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Walther Rathenau

Harry Graf Kessler: Walther Rathenau - Kapitel 11
Quellenangabe
authorHarry Graf Kessler
titleWalther Rathenau
publisherRheinische Verlags-Anstalt
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Kapitel VIII.
»Von kommenden Dingen«

Die erste historische, ja in ihren Auswirkungen welthistorische Tat Walther Rathenaus war die Organisierung der deutschen Rohstoffwirtschaft zu Beginn des Krieges. – Noch am 31. Juli hatte er in einem Artikel » Zur Lage« im »Berliner Tageblatt« Einspruch erhoben gegen die Politik der deutschen Regierung, die Österreich blind und unbesehen in den Krieg folgte: »Die Reichsregierung hat keinen Zweifel zugelassen, daß Deutschland unerschütterlich seiner alten Bündnistreue folgt. Ohne den Schutz dieser Treue konnte Österreich seinen Schritt nicht wagen. Deutschlands Regierung und Volk haben den Anspruch, zu wissen, welche Wünsche Rußland ausspricht und Österreich ablehnt. Eine Frage, wie etwa die, ob österreichische Kommissare bei den serbischen Umtriebsermittlungen mitzuwirken haben, ist kein Anlaß für einen Völkerkrieg.« (Gesammelte Schriften Bd. I S. 305-306.) Der Artikel verrät einen Rest von Hoffnung, wie am Bett eines Sterbenden: sonst hätte er ihn nicht drucken lassen; aber wenig Vertrauen in das Augenmaß und die Festigkeit der deutschen Regierung, und noch weniger in den Friedenswillen der österreichischen. Mit Recht: denn bekanntlich ist gerade die von Rathenau hervorgehobene Forderung von Österreich gestellt worden, mit der Absicht, einen Waffengang mit Serbien unvermeidlich zu machen.

Und so kam doch der Krieg; und Rathenau war wie vernichtet. Zeugnisse bestätigen, daß, während draußen ein noch nie dagewesener Taumel das Volk ergriff, er in Verzweiflung die Hände rang. Eine alte Freundin, Frau von Hindenburg, schildert, wie er zu ihr kam, stumm dasaß, während ihm die Tränen über die Wangen rollten. Wie anders hatte er wenige Jahre früher nach dem Sieg des Flottenblocks dem Reichskanzler Bülow gegenüber gesessen, skeptisch, erwartungsvoll, ohne allzu große Sorge die Bürde seiner ersten offiziellen Stellung entgegennehmend, gewiß leicht den Zaubermantel seiner Sprache ausbreitend. Jetzt war er plötzlich stumm, alt, gebrochen. An eine Freundin schreibt er im September, in jenem strahlend schönen Spätsommer, der allen, die ihn unter den Sternen verbracht haben, wegen seiner Milde unvergeßlich geblieben ist: »Das Jahr hat seine Farben und Jahreszeiten verloren; ich fühle Winter.« (Brief 145.) Ihn fröstelte vor den Todesschatten, die sich für ihn fühlbar über sein geliebtes Land ausbreiteten. Er sah, – was sonst kaum Einer sah, – die ungeheure Weltmaschine, die sich gegen Deutschland in Bewegung setzte. Er kannte ihre unerschöpflichen Machtmittel, gegen die unser Machtquantum klein und eng begrenzt war, durchschaute die Unzulänglichkeit unserer politischen Leitung, deren Bedeutung im Kriege man blind bespöttelte, die Brüchigkeit des politischen Baues, in dem wir vom Sturm überrascht worden waren, die Unvollständigkeit unserer Rüstung. Im Herbst sagte er zum Reichstagsabgeordneten Conrad Haußmann: »Wissen Sie, Herr Haußmann, weshalb wir diesen Krieg führen? Ich weiß es nicht. Sagen Sie es mir. Was soll herauskommen? Wir haben keine Strategen und keine Staatsmänner.« (Conrad Haußmann »Schlaglichter« S. 13 u. 20.) Aber was ihn am tiefsten erschütterte, war doch etwas anderes: er fühlte, daß die ethischen Kräfte fehlten, die uns in früheren Kriegen beigestanden hatten. An Fanny Künstler schreibt er im November: »Über diesem offenen Schmerz aber liegt noch ein dumpferer, verborgenerer, der alles in mir betäubt. Wir müssen siegen, wir müssen! Und haben keinen reinen, ewigen Anspruch ... Wie anders war der Anspruch auf Einheit, der 1870 bekräftigt wurde! Wie anders war die Forderung der Existenz von 1813! Ein serbisches Ultimatum und ein Stoß wirrer, haltloser Depeschen! Hätte ich nie hinter die Kulissen dieser Bühne gesehen!« (Brief 155.) Und im Dezember: »In diesem Kriege klingt ein falscher Ton; es ist nicht 1813, nicht 1866, nicht 1870. Notwendig oder nicht, höhere Gewalt oder nicht, – so wie es hier geschah, mußte es nicht geschehen ... (Brief 157.)

Diese Stimmung blieb. Der Kriegsausbruch war ein Schlag, von dem Rathenau sich nie erholt hat. Er war die Krisis seines Lebens. Und tiefer als alle seine Schriften in das wirkliche Verhältnis seiner zwei Naturen hineinleuchtend ist die Art, wie er auf sie reagierte. Er flüchtete nur in Briefen in das Reich der Seele; in der Praxis reagierte er als »Furchtmensch« mit seinem Verstande, indem er zur Abwehr künftiger Gefahren, die außer ihm in jenem Augenblick fast keiner sah, seine ganze Persönlichkeit in die Bresche warf. » Wenn alles trügt, so trügt das Leben nicht. Betrachten Sie mein Leben«, hatte er an die Freundin geschrieben. Ecce Homo! Hier war die Wahl zwischen zwei Haltungen, bei der mehr als das Leben, die ganze geistige Existenz auf dem Spiele stand; und er wählte die, die der Verstand, nicht die »Seele« ihm diktierte. »Bald nach Kriegsausbruch«, schreibt er in seinem Tagebuch, »tat ich zwei Schritte 1. ich bot dem Kanzler meine Dienste an und arbeitete ihm ein Projekt einer Zoll-Union Deutschland – Österreich-Ungarn-Belgien-Frankreich aus, 2. ich ging zu Oberst Scheuch ins Kriegsministerium und entwickelte ihm den Gedanken der Rohstofforganisation.« Es zeigt seinen Blick, daß er gleich bei Kriegsausbruch die Gefahren, die nach dem Kriege drohen würden, richtig sah und nicht einen Zollbund der Waffenbrüder vorschlug, wie Naumann später in seinem »Mitteleuropa«, sondern die Einbeziehung auch der Gegner, Frankreich, Belgien, also die paneuropäische Wirtschaftsgemeinschaft, zu der die Entwicklung seit dem Kriege immer mächtiger hindrängt.

 

Praktische Folgen konnte aber damals nur seine zweite Idee haben: der Gedanke der Rohstofforganisation. In seinem in der »Deutschen Gesellschaft« am 20. Dezember 1915 gehaltenen Vortrag über » Die Organisation der deutschen Rohstoffversorgung« (Gesammelte Schriften Bd. V S. 23ff.) hat er die Gesichtspunkte, die ihn dabei leiteten, und die Methoden, die er anwendete, mit klassischer Einfachheit dargelegt. »Rohstoffwirtschaft! Ein abstraktes bildloses Wort, abstrakt und farblos wie so viele Namen unserer Zeit, deren Sprache nicht die schöpfende Kraft hat, um für handfeste Begriffe bildhafte Worte zu schaffen; ein lebloses Wort, und dennoch ein Begriff von großer Schwerkraft, wenn man ihn ganz sich vergegenwärtigt. Blicken Sie um sich: Was uns umgibt: Gerät und Bauwerk, Mittel der Bekleidung und Ernährung, der Rüstung und des Verkehrs, alle enthalten fremdländische Beimengung. Denn die Wirtschaft der Völker ist unauflöslich verquickt; auf eisernen und auf wässernen Straßen strömt der Reichtum aller Zonen zusammen und vereinigt sich zum Dienst des Lebens ... Täglich hören wir sprechen von Schwierigkeiten der Volksernährung. Und dennoch: diese Volksernährung beruht auf einer Produktionskraft, die mehr als 80 Hundertstel des Bedarfs ausmacht. Eine Abschließung kann uns beschränken, sie kann uns nicht vernichten. Anders mit jenen anderen Stoffen, die für unsere Kriegführung unentbehrlich sind; ihre Sperrung kann Vernichtung bedeuten ... Am 4. August des letzten Jahres, als England den Krieg erklärte, geschah das Ungeheuerliche und nie Gewesene: unser Land wurde zur belagerten Festung. Geschlossen zu Lande und geschlossen zur See war es nun angewiesen auf sich selbst; und der Krieg lag vor uns, unübersehbar in Zeit und Aufwand, in Gefahr und Opfer. Drei Tage nach der Kriegserklärung trug ich die Ungewißheit unserer Lage nicht länger, ich ließ mich melden bei dem Chef des Allgemeinen Kriegsdepartements, dem Oberst Scheuch, und wurde am 8. August abends freundlich von ihm aufgenommen. Ihm legte ich dar, daß unser Land vermutlich nur auf eine beschränkte Reihe von Monaten mit den unentbehrlichen Stoffen der Kriegswirtschaft versorgt sein könne. Die Kriegsdauer schätzte er nicht geringer ein als ich selbst, und so mußte ich an ihn die Frage richten: Was ist geschehen, was kann geschehen, um die Gefahr der Erwürgung von Deutschland abzuwenden? Es war sehr wenig geschehen ... Als ich bekümmert und sorgenvoll heimkehrte, fand ich ein Telegramm des Kriegsministers von Falkenhayn, das mich auf den nächsten Vormittag in sein Arbeitszimmer bestellte. Es war Sonntag, der 9. August. Die Unterhaltung währte einen Teil des Vormittags, und als sie endete, war der Beschluß des Kriegsministers gefaßt, eine Organisation zu schaffen, gleichviel wie groß, gleichviel mit welchen Mitteln; sie mußte wirksam sein und mußte die Aufgabe lösen, die uns auferlegt war.«

Die » Kriegsrohstoffabteilung« wurde durch Ministerialerlaß errichtet. Ihr Vorstand wurde aus einem Obersten a. D., der als Beobachter hineingesetzt wurde, und Walther Rathenau gebildet; als weitere Mitarbeiter hatte Rathenau den Professor Klingenberg von der A. E. G. und den späteren Unterstaatssekretär Wichard von Möllendorf gewonnen, »der zuerst«, wie Rathenau in seinem Vortrag sagt, »in freundschaftlichen Unterhaltungen den Finger auf diese ernste Wunde unserer Wirtschaft gelegt hatte.« Im ganzen bestand die Abteilung bei ihrer Gründung aus fünf Herren, die, weil für sie im Kriegsministerium Schreibkräfte nicht zur Verfügung standen, zunächst einige Stunden täglich Adressen schreiben mußten. Auch der Kreis der Stoffe, die die Abteilung zu bewirtschaften hatte, » schien ursprünglich klein; ausgeschlossen war das Gebiet der Nahrungsmittel und der flüssigen Brennstoffe, eingeschlossen war alles, was Kriegsrohstoff genannt wurde. Die amtliche Definition lautete: »solche Stoffe, die der Landesverteidigung dienen und die nicht dauernd oder ausreichend im Inlande gewonnen werden können.« Als unzulänglich erkannt waren zu Anfang wenig mehr als ein Dutzend, später stieg die Zahl von Woche zu Woche, und am Schluß war es ein reichliches Hundert ... Mit Metall fing es an, dann kamen Chemikalien, dann kam Jute, Wolle Kautschuk, Baumwolle, Leder, Häute, Flachs, Leinen, Roßhaar.« Alle diese Stoffe wurden durch das neue, nach einer Anregung von Rathenau zu dem Zweck ersonnene Rechtsmittel der » Beschlagnahme« ergriffen; und durch eine andere Neuschöpfung, die Kriegswirtschaftsgesellschaften, bewirtschaftet.

Um die Stoffe zu erfassen, oder, soweit sie nicht in genügenden Mengen zu beschaffen waren, zu erzeugen und sie in den Dienst der Landesverteidigung zu stellen, wurden vier Wege beschritten: »Erstens: alle Rohstoffe des Landes mußten (durch Beschlagnahme) zwangsläufig werden, nie mehr eigenem Willen und eigener Willkür folgen. Jeder Stoff, jedes Halbprodukt mußte so fließen, daß nichts in die Wege des Luxus oder nebensächlichen Bedarfs gelangte. – Zweitens: Wir mußten alle verfügbaren Stoffe jenseits der Grenzen ins Land hineinzwingen, soweit sie zu zwingen waren, sei es durch Kauf im neutralen, sei es durch Beitreibung im okkupierten Auslande. – Die dritte Möglichkeit, die sich uns erschloß, war die Fabrikation. Wir mußten Bedacht darauf nehmen, daß alles das im Inland erzeugt wurde, was unentbehrlich und unerhältlich war. Wir mußten darauf Bedacht nehmen, daß neue Erzeugungsmethoden gefunden und entwickelt wurden, wo die alte Technik nicht ausreichte. – Und nun der vierte Weg: Es mußten schwer erhältliche Stoffe durch andere, leichter beschaffbare ersetzt werden.«

Die Widerstände, die Rathenau überwinden mußte, hätten manchen starken Mann gebrochen. Einige Militärbürokraten betrachteten ihn, den Zivilisten und Juden, den sie sich gefallen lassen mußten, weil er das nachholte, was sie in langen Friedensjahren versäumt hatten, mit einem Mißtrauen, das sie behaglich vor ihm ausbreiteten. Eines Tages war seine Abteilung durch einen über Nacht gewachsenen Holzverschlag von denen der anderen alteingesessenen Herren im Kriegsministerium wie eine Cholerastation isoliert. Auch mit seinen nächsten Mitarbeitern waren die Beziehungen nicht immer friedlich; mit Industrie, Handel und Landwirtschaft, mit gewissen stellvertretenden kommandierenden Generälen draußen im Lande zeitweise kriegerisch. Aber seine in langer Geschäftspraxis durchtrainierte Zähigkeit und virtuos von Kindesbeinen an gehandhabte Überlegenheit erwiesen sich doch als stärker wie der Holzverschlag, hinter dem der Guerillakrieg gegen ihn geführt wurde; unter ihrem Schutz konnte er seine Organisation fertigbauen und nach dreiviertel Jahren zum Verdruß seiner Widersacher einem von ihm selbst ausgesuchten Nachfolger aus dem Kriegsministerium, dem Oberstleutnant Koeth, übergeben.

