzten Jahre vor dem Kriege geschlagen hatten, seine Verzweiflung über den Krieg und die Zukunft, die er für Deutschland befürchtete, wirkten sich jetzt aus in einer Schwächung seiner Lebenskraft, einem dumpfen Verzicht, einem Versiegen seiner Freudigkeit am praktischen Schaffen. Als sein Vater starb, folgte er ihm zwar als Vorsitzender der A. E. G., übernahm aber von dessen Aufsichtsratsstellen nur diejenigen in Gesellschaften, die notleidend oder noch in einem Entwicklungsstadium waren, oder an denen seinem Vater besonders viel gelegen gewesen war; die anderen lehnte er, im Gegensatz zu seinem früheren unstillbaren Tätigkeitsdrang, ab. An Fanny Künstler schreibt er kurz vor der Niederlegung seines Amtes: » Sie werden mich verändert finden, denn ich bin alt und müde geworden. Es muß sich im Freien zeigen, ob ich nochmals Lebenskräfte gewinnen kann ... Manchmal wünsche ich den Frieden zu erleben, manchmal nicht.« (Brief 164.) Wie ein Ertrinkender greift er aus seiner Einsamkeit nach jeder Hand, die sich ihm zu bieten scheint. Zufallsbekanntschaften erblühen plötzlich über Nacht zu überschwenglich gefeierten Freundschaften, die ebenso schnell wieder welk werden und in das Schattendasein seiner älteren Beziehungen zurücksinken. An Wilhelm Schwaner schreibt er im September 1915: » Ich bin zu lange an innere Einsamkeit gewöhnt; die läßt sich nicht mehr brechen. Bis vor kurzem habe ich beklagt, daß leidenschaftliche Erlebnisse, die meine mittleren Jahre erfüllten, nicht zum Hausstand und Familienleben führten. Nun ist es vorüber. Es ist sehr wenig geworden, was ich noch will: die Reihe meiner Schriften, wenn es möglich ist, beschließen, und dazu tritt dann noch die – wahrscheinlich vorübergehende – Aufgabe, das Werk meines Vaters über die schweren Zeiten unserer Wirtschaft hinwegführen zu helfen. Was dann folgt, frage ich nicht. Ich bin in diesem Kriegsjahr ziemlich grau geworden; das fühle ich auch im Innern.« (Brief 176.)

 

Trotzdem wirkt in ihm, schwächer als früher, weniger kontinuierlich, ohne Freudigkeit, doch immer noch unbezwingbar, der Drang nach praktischer Betätigung. Er beteiligt sich an den Klub-Gründungen, die den »Burgfrieden« durch gesellschaftliche Fühlung zwischen Vertretern verschiedener politischer Richtungen befestigen sollten: insbesondere an der von Carl Vollmöller ins Leben gerufenen » Deutschen Gesellschaft 1914« und der von Professor Ludwig Stein und dem Reichstagsabgeordneten Bassermann begründeten »Mittwochs-Gesellschaft«: beide Vereinigungen spielten bekanntlich im Kriege hinter den Kulissen eine nicht bedeutungslose Rolle; in einer für Deutschland völlig neuen Form stellten sie Verbindungen zwischen der Regierung und Parlamentsmitgliedern, Journalisten, Großindustriellen, Bankiers, Leuten aus allen Gebieten des öffentlichen Lebens her und beeinflußten durch diese laufenden und zwanglosen Beziehungen namentlich in kritischen Augenblicken die deutsche Politik und die Führung des Krieges oft wirksamer als die zensurierte Presse und »öffentliche Meinung«, oder selbst die in Hörweite der Entente tagenden Parlamente. Besonders gilt dies für die sorgfältig ausgewählte, verhältnismäßig kleine geschlossene Gesellschaft von nur 70 Mitgliedern, die wöchentlich zur vertraulichen Besprechung aktueller Fragen im Hotel Continental als »Mittwochs-Gesellschaft« zusammenkam. Alle Richtungen vom Grafen Westarp bis zu den Sozialdemokraten Heine, Südekum und David waren in ihr vertreten Bassermann und Ludwig Stein forderten zunächst zwölf führende Persönlichkeiten verschiedener Richtung auf, und von diesen, zu denen auch Rathenau gehörte, kooptierte dann jeder vier weitere. Ich gehörte ihr auf Vorschlag von Rathenau seit meiner ersten kurzen Anwesenheit in Berlin von der Front im Winter 1915 an, als ich entsandt war, um beim Reichskanzler und beim Kriegsminister an der Hand von Terrainskizzen und Verlustlisten darzulegen, daß im Gegensatz zu anderen rosig gefärbten Meldungen die Karpathenfront ohne Nachschub mindestens eines neuen Armeekorps voraussichtlich nicht zu halten sei. Ich erwähne dieses, weil Rathenau die politische Gefahr, die diese Situation enthielt, gleich erkannte, die persönliche, nicht bloß dienstliche Fühlung mit dem Kriegsminister herstellte, den Instanzenweg abkürzte, und dadurch zur baldigen Entsendung des später so benannten »Karpathenkorps«, die die Festigung der Front und im Mai den Durchbruch bei Przemysl möglich machte, mittelbar beitrug. Übrigens war dieses einer von den seltenen Fällen, in denen der Reichskanzler von Bethmann-Hollweg aus politischen Gründen direkt in die militärische Führung des Krieges eingriff, indem er an den Generalstabschef von Falkenhayn schrieb und ihm die dringende Notwendigkeit, die Karpathenfront zu verstärken, darlegte.. An den Verhandlungen der Mittwochs-Gesellschaft beteiligten sich regelmäßig Männer wie Feldmarschall Moltke, Generaloberst Kluck, Fürst Guido Henckel, der frühere Botschafter von Stumm, der damalige Führer der Konservativen von Heydebrand und der Lasa, die Abgeordneten Bassermann und Stresemann, der Direktor der Deutschen Bank Mankiewicz, die Großindustriellen Hugo Stinnes und Hugenberg, die Journalisten Professor Hoetzsch und Georg Bernhard; und als Gäste, wenn sie zufällig in Berlin zu Besuch waren, führende verbündete Politiker wie die Grafen Apponyi und Andrassy. In dieser kleinen, in parlamentarischen Formen verhandelnden Versammlung fand Rathenau zum erstenmal für seine Rednergabe eine Plattform.

Kurze Zeit scheint er gehofft zu haben, durch Ludendorff, als dieser eine Diktatur über Deutschland errichtete, Einfluß zu gewinnen und Gelegenheit zu bekommen, seine großen Reformpläne in die Wege zu leiten. Die Springlebendigkeit Ludendorffs, seine schnelle Auffassungsgabe, die Leichtigkeit, mit der ihn fremde Ideen, wenn sie die seinigen nicht durchkreuzten, entflammten, eine gewisse Kindlichkeit, die Genie bedeuten konnte, machten einen tiefen Eindruck auf Rathenau, der in allem sein Gegenstück war. »Ende 1915, in Kowno, lernte ich Ludendorff kennen«; berichtet er in seinem Aufsatz »Schicksalsspiel« Veröffentlicht am 23. November 1919 im »Berliner Tageblatt«. Wieder abgedruckt in »Was wird werden?« S. 5ff.. »Ich empfand, daß er der Mann war, der uns, wo nicht zum Siege, so doch zu einem ehrenvollen Frieden führen könnte und gesellte mich von diesem Tage an zur Zahl derer, die alles, was in ihrer Kraft stand, taten, um ihm den Weg zur Obersten Heeresleitung zu ebnen

Auf diese hohe Schätzung Ludendorffs und die Hoffnung, seine eigenen Ideen durch Ludendorffs Einfluß fördern zu können, ist wohl hauptsächlich der eine schwere Fehler, den Rathenau im Kriege machte, zurückzuführen: sein Brief an Ludendorff vom 16. September 1916, in dem er die belgischen Deportationen befürwortete: die zwangsweise Überführung von siebenhunderttausend belgischen Arbeitern nach Deutschland zur Mitwirkung am schwerindustriellen »Hindenburg-Programm«. Bekanntlich war die Maßregel praktisch ein Fehlschlag; menschlich und völkerrechtlich war sie nicht zu rechtfertigen und gefährdete auf das schwerste gerade Rathenaus Kriegsziel, Versöhnung zwischen den Völkern, Milderung des Hasses, wirtschaftliche Einigung Europas. Um seine Haltung in dieser Sache zu erklären, muß man daher neben der Rücksicht auf Ludendorff auch wohl noch andere psychologische Beweggründe annehmen: eine Trübung seines Urteils nicht durch die Kriegspsychose, denn gegen die war er immun, wohl aber durch sein Preußentum, seine tiefe Sehnsucht, restlos deutsch zu sein, die ihn schwach machte gegen antisemitische Angriffe und in diesem Fall die Erwägungen der Vernunft überrannte. Die in ihm streitenden Stimmungen, aus denen er in diese und vielleicht noch andere tragische Widersprüche mit sich selbst hineingeriet (er hat sich später Gewissensbisse gemacht wegen seiner Mitwirkung am Kriege durch die Rohstofforganisation), liegen teilweise zutage in den Worten, die er bald nach Kriegsausbruch an Fanny Künstler richtete: » Wir müssen siegen, WIR MÜSSEN! und haben keinen reinen, ewigen Anspruch.« (Brief 155.)

Seine Schätzung Ludendorffs ging jedoch bald in die Brüche. Er selbst hat das dramatische Ende ihrer Beziehungen in dem bereits angeführten Aufsatz »Schicksalsspiel« klar und überzeugend dargestellt. »Im Frühjahr 1917 war das Hauptquartier auf einige Tage in Berlin ... Ich ließ mich bei Ludendorff melden, berichtete ihm über die wirtschaftliche Durchführung des »Hindenburg-Programms« und sagte ihm, die U-Boot-Gutachten seien, soweit ich sie kenne, falsch, an eine Niederwerfung Englands bis zum Sommer sei nicht zu denken. Ludendorff widersprach; die Unterhaltung war kurz. An diese Voraussage erinnerte ich Ludendorff brieflich im Juni 1917. Er forderte mich auf, nach Kreuznach zu kommen A. a. O. S. 7..

