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Walther Rathenau

Harry Graf Kessler: Walther Rathenau - Kapitel 10
Quellenangabe
authorHarry Graf Kessler
titleWalther Rathenau
publisherRheinische Verlags-Anstalt
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Kapitel VII.
Der Weg zum Abgrund

»Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt,« schreibt Rathenau 1909 in einem in der Weihnachtsnummer der Neuen Freien Presse erschienenen Aufsatz, »leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents.« Zu diesen dreihundert gehörte er. Vierundachtzig großen Unternehmungen stand er zu gleicher Zeit als Mitglied des Aufsichtsrates oder Direktor nah. Im Mittelpunkt seiner Tätigkeit die A. E. G., die, wie er 1907 schrieb, damals in Europa »unbestreitbar die größte Kombination wirtschaftlicher Einheiten unter einer zentralisierten Führung und Durchgestaltung« war. Mit ihren zahlreichen Unternehmungen und Tochtergesellschaften, nicht nur in Deutschland, sondern auch in England, Spanien, Italien, Rußland, der Schweiz, Südamerika, wuchs sie unter Emil Rathenaus expansiver und sicherer Leitung von Jahr zu Jahr; und Walther Rathenau war dabei seines Vaters rechte Hand. Aber auch außerhalb und neben der A. E. G. hatte er noch zahlreiche andere Unternehmungen, an deren Gründung und Leitung er hervorragend beteiligt war: Elektrochemische Werke, die zum Teil seine eigenen Erfindungen und Patente verwerteten, Verkehrsunternehmungen in Städten, Automobilwerke, Baumwollspinnereien, die Gruben und Stahlwerke des Fürsten Donnersmarck, auf dessen Wunsch er in ihren Aufsichtsrat eingetreten war. Aus einer Aufstellung, die ich seinem Sekretär Hugo Geitner verdanke, ist ersichtlich, daß er insgesamt im Laufe der Jahre bei 86 deutschen und 21 ausländischen Unternehmungen leitend tätig war. Auf das Ausland entfielen: Italien 6, Schweiz 6, Südamerika 2, Spanien 2 Unternehmungen und je eine auf Afrika, Finnland, Frankreich, Österreich und Rußland. Von den deutschen Gesellschaften (Aktiengesellschaften, Gesellschaften mit beschränkter Haftung und Studiengesellschaften) entfallen auf:

1. Elektrizität und verwandte Gebiete
24
2. Metallindustrie
10
3. Bergbau usw.
8
4. Bahnen – Kleinbahnen
8
5. Chemie
7
6. Telegraphen und Kabel
6
7. Banken, Trust Gesellschaften
5
8. Spinnereien – Webereien
4
9. Luftschiffahrt
3
10. Glasindustrie
2
11. Walzwerke
1
12. Kali-Industrie
1
13. Waggonbau
1
14. Automobilfabriken
1
15. Werften
1
16. Papierfabriken
1
17. Keramische Industrie
1
18. Edelstein-Industrie
1

Als besonders wichtige und große Unternehmungen sind unter diesen hervorzuheben, außer der A. E. G., der Berliner Handelsgesellschaft und der Bank für elektrische Unternehmungen in Zürich, folgende:

zu 1. (Elektrizität und verwandte Gebiete)
Berliner Elektrizitäts-Werke,
Felten & Guilleaume, Köln
Elektrizitäts A.-G., vorm. Lahmeyer & Co., Frankfurt a. M.,
Osram G. m. b. H., Kommandit Ges., Berlin
Schlesische Gas- und Elektrizitäts A.-G., Gleiwitz,
Deutsch-Überseeische Elektrizitäts-Ges., Berlin;

zu 2. (Metallindustrie)
Metallbank und Metallurgische Ges., Frankfurt a. M.,
Gebr. Körting, Hannover,
Ludw. Loewe & Co., A.-G., Berlin,
Glockenstahlwerke vorm. Rich. Lindenberg A.-G., Remscheid,
Mannesmannröhrenwerke, Düsseldorf;

zu 3. (Bergbau usw.)
Schlesische Zinkhütten (Donnersmarck),
Internationale Kohlenbergwerks-Gesellschaft, Köln,
Braunkohlen- und Brikett-Industrie A.-G., Berlin,
Hohenlohewerke A.-G.;

zu 4. (Bahnen – Kleinbahnen)
Allgemeine Lokalbahn und Kraftwerke A.-G., Berlin;

zu 5. (Chemie)
Th. Goldschmidt A.-G., Essen,
Rütgerswerke A.-G., Berlin,
Permutit A.-G., Berlin,
Elektrochemische Werke G. m. b. H., Bitterfeld;

zu 9. (Luftschiffahrt)
Deutsche Luftreederei, Berlin;

zu 10. (Glasindustrie)
Vereinigte Lausitzer Glaswerke A.-G., Weißwasser-Berlin;

zu 12. (Kali-Industrie)
Actiengesellschaft Thiederhall, Thiede;

zu 13. (Waggonbau)
Linke-Hofmann-Lauchhammer A.-G., Berlin;

zu 14. (Automobilfabriken)
N. A. G., Berlin;

zu 15. (Werften)
Deutsche Werft, Hamburg.

Von ausländischen Gesellschaften, denen er seine Tätigkeit gewidmet hat, wären besonders hervorzuheben:

Otavi-Minen (Afrika),
Officine Elettriche Genovesi, Genua,
Unione Tramways Elettrici, Genua,
schließlich die beiden großen elektrischen Bahnen in Valparaiso und Santiago.

Zu den laufenden Geschäften dieser zahlreichen Unternehmungen kam von Zeit zu Zeit noch irgendeine gewaltige Transaktion, wie sie die beginnende Konzentrationsperiode in der Großindustrie mit sich brachte, so die Fusion der A. E. G. mit Union, der A. E. G. mit Felten & Guilleaume, der A. E. G. mit Lahmeyer, die er alle drei durchführte. Alles das bedingte tägliche Verhandlungen, Einzelbesprechungen, Sitzungen, Versammlungen, Fabrikbesichtigungen, eine gewaltige Korrespondenz, deren Registratur viele Bände füllt, viele Reisen, am häufigsten an den Rhein, nach der Schweiz und Italien. Eine besondere Art hatte Walther Rathenau bei Fabrikbesichtigungen, die ihm einen nicht bloß oberflächlichen, sondern ganz intimen Einblick in die technischen und kaufmännischen Vorgänge sicherte: er setzte sie plötzlich und überraschend an und führte sie dann genau bis in kleine Einzelheiten durch. In seinem noch vorhandenen Tagebuch über die Jahre 1911-1914 kehren auf jeder Seite wie die Wochentage im Kalender die Namen der großen Wirtschaftsführer jener Jahre wieder: Carl Fürstenberg, Fürst Henckel, Franz von Mendelssohn, Salomonsohn, Paul von Schwabach, F. von Guilleaume, Krupp-Bohlen, Eberhard von Bodenhausen, Klöckner, Ballin, Hagen, Stinnes. Nicht lockerer, sondern immer dichter wird das Netz zweckhafter Beziehungen. Aber von Tag zu Tag erweitert sich auch Rathenaus Anschauung von den wirklichen Vorgängen bei der weltwirtschaftlichen Fabrikation und Verteilung. Schon die in einer bescheidenen Provinzfabrik, in Bitterfeld, geschriebene »Physiologie der Geschäfte« bekundete, wie scharf und gescheit er sogar aus einem Winkel das Wirtschaftsleben zu beobachten und durchschauen wußte. Jetzt steht er in einem Mittelpunkt und kann das Bild täglich, fast stündlich durch neue Züge bereichern. Er bekommt von der Leitung aus eine Übersicht über den Mechanismus, über alle seine Räder und Transmissionen, über die Kräfte, die ihn treiben, die Reibungen, die ihn hemmen, wie sie nur ganz wenige sich verschaffen können, und eine noch kleinere Zahl zu erfassen die Phantasie und die physische Ausdauer hat. Er kennt die ganze europäische Produktions- und Verteilungsmaschine wie ein Rennfahrer seinen Motor, den er Stück für Stück auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt, auf guten und auf schlechten Wegen ausprobiert, bei jedem Wetter gesteuert hat. Er kennt jedes Rädchen, jede Feder, jede Röhre, weiß, wie und unter welchen Bedingungen er am sparsamsten und sichersten arbeitet, welche Leistungen man von ihm verlangen kann, welche nicht.

Er kennt auch seine Fehler: die, die verbessert werden könnten, und die, die ihm sozusagen einfabriziert, und daher nicht zu verbessern sind. Vor allem auch die Schwächen, die die politische Konstruktion der Maschine Europa zur Folge hat; und unter diesen die besonderen Schwächen des Teilstücks Deutschland. Ein beispielloser wirtschaftlicher Aufstieg hatte Deutschland in wenigen Jahren zur drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt gemacht; ein fast ebenso erstaunlicher politischer Abstieg es in denselben Jahren vom ersten Platz unter den Großmächten in eine Außenseiterstellung gedrängt. Eine leichtsinnige Politik, die allerlei Liebhabereien und plötzliche Einfälle für Staatsnotwendigkeiten erklärte, – die zur gleichen Zeit England mit der Flotte, Frankreich in Marokko und Rußland durch ein blindes Eintreten für Österreich beunruhigte, – hatte – vom Russisch-Französischen Bündnis über die Englisch-Französische Entente – auf der Konferenz von Algeciras Anfang 1906 zu einer Niederlage geführt, die noch verschleiert, doch das erste unverkennbare Symptom der erschütterten Weltstellung Deutschlands war. Die deutsche Regierung antwortete auf das Wetterzeichen nicht durch Änderung ihres Kurses, sondern durch Reden und Rüstungen; und als der Reichstag Schwierigkeiten machte, durch Reichstagsauflösung, die Gelegenheit bot zu mehr Reden und mehr Rüstungen. Die Wahl vom 5. Februar 1907 warf die Sozialdemokratie zu Boden, überzeugte das Zentrum von der Richtigkeit des Regierungskurses und machte so die Bahn frei, die von Seitensprung zu Seitensprung und von Flottenvorlage zu Flottenvorlage zum Weltkrieg führte. Acht Tage nach der Wahl, am 12. Februar 1907, griff Rathenau in einem Artikel: » Die neue Ära« im »Hannoverschen Courier« zum erstenmal öffentlich in die Politik ein. Dieser Artikel ist nicht bloß als erste politische Kundgebung Rathenaus, sondern auch deshalb beachtenswert, weil er das politische Kräftespiel grundsätzlich anders sieht als die damals leitenden deutschen Politiker. Er geht davon aus, daß die richtige Methode in der Politik die ist, » die Dinge naturgeschichtlich zu betrachten und unter Ausschaltung kleinerer Momente die Bilanz der Hauptkräfte und ihrer Abwandlungen zu ziehen. Denn Naturkräfte und Massenzustände sind stärker als Menschen, Kombinationen und Wünsche«. Als der wesentlichste Machtfaktor unter allen Machtfaktoren, die die internationale Geltung eines Landes bestimmen, galten damals allgemein seine effektiven Rüstungen, die Zahl der kampfbereiten Truppen, Kanonen, Panzerschiffe, die es in kurzer Zeit in die Wagschale werfen konnte. Rüstungen waren daher die Hauptsorge des Kaisers und der Regierung. Der damalige Reichskanzler Fürst Bülow formuliert in seiner »Deutschen Politik« (S. 20) seinen Leitgedanken als Reichskanzler mit den Worten: » Den Bau einer ausreichenden Flotte zu ermöglichen, war die nächstliegende und große Aufgabe der nachbismarckischen deutschen Politik.« Rathenau aber erwähnt in seinem Artikel bei der Aufzählung der Kräfte, die die internationale Stellung eines Landes bestimmen, Rüstungen bis auf eine knappe, fast verletzend ironische Verbeugung vor den neuen Panzerkreuzern überhaupt nicht; indirekt aber spricht er ihnen einen entscheidenden Wert ab, indem auch Kriege heute keine Entscheidung herbeiführten. » Daß neuere Kriege nicht mehr durch Einzelkämpfe der Heroen wie zu Homers Zeiten (statt ›Heroen‹ lies ›Panzerkreuzer‹), noch durch gedrillte Grenadiere entschieden werden, ist uns geläufig. Der Kriegsgott unserer Tage heißt wirtschaftliche Macht ... Aber auch Kriege entscheiden nur selten. Die Völker sind nicht mehr gute Feinde, sondern böse Konkurrenten, und das Mühlenspiel der äußeren Politik strebt nach Stärke der Situation, nicht nach Katastrophen. In diesem Spiel aber hat jeder so viel Steine als seine wirtschaftliche Kraft ihm leiht, und so zeigt sich heute mit höchster Deutlichkeit, was unbemerkbar zu allen Zeiten gegolten hat: daß eine Nation nach außen genau so viel Terrain gewinnen und beherrschen kann, als ihrer inneren Schwerkraft an moralischen, intellektuellen und wirtschaftlichen Werten entspricht.« Also nicht Rüstungen, sondern moralische, intellektuelle und wirtschaftliche Kräfte sind die entscheidenden Mittel der internationalen Politik geworden. Grundsätzlicher konnte man die damalige deutsche Politik, die zwar gewiß den Frieden wollte, aber das rücksichtslose Aufrüsten als ihren Hauptbeitrag zu seiner Wahrung betrachtete, nicht ablehnen als dieser in der Form vorsichtige, in der Sache die Politik des Kaisers ins Herz treffende Artikel. Darin unterscheidet er sich von der in der Form viel schärferen, in der Sache nicht eigentlich grundsätzlichen Kritik, die damals Harden Woche für Woche in der »Zukunft« an der kaiserlichen Politik übte. Rathenaus Methoden und Gesichtspunkte sind von vornherein die des 20. Jahrhunderts, Hardens wie die der damaligen deutschen Regierung noch immer die des 19. Das ist vielleicht der sachliche Grund, der neben vielen persönlichen, Hardens Endurteil über Rathenau als Außenminister bestimmte: daß dieses Amt »fast das einzige« gewesen sei, »für das ihm alle Vorbedinge, Wissen, gradlinig schlichte Sachlichkeit, Psychologie, Staatsmannsvoraussicht, mitleidende, bang und froh mitatmende Liebe zum Volk, fehlten.« (Nachruf in der »Zukunft« vom 8/22. Juli 1922.) Wahrscheinlich auch einer von den Gründen, die Rathenau, nachdem er zur Macht gelangt war, hinderten, Harden einen Posten anzuvertrauen. Von den bürgerlichen Parteien aber hat damals keine sich grundsätzlich von diesen veralteten und irreführenden Methoden und Urteilen befreit. Wie fern Rathenaus Anschauungen, die aus seiner präzisen Kenntnis des internationalen Kräftespiels stammten, allen damals maßgebenden deutschen Politikern lagen, zeigt, daß trotz ungeheurer Aufwendungen für Heer und Marine, nicht die geringsten Vorbereitungen wirtschaftlicher Art für den Krieg getroffen wurden, so daß erst Rathenau selbst nach Kriegsausbruch eingreifen mußte, um die wirtschaftliche Rüstung nachzuholen.

