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Walpurgisnacht

Gustav Meyrink: Walpurgisnacht - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleFledermmäuse / Walpurgisnacht
titleWalpurgisnacht
authorGustav Meyrink
year1982
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-1967-4
pages167 - 378
editorEduard Frank
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
firstpub1917
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Die Reise nach Pisek

Abermals hatte es geklopft, immer wieder und wieder, lauter und leiser, aber der Herr kaiserliche Leibarzt getraute sich nicht mehr "Herein" zu sagen.

Er wollte sich nicht der Hoffnung hingeben, es könne die Haushälterin sein, die ihm seine Hosen brächte.

Nur nicht noch eine Enttäuschung!

Die Stimmung, sich selbst zu bedauern, in der sich Kinder und Greise so oft gefallen, hatte ihn völlig unterjocht.

Aber endlich murmelte er trotzdem "Herein!"

Wieder schlug die Hoffnung fehl:

Als er scheu aufsah, steckte die – "böhmische Liesel" schüchtern den Kopf ins Zimmer.

"Da hört sich doch alles auf", wollte der Herr kaiserliche Leibarzt aufbrausen, aber es gelang ihm nicht einmal, sein Exzellenzgesicht aufzusetzen, geschweige denn, die barschen Worte herauszubringen.

"Geh Sie, Lisinko – bitt' Sie, bring Sie mir meine Hosen!" hätte er gern in seiner Hilflosigkeit gefleht.

Die Alte las in seinem Mienenspiel, wie weich ihm ums Herz war, und faßte Mut.

"Verzeih, Taddäus. – Ich schwör' dir, es hat mich niemand gesehen. Ich wär' auch nie zu dir herauf auf die Burg gekommen, aber ich muß dich sprechen. Hör mich an, Taddäus, ich bitte dich. – Nur eine einzige Minute. Es geht ums Leben, Taddäus! – Hör mich an! – Es kommt ganz gewiß niemand. – Es kann niemand kommen. Ich hab' zwei Stunden unten gewartet und mich überzeugt, daß niemand im Schloß ist. – Und selbst wenn jemand käm', würd' ich mich lieber zum Fenster hinausstürzen, als daß ich dir die Schand' antät, daß man mich hier im Zimmer antrifft" – sie hatte die Sätze mit fliegendem Atem und in steigender Erregung hervorgestoßen.

Einen Moment lang kämpfte der kaiserliche Leibarzt mit sich. Mitleid und altgewohnte Angst um den seit mehr als einem Jahrhundert hochgehaltenen fleckenlosen guten Ruf des Namens Flugbeil lagen im Streit miteinander.

Dann reckte sich ein freier, selbstbewußter Stolz, den er fast wie etwas Fremdes empfand, in ihm empor.

"Schwachsinnige Trottel, besoffene Schlemmer, treulose Dienstboten, abgefeimte Wirte, Erpressergesindel und Gattenmörderinnen, wohin ich schaue – weshalb soll ich eine Ausgestoßene, die jetzt, noch mitten in ihrem Schmutz und Elend, mein Bild in Ehren hält und küßt, nicht freundlich aufnehmen?!"

Er streckte der "böhmischen Liesel" lächelnd die Hand entgegen:

"Komm, setz dich, Lisinko! Mach's dir bequem. – Beruhig dich und wein nicht. – Ich freu mich doch! – Wirklich! Von Herzen! Überhaupt, das muß jetzt anders werden. Ich duld's nicht länger, daß du hungerst und im Elend zugrund gehst. – Was kümmern mich die Leute!"

"Flugbeil! Taddäus, Tadd – Tadd – Taddäus", schrie die Alte auf und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. "Sprich nicht so, Taddäus! Mach mich nicht wahnsinnig. – Der Wahnsinn läuft durch die Straßen. – Am hellichten Tag. – Alle hat's schon gepackt, nur mich nicht. – Halt den Kopf beisamm', Taddäus! Werd nur du nicht verrückt! – Sprich nicht so zu mir, Taddäus! – Ich darf jetzt nicht den Verstand verlieren. Es geht ums Leben, Taddäus. – Du mußt fliehen! Jetzt. Jetzt gleich!" – Sie lauschte zum Fenster hin mit offenem Mund. – "Hörst du's, hörst du's? Sie kommen! – Rasch. Versteck dich! – Hörst du sie trommeln? – Da! Wieder! – Der Zizka! Jan Zizka von Trocnov! – Der Zrcadlo! Der Teufel! – Erstochen hat er sich. – Die Haut haben sie ihm abgezogen. Bei mir! In meinem Zimmer! – Er hat's so gewollt. – Und auf eine Trommel gespannt. – Der Gerber Havlik hat's getan. Er geht vor ihnen her und trommelt. – Die Hölle ist los. Die Rinnsteine sind voll Blut. – Borijov ist König. Der Ottokar Borijov", sie warf die Arme vor und starrte, als sähe sie durch die Mauern hindurch. – "Sie werden dich erschlagen, Taddäus. – Der Adel ist schon geflohen. – Heute nacht. Haben sie dich denn alle vergessen? – Ich muß dich retten, Taddäus. – Sie erschlagen alles, was zum Adel gehört. – Einen hab' ich gesehen, der hat sich niedergebeugt und das rinnende Blut aus der Gosse getrunken. – Da! Da! Die Soldaten kommen! – Die Solda – –", sie brach erschöpft zusammen.