Rathenau bereitete den Besuch sorgfältig vor durch einen Artikel » Sicherungen« in der »Frankfurter Zeitung« vom 5. Juli, in dem er Annexionen im Osten grundsätzlich ablehnte, aber – eine Konzession an Ludendorff – Erwerbungen im Westen » theoretisch«, wie er sich ausdrückte, nicht absolut verwarf Abgedruckt in der Broschüre »Zeitliches« S. 82.. Am 10. Juli fand dann die Unterredung im Hauptquartier statt. » Der U-Boot-Krieg machte den Hauptteil der Besprechung aus. Ich erörterte die Monatszahlen, die maximale Schätzungen bedeuteten, die geringe Wirkung auf die englische Wirtschaft, die illusorische Berechnung der Gesamttonnage, die Abwehrmaßnahmen, vor allem die Möglichkeit Amerikas, mehr Tonnage zu bauen als wir versenkten ... Am Nachmittag empfing mich Ludendorff nochmals. Er sagte, daß er nur in einem Punkte meinen Darlegungen widersprechen müsse: das sei die Frage des U-Boot-Krieges. Ich fragte, was ihn dazu bestimme. » Gründe könne er mir nicht angehen, es sei sein inneres Gefühl, dasjenige Gefühl, das ihm auch für seine strategischen Maßnahmen entscheidend sei.« »Wäre dies eine strategische Maßnahme, so wäre hierdurch für mich die Frage entschieden. Doch da es eine Frage der Wirtschaft und der Technik ist, so wage ich, meine Rechnung und mein Gefühl dem Ihren entgegenzustellen.« »Das respektiere ich,« antwortete Ludendorff, » doch werden Sie zugeben, daß ich meinem Gefühl zu folgen habe« A. a. O. S. 9-11.. Als Ludendorff ihm in einer rein statistischen und technischen Frage mit seinem »Gefühl« kam, gab Rathenau ihn auf. In der Mittwochs-Gesellschaft hielt er eine Rede gegen den unbeschränkten U-Boot-Krieg, die für alle, die sie hörten, denkwürdig blieb. Er verwarf ihn, weil er darin ein Experiment sah, das, wie er später schrieb, »wie ein Sprung über den Abgrund nur dann gelingt, wenn es mit hundert Prozent gelingt. Diese hundert Prozent schließen aber einen unbekannten Wirtschaftsfaktor und einen psychologischen Faktor ein, den man bei uns niemals richtig eingeschätzt hat.« (Brief 228.) Die Rede war eine der glänzendsten, die er gehalten hat, und in der Sache behielt er recht gegen Ludendorff. Aber wir wissen jetzt aus Sir James Salters Buch, daß im April 1917 an den hundert Prozent nur wenig gefehlt hatte.

Je dunkler die Lage wurde, je schwerer und schmerzlicher die ethischen Entscheidungen, um so mehr zog es Rathenau fort in die Einsamkeit, zu seinen inneren Gesichten, hinaus aus der Gegenwart in eine von ihm mit visionärer Deutlichkeit erschaute Zukunft. Die Schrift »Von Kommenden Dingen« entstand; dann die »Probleme der Friedenswirtschaft«, »Vom Aktienwesen«, die »Neue Wirtschaft«. »Ich schreibe den ganzen Tag«, heißt es in einem Brief an Wilhelm Schwaner; »aber es ist, wie wenn eine Witwe ein Kind trägt; solche Kinder leiden oft vom Weinen. Ich weine nicht – aber ich lache auch nicht mehr viel. Für mich und die Meinen habe ich schon oft und viel Sorgen gehabt; besonders 1903, als mein Bruder starb. Aber so wie jetzt war es nicht.« (Brief 209 v. 2. IX. 1916.) Die Briefe an die Freundin aus den letzten beiden Kriegsjahren durchzieht ein einziger Ton äußerer und innerer Vereinsamung.

65, Königsallee. 15. 1. 17.

Dank für Blumen, Worte, Töne. Faust? nein. Aber ich lese jetzt mit grimmigem Entsetzen Nietzsches Briefe an Overbeck, bis zu den versteinerten Dokumenten des Wahnsinns. So eng am Abgrund, – und noch nicht hinüber! Alles, was dieses glücklich-unglücklichere Ich umschattet, ist mir vertraut, nur, daß meine Einsamkeit bevölkert ist. Doch den Raub und Hohn der Freunde, von denen nie, nie! einer für uns eintritt, die lächelnd auf der Abgrundstraße in den Weg treten und einzeln gezwungen werden müssen, dem schwankenden Wagen Raum zu geben, bis es ihnen doch endlich gelingen wird, die Speichen zu brechen, wie habe ich sie erlebt! Erlebe ich sie! Dann werden sie lächelnd und lamentierend den Denkstein aufrichten zum abschreckenden Beispiel, und die ahnungslose Jugend kommt mit ihren Kränzen. –

Erschrecken Sie nicht; fürchten Sie nicht, mich weniger heiter zu finden; so gut wie das übrige bewältige ich auch die Stimmung; – bis auf weiteres.

Ich grüße Sie herzlich und in alter Treue
W.

 

65, Königsallee, Grunewald.

Was soll ich Ihnen antworten? Die Gesetze der Produktion kennen oder respektieren Sie nicht, wenigstens nicht bei mir. Glauben Sie, daß ich meine Arbeiten wie ein angestellter Journalist aus dem Federhalter sauge? Ich habe in meinem Leben noch keine Gedankenzeile geschrieben, die ich nicht schreiben mußte. Wenn sie aber geschrieben ist, so gehört sie nicht mehr mir. Ohne Glauben gibt es keine Verantwortung und ohne Verantwortung keinen Glauben. Wenn ich die Aufgabe ertrage, produzieren zu müssen, so muß ich den Glauben haben, daß sie mir auferlegt ist; sonst könnte ich sie nicht ertragen. Wenn eine meiner Arbeiten schlecht ist, so liegt es nicht am Mangel guten Willens. Ich mühe mich, so gut jemals sich einer gemüht hat, sie so gut zu machen wie ich kann. Gelingt das nicht, so muß die Welt sie nehmen wie sie sind; noch immer hat sie mehr guten Willen von mir, als ich von ihr empfangen.

Oder sollte ich mehr äußere Rücksichten nehmen? Daß es nicht etwa zuviel wird? Ich schweige drei, vier Jahre, wenn ich nichts zu geben habe. Wenn ich aber reden muß, so rede ich. Nach Eindrücken frage ich nicht.

Sie wissen, wie hoch ich Ihr Urteil stelle; es ist am stärksten, wenn es ein Gefühl des Gegenwärtigen ausdrückt. Was einer aber tun muß, und was er sieht, das kann niemand ihm sagen; nicht einmal der, der sein ganzes Leben mit ihm erlebt. Das sind Schicksalsdinge; vor denen darf und braucht man sich nicht zu fürchten. Sie erfüllen sich doch; keine Klugheit nützt und keine Torheit schadet; ist der Wille gut, so können sie tragisch sein, aber weder böse noch falsch.

Herzlichst
13. 6. 17.
W.

 

25. 12. 17.

In diesem scheidenden Jahr möchte ich Ihnen noch einen Weihnachtsgruß schicken. Sie haben in diesem Jahr in tiefen Schmerzen eine wahrhafte Bestimmung gefunden und sie wahrhaft erfüllt. Ich habe mit Schmerzen an ihrem Schicksal teilgenommen, aber auch mit Freude und Stolz.

Mehr und mehr werde ich den Menschen entfremdet werden; ich halte die Brücken, solange es geht. Mögen Sie nicht Ärgernis an mir nehmen! Ich weiß, Sie haben den guten Willen.

Ihr W.

 

17. 5. 18.

Wenn ich Ihre Briefe vernichten müßte, so wäre es mir, als wenn ich etwas Lebendiges tötete. Zum Glück ist es technisch unmöglich: ich müßte alle meine Behälter durchsuchen; es ist kaum einer, der nicht eine Erinnerung an sie enthält. Deshalb können Sie zu meinen Lebzeiten leider auch Bettinas Brief nicht erhalten, da ich nicht weiß, wo ich ihn suchen müßte. Daß nichts aufbewahrt ist, das von Bosheit oder Torheit dereinst mißdeutet werden könnte, bedarf keines Wortes. Sehr müde bin ich auf ein paar Tage hierher geflüchtet und gestern mittag in wolkenloser Hitze angekommen. Heute habe ich stundenlang, fast den ganzen Tag, geschlafen. Der Flieder ist im Verblühen; außer Akazien und Rosen, die zurück sind, ist alles Mitte Juni. Eine große Trockenheit scheint sich vorzubereiten, dieser kleine Landstrich ist ja fast regenlos. Jetzt ist es Abend. Es sind wieder viel Nachtigallen im Garten, aber es ist nicht wie sonst. Etwas Fremdes, nicht zu Ordnendes, schiebt sich dazwischen. Gedanken und Stimmungen zerflattern. Ich fühle nicht, daß Frühjahr ist; kein Erwachen, alles ist ausgesprochen und verrauschend wie im August.

Ich weiß jetzt, daß ich das Ende dieser Wirrnis nicht erlebe; vielleicht keiner von uns. Es ist fast wie Beruhigung. Es kommen langsam andere Menschen, auch sie treten ins Dunkel zurück. Alles was wir tun, ist zu früh und zu spät. Es befreit mich, wenn ich die große Weite des Horizontes sehe, dann verschwindet das Tägliche, das Zeitlich-Willkürliche.

Die Dämmerung versinkt im warmen, weit umhüllenden Dunkel, die Wiesen zwitschern und zirpen. Ich könnte Licht machen und weiterschreiben. Es ist aber noch so viel Müdigkeit und Schwere in mir, daß alles sich mühsam im Kreise bewegt. Seien Sie nicht besorgt, glauben Sie vor allem nicht, ich sei krank. Morgen sollen sogar Gäste kommen, zwei von meinen schwedischen Leuten. Heute früh telephonierte ich Felix ein paar Worte wegen Raumers.

Leben Sie wohl, ich grüße Sie herzlich.
W.

 

12. August 1918 Hat Bezug auf die Briefe der Freundin.

Nein, ... ganz recht ist es nicht, daß Sie den Wunsch wieder berühren, der mich schmerzt. Da es aber nicht anders sein soll, so werde ich in meinem Testament bestimmen, daß die Briefe unberührt Ihnen ausgehändigt werden, oder an wen Sie bestimmen.

Ihr kleines Bild hat mich erfreut. Es klingt mit dem Frieden Ihres Briefes zusammen: friedlich und dennoch bewegt, licht, scheinbar verklingend, und dennoch leuchtend.

Es ist seltsam, ich habe nun schon manches geschrieben, und immer noch wird es mir so schwer wie beim ersten Anfang. Ich ringe den ganzen Tag, und abends liegen vier Seiten vor mir. Wie leicht und wie schwer ist das Wort. Die Griechen sagten, unter dem Klange der Lieder haben sich die Zyklopenquadern von Troja zur Mauer gefügt. Das ist ein starkes Bild für ein paar Seiten Prosa, aber ich habe mir diesmal mit einer äußerlich nicht umfangreichen Arbeit eine schwere Verantwortung aufgeladen.

Ich verlasse den Garten nie. Von dem vielen Regen ist die Erde noch immer feucht, die Bäume schwer. Tagsüber ballen sich weiße Wolken und verglühen abends. Nachts schweben zwischen den hellen Fixsternen ganze Berge von halb unsichtbaren kleinen Gestirnen wie Schneeflocken. So klar ist die Luft. Vorgestern mußte ich einen Tag in Berlin sein. Gequält kam ich zurück, und als ich die Gartentür öffnete und in die dunkle Kühle in den ruhenden Raum unter den schweren Baumkronen trat, da fühlte ich, daß ich nur noch eine Sehnsucht habe. Auf meinem Tisch liegen Bücher, kaum geöffnet. Gegen Abend gehe ich manchmal auf den kleinen Berg hinter dem Hause und bringe ein paar Pilze mit zum Abendessen. Wenig Menschen haben mich besucht. Sie finden mich still und gehen bald wieder. Es wird Herbst.

Glauben Sie nicht, daß ich bedrückt oder traurig bin. Seit Beginn des Krieges sind die Arbeitstage hier meine beste Zeit.

Seien Sie herzlichst gegrüßt

Freienwalde, 12. 8. 18
Ihr W.