Aber die erste politische Kundgebung Rathenaus ist auch noch sonst bemerkenswert. Denn ihre eigentliche Spitze richtet sich gegen das halb-absolutistische kaiserliche System und die Bevorzugung des Adels, fordert Zulassung Bürgerlicher zu den einflußreichen Staatsstellungen, Bildung einer großen bürgerlichen liberalen Partei, Konstitutionalismus. Die erste russische Revolution hat soeben mit einer Kapitulation des Zarentums geendet, die Republik in Frankreich ist durch die Niederlage der klerikalen Reaktion im Dreyfuß-Prozeß auf linksradikaler Basis gefestigt. » Das politische Klima Europas«, schreibt Rathenau, » scheint sich ein wenig zu ändern. Im Osten versiegt ein kühlender Behälter des Absolutismus, im Westen trocknet eine klerikale Niederung. Man wird die Frage vernehmen müssen, welche Kulturgründe es rechtfertigen, daß Deutschland absolutistischer als fast alle zivilisierten Länder und klerikaler als die meisten katholischen Staaten regiert wird? Deutschland ist nicht mehr das Land der Träumer und Professoren. Der wirtschaftliche Weltkampf zeigt die Deutschen im Erfolge an dritter, intellektuell an erster Stelle. Es wird schwer zu motivieren sein, – auch vor dem Auslande, das uns respektieren soll, – daß dem Deutschen soviel weniger konstitutioneller Einfluß bei seinen Staatsgeschäften gegönnt ist als dem Schweizer, dem Italiener, dem Rumänen. Das Thermometer des Kontinents zeigt heute auf »Selbstverwaltung«, und es kann bei uns nicht auf lange Zeit ein Separatklima erhalten bleiben ... Nicht Ackerbau, nicht Feudalismus, noch auch der katholische Klerus schaffen uns die enorme Zunahme wirtschaftlicher Werte, deren unsere wachsende Bevölkerung bedarf; die bürgerliche Intelligenz schafft sie. Diese aber ist heute politisch zersplittert, gesetzgeberisch wenig bedeutend und als Regierungsfaktor Null ... Über lang oder kurz müssen die neuen Kraftkomponenten zusammenwirken: die Liberalisierung Europas, das wiedererwachende Interesse an konstitutionellen Fragen, die äußere politische Spannung und das Zurückweichen überlebter Phantome. Und es wäre wohl denkbar, daß die resultierende Kraft eine bürgerliche nationale Bewegung auslöste, an Stärke etwa der agrarischen Bewegung vergleichbar, die unserer Handelspolitik die Richtung gewiesen hat und jetzt zu einer gewissen Sättigung gelangt ist. Eine solche Bewegung würde den konstitutionellen Gedanken des Liberalismus aufnehmen und doch, ähnlich wie in England, nicht regierungsfeindlich, sondern geschäftlich-positiv in der Richtung der Landesinteressen wirken. Sie würde mit größerer Entschiedenheit als die rechte Seite unserer Mittelparteien eine Beteiligung an der Regierung fordern, und innerhalb dieser die bürgerlichen Interessen gegenüber feudalen, einseitig agrarischen und orthodoxen vertreten ... Sie würde die Modernisierung des Staatsbetriebes unterstützen und die äußere Geschäftsführung, sei es in kolonialen, sei es in Großmachts-Aufgaben, weitsichtig auffassen. Eine bürgerliche Evolution dieser Art kann das Land auf die Dauer nicht entbehren

Bülow, der für seinen soeben aus der Wahlschlacht siegreich hervorgegangenen klerikalen Flottenblock einen liberalen Anstrich wünschte, und in Walther Rathenau wahrscheinlich nichts weiter sah als einen liberalisierenden, dilettierenden, in einigen Salons der Hofgesellschaft ganz gut eingeführten jungen Millionär, ließ ihn sich kommen und bot ihm an, den Kolonialsekretär Dernburg als dessen rechte Hand auf seiner Inspektionsreise nach Afrika zu begleiten. Rathenau nahm den Antrag an und kam so zum erstenmal in eine offizielle Stellung. Reizvoll wäre es zu wissen, was sich der Auftraggeber und der Auftragnehmer, der damalige und der künftige deutsche Außenminister, als sie sich zum ersten Male amtlich gegenübersaßen, gesagt haben. Jeder hielt den andern zweifellos für einen Dilettanten, der Kanzler Rathenau und Rathenau den Kanzler. Beide waren große Sprechtalente, voller Glanz, mit Zitaten, Aphorismen, Bildern um sich werfend, beide Zyniker in dem Sinne, daß sie immer den, mit dem sie gerade sprachen, nicht sehr hoch schätzten, doch etwas fürchteten; und durch eine sorgfältig verhüllte Verachtung ihre innere Sicherheit stärkten. Leider ist über dieses historische Gespräch nichts erhalten. Und aus dem Auftrag selbst ergab sich unmittelbar nichts von Bedeutung. Rathenau begleitete Dernburg, der wahrscheinlich einen christlichen Begleiter vorgezogen hätte, zweimal, 1907 und 1908, nach Afrika, hatte, wie aus seinen Briefen hervorgeht, Freude an der großen afrikanischen Landschaft und wird sein Abhängigkeitsverhältnis manchmal peinlich empfunden haben. Die beiden Reisen waren mehr oder weniger angenehme Ferien, die Rathenau nichts eintrugen, seine übrige Tätigkeit unterbrachen, im übrigen nicht beeinflußten.

Mittelbar allerdings lenkten sie in erhöhtem Maße seine Aufmerksamkeit auf England und das deutsch-englische, damals schon zur Sorge berechtigende Verhältnis. Nach der Rückkehr von seiner zweiten Reise 1908 überreichte er Bülow eine Denkschrift » Über Englands gegenwärtige Lage«, die, wie die Zeit gelehrt hat, Englands Haltung und die Auswirkungen der deutschen Flottenpolitik ohne die damals üblichen Illusionen richtig kennzeichnet. Zu Anfang skizziert die Denkschrift die Fundamente der gehäuften Macht Englands, schildert dann ausführlich die Gefahren, die dieses Fundament, Englands industrielle und koloniale Vorherrschaft, bedrohen und zeigt, wie »beide Sorgen, die industrielle und die koloniale, den Blick der Nation nach Deutschland hinüberlenken ... Man blickt von außerhalb in den Völkerkessel des Kontinents und gewahrt von stockenden Nationen eingeschlossen ein Volk von rastloser Tätigkeit und enormer physischer Ausdehnungskraft. 800 000 neue Deutsche jährlich! Jedes Jahrfünft eine zusätzliche Bevölkerung nahezu gleich der von Skandinavien oder der Schweiz! Und man fragt sich, wie lange das blutarme Frankreich dem Atmosphärendruck dieser Bevölkerung standhalten könne. – So verkörpert und verörtlicht sich jede englische Unzufriedenheit im Begriff Deutschland ... Es wäre schwächlich und oberflächlich, wollte man glauben, daß kleine Freundlichkeiten, Deputationsbesuche oder Preßmanöver Unzufriedenheiten stillen können, die aus so tiefen Quellen fließen. Nur unsere Gesamtpolitik ist imstande, England wenigstens diesen Eindruck zu verschaffen, daß von Deutschlands Seite aus keine Verstimmung, keine Furcht, kein Expansionsbedürfnis und keine Offensive besteht.« Bekanntlich bestand diese Gesamtpolitik darin, mit Hilfe des neuen Reichstags den Flottenbau zu beschleunigen, den Streit mit Frankreich über Marokko zu pflegen, durch ein faktisches Protektorat über die Türkei Rußland England in die Arme zu treiben, und von Zeit zu Zeit Eduard VII. durch einen kaiserlichen Witz, den liebende Verwandte gern überbrachten, oder durch einen kaiserlichen sauer-süßen Brief auch persönlich zu verstimmen.

Aber Rathenau lehnte es im Gegensatz zu Harden ab, für den Abstieg Deutschlands den Kaiser allein verantwortlich zu machen, sondern sah neben diesem als zweite tiefere Ursache des schnellen Abwirtschaftens das preußisch-deutsche Regierungssystem, das die Auslese von Talenten für den Staatsdienst durch die allzu starke Bevorzugung einer kleinen Anzahl von Familien in verhängnisvoller Weise behinderte. In seiner Antwort an einen Herrn von N. in » Staat und Judentum« (S. 199) sagt er: »Ein Volk von 65 Millionen Menschen kann verlangen, daß die führenden Stellen im Staatswesen von allerersten Talenten, die verantwortlichen Stellen von befähigten Spezialisten besetzt werden. Tausend herrschende Familien können selbst bei hoher und spezialisierter Begabung weder an Zahl noch an Beschaffenheit den gewaltig gesteigerten Verbrauch an Verwaltungskräften decken. Kein gerecht denkender Mensch wird diesen Familien ihre Verdienste zu schmälern, ihre entschiedene Mitwirkung bei den höchsten Staatsaufgaben zu beseitigen wünschen. Wollen sie aber dauernd die Staatsmaschine monopolisieren, so werden die Verhältnisse sich stärker erweisen und diejenigen Abhilfen eintreten lassen, die den widerspenstigen Konservativismus Preußens schon mehrmals, wenn auch in hartem Anstoß, zurechtgerückt haben, und die man demgemäß sehr wohl als Fügungen bezeichnen durfte«. Immer wieder wies er in Schriften, Gesprächen, Briefen auf die gefährlichen Wirkungen dieser willkürlich eingeschränkten Auslese hin. In der »Kritik der Zeit« (1911, S. 121) läßt er sich ausführlich über diesen Punkt aus. Hier seien nur folgende Sätze zitiert: »Obwohl der preußische Adel die Kraft bewährt, aus kleiner Menschenzahl viele und bedeutende Talente zu prägen, ist seine Veranlagung nicht eigentlich intellektuell. Seine großen Vorzüge beruhen auf einem unbeirrbaren Sinn für das Ehrenhafte, einem scharfen Blick für das Praktisch-Nützliche, auf Mut, Ausdauer und Genügsamkeit ... In dem Maße, wie die mechanistische Weltwirtschaft ganze Gebiete der Staatsverwaltung in reine Geschäftsbetriebe verwandelte, der Wechsel der Anschauungen und Aufgaben ein tägliches Umlernen, ein beständiges Erfinden forderte, zeigte es sich, daß der vorzüglichste Menschendurchschnitt nicht immer ausreichen konnte zur Lösung vorgangsloser Aufgaben und zur Konkurrenz gegen die stärksten Talente des Auslandes. Denn inzwischen war im Auslande, bewußt oder unbewußt, die Erkenntnis durchgedrungen, daß oberste Verantwortlichkeiten nur von entschiedenen Talenten getragen werden dürfen, und daß es für Millionenstaaten keine Entschuldigung gibt, wenn diese Talente nicht aufgefunden werden. So haben sich ohne Zutun der Gesetzgebung als Folge einer freieren Praxis in jenen Staaten selbsttätig wirkende Selektionsmethoden von größter Verschiedenheit herausgebildet, die aber alle darin übereinstimmen, daß sie die Talente des Landes aus den Millionen der Mindergeeigneten aussieben, an die Oberfläche tragen und den Verantwortungen zuführen, für die sie von Natur bestimmt sind. Solche selbsttätige Selektionsmethoden zu erläutern, ist hier nicht der Platz; es genügt zu bemerken, daß Preußen sie nicht kennt, und somit darauf angewiesen ist, aus hundertfach kleinerem Material nach veralteter Übung die Rekrutierung seiner ersten Geschäftsführer vorzunehmen. So fällt denn die doppelt erschwerte Aufgabe der Entdeckung höchster Begabungen drei königlichen Kabinetten zu, und es kann kommen, daß bei gesteigerten Ansprüchen an Vermögen, Herkunft, Repräsentation und Glanz der Persönlichkeit die schwersten Verantwortungen in Krieg und Frieden nicht immer auf den stärksten Schultern ruhen.« An den damaligen Botschaftsrat von Lucius schrieb er 1912: »Die aristokratische Besetzung der Staatsämter ist nicht das, was mich in erster Linie besorgt macht, sondern der Mangel einer selbsttätigen Auslese. Aus welchen Gesellschaftsschichten sich tüchtige Leute rekrutieren, ist mir vollkommen gleichgültig. Nötig aber ist, daß eine Garantie dafür besteht, daß nur die Geeignetsten – und diese in möglichst großer Zahl – die Verantwortung tragen.« (Brief Nr. 77.) Dem Rittmeister von Müffling antwortet er im Kriege (1917): »Ich glaube, daß politische und verantwortliche Aufgaben im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte immer schwerer und verwickelter werden und dementsprechend immer höhere Begabungen erfordern, denen Erblichkeiten in immer geringeren Maße Genüge zu leisten vermögen ... Begabung gehört zu den Vorzügen der Erblichkeit meiner Auffassung nach nicht. Sie muß dauernd aus einem gesunden Volke regenerieren. Mangel an verfügbarer Begabung und überwiegende Stützung auf erbliche Eigenschaften hat zu der Politik der letzten dreißig Jahre und zu der Notwendigkeit der Konflikte geführt.« (Brief Nr. 244.) Am klarsten aber ist diese Anschauung formuliert in Rathenaus während des Krieges erschienenem Buche »Von kommenden Dingen« (S. 344): » Richtkraft und Stoßkraft, die beiden Hauptwaffen im Daseinskampf der Nationen, sind Sache der Völker. Nicht Geschlechter noch Kasten können diese Kräfte verleihen, denn der Wettkampf fordert, daß die Gesamtheit aller verfügbaren Menschenkräfte aufgerufen werde, um ihr ganzes Besitztum an Geist und Willen zu steuern. Richtkraft ergibt sich als Destillat aller erschwingbaren Gedanken, Stoßkraft als Aussonderung aller erreichbaren menschlichen Genialitäten. Die Beschränkung beider Kräfte auf einen begrenzten Kreis von wenigen hundert oder tausend Seelen bedeutet eine freiwillige Verarmung des Geistes und Willens, an der ein Volk stirbt, wenn seine Nachbarn ihren vollen Besitz ihm entgegenstellen. Ein Volk von Millionen ist metaphysisch verpflichtet, zu jeder Zeit und auf jedem Gebiet eine starke Willensrichtung und eine Vielheit höchster Begabungen zu erzeugen; geschieht das nicht, oder werden diese Kräfte durch Einseitigkeit, etwa des Erwerbstriebes oder der Technik oder des Müßigganges abgelenkt, oder werden sie aus politischer Indolenz und Verantwortungslosigkeit nicht aufgefunden, so hat das Volk sich sein Urteil gesprochen