Flugbeil fing sie auf und legte sie auf einen Kleiderhaufen. – Das Haar stand ihm zu Berge vor Entsetzen.

Sie kam sofort wieder zu sich und wollte von neuem anfangen: "Die Trommel aus Menschenhaut! – Versteck dich, Taddäus; du darfst nicht ums Leben kommen!"

Er legte die Hand auf den Mund: "Sprich jetzt nicht, Lisinko! Hörst du? Folg mir. – Du weißt, ich bin Arzt und muß das besser verstehen. – Ich werd' dir Wein bringen und was zu essen" – er blickte um sich, "Herrgott, wenn ich nur meine Hosen hätt'! Es geht gleich wieder vorüber. Der Hunger hat dich halt verwirrt, Lisinko!"

Die Alte machte sich los und zwang sich, die Fäuste ballend, so ruhig wie möglich zu reden:

"Nein, Taddäus, du irrst dich: ich bin nicht verrückt, wie du glaubst. Es ist alles wahr, was ich gesagt hab'. Wort für Wort. – – Freilich, sie sind erst unten am Waldsteinplatz; die Leute werfen in ihrer Angst die Möbel aus den Fenstern, um ihnen den Weg zu versperren. – Und einige, die zu ihren Herren halten, brave Burschen, leisten ihnen Widerstand und bauen Barrikaden; der Molla Osman, der Tatar vom Prinzen Rohan, führt sie an. – Aber jeden Augenblick kann der Hradschin in die Luft fliegen – sie haben alles unterminiert. Ich weiß es von den Arbeitern."

Wie aus alter Berufsgewohnheit legte ihr der Leibarzt die Hand auf die Stirn, ob sie nicht fiebere.

"Sie hat ein sauberes Tuch um", streifte ihn ein flüchtiger Gedanke, "mein Gott, sogar den Kopf hat sie sich gewaschen."

Sie erriet, daß er sich noch immer für krank hielt, und dachte einen Augenblick nach, ehe sie fortfuhr, was sie tun könne, um ihn von der Richtigkeit ihrer Angaben zu überzeugen.

"Willst du mir nicht eine Minute richtig zuhören, Taddäus? – Ich bin hergekommen, um dich zu warnen. Du mußt sofort fliehen! Irgendwie. – Es kann sich nur noch um Stunden handeln, dann sind sie hier oben auf dem Burgplatz. – Sie wollen vor allem die Schatzkammer plündern und den Dom. – Du bist keine Sekunde mehr deines Lebens sicher, verstehst du mich?"

"Aber ich bitte dich, Lisinko!" wendete der kaiserliche Leibarzt ein, immerhin arg erschrocken, "in einer Stunde längstens wird Militär da sein. Was glaubst du denn?! Heutzutage solche Verrücktheiten? – Ich gebe zu, es mag schlimmer zugehen – gar unten in der 'Welt', in Prag. – Aber hier oben, wo die Kasernen sind? –"

"Kasernen? Ja, aber leere. – Daß die Soldaten kommen werden, weiß ich auch, Taddäus. Aber vielleicht morgen, wenn nicht übermorgen oder erst nächste Woche werden sie eintreffen; und dann ist es zu spät. – Ich sag' dir doch, Taddäus, glaub mir, der Hradschin steht auf Dynamit. – Sowie die ersten Maschinengewehre kommen, fliegt alles in die Luft."

"Also ja. Meinetwegen. Aber was soll ich denn tun?" krächzte der Leibarzt. "Du siehst doch, ich hab' keine Hosen."

"No, so zieh er halt welche an!"

"Wenn ich aber den Schlüssel nicht find'", heulte der Pinguin auf, mit einem erbosten Blick auf den sächsischen Koffer, "und das Mistvieh von Haushälterin is auf und davon!"

"Du hast doch da 'en Schlüssel um den Hals. – Vielleicht is es der?"

"Schlüssel? Ich? Hals?" der Herr kaiserliche Leibarzt fuhr sich an die Gurgel, stieß einen markerschütternden Freudenschrei aus und hüpfte mit der Behendigkeit eines Känguruhs über den Westenberg. – – –

Einige Minuten später saß er glückstrahlend wie ein Kind, in Rock, Hosen, Strümpfen und Stiefeln auf der Kuppe des Hemdengletschers – ihm gegenüber auf einem anderen Hügel die "böhmische Liesel", und zwischen den beiden, unten in der Tiefe, wand sich ein farbiges Band aus Krawatten bis zum Ofen hin. – – –

Die Alte verfiel wieder in ihre Unruhe: "Draußen geht jemand. – Hörst du's denn nicht Taddäus?"

"Es wird der Ladislaus sein", gab der Pinguin gleichmütig zurück. – Seit er seine Hosen wieder hatte, existierten Furcht und Unschlüssigkeit nicht mehr für ihn.

"Dann muß ich fort, Taddäus. – Was, wenn er mich hier bei dir sieht! – Taddäus, um Gottes willen, verschieb's nicht länger. – Der Tod steht vorm Haus. – – Ich – ich wollte dir noch" – sie holte ein Päckchen, in Papier gewickelt, aus der Tasche, steckte es rasch wieder ein – "nein, ich – ich kann nicht"; die Tränen stürzten ihr plötzlich aus den Augen. – Sie wollte zum Fenster eilen.