 

Als der Zusammenbruch nahte, machte er noch einmal den Versuch, die Schranke, die ihn von seiner Umwelt trennte, fast gewaltsam zu durchstoßen. Er wandte sich » An Deutschlands Jugend«: (Es ist die Schrift, von der im obigen Brief die Rede ist). »Mit Euch, Deutschlands Jugend, will ich reden. Den Genossen meines Alters habe ich nicht mehr viel zu sagen. Mein Herz habe ich vor ihnen ausgeschüttet, mein Glauben und Schaun, Vertrauen und Sorgen ihnen vor die Seele gehalten. Viele haben meine Schriften gelesen, die Gelehrten, um sie zu belächeln, die Praktiker, um sie zu verspotten, die Interessenten, um sich zu entrüsten und sich ihrer eigenen Güte und Tugend zu erfreuen. Wenn warme Stimmen zu mir drangen, so kamen sie von Einsamen, von Jungen und von denen, die nicht altern und nicht sterben.« (»A. D. J.« S. 6ff.) Der Stil des Appells ist schrill, feierlich prophetisch, stellenweise überladen, gleicht oft einer Hand, an deren Fingern zu viel Ringe stecken, so daß man die zarten, geschickten Glieder darunter vergißt oder übersieht. Der Faltenwurf verdeckt manchmal die Idee mehr als daß er sie schmückt. Man könnte fast von einem modernen Barock reden. Doch das wäre ungerecht; denn unter dem Pathos, das wie aufgelegt wirkt, brennt Leidenschaft: nur mehr als nötig bemüht um Ausdruck, unsicher wie eine Stimme, die zu lange nur mit sich gesprochen hat. Auch war vielleicht die Spanne zwischen Gefühl und Wort zu groß geworden und konnte nur künstlich überbrückt werden. An Stellen bricht aber doch durch die kunstvolle Sprache, unverkennbar im Ton, das wahre Gefühl durch: »Derer, die getötet worden sind und getötet werden sollen, gedenkt mein Herz in jeder seiner Nächte, und am heißesten umfaßt es die, denen es schwer wird, und die sich fürchten. Jeder, der mit seiner Seele in den Krieg verstrickt ist, alt oder jung, fürchtet sich und zittert und weint Tränen, die nach innen fließen und das Herz verbrennen.« (»A. D. J.« S. 1.)

Vieles in dieser Schrift erscheint wie eine nur in apokalyptische Formen gegossene Wiederholung früher entwickelter Gedanken; vor allem die erneute Verkündung des »Reiches der Seele«. Aber hier verdichten sich diese Gedanken zu Forderungen der Zeit. Denn der Krieg ist kein gewöhnlicher Krieg wie die des neunzehnten Jahrhunderts, keine bloße Auseinandersetzung zwischen Regierungen mit Waffengewalt; sondern » die Krise, die wir erleben, ist die soziale Revolution ... der Weltbrand des europäischen Sozialgebäudes, das nie wieder erstehen wird ...«, (A. a. O. S. 10 u. 76) das Ende eines untergehenden, der Anfang eines neuen Zeitalters der Menschheit. »Neu wird unsere Lebensweise, unsere Wirtschaft, unser Gesellschaftbau und unsere Staatsform. Neu wird das Verhältnis der Staaten, der Weltverkehr und die Politik. Neu wird unsere Wissenschaft, ja selbst unsere Sprache. – Wem von Euch ist es nicht in den Sinn gekommen, wenn er einen der früheren Schriftsteller der verflossenen Epoche las, etwa Stendhal oder Balzac, daß er sich fragte: Wie ist das möglich? Dreißig Jahre vor dieser Zeit blühte das spielende Jahrhundert in seinem Perlmutterglanz, und diese Menschen in dunklen Kleidern reden in ihrer neuen Aktensprache der Wissenschaft von Industrie und Börse, von Dampfschiffen und Kammern, von bürgerlicher Gesellschaft und Militarismus, und wundern sich nicht über die Neuheit ihrer Welt und wissen kaum, was vor ihnen war? Ist dann wirklich die Rede einmal von einem alten Edelmann, der in jener Tändelzeit jung war, so erscheint er wie ein Fossil, ein Abgestorbener, ein zopfiges Gespenst. So fremd werdet Ihr, (die neue Jugend) an uns vorüberschreiten.« (A. a. O. S. 74ff.)

Weil der Krieg nur Begleiterscheinung der Geburt einer neuen Epoche ist, deshalb wird » das Entsetzen der Zeit« erst überwunden werden, wenn ein neues Menschentum auf den Plan tritt, dessen Leben in der Seele, nicht in der Gier des Erwerbs und der Unterwerfung unter materielle Zwecke wurzelt, und wenn eine neue Organisation der Menschheit den bisherigen Zustand politischer und wirtschaftlicher Anarchie ersetzt.

Wichtiger ist der neue Mensch. »Kein Staatsmann kann helfen, kein Staatsakt, keine Änderung der Einrichtungen ... Kannst du Menschen finden und sammeln?« ruft er der deutschen Jugend zu. » Vergiß nicht: wäre ein deutsches Paradies auf Erden verwirklicht, wir hätten heute die Menschen nicht, es zu verwalten ... Blicke um dich in diese Parlamente, diese Ämter, diese Akademien, – überall ... Und abermals werde ich mutlos und frage: Wo sind die Menschen?« (A. a. O. S. 12-14.) In der Tat war dieses das Problem, das Rathenau am tiefsten beunruhigte. Kurz nach dem Spartacus-Aufstand im Februar 1919 sagte er zu mir: der Bolschewismus sei ein großartiges System, dem wahrscheinlich die Zukunft gehöre; »in hundert Jahren wird die Welt bolschewistisch sein. Aber der russische Bolschewismus gleicht einem bewundernswerten Theaterstück, das auf einer Schmiere von Schmierenschauspielern gespielt wird; und Deutschland wird den Kommunismus, wenn er kommt, genau so im Schmierenstil aufführen. Uns fehlen die Männer für ein so überaus kompliziertes System; es verlangt eine viel feinere und höhere organisatorische Begabung als bei uns zu finden ist. Wir haben keine Menschen von genügender Statur; vielleicht die Engländer und Amerikaner. Wir Deutschen können nur à la Feldwebel organisieren, nicht auf der hohen Stufe, die der Bolschewismus fordert. Des Nachts bin ich Bolschewist; aber am Tage, wenn ich in die Fabrik komme, unsere Arbeiter und Beamten sehe, dann bin ich es nicht, – oder noch nicht.« Er wiederholte mehrmals: »noch nicht«. Wie er früher die Schuld an Deutschlands Abstieg in erster Linie der falschen Auslese zumaß und Rettung nur von der Heranziehung besseren Menschenmaterials erwartete, so sah er jetzt im Problem der neuen Ordnung vor allem eine Charakterfrage: ob es gelingen werde, an die Stelle des durch Dienst am materiellen Zweck gebrochenen Menschen der mechanistischen Zeit einen Typ mit mehr Rückgrat und einer reineren Gesinnung zu setzen. Daher sein Ruf an die Jugend, aus der allein Typen dieses neuen Menschentums hervorgehen könnten, und vor allem an die deutsche Jugend, in der der Krieg Ansätze zu einer tiefen Wandlung hervorgebracht zu haben schien. Besonders wird er dabei an Fritz von Unruh, seine Brüder und ihren Kreis gedacht haben.

Der neue Mensch war die Voraussetzung; aber doch sah er schon die neue Ordnung, »den wirtschaftlichen und sozialen Ausgleich, die Durchgeistigung und Versittlichung der Wirtschaft«, in festen Umrissen wie einen der sicheren Verwirklichung entgegengehenden Bauplan vor sich. »Unverbrüchlich glaube ich an diese Dinge, denn sie sind im Anzuge; ja sie sind unsichtbares Schicksal geworden, denn sie sind erschaut, ausgesprochen, erhört und somit im Geiste verwirklicht.« (A. a. O. S. 13.) »Der kommende Friede wird ein kurzer Waffenstillstand sein, und die Zahl der kommenden Kriege unabsehbar, die besten Nationen werden hinsinken und die Welt wird verelenden, sofern nicht schon dieser Friedensschluß den Willen besiegelt zur Verwirklichung dieser Gedanken.« (A. a. O. S. 86.) Im Hinblick auf den kommenden Frieden wird er weit präziser als bisher in der Festlegung der Grundzüge einer die zwischenstaatliche Anarchie beseitigenden Weltorganisation. Allerdings unterscheidet sich sein Plan sehr wesentlich von dem später verwirklichten, auf den Ideen des achtzehnten Jahrhunderts fußenden Wilsonschen Völkerbund. »Ein Völkerbund ist recht und gut«, sagt er, »Abrüstung und Schiedsgerichte sind möglich und verständig; doch alles bleibt wirkungslos, sofern nicht als Erstes ein Wirtschaftsbund, eine Gemeinwirtschaft der Erde geschaffen wird. Darunter verstehe ich weder die Abschaffung der nationalen Wirtschaft, noch Freihandel, noch Zollbünde: sondern die Aufteilung und gemeinsame Verwaltung der internationalen Rohstoffe, die Aufteilung des internationalen Absatzes und der internationalen Finanzierung. Ohne diese Verständigungen führen Völkerbund und Schiedsgerichte zur gesetzmäßigen Abschlachtung der Schwächeren auf dem korrekten Wege der Konkurrenz; ohne diese Verständigungen führt die bestehende Anarchie zum Gewaltkampf aller gegen alle. – Der Wirtschaftsbund aber ist so zu verstehen: über die Rohstoffe des internationalen Handels verfügt ein zwischenstaatliches Syndikat. Sie werden allen Nationen zu gleichen Ursprungsbedingungen zur Verfügung gestellt, und zwar für den Anfang nach Maßgabe des bisherigen Verbrauchsverhältnisses. Späterhin wird das wirtschaftliche Wachstum der einzelnen in Rechnung gezogen. – Die gleiche zwischenstaatliche Behörde regelt die Ausfuhr nach entsprechendem Schlüssel. Jeder Staat kann verlangen, daß die ihm zustehende Ausfuhrquote ihm abgenommen werde. Sie verringert sich entsprechend, sofern er die auf ihn entfallende Einfuhr ablehnt. Die Lieferungen der Staaten geschehen im gewohnten Verhältnis ihrer Gütergattungen. Freie Verständigungen über Abänderungen können getroffen werden, Quotenaustausch ist zulässig. – An internationalen Finanzierungen, die zu Lieferungen führen, kann jeder Staat Beteiligungen im Verhältnis seiner Ausfuhrquote verlangen. – Dies sind die grundsätzlichsten Bestimmungen, die vereinbart werden müssen.« (S. 87.) Er fügt dem aber hinzu einen nachdrücklichen Hinweis auf die unvermeidliche Langsamkeit der Entwicklung bis zur vollen Geltung eines solchen Systems. » Jahrzehnte werden vergehen, bis dieses System der internationalen Gemeinwirtschaft voll ausgebaut ist; weiterer Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte bedarf es, um die zwischenstaatliche Anarchie durch eine freiwillig anerkannte oberste Behörde zu ersetzen, die nicht ein Schiedsgericht, sondern eine Wohlfahrtsbehörde sein muß, der als mächtigster aller Exekutiven die Handhabung der Wirtschaftsordnung zur Verfügung steht.« (S. 88.)

