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Walpurgisnacht

Gustav Meyrink: Walpurgisnacht - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleFledermmäuse / Walpurgisnacht
titleWalpurgisnacht
authorGustav Meyrink
year1982
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-1967-4
pages167 - 378
editorEduard Frank
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
firstpub1917
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Jan Zizka von Trocnov

Beim letzten Schlag zwölf Uhr hatte sich das Gesinde ehrerbietig erhoben: Die Stunde der Gemeinschaft war vorüber.

Polyxena stand im Bilderzimmer, unschlüssig, ob sie sich von Božena beim Entkleiden helfen lassen sollte. – Dann schickte sie sie hinaus.

"Kiß die Haand, Euer Gnaden Komtesse" – das Mädchen haschte nach ihrem Ärmel und drückte einen Kuß darauf.

"Gute Nacht, Božena; geh Sie nur." –

Polyxena setzte sich auf den Rand des Bettes und blickte in die Kerzenflamme.

"Jetzt schlafen gehen?" Der Gedanke war ihr unerträglich. Sie trag an das Bogenfenster, das hinaus auf den Garten ging, und zog die schweren Vorhänge auseinander.

Der Mond hing als schmale leuchtende Sichel über den Bäumen: ein vergeblicher Kampf gegen die Finsternis.

Der kiesbestreute Weg zum Gittertor war matt erhellt von dem Lichterschein, der aus dem Erdgeschoß fiel. –

Unförmige Schatten glitten darüber hinweg, sammelten sich, fuhren auseinander, dehnten sich, verschwanden, kehrten zurück, wurden lang und dünn, reckten die Hälse über die dunkeln Rasenflecke hin, um eine Weile wie schwarze Dunstschleier zwischen den Sträuchern aufrecht zu stehen, schrumpften wieder ein und steckten die Köpfe zusammen, als hätten sie irgend etwas Geheimnisvolles erkundet, das sie sich in lautloser Sprache ins Ohr raunen müßten. – – Das Silhouettenspiel der Gestalten unten in der Gesindestube.

Dicht hinter der dunkeln, massigen Parkmauer, als sei dort die Welt zu Ende, stieg der Himmel aus nebliger Tiefe, sternenlos – ein einfach nach oben gähnender, unermeßlicher Abgrund. – –

Polyxena suchte aus den Bewegungen der Schatten zu erraten, was die da unten hinter den Fensterscheiben wohl miteinander sprechen mochten.

Ein vergebliches Bemühen. – – –

"Ob Ottokar schon schlief?"

Ein weiches, sehnsüchtiges Empfinden kam über sie. Nur einen Augenblick, dann war es wieder vorbei. Ihr Träumen war anders als das seine. Wilder, heißer. Sie konnte nicht lange verweilen bei friedvollen Vorstellungen; sie war sich nicht einmal klar, ob sie ihn wirklich liebte. –

Was sein würde, wenn sie von ihm getrennt wäre? – Zuweilen hatte sie darüber nachgedacht – aber nie eine Antwort bekommen. Es war so vergeblich gewesen wie vorhin das Erratenwollen, was die Schatten miteinander sprächen.

Ihr eigenes Innere war ihr eine unergründliche Leere – undurchdringlich und verschlossen wie die Finsternis vor ihr. Nicht einmal Schmerz konnte sie empfinden, wenn sie sich auszudenken versuchte, Ottokar sei möglicherweise im selben Augenblick gestorben. – Sie wußte, daß er herzkrank war und daß sein Leben an einem dünnen Faden hing – er hatte es ihr selbst gesagt, aber seine Worte waren an ihr vorbeigegangen, als hätte er sie an ein Bild hin – – – – – sie drehte sich um – – "ja an dieses Bild, an das Bild dort an der Wand, hin gesprochen."

Sie wich den Augen des Bildes ihrer Ahne aus, nahm die Kerze, ging von einem Gemälde zum anderen und leuchtete es an: Eine tote Reihe starrer Gesichter.

Keines sprach zu ihr; – "und wenn sie jetzt lebendig vor mir stünden: sie wären mir fremd; ich habe nichts mit ihnen gemeinsam. Sie sind in ihren Gräbern zu Asche geworden."