Der Herr kaiserliche Leibarzt drückte sie sanft auf ihren Hügel zurück.

"Nein, Lisinko! So gehst du nicht von mir. – Flenn nicht, schlag nicht um dich, Lisinko, jetzt red' ich."

"Aber der Ladislaus kann doch jeden Augenblick hereinkommen, und – und du mußt fort. Du mußt! – Das Dynamit – – –"

"Ruhig Blut, Lisinko! – Erstens kann's dir Wurscht sein, ob der Blödian, der Ladislaus, hereinkommt oder nicht; und zweitens geht Dynamit nicht los. – Dynamit auch noch! Das könnt' mich so haben. – Überhaupt is Dynamit ein dummer Prager Schwindel. Ich glaub' nicht an Dynamit. – Aber was wichtiger is: Du bist hergekommen, um mich zu retten. Nicht wahr? – Hast du nicht vorhin gesagt: Sie haben mich alle vergessen, und keiner hat sich um mich gesorgt! – – Glaubst du wirklich, ich wär' ein solcher Schuft und schämte mich deiner, wo du die einzige warst, die an mich gedacht hat? – Mir missen jetzi klar ieberlegen, was weiter geschieht, Lisinko. – Weißt d', ich denk' mir halt" – der Herr kaiserliche Leibarzt kam vor Glück, nicht mehr im Nachthemd dasitzen zu müssen, unwillkürlich ins Schwätzen hinein und bemerkte erst gar nicht, daß die "böhmische Liesel" aschgrau im Gesicht wurde und, an Händen und Füßen zitternd, den Mund aufriß und wieder schloß, als müsse sie ersticken – "ich denk' mir halt, zuerst fahr' ich nach Karlsbad und bring' dich derweil irgendwohin aufs Land. – Natürlich laß ich dir ein Geld da. Brauchst dich nicht sorgen, Lisinko! – No und nachher, da lassen mir sich zusammen in Leitomischl nieder – nein, nicht in Leitomischl, das is ja drieben über der Moldau!" – Es fiel ihm ein, daß er bei einer solchen Reise unbedingt eine Brücke passieren müsse – "aber vielleicht" – er raffte alle seine geographischen Kenntnisse zusammen – "aber vielleicht in Pisek? – – In Pisek, här' ich, lebt es sich ungestört. Jaja, Pisek, das ist das Richtige. – – Damit mein' ich natirlich" – fuhr er hastig fort, damit sie nicht etwa auf die Gedanken käme, er spiele auf künftige Flitterwochen an – "damit mein' ich natirlich: Es kennt uns dort niemand. – – Und du führst mir die Wirtschaft und – und gibst auf meine Hosen Obacht, no, und so. – Brauchst nicht glauben, daß ich viel Ansprüch mach': In der Frühe ein Kaffitschko mit zwei Mundsemmeln, am Vormittag mein Gulasch mit drei Salzstangerln zum Soßauftitschen, no, und zu Mittag, wenn Herbst is: Zwetschkenknödel – – – – Um Gottes willen! Lisinko! Was ist dir?! Jesus, Maria! – – –"

Die Alte hatte sich mit einem gurgelnden Laut in die Krawattenschlucht gestürzt, lag zu seinen Füßen und wollte ihm die Stiefel küssen. –

Vergebens bemühte er sich, sie aufzuheben: "Lisinko, geh, mach doch keine Gschichten. Schau, was is denn weiter dab– –", vor Rührung erstickte ihm die Stimme. "Laß mich – laß mich da liegen, Taddäus", schluchzte die Alte. "Bitte, dich sch–schau mich nicht an, d–du machst dir die Augen – schmutzig – –"

"Lis– –", würgte der kaiserliche Leibarzt, brachte aber den Namen nicht heraus; er räusperte sich, krächzend wie ein Rabe, als wehre er sich gegen einen heftigen Hustenreiz. –

Eine Stelle aus der Bibel fiel ihm ein, aber er schämte sich, sie auszusprechen, um nicht pathetisch zu werden.

Überdies wußte er sie nicht genau. – "und ermangeln sich des Ruhmes", zitierte er schließlich automatisch.

Eine lange Zeit verging, ehe die "böhmische Liesel" ihre Fassung wiedergewonnen hatte. – – –

Dann stand sie vor ihm, plötzlich wie verwandelt.

Er hatte innerlich gefürchtet – ganz leise und heimlich, wie alte Leute, die die Erfahrung eines langen Lebens in solchen Dingen hinter sich haben –, daß eine abgeschmackte, nüchterne Stimmung auf den Gefühlserguß folgen müsse, aber zu seiner Überraschung trat nichts dergleichen ein.

Die da vor ihm stand, die Hände auf seine Schultern gelegt, war in keinem Zug mehr die alte grauenhafte Liesel, aber auch nicht die junge, wie er sie einst zu kennen geglaubt.

Sie bedankte sich mit keinem Wort mehr für das, was er ihr gesagt und ihr angeboten hatte – streifte nicht einmal die Szene.

Ladislaus klopfte, trat ein, blieb verblüfft auf der Schwelle stehen, zog sich scheu wieder zurück –: Sie blickte nicht hin.