 

Unter zwei Gesichtspunkten war, und ist auch heute noch, die von Rathenau geschaffene Rohstofforganisation von außerordentlicher Bedeutung:

Sie hat weiten Gebieten des Deutschen Reiches das Schicksal Nordfrankreichs erspart; denn ohne sie hätte das deutsche Heer nur noch wenige Monate die Grenzen schützen können. Bereits im Oktober 1914 war die Stickstofffrage so brennend geworden, daß Generalstabsoffiziere an der Front die Fortführung des Krieges höchstens bis ins Frühjahr für möglich hielten, weil das Salpeter, eine Stickstoffverbindung, die für die Herstellung aller Sprengstoffe unentbehrlich ist, nur bis dahin reichte. Diese Sorge war für die Militärs draußen damals viel beängstigender als die Probleme des Mannschaftsersatzes oder selbst der Strategie. Die Katastrophe ist nur durch die Tätigkeit von Walther Rathenau abgewendet worden, der mit unerhörter Geschwindigkeit und Umsicht (in den gleichen Tagen, in denen seine nach der »Seele«, nach innen gekehrte Seite die verzweifelten Briefe an Fanny Künstler schrieb und Conrad Haußmann fragte: »Wozu führen wir diesen Krieg? Ich weiß es nicht«) die nötigen Maßnahmen traf, um die drohende Salpeternot zu beschwören. Durch » Beschlagnahme« wurden alle im Deutschen Reich und später im besetzten Belgien, besonders im Antwerpener Hafen, lagernden Salpetervorräte für das Heer gesichert: in der Hauptsache (da das Kriegsministerium für keine Vorräte gesorgt hatte) eine Unzahl von kleinen und kleinsten Posten, die bei den Bauern als Dünger lagerten und in wenigen Wochen in die Erde verstreut und unwiederbringlich für das Heer verloren gewesen wären. Durch die Beschlagnahme und Abführung dieser Vorräte an die Sprengstoffabriken (gegen den verzweifelten Widerstand der Landwirtschaft) wurde die Salpeternot so lange hintangehalten, bis Salpeter, der bis dahin ausschließlich ein Einfuhrartikel gewesen war, im Inlande produziert werden konnte. Zu diesem Zwecke wurde die Inlandsproduktion eines Grundstoffes, aus dem Salpeter gewonnen werden konnte, des Stickstoffes, nach dem Haber-Boschschen Verfahren in Deutschland begründet. Zahlreiche Fabriken wurden von Rathenau in Auftrag gegeben, die dank seiner Energie und Organisationsgabe trotz bürokratischer Hemmungen erstaunlich schnell unter Dach kamen und rechtzeitig die auf die Neige gehenden beschlagnahmten Vorräte ergänzten. Bis Weihnachten war die Krisis vorüber. Diese Tätigkeit hat ebensoviel zur Sicherung der deutschen Grenzen, zur Vereitelung des Planes eines Zusammentreffens von Kosaken und Senegal-Negern unter dem Brandenburger Tor beigetragen wie die Schlacht bei Tannenberg und die Schützengräben in Frankreich. Sie war eine der entscheidenden Kriegshandlungen.

Der zweite Gesichtspunkt weist in die Zukunft. Das streifte schon 1915 Rathenau in seinem Vortrag. Es handelt sich um die Kriegswirtschaftsgesellschaften, die sein ganz originaler, vorbildlicher Einfall waren. Ihre Aufgabe war die kaufmännische Verwaltung der beschlagnahmten Rohstoffe; also die Funktion, die Rohstoffe, nachdem sie beschlagnahmt waren, zu erfassen, zu bewachen, wenn nötig, zu sammeln und zu lagern, ihren Preis festzusetzen und sie dann im richtigen Zeitpunkt und in den richtigen Mengen an die Industrie abzuführen. Nie hätte das eine bloß aus Beamten gebildete bürokratische Organisation vermocht. Ebenso wenig konnte das freie Spiel der Kräfte, die private Profitwirtschaft, dieser Aufgabe genügen. Daher erfand und schuf Rathenau eine neue, gemischte Unternehmungsform, die » Kriegsgesellschaft«; und diese erst hat die deutsche Wirtschaft in die Lage gesetzt, den Bedürfnissen des Heeres zu genügen. Rathenau verweist in seinem Vortrag auf » das Paradox ihres Wesens«: »Auf der einen Seite war ein entschiedener Schritt zum Staatssozialismus geschehen; ... auf der anderen Seite wurde eine Selbstverwaltung der Industrie, und zwar im größten Umfang, durch die neue Organisation angestrebt; wie sollten die gegenläufigen Grundsätze sich vertragen?« Der Begriff der Kriegsgesellschaft entstand » aus dem Wesen der Selbstverwaltung, und dennoch nicht der schrankenlosen Freiheit. Die Kriegsrohstoffgesellschaft wurde begründet mit straffer behördlicher Aufsicht. Kommissare der Reichsbehörden und der Ministerien haben das unbeschränkte Veto, die Gesellschaften sind gemeinnützig, weder Dividenden noch Liquidationsgewinne dürfen sie verteilen; sie haben neben den gewöhnlichen Organen der Aktiengesellschaft, Vorstand und Aufsichtsrat, noch ein weiteres Organ, eine unabhängige Kommission, die von Handelskammermitgliedern oder Beamten geleitet wird, die Schätzungs- und Verteilungskommission. Auf diese Weise stehen sie da als Mittelglied zwischen der Aktiengesellschaft, welche die freie wirtschaftlich-kapitalistische Form verkörpert, und einem behördlichen Organismus; eine Wirtschaftsform, die vielleicht in kommende Zeiten hinüberdeutet.« Durch ihre Tätigkeit wurde die ganze deutsche Wirtschaft nach ihren verschiedenen Produktionsgebieten in Selbstverwaltungskörper übergeführt, die unter der Aufsicht der staatlichen Zentralbehörden die gesamte Produktion und Verteilung in Händen hatten: eine vollkommen durchgeführte, nach einem Plan funktionierende Bedarfswirtschaft, die zum ersten Male in der Geschichte an der Stelle der privatkapitalistischen Profitwirtschaft dastand. Mit Recht sagte Rathenau in seinem Vortrag: »Unsere Wirtschaft ist (bereits 1915) die geschlossene eines geschlossenen Handelsstaates. In die Zukunft werden unsere Methoden nach mancher Richtung wirken.«

Es ist bemerkenswert, daß auch die Alliierten durch den Druck des Krieges gezwungen wurden, wenn auch langsamer und später, die privatwirtschaftliche Profitwirtschaft durch eine planmäßige Bedarfswirtschaft zu ersetzen. Sir James Salter, der bei ihnen die Umstellung von der einen auf die andere Wirtschaftsform leitete und sich ebenso wie Rathenau über die Bedeutung der Umwandlung für die Zukunft klar war, hat sie in einem nachdenklichen Buche » Allied Shipping Control« (Oxford 1921) ausführlich geschildert. Die Not erschien den Alliierten in einer anderen Gestalt als den Zentralmächten: der Mangel, der sie bedrohte, war nicht der von Nahrungsmitteln und Rohstoffen an sich, sondern der des unentbehrlichen Frachtraums, um beide von Übersee heranzuholen. Daher entwickelte sich bei ihnen die Planwirtschaft nicht wie bei uns aus der Erfassung von Rohstoffen für den Heeresbedarf durch eine Abteilung des Kriegsministeriums, sondern aus der Erfassung des Frachtraumes für den Transport durch eine Abteilung des Britischen Marineministeriums. Aber auch sie mußten, um die Beschaffung, den Transport, die Lagerung, Verteilung und Preise der Rohstoffe und Nahrungsmittel den Bedürfnissen des Krieges anzupassen, Kriegsgesellschaften für die einzelnen Produkte, die sogenannten » Programme Committees«, bilden, die nach Rathenauschem Vorbilde gemischte Selbstverwaltungskörper unter Kontrolle und Leitung von Regierungskommissaren waren und zu einer geregelten Planwirtschaft zusammenwuchsen. Nur sprengte bei der Entente die Planwirtschaft, weil das Meer die gemeinsame und unteilbare Verbindungslinie aller Alliierten zu ihren Bezugsquellen war, schließlich die nationalen Grenzen und vereinigte gegen Ende des Krieges die nationalen Planwirtschaften der einzelnen Verbündeten, Englands, Frankreichs, Italiens usw., unter einer zwischenstaatlichen Behörde, dem » Allied Maritime Transport Council« in London zu einer internationalen Planwirtschaft, die mehr als zwei Dutzend Staaten zu einem einzigen auf den Bedarf eingestellten Weltwirtschaftsgebiet vereinigte. Im Vordergrunde stand gegen Schluß des Krieges, in den beiden letzten Jahren 1917 und 1918, nicht der Kampf der beiden Heere, sondern das Ringen der beiden Bedarfswirtschaften, die zwischen sich den Erdball bis auf verschwindend kleine profitwirtschaftliche Enklaven in zwei gewaltige staatssozialistische Organisationen aufgeteilt hatten. Und entschieden hat ihn nicht die Niederlage des deutschen Heeres, sondern die Niederlage der deutschen Bedarfsorganisation durch die Blockade und das Convoy-System, das den deutschen Gegenangriff, den unbeschränkten U-Boot-Krieg, den Versuch, die Lebensadern der alliierten Bedarfsorganisation zu durchschneiden, vereitelte. Hätte der U-Boot-Krieg sein Ziel erreicht, so wären ihrerseits die Alliierten nicht durch eine im überlieferten Sinne militärische Niederlage, sondern durch den Zusammenbruch ihrer Bedarfsorganisation zur Übergabe gezwungen worden. Sir James Salter betont in seinem Buch, daß diese Gefahr ihm und allen, die die Lage übersehen konnten, im April 1917, als der U-Boot-Krieg auf der Höhe seiner Erfolge stand, nahe gerückt schien, und nur durch das Convoy-System, zu dem sie die höchste Not bekehrte, abgewendet wurde. Fest steht jedenfalls als geschichtliche Tatsache, daß planmäßig durch öffentliche Organe geleitete Bedarfswirtschaften auf beiden Seiten jahrelang im ganzen befriedigend funktioniert haben, und daß beide Parteien deren Überlegenheit über die herkömmliche private Profitwirtschaft, wenigstens im Falle höchster Anforderungen im Kriege, durch ihre Maßnahmen anerkannt haben.

 

Rathenau summierte seine Kriegserfahrungen mit Hinblick auf sein Hauptproblem, – die Überwindung der Mechanisierung durch ein »Reich der Seele«, – in dem im Februar 1917 erschienenen Buche » Von kommenden Dingen« und ergänzend in der im Januar 1918 herausgegebenen Schrift » Die Neue Wirtschaft«. Die Gedanken, die er hier entwickelt, stecken im Keim schon in seiner 1901 veröffentlichten »Physiologie der Geschäfte«. In der Zwischenzeit hatte sie jedoch ein erstes Mal, wie schon dargelegt, das Erlebnis der »Seele«, und jetzt zu zweit der Krieg, weit über ihre erste Fassung hinausgetrieben und präzisiert: das Erlebnis der »Seele«, indem es ihm ein Ziel gab, das transzendent d. h. jenseits von Wirtschaft und Politik lag, der Krieg, indem er Wirtschaftsformen ins Leben rief, die Vorbilder für eine neue, übermechanistische Wirtschaft boten, und einen Gesinnungswandel beschleunigte, der die Hoffnungen auf eine kommende Reform zu rechtfertigen schien.

Drei Zeittendenzen sind es, die vom Kriege gefördert, über die Mechanisierung hinaus, – nach Rathenau auf ein kommendes »Reich der Seele« hinweisen: in der öffentlichen Meinung ein Verächtlichwerden des bloßen Reichtums (oft in Gestalt des »Antisemitismus«), der einer wachsenden Schätzung der Verantwortung entspricht, in der Wirtschaft eine fortschreitende Entpersönlichung des Besitzes, die durch die Ausbreitung der Aktiengesellschaft und das Überhandnehmen von gemeinwirtschaftlichen Unternehmungen (Kriegsgesellschaften) bedingt wird; in der Politik eine Entwicklung vom Obrigkeitsstaat zum Volksstaat.

»Wie setzt sich«, – fragt Rathenau – unter Berücksichtigung dieser Zeittendenzen »die transzendente Aufgabe in die pragmatische um? Die transzendente Aufgabe lautet: Wachstum der Seele; wie lautet die pragmatische?« ( praktische). (Von kommenden Dingen S. 64.)

Antwort: Der erste Schritt müßte die Aufhebung des proletarischen Verhältnisses sein. Denn der proletarische Druck ist der schwerste, der heute auf der Seele lastet. Aber ist die Abschaffung des Proletariats, d. h. einer enterbten, durch Not zur Arbeit gezwungenen Unterschicht möglich, ohne den Produktionsprozeß lahmzulegen? Würde eine klassenlose Gesellschaft genügend produzieren, um zu leben? Kurz gesagt: Ist es nötig, heute Sklaven zu halten? Robert Owen, der große Baumwollspinner und Begründer des englischen Sozialismus, erzählt in seinen Erinnerungen, daß er mit siebzehn Jahren, um 1788 herum, als Verkäufer in einem Warenhaus in London bis zu achtzehn Stunden am Tage arbeiten mußte. Das klingt kaum glaublich. Aber in dem soeben erschienenen für die Englische Liberale Partei ausgearbeiteten Wirtschaftsprogramm (»Britain's Industrial Future« bei Ernest Benn, London 1928, S. 390) wird erwähnt, daß gegenwärtig (1928) in England Botenjungen im Alter von sechzehn bis siebzehn Jahren sechzig, siebzig und bis zu zweiundachtzig Stunden in der Woche arbeiten; ja in Einzelfällen von acht Uhr morgens bis Mitternacht oder ein Uhr, also sechzehn bis siebzehn Stunden täglich. (A. a. O. S. 388.) Ist es im Interesse der Sklaven nötig? Wenn nur durch einen Stand von Enterbten die für alle unentbehrliche Menge von Verbrauchsgütern und Leistungen erzielt werden könnte, dann müßte die Antwort: Ja, lauten: das proletarische Verhältnis wäre gerechtfertigt, etwa wie im Bienenstaat die Unterordnung der Arbeitsbienen unter die Königin, in Platos Staat die Sklaverei. Rathenau unternimmt es daher nachzuweisen, daß ein Proletariat, eine enterbte Unterschicht für die Erhaltung der Produktion bei dem Stande der Technik, der öffentlichen Meinung und der privaten Gesinnungen nach dem Kriege nicht mehr notwendig ist.

 

Bisher waren die wichtigsten Antriebe zur Produktion Hunger und Habsucht, Genußsucht und Ehrgeiz. Die kapitalistische Welt ist das Tag für Tag neu erzeugte Erzeugnis dieser Antriebe. Und da diese Beweggründe ihre schöpferische Stoßkraft der Unantastbarkeit und Vererblichkeit des Privateigentums und damit dem Bestehen einer erblich bevorzugten, gesetzlich in ihrem Fundament unantastbaren Herrenkaste, der sogenannten Bourgeoisie verdanken, so ist auch als notwendiges Gegenstück der Bourgeoisie, so lange der Produktionsprozeß vorzüglich von diesen Beweggründen in Gang gehalten wird, ein erblich von Geburt an benachteiligtes Proletariat notwendig. Doch schon vor dem Kriege hat Rathenau, wie wir gesehen haben, das Zurücktreten dieser Beweggründe hinter andere festgestellt. Der Krieg, der die Unantastbarkeit des Privateigentums zum alten Eisen geworfen hat, hat gleichzeitig andere Antriebe begünstigt.

Zunächst ein Wiederhervortreten der Schaffensfreude. Die modernen Arbeitsformen haben durch äußerste Teilung und Rationalisierung der Arbeit für die meisten Arbeiter und Angestellten die Schaffensfreude zu einem nur vom Hörensagen gekannten Luxus gemacht. Aber allmählich tritt ein Umschwung ein. Der Produktionsprozeß hat, wie Rathenau in seiner nach der Revolution (1919 bei Eugen Diederichs) erschienenen kleinen Schrift » Autonome Wirtschaft« (S. 7) darlegt, » die Tendenz, Handarbeit in Überwachungsarbeit zu verwandeln und sie hierdurch gewissermaßen zu vergeistigen.« Allerdings würde das nicht genügen, denn »diese Umwandlung dauert zu lange und geschieht nicht restlos«. Aber sie wird ergänzt durch die im Kriege überall fortgeschrittene Heranziehung des Arbeiters zu einer Verantwortung über seine Handlangerdienste hinaus. »Wird die Verantwortung innerhalb der Verrichtung nebensächlich, so muß sie außerhalb der Verrichtung durch Anteil an der Arbeitsverwaltung gesteigert werden. Die vorläufige Lösung ist das Mitbestimmungsrecht des Arbeiters und Beamten im Unternehmen.« (A. a. O.) Die endgültige Lösung, von der später zu reden sein wird, ist die »Neue Wirtschaft«, die Zusammenfassung der gesamten Wirtschaft zu Selbstverwaltungskörpern, in denen jeder Arbeiter ein Mitbestimmungsrecht ausübt. Hier muß es genügen, diesen Weg zunächst anzudeuten und festzustellen, daß Schaffensfreude in Gestalt von Verantwortung bestimmt ist, im Produktionsprozeß als Antrieb eine wachsende Bedeutung zu gewinnen.