Ihr Blick streifte das weiße, aufgeschlagene Bett. –

"Sich da hineinlegen und schlafen?" – es schien ihr unfaßbar. "Ich glaube, ich würde nie mehr aufwachen" – das schlafende Gesicht ihres Onkels mit den blutleeren, geschlossenen Augenlidern fiel ihr ein. – "Der Schlaf ist etwas Furchtbares. Vielleicht noch schrecklicher – als der Tod."

Sie schauderte. – So deutlich, daß traumloser Schlaf in einen ewigen Tod des Bewußtseins übergehen könne, hatte sie es noch nie empfunden wie jetzt beim Anblick des weißen Grablinnens.

Ein panischer Schrecken erfaßte sie plötzlich: "Um Gottes willen, nur fort, nur fort aus diesem Zimmer voll Leichen! – Der Page dort an der Wand, – so jung und schon verwest, kein Blut mehr in den Adern! – Die Haare neben sich im Sarg. Ausgefallen aus dem grinsenden Totenschädel. – Verweste Greise in der Gruft. Greise, Greise. – Weg, weg mit diesen Greisen." – – –

Erleichtert atmete sie auf, als unten eine Türe ging und gleich darauf Schritte über den Kies knirschten. –

Sie hörte, wie die Dienerschaft leise murmelnd voneinander Abschied nahm, blies rasch die Kerze aus, um von unten nicht gesehen zu werden, und öffnete leise das Fenster; – horchte hinab.

Der russische Kutscher blieb an dem Gartentor stehen, suchte umständlich nach Streichhölzern in seinen Taschen, bis die übrigen Gäste verschwunden waren, und zündete sich eine Zigarre an. –

Er schien noch auf jemand zu warten; Polyxena erkannte es an der heimlichen Art, mit der er in den Schatten zurücktrat, wenn sich ein Geräusch im Hause vernehmen ließ, und dann wieder durch die Stäbe spähte, wenn es verstummt war.

Endlich gesellte sich der junge tschechische Lakai mit dem stieren Blick zu ihm.

Auch er wollte offenbar die Gesellschaft der übrigen meiden, denn er blieb noch eine Weile bei dem Russen stehen, nachdem er sich vorher vergewissert hatte, daß ihm niemand nachkomme.

Polyxena lauschte angestrengt, was die beiden miteinander flüsterten, aber sie konnte kein Wort verstehen, trotz der Totenstille, die ringsum herrschte.

Dann wurde unten im Gesindezimmer das Licht abgedreht, und der Kiesweg verschwand mit einem Ruck vor ihren Augen, wie von der Dunkelheit eingeschluckt. –

"Daliborka" – hörte sie plötzlich den Russen sagen.

Da! Wieder. – Diesmal konnte kein Zweifel obwalten: – "Daliborka" – sie hatte es genau verstanden.

Also handelte es sich doch um Ottokar? Sie erriet, daß die beiden vorhatten, jetzt noch, trotz der späten Stunde, zur Daliborka zu gehen, und irgend etwas planten, was die anderen nicht wissen sollten.

Der Turm war längst geschlossen; was konnten sie dort wollen?

Bei Ottokars Pflegeeltern einbrechen? Lächerlich. – Bei so armen Leuten? – Oder ihm etwas antun? – Aus Rache vielleicht?

– Sie verwarf den Gedanken als mindestens ebenso absurd. – Ottokar, der nie mit Leuten ihres Schlages verkehrte, kaum mit ihnen sprach – wodurch hätte er sich ihren Haß zuziehen können?! –

– "Nein, es muß sich um tieferliegende Dinge drehen" – sie ahnte es so deutlich, daß sie es wie Gewißheit empfand.

Das Gittertor fiel leise ins Schloß, und sie hörte, daß die Schritte der beiden sich langsam entfernten.

Einen Augenblick schwankte sie, was sie tun sollte. "Hierbleiben? – Und – und schlafen gehen?! – Nein, nein, nein! – Also: den beiden nach!"

Es galt, so rasch wie möglich zu handeln; jede Minute konnte der Portier das Tor abschließen, und dann war ein Entkommen aus dem Hause unmöglich.