Wir erinnern uns, daß schon einmal, vor dem Kriege, Rathenau eine überstaatliche Instanz, einen zwischenstaatlichen Gerichtshof angeregt hatte, der die Ausgaben der Staaten für Rüstungen prüfen und für die Einhaltung vertraglich festgelegter Rüstungsbeschränkungen sorgen sollte; womit er die grundsätzliche Geltung des bisherigen Souveränitätsbegriffes bewußt oder unbewußt preisgegeben hatte. Im Aufruf »An Deutschlands Jugend« weist er in vorsichtigen, aber unzweideutigen Worten darauf hin, daß der ganze Komplex der mit den Begriffen des Staates und der Nation zusammenhängenden Werte problematisch und vielleicht nicht für alle Zeiten gültig sei. »Der neuzeitliche Mensch«, sagt er, »... kann von Verzweiflung so überwältigt werden, daß er aus seiner Not ins Chaos flüchtet. Es kann ihm geschehen, daß er getrieben wird, alle Werte anzutasten, daß er die Frage wagt, ob jene Güter, die Christus nicht als Güter kannte, Vaterland, Nation, Wohlstand, Macht, Kultur, wahrhaft so hoch erhaben, so tief gegründet sind, daß in ihrem Namen die Welt, friedlich und kriegerisch, sich in die ewige Sünde der Feindschaft, des Hasses und Neides, der Ungerechtigkeit und Unterdrückung, der staatsmännischen Ränke, der Gewalt und des Mordes verstricken dürfe.« (»A. D. J.« S. 35.) Jeder absolute Wert wirkt radikalisierend, macht gegen andere Werte skeptisch, frißt an ihnen wie eine Säure, so daß nur ein Rest, ein bestenfalls relativ gültiger Rückstand, übrigbleibt; so auch in Rathenaus Weltanschauung der absolute Wert der »Seele«.

Aber doch darf man diesen Radikalismus Rathenaus nicht überschätzen: denn es war ein Radikalismus bloß des nach eigenem Gesetze und fast unabhängig in ihm wirkenden Verstandes, dem sein Gefühl widersprach, das eng an Preußen, an Deutschland, an die deutsche Wirtschaft, ja selbst an den preußischen »blonden« Junker gebunden blieb; und in allen entscheidenden Momenten entsprangen seine Handlungen dem Zusammenklang, oft einem Kompromiß zwischen beiden Antrieben. Als mit Ludendorffs Waffenstillstandsgesuch der Zusammenbruch kam, erkannte er sofort die katastrophale Dummheit, »daß man statt der Liquidation den Bankrott erklärte« (»die katastrophalste Dummheit aller geschichtlichen Zeiten« sagte er später ohne Übertreibung). Weil ein in jahrelanger schwerer Verantwortung verbrauchter General die Nerven verloren hatte, steckte Deutschland den Kopf in die Schlinge und ruinierte nicht nur sich, sondern nebenbei auch Europa, indem es einen vernünftigen Frieden, der die Kriegswunden geheilt hätte, unmöglich machte. Klugheit und Gefühl empörten sich gleichmäßig gegen dieses Verbrechen. Am 7. Oktober 1918 veröffentlichte Rathenau in der »Vossischen Zeitung« einen Artikel » Ein dunkler Tag«, in dem er den Schritt als »übereilt« bezeichnete, eine unbefriedigende Antwort (die selbstverständlich war) voraussagte, und die Forderung aufstellte: »Kommt die unbefriedigende Antwort, die den Lebensraum uns kürzt, so müssen wir vorbereitet sein. Die nationale Verteidigung, die Erhebung des Volkes muß eingeleitet, ein Verteidigungsamt errichtet werden. Beides tritt nur dann in Kraft, wenn die Not es fordert, wenn man uns zurückstößt; doch darf kein Tag verlorengehen. Das Amt ist keiner bestehenden Behörde anzugliedern, es besteht aus Bürgern und Soldaten und hat weite Vollmacht. Seine Aufgabe ist dreifach. Erstens wendet es sich in einem Aufruf an das Volk, in einer Sprache der Rückhaltlosigkeit und Wahrheit. Wer sich berufen fühlt, mag sich melden, es gibt ältere Männer genug, die gesund, voll Leidenschaft und bereit sind, ermüdeten Brüdern an der Front mit Leib und Seele zu helfen. Zweitens müssen alle die Feldgrauen zur Front zurück, die man heute in Städten, auf Bahnhöfen und in Eisenbahnen sieht, wenn es auch für manchen hart sein mag, den schwerverdienten Urlaub zu unterbrechen. Drittens müssen in Ost und West, in Etappen und im Hinterland aus Kanzleien, Wachtstuben und Truppenplätzen die Waffentragenden ausgesiebt werden. Was nützen uns heute noch Besatzungen und Expeditionen in Rußland? Schwerlich ist in diesem Augenblick mehr als die Hälfte unserer Truppen an der Westfront. Einer erneuten Front werden andere Bedingungen geboten als einer ermüdeten. Wir wollen nicht Krieg, sondern Frieden. Doch nicht den Frieden der Unterwerfung.« Der Artikel machte ungeheures Aufsehen. Der Reichskanzler der neuen Volksregierung, Prinz Max, der unter dem rücksichtslosen Druck des Militärs dem Waffenstillstandsgesuch nach heftigem Widerstreben zugestimmt hatte, wurde stutzig und legte am 8. Oktober der Obersten Heeresleitung die Frage vor: »Verspricht sich die Oberste Heeresleitung einen ausreichenden Kräftezuwachs von der levée en masse, wie sie von Walther Rathenau in der ›Vossischen Zeitung‹ empfohlen ist?« Vorgeschichte des Waffenstillstandes. Amtliche Urkunden Nr. 36. Ludendorff antwortete dem Prinzen am folgenden Tage in einer Besprechung: » Nein. Ich verspreche mir trotz Menschenmangels von levée en masse nichts. Levée en masse würde mehr zerstören als man ertragen kann.« Und der Kriegsminister General Scheuch schloß sich diesem Votum an A. a. O. Nr. 38.. Rathenau suchte Scheuch auf, legte ihm noch einmal, am 9. Oktober, brieflich dar, was in die Augen stach, aber von der Obersten Heeresleitung scheinbar verkannt wurde, daß die Räumung des besetzten Gebietes, die Wilson in seiner Antwort auf das Gesuch forderte, »die Besiegelung des Endes unserer Verteidigungsfähigkeit, somit Ergebung auf Gnade und Ungnade« sei. (Neue Briefe Nr. 50.) Die Militärs blieben bei ihrer Ablehnung. Es wäre müßig, heute untersuchen zu wollen, ob, nachdem Ludendorff einmal sein Waffenstillstandsgesuch gemacht hatte, die Volkserhebung durchführbar gewesen wäre und Erfolg haben konnte. Übrig blieb nach ihrer Verwerfung nur eine furchtbare Erbitterung im Volk gegen Rathenau als »Kriegsverlängerer«. So kam es, daß er, als der Umsturz ausbrach und seine radikalen Ansichten seine Teilnahme an einer revolutionären Regierung natürlich gemacht hätten, »unmöglich« war und einsamer und gefährdeter als je vorher dastand.

 

Rathenaus Stellung zur Revolution war durch seine Schriften gegeben; er hatte seit Jahren das herrschende System, seine Verfassung, seine Politik, seine Wirtschaft, seine Gesellschaftsform verneint und Vorschläge für eine Erneuerung von Grund auf gemacht. Doch aus Gründen, die nur zu sichtbar waren, – seine Stellung an der Spitze der A. E. G., seine Organisation der Rohstoffwirtschaft, seine Verbindung mit dem »Hindenburg-Programm«, zuletzt noch sein Aufruf zur Volkserhebung, – Gründen, die alle letzten Endes in der Zwiefältigkeit seiner Person ihren Ursprung hatten, ging die Revolution in einer Stunde, die trotz seines gewaltsamen Todes vielleicht die schwerste seines Lebens war, an ihm vorbei. »Als die Revolution kam, waren alle sich einig, daß man mich los sein wollte«, schreibt er ein Jahr später an den sozialdemokratischen preußischen Finanzminister Südekum. (Brief 580.) Und jetzt beginnt die eigentliche Tragödie, in der sein bisheriges Leben nur die Rolle einer Exposition spielt, jetzt, da plötzlich seine Doppelheit als Gefahr für sein Werk vor ihm steht, als Schicksal, das nicht nur ihn, sondern auch seine Gedanken bedroht. Gegen dieses Schicksal empört er sich, nimmt mit ihm den Kampf auf und rettet schließlich, mit dem Opfer seines Lebens, seine Ideen.

Die nächsten Monate und Jahre muß er einen fast verzweifelten Kampf führen, um aus seiner Vereinsamung herauszukommen und bei der Neugestaltung Deutschlands praktisch helfen zu können. Broschüren, Zeitungsartikel, Reden, Bewerbungen, die »Apologie«, »Der Kaiser«, die »Kritik der dreifachen Revolution«, die kleinen Sammlungen »Nach der Flut« und »Was wird werden?«, die Schriften »Der Neue Staat«, »Die Neue Gesellschaft«, die bei Diederichs erschienene »Autonome Wirtschaft« sind Episoden dieses zähen Ringens.

 

Schon vor dem Umsturz, im Oktober, als die erste Volksregierung ans Ruder kam, hatte er in einem Aufsatz » Staat und Vaterland« Abgedruckt in »Nach der Flut« S. 34ff., das Ziel, das er in seinen großen theoretischen Abhandlungen allgemein aufgestellt hatte, mit Bezug auf die gegenwärtige Lage neu formuliert: » Die Welt bedarf eines Menschenreiches als Abbild des Gottesreiches, des Reiches der Seele. Das Menschenreich ist das Reich der Freiheit und der Gerechtigkeit. Im Menschenreich herrscht nicht Reichtum und Erbteil, nicht Willkür und Unterwerfung, nicht Gewalt und nicht Anarchie, sondern Solidarität; es führen nicht mehr die Bevorrechtigten, die Streber und Macher, sondern befähigte Menschen; das höchste Gesetz ist nicht Interesse, sondern Schöpfung, das letzte Ziel nicht Reichtum und Macht, sondern Geist. Die Knechtschaft der Menschen, der Stände, der Altersstufen und Geschlechter hört auf A. a. O. S. 48.. Und an einer anderen Stelle desselben Aufsatzes stellt er als »die klare fest umschriebene Aufgabe des deutschen Geistes« hin: » den Staat und die Wirtschaft der Sittlichkeit und Gerechtigkeit zu schaffen und seine Schöpfung in den Verband der Völker vorbildlich einzufügen A. a. O. S. 37.. Also das ideale Ziel Fichtes.