Es ist daher nicht verwunderlich, daß Rathenau schon früh einen noch tieferen Pessimismus empfand als den schon damals üblichen; aus dem Zusammenwirken von zwei so verhängnisvollen Ursachen wie der anormalen Geistesverfassung des Kaisers und der mangelhaften Auslese für den Staatsdienst, folgerte er die Unvermeidlichkeit einer Katastrophe. Schon im Herbst 1906 erwiderte er mir auf meine Worte: »die Mißwirtschaft dauere schon so lange, daß man anfangen könne zu hoffen, sie werde ohne Katastrophe ablaufen.« »Sie irren sich, eine Bank wie die Deutsche Bank kann fünf Jahre von gänzlich unfähigen Direktoren geleitet werden, ohne daß draußen jemand etwas merkt; aber dann wird allmählich der Abstieg beginnen. Bei einem Staat wie Deutschland kann ein Mißregiment vielleicht zwanzig Jahre ohne großen Schaden dauern; dann melden sich aber plötzlich überall die Folgen.«

 

Nach der zweiten afrikanischen Reise war Rathenau bis zum Kriege nicht wieder amtlich tätig. Der Umfang seiner Beschäftigung bei der A. E. G. und den Dutzenden von anderen Unternehmungen nahm ständig zu; gleichzeitig aber auch seine literarische Tätigkeit. 1908 sammelte er, wie um aufzuräumen, eine Anzahl von Aufsätzen und Aphorismen, die in der »Zukunft« anonym oder unter Pseudonymen wie W. Hartenau, Walther Michael, Renatus, Ernst Reinhart erschienen waren, in einem mit seinem Namen gezeichneten Bande » Reflexionen«. Das Buch erschien als bibelartiger Riesenquartband auf kostbarem Papier in Zweifarbendruck; seine pomphafte Ausstattung machte viele irre, die es deshalb für die Laune eines Millionärs hielten. Die Aufmachung wies allzu deutlich auf den Wohlstand des Verfassers und seine Schätzung seines Werkes hin. Ich erinnere mich des Eindrucks; er war nicht günstig. Man las nicht, – oder nur flüchtig, – und lächelte. Vielleicht beginnt von diesem Zeitpunkt die kaum greifbare, selten ausgesprochene, immer fühlbare, leise Geringschätzung, die Rathenau wie eine leichte Wolke umgab, sein Bild für die meisten trübte, und ihm so bitter weh und unrecht tat. Denn ihm, der so gern eine Wand zwischen sich und andere zog, war das Heraustreten aus seiner Anonymität nicht leicht geworden; er hatte Wertvolles, sein Allerbestes gegeben, und der Erfolg war, er wurde unbesehen, lächelnd und spöttisch abgelehnt. Einige Jahre später, nachdem er schon sein drittes Buch veröffentlicht hatte, faßt er in einem Brief an einen Freund, die Haltung der Welt zu seinen Arbeiten in die Worte zusammen: »Sie wollen über das Buch schreiben? Lieber, ich warne Sie. Wenn Sie nicht in das abgestempelte Urteil einstimmen, das lautet: › geistreich, kühl, Dilettant auf sechzehn Gebieten, leidlicher Kaufmann‹, so werden Sie ausgelacht. Die Leute wollen mich so haben, und ich bin zufrieden, wenn sie mich als unschädlichen Narren gewähren lassen. Sie fragen mich: ›Wo finden Sie nur Zeit für solche Allotria?‹ und wenn ich ihnen sagte, daß das mein Leben ist, so würden sie zum Arzt schicken. Seien Sie vorsichtig, lieber Freund, es gehört nicht zum guten Ton, mich gut zu behandeln.« (Brief 65, 20. I. 1912.)

Das war der Augenblick, wo die Tragik Rathenaus sozusagen aus ihm heraustrat; die Doppelheit seiner Natur, die ihn bis dahin innerlich zerfleischt hat, wird plötzlich zu einer Waffe, mit der er von außen bekämpft wird. Die Welt benimmt sich dabei nach dem unsterblichen Rezept von Bartolo im »Barbier von Sevilla«: »Zu Anfang ein leises Gerücht, das dicht über dem Boden hinstreicht wie eine Schwalbe vor dem Gewitter, – pianissimo: Flüstertöne – und im Fliegen fällt ein vergifteter Pfeil! Irgendein Ohr nimmt ihn auf und führt ihn, – piano, piano – geschickt in dein Ohr ein. Jetzt ist das Unheil gesäet; es keimt, kriecht auf dem Boden lang, tritt seine Fahrt an, eilt – rinforzando – mit Teufels Geschwindigkeit von Mund zu Mund. Plötzlich, du weißt nicht wie, siehst du die Verleumdung sich aufrecken: schrill pfeift sie, bläht sich auf, wird im Nu riesengroß. Sie nimmt einen Anlauf, breitet die Flügel, fliegt auf, umrauscht, entwurzelt, reißt alles mit sich fort, schlägt wie Blitz und Donner ein und wird, mit der Hilfe Gottes, ein allgemeiner Schrei, ein Crescendo, ein Chor der Rache und Verdammnis. Wer zum Teufel könnte ihr widerstehen?« Die Etappen, die von der gleichgültigen Ablehnung von Rathenaus »Reflexionen« zu den Kugeln in der Königsallee führen, lassen sich ziemlich lückenlos aneinanderreihen. Zuerst ignoriert man ihn. Dann, als er mit der »Kritik der Zeit« und der »Mechanik des Geistes« fortfährt, seine Gedanken der Öffentlichkeit aufzudrängen, beginnt im Kreise seiner Berufsgenossen das Flüstern und der Ärger, daß ein Mann mit achtzig Aufsichtsratsposten auch noch Bücher schreibt. Man findet ihn komisch, daß er als Geschäftsmann die Geburt der Seele predigt; kompromittierend, daß er als Reicher den Luxus angreift; empörend, daß er zu gleicher Zeit eine Villa im Grunewald baut; grotesk, daß er sich dazu auch noch ein königliches Schloß, Freienwalde, vom Hofmarschallamt aufschwätzen läßt. Doch das wären alles kleine Sünden, über die man lachen könnte. Unverzeihlich aber, wenn nicht pathologisch, ist, daß er als Großindustrieller für die Verstaatlichung industrieller Monopole, die Abschaffung des Erbrechts, die Wegsteuerung des Reichtums, die Befreiung des Proletariats, die klassenlose Gesellschaft und andere rote Unmöglichkeiten eintritt; das stempelt ihn zu einem gefährlichen Subjekt, gegen das jedes Mittel recht ist.

Ohne Zweifel war er selbst sich der Paradoxie der Situation bewußt, daß er, der große Unternehmer, als Verkünder von Forderungen auftrat, die radikaler waren, als die der »Hetzer« in seinen Betrieben. Er sah sich immer ganz klar wie in einem Spiegel und erkannte gewiß, wie unwahrscheinlich und gefährlich die Rolle war, die er auf sich nahm. Man hat ihm Eitelkeit als Beweggrund vorgeworfen. Das scheint mir oberflächlich. Die wirklichen Beweggründe lagen tiefer: Drang, die Befreiung der Seele von den Fesseln der Mechanisierung, wenn er sie schon nicht zu Ende leben durfte, wenigstens zu Ende zu denken; unwiderstehliches Einsetzen des Verstandes, der, angefeuert von der Phantasie, unaufhaltsam wie eine abgeschossene Leuchtkugel die praktischen Voraussetzungen innerer Freiheit bis in ihre letzten Winkel aufhellte: man wird Rathenau nicht gerecht, wenn man nicht die unwiderstehliche Macht des Verstandes, der in ihm wie ein entfesseltes Element wütete, – er haßte ihn daher wie seinen ärgsten Feind – im komplizierten Getriebe seines Innern immer vor Augen behält. Dann die gleichen Beweggründe, die ihn später gegen alle Warnungen, bei offenbarer Lebensgefahr, mit einer Art von Tollkühnheit das Außenministerium übernehmen ließen: ein ihm eigener, sehr auffallender, vielleicht von seinen jüdischen Vorfahren ererbter Fatalismus – und das Umspringen der Hemmungen, die die Klugheit einschaltet, in den Reiz der Gefahr für einen »Furchtmenschen«, der nichts an sich so verachtete und wegzuerziehen bestrebt war wie die Furcht. Er gehörte nach seiner seelischen Struktur zu den Menschen, die Nietzsche in der »Fröhlichen Wissenschaft« gezeichnet und » vorbereitende tapfere Menschen« genannt hat: »Menschen, die mit innerlichem Hange in allen Dingen nach dem suchen, was in ihnen zu überwinden ist;« und die weiter gekennzeichnet werden als » Gefährdetere Menschen, fruchtbarere Menschen, glücklichere Menschen! Denn ... das Geheimnis, um die größte Fruchtbarkeit und den größten Genuß vom Dasein einzuernten, heißt: gefährlich leben!« (Nietzsche, Werke V, S. 215.) – Schließlich alle Beweggründe zu einem unwiderstehlichen Antrieb in sich vereinigend, geistiger Hochmut, der mit Eitelkeit nichts gemein hat: die Sünde der Erzengel, die sie in Miltons »Verlorenem Paradies« in die Hölle stürzt, die Sünde Luzifers, des »Lichtbringers«, der Wille, vor niemandem den Geist zu beugen, restlos und zu jeder Zeit unabhängig zu sein von Meinungen anderer.

Und doch hat ihn das Maß von Feindschaft, das er erntete, überrascht. In seiner »Apologie« sagt er: »Leidenschaftlich wurde die Feindschaft seit den Jahren, als meine Schriften sich mit wirtschaftlichen Dingen befassen mußten. Mächtige Verbände und Vereine der Industrie und des Handels glaubten ihre Interessengebiete verletzt, ein gewaltiger Aufwand an Geld und Arbeit setzte ein, um durch Pressefeldzüge, Wanderredner, politische Agitation und massenhafte Druckschriften meine gefährlich erachteten Gedanken zu bekämpfen.« (S. 72.) Und in einem Brief aus dem Jahre 1918: » Es ist ein Quantum von Haß gegen mich aufgewühlt worden und wird weiterhin aufgewühlt durch große Feldzüge der Interessenten, des Hansabundes und aller möglichen Vereine, so daß es einiger Willensstärke bedarf, um mich dessen zu erwehren. Dank für meine organisatorische und geistige Arbeit habe ich nie erwartet; das Maß der Feindschaft, das an seine Stelle getreten ist, wurde wohl seit Jahrzehnten keinem anderen in Deutschland zuteil.« (Brief Nr. 439.) Dieser oder jener, der nachmittags mit ihm in einem Aufsichtsrat gesessen oder eine vertrauliche Besprechung gehabt hatte, finanzierte vielleicht am gleichen Abend eine Versammlung, in der gegen ihn wegen seines »Doppellebens« zum Sturm geblasen wurde. Denn das war das Gift, mit dem er bekämpft wurde, sein » Doppelleben«: » Dieser Mensch lebt nicht seine Lehre. Sein Grundsatz ist: Richtet mich nach meinen Worten, nicht nach meinen Taten(Apologie S. 83.) »Anderen predigt er Bedürfnislosigkeit; er selbst lebt wie ein Fürst. Andere sollen ohne Hinblick auf den Lohn für ihre Seele arbeiten; er läßt sich mehrere Dutzend Aufsichtsratsstellen teuer bezahlen. Besitzunterschiede und Erbrecht will er abschaffen, damit ein jeder gleiche Chancen habe; er aber nützt für sich gierig die bevorzugte Chance, die ihm die Stellung seines Vaters gibt. Ihr sollt wieder demütige Christen werden; er selbst aber bleibt, bleibt selbstverständlich, Talmud-Jude!«