Aber nicht bloß die Arbeitsteilung tötet die Schaffensfreude, sondern noch mehr die Not, der Zwang, eine verhaßte Arbeit zu verrichten. Gerade die Aufhebung des proletarischen Verhältnisses würde also eine der ärgsten Hemmungen der Schaffensfreude beseitigen. Erst wenn der Daseinskampf über krasse Lebensgefahr emporgehoben ist, » erst dann ist Raum geschaffen für die reinen Kräfte, die das künftige Willensdasein bewegen sollen ... Freiheit von Erbfron ist nötig, Freiheit von Not und Freiheit der Berufswahl; von diesen Bedingungen haben wir gesprochen; sie sind erfüllbar. Sind sie erfüllt, so bedarf es nicht mehr des Antriebes unedler Bewegungskräfte, der Despotengeißel, Gier und Angst.« (Von kommenden Dingen S. 207 bis 209.)

In diesem Punkte decken sich Rathenaus Anschauungen mit denen von Kropotkin, aber widersprechen wieder denen von Marx, der im »Kommunistischen Manifest«, von zynischerer Beurteilung des Menschen ausgehend, »gleichen Arbeits zwang für alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau« forderte. Auf den Einwand, daß ohne Zwang die Mehrzahl oder wenigstens eine untragbar große Zahl von Menschen nicht arbeiten würde, antwortet Kropotkin, daß »Arbeitsscheu vielleicht bei Wilden verbreitet, für die große Masse der zivilisierten Nationen Arbeit dagegen eine Gewohnheit und Trägheit ein künstliches Gewächs sei«. (Kropotkin »Der anarchistische Kommunismus« S. 31.) Wer hat recht? Kropotkin oder Marx? Unter den von Rathenau angenommenen Voraussetzungen: freier Berufswahl, gesteigerter Verantwortung des Arbeiters, erhöhten Drucks der öffentlichen Meinung, der einer moralischen Nötigung gleichkäme, Ausschaltung widerwärtiger Arbeiten durch maschinelle Verrichtungen, wird, meine ich, zuzugeben sein, daß in einer planmäßig für den Bedarf und daher, wie die Kriegsindustrie, ohne ernstere Absatzkrisen arbeitenden Wirtschaft die Gesamtzahl der Arbeitslosen und Arbeitsscheuen kaum größer sein dürfte, als in der heutigen Gesellschaft die Durchschnittszahl der gegen ihren Willen Arbeitslosen; und daß daher auch ohne eine zur Arbeit durch den Hunger genötigte Unterschicht mindestens ebensoviel wie heute erzeugt und geleistet werden würde. In denjenigen preußischen Beamten- und Adelsfamilien, welche vor dem Kriege ihren Söhnen ein gesichertes arbeitsloses Auskommen bieten konnten, ist unter dem Druck des Standesbewußtseins, d. h. weil es nicht zum »guten Tone« gehörte, nichts zu tun, die Zahl der Müßiggänger verschwindend gering gewesen. Und außerdem wird bei fortschreitender Rationalisierung der Arbeit und Erhöhung der Produktivität in Zukunft möglicherweise das schwierigste Problem nicht die Beschaffung der notwendigen Arbeitskräfte, sondern die Unterbringung der überschüssigen sein.

Es kommt hinzu, daß bei Ausschaltung der Not ein anderer Antrieb unermeßlich verstärkt werden würde: das Gefühl der Solidarität. Über das Anwachsen dieses Gefühls und seine Verwurzelung in der fortschreitenden Verflechtung der Menschheit ist bereits gesprochen worden. Schon vor dem Kriege hatte Rathenau in der »Mechanik des Geistes« seine Bedeutung für die Neugestaltung der Welt betont. Durch den Krieg, der die Erkenntnis von der unlösbaren und täglich engeren Verflochtenheit der Menschen und Völker zu einem Gemeingut aller gemacht hat, hat sich das Solidaritätsgefühl mächtig entwickelt. Durch die Ausschaltung der Not aus dem Konkurrenzkampf würde ihm ein weiterer, so unabsehbarer Wirkungskreis eröffnet, daß es mit einiger Zuversicht neben die Schaffensfreude als Antrieb von elementarer Kraft in den Mechanismus der Zukunftswirtschaft eingesetzt werden könnte.

 

Auf die Eingangsfrage: Ist eine enterbte Unterschicht heute nötig? antwortet Rathenau also unumwunden: Nein. Auf die zweite Frage, zu der dieses Nein moralisch verpflichtet: Ist die Beseitigung des proletarischen Verhältnisses in absehbarer Zeit möglich? ebenso unumwunden: Ja. Und es folgt als Beweis im Buch »Von kommenden Dingen« und vor allem in der Schrift »Die Neue Wirtschaft« der große Aufbauplan einer klassenlosen Gesellschaft, in der es kein Proletariat, keine erbliche Unterdrückung, keine von Geburt an bevorzugte Herrenkaste geben würde. Dieser Plan ist das Kernstück von Rathenaus Lebenswerk, der Niederschlag seiner ganzen Persönlichkeit, das Endergebnis aller seiner Erfahrungen: der mystischen, jenseitigen, religiösen, ebenso wie der in einem selten tätigen und vielseitigen Geschäftsleben gesammelten organisatorischen, technischen, kaufmännischen und sozialen. Was man auch im einzelnen über den Plan denken mag, zwei Dinge lassen sich ihm nicht absprechen: einmal die Ehrlichkeit des transzendenten Willens, des Willens zur Befreiung der Seele, von dem er getragen wird; zweitens die genaue Kenntnis aller wirtschaftlichen Verhältnisse, die ihm zugrunde liegt. Er ist nicht das Projekt eines Stubengelehrten oder Demagogen, und noch weniger der geistvolle Einfall eines nebenbei in Weltbeglückung machenden Dilettanten, sondern der ernsteste Teil der Lebensarbeit eines ungewöhnlich ernsten und seiner Verantwortung bewußten Mannes, der die moderne Welt und vor allem die moderne Wirtschaft wie nur wenige kannte. Ein großer Wirtschaftsorganisator redet über den Umbau der Wirtschaftsorganisation: das sollte ihm mindestens Beachtung sichern.

 

Die Grundanschauung, von der Rathenau ausgeht, ist die: daß heute, zum Teil infolge des Krieges, die Beseitigung des proletarischen Abhängigkeitsverhältnisses technisch und psychologisch möglich ist ohne gewaltsamen Umsturz. Technisch, indem die Steuerschraube rücksichtslos auf den Ausgleich der Vermögensunterschiede eingestellt wird. Psychologisch, weil der Gesinnungswandel, den der Krieg gefördert hat, die Widerstände gegen eine solche Handhabung der Steuerschraube gebrochen hat.

Als Ergebnis des Krieges hat sich, wie Rathenau feststellt, eine »neue Denkweise« durchgesetzt, die sich in den Satz fassen läßt: » Eigentum, Verbrauch und Anspruch sind nicht Privatsache.« (Von kommenden Dingen S. 94.) »Eine kommende Zeit wird schwer begreifen,« meint er, »daß der Wille eines Toten die Lebenden band, daß ein Mensch befugt war, Meilen irdischen Landes abzusperren; daß er ohne staatliche Genehmigung Äcker brachlegen, Bauten vernichten oder aufführen, Landschaften verstümmeln, Kunstwerke beseitigen oder schänden konnte, daß er sich berechtigt hielt, jeden beliebigen Teil des Gesamtvermögens durch geeignete Geschäfte an sich zu bringen und, sofern er einige Abgaben zahlte, nach Gutdünken zu verwenden, jegliche Zahl von Menschen zu beliebiger Arbeitsleistung in seine Dienste zu nehmen, sofern seine Kontrakte nicht widergesetzliche Bestimmungen enthielten, jegliche Geschäftsform zu praktizieren, sofern sie nicht staatliches Monopol oder im Gesetzbuch als Schwindel erklärt war, jeden noch so unsinnigen Aufwand zum Schaden des Gesamtvermögens zu treiben, so lange er im zahlenmäßigen Verhältnis zu seinen Mitteln blieb.« (Von kommenden Dingen S. 95.)

Was folgt? Daß es heute schon möglich ist, weil in weiten Kreisen als wünschenswert anerkannt, gesetzliche Formen der Unterordnung der Wirtschaft unter das Gemeinwohl einzuführen. Daß im Rahmen dieser Neuordnung die Enterbten-Schicht des Proletariats verschwinden muß. Daß die Neuordnung nicht dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden kann, daß sie nicht einer Revolution überlassen werden sollte, daß also der Staat dabei durch seine Gesetzgebung eingreifen und Maßnahmen zur Abschaffung des Proletariats treffen muß. (Neue Wirtschaft S. 218.) Welche Maßnahmen? In erster Linie eine äußerste Einschränkung des Erbrechts. »Unter den unantastbaren, jeder Kritik enthobenen Gütern der Menschheit findet«, so sagt Rathenau, »der Sittenbegriff der Güter- und Machtvererbung keinen Platz. Er mag uns gewohnt und vertraut sein, sakrosankt ist er nicht ... An diesem Sittenbegriff aber hängt das ganze Wesen unserer gesellschaftlichen Schichtung ... sie verurteilt den Proletarier zu ewigem Dienst, den Reichen zu ewigem Genuß. Sie bürdet die Verantwortung auf den Müden, der sie verleugnet, und erstickt die Schaffenskraft des Unverbrauchten, der die Verantwortung ersehnt.« (Von kommenden Dingen S. 138ff.) »Beschränkung des Erbrechts, Ausgleich und Hebung der Volkserziehung sprengen den Abschluß der Wirtschaftsklasse und vernichten die erbliche Knechtung des untersten Standes.« (A. a. O. S. 140.) »Die gesetzgeberische Regelung ist«, so meint er allerdings, »eine Frage minderer Bedeutung. Von unermeßlich größerer Bedeutung ist es, daß der künftigen Umgestaltung Änderungen der Gesinnung und ethischen Wertungen vorausgehen.« (A. a. O. S. 141.) Aber doch verlangt er im Anschluß an diese Gesinnungsänderung eine gesetzliche Reform. » Oberhalb einer mäßigen Vermögenseinheit gehört jeder Nachlaß dem Staat. (A. a. O. S. 148.)

 

Durch eine so weitgehende Einschränkung des Erbrechts, daß kein Erbe mehr als eine » mäßige Vermögenseinheit« behält, wird die Zweiteilung des Volkes in ihrer Wurzel getroffen. Aber andere Maßnahmen, die der Gesinnungswandel schon vorbereitet, müssen hinzukommen. So, eine tief eingreifende staatliche Regelung des Verbrauches. »Verbrauch ist nicht Privatsache, sondern Sache der Gemeinschaft, Sache des Staates, der Sittlichkeit und Menschheit.« (A. a. O. S. 98.) »Die Arbeitsjahre, die der Herstellung einer kostbaren Nadelarbeit, eines gewobenen Schaustückes dienen, sind unwiderruflich der Bekleidung der Ärmsten entzogen, die sechsfach geschorenen Rasenflächen eines Parkes hätten mit geringerem Aufwand Korn getragen, die Dampfyacht mit Kapitän und Mannschaft, Kohlen und Proviant ist dem nutzbringenden Weltverkehr auf Lebenszeit entzogen. – Wirtschaftlich betrachtet ist die Welt, in höherem Maße die Nation, eine Vereinigung Schaffender; wer Arbeit, Arbeitszeit und Arbeitsmittel vergeudet, beraubt die Gemeinschaft.« (A. a. O. S. 97.) Das nächstliegende Mittel zur Regelung des Verbrauches ist ein ausgedehntes, teilweise an die Grenzen der Prohibition getriebenes System von Zöllen, Steuern und Abgaben auf Luxus und übermäßigen Verbrauchsgenuß. – Dieses System soll kein finanzielles sein: »der Ertrag ist eine gleichgültige Nebenwirkung; sein Sinn liegt ausschließlich in der Beschränkung.« (A. a. O. S. 142.) Und zwar soll der Verbrauch so besteuert werden, »daß oberhalb eines auskömmlichen Mindestsatzes auf jeden Kopf berechnet (an einer anderen Stelle nennt Rathenau dreitausend Mark Jahresaufwand für eine Familie) für jede Mark weiteren Verzehrs zum mindesten eine Mark dem Staate gebührt.« (A. a. O. S. 105.) »Auf Tabak, Spirituosen ... vor allem auf gefertigte Luxuswaren (auch von den im Lande gefertigten) sind Zölle und Abgaben zu erheben, die bis zum Mehrfachen des Wertes ansteigen ... Zu besteuern ist der Raumaufwand; abgesperrte Parkanlagen, luxuriöse Gebäude und Wohnräume, Remisen und Garagen sollten zu den Lasten des Landes beitragen. Persönliche Bedienung, in starker Progression der Kopfzahl und der Gehälter, Luxuspferde, Equipagen und Automobile, Beleuchtungsaufwand, kostbares Material, Rang und Titel sind Steuerobjekte nicht im Sinne des Finanzertrages, sondern der Beschränkung.« (A. a. O. S. 143.)

 

So einschneidend die Besteuerung des Verbrauchs ist, sie berührt doch schließlich nur den äußeren Umkreis der Herrenrechte; ins Herz treffen sie Rathenaus Vorschläge für einen Ausgleich des Besitzes, die auf ein völliges Wegsteuern des privaten Reichtums hinauslaufen. » Besitzverteilung«, sagt er, » ist ebensowenig Privatsache wie Verbrauchsanrecht.«(Von kommenden Dingen S. 125.) Man spürt aus nicht allzu weiter Ferne den eisigen Hauch von Proudhons Wort: » La propriété c'est le vol.« Namentlich, da die Begründung staatlicher Eingriffe in die Besitzverhältnisse revolutionär, ja klassenkämpferisch ist. » Eine Mehrzahl von Besitzern vereinigt sich, zumal wenn Erblichkeit ihres Rechts gegeben ist, zur Klasse. Außer auf Sicherung sind sie auf Zuwachs bedacht; mögen sie untereinander kämpfen: der Hauptgegner bleibt der Unterworfene, und um so mehr, wenn dieser nicht grundsätzlich vom Besitz ausgeschlossen ist, sondern erwerben kann oder gar bereits besitzt. Das dringende Interesse besteht, den Enterbten machtlos zu halten, die Machtmittel der Bildung, der Organisation und des Besitzes ihm zu verschließen, ihm Rechte und Verantwortung nur so weit zu gewähren, als die Erhaltung des notdürftigen Gleichgewichts jeweils erfordert ... Zwei Begleiterinnen steigen empor: ... die eine, untrennbar mit dem Besitz verbunden und im künftigen Verlauf je mehr in den Vordergrund tretend, die Macht; die andere durch lange Überlieferung, jedoch vielleicht nicht für immer ihr anhaftend: die Erblichkeit: Vereinigt bilden sie die Macht der Klasse.« (A. a. O. S. 110ff.) » Heute leben wir, wirtschaftlich betrachtet, in der gesamten zivilisierten Welt unter der Herrschaft einer gewaltigen Plutokratie.« (A. a. O. S. 120.) (Variation des ihm so bitter verübelten Wortes: »Dreihundert Männer leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents.«) » Plutokratie ist Gruppenherrschaft, Oligarchie, und von allen oligarchischen Formen die verwerflichste. (A. a. O. S. 121.) » Plutokratie wirkt nicht durch gemeinschaftliche Ideale, sondern durch gemeinschaftliche Interessen.« (A. a. O. S. 122.)