"Taddäus, mein lieber, guter alter Taddäus – jetzt weiß ich's selber, warum's mich hergezogen hat. Ich hab's nur vergessen gehabt. – Ja, gewiß, ich hab' dich warnen wollen und dich bitten, daß du fliehst, eh's zu spät ist. – Aber das allein war's nicht. Ich will dir sagen, wie alles gekommen ist. Neulich abends ist mir dein Bild – weißt du, das, was auf der Kommode steht – aus der Hand gefallen, wie ich's hab' küssen wollen. Ich war so unglücklich darüber, daß ich geglaubt hab', ich müßt' sterben. – Du darfst nicht lachen, aber, weißt du, es war halt das einzige, was ich noch von dir gehabt hab! – – In meiner Verzweiflung bin ich zum Zrcadlo in sein Zimmer hineingelaufen, damit er mir helfen soll – er – er war damals noch nicht tot" – sie schauderte in der Erinnerung an das gräßliche Ende des Schauspielers.

"Helfen? – Wieso helfen?" fragte der kaiserliche Leibarzt. "Der Zrcadlo hätt' dir helfen sollen?"

"Ichd kann dir das nicht erklären, Taddäus. – Ich müßte da eine lange, lange Geschichte erzählen. – Ich würde sagen: 'ein andres Mal', wenn ich nicht so genau wüßte, daß wir uns nicht wiedersehen – wenigstens nicht – – –" – ein Glanz trat in ihr Gesicht, als wolle die bezaubernde Schönheit ihrer Jugend wieder auferstehen – "aber nein, ich will's nicht aussprechen; du könntest dir denken: junge Huren – alte Betschwestern."

"War denn der Zrcadlo dein – dein Freund? Versteh mich nicht falsch, Lisinko; ich meine – –"

Die "böhmische Liesel" lächelte – "ich versteh' schon, wie du's meinst. – Dich kann ich nie mehr falsch verstehen, Taddäus! – – – Ein Freund? Er war mir mehr als ein Freund. – Manchmal war's mir, als hätte sich der Teufel selber meiner erbarmt in meinem Jammer und wär in die Leiche irgendeines Schauspielers gefahren, um mir Linderung zu bringen. – Ich sage, der Zrcadlo war mir mehr als ein Freund; er war mir ein Zauberspiegel, in dem ich dich immer wieder vor mir sehen konnte, wenn ich es wollte. – Ganz so wie – wie einst. Mit deiner Stimme, mit deinem Gesicht. – Wie er das hat machen können? Ich hab's nie verstanden. Freilich, man kann sich ein Wunder nicht erklären."

"So heiß hat sie mich geliebt, daß ihr sogar mein Bild erschienen ist", murmelte Flugbeil tief ergriffen in sich hinein.

"Wer der Zrcadlo in Wirklichkeit war, hab' ich nie erfahren. Er hat eines Tages vor meinem Fenster – am Hirschgraben – gesessen. Das ist alles, was ich von ihm weiß. – – Aber ich will nicht abschweifen: – Also, ich bin in meiner Verzweiflung zum Zrcadlo gelaufen. Im Zimmer war's schon fast ganz dunkel, und er is an der Wand gestanden, als hätt' er auf mich gewartet. So kam's mir vor, denn ich hab' seine Gestalt kaum mehr unterscheiden können. – Ich hab' ihn mit deinem Namen angerufen, aber er hat sich nicht in dich verwandelt wie sonst. – Ich lüg' dich nicht an, Taddäus, aber plötzlich, ich schwöre dir's, war statt seiner ein anderer da, den ich noch nie vorher gesehen hab'. – Es war kein Mensch mehr, – nackt bis auf ein Hüftentuch, schmal um die Schultern und etwas Schwarzes, Hohes auf dem Kopf, das aber doch in der Finsternis geglitzert hat." –

"Sonderbar, sonderbar, ich hab' heute nacht von so einem Wesen geträumt" – der Herr kaiserliche Leibarzt griff sich sinnend an die Stirn. – "Hat er mit dir gesprochen? Was hat er gesagt?"

"Er hat etwas gesagt, was ich erst jetzt versteh'. – Er hat gesagt: Sei froh, daß das Bild zerbrochen ist! Hast du dir denn nicht immer gewünscht, es soll zerbrechen? – Ich hab' dir deinen Wunsch erfüllt, warum weinst du? – Es war ein trügerisches Bild. Sei nicht traurig." – – "Und er hat noch mehr gesagt: Von einem Bild in der Brust, das nie zerbrechen kann; und von einem Land der ewigen Jugend hat er gesprochen, aber ich hab's nicht recht begriffen, denn ich war verzweifelt und hab' immer nur geschrien: Gib mir mein Bild zurück!"

"Und deshalb hat's dich zu mir – – –?"