Jeder, der Rathenaus Persönlichkeit studiert hat, wird den infamierenden Vorwurf der Heuchelei, der Unehrlichkeit, des Betruges, der hinter diesen Anklagen steckt, als das Gegenteil der Wahrheit zurückweisen. Denn in Wirklichkeit wuchsen die Widersprüche, die man ihm entgegenhielt, mit Schicksals Gewalt aus dem Innersten seiner Persönlichkeit. Richtig aber war, daß seine zwei Naturen sich im Leben verschieden und widerspruchsvoll auswirkten und daher leichtes Spiel der Demagogie gaben, die primitive Naturen, denen solche Widersprüche fremd sind, gegen ihn aufhetzte. Die Villa im Grunewald war nicht, wie er in seiner »Apologie« sagt, nur »bürgerlich anständig«, sondern weit über Mittelstandsmaß hinaus geräumig, künstlerisch und kostbar. Sein Aufwand bewegte sich nicht, wie er glaubte, »etwa in den Grenzen, die für jüngere Prokuristen industrieller Werke gelten«, sondern war, bei aller Genauigkeit in Geldsachen, der übliche eines Großindustriellen. Das Schloß in Freienwalde hat er nicht bloß gekauft, um es vor der Zerstörung zu retten, sondern weil er Freude hatte, in einem von seinem Lieblingsarchitekten Gilly geschaffenen altpreußischen, historischen und hübschen Herrensitz einige Sommerwochen zu verbringen. Äußerlich hinderte ihn nichts, auf seine Aufsichtsratsposten zu verzichten, seinen Aufwand auf das zum Leben Unentbehrliche herabzusetzen, in einer wirklich bürgerlich-bescheidenen Wohnung seinem Werk und seiner Seele zu leben. Will man bei Rathenau eine tragische Schuld konstruieren, so liegt sie hier; aber nicht in dem, was er tat oder unterließ, sondern, wie bei jeder echt tragischen Figur, in dem, was er war. Sie folgt mit schicksalsschwerer Notwendigkeit aus seiner Kompliziertheit. – Aber auch seine Ideen folgen aus seiner Kompliziertheit. Und gerade diese Gegensätzlichkeiten, in denen sie wurzeln, verleihen ihnen ihren Wert: Denn sie wurzeln in den gleichen Widersprüchen wie die Welt des zwanzigsten Jahrhunderts. Und für Menschen, die zu dieser Welt gehören, sind nicht diejenigen Ideen wertvoll und erlösend, welche in einfachen Seelen gewachsen sind: denn sie können ihnen den Boden, in dem sie gedeihen würden, die göttliche Einfalt, nicht bieten, – bestenfalls sie pflegen wie exotische Gewächse, die auf fremden Boden vielleicht noch einige kranke Blüten, aber keine reife Frucht mehr tragen werden. Sondern nur solche Ideen sind für sie befruchtend, die in Menschen mit einer Seele wie die ihrige geboren sind; weil nur solche Ideen in ihnen ihr gewohntes Klima finden und zur vollen Reife sich entfalten können. Daher sagt Rathenau zu wenig, wenn er in seiner »Apologie« schreibt: »Was meinem Schreiben Kraft gibt, die eine, die es hat, das ist, daß es nicht aus den Fingern gesogen und nicht ergrübelt ist. Es ist erlebt und vom Leben geschenkt«; er sagt damit zu wenig, weil er gleich hinterher einen Teil seines Lebens verleugnet, indem er bestehende Widersprüche wegzuretouchieren unternimmt. Die Wahrheit ist, daß nur, weil er, wie Conrad Ferdinand Meyers Ulrich von Hutten in einer ähnlich durcheinanderwogenden Zeit, » ein Mensch mit seinem Widerspruch« war, daß nur deshalb seine Ideen uns, die wir alle auch »Menschen mit unseren Widersprüchen« sind, ernsthaft herausfordern und befruchten können. Hätte Rathenau auf seine Aufsichtsratsposten verzichtet, ein Arbeiterquartier bezogen, dort dürftig gelebt und sich ganz seinem Seelenheil gewidmet, so wäre er vielleicht ein Heiliger geworden; aber das große Zeitproblem hätte er nur für sich gelöst, denn diese Lösung hätte die Welt draußen ebenso kalt gelassen wie das Fortbestehen von Bettelmönchen oder Yoghis. Aber daß er mit allen seinen Widersprüchen und ohne sie aufzugeben eine Lösung anstrebte, – mag die seine brauchbar sein oder nicht, – daß er alte und neue Ideen durch seine Widersprüche hindurchfiltrierte, daß das Schicksal ihn zwang, – wozu es nur wenige zwingt, – ganz der zu sein, der er war, das setzte ihn zwar dem Haß und den Kugeln seiner Feinde aus; das gibt ihm aber auch ein Schwergewicht, das Heilige und reine Theoretiker in unserer Zeit nicht beanspruchen können. Er hat bei Tolstoi, dessen Lehre in der Polyphonie seiner Seele ebenfalls verführerisch mitschwang, ganz richtig den Punkt bezeichnet, wo er sich von ihm trennen mußte: »Tolstois Irrtum war, daß er nicht dem erfühlten Gesetz seiner Natur folgte, sondern einer theoretischen Idee gehorchte, die seinen künstlerischen und denkerischen Schöpfergeist verwarf, um die schwachen Kräfte des Enthusiasmus emporzutreiben ... Wer aber das Leben der enthusiastischen Natur nicht aus unbewußter Notwendigkeit von selbst und von Anbeginn ergreift, sondern aus bewußtem Wollen, wo nicht gar aus Absicht erstrebt, der tut sich Gewalt und handelt wider den Geist« (»Apologie« S. 92.) Mag man es als tragische Schuld empfinden, daß einer nach der Krone griff, der nicht die Kraft hatte, sie zu halten, – auf ihn herabblicken dürfte nur, wer nach dem gleichen Ziele gestrebt und aus einer ähnlich komplizierten Natur, ohne seine Kompliziertheit zu verleugnen, die Einheit, die Rathenau versagt war, errungen hätte.

 

Und nun gesellt sich im Laufe der nächsten Jahre allmählich zu dieser inneren Tragik auch eine äußere, eine Tragik der Situation. Unheimlich fängt der Hintergrund an zu leuchten, vor dem seine Figur sich bewegt. Noch ist zwischen beiden ein Abstand, eine Ferne. Aber langsam setzt der Hintergrund sich in Marsch, kommt auf die Figur zu; zieht sie in sich hinein, verschlingt sie.

 

1911: Agadir; erstes Wetterleuchten des Weltkrieges: Deutschland macht den Panthersprung nach Marokko und findet England zum Kriege bereit an Frankreichs Seite; Italien geht nach Tripolis und wirft die Fackel in den Balkan, an dessen Flammen Europa und die Welt sich entzünden werden. Bülow ist in Ungnade, Bethmann an seiner Stelle Reichskanzler, Kiderlen Staatssekretär des Äußern. Auf Agadir reagieren die Börsen panikartig; kurzer Schreck, denn im übrigen ist Hochkonjunktur. In allen europäischen Hauptstädten: Berlin, Paris, London, Petersburg beginnt der Tanz vor der Guillotine. Von diesen letzten Jahren vor dem Weltkrieg kann man sagen, was Talleyrand von denen vor der Großen Französischen Revolution gesagt hat: »wer sie nicht erlebt hat, weiß nicht, was leben heißt.« Die Welt scheint von Sinnenlust und Angst wie berauscht. Ein Taumel hat sie erfaßt. Und immer da, wo er gerade am tollsten ist, taucht in seiner Mitte dionysisch mit seinen Bacchantinnen der Genius des Tanzes, Nijinski, auf. Rathenau aber schreibt: »Ich sehe Schatten aufsteigen, wohin ich mich wende. Ich sehe sie, wenn ich abends durch die gellenden Straßen von Berlin gehe; wenn ich die Insolenz unseres wahnsinnig gewordenen Reichtums erblicke; wenn ich die Nichtigkeit kraftstrotzender Worte vernehme oder von pseudogermanischer Ausschließlichkeit berichten höre, die vor Zeitungsartikeln und Hofdamenbemerkungen zusammenzuckt. Eine Zeit ist nicht deshalb sorgenlos, weil der Leutnant strahlt und der Attaché voll Hoffnung ist. Seit Jahrzehnten hat Deutschland keine ernstere Periode durchlebt als diese.« (»Staat und Judentum« 1911. Ges. Schriften I, S. 206.) Er, der seit drei Jahren nur geschäftlich und literarisch tätig gewesen ist, wendet sich wieder der Politik zu. Freienwalde liegt nicht weit von Hohenfinow; der Reichskanzler ist Rathenaus Gutsnachbar; zwischen ihnen entwickelt sich ein freundschaftlicher Verkehr. Bei einem Diner beim Kanzler im Februar bietet der Führer der Nationalliberalen, Bassermann, Rathenau eine nationalliberale Kandidatur für den Reichstag an. Das Angebot verdichtet sich im Mai zu der Einladung, in Frankfurt an der Oder zu kandidieren. Rathenau nimmt an unter der Bedingung, daß er von den Nationalliberalen und Freisinnigen gemeinsam aufgestellt werde, als erster Schritt in der Richtung auf eine große bürgerlich-liberale Partei, wie er sie in seinem »Neue-Ära«-Artikel 1907 gefordert hatte. Nach mehrwöchigen Verhandlungen unerfreulicher Art zieht Rathenau seine Zusage zurück. Den Ausschlag scheinen die Meldungen aus dem Wahlkreis selbst gegeben zu haben: der Name Rathenau »wirke wie ein rotes Tuch«, weil er Jude sei und wegen seiner bekannten Ansichten. Zum erstenmal bekommt Rathenau seine Unbeliebtheit und die Rückwirkungen seiner Ansichten praktisch zu fühlen. Ein öffentlicher Mißerfolg blieb ihm erspart; das Zwischenspiel blieb geheim. Die meisten, selbst seine nächsten Freunde, erfuhren nichts.

Inzwischen bereitet sich Agadir vor. Während des Frühjahrs wächst die Spannung mit England in der Flottenfrage. Deutschland hat die Wahl zwischen zwei Aufmarschlinien: entweder ohne Umschweife auf eine Verständigung mit England über den Flottenbau losgehen, oder diese auf Umwegen erstreben, indem zunächst ein starker Druck auf England ausgeübt, die Entente gelockert, und erst nachher über die Flotte verhandelt wird. Die deutsche Regierung wählt die zweite Linie: Bethmann antwortet in einer Reichstagsrede auf die englische Anregung zu einer direkten Verständigung ausweichend. Rathenau setzt sich ein für die direkte Verständigung. In einem Artikel » Politik, Humor und Abrüstung« in der »Neuen Freien Presse« vom 12. April 1911 (Gesammelte Schriften I, S. 173ff.) macht er dazu praktische Vorschläge, indem er den Gedanken einer Kontingentierung der Rüstungen neu in die Debatte wirft. Wieder, wie im »Neue-Ära«-Artikel, als Ausgangspunkt die Anschauung, daß Rüstungen kein entscheidender Machtfaktor eines Staates seien. »Der Umfang der Rolle, die ein Staat auf dem Welttheater zu spielen berechtigt ist, bestimmt sich zu jeder Zeit durch eine Reihe von Gegebenheiten geographischer, physischer und moralischer Ordnung. Vorübergehend kann die tatsächliche Machtsphäre die Grenzen der natürlichen Berechtigung überschreiten oder unausgefüllt lassen; auf die Dauer wird Macht und Machtberechtigung, Ausdehnung und Ausdehnungsberechtigung sich die Wage halten.« Dieses vorausgesetzt, ist es »sicher schwierig, aber durchaus nicht hoffnungslos, Mittel zu finden, um auf dem Wege der Kontingentierung die kriegerische Anspannung auszugleichen und in erträglichen Grenzen zu halten, und in diesem Sinne ist der Gedanke der Abrüstung keine leere Utopie.« Praktisch zerfällt, wie er weiter ausführt, die Aufgabe in zwei Teile: »einmal die Bindung des materiellen Aufwandes an das Vermögen (d. h. das Volksvermögen), sodann die Bindung des Menschenaufwandes an die Bevölkerungszahl.« Der erste Teil der Aufgabe läßt sich lösen, indem durch einen internationalen Vertrag bestimmt wird, »daß alle jährlichen Ausgaben für Land-, See- und Luftheer ein festes Verhältnis zur Gesamtausgabe des Staates nicht überschreiten dürfen. Ein internationaler Rechnungshof hätte die Abrechnungen zu prüfen.« Unbemerkt eilt Rathenau hier den Anschauungen jener Zeit vor dem Kriege weit voraus; denn ein internationaler Rechnungshof mit dem Recht, die Ausgaben der verschiedenen Staaten nachzuprüfen, wäre schon ein Stück einer überstaatlichen Organisation. Der zweite Teil der Aufgabe, die Anpassung der Mannschaftsstärke an die Bevölkerungszahl wäre verhältnismäßig einfach. »Denn die Volkszahl ist durchweg aufs genaueste feststellbar und zumeist festgestellt, so daß es fast seltsam erscheinen müßte, wenn niemals der internationale Vorschlag gemacht worden sein sollte: ein Höchstverhältnis der Heeresstärken zur Bevölkerungszahl zu bestimmen.« Die deutsche Regierung jedoch beharrte auf ihrem Plan; der »Panther« demonstrierte vor Agadir, – mehr der Flotte als Marokkos wegen, – mehr im Hinblick auf England als auf Frankreich. England sollte durch eine starke Spannung zwischen Frankreich und Deutschland zu einer vorsichtigen Zurückhaltung genötigt werden; doch es blieb an Frankreichs Seite. Deutschland mußte mit Verhandlungen über Kompensationen für Marokko sein Gesicht wahren; und ein Jahr später zieht Bülow Rathenau gegenüber das Fazit: das Ausland wisse genau, daß wir im Juli 1911 zurückgewichen seien. Tittoni habe ihm gesagt: »Welche Veränderung in dem Benehmen Frankreichs gegen 1905! Man könne nicht fassen, daß diese Situation nur sieben Jahre zurückliege.« (Rathenau, Tagebuch, 4. Oktober 1912.)

 

1912. Januar. In den Pariser Salons ist mehr als die Hälfte der Gesellschaft wie toll für einen Krieg an Englands Seite gegen Deutschland: alte Gräfinnen, Geschäftsleute, Dichter, Journalisten, Mitglieder der vornehmen Klubs. Auf Montmartre, in den billigen Kabaretts, wo der kleine Mann nach Tisch seine Kognak-Kirsche schlürft, ist Agadir und Deutschlands Zurückweichen vor Englands Panzerschiffen das Bravourstück. Mussets Antwort auf das Rheinlied, »Nous l'avons eu votre Rhin allemand«, wird Kabarettnummer, und die Galerie rast dazu. D'Annunzio wirft von Paris Kriegsoden wie Brandfackeln nach Italien, alle zehn Tage pünktlich wie ein Trommelfeuer eine; und jede wird in anderthalb Millionen Exemplaren verbreitet, in den Kasernen angeschlagen, an die kämpfenden Regimenter in Tripolis verteilt, von begeisterten Studenten in Cafés und auf Plätzen öffentlich verlesen. Italien glüht. Giolitti, der Ministerpräsident, muß zu der List greifen, ein französisches Schiff, das angeblich Waffen nach Tripolis durchschmuggelt, anzuhalten, um als Gegengewicht etwas von der Kriegsbegeisterung von Österreich auf Frankreich abzudrehen. In England ist die Erregung weniger sichtbar, aber tiefer. Am 8. Februar erscheint der englische Kriegsminister, Lord Haldane, in Berlin und bietet zum letztenmal die Hand zu einem Flottenabkommen. Die Verhandlungen scheitern am Widerstand des Marine-Staatssekretärs von Tirpitz. Schlimmer noch: Haldane verläßt Berlin mit dem Eindruck, daß Deutschland weniger zu fürchten sei, als er bis dahin angenommen hat. Er hat festgestellt, daß oben das Chaos herrscht: der Kaiser hat ihm das eine, Tirpitz etwas anderes, und der Staatssekretär des Auswärtigen ein Drittes gesagt; und jeder hat über den andern geklagt. Und außerdem hat er festgestellt, und gerade das hat ihn tief beeindruckt, daß der Geist, der Preußen und Deutschland groß gemacht hat, die hohe philosophische und ethische Kultur, die hinter allen großen deutschen Erfolgen stand, an der Spitze abgestorben ist, gerade dort nichts mehr gilt. Der Kaiser hat ihm, Lord Haldane, der von Beruf Philosoph ist und die Verwahrlosung der Gräber von Fichte und Hegel beklagte, geantwortet: »In meinem Reiche ist für Leute wie Fichte und Hegel kein Platz.« Selten ist in einem weltgeschichtlichen Augenblick ein Kaiserwort unglücklicher gewesen. – Der Kaiser allerdings meint ein paar Tage später zu Rathenau: »Die Franzosen seien jetzt ängstlich; er brauche nur erst in Cowes zu sein, dann werde er mit dem König von England alles wieder in Ordnung bringen. Sein Plan sei: Vereinigte Staaten von Europa mit Einschluß von Frankreich gegen Amerika.« (Rathenau, Tagebuch, 13. II. 1912.) Die Franzosen ängstlich! Georg V. gegen sein Kabinett! England gegen Amerika! In diesen Worten zeigt sich der Geist, der die deutsche Politik leitet: leichtgläubig, ohne hinreichenden Grund optimistisch, ohne präzises Bild der Kräfte, die wirklich am Werke sind.