Sie tappte im Finstern nach ihrem schwarzen Spitzentuch – getraute sich nicht, die Kerze anzuzünden: "Nur diese furchtbaren, greisenhaften Leichengesichter an den Wänden nicht noch einmal sehen!" – Nein, lieber sich allen möglichen Gefahren in den einsamen nächtlichen Straßen aussetzen. –

Es war nicht Neugierde, die sie hinaustrieb – eher noch die Furcht, allein bis zum Morgen in dem Bilderzimmer bleiben zu müssen, dessen Luft ihr plötzlich dumpfig und erstickend vorkam, wie erfüllt von Gespensteratem. –

Sie war sich nicht völlig klar, warum sie den Entschluß faßte; sie fühlte nur: sie mußte es tun – aus irgendwelchen Gründen. – – –

Vor dem Gittertor überlegte sie, welche Richtung zur Daliborka sie einschlagen müsse, um nicht mit den beiden Männern zusammenzustoßen.

Es blieb ihr keine Wahl als der lange Umweg durch die Spornergasse und über den Waldsteinplatz.

Vorsichtig drückte sie sich an den Häusermauern entlang und huschte dann, so schnell sie konnte, von Ecke zu Ecke.

Vor dem Fürstenbergschen Palais standen mehrere Menschen schwätzend beisammen; sie fürchtete, an ihnen vorüberzugehen und erkannt zu werden; denn sie nahm an, es könnten etliche aus der Gesindegesellschaft darunter sein; – – es dauerte eine Ewigkeit, bis die Gesellschaft sich endlich trennte.

Dann lief sie die gewundene "alte Schloßstiege" hinauf, zwischen ragenden schwarzen Steinmauern, hinter denen die Äste der Bäume, blütenbeladen, in der Dunkelheit weißlich schimmernd, die Mondstrahlen auffingen und die Luft mit betäubendem Geruch erfüllten.

Bei jeder Krümmung des Wegs minderte sie ihre Eile und trachtete, zuerst die Finsternis zu durchspähen, ehe sie ihren Gang fortsetzte – um nicht unversehens irgend jemand in die Hände zu laufen.

Sie hatte bereits den größeren Teil der Strecke zurückgelegt, da schien es ihr plötzlich, als röche sie Tabakrauch. "Der Russe", war ihr erster Gedanke, und sie blieb sofort unbeweglich stehen, um sich nicht durch das Rascheln ihrer Kleider zu verraten.

Die Finsternis ringsum schien undurchdringlich – nicht die Hand vor Augen war zu sehen; der obere Rand der Mauer zu ihrer Rechten, der den schwachen Glanz der tief am Himmel hängenden Mondsichel zurückwarf, glomm, mit Laubschatten durchfleckt, wie matter Phosphorschein und machte es ihr durch sein irreleitendes, dunstiges Leuchten unmöglich, auch nur die nächste Stufe zu unterscheiden.

Sie horchte mit angespannten Sinnen in die Dunkelheit hinein, aber kein Laut war zu hören.

Nicht ein Blatt regte sich.

Manchmal kam es ihr vor, als vernehme sie ein leises, verhaltenes Hauchen ganz dicht in ihrer Nähe – so, als dränge es unmittelbar aus der Mauer zu ihrer Linken; – sie bohrte ihre Blicke in die Finsternis und bog, sorgsam jegliches Geräusch vermeidend, lauschend den Kopf vor – da war es verschwunden.

Kam auch nicht mehr wieder: – –

"Vermutlich war es mein eigener Atem, oder hat sich ein Vogel im Schlaf bewegt" – und tastend streckte sie den Fuß aus, um die kommende Stufe nicht zu verfehlen, da flammte eine brennende Zigarette dicht neben ihr grell auf und beleuchtete eine Sekunde lang ein Gesicht, so schrecklich nahe dem ihren, daß sie es im nächsten Augenblick berührt hätte, wäre sie nicht in ihrem Entsetzen noch rechtzeitig zurückgefahren. –

Das Herz stand ihr still – sie glaubte einen Moment, der Boden unter ihren Füßen bräche ein, dann raste sie besinnungslos in die Nacht hinein und hielt erst inne, als ihr die Knie versagten und sie, auf dem obersten Absatz der Schloßstiege angekommen, im Sternenlicht des freien Himmels Umrisse von Bauten und die neblig trübschimmernde Stadt zu ihren Füßen erkennen konnte.