"Ja, deshalb hat's mich zu dir gezogen. – Schau mich jetzt nicht an, Taddäus; es täte mir weh, wenn ich in deinen Augen einen Zweifel lesen müßt! Und es klingt so – so dumm, wenn ich als altes Weib und als – als Auswurf der Menschheit es sag: – – Ich – ich hab' dich immer lieb gehabt, Taddäus. Dich und dann später: dein Bild; aber es hat meine Liebe nicht zurückgegeben. – Es hat mir nicht geantwortet – so aus dem Herzen heraus, mein' ich. Weißt du? Es war immer stumm und tot. – Und ich hätt' doch so gern geglaubt, daß ich dir nur ein bissel was gewesen bin, aber ich hab's nicht können. – Ich hab' gespürt, daß ich mich selber anlüg', wenn ich mir's hab einreden wollen. –

Und ich wär so glücklich gewesen, wenn ich's nur ein einziges Mal hätt' wirklich glauben können. – – –

Lieb hab' ich dich gehabt, wie du dir's gar nicht vorstellen kannst. Und nur dich allein. Nur dich. Von der ersten Stunde an. – – – –

Und dann hat's mir Tag und Nacht keine Ruh gelassen, und ich hab' zu dir gehen wollen und dich um ein neues Bild bitten. – Aber ich bin immer wieder umgekehrt. Ich hätt's nicht überleben können, daß du mir 'nein' sagst. Ich hab' doch gesehen, daß du mir neulich schon das erste hast wegnehmen wollen, weil du dich geschämt hast, daß es auf meiner Kommode steht. – Endlich hab' ich mich aber doch hergetraut und –"

"Lisinko, ich – meiner Seel und Gott – ich hab' kein Bild von mir! Ich hab' mich seitdem nie mehr photographieren lassen", beteuerte der Pinguin eifrig, "aber sobald mir in Pisek sin, verspreche ich dir – – –"

Die "böhmische Liesel" schüttelte den Kopf: "Ein so schönes Bild, wie du's mir vorhin geschenkt hast, Taddäus, kannst du mir nicht geben. Ich werd's immer bei mir herumtragen, und es wird nie mehr zerbrechen. – – – Aber jetzt, leb wohl, Taddäus!"

"Liesel, was fällt dir ein – Lisinko!" rief der Pinguin und haschte nach ihrer Hand. "Jetzt, wo mir sich endlich gefunden haben, willst du mich allein lassen?! –"

Aber die Alte stand bereits an der Türe und winkte ihm unter Tränen lächelnd zu.

"Lisinko, um Gottes willen, hör' mich doch an!" –

Eine Explosion, so fürchterlich, daß die Fensterscheiben klirrten, zerriß die Luft.

Gleich darauf sprang die Türe auf, und der Hausknecht Ladislaus stürzte totenblaß herein:

"Vásnosti, Exlenz, sie kommen sich die Schloßstiegen herauf! Fliegte sich die ganze Stadt in die Luft."

"Meinen Hut! – Meinen – meinen Degen!" schrie der kaiserliche Leibarzt, "meinen Degen!" – Mit blitzenden Augen, die Lippen schmal und zusammengebissen, stand er mit einemmal in seiner ganzen ungeheuren Größe hochaufgerichtet da, eine solch wilde Entschlossenheit im Gesicht, daß der Diener zurückprallte. – "Meinen Degen will ich haben! Verstehst du nicht? – Ich werd' den Hunden zeigen, was es heißt, die königliche Burg zu stürmen. – Weg da!"

Ladislaus stellte sich vor die offene Tür:

"Exlenz, werden sich nicht gähn! – Ich duld's nicht."

"Was soll das heißen! Weg da, sag ich!" schäumte der Leibarzt.

"Ich lass' ich Euer Exlenz nicht durch. Können S' mi, bitte, niederschlagen, aber durch lass' ich Ihnen nicht!" – der Diener, weiß wie der Kalk an der Wand, wich nicht von der Stelle.

"Kerl, bist du verrückt geworden! Gehörst du auch zu der Bande! Meinen Degen her!"

"Exlenz haben sich keinen Dägen nicht, und es ise sich alles umesunst. Es ist der sichere Tod draußen! – Mut is schän, abe hat e sich kan Zweck nicht. – Ich führ ich Ihnen später, wenn Sie wollen, durch den Schloßhof hinüber zum erzbischöflichen Palajs. – Von durten ise sich leicht in der Finstern entkommen. – Ich hab' ich die schwäre eichene Pfurten zu'gspirrt. So schnell brechen sich mir die nicht herein. – Ich derf ich's nicht mit ansägen, daß sich Knäherr in die offne Todesgoschen hineinläuft!"

Der Herr kaiserliche Leibarzt kam zur Besinnung.

Er sah sich um:

"Wo is die Liesel?"

"Furt – pric."

"Ich muß ihr nach, wo ist sie hin?"

"Das weiß ich nicht."

Der kaiserliche Leibarzt stöhnte auf – wurde plötzlich wieder ratlos.

"Exlenz müssen sich zuverderscht amal urdentlich anziegen", redete ihm der Hausknecht beruhigend zu. "Haben, bitte, noch gar kan Schlips umedum. Nur keine Ieberstirzung nicht! – Dann geht e sich am schnellsten. – Bis nachmittag versteck ich Ihnen, und dann wird der ärgste Sturm vorieber sein. Vorläufig. – Dann werd' ich schaugen, daß ich Ihnen die Droschken verschaff. – Mit dem Wenzel hab' ich schon g'sprochen. Er wird sich, wann's dunkel wird, mit dem Karlitschek am Strahower Tor warten. Dorten ise alles ruhig. – und bis da hinaus kommt auch haarscheinlich kein Mensch nicht. – So. – – Und noch geschwind Handknäpfel hinten zuzwicken, sunst rutscht e sich Kragen in die Hähe. – Fertig. –

Jetzt, freilich, missen sich Exlenz hier warten, aber es nutzt nix. Gähte sich nicht anderscht. Hab' ich mir alles genau ieberlegt. – Für später brauchen S' auch keine Sorgen nicht haben. Ich räum' hier schon auf. – – Mich werden's schon nicht erschlagen. 's wäre auch nicht so leicht. – Und dann bin ich doch selbe Bähmm." –

Ehe der Herr kaiserliche Leibarzt noch Widerspruch erheben konnte, hatte Ladislaus bereits das Zimmer verlassen und die Türe hinter sich abgesperrt. – –

In unerträglicher Langsamkeit, mit schwer bleiernen Gewichten an den sonst so beschwingten Füßen schleppten sich die Stunden für den Pinguin dahin.