Rathenaus Weltbild ist etwas weniger naiv. In zwei in der »Neuen Freien Presse« erschienenen Artikeln befaßt er sich mit der Lage. Im ersten offenbar auf den Kaiser berechneten vom 6. April 1912 » England und wir. Eine Philippika« (Gesammelte Schriften I, S. 209ff.) nimmt er den Gedanken der Kontingentierung wieder auf und versucht, ihn dem Kaiser durch einen Zusatz schmackhaft zu machen: » England soll Deutschland einen Neutralitätsvertrag bieten« (das heißt ein vertraglich gesichertes Versprechen, in einem deutsch-französischen Krieg neutral zu bleiben). »Zeigt sich England zu diesem zwar untätigen, doch friedfertigen Einverständnis bereit, so ist es an uns, ein Rüstungsabkommen zu finden, das beiden Nationen Luft schafft: es sei nun, daß nach Churchills Vorschlag Rastjahre vereinbart werden, sei es, daß man Kielzahlen oder Tonnengehalte kontingentiert.« Allerdings verkannte auch dieser Vorschlag in einer für Rathenau ungewöhnlichen und merkwürdigen Weise die Psychologie sowohl der englischen politischen Kreise wie des Reichsmarineamts. Für dieses war die Kontingentierung in jeder Form und mit jedwedem Zusatz unannehmbar; für die Engländer das Neutralitätsversprechen, das gerade bewirkt hätte, was England, selbst auf die Gefahr eines Krieges hin, vermeiden wollte, Deutschland freie Hand zunächst gegen Frankreich und später für den beliebigen Ausbau seiner Flotte zu gewähren. In seinem Tagebuch notiert Rathenau unter dem 14. Februar: »Seit Tagen sehr schwere Belastung; fast minütlich besetzt.« Und unter dem 3. April: »Abgespannt und erschöpft seit einigen Tagen.« Vielleicht erklärt die physische Abspannung die psychologische Schwäche dieses ersten Artikels.

Im zweiten Artikel, der » Politische Auslese« betitelt ist und am 16. Mai erschien, untersucht Rathenau wieder einmal die Frage, welche Ursachen für die Lage, in die Deutschland hineingeraten ist, verantwortlich sind; und findet sie wieder, wie in seiner ein Jahr früher erschienenen »Kritik der Zeit« in der mangelhaften Auslese der deutschen Diplomaten und Staatsmänner. Früher war der preußische Adel auch wirtschaftlich der Träger des Staates und konnte in den damaligen viel kleineren Verhältnissen genügend Kräfte zu seiner Leitung stellen. »Heute ist das Bürgertum Träger einer ungeheuren geschäftlichen Intelligenz, der Adel überflügelt, das Ausland von seinen stärksten Geistern verteidigt, die Weltlage von äußerster Verworrenheit ... Alle Mitbewerber stellen uns ihre bewährtesten Talente, ihre erfahrensten Kämpfer gegenüber. Können auch wir unsere stärksten geistigen Potenzen in Bewegung setzen, so haben wir keinen Kampf zu fürchten; können wir es nicht, so besteht ein Schwachpunkt von jener grundsätzlichen Art, welche schon manchmal Schicksale besiegelt hat ... Nicht von der Arbeiterschaft drohen uns Gefahren, denn dem heutigen Sozialismus fehlt die Kraft positiver Ideen; zwei andere Angriffskräfte werden die preußischen Staatskräfte erschüttern: Mangel an führenden Geistern und ungleiche Verteilung der Lasten. Die Zeitläufte ähneln in seltsamer Weise der Epoche Friedrich Wilhelms II. Möge es diesmal keiner schweren Erschütterungen bedürfen, um das innere Gleichgewicht herbeizuführen.« (Gesammelte Schriften Bd. I, S. 223ff.)

Noch einmal erhebt er im Herbst dieses Jahres seine Stimme in einem im Oktober in der »Zukunft« erschienenen seltsam düsteren, von einer Weltuntergangsstimmung durchzogenen » Festgesang zur Jahrhundertfeier 1813«. Den Grundton dieses sonderbaren »Festgesanges«, der in Wirklichkeit ein verzweifelter Protest gegen den in der Organisierung begriffenen hohlen Festrausch ist, drückt das schauerliche Motto aus Hesekiel aus, das unter dem von Rathenau ihm gesetzten Titel » Bedrückung« ihm voransteht: »Du Menschenkind, so spricht der Herr: das Ende kommt, das Ende über alle vier Örter des Landes. Das Ende kommt, es ist erwacht über dich, siehe: es kommt.« (Hesekiel VII, 2.)

 

Inzwischen hatte Rathenau eine Reihe von Schicksalsschlägen erlitten, die ihn schwer trafen. Wenige Tage nach dem Erscheinen seines Artikels »England und wir« war seine Freundschaft mit Harden ganz plötzlich infolge eines persönlichen Zwischenfalls in die Brüche gegangen, was für ihn einer menschlichen und politischen Katastrophe gleichkam. Lange Verhandlungen und mißglückte Versöhnungsversuche führten zu einer Duellforderung Rathenaus, die Harden aus Prinzip ablehnte: dann wechselten wieder jahrelang bis nach der Revolution Versöhnungen und Brüche miteinander ab; schließlich trat auf Hardens Seite an die Stelle der Freundschaft ein unversöhnlicher Haß, in dem aber bis zuletzt noch etwas Sehnsucht nach Wiederaussöhnung und alte Liebe mitzitterte. Nach Rathenaus Tod hat er nicht bloß den bekannten von Haß diktierten Artikel, sondern in den gleichen Tagen auch einen tief bewegten Brief an Rathenaus Mutter geschrieben. Doch die Einzelheiten dieses Zwistes entziehen sich heute noch der Öffentlichkeit; es muß genügen, festzustellen, daß diese von Freundschaft in gegenseitige Mißachtung und Gegnerschaft übergehende Beziehung für beide Teile ein tief aufwühlendes Erlebnis war.

Noch härter traf Rathenau bald darauf ein zweiter Schicksalsschlag: die lebensgefährliche Erkrankung seines Vaters, der, zuckerkrank, Mitte Mai von einer Reise nach Wien mit einer brandartigen Wunde am Fuß zurückkehrte. Der Fuß wurde ihm abgenommen; und da man bei seinem Zustande und seiner Heftigkeit nicht wagte, ihn vorher um die Genehmigung zu der Operation zu bitten, mußte Walther die Verantwortung übernehmen. Er konnte befürchten, daß sein Vater bei seiner leidenschaftlichen, eigensinnigen Art ihm nie verzeihen, daß es zu einem Bruche kommen werde. In der Tat war Emil Rathenau, als er das Geschehene erfuhr, so außer sich, daß er wie von Sinnen mit der Krücke nach seiner beim Bette stehenden Tochter schlug. Wie tief aber Walther diese Krankheit und die schwere Verantwortung, die er übernehmen mußte, erschütterte, beweist die Handschrift seines Tagebuches, die während dieser Wochen zum ersten und einzigen Mal ungleichmäßig und erregt ist.

 

In dieses intellektuell so gradlinige, menschlich so zerrissene, von Pol zu Pol geschleuderte Leben leuchten am tiefsten hinein Briefe aus diesen Jahren an die Freundin, die, weil er von sich nicht loskommt, immer in sich hineinsieht, die Freundin als Spiegel benutzt, jedesmal ein Stück Selbstporträt sind und erschreckend deutlich seine Abgeschlossenheit, wachsende Vereinsamung, Unrast, seine ganz auf sich selbst und seine Problematik eingestellte Natur aufdecken.

Ich habe ebenso gelitten wie Sie und bin krank. Ich erwartete, Sie würden uns früher eine Andeutung machen und mich zurückhalten. (Vielleicht war das unmöglich.) Bezieht sich auf die unerwartete und beiden Teilen unerwünschte Dazwischenkunft Hardens bei einem Besuch Rathenaus. Er (Harden) besuchte mich, um ein Buch zu holen und trat ins Haus, um fünf Minuten zu bleiben.

Ich hatte Ihnen vieles zu sagen, was jetzt vielleicht an Interesse verliert, und wollte Sie auch über manches befragen. Jetzt fühle ich mich zerstört und erschöpft und sitze mit brennenden Augen bei der Lampe.

Herzlichst der Ihre W.

 

Sie haben mich nicht verletzt, sondern mir Gutes getan. Im einzelnen zwar glaube ich nicht unrecht zu haben; die literarischen Dinge sind durchdacht und hierin erkenne ich unter den Zeitgenossen keinen Richter. »Humble si je me considère, fier si je me compare »Bescheiden, wenn ich mich betrachte, stolz, wenn ich mich vergleiche.«

Aber dies ist wahr: es nagen an mir zuviel Menschen, da ich doch von keinem etwas will und selbst an keinem nage. Ist es wirklich Schwäche? Oder ist es auch ein Teil Menschlichkeit und vielleicht etwas Besseres? Ich will einmal das Schlimmste glauben; dann helfen zwei Dinge: entweder Flucht oder Härte. Das bleibt zu erwägen.

Ob es richtig wäre, mich von der Industrie zu trennen, wage ich nicht zu entscheiden. Meine letzten drei Arbeiten: die afrikanischen und die verkehrstechnischen, die doch alle wohl ihren Wert haben, wären unterblieben, wenn ich nicht in dieser Welt mitlebte.

Der größte Fehler, den ich in den letzten Jahren meiner Existenz gemacht habe, und der meinem Wesen eigentlich ganz fern liegt, war Mitteilsamkeit. Einsamkeit ist nun einmal mein Los und mein Genügen. So wenig ich einen Bruder habe, so wenig kann ein anderer sich in mein Leben versetzen; stellenweise erscheint wohl etwas wie ein Parallelismus, und gleich ist alles wieder meilenfern. Wollte ich mich mit anderen Maßen messen, so käme ich im Guten und Bösen in die Brüche. Wäre ich ein Sonderling – und warum bin ich es nicht? weil ich dagegen kämpfe – so ließe man mir alle meine Launen. Weil ich aber friedlich und gesellig mit anderen ein Stück Weges gehe, möchte jeder mich nach seinem Geschmack modeln, mit dem er es doch schließlich auch nicht weiterbringt.

Auf Wiedersehen Sonntag und herzlichen Gruß!
Ihr W.

Donnerstag

 

Ich erwarte Sie Mittwoch. Von 6 Uhr ab bin ich frei und dankbar, daß Sie kommen.

Seit Sonnabend mittag habe ich von der Botschaft gelitten, die Sie Sonntag wiederholten. Ich zweifle an meinem Verstande, wenn ich glauben soll – wie ich jetzt versuche und doch nicht kann – ich hätte den furchtbaren Hohn Ihrer Zeilen nur geträumt. Sie wollen mich nur noch in Gegenwart eines Dritten sehen? Und das als Antwort, wenn ich nach einem schweren Erlebnis Ihnen frei und freundlich entgegentreten will? Und nicht genug mit der Bestellung, die mich aufs furchtbarste erschreckte, nein, dasselbe noch einmal, deutlich, kühl, schriftlich?

Hier hört alles Verstehen auf, und ich fühle nur das eine, daß Sie mir wollend oder nicht aufs fürchterlichste Unrecht getan haben. Und nun sprechen Sie gar von Hohn und scheinen mich zu meinen, der ich nur sagte, ich müsse über diesen Gedanken hinwegzukommen suchen und könne Sie bis dahin nicht sehen? Glaubten Sie wirklich, ich könnte mich so vergessen, daß ich nun zu Ihnen käme, wenn alles zu einem Zusammentreffen in Gegenwart Dritter vorbereitet wäre?

Ich kann nur immer sagen: ich begreife nichts mehr, obwohl ich nun seit Stunden alles von Ihrer Seite klarzumachen suche; es sei denn, Sie hätten selbst vergessen, was Sie mir bestellt und geschrieben haben.

Leben Sie wohl. Es ist keine Bitterkeit, aber viel Kummer.

W.

Montag nacht.

 

Viktoriastraße 3.

Das Einzige, was mich von Ihrem Brief erfreute, sind die ruhigen, voll gefühlten venezianischen Zeilen von P..., dem Hauptmanns Einfluß wohlgetan hat.

Hardens Sache geht mich nichts an. Aber Ihre kühle Ungerechtigkeit verletzt mich aufs tiefste. Da muß ich mich wieder in dieser verdammten Beleuchtung sehen, und alles was mir schwer wurde und was mir schwer wird, was menschlichste Rücksicht und innerer Anstand von mir fordert, wird zum Verbrechen gebrandmarkt. Oft frage ich mich: Sehen Sie mich wirklich so von außen, oder wollen Sie mich vernichten oder ganz verwirren? Sie haben viel; ich habe nichts; aber selbst dies bißchen Gleichgewicht wollen Sie mir nicht lassen, indem Sie auf den einen, einen immer wieder den Finger legen, in dem belustigenden Zweifel, wieviel ich ertrage – und wundern sich, wenn ich von Herrschsucht rede.

Daß Sie mich mit jenem (H.) auf eine Stufe stellen, in schmachvollem Gegensatz mit dem bringen, was Ihrer Natur gemäß ist, verletzt mich doppelt als Schluß und Ende solcher Gedanken.

Diese Ihre Worte, in aller Ruhe geschrieben – die Schrift zeigt mir's – entfremden mehr als ein Jahr des nicht Sehens. Ihnen ist nur die sinnfällige Gegenwart lebendig (denn Ihr Wille ist Herrschaft), mir ist das innere Abbild gleich wert. Das zersplittern Sie wie ein Kind aus Freude an Scherben.

Der Ihre
W. R.

Montag abend.

 

»Sänftigend ins Herz hinein.« Es ist aus den »Chinesisch-deutschen Jahres- und Tageszeiten«. Und ein paar Zeilen weiter heißt es:

In dir trifft Schaun und Glauben überein;
Doch Forschung strebt und ringt, ermüdend nie,
Nach dem Gesetz, dem Grund, Warum und Wie.

Wärme und Herzlichkeit! Oft habe ich in Worten Herzlicheres ausgesprochen, und Sie wissen wohl, nach welcher Seite es mich zieht. Daß es aber mir, dem innerlich Verstummten, möglich wird, Ihnen ab und zu ein Wort zu sagen, das mir sonst unaussprechlich ist, das nehmen Sie hin als eine Halbheit, weil es nicht mehr ist; – ist denn das Ausgesprochene mehr als das, was keine Sprache findet?