Nach dem Umschwung, als er sich beiseitegeschoben sah, unternahm er, um diesen Ideen Gehör zu verschaffen, die Gründung eines » Demokratischen Volksbundes«. Er berief eine Reihe führender Persönlichkeiten von geistigem oder wirtschaftlichem Gewicht, die ebenso wie er durch die Revolution ausgeschaltet schienen, zu einer Sitzung am 16. November und setzte ihnen seine Ziele auseinander: Derjenige Volksteil, welcher »augenblicklich nicht den Inhalt bildet der Arbeiter- und Soldatenräte und nicht den Inhalt bildet der Revolutionsgemeinschaft, die sich konstituiert habe«, müsse sich sammeln und zur Verfügung halten »einzeln, in Gruppen, in der Gesamtheit zu jeder ordnenden Mitarbeit, die von uns erwünscht und erwartet werden kann, zu der gutwilligen, zu der freiwilligen, zu der erfindungsreichen Mitarbeit, deren wir fähig sind« »Reden« S. 35.. Er wolle keine Partei gründen, weil ihm nur am Gedanken der absoluten Solidarität und Einigung liege; und daher sei die einzige Forderung, die er ihnen zum Beschluß vorlege, » die Forderung der Nationalversammlung, der schleunigen Berufung, der schleunigen Errichtung dieser Versammlung« A. a. O. S. 37.. Das eigentliche Ziel, das er mit der Gründung verfolgte, zeigt sich aber in dem von ihm selbst entworfenen Aufruf, den der »Demokratische Volksbund« an das deutsche Volk richten sollte:

»1. Der ›Demokratische Volksbund‹ steht auf dem Boden der deutschen Revolution.

2. Er ruft alle deutschen Männer und Frauen ohne Ansehen der Religion und Partei mit Ausnahme derer, die offen oder geheim der Reaktion dienen.

4. Der ›Demokratische Volksbund‹ will ein freies Land und Volk mit der Verfassung eines sozialen Freistaates.

5. Erbliche Klassen haben ein Ende. Die Gegenbegriffe Bürgertum und Proletariat entfallen. Jedem Befähigten steht der Aufstieg frei. Militarismus und Imperialismus, Feudalismus und Bürokratismus sind abgetan.

6. Jeder Deutsche hat Anspruch auf Arbeit und Bildung. Niemand darf unverschuldet Not leiden.

7. Vermögen, Einkommen, Erbschaft werden begrenzt.

8. Wirtschaft ist nicht Privatsache, sondern Sache aller. Die wirtschaftliche Erzeugung ist zu heben durch Beseitigung von Arbeitsvergeudung, Materialvergeudung und Transportvergeudung. Syndikate unterstehen dem Staat. Geeignete Betriebe werden verstaatlicht. Einfuhr und Verbrauch von Luxusgütern wird besteuert und beschränkt. Die Wirtschaft muß versittlicht, das Leben vereinfacht werden.«

Der »Demokratische Volksbund« war kurzlebig, oder richtiger, er trat nie wirklich ins Leben und löste sich nach wenigen Tagen offiziell wieder auf. Die Ursache des Fehlschlags gibt Rathenau selbst in einem demnächst in seinen » Politischen Briefen« zur Veröffentlichung kommenden Brief an: »Der Demokratische Volksbund konnte nicht bestehen, weil sich herausstellte, daß das Bürgertum nach wie vor dem sozialen Gedanken abgeneigt ist und sich auf nichts Bestimmteres einigen konnte als auf den farblosen Aufruf zur Nationalversammlung, der an Wert verlor, weil alle Parteien und die Regierung ihn sich inzwischen zu eigen gemacht hatten.« Der Aufruf scheint nicht veröffentlicht worden zu sein. Nicht die Arbeiter- und Soldatenräte, sondern die Trägheit des Bürgertums, doch auch die durch die Revolution nicht erschütterten Bürokratien der Gewerkschaften und alten Parteien machten das Aufkommen nicht vorbereiteter, nicht organisierter Bewegungen von vornherein hoffnungslos. Dadurch war der Erneuerung eine Grenze gesteckt oder, man kann es auch so ausdrücken, der Lauf und Auslauf der Revolution vorherbestimmt. Gegen die Gewerkschafts- und Parteisekretäre konnten selbst Liebknechts Maschinengewehre nichts ausrichten. Rathenau gab sich in dieser Beziehung keiner Täuschung hin. Der einzige gangbare Weg – das sah er – war die Umformung einer der Parteien und ihres Gewerkschaftsanhanges von innen. Die Sozialdemokratische Partei hatte er sich selbst verschlossen durch seine schroffe Ablehnung des Marxismus. Er wandte sich der unter Friedrich Naumanns Führung aus der alten Fortschrittlichen Volkspartei und den süddeutschen Ortsgruppen der Nationalliberalen hervorgehenden » Deutschen Demokratischen Partei« zu. Diese Partei war durch Naumann und ihren starken gewerkschaftlichen Einschlag von vornherein sozial, durch große Intellektuelle wie Max Weber und Hugo Preuß auf die Vorherrschaft des Geistes, durch einen starken Zustrom von Diplomaten und Pazifisten weltpolitisch auf Verständigung eingestellt. Hier waren Ansätze, die Rathenau hoffen konnte, fortzuentwickeln. Die Ortsgruppe der »Deutsch-Demokratischen Partei« in Weiswasser (Oberlausitz), wo er Vorsitzender des Aufsichtsrats der Vereinigten Lausitzer Glaswerke A.-G. war, lud ihn ein, zur Nationalversammlung für den Reichstagswahlkreis Rothenburg-Hoyerswerda zu kandidieren. Er nahm die Einladung an. Doch dann kam die Verordnung, daß die Wahlen nicht nach den bisherigen Reichstagswahlkreisen, sondern nach Regierungsbezirken und einem Listensystem vorgenommen werden sollten; und dadurch wurde die Aufstellung der Kandidatenliste Sache der Parteiorganisation des Regierungsbezirks Liegnitz. Auf deren Vertretertagung Ende Dezember 1918, zu der Rathenau erschien, kam es zu einer starken, auch antisemitisch begründeten Opposition gegen ihn; er wurde nicht einmal zu Worte gelassen mit der Begründung, daß dieses eine Bevorzugung gegenüber den anderen nicht erschienenen Kandidaten sein würde. Schließlich wurde er bei der Aufstellung der Liste zur Nationalversammlung für alle Stellen niedergestimmt, bei der Preußen-Liste mit großer Mühe von seinen Freunden auf die sechste Stelle, die aussichtslos war, gebracht Die Einzelheiten dieser Vorgänge verdanke ich einer mir freundlichst zur Verfügung gestellten Niederschrift des damals in Liegnitz mit anwesenden Sekretärs Rathenaus, Herrn Hugo Geitner..

Böse Rückschläge der gleichen Art folgten jetzt Schlag auf Schlag: fast zu gleicher Zeit mit der Abweisung in Liegnitz erlitt er eine noch schwerere Kränkung durch Streichung aus der gleich nach der Revolution berufenen Sozialisierungs-Kommission; die Unabhängigen hatten gegen ihn Protest erhoben. Wie bitter er gerade diesen Affront empfand, klingt aus dem Ton seines Briefes an den damaligen Volksbeauftragten Fritz Ebert heraus. »Sicherlich ist es Ihnen bekannt, daß ich aus der Sozialisierungskommission noch vor ihrem Zusammentritt ausgeschlossen worden bin, nachdem der Öffentlichkeit in der Aufzählung der Mitglieder mein Name bekannt gegeben worden war. Aus allen Teilen des Landes werde ich nach den Gründen der Ausschließung befragt; ein Protest, von fünfzig Mitgliedern des Soldatenrats unterzeichnet, ist mir übergeben worden. Ich glaube Anspruch zu haben, diese Gründe zu erfahren ... Ich glaube nicht, daß es auf bürgerlicher Seite viele Männer gibt, die unter Gefährdung ihrer bürgerlichen Stellung und ungeachtet aller Anfeindungen das alte System rückhaltlos bekämpft haben, gegen den Krieg aufgetreten und ein neues wissenschaftlich durchdachtes und begründetes vollständiges Wirtschaftssystem aufgestellt haben, wie ich es als meine Aufgabe ansah ... An den ersten Tagen der Revolution habe ich, meinem Gewissen folgend, mich der Volksregierung zur Verfügung gestellt. Sie hat von meinen Diensten keinen Gebrauch gemacht, und mir kann nichts lieber sein als zu wissen, daß es ihr an geeigneteren Kräften nicht fehlt. Wenn aber der neue Volksstaat, für dessen Errichtung ich zeitlebens eintrat, gerade mich ausersieht, um mir ein Mißtrauenszeugnis zu geben, indem er mich aus einer Zahl von Männern streicht, die nicht umhin kommen werden, auch meine Lebensarbeit zu erörtern, so hat außer mir, wie ich glaube, auch die Öffentlichkeit Anspruch, die Gründe zu erfahren. Berlin, 16. Dezember 1918.« (Brief 470.) Die Unabhängigen hielten ihren Einspruch aufrecht.

Wenige Wochen später spielte sich ein weiterer ihn aufs äußerste erregender Vorgang in der eben zusammengetretenen Nationalversammlung ab. In der zweiten Sitzung, am 7. Februar 1919, liefen zur Wahl des ersten Reichspräsidenten zwei Telegramme ein, von denen das eine Hindenburg, das andere Rathenau vorschlug. Bei der Verlesung des ersten lachten die Sozialdemokraten; über den Vorgang bei der Verlesung des zweiten meldet der stenographische Bericht:

»Schriftführer Abgeordneter Dr. Neumann-Hofer (verliest): ›Zum Präsidenten Deutschlands vorschlage im Namen vieler Auslandsdeutschen unseren von Freund und Feind im Inland und Ausland gleich hoch geachteten und weitblickenden Walther Rathenau. (Große Heiterkeit.) Er werde unser Führer. Eugen Müller, Stockholm.‹ (Große Heiterkeit rechts). Die Deutsche Nationalversammlung im Jahre 1919. Herausgegeben von Justizrat Dr. Eduard Heilfron. 2. Sitzung Freitag den 7. Februar 1919. S. 16.«

Rathenau nahm die »Heiterkeit«, die sich auch gegen Hindenburg gerichtet hatte, tragischer, als sie es verdiente: Monate später in seiner »Apologie« kommt er darauf in einem Ton zurück, der zeigt, wie tief sie ihn verletzt hatte. »Am Tage der Wahl des Reichspräsidenten war von Auslandsdeutschen ein gutgemeintes, doch unbedachtes und höchst abwegiges Telegramm in Weimar eingelaufen, das mit dem feierlichen Vorgang meinen Namen in ungereimte Verbindung brachte. Es wäre leicht gewesen, diese Äußerung, wie es täglich mit vielen anderen geschieht, beiseite zu legen. Sie wurde verlesen. Das Parlament eines anderen Kulturstaates hätte aus Achtung für jeden beliebigen Vertreter geistiger Arbeit es angemessen erachtet, die abgeschmackte Verlesung einer abgeschmackten Kundgebung zu überhören oder stillschweigend zu erledigen. Das Erste Deutsche Republikanische Parlament, das bestimmt war, sein Siegel unter die deutsche Schmach zu setzen, zur Sitzung vereint in dunkelster Zeit, in feierlichster Stunde, schüttete sich aus vor Lachen. Minutenlange Heiterkeit verzeichnen die Blätter; und Augenzeugen erzählen, daß Männlein und Weiblein zum Gruß an einen Deutschen, dessen geistige Arbeit sie kannten oder nicht kannten, sich beseligt auf ihren Sitzen kugelten. Als ich es las, war ich erstaunt, doch nicht um meinetwillen betrübt. Ich mußte an das sardonische Gelächter des Unheils in der Burg von Ithaka denken, wie es Homer beschreibt.« (S. 106-107.)