Stimmungen aller Art befielen ihn und ließen wieder ab von ihm, um neuen Platz zu machen: von Wutausbrüchen, in denen er mit geballten Fäusten an die verschlossene Tür hämmerte und nach Ladislaus schrie, angefangen bis zur müden Resignation.

Nüchterne Momente kamen, die ihn Hunger spüren und eine im Hamsterschränkchen versteckte Salami aufstöbern ließen; – tiefste Niedergeschlagenheit, seinen Freund Elsenwanger verloren zu haben, wechselte mit minutenlang auftauchender, beinahe jugendlicher Zuversicht, in Pisek ein neues Leben zu beginnen.

Gleich darauf sah er ein, wie töricht eine solche Hoffnung sei und daß derartig sanguinische Pläne selbstverständlich im Sande verlaufen müßten.

Bisweilen kam es wie eine gewisse verstohlene Befriedigung über ihn, daß die "böhmische Liesel" auf seinen Antrag, Haushälterin bei ihm zu werden, nicht eingegangen war, und eine Minute später schämte er sich wieder bis in die Seele hinein, die warmen Worte, die er zu ihr gesprochen hatte, so bald schon als knabenhafte Übereilung – sozusagen als studentische Bocksprünge – empfinden zu können, ohne rot zu werden. – – –

"Statt daß ich das Bild, das sie von mir heimgenommen hat, selber hochhalte, trete ich es mit eigenen Füßen in den Schmutz. – Ein Pinguin? Ich? Froh könnt' ich sein, wenn ich's wäre. – Ein Schwein bin ich!"

Der unerquickliche Anblick des wüsten Durcheinanders ringsum vertiefte noch seine Melancholie.

Aber nicht einmal Trauer und Selbstbeweinung konnten sich in ihm dauernd festsetzen. – Die Reue verflog, wenn er an den Glanz dachte, den er im Gesicht der Alten hatte aufleuchten sehen, und wurde zu einer wortlosen, jubelnden Freude in seinem Herzen, die er sich als kommende schöne Tage in Karlsbad und später in Pisek weiter ausmalte und gegenständlich machte. – – –

Er zog gewissermaßen alle die Ich, die sein Leben ausgemacht hatten, noch einmal an, ehe er auf – die Reise ging.

Der "Pedant" war das letzte Kleid, in das er sich hüllte.

Das Getöse und das Stimmengewirr, das von draußen her von Zeit zu Zeit an sein Ohr schlug – laut brausend und heulend wie die wilde Jagd bisweilen und dicht am Fuße der Burg, dann wieder zu lautloser Stille erstorben, wenn die Wogen des Aufruhrs zurückebbten –, fanden keinen Eingang in sein Interesse. – Alles, was mit dem Pöbel und seinen Taten zusammenhing, war ihm von Kindesbeinen an verächtlich, gleichgültig oder hassenswert gewesen.

"Ich muß mich vor allem rasieren", sagte er selbst, "das übrige findet sich dann von selbst. – Als Stoppelfeld kann ich nicht auf die Reise gehen!"

Bei dem Wort "Reise" gab's ihm einen leisen Ruck. – Es war, als hätte sich eine Sekunde lang eine dunkle Hand auf sein Herz gelegt. –

Im selben Augenblick fühlte er tief im Innersten, daß es seine letzte Reise sein würde, aber die Lust, sich zu rasieren und voll Muße und Gelassenheit Ordnung in seinem Zimmer zu schaffen, ehe er ging, ließ es auch nicht zu einer Spur von Unruhe oder Besorgnis in ihm kommen.

Die erwachende Ahnung seiner Seele, daß in Bälde die Walpurgisnacht des Lebens einem strahlenden Tag weichen werde, erfüllte ihn mit Behagen, und die unbestimmte, aber freudig zitternde Gewißheit, er brauche nichts auf Erden zurückzulassen, dessen er sich schämen müßte, stimmte ihn froh.

Er war mit einemmal eine wirkliche Exzellenz geworden.

Mit peinlicher Sorgfalt rasierte und wusch er sich, schnitt und polierte seine Nägel, legte Hose um Hose in die Bügelfalten und hängte sie in den Schrank, Röcke und Westen darüber auf die Achselspreizen, ordnete die Kragen in symmetrische Kreise und die Krawatten zu einer farbenprächtigen Flaggengala.

Das Waschwasser wurde in den Toiletteneimer gegossen, die Kautschukwanne zusammengerollt und jeder Stiefel behutsam über seinen Leisten gezogen.

Dann wurden die leeren Koffer aufeinandergeschichtet und an die Wand geschoben. –

Ernst, aber ohne Vorwurf im Herzen, klappte er zuletzt die "blonde Kanaille" zu und band ihr, auf daß sie nie mehr gegen den Stachel löcke, wer auch immer in Hinkunft ihn gegen sie schwänge, die blaue Schnur mit dem Schlüssel in die Schnauze.