Nein, zu zweifeln haben Sie kein Recht; ich sage das in einem höheren Sinne als Sie es schreiben. Was Sie das »Ungewisse« nennen, das schwankt nicht in mir, sondern im Bild. Wenn Sie das glauben wollen, so vergleichen Sie nur Ihre eigene Vorstellung: vor einem Jahr und von heute. (Selbst in diesem Brief welche Motivierung!) Daß meine Verstimmung tief und keine augenblickliche war, mußten Sie wissen, denn ich hatte Ihnen – zum ersten Male – auf Ihren Brief nicht geantwortet! Sie kommen über zwei Dinge nicht hinaus: das Mißtrauen und den Argwohn der Eitelkeit. Und diese Schwäche des Blickes entspricht – verzeihen Sie mir es, ich will Sie sicher nicht verletzen! – dem schwächsten Punkte Ihrer sonst so klaren Menschlichkeit.

Sie werden, in Gutem und in Bösem, meinesgleichen nicht wiederfinden, denn mit mir hat der Herrgott ein Experiment angestellt, das selbst, wenn es mißlingt – und das glaube ich häufiger als das Gegenteil – interessant war. Und das Beste ist, daß ich mit Ernst und Ehrlichkeit bei der Sache bin und dem Faden durch alle Windungen folge, gleichviel wohin er führt. Sie wissen, daß Sie in diesem Spiel eine Gewalt haben; ich warne Sie, daß Sie sie nicht mißbrauchen.

Für Ihren heutigen Brief muß ich Ihnen herzlich danken, denn er ist wieder ganz der Ihre, und wenn Ihnen diese Antwort abermals kühl und herzlos scheint, so fragen Sie sich einen Moment, warum ich sie geschrieben.

Ihr W. R.

Montagnacht.

 

Haben Sie herzlichen Dank für Ihre beiden lieben Briefe und die bunten Büsche, die mich mit Farbe und Duft umgeben. Denken Sie! Ich habe gestern den Topf gefunden, der für Ihre halbrunde Nische vor sechzehn Jahren eigens geschaffen worden ist, und die Zeichnung, wie er aufgestellt werden muß, habe ich hineingepackt, damit er Ihnen zu Weihnachten meine Festgrüße bringt.

Heute schicke ich Ihnen gegen alle Gewohnheit ein Buch, und was schlimmer ist, ein trauriges. »Anton Reiser« von Karl Philipp Moritz. Ich glaube, Sie lesen es nicht, und die zweite Hälfte verlohnt vielleicht kaum. Goethe hat dies Buch der Stein geschickt und gesagt, es sei wie von einem jüngeren Bruder, aber einem unglücklichen. Ich habe nicht das Recht, etwas Ähnliches zu sagen; aber das Buch würde Ihnen manches erklären können. Sie würden sehen, in welcher Gefahr der schwebt, bei dem die Jugend Unterdrückung bedeutet. Aus solchem Labyrinth ins Freie zu finden, ist schwer, fast übermenschlich. Und wem es gelingt, der hat, glaube ich, durch diese Befreiung mehr geleistet als durch alle Wirkung nach außen. Dem Verfasser gelang es nicht ganz. Er bleibt gebrochen und bleibt Zeit seines Lebens an der Oberfläche schwimmen. Die Kraft zur Liebe ging verloren. Es hätte sich auch ein ganz anderes denken lassen, aber er war zäh, nicht stark. Das eine aber würden Sie verstehen; was nämlich in den Menschen dämonische Wirkungen zuwege bringen. Gefallene Engel und befreite Dämone: das läuft auf das gleiche. Auch über Erziehung läßt sich hier einzelnes vernehmen.

Ich habe mich gefreut, Sie endlich wiederzusehen, und in einer Welt, der Sie angehören und die Ihnen gerecht wird.

Ich denke, wie Sie oben auf Ihrer kleinen Treppe standen, so hatte ich es gewollt.

Leben Sie wohl. Ich habe in diesem Winter viel Arbeit und will egoistisch und abgeschlossen sein. Leuchten Sie mir ein bißchen in meine Einsamkeit.

Herzlich
Ihr W.

Sonnabend.

 

Ihr Brief hat mich bestürzt und entwaffnet. So daß ich mich nur noch ganz in Ihrer Schuld fühle. Ich komme mir ungerecht und hartherzig vor und weiß doch, daß alles, was ich Ihnen sagte und schrieb, nicht aus kalter Seele kam.

Sie sollten doch auch das eine wissen: mich, den einsamsten Menschen, den ich kenne, der nur die Wahl hat zwischen der leidenschaftlichsten Weltflucht und der grauenhaften Abgeschiedenheit im Fremdengetümmel – was hält mich denn noch auf der Welt zusammen? Sie wissen es ja, ich kann Sie nicht entbehren. Und wenn auch Stunden der Vergessenheit sich einschieben, wo ich von mir selbst nichts weiß und nur als Mechanismus fühle – mit dem ersten Augenaufschlag finde ich wieder den alten Weg.

Ich muß mich hinweggeben, nicht nur den Dingen, die ich liebe und träume, auch manchem anderen, was mich hart und kalt macht. Das muß ich, denn Menschen meiner Art sind verantwortlich für alles, was die Natur ihnen zugeschrieben hat; mein Recht ist es nicht, ohne Kampf und Strapazen des Geistes ein Leben der Phantasie und Beschaulichkeit zu führen. Ich habe nicht zu fragen weshalb? Die Natur hat in mir heterogene Dinge vereinigt; dies hat sie zu verantworten. Und ich habe ehrlich mein Werk zu vollbringen, ohne zu wissen, wem zuliebe. Deshalb müssen Sie leiden, das weiß ich. Sie besitzen mich nicht ganz; aber niemals wird ein Mensch mich soweit besitzen wie Sie. Es hat sich in den letzten Jahren in meinem Empfinden etwas geändert, aber nicht in Gebieten der Tiefe. Ich bin ruhiger, aber auch zuversichtlicher. Und glauben Sie mir: in aller Ferne ist das, was mein Herz beruhigt, ein sicheres Gefühl von Ihnen zu mir und von mir zu Ihnen. Ich sage das nicht gern, denn ich habe anderes verschwiegen, was ich mir hoch anrechne. Und dennoch noch eines: können Sie denn wirklich glauben, daß diese Stimmung, zurückzukehren zu Gedanken, auszusprechen, zu enthüllen – so selten und so unerhört in meinem Leben – glauben Sie denn, daß das Dinge des Augenblickes und des Zufalles und der Äußerlichkeit sein können? Und wenn Sie es nicht glauben, so müssen Sie doch wissen und empfinden, daß von allem und allem, was Sie mir geben, nur gerade das eine nicht verletzt werden sollte, die Sicherheit, die ich habe, in Ihnen etwas zu finden, das mir gehört und nicht verlorengehen kann. Wenn ich Ihnen Vorwürfe gemacht habe – gewiß vielleicht ungerecht – so lag doch immer im tiefsten Grunde, daß ich in Zweifeln und Wechseln nicht mich etwa verletzt fühlte, sondern meine Zuversicht. Ich habe zuviel im Leben Unruhe erlitten, Zweifel und Sorge, und kann leichter heute verzichten als verzweifeln. Wenn Sie sich mein Leben vorstellen, das Sie innerlich doch nicht recht verstehen (und vielleicht mit Recht) weil es ein zwiefältiges ist, und nicht ein zwiespältiges, so würden Sie weniger beunruhigt sein und mich, der ich den Fehler habe, wie ein Hohlglas die Strahlen aufzufangen und zu verdichten, weniger beunruhigen. Wenn der Spiegel noch so leise zittert, so schwankt das Bild auf und nieder.

Können Sie mich verstehen? Aus diesem Wirrwarr, fürchte ich, nicht. Aber ich darf heute nicht die Nacht hindurch schreiben, mein Zug steht vor der Tür, morgen bin ich in Westfalen, übermorgen in München im Continental. Ich glaube, es täte mir gut, zwei Worte – nicht mehr – von Ihnen dort zu finden, denn Ihr letzter Brief klingt mir sonst zu lang in den Ohren und ein Ton darin, der mich ängstigt.

Herzlichst W.

 

Erst heute kann ich, und heute muß ich Ihnen schreiben, nachdem ich eben die Arbeit dieses Sommers beendet habe. Die »Kritik der Zeit«. Dem Umfang nach klein, kaum 100 Druckseiten, dem Inhalt nach groß, denn eine menschliche Existenz liegt darin. Ihnen mag sie deshalb im Menschlichen etwas bedeuten, wenn ich mir auch nicht vorstellen kann, wie Sie durch diese Gebirgswege sich winden sollen; es ist eine Art von Menschheitsgeschichte. Wem ich sie als Ganzes übergeben darf, weiß ich nicht, und so schwanke ich, ob Drucken einen Sinn hat.

Ich habe mich bemüht, so deutlich zu sein, als ob ich mit Kindern redete, und glaube nun am Schluß, daß es nicht die Kinder sein werden, sondern die Enkel.

Erschrecken Sie nicht! es ist nicht Hochmut, sondern Vereinsamung. Sie haben es mir oft vorausgesagt; so kommt es, und so muß es kommen. Aber in einem haben Sie sich geirrt: erst so fühle ich ganz mich selbst, die Wünsche werden stiller und stiller, und indem ich jetzt auf das Meer hinausblicke, wo hinter klatschendem Regen ein fernes grüngoldenes Himmelsstück sich emporhebt, empfinde ich Ruhe und Freiheit. Ja, es ist mir, als hätte sich durch diese Schrift, die mir so nahe gegangen ist, ein Teil von mir selbst losgelöst und schwebte frei – ein schönes Vorgefühl glücklichen Sterbens.

Erschrecken Sie nicht! ich möchte Ihr Gefühl nicht verletzen und kann doch nicht schweigen und nicht anders reden. Noch vor einer Stunde waren meine Gedanken, wie eigentlich seit zweiundeinhalb Monaten, ganz in Vergangenem und Künftigem gefangen: jetzt liegen die Blätter vor mir, wie niedergeweht, fast fremd, nicht mehr mein eigen, und es ist, als wären Jahre vergangen.

Was ich noch zu sagen habe, ist nichtig. Seit Sonnabend bin ich hier – die See ist herbstlich, die ganze Natur rauscht auf in Regen, Wellen, Wolkenballen, Sonnendurchbruch (gerade jetzt, in diesem Augenblick). Bis Ende des Monats denke ich zu bleiben, länger ist keine Hoffnung, in Berlin häuft sich die Arbeit.

Leben Sie wohl! Ich grüße Sie herzlich.

W.

 

Haben Sie Dank für Ihre versöhnenden Worte, und daß Sie mit zarter Hand den Schleier wegschoben, der sich über unvergeßliche Erinnerungen gelegt hatte ...

Wie kaum zuvor ist es mir in diesem Winter klar geworden, daß eines Mannes Leben nichts bedeutet, wenn nicht alle Kräfte des Geistes und der Verantwortung angespannt werden. Geschenke empfangen, selbst von der Natur, ist ein halbes Unrecht.

Alle guten Wünsche mögen Sie und die Ihren umgeben und Ihnen Haus und Land und Leben erleuchten.

Herzliche Grüße!
W.

22. 12. 11.

 

1913. Poincaré. Am 16. Januar wird Poincaré zum Präsidenten der Französischen Republik gewählt; gegen Pams, dessen Wahlparole der Friede war. Ganz Paris sagt, die einen freudig, die anderen bedrückt: » Poincaré c'est la guerre«. Die Dienstzeit wird auf drei Jahre verlängert. Zur Popularisierung der Armee führt Millerand, der französische Kriegsminister, den großen Zapfenstreich ein; jeden Sonnabend spät, mit Lampions und Musik, zieht die Truppe, bunt bewimpelt, durch die Hauptstraßen von Paris; rechts und links auf beiden Bürgersteigen marschiert der Pöbel mit, nationalistische Lieder singend. Die elegante Welt, die zu Nijinski ins Châtelet, zu Caruso in die Oper strömt, hält ihre Autos an, tritt, wenn der Zapfenstreich im Zwischenakt vorbei kommt, auf die Straße und applaudiert. In der Ferne, auf dem Balkan, tobt der zweite Balkankrieg. Rußland legt in Paris eine neue Anleihe von 665 Millionen Franken für strategische Bahnen auf. Der Großfürst Nikolaus, der Höchstkommandierende des russischen Heeres, macht der Französischen Armee einen offiziellen Besuch; die Großfürstin, die Montenegrinerin, begrüßt von Nancy aus in einer Kundgebung » die verlorenen Provinzen«, das Elsaß und Lothringen. In England organisiert Haldane in der Stille das britische Landungskorps. In Deutschland fordert die Regierung vom Volk ein »Notopfer«: eine Milliarde für neue Rüstungen. Um das Notopfer zu begründen, und als Vorspiel zur kommenden »großen Zeit«, wird an 1813 durch eine Nationalfeier größten Stils erinnert.