Die ethische und volkswirtschaftliche Legitimation persönlichen Reichtums wird untersucht. » Woher stammt persönlicher Reichtum, und wie wird er erworben?« (A. a. O. S. 127.) » Ist Reichtum Ersparnis? Bei der Kürze des menschlichen Lebens kann aus regelmäßigem Arbeitseinkommen zur Not ein mittlerer Wohlstand erspart werden; die Einkünfte, die sich zum Reichtum aufhäufen lassen, sind nicht Arbeitsvergütungen, sondern Gewinne anderer Kategorien. Die Volksmeinung, daß man durch Sparsamkeit an sich reich werden könne, ist irrig ... Wer reich werden will, muß einen allgemeinen Bedarf befriedigen. Doch dieser Vorsatz genügt nicht: denn der Wettbewerb ist zur Stelle. Er reißt einen Teil der Bedarfsdeckung an sich und verkleinert den Nutzen und schließlich erntet der Unternehmer statt der erhofften Schätze nur eine mäßige Rente oder ein mittleres Arbeitseinkommen. – Die Aufgabe der Bereicherung wird also nur dann gelöst, wenn der Unternehmer den Wettbewerb beschränken, den Nutzen nach Gutdünken bemessen, oder den Kreis der Opferwilligen beliebig ausdehnen kann. In diese Lage bringt ihn nur das anerkannte oder erzwungene Monopol.« (A. a. O. S. 128/129.) » Monopole machen reich; andere Wege zum Reichtum gibt es nicht.« (A. a. O. S. 130.) » Zugleich wird ersichtlich, daß es nur weniger Handgriffe der gesetzlichen Ordnung bedarf, um alle Quellen des persönlichen Reichtums zu regeln und, wenn es nötig scheint, zu schließen.« (A. a. O. S. 131.) Der Krieg aber hat die Vorstellung von der Unantastbarkeit des Privateigentums tief erschüttert. Eingriffe des Staates in die Besitzrechte, Eingriffe bis zur Enteignung, erregen in der öffentlichen Meinung kaum noch Widerspruch, weil die Anschauung Gemeingut geworden ist, daß Interessen aller wirtschaftliche Rechte einzelner aufheben. Der Satz: »Wirtschaft ist Sache aller bedeutet den ersten Schritt ins Reich des Künftigen.« (Von kommenden Dingen S. 297.) Die Bahn ist daher frei für eine Regelung der Besitzverhältnisse, einen Ausgleich der Besitzunterschiede durch den Staat.

Unter den Gründen, die Rathenau für die Beseitigung von Besitzungleichheiten anführt, legt er das größte Gewicht auf das Bildungsmonopol, das sie Kindern reicher Eltern sichern; »unsere Zeit ... ist müde zu bemänteln, daß an jedem Staatsbürger, dem von seiner Kindheit an die Bildungsmittel der Epoche vorenthalten werden, ein Raub geschieht; ein Raub am Menschen und ein Betrug am Staat.« (A. a. O. S. 111.) Sie fordert daher allgemeinen und gleichen Unterricht für alle. Aber »so wohl gemeint diese Absicht, so bedingt ist ihre Erfüllung ... Aus Mietpalästen und Vorstadthäusern werden die kleinen Klassenfeinde herbeigeholt und als Klassennachbarn untergebracht. Die einen gepflegt und standesbewußt, an wohlgesetzte Gespräche Erwachsener gewöhnt, von leidlichen Manieren, leichtem Ausdruck, im Besitz der zarten Bildungsansätze, die aus einer Umgebung von guten Büchern, Kunstwerken, aus Reisen und gelegentlichem Vorunterricht erwachsen, frisch, ausgeschlafen, gut genährt, körperlich geübt. Die andern so ziemlich das Gegenteil. Nun wird von ihnen eine neue Haltung, Sprache und Anschauung verlangt, sie sollen aus einem gewohnten Kreise heraustreten und mühsam, neben dieser Verwandlung, die einen Teil der Kräfte und des Willens verzehrt, die neuen Kenntnisse erwerben, die den Gutgekleideten so leicht werden, ja die sie zum Teil schon besitzen. Verlegenheit und Hilflosigkeit treten hinzu, wandeln sich auch wohl in Starrköpfigkeit, wenn den kleinen Bürgern dunkel und schmerzlich der Abstand fühlbar wird, der sie und die ihren von den Glücklichen trennt. Nur ungewöhnliche Willenskraft und Begabung wird ihn unter dieser Belastung überbrücken und vielleicht ohne Ergebnis für das Lebensziel, die übrigen sinken nach kurzer Berührung zurück in tiefere Hoffnungslosigkeit, die nicht mehr dem äußeren Geschick allein, sondern der vermeinten eigenen Unzulänglichkeit die Schuld zumißt.« (A. a. O. S. 112.) » Nur auf der Grundlage ähnlicher Lebensumstände, Häuslichkeit und bürgerlicher Herkunft kann gleichartige Erziehung fruchten ... Abermals finden wir uns zu einer Politik des wirtschaftlichen Ausgleichs aus sittlicher Notwendigkeit hingewiesen.« (A. a. O. S. 113.)

Rathenau fordert also, daß jeder private Reichtum fortlaufend durch Vermögens- und Einkommensteuern völlig weggesteuert werde: » jedoch nicht wie bisher im Sinne einer Notquelle für den Staat, mit Bangen auferlegt und mit Unmut entrichtet, sondern vielmehr als Anerkenntnis dafür, daß oberhalb eines bürgerlichen Auskommens der Erwerbende nur bedingter Mitbesitzer des Erworbenen ist, und daß es dem Staate frei steht, von seinem Überschuß ihm so viel oder so wenig zu belassen wie er will.« (Von kommenden Dingen S. 143ff.) Diese Forderung geht, wenn man sie ernst nimmt, über die des sozialdemokratischen Programms weit hinaus, das Ungleichheiten des Besitzes nicht ausschließt, nähert sich dem Kommunismus. Aber hat Rathenau sie ernst gemeint? Ist sie nicht vielleicht bloß eine rote Fahne, die er zum Fenster seiner nach wie vor kapitalistischen Wirtschaft hinaushängt? Die Antwort gibt sein ganzes System; denn gerade diese Forderung weitesten Besitzausgleichs hängt aufs engste zusammen mit seinem Ziele: Beseitigung aller Hindernisse, die die freie Entfaltung des Menschen hemmen; ja, sie ist unter den heutigen Verhältnissen von diesem Ziele nicht zu trennen, insofern in unserer Zivilisation Unbildung innere Freiheit unmöglich macht. Das Christentum, das ebenfalls ein Reich innerer Freiheit in der Seele des Menschen predigte, konnte auf Besitzausgleich, Gütergemeinschaft verzichten, aber erst als die antike Zivilisation im Sinken war, und Bildung und Wissen unnötig wurden, um den Besten der Zeit seelisch gewachsen zu sein.

 

Mit der Forderung der völligen Beseitigung des Reichtums Privater kehrt das Problem des ausreichenden Antriebs zum Schaffen, das das Verschwinden einer durch den Hunger zur Arbeit gezwungenen Enterbtenschicht stellt, in einer anderen Form wieder, als Frage: welche Antriebe den wirtschaftlichen Führer und Bahnbrecher, allen Widerständen zum Trotz, bewegen sollen, hervorzutreten, sich durchzusetzen, große Verantwortungen zu übernehmen, wenn der Antrieb außerordentlicher persönlicher Bereicherung fortfällt? Kein Einwand gegen einschneidende soziale Reformen wird so oft vorgebracht wie der, daß unter einer den persönlichen Profit stark einschränkenden oder völlig ausschließenden Wirtschaftsverfassung die Antriebe zum Fortschritt fehlen, Stagnation und Rückschritt daher unvermeidlich sein würden. »Kann es geschehen, daß der Mechanismus der Gesellschaft, solcher Triebkräfte beraubt, abstirbt, daß die Zivilisationsarbeit der Erde abreißt, die leiblichen und geistigen Güter der Menschheit verkommen? Oder bleiben Kräfte lebendig, die den planetaren Prozeß unter reineren Bedingungen fortsetzen?« (Von kommenden Dingen S. 206.) Rathenau erteilt sich selbst gleich die Antwort: die Sorge ist unberechtigt, denn auch in der Führernatur wirken, ebenso wie in dem von Not befreiten Proletarier, die Schaffensfreude, die Liebe zu seinem Werk, das Gefühl der Solidarität; wirken als Antriebe, nicht nur im hergebrachten Trott mitzuarbeiten, sondern auch als Neuerer, Führer und Bahnbrecher sich durchzusetzen. Hinzu kommen aber noch die wahren Hauptmotoren des geborenen Führers: der Wille zur Macht und der Wille zur Verantwortung, die ihn, auch abgesehen von Genuß und Gewinn, zur Übernahme erhöhter Arbeitsleistung und großer Risiken geneigt machen. Daher läßt sich das Problem wirtschaftlicher Führerschaft in einer Gesellschaft, wo der Einzelne für sich keinen Reichtum erwerben kann, doch bewältigen, » und zwar durch entschiedene Trennung der drei Wirkungsformen des Vermögens: des Anrechtes auf Genuß, des Anrechtes auf Macht, des Anrechtes auf Verantwortung.« (Von kommenden Dingen S. 118.) D. h. man soll der Führernatur die Aussicht auf Macht und Verantwortung lassen; dann kann man ihr ruhig die Aussicht auf persönlichen Profit nehmen: sie wird deshalb nicht weniger schaffensfreudig und schöpferisch sein.

 

Um so mehr kann man hierauf rechnen, als die vom Hochkapitalismus auf seiner letzten Stufe ausgebildeten Wirtschaftsformen aus sich heraus eine » neue Denkweise« der großen Unternehmer hervorbringen. In seiner bald nach dem Buch »Von kommenden Dingen« im Oktober 1917 veröffentlichten glänzenden kleinen Schrift » Vom Aktienwesen«, die eine Art von Erkundungsritt vor dem Durchbruch zu neuen Wirtschaftsvorstellungen in der »Neuen Wirtschaft« ist, stellt Rathenau fest, daß »die Großunternehmung heute überhaupt nicht mehr lediglich ein Gebilde privatrechtlicher Interessen ist; sie ist vielmehr, sowohl einzeln wie in ihrer Gesamtzahl, ein nationalwirtschaftlicher, der Gesamtheit angehörender Faktor, der zwar aus seiner Herkunft, zu Recht oder zu Unrecht, noch die privatrechtlichen Züge des reinen Erwerbsunternehmens trägt, während er längst und in steigendem Maße öffentlichen Interessen dienstbar geworden ist.« (Gesammelte Schriften Bd. V, S. 154.) »Fast ausnahmslos«, sagt er schon in dem früheren Buch »Von kommenden Dingen«, »tragen diese Unternehmungen die unpersönliche Form der Gesellschaft. Niemand ist ständiger Eigentümer; ununterbrochen wechselt die Zusammensetzung des tausendfältigen Komplexes, der als Herr des Unternehmens gilt ... Dieses Verhältnis aber bedeutet die Entpersönlichung des Eigentums ... Die Entpersönlichung des Besitzes bedeutet jedoch gleichzeitig die Objektivierung der Sache. Die Besitzansprüche sind derart untergeteilt und beweglich, daß das Unternehmen ein eigenes Leben gewinnt, gleich als gehöre es niemand, ein objektives Dasein wie es vormals nur in Staat und Kirche, in städtischer, zünftiger oder Ordensverwaltung verkörpert war ... Zum Mittelpunkt werden die leitenden Organe einer Beamtenhierarchie ... Schon heute ist der paradoxe Fall denkbar, daß das Unternehmen sein eigener Eigentümer wird, indem es aus seinem Ertrage die Anteile der Besitzer zurückkauft ... Die Entpersönlichung des Besitzes, die Objektivierung des Unternehmens, die Lösung des Eigentums führt einem Punkte entgegen, wo das Unternehmen sich in ein Gebilde ... nach Art eines Staatswesens verwandelt.« (Von kommenden Dingen S. 151ff.) Diesen Zustand bezeichnet Rathenau als den der » Autonomie« der Unternehmung; wobei er für die juristische Begriffsbestimmung und Fortbildung dieser Unternehmungsform auf das alte deutsche Genossenschaftsrecht hätte verweisen können, das Genossenschaften nicht wie das Römische Reich bloß als fiktive, » juristische« Personen ansah, die ihre Rechte von denen ihrer Genossenschafter bloß ableiteten, sondern als wirkliche, aus eigenem Recht handelnde Gebilde, die von den zufälligen Genossenschaftern unabhängig ein eigenes Leben führten. Schon Gierke hat auf die juristische Ähnlichkeit zwischen der modernen Aktiengesellschaft und dem nach deutschem Genossenschaftsrecht aufgefaßten Staat hingewiesen Gierke: »Das deutsche Genossenschaftsrecht« drei Bände 1868, 1873, 1881.. Rathenau hat daher recht, wenn er sagt, daß die Entpersönlichung des Besitzes die Unternehmung in ein Gebilde nach Art eines Staatswesens verwandle; denn ein prinzipieller Unterschied der juristischen Konstruktion besteht nicht zwischen einer solchen mit eigenem Leben begabten wirtschaftlichen Unternehmung und der als Staat bezeichneten Genossenschaft aller Bürger eines Landes.

Ganz natürlich folgt dieser objektiven Entwicklung des Unternehmens die subjektive psychologische Entwicklung des Unternehmers. »Soweit größere Privatunternehmer noch bestehen, haben sie sich längst gewöhnt, ihr Geschäft unter der objektiven Gestalt der Firma als ein selbständiges Wesen zu betrachten. Dieses Wesen führt eigene Rechnung, arbeitet, wächst, schließt Verträge und Bündnisse, nährt sich vom eigenen Ertrage, lebt als Selbstzweck. Daß es den Inhaber ernährt, ist, wo nicht Nebenwirkung, in den meisten Fällen nicht Hauptsache; ein tüchtiger Geschäftsmann wird dazu neigen, seinen und seiner Familie Verbrauch mehr als nötig zu beschränken, um der Firma reichlichere Mittel zur Erstarkung und Ausdehnung zuzuführen. Das Wachstum und die Macht seines Geschöpfes ist des Besitzers Freude; weitaus mehr als der Ertrag. Die Habsucht weicht dem Ehrgeiz und der Schaffenslust. – Gesteigert findet sich diese Denkweise in den Häuptern großer Gesellschaftsunternehmungen. Hier herrscht schon heute der gleiche Beamtenidealismus wie im Staatsbetriebe. Die leitenden Organe sorgen für Zeiten, in denen sie nach menschlichem Ermessen längst nicht mehr dem Unternehmen angehören werden. Fast ausnahmslos kämpfen sie dafür, dem Unternehmen den größten Teil seiner Erträge zu wahren, den kleinsten Teil auszuschütten, obwohl ihre persönlichen Einkünfte darunter leiden ... Der vollkommene Ersatz der Habsucht als treibenden Motors durch Verantwortungsgefühl hat sich vollzogen. So arbeitet die Psyche des Unternehmers in gleicher Richtung wie die Entwicklung des Besitzverhältnisses.« (Von kommenden Dingen S. 154ff.) Mit anderen Worten, die Macht, die ein solches Riesenunternehmen dem Unternehmer bietet, ist so verlockend, daß sie für sich allein als Anreiz zu äußersten Anstrengungen genügt, auch wenn er dabei nicht übermäßig viel verdient.

 

Doch hier erhebt sich ein anderer Einwand: würde ein allgemeiner Vermögensausgleich nicht alle bloß gleich arm machen? Rathenau berechnet, daß bei einem Stand der Produktion in Deutschland wie vor dem Kriege, unter Berücksichtigung der notwendigen Rücklagen für Erneuerung und Erweiterung der Produktionsmittel, jede Familie etwa den Wert von dreitausend Mark Einkommen beanspruchen könnte. Das ist, selbst wenn man der Geldentwertung entsprechend die Summe heute auf etwa viertausend Mark erhöht, ein Familieneinkommen, das in der Tat nur die bescheidenste Lebenshaltung ermöglicht. Und deshalb ergibt sich als dringendste Aufgabe für die Neue Wirtschaft » durch innere Umformung ... ihren Wirkungskreis so weit zu steigern, daß der Ertrag menschlicher Arbeit bei natürlicher, unpedantischer Aufteilung dem einzelnen würdige Lebensbedingungen und der Gemeinschaft freie Kulturentfaltung sichert!« (»Neue Wirtschaft« S. 207.) Und als wirtschaftliches Ziel: » die Hebung des wirtschaftlichen Wirkungsgrades.« (A. a. O. S. 208.)