Bis dahin hatte er nicht darüber nachgedacht, welchen Anzug er zu seiner Reise wählen sollte; – er brauchte es auch jetzt nicht zu tun: Der richtige Einfall kam in der richtigen Sekunde.

Die Galauniform, die er seit Jahren nicht mehr getragen hatte, hing an einem tapetenbeklebten Wandschrank, sein Degen daneben, der samtene Dreispitz darüber.

Er zog sie an, in würdevoller Ruhe, Stück für Stück: die schwarzen Pantalons mit den goldenen Streifen, die glänzenden Lackstiefel, den goldbordürten Leibrock mit den zurückgenähten Schößen, das schmale Spitzenjabot unter der Weste – schnallte den Degen mit dem Perlmuttergriff um und schlüpfte mit dem Kopf durch die Kette, an der das Schildkrotlorgnon hing.

Das Nachthemd legte er in das Bett und strich mit der Hand über die Polster, bis auch die letzten Knitter verschwunden waren.

Dann setzte er sich an den Schreibtisch, versah, wie sein Freund Elsenwanger es gewünscht hatte, den vergilbten leeren Briefumschlag mit dem nötigen Vermerk, zog aus einer Schublade das seit seiner Mündigkeit bereitliegende Testament und schrieb an den Schluß:

"Mein Vermögen in Wertpapieren gehört, wenn ich sterbe, dem Fräulein Liesel Kossut, Hradschin, Neue-Welt-Gasse Nr. 7, Parterre oder, falls sie vor mir mit Tod abgehen sollte: meinem Diener, dem Herrn Ladislaus Podrouzek, nebst allen meinen übrigen Habseligkeiten.

Lediglich die Hose, die ich heute getragen habe – sie hängt am Kronleuchter –, ist meiner Haushälterin auszufolgen.

Für die Bestattung meiner Leiche hat, laut kaiserlichem Hausgesetz, § 13, der k. u. k. Schloßfonds Sorge zu tragen.

Hinsichtlich des Beerdigungsortes hege ich keinerlei Wünsche; lieb wäre mir, falls der Fonds die diesbezüglichen Überführungskosten bewilligen sollte, immerhin der Gottesacker in Pisek; ausdrücklich jedoch lege ich hier fest, daß meine irdischen Überreste unter keinen Umständen durch die Eisenbahn oder ähnliche maschinelle Transportmittel befördert werden und insbesondere nicht unten in Prag oder anderen jenseits von Flüssen gelegenen Ortschaften beigesetzt werden dürfen."

Als das Testament versiegelt war, schloß der Herr kaiserliche Leibarzt seinen Folianten und holte die sämtlichen versäumten Eintragungen nach. –

Nur in einem einzigen Punkte wich er dabei von den Gepflogenheiten seiner Vorfahren ab:

Er setzte seinen Namenszug darunter und zog mit dem Lineal einen Strich.

Er fühlte sich dazu berechtigt, da er keine leiblichen Nachkommen besaß, die es später für ihn hätten besorgen können.

Dann zog er sich gemächlich die weißen Glacéhandschuhe an.

Dabei fiel sein Blick auf ein verschnürtes Päckchen, das auf dem Boden lag.

"Es gehörte vermutlich der Liesel", murmelte er. "Ganz richtig: Sie wollte es mir heut' morgen geben, hat sich aber nicht getraut."

Er knüpfte den Packen auf und – hielt ein Taschentuch, "L. K." bestickt, in der Hand; – dasselbe, an das er im "Grünen Frosch" so lebhaft hatte denken müssen.

Gewaltsam kämpfte er die Rührung, die in seiner Brust aufsteigen wollte, nieder – "Tränen vertragen sich nicht mit der Uniform einer Exzellenz" –, aber er drückte einen langen Kuß darauf.

Als er es in seine Brusttasche steckte, bemerkte er, daß er sein eigenes Tuch vergessen hatte.

"Brave Lisinka, sie denkt an alles. Jetzt wär' ich beinahe ohne Taschentuch auf die Reise gegangen!" – flüsterte er vor sich hin.

Es kam ihm durchaus nicht sonderbar vor, daß genau in dem Augenblick, als seine sämtlichen Vorbereitungen beendet waren, ein Schlüssel draußen rasselte und ihn aus seinem Gefängnis befreite.

Er war gewohnt, daß alles am Schnürchen ging, wenn er seine Galauniform anhatte.

Kerzengerade schritt er an dem verblüfften Ladislaus vorbei die Treppe hinab.

Als verstünde es sich von selbst, daß die Droschke unten vor dem innern Schloßtor seiner harre, beantwortete er nur mit einem kühlen: "Ich weiß", die hervorgesprudelte Nachricht des Dieners: "Exlenz! Vasnosti! Bitt schän, ise sich jetzt momentan keine Gefahr nicht. Kännen sich gleich hier einsteigen. – Alle sin sich drieben im Dom, wo grad Ottokar III. Borivoj zum Kaiser der Welt gekränt wird."

Der Kutscher riß ehrerbietig den Hut vom Kopf, als er die hohe, schlanke Gestalt und das vornehm ruhige Gesicht seines Herrn im Dämmerlicht des Schloßhofes erkannte, und machte sich sofort am Wagen zu schaffen.