Erschöpft, halb ohnmächtig, lehnte sie sich an die steinernen Pfeiler des Torbogens, unter dem ein Seitenpfad, den oberen Hang des Hirschengrabens entlang, hin zur Daliborka führte.

Jetzt erst wurde ihrem inneren Blick das Gesicht und die Gestalt, die sie gesehen hatte, lebendig in allen Einzelheiten: Ein Mann mit schwarzen Brillengläsern – ein Buckliger mußte es gewesen sein, so glaubte sie wenigstens ihn wieder vor sich zu sehen –, mit langem, dunklem Gehrock, rotem Backenbart, ohne Hut, mit struppigem, perückenhaftem Haar und sonderbar aufgeblähten Nüstern. – –

Wie sie wieder leichter Atem schöpfen konnte, beruhigte sie sich allmählich.

"Ein harmloser Krüppel, der zufällig dort gestanden hat und vielleicht ebenso erschrocken ist wie ich. – Was ist weiter dabei!" – sie schaute die Schloßstiege hinab: – "Gott sei Dank, er geht mir nicht nach." – –

Trotzdem klopfte ihr das Herz infolge des überstandenen Schreckens noch lange und heftig, und sie blieb wohl eine halbe Stunde auf der marmornen Balustrade der Treppe sitzen, um sich zu erholen, bis sie anfing, in der kalten Nachtluft zu frösteln, und Stimmen von Leuten, die die Stufen heraufstiegen, ihr vollends zum Bewußtsein brachten, weshalb sie hierher gekommen war. – – –

Sie raffte sich auf, schüttelte den letzten Rest von Zaghaftigkeit ab und biß die Zähne zusammen, um ihres Zitterns vollends Herr zu werden. –

Der unbestimmte Trieb, zur Daliborka zu gehen, erfühlte sie wieder und gab ihr neue Kraft. – Um zu erforschen, was der Russe und sein Begleiter dort vorhatten – vielleicht um Ottokar vor einer Gefahr, die ihm möglicherweise drohte, zu warnen? –, sie versuchte nicht einmal, sich über den Zweck ihres Vorhabens klar zu werden.

Ein gewisser Stolz, den einmal gefaßten, wenn auch anscheinend gänzlich sinnlosen Entschluß zu Ende zu führen – und sei es auch nur um der Befriedigung willen, Ausdauer und Mut bewiesen zu haben –, verscheuchte ihre flüchtig auftauchenden Bedenken, ob es nicht doch gescheiter wäre, sie ginge heim und legte sich schlafen. –

Den schattenhaften Bau des Hungerturms mit seiner steinernen Zipfelmütze als beständigen Wegweiser durch die Dunkelheit vor Augen, klomm sie die steilen Wiesenabhänge empor, bis sie die kleine Ausfallpforte erreicht hatte, die in den Hirschengraben mündete.

Mit dem unbestimmten Vorhaben, in den Lindenhof zu gehen und an Ottokars Fenster zu klopfen, wollte sie das alte Gemäuer betreten, da hörte sie halblaute Stimmen in der Tiefe, und ein Zug Menschen, wie sie annahm dieselben, die ihr die Schloßstiege nachgekommen waren – bewegte sich, durch die Gebüsche tappend, dem Fuß des Turmes zu.

Sie erinnerte sich, daß in das mittlere Stockwerk der Daliborka von außen ein Mauerloch gebrochen war, knapp groß genug, um einen Menschen in gebückter Stellung durchzulassen; – aus dem allmählich verstummenden Geflüster und dem Geräusch rutschender und fallender Steine schloß sie, daß die Leute es benützten, um ins Innere des Turmes zu gelangen.

Mit einigen hastigen Sätzen übersprang sie die zerbröckelnden Einlaßstufen und lief auf das Wächterhäuschen zu, aus dem ein matterhelltes Fenster ihr entgegenglänzte.