Durch die Vorgänge in Liegnitz und Weimar kam er zur Nationalversammlung und zum Parlamentarismus überhaupt in einen gefühlsmäßigen Gegensatz, der noch schärfer wurde, als der Reichswirtschaftsminister, der Sozialdemokrat Wissell, in der großen Debatte über das Sozialisierungsgesetz sehr deutlich von ihm abrückte und eine, gewiß gutgläubige, aber objektiv falsche Darstellung seiner Ideen gab: er warf ihm u. a. vor, er wolle die deutsche Wirtschaft » zu einem nur wenig gegliederten Großbetriebe, gewissermaßen zu einer großen A. E. G. machen«; und fügte hinzu: »Rathenau will eine zwangsläufige Wirtschaft mit fieberhaft gesteigerter Arbeit. Auch wir wollen arbeiten; aber wir wollen auch dem Menschen das geben, was ihm zukommt« Stenographische Berichte a. a. O. Band III, S. 1490. 23. Sitzung vom 8. März 1919.. Eine vollkommenere Umkehrung von Rathenaus Gedanken in ihr Gegenteil ist kaum denkbar. Rathenau war mit Recht empört und richtete in der »Zukunft« vom 12. April 1919 einen offenen Brief an Wissell, der für Rathenau unerhört zornig klingt.

»Zu Ihrer Rechtfertigung nehme ich an, daß Sie eben meine älteren Schriften, insbesondere die ›Neue Wirtschaft‹, nicht gekannt haben und sich zum Zweck Ihrer Darlegung einige Suchworte geben ließen. Es ist ja wohl so üblich; schön ist es nicht. Mit dieser Hilflosigkeit versöhnt Ihr weiterer köstlicher Ausspruch: ›An sich wäre es gar kein Unglück, wenn ein kluger Gedanke eines klugen Mannes, der zu verwirklichen ist, auch von uns übernommen werden würde.‹ An sich wäre es gar kein Unglück! Nein, Herr Minister, es wäre wahrhaftig kein Unglück! Es wäre kein Unglück, Verstand und Redlichkeit zu zeigen. Aber, (nicht wahr) es ist schwer. Leichter ist es, von verantwortlicher Stelle die ernste Arbeit eines Menschen, die man zu kennen sich nicht die Mühe nimmt, mit leichtem Gerede abzutun. Soll ich Ihnen sagen, was ein Unglück ist? Ein Unglück ist Ihr leeres Rahmengesetz zur vorgeblichen Sozialisierung. Mir ist es gleichgültig, Herr Minister, ob Sie, der Sie tun, als ob Sie meine Schriften kennten, und mit Unwissenheit und Entstellung darüber reden: ob Sie zu sozialisieren vorgeben, indem Sie ein paar Energiequellen fiskalisieren und das Kohlensyndikat in eine neue bürgerliche Form bringen. Das Volk läßt sich nicht täuschen. Eine neue und gerechte Wirtschaft wird in Deutschland geschaffen werden, wenn auch nicht von Ihnen. So unehrlich wie das berüchtigte: ›wie ich sie auffasse‹ aber ist das Plakat: ›Die Sozialisierung marschiert.‹

Mit gebührender Wertschätzung
Walther Rathenau.«

Was Rathenau in Harnisch brachte, war nicht nur die Fälschung seines Wollens in einer weithin vernehmbaren Rede, sondern mehr noch das Experiment, das Wissell und Möllendorff unternahmen, eine neue Zwangswirtschaft zu errichten, deren Fehlschlag er voraussah, weil sie politisch schlecht vorbereitet war, und weil die neue Gesinnung, die ihm als Voraussetzung neuer Wirtschaftsformen unerläßlich schien, bei Unternehmern und Arbeitern noch fehlte; diesen ungeschickt und vor der Zeit eingeleiteten planwirtschaftlichen Versuch empfand er wie eine Art von ungewollter Sabotage gegen die Ideen, die sein Lebenswerk waren.

Aus demselben Grunde, wegen noch mangelnder Gesinnung, versagte er in der zweiten Sozialisierungs-Kommission, die nach dem Kapp-Putsch im Juli 1920 berufen wurde, seine Zustimmung dem radikaleren Sozialisierungsvorschlag von Kautsky, Hilferding, Kuczynski, Lederer. In dem von ihm mitunterzeichneten Vorschlag II wird dieser Gesichtspunkt so formuliert: »Es wird die Aufgabe sein, zu neuen Wirtschaftsformen überzuleiten und Wege zu zeigen, die von der heutigen Wirtschaftsgesinnung zu einem Aufbau auf Grund reiner Gemeinschaftsgesinnung führen; doch darf man nicht vorzeitig Gebilde schaffen, deren bewegende Kräfte noch unentwickelt sind.« (Bericht der Sozialisierungs-Kommission vom 31. Juli 1920. S. 17.)

Und wieder beherrscht die Verteidigung seiner Ideen gegen drängende revolutionäre Kräfte, die eine nach seiner Ansicht verfrühte und verfehlte Verwirklichung herbeiführen wollten, auch seine letzte größere theoretische Schrift, die im Oktober 1919 veröffentlichte »Neue Gesellschaft«. Er gibt darin ein bis zur Karikatur verhäßlichtes Bild der neuen Gesellschaft, in der es nach Beseitigung des Proletariats nicht, wie verkündet werde, lauter Reiche, sondern »nur arme, nur sehr arme Leute geben wird«. (»Neue Gesellschaft« S. 10.) Er legt »einen Schnitt durch ein voll sozialisiertes Deutschland der Zukunft« (a. a. O. S. 29.) und findet, wie er selbst sagt, daß er » die Hölle« gezeichnet hat. (A. a. O. S. 48.) Doch, fügt er hinzu, dieser Beschreibung hat er » eine unscheinbare Voraussetzung zugrunde gelegt, die Andauer unserer Gesinnung, Ethik und geistigen Einstellung ... Unsere Darstellung zeigt einfach die selbstverständliche Tatsache auf: Beglückung auf mechanischem Wege ist nicht möglich.« (A. a. O. S. 51.)

Soll man deshalb die Hände in den Schoß legen? Nein, man soll den Gesinnungswandel beschleunigen, indem man den Schwerpunkt von den materiellen auf die geistigen Werte verlegt und dadurch von der alten zur neuen Gesinnung eine Brücke schlägt. Auch die Handarbeit, auch die Fabrikarbeit muß vergeistigt werden. Doch halt, fragt man, ist das nicht schon früher ausführlich erörtert worden? Haben wir nicht schon Rathenaus Lösung: Solidarität und Teilnahme am Betriebsrat? Gewiß. Doch jetzt bringt er den Mut auf, zu bekennen, »daß die mechanisierte und mechanische Arbeit ein Übel an sich ist, und zwar ein solches, das durch keine wie immer geartete wirtschaftliche und soziale Umgestaltung beseitigt werden kann. Weder Karl Marx noch Lenin kommt über diese Tatsache hinweg ... Es ist ein Traum, zu glauben, aus der entgeisteten Teilverrichtung, auf der die mechanisierte Produktionsweise beruht, werde jemals wieder die handwerkliche Fertigung sich entwickeln lassen ... Solange die Arbeitsteilung besteht, leistet der Mensch nicht Fertigung, sondern Teilarbeit, im besten Falle und bei höchster mechanischer Entwicklung Überwachungsarbeit. Entgeistete und entseelte Arbeit aber kann niemand mit Freude verrichten; das Furchtbare des Mechanisierungsprozesses ist, daß er das menschliche Lebenselement, die eigentliche Daseinsform, die mehr als den halben Inhalt des wachen Tages ausfüllt, die schaffende Arbeit, häßlich und hassenswert macht ... Hier liegt das Zentralproblem des Sozialismus.« (A a. O. S. 75 u. 78.)

Mit anderen Worten: Rathenau findet auf dem Wege der Mehrzahl der Fabrikarbeiter zu der neuen Gesinnung ein Hindernis, das, wie er selbst sagt, nicht zu beseitigen, bestenfalls nur teilweise abzutragen geht: die »Müdigkeit der Seele« infolge der atomisierenden Arbeitsteilung. Solidarität, Sozialisierung, Mitbestimmungsrecht des Arbeiters bedürfen einer Ergänzung; und diese findet Rathenau in der von ihm jetzt neu aufgestellten Forderung des » Arbeitsausgleichs«. »Der Arbeitsausgleich bezweckt die Vergeistigung des Schaffens. Er fordert, da die mechanische Arbeit an sich nicht über ein von der Technik gegebenes Maß vergeistigt werden kann, die Vergeistigung des Tagewerkes, und zwar durch Wechsel und Verbindung geistiger und mechanischer Arbeit.« (»Neue Gesellschaft« S. 78.) »Der Grundsatz des Arbeitsausgleichs verlangt: daß jeder mechanisch Arbeitende beanspruchen kann, einen Teil seines Tagewerkes in angemessener geistiger Arbeit zu leisten. Daß jeder geistig Arbeitende verpflichtet ist, einen Teil seines Tageswerkes körperlicher Arbeit zu widmen ... Hinzu tritt (offenbar, um die Leistung der Handarbeit durch Kopfarbeiter vorzubereiten) das Arbeitsjahr, das von allen jugendlichen deutschen Männern und Frauen ohne Unterschied in körperlicher Schulung und Arbeit zu leisten ist.« (A. a. O. S. 80.) Ergänzend schreibt Rathenau an Leopold Ziegler: »Der Arbeitsausgleich ist nicht als ›Maßnahme‹, sondern als Tendenz gedacht ... Der Arbeitsausgleich wird daher zu dieser Zeit nicht mechanisch, sondern sinnvoll gesehen; er wird jahrzehntelang nicht restlos sein und erst dann voll erfüllt werden, wenn er überflüssig geworden ist: wenn nämlich der Sinn der Arbeit zurückkehrt, und dies wird der Fall sein, wenn die Mechanisierung sich selbst überwunden hat.« (Brief 587.) Man mag Rathenaus Vorschläge praktisch für durchführbar halten oder nicht Daß das »Arbeitsjahr« in einem Lande, das früher die allgemeine Dienstpflicht kannte, undurchführbar sein sollte, wird niemand behaupten können; weit einschneidendere Fragen, deren Erörterung hier zu weit führen würde, werden durch den Arbeitsausgleich aufgeworfen. Dem Professor der Nationalökonomie, dem Unternehmer, dem Pastor, selbst dem Dichter wird es nichts schaden, wenn er täglich vier Stunden am »Band« stehen muß; weniger einfach liegt die Sache beim Arzt, beim Kaufmann, beim höheren Beamten; und die geistigen Berufe, die ernsthaft, nicht als bloße Spielerei, für Millionen von Fabrikarbeitern erschlossen werden könnten, sind vorläufig nicht zu erkennen., denkwürdig bleibt als Abschluß seines theoretischen Lebenswerkes der Hinweis darauf, daß die geisttötende Wirkung der atomisierten Arbeitsteilung für den Fabrikarbeiter weder durch die Sozialisierung der Produktionsmittel, noch durch Teilnahme an Betriebsräten, noch durch irgendeine heute denkbare Verkürzung der Arbeitszeit noch selbst durch ein hochgespanntes Gefühl der Solidarität aufgehoben werden kann; daß daher andere Palliativmittel gefunden werden müssen.