Praktisch vielleicht der wichtigste und unanfechtbarste Teil von Rathenaus Reformprogramm ist der, der sich auf Hebung der Produktion und bessere Befriedigung des Bedarfs bezieht. »Dem Wirkungsgrade einer Wirtschaft«, sagt er, »ist eine theoretische Grenze nicht gesetzt. Es sind Werkstätten denkbar, so vollkommen mechanisiert, daß die leichte Aufsicht eines Mannes genügt, um das Uhrwerk der Produktion im Gang zu erhalten; es gibt Betriebe, vor allem in der chemischen und elektrischen Industrie, die diesem Zustand überraschend nahekommen. Denkt man sich ein Land mit tausend arbeitenden Bewohnern in dieser Weise bereitet, so bleibt die Gütermenge, die es erzeugen könnte, ungemessen, und somit der Verzehranteil des einzelnen, sofern eine einigermaßen gerechte Verteilung obwaltet, ein beliebig großer. Einer Begrenzung durch Rohstoffmangel des Planeten sind wir einstweilen noch so fern, daß wir diese Sorge ausschalten dürfen. – Doch läßt sich der Zustand vollkommener Produktionsmechanisierung nicht mit einem Schlage durchführen; er läßt sich nicht einmal über ein bestimmtes Maß beschleunigen. Denn alle Mechanisierung erfordert Einrichtungen, und diese enthalten ein ungeheures Maß von aufgespeicherter Arbeit und Erfindung, von lebendigem Kapital ... ihre Vermehrung kann nicht schneller fortschreiten, als die jährliche Ersparnis der Welt ... mit der sie gleichbedeutend ist ... Jede Arbeitsersparnis kommt der Vermehrung des Einrichtungsparks der Erde zugute, und seine Ausfüllung in Jahrhunderten wird bewirken, daß der Nutzeffekt der Arbeit sich erhöht, die verfügbare Verzehrmenge wächst, die Arbeitszeit sich verkürzt und die Lebenshaltung sich erhöht ... Jede nach dem Stande der Technik vergeudete Arbeitsstunde ist daher ein nationaler Verlust.« (»Neue Wirtschaft« S. 208ff.)

 

Von diesem Gesichtspunkt der Arbeitsvergeudung kritisiert er unser heutiges Wirtschaftssystem in Grund und Boden. Sein Grundfehler sei » die wissentlich oder unwissentlich falsche Lenkung des gesamten Erzeugungsvorganges.« (A. a. O. S. 211.) Sie ergebe sich aus der ungeregelten Konkurrenz und der Einstellung auf den bloßen Profit, die der Befriedigung von Luxusbedürfnissen vor der des notwendigen Bedarfs der Allgemeinheit den Vorzug gibt. »Wenn wir zwei bis drei Milliarden jährlich für berauschende Getränke ausgeben, wenn wir hunderte von Millionen für Putz, Tand, Schaustellungen opfern, und wenn zehntausende von kräftigen Männern in einer Großstadt hinter Ladentischen lauern, wenn hunderttausende jahraus, jahrein auf der Eisenbahn liegen, um den Konkurrenzkampf von Handelsgeschäften auszufechten, mit dem Ergebnis, daß jede Firma am Jahresende nicht viel mehr und nicht viel weniger verkauft hat als im Vorjahr, so handelt es sich nicht um einen bloßen Verlust an nationaler Ersparnis, sondern um eine Mißleitung des ganzen Produktionsvorganges, durch die ins Ungemessene Kräfte, Materialien vergeudet, Arbeitsmittel gesperrt, die Erzeugungskosten verteuert und äußere Wettbewerbskräfte verringert werden.« (A. a. O. S. 212.)

Die Wirtschaft ist also schon im ganzen falsch eingestellt; aber noch dazu auch im einzelnen falsch und verschwenderisch organisiert. Ihre Organisationsfehler zählt Rathenau unter vier Kapiteln auf:

I. Bei gleichen Kraftmengen und Arbeitsstunden erzeugen verschiedene Betriebe ein überraschend ungleiches Quantum von Gütern. Ursachen der Unterproduktion vieler Betriebe sind: ihr falscher Standort, ihre veralteten Einrichtungen, die mangelhafte Ausnutzung der kraft- und arbeitsparenden technischen Neuerungen. »Der bloße Kohlenverbrauch Deutschlands könnte auf die Hälfte verringert werden, wenn alle Betriebe wissenschaftlich durchdrungen und geordnet und alle Kraftquellen erschlossen würden. Diese Ersparnis würde weit in den Schatten gestellt durch den Gewinn an Arbeit, Material und Transport und die Steigerung der Leistungsfähigkeit und Umsatzmengen, wenn die Durchforschung und Reform sich zugleich auf Lage und Anlage, auf Einrichtung und Betrieb erstreckten.« (A. a. O. S. 216ff.)

II. Zersplitterung der Erzeugung in Werkstätten und Typen, die einer planmäßigen, wissenschaftlich durchdachten Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Betrieben und dadurch der Massenherstellung von Gütern im Wege steht. »Auf dem Begriff der Massenbewältigung und Arbeitsteilung beruht unsere gesamte neuzeitliche Gütererzeugung ... Aber während innerhalb des einzelnen Werkes die Arbeitsteilung bewußt und im steigenden Maße durchgeführt wird, bleibt die Arbeitsteilung von Werk zu Werk, von Gruppe zu Gruppe überwiegend dem Herkommen und zufälligem Gleichgewicht überlassen. In den Ländern des stärksten Verbrauches und der gleichförmigsten Erzeugung, in Amerika und England, hat die Gruppenarbeitsteilung, wenn ich so sagen darf, die stärksten Fortschritte gemacht; die englische Baumwollindustrie verdankt einen großen Teil ihrer weltbeherrschenden Kraft diesem Grundsatz; es gibt dort gewaltige Werke, die nicht mehr als zwei bis drei Nummern spinnen, während bei uns vielfach kleinere Unternehmungen sich gezwungen sehen, gleichzeitig Grob- und Feinspinnerei zu betreiben. – Es ist nicht abzusehen, zu welcher Verbilligung und Steigerung der Produktion die wissenschaftlich durchdachte Arbeitsteilung von Gruppe zu Gruppe führen würde. Der Fachmann kann sich von dieser Wirkung ein Bild machen, wenn er ermißt, daß alle mittleren Werke zu Spezialfabriken umgestaltet sein würden, die bei reichlicher, gleichartiger und ununterbrochener Beschäftigung und höchster Vervollkommnung ihrer Einrichtungen, für einen einfachen, fest umrissenen Zweck sich Stäbe von auserlesenen Spezialisten halten können, die, ohne heute für diese, morgen für jene Zufallsarbeit verantwortlich zu sein, ihre ganze Kraft der Entwicklung ihres eigenen Sondergebiets widmen.« (A. a. O. S. 217, 218.)

Die Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Betrieben des gleichen Industriezweiges setzt selbstverständlich eine weitgehende Typisierung der Erzeugnisse voraus. »Gelänge es in Deutschland, und es wird gelingen, wenn auch nicht auf dem Wege des freien Spiels, die Normalisierung und Typisierung so weit durchzuführen, als ein wissenschaftlicher Arbeitsprozeß es fordert ..., so wäre bei geeigneter Arbeitsteilung von Werk zu Werk zum mindesten die Verdoppelung der Erzeugung bei gleichbleibender Einrichtung und gleichbleibenden Arbeitskosten gesichert. (A. a. O. S. 221.)

III. Ebenso unwirtschaftlich wie die sozusagen horizontale Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Betrieben der gleichen Produktionsstufe ist in der heutigen Wirtschaft die senkrechte Arbeitsteilung zwischen den Betrieben, die der Urstoff auf seinem Wege zum Zwischenprodukt, Halbprodukt und Endprodukt, und dann vom letzten Erzeuger zum Großhandel, Zwischenhändler, Kleinhändler und Verbraucher durchmacht. »Zur Verteilung nebensächlicher Genußmittel und Verbrauchsgegenstände, wie Tabak, Schreibzeug, Seife, zur Kundenanwerbung durch Eisenbahnfahrten sind der wirtschaftlichen Produktion Armeen junger und schaffenskräftiger Menschen entzogen, deren Bestandszahlen mit sechs Stellen geschrieben werden.« (A. a. O. S. 224.)

IV. Schließlich fehlt ein ausreichender Schutz der nationalen Arbeit: Schutz gegen die Konkurrenz von außen, Schutz gegen die Vergeudung im Innern. Solange der wirtschaftliche Nationalismus die Welt beherrscht, dürfen wir »auf unsere Kosten nicht fremde Arbeiter und Angestellte beschäftigen, fremde Kapitalrenten tragen.« Diese Haltung werde »schließlich zu der Einsicht beitragen, daß auch die Wirtschaft der Welt eine Gemeinwirtschaft ist und sein soll.« (A. a. O. S. 226.) Aber »vor allem kann das alte sinnlos gewordene Recht aus der Zeit des Kräfteüberflusses nicht unangetastet bleiben, das Recht eines jeden, der es bezahlen kann, über nationale Arbeitskräfte zu persönlicher Bequemlichkeit und Schaustellung, oder zu beliebigen, vermeintlich wirtschaftlichen Zwecken nach Gutdünken zu verfügen ... War es bisher jedem Erben und Mitgiftempfänger freigestellt, sich mit einem Troß von Lakaien zu umgeben, oder, wenn er sich wirtschaftlich zu betätigen wünschte, Arbeiter, Meister, Beamte anzuwerben, mit ihren Kräften und mit zusammengerafften Betriebsmitteln sich auf einem beliebigen, ihm interessant und aussichtsvoll erscheinenden Gebiete industriell zu üben, so wird künftig die sachliche Bedürfnisfrage entscheiden müssen. Diese Frage des objektiven, wissenschaftlich prüfbaren und nachweisbaren Bedürfnisses wird in den Mittelpunkt aller wissenschaftlicher Entschließungen treten.« (A. a. O. S. 228.)

 

Die Ausmerzung dieser Fehler, die Neugestaltung der Wirtschaft nach richtigeren Methoden und Richtlinien, die fortgesetzte Steigerung ihres Ertrages, um der Allgemeinheit eine immer höhere Lebenshaltung zu gestatten, die Verdrängung der privaten Profitwirtschaft durch eine auf den Bedarf planmäßig eingestellte Gemeinwirtschaft, können aber nicht dem freien Spiel der Kräfte überlassen bleiben. In einem gewissen Widerspruch zu seiner Geringschätzung von »Einrichtungen« im Vergleich zu Gesinnungen befürwortet Rathenau ganz unumwunden eine planmäßige, mit ausreichender Macht durchgeführte und später auf feste Einrichtungen sich stützende »Neue Wirtschaft«. » Sowenig wie die innere technische Reform der Einzelwerke kann die Gruppenteilung der Arbeit dem freien Spiel der Kräfte überlassen bleiben; nur die zusammenfassende Neuordnung der Wirtschaft kann diese Aufgabe ebenso wie die folgenden bewältigen. Denn ... aller guter Wille bleibt, sofern er nicht von entscheidender Autorität getragen ist, vor der eigensinnigen Zersplitterung des Absatzes und Marktes machtlos.« (A. a. O. S. 218.) Seine eigenen Erfahrungen bei der Errichtung der Kriegswirtschaft werden ihn von der Notwendigkeit einer jeden Widerstand brechenden Macht bei grundlegenden Umgestaltungen und von festen Einrichtungen, um die Neugestaltung zu erhalten, überzeugt haben. Die Frage, welcher Art die hinter der Umgestaltung stehende Macht sein müßte und wie diese Macht zustandekommen soll, wirft natürlich die Frage auf, ob eine Diktatur des Proletariats oder die einer anderen Gruppe, etwa einer faschistischen, nötig wäre, die die staatlichen Machtmittel zu diesem Zwecke an sich riß? Rathenau hat, als er die »Neue Wirtschaft« schrieb, schon die russische Revolution vor Augen gehabt; doch hat er selber nicht an den Erfolg einer plötzlichen revolutionären Umwälzung oder auch nur überhasteten friedlichen Umgestaltung geglaubt, weil die notwendige gewaltige Vergrößerung der Produktionsmittel nur langsam auf Grund von Ersparnissen möglich sei, und weil die ebenso notwendigen Wandlungen der Gesinnung nicht plötzlich herbeigeführt werden könnten. Es bleibt daher nur eine der Entwicklung der Gesinnung und der Steigerung der Produktion folgende, allerdings bewußt von Führern geleitete und auf staatliche Machtmittel gestützte langsame Umwandlung möglich.

 

Den Gesinnungswechsel und die unentbehrliche Macht unterstellend, geht Rathenau daran, die Neugestaltung, wie er sie anstrebt und deren Endergebnis er die »NEUE WIRTSCHAFT« nennt, im einzelnen zu schildern. »Denken wir uns«, sagt er, » alle gleichartigen Betriebe der Industrie, des Handwerks und des Handels für sich zusammengefaßt, etwa alle Baumwollspinnereien für sich, alle Eisendrahtwalzwerke für sich, alle Schreinereien für sich, alle Großhandlungen in Weißwaren für sich, denken wir uns ferner jede dieser Vereinigungen zusammengefaßt mit ihren vorverarbeitenden und nachverarbeitenden Gewerben, also das gesamte Baumwollgewerbe, das Eisengewerbe, das Holzgewerbe und das Leinengewerbe zu gesonderten Gruppen verbunden; die ersten dieser Organismen mögen Berufsverbände, die zweiten Gewerbsverbände heißen ... Vereinigungen dieser Art gibt es schon jetzt in großer Zahl und auf jedem Gebiet, doch dienen sie nur gemeinsamen Interessen, nicht gemeinsamer Wirtschaft. – Berufsverbände und Gewerbsverbände seien staatlich anerkannte und überwachte, mit weiten Rechten ausgestattete Körperschaften.« (A. a. O. S. 231.) Grundlegend ist in der Tat in diesem Fundament seines Baues nicht bloß die Zusammenfassung gleichartiger Betriebe zu Verbänden, sondern auch die Zweckbestimmung dieser Verbände, daß sie nicht bloß Interessenvertretungen sein, sondern wie die Kriegsgesellschaften der Allgemeinheit dienen sollen; Rathenau hebt mit Recht hervor, daß das sie grundsätzlich unterscheidet von den bisherigen, auch in der reinen Profitwirtschaft immer zahlreicheren Industrieverbänden, Syndikaten, Kartellen und Trusts. Der Wert der auf sie aufgebauten neuen Wirtschaftsordnung wird daher in erster Linie davon abhängen, durch welche Mittel und inwieweit sie an diese gemeinnützige Zweckbestimmung gebunden werden können.

»Die wichtigere der beiden Organisationsformen«, sagt Rathenau, »ist der Berufsverband; ... diese Einheit tritt nicht nur in ein festes Verhältnis zu ihren benachbarten Gruppen, sondern auch zur Arbeiterschaft, zur Öffentlichkeit und zum Staat ... Am einfachsten läßt sich der Berufsverband seiner Form nach als Aktiengesellschaft, seinem Handeln nach als Syndikat denken. An der Aktiengesellschaft, d. h. dem Berufsverband als Aktiengesellschaft, sind die einzelnen Unternehmungen nach Leistungsverhältnis beteiligt; sie erwählen die Verwaltung, und diese ernennt die Leiter ... An das Syndikat (d. h. den Berufsverband als Syndikat) liefert jedes Unternehmen seine Ware ab, soweit sie zum Wirtschaftskreise des Verbandes gehört; was zur eigenen Weiterverarbeitung bestimmt ist, wird verrechnet ... Den Verkauf besorgt der Verband zu Preisen, die für kleine und große Verbraucher, für Händler und Weiterverarbeiter abgestuft sind; auch der Selbstverbraucher hat den Weiterverarbeitungspreis zu zahlen. – Soweit unterscheidet sich Aufbau und Wirkung des Verbandes kaum von jedem anderen Syndikat. Die Unterschiede beginnen bei der Mitwirkung des Staates ... Der Staat überträgt dem Berufsverbande bedeutende Rechte, die zum Teil an Hoheitsrechte grenzen: das Recht der Aufnahme oder Ablehnung neu Hinzutretender, das Recht des Alleinverkaufs inländischer und eingeführter Ware, das Recht der Stillsetzung unwirtschaftlicher Betriebe gegen Entschädigung, das Recht des Aufkaufs von Betrieben zur Stillegung, Umwandlung oder Fortführung ... Als Gegenleistung beansprucht der Staat mitwirkende Aufsicht in der Verwaltung, soziale Leistungen und Gewinnabgaben ... In der Verwaltung ist der Staat vertreten ..., außerdem die Arbeiterschaft.« (A. a. O. S. 231ff.)