Sie legte das Ohr an die mit grünen Kattungardinen verhängten Scheiben – – –

"Ottokar. – Otto–kar!" – sie hauchte es, so leise sie konnte. –

Lauschte: –

Ein Knacken, kaum hörbar, drin im Zimmer, als sei ein Schlafender in seinem Bett erwacht.

"Ottokar?" – sie klopfte ganz zart mit dem Fingernagel an das Glas – "Ottokar?"

"Ottokar?" kam es wie ein geflüstertes Echo zurück – "Ottokar, bist du's?"

Polyxena wollte sich enttäuscht wegschleichen, da fing die tonlose Stimme drin an zu reden – so, wie wenn jemand aus dem Schlummer mit sich selbst spricht. – Ein stammelndes, gequältes Gemurmel, von Pausen tiefen Schweigens unterbrochen; dazwischen leises Knistern, als striche eine Hand unruhig über eine Bettdecke hin.

Polyxena glaubte, Sätze aus dem Vaterunser zu verstehen. – Das Ticken eines Pendels wurde deutlicher und deutlicher, je mehr sich ihr Gehör für die Geräusche schärfte. Und nach und nach, wie sie horchte und horchte, schien ihr die klanglose Stimme immer bekannter und bekannter zu werden.

Sie begriff: Es waren Worte des Gebetes, die da gesprochen wurden, aber sie überhörte ihren Sinn und wem sie galten.

Unklare Erinnerungen, daß zu dieser Stunde ein altes gütiges Gesicht mit weißer Haube gehören müsse, hielten sie im Bann. – "Es kann nur die Ziehmutter Ottokars sein – aber ich habe sie noch nie gesehen!?"

Urplötzlich fiel es wie eine Hülle von ihrem Gedächtnis – –:

"Heiland gekreuzigter! Du mit der blutigen Dornenkrone" – – – dieselben Worte hatte derselbe Mund einst, vor langer Zeit, an ihrem eigenen Bette gemurmelt – sie sah im Geiste, wie sich runzlige Hände dabei falteten – sah die ganze Gestalt vor sich, wie sie jetzt wohl da drinnen lag, hilflos und gichtbrüchig; und sie wußte jetzt: Es war ihre alte Kinderfrau, die ihr so oft mild die Wangen gestreichelt und besänftigende Wiegenlieder vorgesungen hatte.

Erschüttert lauschte sie den hoffnungsmüden stockenden Worten, die, fast nicht mehr verständlich, durch die Ritzen des Fensters an ihr Ohr drangen:

"Muttergottes, du gebenedeite unter den Weibern – – – – laß meinen Traum nicht Wirklichkeit werden – – – – nimm das Unheil von Ottokar – und lege seine Sünden auf die meinigen." – – – Das Ticken der Uhr verschlang den letzten Teil des Satzes – "Wenn es aber sein muß und du willst es nicht von ihm wenden, so gib, daß ich mich geirrt habe und die nicht die Schuld trägt, die ich lieb habe." – Polyxena fühlte die Worte, als bohre sich ihr ein Pfeil ins Herz – – "Befreie ihn, Muttergottes, aus der Gewalt derer, die jetzt im Turm sind und Mord planen. – –

Hör nicht hin, wenn ich dich in meinen Schmerzen immer wieder anflehe, mich sterben zu lassen. –

Erfüll ihm die Sehnsucht, die ihn verzehrt, aber laß seine Hände rein bleiben von Menschenblut; verlösch sein Leben, eh sie mit Mord besudelt sind. Und wenn's dafür eines Opfers bedarf, so verlängere meine Tage in Qualen und verkürze die seinen, damit er die Sünde nicht begehen kann – – – Und rechne ihm die Schuld nicht zu für das, wonach's ihn zieht. Ich weiß, er sehnt sich danach – nur ihretwegen. –

Behalte auch ihr die Schuld nicht; du weißt: ich hab' sie lieb gehabt vom ersten Tag, als ob sie mein eigen's Kind wär. – gib ihr, Muttergottes – – – – –," – –