 

Rathenau veröffentlicht am 23. März in der »Neuen Freien Presse« eine leidenschaftliche Warnung: » Das Eumenidenopfer« (Gesammelte Schriften Bd. I, S. 253ff.). Es lohnte sich, diesen Artikel, den stärksten und unwiderleglichsten, den er geschrieben hat, von der ersten bis zur letzten Zeile zu zitieren; hier seien nur die wesentlichsten Sätze angeführt: »Das Deutsche Reich verlangt von seinen Bürgern eine Milliarde und die Rente von einigen weiteren, um seine Rüstungen gegen den Osten und seine Heermacht gegen den Westen zu stärken. Man sagt, es gilt ein Schicksal abzuwenden, und erinnert an den Opferwillen vor hundert Jahren. Vierzehn Millionen für Spezialtruppen schienen vor sechs Monaten unerschwinglich; tausend Millionen erklären sich selbst. Es ist die Psychologie der Generalversammlungen: Die ärmliche Unterschlagung eines Kassenboten erregt Stürme; der Verlust des halben Gesellschaftskapitels begegnet mutvoll gefurchten Mienen, die sagen »Gottlob, es ist nur die Hälfte« ... Das letzte Menschenalter sah in aller Stille und ohne Erstaunen zwei Welten aufteilen: die afrikanische und die islamitische Welt ... Neun Zehntel dieser Eroberungen fielen an die Staaten des französischen Bundes; Deutschland erhielt durch private Initiative seine Kolonien; durch politische und diplomatische Ausnützung seiner Machtstellung nichts. – Nichts. Und doch trat das Deutsche Reich in die Reihe der kontinentalen Staaten als unbestrittene Vormacht, als Schiedsrichter und Garant ... Eine Kriegsmacht hat es auf die Füße gestellt, wie dieser Planet sie nie zuvor erblickte, und einen Verteidigungszins von eindreiviertel Milliarden aufgebracht, der nie erhört wurde. Keine Kontinentalmacht hat die Größe seiner Flotte je erreicht; keine seinen Wohlstand, noch die Zahl seiner zivilisierten Bewohner. Und das Ergebnis: nichts. Weniger als nichts: denn Deutschlands Stimme, vor dreißig Jahren mächtiger als irgendeine andere in Europa, gilt heute keinesfalls mehr, eher weniger als Frankreichs ... In solcher Lage, politisch ausgehungert, mit sinkendem Selbstbewußtsein und innerpolitischer Verstimmung erblicken wir die Umlagerung im Osten ... Niemals hatte sich bisher der französische mit dem deutschen Dreibund gemessen; heute blickten sich beide in die Augen, und siehe da, wir haben die Sonne gegen uns. Einstweilen nur die Sonne. So mustern wir denn rasch unsere Kräfte, Menschen und Mittel und machen die Rechnung; es fehlt eine Milliarde, sie wird ausgeworfen, und die Rechnung stimmt ... Das Opfer soll und wird gebracht werden. Vermessen aber ist es, die bundesrätliche Steuervorlage mit den Volksopfern der Zeit um 1813 zu vergleichen. Das Herrlichste jener Zeit war nicht das Opfer und nicht der Sieg, sondern die Einkehr, die beiden voranschritt ... Nicht um Geld und Rüstungen war und ist es zu tun, wenn ein Schicksal abgewendet werden soll. Materielle Kräfte rufen Gegenkräfte wach ... Wird die Verlängerung der Dienstzeit in Frankreich ausnahmslos Gesetz, so ist der Krieg besiegelt ... Die doppelte Spannung, die, gefährlicher als ausgesprochen, zwischen England und uns, ausgesprochener als gefährlich zwischen Frankreich und uns bestand, gewinnt jetzt ihre volle Explosionskraft, verstärkt durch Rußlands Empfindlichkeit, das die Milliardensaat im Festungsgürtel längs seiner Grenzen aufsprießen sieht. Durch jenes Eumenidenopfer, das uns verkündet wird nach dem Gesetz hundertjähriger Wiederkehr, wird nicht ein Schicksal gewendet, sondern beschleunigt ... Klassenherrschaft, ausgedrückt durch mangelhafte Selektion und schwache Politik; Konservatismus der Führung, ausgedrückt durch Ungleichheit der Lasten: das ist das doppelte Unrecht und die doppelte Gefahr unseres Landes ... Vielleicht wäre es noch nicht zu spät, die wahren Lehren jener großen Epoche zu befolgen und das Unrecht abzutun. Das reifste Unrecht unserer Zeit aber besteht darin, daß das fähigste Wirtschaftsvolk der Erde, das Volk der stärksten Gedanken und der gewaltigsten Organisationskraft, nicht zugelassen wird zur Regelung und Verantwortung seiner Geschicke ... Dieses doppelte Übel schwächt Preußen-Deutschland jahraus, jahrein mehr, als Dutzende von Brigaden gutmachen können ... Nicht die physische Kraft der Bataillone für sich, sondern diese Kraft, multipliziert mit dem Maße der Geschäftskunst, entscheidet über die Weltstellung ... Völkerkriege und Schicksale werden nicht vom Willen geschaffen; sie entspringen Naturgesetzen, die in den Kontrasten des Bevölkerungsdruckes, der Aktivität, des Physikums, ihren Ausdruck finden. Doch über den mechanischen Schicksalsgesetzen stehen die ethischen und transzendenten. Wenn innere Kräfte stocken, wenn Formeln, Sitten und Gedanken sich überleben, so ergreift ein äußeres Geschick das Wort und die Führung. Nicht äußere Verhältnisse und politische Konstellationen, sondern innere Gesetze, sittliche und transzendente Notwendigkeiten führen mit Gewalt unser Schicksal herbei. Unser zähes Volk ist mit dem gleichen Mittel erzogen worden, mit dem es seine Kinder zu erziehen liebt, mit Schlägen. Früher hat der Trotz der Herrschenden die Schicksalsschläge herbeigezogen, nun gesellt sich zu diesem Trotz die Indolenz des Landes, das nicht um seine Verantwortungen kämpfen will und daher um seine Sicherheit wird kämpfen müssen. Tritt aber die Schicksalsstunde heran, so wird man begreifen, daß alle Unternehmung ein Spiel der Winde bleibt, wenn sie nicht in der Tiefe auf doppelt gefestigtem Fundament beruht: auf starker Politik und gerechter Verfassung. Die Leidenschaft, die heute den Interessen des materiellen Lebens frönt, wird dann der Sorge um die Dinge der Gemeinschaft und des Staates weichen, und zugleich mit der Erschütterung des überreichen Gebäudes unserer Wirtschaft werden morsche Rechte und Mächte dahinsinken. In einer Stunde stürzt, was auf Äonen gesichert galt ...«

Nach dieser gewaltigen Anklageschrift macht er am Schluß des Jahres in einem Artikel: » Deutsche Gefahren und neue Ziele« in der »Neuen Freien Presse« vom 25. Dezember 1913 (Gesammelte Schriften Band I, S. 267ff.) einen letzten Versuch, eine Lösung vorzuschlagen, die zugleich Deutschland aus seiner verzweifelten Lage befreien und Europa den Frieden sichern würde: » Es bleibt eine letzte Möglichkeit: die Erstrebung eines wirtschaftlichen Zollvereins, dem sich wohl oder übel, über kurz oder lang die westlichen Staaten anschließen würden ... Die Aufgabe, den Ländern unserer europäischen Zone die wirtschaftliche Freizügigkeit zu schaffen, ist schwer, unlösbar ist sie nicht. Handelsgesetzgebungen sind auszugleichen, Syndikate zu entschädigen, für fiskalische Zolleinnahmen ist Aufteilung und für ihre Ausfälle Ersatz zu schaffen; aber das Ziel würde eine wirtschaftliche Einheit schaffen, die der amerikanischen ebenbürtig, vielleicht überlegen wäre, und innerhalb des Bandes würde es zurückgebliebene, stockende und unproduktive Landesteile nicht mehr geben. Gleichzeitig aber wäre dem nationalistischen Haß der Nationen der schärfste Stachel genommen ... Was die Nationen hindert, einander zu vertrauen, sich aufeinander zu stützen, ihre Besitztümer und Kräfte wechselweise mitzuteilen und zu genießen, sind nur mittelbar Fragen der Macht, der Imperialismus und der Expansion: im Kern sind es Fragen der Wirtschaft. Verschmilzt die Wirtschaft Europas zur Gemeinschaft, und das wird früher geschehen als wir denken, so verschmilzt auch die Politik. Das ist nicht der Weltfriede, nicht die Abrüstung und nicht die Erschlaffung, aber es ist Milderung der Konflikte, Kräfteersparnis und solidarische Zivilisation

Inzwischen war im Oktober Rathenaus Hauptwerk, die » Mechanik des Geistes«, erschienen: » Dem jungen Geschlecht« gewidmet. Es erregte zunächst weniger Aufsehen und wurde weniger gekauft als die im Januar 1912 erschienene »Kritik der Zeit«. Die ersten dreitausend Exemplare sind erst nach drei Jahren ausverkauft gewesen, während dem gleichgroßen ersten Druck der »Kritik der Zeit« bereits nach einem Monat ein Neudruck hatte folgen müssen. Der Grundgedanke der »Mechanik«, den Rathenau in seinem »Festgesang« in die Worte zusammenfaßt:

»Mensch! Des trügerischen Schleiers Falten
Hüllen wirr den Blick mit Eitelkeiten,
Bergen dir der Gottheit ruhend Walten.

*

Mensch, o Mensch, gedenke deiner Seele!«,

dieser Grundgedanke des Buches stand allerdings in einem unversöhnlichen Gegensatz zum Waffenklirren und Freudentaumel der Zeit. Rathenau blieb die taube Mißachtung, der sein Appell an die Seele in der Öffentlichkeit, die Feindschaft, der sie unter seinen Berufsgenossen begegnete, nicht verborgen. Die Schicksalsschläge, die ihn trafen, hatten das feine Uhrwerk seiner Seele, – die Handschrift bezeugt es – einen Augenblick in Unordnung gebracht. Durch die Selbstanalyse in den Briefen an die Freundin bricht ein neuer Ton: eine Abgeklärtheit, eine beginnende Müdigkeit, Entsagung, eine innere Stille wie Windstille nach dem Sturm. Man fühlt den Abend herannahen.

 

Ihren lieben und schönen Brief und die roten Rosen fand ich, als ich heut früh heimkehrte; haben Sie Dank! Paul werde ich für seine sorgsame und freundliche Auskunft morgen danken. Jetzt ist es Nacht.

Nein, die Seele wird nicht erkämpft! Aber sie ruht nicht, wie das Geschenk des blauen Himmels, sondern sie wächst, wie alles Lebende, nach ihrem Gesetz. Sie ist auch nicht dem Leben feindlich wie das entstellte asketische Christentum, sondern vollkommen frei, mutig und freudig wie die echten Worte im Neuen Testament. Sie trennt nicht Körper und Geist, sie verlangt keine Entsagung, keinen Dienst und keinen Kultus: ihr innerster Ausdruck ist Gesinnung.

Diese Gesinnung ist aber sowohl die franziskanische wie die goethesche, die heidnische wie die christliche: es ist die Gesinnung, die der Sache lebt und nicht der Person, die nicht das Ich vergöttert, sondern die Schöpfung.

Diesen Weg schreitet man nicht nur, wenn man von der Finsternis kommt. Es hat nie einen echten Geist gegeben, sonnig oder düster, glücklich oder leidend, der ihn nicht gegangen wäre. Die Geister, die am Ich hängen, sahen sich alle gleich, so verschiedene Gesichter sie trugen. Deshalb fürchte ich mich nicht, dies Buch der Jugend zu geben; führt es sie zur Schwärmerei oder Sentimentalität, so versteht sie es nicht. Doch sie wird es verstehen! und der Weg vom Ich hinweg zur Sache, zur Idee, zum Sein: dieser Weg wird auch zu den stärksten Taten führen.

Ich will kein Vorläufer sein, sondern ein Wegweiser am Kreuzweg, und will jedem freudig nachschauen, wenn er die Richtung hat. Aber wenden werde ich mich nicht mehr; die dünne Kompaßnadel ist zerbrechlich, aber jedes Stückchen weist zum Pol.

Sie glauben, daß von diesem Buch Ihnen nichts gehört? Wenn Sie es ganz besitzen, und Sie werden es besitzen, so werden Sie fühlen, daß es nicht nur ein Bekenntnis, sondern auch ein umgeschaffenes Erlebnis ist.

Herzlichst der Ihre
W.

27. 11. 13.

 

Grand Hotel Quirinal, Rom.

Wie sollte ich die Hand, die Sie mir reichen, nicht ergreifen? Glauben Sie mir, auch in den schwersten Tagen waren Sie mir nicht entfremdet, und in diesen letzten Jahren, die mir die Sorge um meinen Vater, die härteste Prüfung und manches Unerringbare brachten, war Ihr Bild bei mir. – Ihr Bild! Denn bis heute will es nicht mehr gelingen, daß wir uns begegnen!

Sehen wir uns unter Menschen, so fühle ich die Spannung und Ladung, die jedes Wort unfrei macht. Ein paar Augenblicke beherrschen Sie sich – mit Gewalt – das fühle ich – dann folgt eine Bewegung, ein Blick oder ein Wort, das mich im innersten verletzt, ja – verzeihen Sie mir, wenn ich es frei sage – empört. Gegen meine Natur werde ich dann mißtrauisch, verletzlich; was Sie mir Wärmeres sagen, kann ich nicht mehr voll glauben; bei jedem Wort klingt sein Gegensinn mit. – Sind wir allein, so sind alle dritten Dinge wie ein Hauch beiseite geblasen, als wären sie Lüge und Torheit: einmal sagten Sie mir: »wir können doch nicht über Botanik reden« – und es bleibt nichts, als das Ich und Du, doch nicht als ein Gemeinsames, sondern als eine Wetterwolke. Ich frage Sie; wie soll ich das lösen? Sie sagen, Sie werden unfrei in meiner Nähe. Nur in meiner Nähe unfrei: ist es dann würdig, daß wir uns solchen Lagen aussetzen? Dürfen wir das Beste, das in uns und zwischen uns lebt, durch solche Mächte zerstören? In mir zittern und dröhnen sie wochenlang nach, trotzdem ich etwas von der starken Konstitution meines Vaters habe. Ich sagte und schrieb Ihnen vor einem Jahre: Von Ihnen hängt es ab, nicht von mir. Was hilft es, heute zu ergründen, was anders hätte sein sollen? Können wir heute nicht die Kraft zur Freiheit aufbringen, so sind wir die Freiheit nicht wert. Und es stirbt mit dieser Freiheit alles Vertrauen, alle Sicherheit und Zuversicht. Denn wie soll ich Sie an meiner Seite fühlen, als Geleiterin meines Lebens und Schaffens, wenn ich weiß, daß Sie in meiner Nähe keine ruhige Stunde finden, wenn sich überdies tausend Widersprüche im Klang und Echo sammeln und jedes freundliche Wort übertäuben? Ich fühle – verzeihen Sie mir abermals, ich muß etwas sehr Hartes sagen: geradezu einen falschen Ton in Ihrem Wesen da, wo Sie sich zu einer Entäußerung, einem Mitgehen, einem Einverständnis entschließen; ich weiß, daß es der beste Wille ist, daß Sie aber von Ihrer Natur ein Opfer verlangen, das anzunehmen mich demütigt. Was soll geschehen? Es handelt sich nicht um Opfer; Freiheit ist nur dann möglich, wenn Sie sich entschließen können, die Dinge und Naturen, wie sie sind, willig und rückhaltlos anzuerkennen. Ich weiß, was das – nicht mir –, sondern Ihrer freigeborenen Natur bedeutet. Fügen werde ich mich niemals mehr; aber ich werde Sie auch nie verlassen. Ich werde immer kommen, wenn Sie mich rufen, aber ich werde mich schweigend zurückziehen, wenn es noch nicht an der Zeit ist.

Ihre Hand aber nehme ich und halte ich fest in herzlicher Neigung, gleichviel ob wir nah oder fern sind. Ich weiß, daß wir uns nicht ganz verlieren können; das sagt mir auch in dieser Ferne das Gefühl, wenn ich Ihre lieben Schriftzüge sehe, die Ihre Hand geformt und auf denen Ihr Arm geruht hat. Aber Leute, die wie wir sind, von denen verlangt das Leben Kraft, Freiheit und manchmal Härte.

Leben Sie wohl, ich hätte Ihnen mit meinen Wünschen und Grüßen zum Fest etwas von Rom und Ihrem lieben Lande sagen sollen, aber ich denke, das Beste ist ein reiner Himmel, und den soll es über uns geben.

Herzlichst
Ihr W.

21. 12. I913.