Was sind die Funktionen der Berufsverbände? Rathenau zählt unter anderen auf: Organisation und Handhabung des Verkaufs und der Ausfuhr, Erweiterung der Absatzgebiete. – Beschaffung, notfalls Einfuhr der Rohstoffe und Hilfsmaterialien unter Mitwirkung des Handels, Einfuhr des Fabrikats, soweit und solange die inländische Erzeugung nicht zureicht. – Hebung und Verbilligung der Produktion durch Ausbreitung technischer Erfahrung, Verbesserung und Neueinrichtung der Werkstätten, Stillegung unwirtschaftlicher Betriebe, Aufkauf widerstrebender oder schlecht geleiteter; notfalls Errichtung und Betrieb eigener Musterfabrikation, Erweiterung, erforderlichenfalls Finanzierung gut gelegener und wirtschaftlich betriebener Anlagen. – Ausarbeitung und Durchführung des großangelegten und wissenschaftlich durchdachten Planes der Arbeitsteilung von Werk zu Werk, Bezirk zu Bezirk. Verteilung der Erzeugungskontingente, Entscheidung und Mitwirkung bei Errichtung neuer Werke. – Einführung einheitlicher Typen, Normalien und Muster. Beschränkung der zahllosen überflüssigen Ausführungsnummern und Katalognummern. – Verhandlung und Verkehr mit den benachbarten Verbänden des Gesamtgewerbes, mit Angestellten- und Arbeiterverbänden. Vertretung der Berufsinteressen gegenüber der Regierung und Gesetzgebung.« (A. a. O. S. 234ff.) Also nicht der Staat oder irgendeine staatliche Behörde, sondern der Berufsverband, in dessen Verwaltung der Staat allerdings durch seine Vertreter mitwirkt, gestaltet die Wirtschaft um, setzt, im Einverständnis mit den anderen Berufsverbänden, ihren Plan fest, rationalisiert und typisiert die Erzeugung, hat für den technischen Fortschritt zu sorgen, regelt die Ein- und Ausfuhr. Hinter ihm, doch in einer weitgehenden Selbstbeschränkung, steht der Staat.

Aber, wird man einwenden, werden die Berufsverbände, der Berufsverband der Schreiner, der Baumwollspinner, der Wollweber, der Buchdrucker, der Hutmacher und Handschuhmacher, werden alle diese Berufsvereinigungen nicht neumodisch aufgemachte Zünfte im Geiste der Meistersingerzeit werden und wieder in Zopf und Gevatternwirtschaft verknöchern? Rathenau antwortet Nein: denn der Berufsverband ist nicht ein Zweckverband souveräner Einzel- und Kleinbetriebe, um Einzelinteressenten zu schützen, »sondern eine Produktionsgemeinschaft, in der alle Glieder organisch ineinandergreifen, nach rechts und links, nach oben und unten, zur lebendigen Einheit zusammengefaßt, mit einheitlicher Wahrnehmung, Urteilskraft und Willen versehen, nicht eine Konföderation, sondern ein Organismus.« (A. a. O. S. 235.) Er hätte hinzufügen können, daß schon die Mitwirkung der Allgemeinheit und insbesondere der Konsumenten an seiner Leitung einen Rückfall in die Verknöcherung mittelalterlicher Zünfte ausschließt.

 

Die Berufsverbände sollen also sozusagen die Nervenzentren der Neuen Wirtschaft werden. »Die Wirkungsweise der Gewerbeverbände ist grundsätzlicher und einfacher als die der Berufsverbände ...« Die Hauptaufgaben des organisierten Gesamtgewerbes bestehen in Ausgleich und Vermittlung zwischen den Berufsverbänden, eine Erwerbsgemeinschaft innerhalb des Gewerbeverbandes findet im allgemeinen nicht statt, und es bedarf daher auch nicht der äußeren Form einer Erwerbsgesellschaft; es genügt der Ausbau in Gestalt des Zweckverbandes. (A. a. O. S. 238.) Im Rahmen des Gewerbeverbandes finden die Verhandlungen von Berufsverband zu Berufsverband statt über Fragen des Bedarfs, Lieferzeiten, Zahlungsweise, der Arbeitervermittlung, Erweiterung, Betriebseinschränkung. »Wer der Wirtschaft nahesteht, weiß den ungeheuren Vorteil einzuschätzen, der aus der möglichst ganzjährigen Zusammenfassung der Bedürfnisse sich ergibt. Wenn man in regelmäßigen Zeitabschnitten weiß, wieviel Schienen, Garne, Kessel, Motoren, Zubehörteile, Chemikalien, Glasscheiben verlangt werden, und in welcher Beschaffenheit, so können langsichtige Fabrikationsprogramme und Aufteilungen festgesetzt werden, die die ganzen Werke dauernd voll und gleichmäßig beschäftigen, die Erzeugung unabsehbar verbilligen, große Lager unnötig machen, die Verkehrsstraßen entlasten, den Arbeitsprozeß beschleunigen, Kapital und Zinsen ersparen und die Leistung im Bezug auf alle ihre Elemente erhöhen. Das Gesamtgewerbe überblickt seinen ganzen Bedarf im Inlande und Auslande ... Der Handel von Verband zu Verband bedarf keiner zwischentretenden Vermittlung. Ungezählter Zweigniederlassungen, Reisender nach Hunderttausenden, toter Lager, Ladenhüter, zweifelhafter Kredite, verhüllter Finanzierungen bedarf es nicht mehr ... Dem Handel aber bleibt gleichfalls in erneuerter Form seine eigentliche Aufgabe erhalten; Güter aus verzweigten Quellen in Behälter zu leiten, Güter aus Behältern in verzweigte Kanäle zu tragen, zwischenstaatliche, überseeische Verbindungen zu erhalten.« (A. a. O. S. 238ff.)

 

Wer wird die Neue Wirtschaft finanzieren, d. h. das finanzielle Risiko neuer oder der Erweiterung bestehender Unternehmungen tragen? »Betrachtet man«, sagt Rathenau, »die heutige Wirkungsweise der größeren Privatvermögen in rein mechanistischem Sinne und ohne den Blick auf die sittlich-soziale Seite des Problems zu richten, so ergibt sich, daß sie ... eine wirtschaftlich bedeutende Aufgabe erfüllen: sie tragen das Risiko der Weltwirtschaft. – Alle Unternehmungen des kapitalistischen Arbeitssystems stimmen darin überein: sie fordern große Mittel und sind gefährlich. Jede fiskalische Verwaltungsgemeinschaft ist imstande, Mittel zu beschaffen, Risiken zu tragen vermag sie nicht, denn es fehlt ihr der leidenschaftliche Anreiz, der die Sorgen der Verantwortung überwindet, und es fehlt ihr das autokratisch waltende instinktive Urteil, das die Aussichten jenseits der Gefahr vorwegnimmt. Fernstehende neigen zu dem Irrtum, daß dieses Urteil durch fachmännische Studien und Gutachten ersetzt werden könnte; diese Hilfsmittel versagen in allen großen Zukunftsfragen. Die Meinungen der Autoritäten widersprechen sich, und wenn sie sich einigermaßen geeinigt haben, ist der Augenblick verpaßt. – Das Privatkapital begegnet der Größe der Aufgabe durch Assoziation; es begegnet den Risiken seiner Unternehmungen durch unermüdliches Streben nach Erfolg und Gewinn; es überwindet die Dunkelheit des Zukunftsurteils durch die sorgfältigste Auswahl seiner Beauftragten und durch die große Zahl der Versuche. – Bisher konnte dieser Forderung nur das überschüssige Kapital genügen, das, über den Notbedarf hinaus geschichtet, im Besitze der Wohlhabenden nach Anlage und Vermehrung strebte; die kleinsten Ersparnisse begnügten sich gern mit erhöhter Sicherheit und geringerer Abenteuerlust ... – Es entsteht nun die Frage: Welche neuen kapitalistischen Formen können an die Stelle der privaten Unternehmungsmittel treten, wenn der überschüssige Einzelreichtum dem gleichmäßigen Volkswohlstand gewichen ist?« (Von kommenden Dingen S. 150f.)

Rathenau antwortet: schon heute zeigen fast ausnahmslos alle Großunternehmungen die Form der Gesellschaft, werden durch Angestellte verwaltet, die mindestens das moralische Risiko für neue oder die Erweiterung bestehender Unternehmungen tragen müssen. Hieran ändert sich, wenn solche Unternehmungen im Sinne der Neuen Wirtschaft gemeinwirtschaftlich werden, nur wenig. »Ist die Verfassung (eines solchen gemeinwirtschaftlichen Unternehmens) wohl durchdacht, so kann das Unternehmen allen künftigen, wenn auch noch so stark wachsenden Kapitalsansprüchen genügen. Zunächst verbleibt ihm die Rente, die es bisher jährlich an seine Gesellschafter auszuzahlen hatte. Sodann kann es vorübergehend oder dauernd mit Schuldverschreibungen belastet werden. Es kann im Notfall einen Rückschritt tun und von neuem tilgbare Anteilsrechte begeben, es kann und wird vor allem, unter dem Schutze eines unerschöpflich reichen Staates (der Staat der Neuen Wirtschaft ist deshalb »unerschöpflich reich«, weil er allen Reichtum Privater und fast die gesamte Rente aller Unternehmungen wegsteuert) und an sich der Kontrolle dieses Staates unterworfen, erwarten, daß nach Bedarf ihm Staatsmittel gegen gebührende Verpflichtungen überwiesen werden. Noch mehr: der Staat selbst wird wünschen und verlangen, daß die autonomen Unternehmungen jederzeit die überschüssigen Mittel seiner Kassen unter entsprechender Aufsicht aufzunehmen und anzulegen bereit sind.« (Von kommenden Dingen S. 153ff.) Tatsächlich erfolgt die Finanzierung eines sehr erheblichen Teils aller Großunternehmungen der Weltwirtschaft heute bereits nach diesen Methoden, weil sie durch Beteiligungen und Aufsicht eines Staates oder einer Gemeinde gemeinwirtschaftlich geworden sind. Im Deutschen Reich beträgt nach Professor Julius Hirsch heute schon das Kapital aller gemeinwirtschaftlicher Großunternehmungen zweiundfünfzig Milliarden Mark. (Mitteilungen der Industrie- und Handelskammer zu Berlin, 10. März 1927, S. 224.) Nach dem Gutachten über » Englands industrielle Zukunft«, das die Englische Liberale Partei kürzlich, offenbar unter Mitwirkung von Keynes, hat ausarbeiten lassen, beträgt das Kapital der in diesem Sinne mehr oder weniger sozialisierten Großunternehmungen Großbritanniens vier Milliarden Pfund ( achtzig Milliarden Mark) oder, nach der Schätzung des Berichtes, etwa zwei Drittel des gesamten Kapitals, das überhaupt in englischen Großunternehmungen angelegt ist. (Britain's Industrial Future, 1928, S. 74.)

Mit anderen Worten: der Staat als Bankier, die Staatsbank, die in der Neuen Wirtschaft fast den gesamten Reinertrag der Volkswirtschaft auf dem Wege über Steuern auf Verbrauch, Einkommen und Vermögen in sich hineinpumpt, und daneben die Gemeinden, bekommen eine sozusagen unbeschränkte Gewalt über die Erhaltung, Erweiterung und Neugründung von Unternehmungen; das Risiko aber für Betriebserweiterungen und Neugründungen werden im wesentlichen die Berufsverbände mit finanzieller Unterstützung des Staates oder der Gemeinde tragen müssen. Es ist daher kaum auffallend, daß in der »Neuen Wirtschaft« kein die Gewerbeverbände überdachendes, den Verkehr von Gewerbeverband zu Gewerbeverband regelndes, die Gesamtwirtschaft lenkendes Organ vorgesehen ist, obwohl die Funktionen eines solchen Organes als unentbehrlich hervorgehoben werden, nämlich: » Festsetzung, aus welchen Stoffen, mit welchen Mitteln und zu welchen Zwecken der Einzelne und die Gesamtheit produzieren sollen. (Von kommenden Dingen S. 225.) Der von selbst in der Neuen Wirtschaft entstehende Regulator der gesamten Volkswirtschaft ist der Staat in Gestalt der Staatsbank. »Jede der Forderungen, die wir aus sittlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erwägungen erhoben haben, stärkt die Macht und Fülle des Staates. Er wird zum Mittelpunkt alles wirtschaftlichen Lebens; was die Gesellschaft treibt und schafft, geschieht durch ihn und um seinetwillen; er verfügt über Kräfte und Mittel seiner Glieder mit größerer Freiheit als die alte Territorialherrschaft. Der größte Teil des Wirtschaftsüberflusses fließt ihm zu; in ihm verkörpert sich der Wohlstand des Landes. Die wirtschaftlich-gesellschaftliche Schichtung ist aufgehoben, folglich übernimmt er die ganze Machtfülle der jetzt herrschenden Klassen; die geistigen Kräfte, über die er verfügt, mehren sich ... – Dieser zum sichtbar gewordenen Volkswillen erhobene Staat kann nicht Klassenstaat sein ... Es erhebt sich die Forderung des Volksstaates.« (Von kommenden Dingen S. 251.)

Rathenau war von seinem ersten politischen »Neue-Ära«-Artikel in 1907 an für die Heranziehung der breiten Massen des Volkes zur wirklichen Mitbestimmung und zur Stellung von Führern für die leitenden Stellen im Staat eingetreten. Es bedeutete daher bei ihm kein »Umlernen«, wenn er im Krieg jetzt diese selben Forderungen mit verdoppeltem Nachdruck aufstellte.

Denn nichts anderes bedeutet der » Volksstaat« als der Staat, in dem die Auslese führender Persönlichkeiten aus dem Volk durch keine Einrichtungen oder Vorurteile behindert, und die Mitbestimmung eines jeden bei Entscheidungen, die ihn in seinen Interessen oder seiner Weltanschauung berühren, gesichert ist. Sein Gegenteil ist der Feudalstaat, in dem nur Adel oder Besitz den Weg nach oben bahnt, und wichtige Entscheidungen der Kontrolle derjenigen entzogen sind, welche von ihnen betroffen werden. Das wilhelminische Reich war nicht mehr ganz Feudalstaat, sondern eine Mischform, ein in dieser Gestalt auf die Dauer nicht lebensfähiger Zwitter, in dem der Aufstieg zu überragenden Stellungen in der Wirtschaft ziemlich breiten Volksschichten offen stand, alle Führerposten in Heer und Verwaltung dagegen nach feudalen Grundsätzen besetzt wurden; das Mitbestimmungsrecht des Volkes aber nur in politischen Fragen theoretisch anerkannt und auch hier durch geschickte Manipulationen der Oberschicht, Bedientenhaftigkeit der Volksvertreter und Gleichgültigkeit der Bourgeoisie praktisch ausgeschaltet wurde.