 

Die äußeren Umstände, die dieses Ringen Rathenaus um Einfluß für sich und sein Werk begleiteten, verdüsterten seine Stimmung zu einem Pessimismus, der kein Ende mehr des Elends zu sehen hoffte. Allerdings schien das Bild, das im ersten Jahr nach dem Zusammenbruch auf der einen Seite die siegreiche Entente, auf der anderen Deutschland bot, die äußersten Befürchtungen zu rechtfertigen. Drüben ein zur Schau getragener Vernichtungswille, ein zähnefletschender Haß, der sich für alle Ewigkeit in Clemenceaus Wort: »Es gibt zwanzig Millionen Deutsche zu viel« sein Denkmal gesetzt hat. In Deutschland als Teilerfüllung dieses Wunsches des französischen Ministerpräsidenten siebenhunderttausend Kinder, Frauen und Greise, die nach dem Waffenstillstand durch die fortbestehende Blockade den Hungertod starben. Seit Catos »Delenda Carthago« war solch ein Wort und solch ein Schauspiel der Welt nicht geboten worden »Delenda Carthago«: Carthago muß zerstört werden.! Und dieses hungernde, sterbende Volk, in Fieberschauern hin und her taumelnd zwischen Verzweiflung und Karneval! Berlin ein Alptraum, in dem man nur noch Tanzdielen und Maschinengewehre sah. Die Regierung ein Häuflein, das gegen drohende Gewalt seine Existenz nur von Stunde zu Stunde fristete und eines Tages, in ein Stück der Wilhelmstraße zusammengedrängt, Mann für Mann dem Tod ins Auge blickte. Drei blutige, blutig niedergeschlagene Aufstände im Dezember, Januar, März, die mehr Menschenleben kosteten als die ganze Französische Revolution; doch in das Maschinengewehrfeuer nachts in den dunklen Straßen der Friedrichstadt, aus Bars und Kabaretts hineintönend, die neuesten Schlager, die »Peruanerin« und der Walzer aus dem »Schwarzwaldmädel«. Der schauerliche Mord an den Matrosen in der Französischen Straße, und am gleichen Tage Plakate an den Mauern: »Wer hat die schönsten Beine von Berlin? ... Caviar-Mäuschen-Ball da und da, achteinhalb Uhr.« Schieber überall und ihre Kokotten, die im Wanken nicht nur des Staates, nicht nur der Wirtschaft, sondern auch jeder Sitte, zwischen Hungernden dick und reich wurden, Gesichter, die für alle Zeit festgehalten worden sind von George Groß, – ein fetter Nährboden des Antisemitismus! Aus dieser Atmosphäre sich verdichtend eine Stimmung, eine Gesinnung, – halb Verzweiflung, halb Leichtsinn – aus der jeder Bewaffnete das Recht für sich herleitete, Andersdenkende ohne weiteres niederzuknallen; der Bürgerkrieg allmählich zu einer Schule des politischen Mordes werdend, in der Jugendliche Brutalität und Gleichgültigkeit gegen Menschenleben lernten, und der lange Todeszug vorbereitet wurde, der von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Leo Jogisches über Hunderte von Unbekannten oder schon Vergessenen zu Erzberger und Walther Rathenau führt. Auf dem Ganzen wie Gewitterdruck lastend die Unsicherheit, was und wie Furchtbares der Friede, den Clemenceau, Lloyd George und Wilson hinter verschlossenen Türen vorbereiteten, bringen werde; eine Unsicherheit, die zum Greifen wurde, als nach Wochen zum erstenmal das Maschinengewehrfeuer der Revolution aufhörte und die Straßen plötzlich gespenstisch still wurden ... Das muß man sich, so schwer es schon geworden ist, vergegenwärtigen, um die herannahende Katastrophe Rathenaus und seine eigenen Todesahnungen zu verstehen. Was Rathenau nicht wissen konnte, was niemand wissen konnte, war, wie schnell unter dieser Hülle, die wie Ausschlag die Haut mit Fäulnis bedeckte, gesunde Säfte im Verborgenen einen neuen deutschen Volkskörper aufbauten.

Im Dezember 1918 schreibt er zwei offene Briefe. Den einen, » An Alle, die der Haß nicht blendet«, den zweiten an den Vertrauensmann von Wilson, den Obersten House.

»Wer in zwanzig Jahren Deutschland betritt, das er als eines der blühendsten Länder der Erde gekannt hat, wird niedersinken vor Scham und Trauer ... Die deutschen Städte werden nicht als Trümmer stehen, sondern als halberstorbene steinerne Blöcke, noch zum Teil bewohnt von kümmerlichen Menschen ... Die Landstraßen sind zertreten, die Wälder sind abgeschlagen, auf den Feldern keimt dürftige Saat. Häfen, Bahnen, Kanäle verkommen, und überall stehen, traurige Mahnungen, die hohen verwitternden Bauten aus der Zeit der Größe ... Der deutsche Geist, der für die Welt gesungen und gedacht hat, wird Vergangenheit. Ein Volk, das Gott zum Leben geschaffen hat, das noch heute jung und stark ist, lebt und ist tot« Abgedruckt in »Nach der Flut« S. 69ff..

An den Vertrauten Wilsons schreibt er:

»Niemals ist, solange es Weltgeschichte gibt, drei Staaten und ihren politischen Häuptern, Wilson, Clemenceau und Lloyd George eine solche Macht verliehen worden. Niemals, solange es Weltgeschichte gibt, ist das Sein und Nichtsein eines ungebrochenen, gesunden, begabten, arbeitsfrohen Volkes und Staates von einem einzigen Entschluß verantwortlicher Männer abhängig gewesen. – Wenn in Jahrzehnten und Jahrhunderten die blühenden deutschen Städte verödet und verkommen, das Erwerbsleben vernichtet, der deutsche Geist in Wissenschaft und Kunst verebbt, die deutschen Menschen zu Millionen von ihrer heimatlichen Erde losgerissen und vertrieben sind: wird dann vor dem Tribunal der Geschichte und vor dem Richterstuhl Gottes das Wort Geltung haben: Diesem Volk ist recht geschehen, und drei Männer haben dieses Recht vollzogen? ... Herr Oberst, mein Leben ist vollbracht; für mich erhoffe und fürchte ich nichts mehr, mein Land bedarf meiner nicht, ich denke seinen Untergang nicht lange zu überleben. Als ein schwaches Glied eines ins Herz getroffenen Volkes, das gleichzeitig um seine späte Freiheit und den Rest seines Lebens ringt, rede ich zu Ihnen, dem Vertreter der aufstrebendsten aller Nationen. Noch vor vier Jahren waren wir scheinbar Ihresgleichen. Scheinbar, denn uns fehlte, was den Staaten die Festigkeit des Daseins gibt: die innere Freiheit. Heute stehen wir am Rande der Vernichtung, die unabwendbar ist, wenn Deutschland nach dem Rate derer verstümmelt wird, die es hassen. Denn dies muß ausgesprochen werden, klar und eindringlich, so daß jeder das Furchtbare versteht, alle Völker und Geschlechter, die jetzigen und die kommenden: Was uns angedroht wird, was der Haß uns anzutun vorschlägt, ist die Vernichtung. Die Vernichtung des deutschen Lebens jetzt und in alle Zukunft A. a. O. S. 62/63.«.

Der Eindruck, den sein Brief auf House machte, weckte in ihm eine kurze Hoffnung. Zu Neujahr 1919 schreibt er an die Freundin:

»Noch einmal von Herzen Dank.

Außer Ihrem zweifach schönen Gruß hat das neue Jahr mir noch eine gute Botschaft gebracht, die Sie vertraulich wissen sollen. Oberst House ließ mir durch einen Abgesandten – ein früheres Mitglied der amerikanischen Gesandtschaft, (Mr. Ellis Loring Dresel) – sagen: er habe tief erschüttert meinen Brief gelesen und ihn sofort Wilson bei seiner Ankunft gegeben.

Herzlich W.«

Aber dann kam der Friede, ein Diktat, das das Drohwort Clemenceaus in Paragraphen faßte. Die Deutsche Friedensdelegation riet einstimmig, die Unterschrift zu verweigern. Rathenau brachte eine eigene Lösung. In der »Zukunft« vom 31. Mai fragte er in einem Artikel » Das Ende«: » Was soll also geschehen? In Versailles muß das Äußerste darangesetzt werden, den Vertrag entscheidend zu verbessern. Gelingt es, gut. Dann unterschreiben. Gelingt es nicht, was dann? Dann darf weder aktiver noch passiver Widerstand versucht werden. Dann hat der Unterhändler, Graf Brockdorff-Rantzau, das vollzogene Auflösungsdekret der Nationalversammlung, die Demission des Reichspräsidenten und aller Reichsminister den gegen uns vereinten Regierungen zu übergeben und sie aufzufordern, unverzüglich alle Souveränitätsrechte des Deutschen Reiches und die gesamte Regierungsgewalt zu übernehmen. Damit fällt die Verantwortung für den Frieden, für die Verwaltung und für alle Leistungen Deutschlands den Feinden zu; und sie haben vor der Welt, der Geschichte und vor ihren eigenen Völkern die Pflicht, für das Dasein von 60 Millionen zu sorgen. Ein Fall ohnegleichen, unerhörter Sturz eines Staates; doch Wahrung der Ehrlichkeit und des Gewissens. Für das Weitere sorgt das unveräußerliche Recht der Menschheit – und der klar vorauszusehende Gang der Ereignisse.« Was er von diesem Schritt erwartete, sagt er in einem Brief an einen Bekannten: nämlich daß sich daraus ergeben werde, daß die Forderungen der Entente übertrieben seien, und daß niemand sie erfüllen könnte. »Es würde ein Condominium der Entente-Regierungen geschaffen werden müssen, das sich davon überzeugen wird: es ist das beste, wenn in Deutschland wieder eine gesunde Regierung geschaffen wird, und wenn man ihr Gelegenheit gibt, das Land leistungsfähig zu machen.« (Brief 538 vom 3. Juni 1919.)

Es wäre müßig, sich heute überlegen zu wollen, was geschehen wäre, wenn Nationalversammlung und Regierung Rathenaus Rat befolgt hätten. Die Annahme der Friedensbedingungen, die u. a. die Auslieferung der sogenannten »Kriegsverbrecher« forderten, ließ es als möglich erscheinen, daß auch Rathenau genannt werden würde: Zeitungsnachrichten kündeten es an. »Einige Zeitungen haben die Nachricht gebracht,« schreibt er an seinen schwedischen Freund Ernst Norlind, Mitte Juni, »daß die Entente meine Auslieferung verlangt. Anscheinend ist eine belgisch-französische Preß-Kampagne daran schuld, die hartnäckig behauptet, ich habe die Zerstörung der französischen und belgischen Fabriken veranlaßt, ja, es habe ein systematischer ›Plan Rathenau‹ bestanden. Die Zerstörungen haben im Herbst 1916 begonnen, nachdem ich im April 1915 aus dem Amt ausgeschieden war. Der Plan ist eine Fabel. Ich habe versucht, in einem französischen Blatt zu dementieren, natürlich wurde das Dementi unterdrückt. Ich weiß, daß ein Militärgericht hinter verschlossenen Türen mich erwartet. Als seinerzeit der Dreyfus-Prozeß spielte, war ich gerade in Paris. Aber diese Sorge bedeutet wenig in der Verzweiflung des Landes. Sie ist furchtbarer als der Krieg, und wiederum, wie im Kriege, ist das Volk ahnungslos.« (Brief 553.)