"Nein, das Dach bleibt unten!" befahl der kaiserliche Leibarzt. – "Fahr – in die 'Neue Welt'!"

Dem Diener wie dem Kutscher blieb das Herz stehen vor Schreck.

Aber keiner von ihnen wagte einen Widerspruch.

Ein angstvoller Schrei lief die krumme Mauer entlang, als die Droschke mit dem gespenstischen isabellfarbenen Klepper davor die in der schmalen Gasse über dem Hirschgraben versammelten Greise und Kinder vor sich hertrieb. "Die Soldaten sind da! Heiliger Vaclav, bitt für uns!"

Vor dem Haus Numero 7 blieb "Karlitschek" stehen und klapperte mit den Scheuledern.

Beim Schein einer trübselig brennenden Laterne sah der Herr kaiserliche Leibarzt, daß eine Gruppe Weiber vor der verschlossenen Tür der Hütte stand und sie öffnen wollte.

Einige von ihnen waren, niedergebeugt, um einen dunklen Fleck auf der Erde geschart – andere spähten ihnen neugierig über die Schultern.

Sie wichen scheu zurück, als der kaiserliche Leibarzt ausstieg und unter sie trat. – – – – – – – – – –

Auf der Bahre aus vier Stangen lag leblos die "böhmische Liesel".

Eine tiefe Wunde klaffte ihr über den Scheitel bis hinab in den Nacken.

Der Herr kaiserliche Leibarzt wankte einen Augenblick und griff sich ans Herz.

Er hörte, daß jemand neben ihm halblaut sagte: "Sie hat sich, heißt es, vors südliche Burgtor gestellt und es verteidigen wollen; sie haben sie erschlagen."

Er kniete nieder, nahm den Kopf der Alten zwischen beide Hände und blickte ihr lange in die gebrochenen Augen.

Dann küßte er die Tote auf die Stirn, legte sie vorsichtig wieder auf die Bahre zurück, stand auf und stieg in den Wagen.

Durch die Menge zuckte das Entsetzen.

Die Weiber bekreuzigten sich stumm. – – – –

"Wohin soll ich fahren?" fragte der Kutscher mit bebenden Lippen.

"Gradaus", murmelte der kaiserliche Leibarzt. "Gradaus. Immer – gradaus."

Die Droschke schwankte über nebeldunstige, feuchte, grundlose Wiesen und über weich gepflügte sprossende Äcker:

Der Kutscher fürchtete sich vor den Landstraßen; jede Stunde konnte den Tod bringen, wenn man die goldschimmernde Uniform seiner Exzellenz drin in dem offenen Wagen erkannte.

"Karlitschek", stolperte und stolperte, brach fast in die Knie und mußte immer wieder mit den Zügeln emporgerissen werden.

Plötzlich versank das eine Rad, und das Gefährt neigte sich auf die Seite.

Der Mann sprang ab:

"Euer Gnaden, ich firchte, die Achse is gebrochen!"

Der kaiserliche Leibarzt gab keine Antwort, stieg aus, schritt mit langen Beinen in die Dunkelheit hinein, als gingen ihn das alles gar nichts an.

"Exlenz! Bitte, zu warten! Der Schaden is nicht so groß. – Exlenz! Ex–lenz!"

Der kaiserliche Leibarzt hörte nicht.

Ging immer geradeaus.

Eine Böschung. Ein grasbewachsener Damm. – Er klomm ihn hinauf.

Niedrige Drähte, an denen ein feiner, unspürbarer Wind als leises drohendes Klingeln entlang fuhr. –

Der kaiserliche Leibarzt stieg darüber hinweg.

Ein Schienenweg lief in den letzten Glanz des erlöschenden Himmels – wie in die Unendlichkeit hinein.

Der kaiserliche Leibarzt trat mit langen Beinen von einer Schwelle zur andern – wanderte geradeaus und geradeaus.

Es erschien ihm wie Klettern auf einer waagrecht liegenden Leiter, die kein Ende nehmen wollte.

Unverwandt hielt er die Augen auf den Punkt in der Ferne gerichtet, in dem die Schienen zusammenliefen.

"Dort, wo sie sich schneiden, ist die Ewigkeit", murmelte er, "in diesem Punkt geschieht die Verwandlung! – Dort muß – dort muß Pisek sein."

Die Erde fing an zu zittern.

Der kaiserliche Leibarzt fühlte deutlich das Beben der Schwellen unter seinen Füßen.

Ein Brausen wie von unsichtbaren Riesenflügeln ging durch die Luft.

"Es sind meine eigenen", murmelte der kaiserliche Leibarzt; "ich werde fliegen können."

Plötzlich stand auf dem Schnittpunkt der Schienen in der Ferne ein schwarzer Klumpen und wuchs und wuchs.

Ein Zug mit verlöschenden Lichtern donnerte heran. Winzige rote Punkte wie Korallenschnüre flogen ihm zu beiden Seiten nach: die türkischen Mützen bosnischer Soldaten, die aus den Wagenfenstern schauten.

"Das ist der Mann, der die Wünsche erfüllt! Ich erkenne ihn. Er kommt auf mich zu!" rief der kaiserliche Leibarzt laut in die Luft hinein und starrte die Lokomotive an. "Ich danke dir, mein Gott, daß du ihn mir geschickt hast!"

In der nächsten Minute hatte ihn die Maschine erfaßt und zermalmt.

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