Polyxena raste davon; sie fühlte instinktiv, daß da noch Worte zum Himmel gesandt werden könnten, die das Bild, das in ihr hing, mitten durchreißen müßten – und sie wehrte sich dagegen wie unter dem Zwang des Selbsterhaltungstriebs. – Das Bild der Ahne in ihr witterte die drohende Gefahr, aus der lebenden Brust zurück in die tote Wand des Elsenwangerschen Zimmers verbannt zu werden. – – –

In dem mittleren Stockwerk der Daliborka, dem kreisrunden, furchtbaren Raum, in dem einst die Sachwalter der strafenden Gerechtigkeit ihre Opfer dem Wahnsinn und Hungertod preisgegeben hatten, saß eine Schar von Männern dichtgedrängt auf dem Boden um das Loch herum, durch das vor alters die Leichen der Hingerichteten in den Keller hinabgeworfen worden waren.

In den Mauernischen staken Azetylenfackeln, und ihr blendendes Licht fraß die Farbe aus den Gesichtern und Kleidern der Versammelten – aus jeder Fuge und Unebenheit, so daß alles zerlegt schien in bläulich grellen Schnee und harte, tiefschwarze Schlagschatten. – –

Polyxena hatte sich in den finsteren oberen Raum geschlichen, den sie von ihren Zusammenkünften mit Ottokar her genau kannte – lag flach auf dem Bauch und beobachtete durch die runde Öffnung im Boden, die die beiden Stockwerke miteinander verband, was unten vor sich ging. – Es schienen ihr zumeist Arbeiter aus Maschinen- oder Munitionsfabriken zu sein, die da zusammengekommen waren – breitschultrige Männer mit harten Gesichtern und ehernen Fäusten – Ottokar, der neben dem russischen Kutscher saß, sah mit seiner schmächtigen Gestalt gegen sie aus wie ein Kind.

Wie sie bemerkte, waren sie ihm sämtlich fremd, denn er kannte nicht einmal ihre Namen.

Abseits von der Gruppe, auf einem Steinblock, kauerte, den Kopf tief auf die Brust gesenkt, wie schlafend, der Schauspieler Zrcadlo.

Der Russe mußte offenbar – bevor sie gekommen war, eine Rede gehalten haben, denn allerhand Fragen, die darauf hinwiesen, wurde an ihn gestellt. – Auch ein Heft, aus dem er wahrscheinlich einzelne Stellen vorgelesen hatte, wanderte von Hand zu Hand.

"Peter Alexejewitsch Kropotkin", buchstabierte der links neben ihm sitzende tschechische Lakai das Titelblatt des Heftes, bevor er es ihm zurückgab. "Is das ein russischer General? – No, und werden mir sich dann mit die russischen Truppen gegen die Juden verbünden, bis es soweit is, Pane Sergej –"

Der Russe fuhr hoch: "Mit Soldaten verbünden? Wir? – Wir wollen doch selber die Herren sein! Weg mit den Truppen! Haben jemals Soldaten etwas anderes getan, als auf uns zu schießen? – Wir kämpfen für Freiheit und Gerechtigkeit gegen alle Tyrannei – wir wollen den Staat zertrümmern, die Kirche, den Adel, das Bürgertum; sie haben uns lange genug regiert und zum Narren gehalten. – Wie oft soll ich dir das noch sagen, Vaclav! – Das Blut des Adels muß fließen, der uns täglich demütigt und knechtet: nicht ein einziger von ihnen darf übrigbleiben, weder Mann noch Greis, noch Weib noch Kind. –" Er hob seine furchtbaren Hände in die Höhe wie Hämmer – konnte, schäumend vor Wut, nicht mehr weitersprechen.

"Ja, Blut muß fließen!" rief der tschechische Lakai rasch überzeugt, "da sind mir sich einig."

Ein beifälliges Gemurmel erhob sich.

"Halt, da mach' ich nicht mit" – Ottokar war aufgesprungen, und sofort trat lautlose Stille ein. "Über Wehrlose herfallen? Bin ich ein Bluthund? – Ich protestiere. Ich – –"

"Schweig! Du hat's versprochen, Vondrejc; du hast geschworen!" – schrie der Russe und wollte ihn am Arm packen.