Die Lage erschien in der Tat immer hoffnungsloser; nach außen, weil die hysterische Angst vor Deutschland, die Clemenceau und seine Leute unerbittlich machte, trotz der Vernichtung der deutschen Machtmittel nicht abnahm; im Innern, weil der revolutionäre Antrieb, durch das Ringen mit Spartacus gebrochen, zu einer Erneuerung von Gesellschaft und Staat von Grund auf, die Rathenau als eine Lebensbedingung des deutschen Volkes ansah, nicht mehr reichte. Rathenau fühlte, daß er im Kampf für seine Ideen, in den er sich mit solcher Wucht gestürzt hatte, unterlegen war.

Noch einmal formulierte er in seiner im August 1919 veröffentlichten » Kritik der dreifachen Revolution« seine Forderungen; er faßte sie zusammen unter dem Schlagwort » Revolution der Verantwortung«: es sind die gleichen, die er in allen seinen Schriften, von der frühen »Physiologie der Geschäfte« an in fortlaufend erweiterter und ergänzter Fassung, aber ganz gradlinig bis zu der »Neuen Wirtschaft« und dem »Neuen Staat« erhoben hatte. Wir kennen sie und brauchen sie uns nicht noch einmal zu vergegenwärtigen. Aber die Ohnmacht Deutschlands, der Vertrag von Versailles, die drohende Weltrevolution, zeigten sie in einem neuen Lichte. Die Welt schrie nach Erlösung. »Nicht der gesättigte Individualismus des Westens wird den Abgrund erlösen, nicht der abstrakte Doktrinarismus und Orthodoxismus Rußlands. Hier wird deutsches Werk gefordert. Geschieht es, so ist der Krieg nicht gewesen. So ist die Erde nicht verteilt, der Lebensraum nicht verkümmert, die Fron der Rohstoffmonopole, des Boykotts und der Bußen nicht verhängt, der Riß der Weltwirtschaft ist geheilt. Aus Nationen werden Völker, der Polizeibund der Staaten wird zur Genossenschaft der bewohnten Erde. Das Leben der Völker ist nicht mehr Kampf, sondern Hilfe ... Geschieht es nicht, so wird und bleibt Deutschland ein Balkanvolk unter Balkanvölkern und wartet mit den anderen auf Erlösung vom Osten.« (»Kritik der dreifachen Revolution« S. 51.)

Die Nationalversammlung erfüllte so gut wie nichts von seinen Forderungen. Er gab sich nicht besiegt; aber seiner Bitterkeit und Enttäuschung ließ er freien Lauf in dem Artikel, den er für Helmuth von Gerlachs » Welt am Montag« zum Jahrestage der Revolution, 11. November 1919, schrieb. » Es war keine Revolution. Bloß ein Zusammenbruch. Die Türen sprangen auf, die Aufseher liefen davon, das gefangene Volk stand im Hof, geblendet, seiner Glieder nicht mächtig. Wäre eine Revolution gewesen, dann hätten die Kräfte und Ideen, die sie erzeugte, fortgewirkt. Jede Bewegung und jede Wesenheit wird nur erhalten durch die Kräfte, die sie zeugen. Das Volk wollte nichts als Ruhe ... Das erste Jahr hat ein Maß von Ordnung gebracht. Das war zu erwarten, denn wir sind ein ordentliches Volk. Es hat bürgerliche Maßnahmen, eine altmodische Republik-Verfassung und dergleichen gebracht. Gedanken und Taten hat es nicht gebracht ... Wir sind, was wir waren, und bleiben, was wir sind. Auf immer? Nein. Denn jetzt erst beginnt der Druck, der uns flüssig macht und umschmilzt ... Die nächsten Jahre sind da, um die Probleme zu begreifen. Dann wird sich zeigen, ob unsere Kraft weiter reicht als zur Kopie der bürgerlichen Demokratien und Wirtschaften des vorigen Jahrhunderts. Ich glaube, ja »Welt am Montag« v. 10. November 1919. Nr. 45.«.

Er gab sich nicht besiegt. »Ich gehöre ja nicht mehr mir selbst,« schreibt er in den Tagen, wo dieser Artikel entstand, an Lore Karrenbrock, »ich habe mich weggegeben, es bleibt mir nichts, kaum eine Stunde der Ruhe, kaum der Schlaf. – Ich bin nur noch ein Fremder, der gekommen ist, um sich auszugeben, und ich werde nicht länger leben als bis ich mich ausgegeben habe.« (Brief 577.) Und vier Wochen später an Ernst Norlind: » Ich weiß ganz genau, daß in spätestens fünfzig Jahren unser Land wieder ganz gesund sein wird. Ich weiß aber auch, daß es in den nächsten fünf Jahren noch immer kränker werden muß.« (Brief 593.) Er verlegte seine Arbeit weiter nach links, beantragte seine Aufnahme in den von Linksdemokraten, Pazifisten und Unabhängigen gegründeten » Sozialwissenschaftlichen Verein«. An einen schwedischen Bekannten, Peter Hammer, schreibt er: »Mit den radikalen Parteien habe ich manche Berührungspunkte; doch gibt es eine Reihe von Umständen, die mich hindern, ihnen näherzutreten ... Die Schrift »Von kommenden Dingen« ist, wie ich glaube, die revolutionärste, die seit vielen Jahren erschienen ist ... Die »Neue Wirtschaft« ist Vorläuferin der Gemeinwirtschaft geworden, die heute den Kernbesitz der Mehrheitssozialdemokratie an wirtschaftlichen Gedanken ausmacht. An sich wäre ich demnach wohl weniger kompromittiert als die meisten Sozialisten, und dennoch ist mein Verhältnis zum Sozialismus, insbesondere zu dem mir näherstehenden linken Flügel, ein sehr bedenkliches ... Was ich befürchte, ist, daß man gar nicht die Absicht hat, aufbauende Ideenpolitik zu verwirklichen.« (Brief 543.)

In diesem November 1919 geschah etwas, das sein Schicksal weitreichend beeinflußte. Ludendorff, dem jede Ausflucht recht war, um die Schuld für den Verlust des Krieges von sich abzuwälzen, sagte vor dem Untersuchungsausschuß des Reichstages aus: »Zu meinem Bedauern bin ich auch gezwungen, noch eine zweite Äußerung zu tun. Ich muß einen Ausspruch Walther Rathenaus wiedergeben, in dem er etwa sagt, an dem Tage, wo der Kaiser als Sieger mit seinen Paladinen auf weißen Rossen durch das Brandenburger Tor einziehen würde, hätte die Weltgeschichte ihren Sinn verloren. Es waren also Strömungen im Volke vorhanden, die nicht die Ansicht der Obersten Heeresleitung vertraten, daß wir auf den Sieg kämpfen müßten, und diesen Strömungen mußten wir Rechnung tragen.« Rathenau schätzte die Wirkung, die diese bösartige Verdrehung seiner Worte haben mußte, richtig ein: »Diese Äußerung des Generals Ludendorff vor dem Untersuchungsausschuß«, sagte er in dem bereits zitierten Aufsatz »Schicksalsspiel«, »kann und wird so aufgefaßt werden, als hätte ich im Kriege zur Entmutigung des Volkes beigetragen, dem Siege entgegengearbeitet, Kriegssabotage getrieben. Solche Beschuldigung bin ich nicht gewillt, auf mir sitzen zu lassen. Ich weise sie zurück und werde die Zurückweisung begründen. Mein ›Ausspruch‹ findet sich in der Schrift ›Der Kaiser‹, die zu Anfang dieses Jahres erschienen ist. Hätte Ludendorff sie gelesen, so würde er ihren Sinn verstanden haben: Unter Führung der Männer, unter denen Deutschland damals in den Krieg zog (der Ausspruch geschah im September 1914), konnten wir nicht siegen.« (»Was wird werden?« S. 5.) Ludendorffs Mißdeutung stempelte Rathenau für weite Kreise, namentlich der völkischen Jugend, zu einem Schädling, einem Verbrecher, an dem Rache zu nehmen ihnen als eine vaterländische Tat erscheinen mußte. Er war von da an ein Gezeichneter.

Um die Jahreswende erkrankte er an einer schweren Grippe. Todesahnungen, mystische Erleuchtungen, die Dämmerseiten seiner Persönlichkeit, und ihnen entgegenwirkend Tätigkeitsdrang, Suchen nach Einfluß zeigen sich in den Briefen und Äußerungen aus dieser Zeit in der für ihn charakteristischen Verflochtenheit; aus der sich aber immer doch als beherrschender Trieb der ungebrochene Wille, die Hoffnung, schaffen, handeln, an Deutschlands Rettung mitwirken zu können, durchringt. Im linksradikalen »Tagebuch« von Stephan Großmann veröffentlicht er im Januar einen Artikel » De Profundis«, der ausklingt in einen Kampfruf an den Menschen: »Nicht selig sollst du werden, sondern seelenhaft, nicht auserwählt, sondern wiedergeboren. Ein Geschöpf der Grenze bist du; wenn du die Hülle sprengst, wird dein Herz hängen bleiben. Die Schmerzen, die du fühlst, sind die Schmerzen der wachsenden Seele. Stemme dich! Kämpfe mit uns, wehre dich, und wehe deiner Hüfte! – Der Mensch spricht: »Dona nobis pacem »Gib uns Frieden.«« – die Stimme spricht: »Vitam! vitam venturi saeculi »Gib uns Leben! Das Leben des kommenden Jahrhunderts.«!« Und in einem Brief, der diese seltsam gemischten Stimmungen packend wiedergibt, schreibt er Mitte Februar: »Glauben Sie nicht, daß ich an Deutschland verzweifle. Ich verzweifle nicht an Deutschland, und ich bin nicht müde und nicht resigniert. Deutschlands Stunde ist aber noch nicht da. Wenn ich ab und zu schreibe – um Klios, der alten Jungfer wegen tue ich nichts –, so ist es, weil ich muß. Ich muß versuchen, ob wir noch den Weg der Dämmerung schreiten können. Wenn ich schreibe, so glaube ich: wir können. Wenn ich geschrieben habe, so weiß ich: nein, den Weg des Dunkels. Der Weg des Dunkels ist der Weg der Weihe und des Mysteriums, der Weg von Eleusis, vielleicht von Golgatha. Doch er führt zum Licht: τό ἐν Ελἐυσῖνι Φως »Zu dem in Eleusis leuchtenden Licht.«. Glauben Sie nicht, daß diese dunklen Worte mit dem Ernst der Zeit spielen. Ich weiß, was ich sage, und rede nicht, um zu philosophieren. An dem Widerklang jeden Glockenschlages erkenne ich: es ist noch nicht Zeit: Dennoch – oder deswegen? – muß ich immer wieder an die Glocke schlagen. Es ist noch nicht Zeit. Ich will Ihnen das nicht aus dem Alltag beweisen, aus dem läßt sich alles beweisen. Aber wenn Sie wirklich manchem meiner Worte glauben, so glauben Sie dem: es ist noch nicht Zeit. Bei allem, was ich tat und schrieb, bin ich einer Stimme gefolgt. Was ich tat, wenn sie schwieg, war stets verfehlt, und ich habe es vernichtet. Wenn ich gerufen werde und fühle, daß es der Ruf ist, so werde ich mich aufmachen und Dem folgen, der bestimmt sein wird, uns zu führen. Ich weiß aber nicht, ob ich den Ruf erlebe.« (Brief 612.)

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