An der Spitze der Merkmale, die den Volksstaat vom Feudal- oder Klassenstaat unterscheiden, steht also die durch nichts behinderte Auslese aus allen Volksschichten, so daß die wirklich Besten an die Spitze kommen. Wir wissen, welche Bedeutung Rathenau nicht erst seit dem Kriege, sondern von jeher, einer freien Auslese zuschrieb. Für ihre Verwirklichung ist der Name, den die Staatsform trägt, nicht von entscheidender Bedeutung. Unter einer Monarchie wie der englischen oder schwedischen kann die Auslese aus breitesten Volksschichten gesichert sein; eine Republik kann dem Aufstieg Begabter schwer zu überwindende Hindernisse in den Weg legen. In der Deutschen Republik kann ein Arbeiter Reichswehrminister, aber noch immer nicht Leutnant werden, weil das Abiturientenexamen für den Leutnantsposten in der Reichswehr unerläßlich, für einen Ministerposten als nicht unbedingt erforderlich betrachtet wird. Tüchtige englische Offiziere gehen fortlaufend aus dem Volke hervor, weil für den Arbeiter, der umsattelt und Soldat wird, Bildungsmöglichkeiten bereitstehen. »Diese Dinge haben«, wie Rathenau einmal von der Korruption sagt, »nicht mit der Form, sondern mit dem Wesen zu tun, sie sind Geisteszüge der Völker, denen sie entspringen.« Wer Rathenau deshalb nicht als echten Demokraten anerkennen will, etwa weil er so die Staatsform in die zweite Linie hinter ihren Geist zurückstellte, der verkennt die Tiefe seiner Überzeugung; er fand nicht Gefallen am bloßen Namen, sondern forderte unermüdlich immer wieder die Sache.

Als besten Apparat zur Auslese politischer Talente erachtete er das Parlament mit Einschluß der politischen Parteien. »Unentbehrlich«, sagt er, »ist Parlamentarismus, weil er eine Auswahl und Schule des Staatsmanns und Politikers ist.« Das ist »der eigentliche Sinn der Volksvertretungen unserer Zeit.« (Von kommenden Dingen S. 326.) Gleichzeitig erfüllen sie noch immer ihre ursprüngliche Funktion als Kontrollapparate, durch die das Volk sein Mitbestimmungsrecht ausübt; wenn auch sehr lückenhaft und unzureichend. Lückenhaft und unzureichend! Daher übernimmt Rathenau die neue Anschauung, die in Frankreich, Amerika und England während des letzten Menschenalters aus Gierkes Genossenschaftsbegriff abgeleitet worden ist, den Rätegedanken: die Anschauung, daß jede Gruppe von Menschen, die gemeinsam eine Funktion ausüben, aus eigenem Rechte handelt, und daß der Staat über solchen Gruppen nur als oberste, zwischen Gruppe und Gruppe vermittelnde Schiedsinstanz steht. Eine Anschauung, an die sich die weitere anschließt, daß bei der Mannigfaltigkeit und Unübersichtlichkeit der Interessen im modernen Großstaat der Einzelne nur durch solche Fachgruppen sein Mitbestimmungsrecht verständnisvoll, unverfälscht und wirksam ausüben kann. Die autonome Aktiengesellschaft, die sich als selbständiges Gebilde von ihren Aktionären gelöst hat, mag Rathenau für diese Vorstellung empfänglich gemacht haben; doch braucht kaum gesagt zu werden, daß der Rätegedanke, den er übernimmt, weit kühner und umwälzender ist, da diese neue Form der Genossenschaft auch dem Staat gegenüber eine weitreichende Selbständigkeit beansprucht, ja in Wirklichkeit ein Staat im Staate sein will.

In seiner im Mai 1919 veröffentlichten Schrift » Der Neue Staat« geht Rathenau davon aus, daß » der rein politische Staatsbegriff seine einzigartige, nie bezweifelte Suprematie im Aufbau der Nationen eingebüßt habe; es ist Raum für neue Gebilde.« (Der Neue Staat S. 269.) Er bezeichnet es als eine »Paradoxie«, daß der moderne Mensch ohne weiteres zugibt, »daß alle seine Fakultäten der Politik untergeordnet sind.« (A. a. O. S. 269.) »Nicht daß ich glaubte, in Zukunft werden diese rein politischen Dinge gänzlich aufhören. Sie werden bestehen neben anderen ... Doch sie werden ihre Vorherrschaft verlieren: nein, sie haben sie schon verloren ... Während der Imperialismus der Herrschenden zum Gipfel stieg, war der Staat längst zur Interessenausgleichstelle, zum Ordnungs- und Verwaltungsmechanismus mit unvollkommener Selbstverwaltung geworden ... Die zentralistischen Denkformen aber blieben bestehen und wurden zum Unsinn.« (A. a. O. S. 270/71.) Heute aber »tritt die Fiktion der zentralen Weisheitsmacht und der parlamentarischen Selbstverwaltung deutlich hervor. Die Fiktion behauptet: auch nachdem die großen Fragen der politischen Politik das Schicksal der Völker nicht mehr beherrschen, muß eine einzige mittelmäßige Körperschaft ... auf allen Gebieten des nationalen Lebens alles Grundsätzliche wissen, verstehen, beurteilen und entscheiden ... Sie muß nicht nur, sie glaubt es auch zu können.« (A. a. O. S. 272ff.) Im Gegensatz zu dieser Fiktion steht die Wirklichkeit. Übereinstimmend mit den meisterhaften Ausführungen des französischen Professors des Staatsrechts an der Universität Bordeaux, Léon Duguit, in seinem Buch » Les Transformations du droit public«, der darlegt, daß die angebliche Souveränität des Staates sich immer mehr in kleine Einzelsouveränitäten von Fachgruppen auflöst, die tatsächlich (weil der Staat gar nicht mehr in der Lage ist, sie wirksam zu überwachen) souverän in den verschiedensten Gebieten des modernen Lebens endgültige Entscheidungen treffen, sagt Rathenau vom modernen Staat: » Er ist schon heute eine Vielheit ideeller Staaten, eine Vielheit von schiefen Kegeln auf gemeinsamer Grundfläche, deren Spitze sich in der parlamentarischen Wolke verlieren. Genau genommen, gibt es neben dem politischen und juridischen Staat den militärischen, den kirchlichen, den Verwaltungsstaat, den Bildungsstaat, den Verkehrs- und Wirtschaftsstaat. Alle diese Staaten sind schon heute selbständig, wenn sie auch in einzelnen richtunggebenden Entschlüssen dem obersten, dem politischen Staat untergeordnet sind. Sie sind fast unabhängig, aber samt und sonders verstümmelt. Denn es fehlt ihnen die Fundamentierung im Boden des Volkes, wenn auch einzelne von ihnen, zumal der kirchliche und der Verwaltungsstaat, gleichsam mit dünnen Luftwurzeln auf örtlichen Selbstverwaltungsgebilden ruhen. Allen wird Volksblut zugeführt lediglich durch die gemeinsame und gänzlich unzulängliche Herzkammer des politischen Parlaments.« (A. a. O. S. 287.) » Zunächst behaupte ich, es ist nötig, daß wir die nebeneinander und ineinander geschachtelten ideellen Staaten voneinander lösen, sie sachlich aufbauen und selbständig hinstellen, einer politischen Spitze freilich untergeordnet. Damit schaffen wir den neuen Staat, den Staat der Zukunft; damit schaffen wir die echte Demokratie.« (A. a. O. S. 289.)

Also weitestgehende Dezentralisation, nicht nach Landstrichen, sondern nach Funktionen: »Eigenstaatlichkeit« nicht des Landes, sondern der Funktion. Erst hierdurch erhält jeder ein wirksames, nicht nur auf dem Papier stehendes Mitbestimmungsrecht bei den verschiedenen wirr durcheinanderlaufenden Angelegenheiten seines Lebens. Rathenau ist allerdings mit diesen Vorschlägen in der neuen deutschen Reichsverfassung, für die er sie vorbrachte, bis auf verkümmerte Überreste, wie Reichswirtschaftsrat und Betriebsräte, ebensowenig durchgedrungen, wie ich etwas früher mit meinen von den gleichen Gesichtspunkten ausgehenden, auf Anregung des damaligen Außenministers Grafen Rantzau ausgearbeiteten Vorschlägen für den deutschen Völkerbundsentwurf, trotzdem sowohl Graf Rantzau selbst, wie auch sein Berater Professor Walther Schücking und der damalige Chef der juristischen Abteilung des Auswärtigen Amts, der jetzige Reichsgerichtspräsident Dr. Simons, im Kabinett dafür mit Nachdruck eintraten. Aber die Entwicklung, die diese Richtung einschlägt, ist nicht mehr aufzuhalten; Symptome sind die neuen Staatsgrundgesetze Rußlands und Italiens, die, obwohl von ganz entgegengesetzt eingestellten Politikern ausgehend, in der Zurückdrängung des regionalen hinter das funktionelle Prinzip übereinstimmen. Es zeigt sich hier der Beginn einer aus der Kompliziertheit und Unübersichtlichkeit des modernen Lebens naturnotwendig hervorwachsenden und daher unwiderstehlichen Gegenbewegung gegen den Nationalismus, welcher Nationalisten sowohl wie Internationalisten sich beugen müssen; und auch Rathenau hat richtig empfunden, daß nur ein funktionell dezentralisierter Staat und eine funktionell gegliederte Welt geeignete Gefäße für die Neue Wirtschaft und die Neue Gesellschaft, die Neue Gemeinschaft der Menschheit sein können. Meine Vorschläge sind 1920 erschienen als » Richtlinien für einen wahren Völkerbund«. Französische, englische, italienische und russische Übersetzungen bald danach.

Der Erfolg der Schriften »Von kommenden Dingen« und »Die Neue Wirtschaft« war sensationell. Nach dem halben Mißerfolg der »Mechanik des Geistes« stellten plötzlich die Auflagenziffern dieser beiden Bücher die der erfolgreichsten Romane in den Schatten. Der ersten Auflage der »Kommenden Dinge« von 5000 Exemplaren im Februar 1917 folgte bereits im März eine weitere von 8000 und im April eine von 11 000 Exemplaren. In etwas mehr als einem Jahre, bis Mitte 1918, wurden von den »Kommenden Dingen« 65 000 Exemplare, von der »Neuen Wirtschaft« gleich im ersten Monat, Januar 1918, 30 000 Exemplare verkauft. Walther Rathenau wurde der am meisten gelesene und am leidenschaftlichsten besprochene deutsche Schriftsteller Diese Ziffern, wie die der früher angegebenen Auflagenzahlen sind der im Reichsamt des Innern von Dr. Ernst Gottlieb mustergültig bearbeiteten Bibliographie der Werke Walther Rathenaus entnommen, die mir vom Verfasser freundlichst zur Verfügung gestellt wurde..

Zurückblickend auf den ganzen Umfang und die Wirkungen der von ihm vorgeschlagenen Reform, sagt er: » Bedeutender sind die Wirkungen dieser Maßnahmen auf das gesamte Gebiet sittlicher, gesellschaftlicher Beziehungen als diejenigen irgendeines anderen Umschwunges, den die neuere Geschichte kennt.« (Von kommenden Dingen S. 149.) Richtig. Wird aber zu diesen Wirkungen auch die gehören, um derentwillen er die ganze Reform gefordert hat: größere Freiheit des Menschen, eine Erweiterung und fortgesetzt fortschreitende Vergrößerung des Spielraumes, innerhalb dessen er seine Seele entfalten kann? Wird sie aus den Millionen bloßer Arbeitstiere der wirtschaftlichen Weltmaschine wieder Menschen machen? Das ist der Prüfstein, den gerade er an jeden politischen, wirtschaftlichen, sozialen Reformvorschlag anlegt: nicht, ob er den Staat stärkt, ob er die Produktion hebt, ob er den Arbeitsertrag gerechter und gleichmäßiger zur Verteilung bringt; alles das ist wichtig, aber nicht entscheidend: entscheidend nur, ob er den Menschen grader, tiefer, seelenvoller, – freier von äußeren und inneren Hemmungen hinstellt.

»Es handelt sich nicht darum,« schreibt er in einem Briefe, »aus den Proletariermassen die ›ungezählten Talente‹ herauszufinden, auch nicht darum, aus Gewerkschaftssekretären Minister zu machen, alles das ist nebensächlich und unschädlich. Aber aus dem, was Sie Mob nennen, sollen Menschen und Gotteskinder werden, trotz aller Schwächen und Laster, die in ihnen stecken mögen, freie Menschen, nicht braves Gesinde und ehrbare Untertanen.« (Briefe Neue Folge. Brief 142 vom 29. XI. 1919.)

Ob ein Gesellschaftszustand erreicht wird, der das gewährleistet, hängt, wie Rathenau selbst hervorhebt, von mehreren Voraussetzungen ab: daß Solidarität und Verantwortungsgefühl sich stark genug erweisen, um ohne den Druck der Not oder den Anreiz des Reichtums die Produktion in Gang zu halten, ja zu steigern; daß diese Steigerung der Produktion der Vermehrung der Bevölkerung dauernd und immer weiter vorauseilt; daß eine neue Gesinnung sich festigt, die die Umstellung dieser vermehrten Produktion vom größten Profit auf den größten Bedarf möglich macht; daß die Demokratie (der »Volksstaat«) stark genug ist, die entstehenden Besitzunterschiede fortlaufend gesetzlich ohne gewaltsamen Umsturz auszugleichen. Worauf Rathenau seine Hoffnung gründet, daß diese Voraussetzungen erfüllbar sind, ist dargelegt worden. Daß sie nur langsam eintreten, und daher die Neue Wirtschaft und die Neue Gesellschaft nur langsam entstehen können, hat er selbst betont. Sind deshalb seine Pläne, ist insbesondere seine »Neue Wirtschaft«, eine Utopie?

Die Entwicklung, die sich in den letzten Jahren vollzogen hat, beweist, wie mir scheint, das Gegenteil: nämlich, daß sie in wesentlichen Punkten nur eine richtige Voraussage waren, die sich, wie er voraussah, langsam, aber Stück für Stück verwirklicht. Ein Ansatz, ein noch nicht voll ausgewachsenes Glied »Neuer Wirtschaft« besteht bereits seit 1919: die Organisation der deutschen Kohlen- und Kaliwirtschaft. Durch die von der Nationalversammlung erlassenen Gesetze vom 23. März und 24. April 1919 ist die Bewirtschaftung von Kohle und Kali Selbstverwaltungskörpern unter Oberaufsicht des Reiches übertragen worden, deren Zusammensetzung und Funktionen etwa denen der von Rathenau vorgeschlagenen »Gewerbeverbände« entsprechen; allerdings ohne Sozialisierung, d. h. ohne direkte oder indirekte Enteignung der Unternehmer, aber mit der Zweckbestimmung, die entscheidend ist, daß diese Verbände keine bloßen Interessenvertretungen sein, sondern die genannten Stoffe »unter Oberaufsicht des Reiches nach gemeinwirtschaftlichen Grundsätzen« bewirtschaften sollen § 2 des Kohlenwirtschafts-Gesetzes vom 23. März 1919, Ausführungsbestimmungen § 47. Ausführungsbestimmungen zum Gesetz über die Regelung der Kaliwirtschaft vom 18. Juli 1919, § 51.. Auf diese Oberaufsicht hat sich das Reich beschränkt und nur noch das Recht einbehalten, die von den Selbstverwaltungskörpern festgesetzten Preise im Interesse der Allgemeinheit herabzusetzen. Die Wirtschaft führen die Selbstverwaltungskörper, an deren Spitze bei der Kohle ein » Reichskohlenrat« steht, in dem Vertreter der Bergwerkbesitzer, der Arbeiter, der Kohlenhändler, der Verbraucher und der Länder beieinandersitzen und das Reich sich durch den Reichswirtschaftsminister vertreten lassen kann. Dieses »Kohlenparlament« leitet die gesamte deutsche Brennstoffwirtschaft, einschließlich Ein- und Ausfuhr, nach gemeinwirtschaftlichen Grundsätzen. Unter dieser parlamentarischen Spitze sind zu Verwaltungszwecken, insbesondere für den Vertrieb der Kohle, sämtliche Bergwerkbesitzer nach Bezirken zu Verbänden, »Kohlensyndikaten«, zusammengeschlossen, und alle Kohlensyndikate wiederum zu einem »Reichskohlenverband«, der das Ausführungsorgan des Reichskohlenrats ist und insbesondere jeweilig die Preise festsetzt. Diese Organisation hat noch bedeutende Mängel, aber die Zusammenfassung der deutschen Montanindustrie zu einem gemeinwirtschaftlichen Selbstverwaltungskörper hat sich der privatwirtschaftlichen Zersplitterung der englischen doch in der Praxis so überlegen gezeigt, daß in England gerade ein konservativer Abgeordneter, Robert Boothby, nach Studium der deutschen Einrichtungen in einer aufsehenerregenden Rede in der Parlamentssitzung vom 10. Februar 1928 eine ähnliche Zusammenfassung und Organisation der in tausend durcheinander regierenden Unternehmungen nach reinen Profitinteressen, ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit geleiteten englischen Kohlenwirtschaft gefordert hat, um diese wieder konkurrenzfähig und als Ganzes verhandlungsfähig zu machen Boothby hat seine Ausführungen wiederholt und präzisiert in einem Artikel in der Londoner »Nation« vom 10. März 1928: »An economic Locarno«..