 

1914. Die Zeit ist aus den Fugen. Eine eigenartige Atmosphäre hat sich gebildet, eine Art von Rauschgas, dessen Komponenten Brutalität, hemmungslose Sinnlichkeit und Mystizismus sind. In dieser wird langsam ein Blutgeruch bemerkbar. Eine Sonnenfinsternisbeleuchtung macht aus den ungewöhnlichen Ereignissen, die sich überall häufen, Wunder und Zeichen wie vor Cäsars Tod in Shakespeares Tragödie. In Berlin widmen sich Kreise, die sonst anders beschäftigt sind, spiritistischen Sitzungen: Geisterbeschwörungen finden bis in die Umgebung des Generalstabschefs statt. In Paris ermordet mitten im Karneval die Frau des französischen Finanzministers Caillaux den bekanntesten französischen Journalisten. Rußland wird, nachdem es im Januar 600 Millionen Goldfranken zum Ausbau seiner strategischen Aufmarschbahnen bekommen hat, brutal deutlich; am 12. März bringt die »Petersburger Börsenzeitung« eine offiziöse Auslassung: » Rußland ist kriegsbereit«, die unverhüllt die Faust zeigt und, wie sich bald herausstellt, vom russischen Kriegsminister Suchomlinow selbst geschrieben ist. Im Juni folgt in den »Preußischen Jahrbüchern« der Aufsatz eines russischen Professors Mitrofanoff über »Die Motive und Ziele der russischen Politik«, der ohne Umschweife Deutschland vor die Wahl stellt zwischen der Zurückziehung seiner Militärmission aus Konstantinopel und dem Krieg. Am 28. Juni fallen die Schüsse in Sarajewo. In London steht die season auf ihrem Höhepunkt: eine season, wie sie London nie vorher gekannt hat. Wieder führen die Russen den Tanz an: das russische Ballett – der große russische Sänger Schaljapin – der wie ein Märchenprinz reiche und schöne junge Fürst Jussupoff – der später Rasputin ermordete – auf der Hochzeitsreise mit einer kindlich zarten und anmutigen Großfürstin, die unter ihrem schweren Schmuck aussieht wie ein kostbares Heiligenbild. Und ganz Europa, halb Amerika, halb Asien machen mit. Indische Maharadjahs, die zehn Generationen Sklavenarbeit in Edelsteinen an ihrem Kopfschmuck tragen, Bankiers aus Neuyork, deren Jachten vor Cowes liegen, die schönsten und elegantesten Frauen von Paris, große Künstler: Rodin und Richard Strauß und Debussy und Strawinsky. London überstrahlt alle Hauptstädte der Welt. – Doch plötzlich tritt eine Verwandlung ein. Es sieht so aus, als werde das Fest wie das Festmahl des Belsazar ausgehen. In Irland haben die Offiziere einer englischen Kavallerie-Brigade gegen die Befehle des englischen Kriegsministers gemeutert. Die Regierung wagt nicht, sie zu bestrafen. In London treten eines Tages Mitte Juli die beim Königspalast wachthabenden Soldaten der Irischen Garde aus ihrer Kaserne und bedrohen den vom Kronrat kommenden Premierminister. Beim nachfolgenden Frühstück in seinem Hause, zu dem er zu spät kommt, zieht mich der frühere französische Premierminister Jules Roche zur Seite und sagt: »Wie traurig, so aus der Nähe dem Untergang eines großen Reiches beizuwohnen!« Die Schwester der Lady Randolph Churchill, der Mutter des Marineministers, reist überraschend und unerwartet nach Irland ab, um, wie sie erzählt, 1200 Gewehre, die sie in ihrem Park verborgen hat, zu verteilen. Lady Randolph selbst antwortet dem Deutschen Botschafter, der sie fragt, was diese plötzliche Reise zu bedeuten habe, auf italienisch nur das eine Wort »sangue« (Blut) – und dann; sich besinnend, und aus kohlschwarzen Augen blitzend: – »Aber wenn wir angegriffen werden, stehen wir alle wie ein Mann zusammen.« Ihr Sohn zieht die englische Flotte zusammen. Am 15. Juli beginnt die »Probemobilmachung« des dritten Geschwaders; am 17. und 18. wird vor Spithead als Schaustück für die in London versammelte Welt, die in Dutzenden von Extrazügen herangefahren wird, die größte Flottenparade der Weltgeschichte abgehalten; sechs Stunden lang defiliert in einer ununterbrochenen Kette die Flotte im Flaggenschmuck, mit der Mannschaft in Parade in den Rahen und spielenden Bordmusiken vor dem König; englisches Seitenstück zum Petersburger Artikel »Rußland ist kriegsbereit!« Sechs Tage später kommt das österreichische Ultimatum; statt des Bürgerkrieges ist der Weltkrieg da!

 

Rathenau notiert in seinem Tagebuch 1914: »Ende Januar oder Anfang Februar denkwürdiges Gespräch mit Bethmann in Gegenwart von Winterfeldts. Er fragte (vielleicht auch rhetorisch), ob man dem Lande gegenüber Konsequenz oder Opportunität zeigen sollte? Ich antwortete: diese Polarität erschöpft die Frage nicht. In erster Linie verlangt das Land eine sichtbare Richtung.« Am 12. März frühstückt er beim Eisenbahnminister mit dem Kaiser, der eine sonderbare Nervosität in bezug auf das Elsaß zeigt: »wir können den Aufmarsch nicht mehr als gesichert ansehen.« Die Frau des Generalstabschefs von Moltke will Rathenau kennenlernen und bittet ihn, einem Vortrage des Mystikers und Propheten Rudolf Steiner in seiner Gemeinde, deren Beschützerin sie ist, beizuwohnen. Aus Rathenaus Briefen spricht in diesem Frühjahr eine neue, merkwürdig weiche Naturnähe; das Reich der Seele schwebt ganz dicht unter der Oberfläche. Am 22. März schreibt er an Fanny Künstler: »Hat Ihnen mein Bild, auf die schöne Staffelei Ihres lieben Gedenkens erhoben, Kräftigung gebracht, so ist es nun Zeit, daß es abgehoben werde. Dieses Geschöpf der Klarheit und Harmonie bin ich nicht. Wie wir alle, leide ich an Sorge und Leidenschaft, Angst und Begierde, Not und Torheit. Wenn mir aus Kämpfen etwas erwachsen ist, so ist es die Möglichkeit, eine Magnetrichtung zu finden, wenn der Zyklon sich gelegt hat. Heute ist Frühlingsanfang. Ich bin an der Havel entlang gefahren; ein Regenschauer kam entgegen, brauste über die Wasserferne und die rot und gelb eingehüllten jungen Baumkronen.« (Brief 120.) An Fritz von Unruh im April: »Wir waren im Freienwalder Kurhaus zu viert bei Tisch, als die Nachricht kam, Hauptmanns, Ekke und ich, und gedachten Ihrer aufs freundschaftlichste. Es war einer von den wolkenlosen Sommertagen, deren wir schon eine ganze Reihe genießen; die Baumblüte im ersten Anschwellen, im Garten ein beblümter Boden, und eine farbig klare Fernsicht von den Hügeln.« (Brief 132.) Am nächsten Tag an Fanny Künstler: »Gern gedenke ich Ihres lieben Heims; es hat mich in freundlichster Weise an die behaglichen Hausungen meiner süddeutschen Verwandten erinnert, die in Mainz und Frankfurt seit Menschenaltern an ihrer Stelle wohnten, in duftenden Zimmern mit alten Erinnerungen, große Birnbäume vor den Fenstern, die uns Kindern mit ihren flaschengroßen Früchten entzückten. Gestern in Freienwalde, unter wolkenlosem Himmel, war die Fernsicht klar und unermeßlich, die ersten Obstbäume blühten auf den Hügeln in sommerlicher Wärme.« (Brief 124.) Dann zu Pfingsten wieder an Fanny Künstler: »Seit gestern bin ich hier, leider noch nicht auf lange, denn es ist Arbeit in Berlin zurückgeblieben. Noch fühle ich: ich kann den Winter nicht abschütteln. Bäume und Hügel umgeben mich wieder, aber ich bin noch zu dumpf und stumpf, um ihre Sprache zu verstehen; das Herz atmet noch kurz und flattert in dem langen Wellenschlage der Natur. Und doch fließt der Himmel in tiefer Ruhe von West nach Ost, Wolkenzüge, Düster und Sonnenglanz ziehen einher, nun ist mit den letzten Wolkenbergen die Nacht aufgestiegen in tiefstem Schweigen.« (Brief 131.) Ende Juni wieder an dieselbe: »Hier blühen, nein, fließen die Rosen. Ich muß nachts das Fenster schließen, weil die Linde überquillt und betäubt. Arbeiten kann ich nicht.« (Brief 135.) Mitte Juli: »Die Rosen machen umständliche Toilette für die zweite Blüte. Die Bäume stehen tiefbelastet im blaugrünen Laub; sie haben ihre Früchte empfangen und beginnen vom Herbst zu träumen. Heiße Tage verschleiern den Horizont, und der Abend steigt, noch immer spät, mit flammender Farbe an den Wolken empor. Wenn ich aufstehe, ist längst heller Tag; ich erwache in Sonne.« (Brief 136.) Schließlich Ende Juli, als der Krieg schon da ist: »Die letzten Tage mußte ich in Berlin sein: nun da ich heimkehrte, finde ich herbstliche Kälte, und das volle Laub fröstelt und scheint sich auf Sommers Ende zu besinnen. Ach, das Ende ist da, die Tage weichen zurück; in allen Gedanken liegt etwas von Abschied.« (Brief 140.)

 

Wir stehen am Wendepunkt, auch in Rathenaus Leben; und daher empfiehlt es sich, zusammenzufassen, was seine Politik, die er mündlich und schriftlich propagierte, von der kaiserlichen unterscheidet; denn diese schon damals ihm vor Augen stehende Politik ist der Schlüssel zu seinen Handlungen und Stimmungen im Kriege, und wurde später die Grundlage, auf die er nach der Katastrophe eine neue deutsche Außenpolitik aufbaute. Das Material dazu bieten die aus diesem Grunde hier so ausführlich behandelten politischen Aufsätze der Vorkriegsjahre. In einem dieser Artikel, »Politik, Humor und Abrüstung« stellt er die Frage: »Was bedeutet überhaupt geschäftliche oder politische Genialität?« und antwortet: »Mir scheint, nichts anderes, als daß in der Camera obscura des Geistes sich ein Weltbild darstellt, das alle wesentlichen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten der Wirklichkeit unbewußt wiedergibt, und das daher gewissermaßen auch experimentell sich jederzeit verschieben läßt, so daß es innerhalb menschlicher Grenzen sogar das Bild der Zukunft aufweist.« (Gesammelte Schriften Band I, S. 174.) Das ist richtig; mit der Erweiterung, daß nicht bloß Genialität, sondern ebenso jede noch so bescheidene Betätigung in der Politik, wenn sie Erfolg haben soll, ein bewußtes oder unbewußtes, aber jedenfalls einheitliches und präzises Weltbild voraussetzt. Was beim Kaiser, der die Grundlinien der Vorkriegspolitik Deutschlands bestimmte, auffällt, sind in seinem Weltbild die Widersprüche, der Mangel an Präzision, die willkürlichen Annahmen, das Haften an der Oberfläche. Er operiert am politischen Körper wie ein mittelalterlicher Arzt am menschlichen, mit einer Vorstellung von seiner Anatomie, die zum Teil aus der Bibel, zum Teil aus einem Stückwerk von neuesten Einfällen gut bei Hofe angeschriebener Professoren stammt. Rathenau schwebt dagegen ein vollkommen einheitliches und präzises Weltbild vor, dessen Einzelheiten hier oder da unvollkommen oder anfechtbar sein mögen, das aber im großen und ganzen die heutige Wirklichkeit, und zwar nicht bloß ihre Oberfläche, sondern auch ihre Tiefendimensionen wiedergibt. Die Welt von heute stellt sich ihm dar als ein einziger wirtschaftlicher und intellektueller Mechanismus, den die politischen Grenzen nur sehr oberflächlich gliedern. Rüstungen, die bloß eine Verstärkung der politischen Grenzen sind, können deshalb einen Staat nicht auf die Dauer über den Platz hinausheben, den ihm das in der Tiefe wirkende Spiel der wirtschaftlichen, intellektuellen, moralischen Kräfte anweist. Diese letzteren, nicht Rüstungen, bestimmen daher das wirkliche Schwergewicht eines Staates auf der Wage des Schicksals und letzten Endes seine Geltung. Auch sind diese in der Tiefe wirkenden Kräfte in der ganzen Welt untereinander solidarisch, da die ganze Welt eine einzige Maschine ist, und jede irgendwo verlorengehende wirtschaftliche, intellektuelle oder moralische Kraft das Kraftquantum, das die ganze Maschine und jeden ihrer Teile treibt, vermindert. Deshalb ist die Heranziehung aller in einem Volk vorhandenen wirtschaftlichen, intellektuellen oder moralischen Kräfte und Talente durch eine vorurteilslose, demokratische Auslese für das internationale Schwergewicht eines Staates viel entscheidender als irgendeine Verstärkung seines Rüstungspanzers. Und schließlich, da jeder Staat nur ein Stück der einen großen Maschine ist, so muß er absterben, wenn er sich absondert oder abgesondert wird. In einem Kriege ist die tödlichste Waffe deshalb die wirtschaftliche Absperrung; und wenn er lange dauert, nicht weniger gefährlich die intellektuelle und moralische Isolierung. – Wie völlig fremd das Rathenausche Weltbild der kaiserlichen Politik war, beweisen die Wege, die sie einschlug: daß sie dreißig Jahre auf die Lösung eines Rüstungsproblems, die Vergrößerung der deutschen Flotte ohne Zusammenstoß mit England, als wichtigste und fast einzige Aufgabe hinstarrte; daß sie ein Drittel der Volkskraft, die sozialdemokratische Arbeiterschaft, als »vaterlandslose Gesellen« von jeder Betätigung in der Gemeinschaft abriegelt; daß sie vorzog, eine auch von ihr anerkannte, epigonenhafte Talentlosigkeit in der Diplomatie und den höchsten Staatsstellungen zu dulden, als Talenten aus der breiten Masse des Bürgertums, wie sie zahlreich in diesen Jahren in Industrie und Handel emporkamen, den Zutritt zu leitenden Stellungen im Staate zu öffnen; daß sie, um noch eine Einzelheit zu nennen, auf ihrem eigensten Gebiet, der Kriegsvorbereitung, versagte, weil sie die Bedeutung der Wirtschaft im Kriege übersah und daher seine wirtschaftliche Vorbereitung nicht über ein nicht ernst genommenes, nie zur Ausführung gelangtes unbestimmtes Projekt förderte. Um diese katastrophale Lücke in den deutschen Rüstungen auszufüllen, mußte daher gerade Rathenau zu Kriegsbeginn in die Bresche springen.

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