Ein anderes Stück der von Rathenau vorausgesagten Neuen Wirtschaft ist verwirklicht in dem Reichswirtschaftsrat, der zwar bei seiner Geburt von seinen Geburtshelfern verkrüppelt wurde, aber doch in seinem Wahlkörper, der eine Zusammenfassung von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Konsumenten nach Wirtschaftsgruppen ist, das Skelett einer öffentlich rechtlichen Organisation der ganzen deutschen Wirtschaft darstellt.

Vor allem aber bereitet sich die Neue Wirtschaft in der Konzentration ganzer Industriezweige zu nationalen und internationalen Syndikaten, Kartellen und Trusts vor. Am weitesten sind bei uns, wie oben dargelegt, auf diesem Wege Kohle und Kali; aber andere große Industrien folgen ihnen auf dem Fuß: Eisen und Stahl, Elektrizität, Chemie, indem sie sich zu nationalen Verbänden zusammenschließen, die allerdings zunächst nur Unternehmer und Unternehmerinteressen vertreten, aber unvermeidlich eine gemeinwirtschaftliche Organisation nach sich ziehen werden, – und auch darin dem funktionellen gegenüber dem regionalen Verwaltungsprinzip Vorspann leisten, daß sie aus innerer Notwendigkeit mit ähnlichen funktionellen Gebilden in anderen Ländern zusammenwachsen.

Soweit die praktischen Anfänge »Neuer Wirtschaft!« Sie sind Fingerzeige in die Richtung, die Rathenau angegeben hat. Eine weitere Gewähr, daß er im wesentlichen richtig die Linien der künftigen Entwicklung vorgezeichnet hat, bietet die Übereinstimmung seiner Vorschläge mit denen der einflußreichsten fortschrittlichen Richtungen in den beiden großen europäischen Industrieländern Deutschland und England. Am nächsten stehen seine Pläne allerdings denen des englischen, sogenannten » Gildensozialismus«, der ebenso wie er von vornherein die Freiheit, nicht den Lohn in den Mittelpunkt gerückt und ähnliche Wege zur Freiheit vorgeschlagen hat wie er. Gerade daß er auf menschliche Freiheit und Würde das Hauptgewicht legt, unterscheidet von seinen ersten Anfängen an den englischen Sozialismus vom kontinentalen. Seine Vorläufer und Begründer, Robert Owen, John Ruskin (»Unto this Last«), William Morris (»Signs of Change«), Oscar Wilde (»The Soul of Man under Socialism«), sein bedeutendster Philosoph Bertrand Russell (»Principles of Social Reconstruction« und »Roads to Freedom«) haben immer konsequent daran festgehalten, daß der Mensch als solcher und seine Seele, nicht sein mehr oder weniger großer Anteil am Produkt seiner Arbeit, die Hauptsorge der sozialen Reform oder Revolution sein müsse. Sein ausführlichstes und eigenartigstes Programm hat dieser englische Sozialismus erst kurz vor dem Kriege im »Gildensozialismus« bekommen. Einer der Führer dieser Bewegung, G. D. H. Cole, fragt in seinem Buch » Self Government in Industry« (London 1917, S. 110): »Was ist das Grundübel unserer modernen Gesellschaft? Zwei Antworten sind möglich, und leider bin ich überzeugt, daß sehr viele wohlmeinende Leute die falsche wählen würden. Sie würden antworten: Armut, während die richtige Antwort lauten müßte: Sklaverei ... Armut ist das Symptom, Sklaverei die Krankheit. Gegensätze von Reichtum und Elend ergeben sich unvermeidlich aus dem Gegensatz von Willkür und Unterdrückung. Die Masse ist nicht unterdrückt, weil sie arm ist, sondern arm, weil sie unterdrückt ist. Und doch haben Sozialisten viel zu ausschließlich ihre Augen auf das materielle Elend der Enterbten gerichtet und nicht verstanden, daß dieses materielle Elend die Folge der seelischen Verkrüppelung des Sklaven ist.« Es bedarf kaum des Hinweises, wie nahe diese Worte der Grundanschauung Rathenaus stehen. Und ebenso nahe stehen ihm die Gildensozialisten in ihren Reformplänen. Auch sie wollen eine Gliederung von Wirtschaft und Staat nach » funktionellen« Gruppen. Auch sie für jede Gruppe die Selbstbestimmung innerhalb der Grenzen ihrer Funktion. Auch sie für jeden Interessenkreis daher eine eigene Vertretung unter dem politischen Parlament. Auch sie Berufsverbände und Gewerbeverbände, sogenannte » Gilden«, die die einzelnen Berufe und Gewerbe zu Selbstverwaltungskörpern unter Aufsicht des Staates zusammenfassen. – Diesen Rechten jeder funktionellen Gruppe soll die von diesen untrennbare Pflicht gegenüberstehen, ihre Funktion möglichst vollkommen auszuüben, ihre funktionelle Energie auf das höchste zu steigern und daher allen Fähigkeiten innerhalb der Gruppe den Weg zu öffnen, damit sie ungeschmälert im Sinne der Funktion, der die Gruppe dient, wirken können. – Auf dem Umwege über den Begriff der Funktion gelangt daher der Gildensozialismus zu einer neuen und erweiterten Begründung der menschlichen Freiheit. Der Mensch muß frei sein, nicht bloß ganz allgemein als Individuum, als »Zeitgenosse«, als gleiches unter gleichen Individuen; sondern er muß frei sein auch ganz besonders als tätiges Individuum, als spezifisches und ungleiches unter ungleichen Individuen, als Mitträger einer Funktion, als Glied einer innerhalb der menschlichen Gesellschaft spezifisch wirkenden Gruppe, damit seine Kräfte unvermindert zur Stärkung der Funktion, zur Stärkung der Gruppe bei ihrem funktionellen Wirken beitragen. So ergibt sich ein Begriff der Demokratie, der, weit über das Politische hinausgreifend, alle Gebiete des menschlichen Lebens erfaßt und mit der Zeit verwandeln muß: der Begriff einer die einseitige bloß politische Demokratie ergänzenden allseitigen funktionellen Demokratie, deren Ziel sich knapp in Nietzsches machtvoll aktivistischen Worten präzisieren ließe: » Freiheit sich schaffen zu neuem SchaffenIch entnehme diese Ausführungen größtenteils wörtlich meinem Artikel über »Gildensozialismus« in der Sonntag-Ausgabe der »Vossischen Zeitung« vom 8. August 1920. Begründet wurde der englische Gildensozialismus durch Arthur J. Penty in seinem Buch »The Restoration of the Gild System« (London 1906). Den besten Aufschluß über die gildensozialistischen Pläne und Bestrebungen geben die Bücher von G. D. H. Cole »Self Government in Industry« (London 1917) und »Chaos and Order in Industry« (London 1920); das von S. G. Hobson und A. R. Orage »Nationals Guilds« (London 1919) und das von Bertrand Russell »Roads to Freedom« (London 1918). Deutsch: Cole, »Selbstverwaltung in der Industrie«, übersetzt von Frau Dr. Thesing; Vorrede von Rudolf Hilferding.

Ähnliche Anschauungen haben inzwischen aber auch in der deutschen Sozialdemokratie unter dem Einfluß von Otto Bauer und Hilferding Fuß gefaßt und die früheren staatssozialistischen Pläne in den Hintergrund gedrängt. Ja, die führenden Sozialdemokraten in der Sozialisierungskommission, Kautsky, Hilferding, Lederer, haben in den schärfsten Ausdrücken die Verstaatlichung des Kohlenbergbaus abgelehnt, weil »die Einordnung des Kohlenbergbaus in den normalen Staatsbetrieb mit seiner bureaukratischen Auffassung schwere Hindernisse für eine wirtschaftliche Ausnutzung der Bergwerke bedeuten würde.« (Bericht der Sozialisierungskommission S. 32.) Und das Ziel, das sie verfolgen, formulieren sie in den Worten: » Demokratie in den Betrieben mit einheitlicher Leitung der ganzen Industrie, Ausschaltung des Kapitals als herrschende Macht, Aufbau der Unternehmungs- und Wirtschaftstätigkeit auf den schaffenden Persönlichkeiten.« (A. a. O. S. 35, Mehrheitsbericht.) Grundsätzlich ist eigentlich zwischen ihnen und Rathenau nur der Unterschied, daß die Sozialdemokratie die Eigentümer der sozialisierungsreifen Unternehmungen gegen Entschädigung enteignen will, während Rathenaus Plan praktisch das gleiche zuwege bringt, indem er das Eigentum, allerdings nur allmählich, dafür aber fortlaufend und ohne Entschädigung wegsteuert. Von Rathenaus Gesichtspunkt ist dieser Unterschied aber wesentlich, weil das fortlaufende Wegsteuern von Eigentum und Einkommen jenseits einer niedrigen Höchstgrenze den Unterschied zwischen arm und reich unwiederbringlich aus der Welt schaffen würde, während einmalige Enteignung gegen Entschädigung diesen Unterschied bestehen ließe: die enteigneten Unternehmer könnten ihr Vermögen in nichtsozialisierten Unternehmungen oder im Auslande anlegen. Das Ziel, das Rathenau im Auge hat, ist aber gerade die Beseitigung der Vermögensunterschiede, um jedem gleiche Erziehung und gleiche innere Freiheit, gleichen Zutritt zu den Laufbahnen zu eröffnen; und dieses Ziel ist allerdings nur durch eine entschädigungslose Sozialisierung, wie in Rußland, oder vielleicht noch sicherer auf dem von Rathenau vorgezeichneten Wege zu erreichen.

Die Berührungspunkte zwischen Rathenau und dem englischen Gildensozialismus sowie auch der neuesten Richtung in der deutschen Sozialdemokratie legen die Frage nahe, ob und inwieweit er seine Gedanken von anderen entlehnt hat. Bekanntlich hat einige Zeit vor dem Kriege ein illustriertes Blättchen einen Preis ausgeschrieben für den, der in Rathenaus Werken einen einzigen neuen Gedanken nachwiese, und ist Rathenau unbegreiflicherweise auf den blöden Scherz eingegangen, indem er selbst die Preissumme stiftete. Die Frage war in dieser Form blöde, weil es völlig neue Gedanken wahrscheinlich seit einigen Jahrtausenden schon nicht mehr gibt: das hat bereits vor zwei Jahrhunderten der französische Moralist La Bruyère gesagt. Die Originalität eines Denkers liegt nicht in dem, was er denkt, sondern in der Art, wie er es denkt: in der Form, die er einem Gedanken gibt, in der Anwendung, die er für ihn findet, in der Verbindung, die er zwischen ihm und anderen Gedanken herstellt, vor allem in der Tiefe des Erlebnisses, aus dem er ihn in sich neu gebiert. Und gerade dieses ist bei Rathenau auffallend: die immer wieder bei ihm festzustellende Tatsache, daß er nur das verwerten konnte, was durch ein persönliches Erlebnis sozusagen glühend-flüssig und formbar in ihm geworden war. Eine Weltanschauung, ja, sogar eine wirtschaftliche Konstruktion schien ihm dann erst brauchbar, wenn sie ihm durch ein persönliches Erlebnis bewiesen war. Er selbst betonte das. »Was Menschen sich zu sagen haben, auch wenn es die Form von Meinungen annimmt,« schreibt er an einen Bekannten, » sind Erlebnisse. Dialektik ist kindisch und läßt kalt.« (Brief 96.) Die Auslese durch die Wirklichkeit, die in seinem Falle eine sehr persönliche und erlebte Wirklichkeit sein mußte, siebte für seinen persönlichen Gebrauch und seine Gedankenkonstruktionen den unabsehbaren Stoff, den er in sich trug. Er las in den letzten Jahren wenig und wartete auf das Erlebnis, das wie eine Fliege ins Netz seiner tausend Gedankenfäden hineinfliegen mußte, um ihm einen Griff zu gestatten. Oft lag er lange auf der Lauer, dann klagte er über Unproduktivität, Hoffnungslosigkeit, Leere, saß müde vor dem unfruchtbaren Glitzern seines Innern. Denn er hatte alles in allem wenige Erlebnisse, aber hier und da eins, und das schlug dann auch so in ihn ein, daß der Gedanke, den es traf, nie wieder verlöschte. »Das Gesetz meiner Existenz«, schreibt er an seinen Verleger S. Fischer, »das mir vorschreibt, Gedanken nicht hervorzurufen, sondern ihnen zuzuhören, läßt mich abwarten, ob überhaupt noch Probleme auftauchen, denen ich mich gewachsen fühle.« (Brief 590.) Einem solchen Mann einen Prioritätsstreit anhängen ist so, als ob man einem Landschaftsmaler Mangel an Selbständigkeit vorwerfen wollte, weil ein anderer vor ihm dieselbe Landschaft gemalt hat. Was wichtig ist, ist nicht, ob dieses oder jenes schon einmal vorher gedacht oder vorgeschlagen worden war; auch nicht, daß Rathenau in der »Kriegsgesellschaft« eine neue vorbildliche Form gemeinwirtschaftlicher Unternehmungen erfunden hat: sondern daß gewisse für die künftige Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft wesentliche Wirtschaftsformen durch die Verschmelzung mit seinem inneren Erleben in einen neuen Zusammenhang gebracht, einen neuen Sinn, eine neue Richtung, eine neue Stoßkraft bekamen. Es ist hier wie mit dem Unterschied, den er selbst in seiner Antwort an einen Rabbiner zwischen Altem und Neuem Testament macht (Brief 307.) Er gibt zu, daß die meisten Gedanken im Neuen Testament nicht neu, sondern auch im Alten zu finden sind; nur ist im Alten Testament ihre Rangordnung anders, und » auf diesen Gradunterschied der Betonung und Wesentlichkeit kam es mir an.« Dadurch, daß in Rathenaus Schriften über allen Gedanken und Vorschlägen das Erlebnis der »Seele« wie ein Licht schwebt, daß als Ziel menschliche Freiheit, als Zweck nicht der Staat, nicht die Wirtschaft, nicht irgendein materieller Vorteil für irgend jemanden, sondern der Mensch, der Mensch schlechthin, festgehalten wird, entsteht zwischen seinem System und anderen, die ähnliche Gedanken oder Vorschläge enthalten, » ein Gradunterschied der Betonung und Wesentlichkeit«, der die wirkliche Originalität Rathenaus ausmacht. Er ist der Mann, der in der Wirrnis zielloser Zivilisation, eng auf Interessen begrenzter Konflikte, gegen die politischen Parteien, gegen seine eigenen Berufsgenossen, gegen sein eigenes böseres Ich, aber gerade deshalb mit Fanatismus, mit Pathos, die Fahne des Menschen, die Fahne des Gottesreiches, das in jeder Menschenseele ruht, die Fahne, auf der geschrieben steht: »In diesem Zeichen wirst du siegen!« entrollt hat.

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