"Nichts hab ich versprochen, Pane Sergej" – Ottokar stieß erregt die Faust zurück, die nach ihm griff. "Ich hab' geschworen, nichts zu verraten, was ich hier sehen werde, und wenn man mir die Zunge aus dem Halse risse. Und das werde ich halten. – Ich hab' euch die Daliborka aufgesperrt, damit wir hier zusammenkommen können und beraten, was geschehen soll; du hast mich angelogen, Sergej; du hast gesagt, wir wollten – –", er kam nicht weiter, der russische Kutscher hatte sein Handgelenk erwischt und riß ihn nieder. – Ein kurzes Ringen entstand, wurde aber sofort unterbrochen.

Ein riesiger Arbeiter mit breitem Tigergesicht stand drohend auf und funkelte den Russen an: "Loslassen, Pane Sergej! Hier kann sich jeder reden wie er will. Verstähn sie mich? – Ich bin der Gerber Stanislaw Havlik. – Gut, es wird sich Blut fließen und muß sich Blut fließen. Es gäht sich nicht mehr anderst. – Aber es gibt Menschen, die was kein Blut nicht segen können. Und er ise sich bloß ein Musikant."

Der Russe wurde blaß bis in die Lippen – kaute wütend an seinen Fingernägeln und musterte unter den gesenkten Augenlidern hinweg die Gesichter der anderen, um zu erfahren, wie sie sich zu der Sache stellen würden. –

Zwietracht paßte ihm jetzt am allerwenigsten. Es galt, unter allen Umständen die Zügel in der Hand zu behalten. Worauf es ihm einzig und allein ankam, war: sich selbst an die Spitze einer Bewegung zu setzen, gleichgültig, welchen Namen sie tragen würde.

An die Möglichkeit, nihilistische Theorien durchzuführen, hatte er nie im Leben geglaubt, war auch viel zu klug dazu. - Derlei Hirngespinste überließ er Träumern und Narren.

Aber mit nihilistischen Schlagworten eine törichte Menge aufzupeitschen, um dann aus dem Wirrwarr der Folgen irgendeine Machtstellung für sich herauszufinden – einmal im Wagen zu sitzen, statt immer nur auf dem Bock –, das, erkannte er mit richtigem Kutscherblick, war das wahre Rezept aller Anarchistenlehre. Der verborgene Wahlspruch der Nihilisten: "Geh du weg und laß mich hin", war längst auch der seinige geworden.

Er zwang sich zu einem Grinsen und lenkte ein:

"Sie haben recht, Pane Havlik, wir werden schon allein ganze Arbeit machen. – – Was wir alle wollen, ist doch dasselbe!" – Er zog sein Heft wieder aus der Tasche und las vor:

"Hier steht: 'Die kommende Revolution wird den Charakter der Allgemeinheit annehmen, ein Umstand, der sie vor allen vorhergehenden Umwälzungen auszeichnen wird. Es wird nicht mehr ein Land allein sein, das vom Sturm ergriffen wird; die gesamten Länder Europas werden hineingezogen werden. – Wie im Jahre 1848, so wird auch heute der Anstoß, der von einem Lande ausgeht, notwendigerweise alle übrigen Länder in Bewegung setzen und den revolutionären Brand in ganz Europa entfachen.' – Und dann steht hier:" er blätterte um –: "'– – sie haben uns die Arbeitsfreiheit versprochen, diese herrschenden Klassen, aber sie haben uns in Fabriksklaven verwandelt ('Sie sind doch gar nicht Fabrikarbeiter, Pane Sergej' – ließ sich eine spöttische Stimme aus dem Hintergrund vernehmen), sie haben uns in Untergebene der 'Herren' verwandelt. Sie haben es übernommen, die Industrie zu organisieren, um uns ein menschenwürdiges Dasein zu sichern, aber endlose Krisen und tiefes Elend sind das Resultat; den Frieden haben sie uns versprochen, und zum Krieg ohne Ende haben sie uns geführt. Alle ihre Versprechen haben sie gebrochen.'" – ("Stimmt. Stimmt aufs Haar? Was? Was sagt man?" rief der tschechische Lakai wichtigtuerisch dazwischen und blickte, den Beifall heischend, der zu seinem Erstaunen ausblieb, mit stieren Augen umher.) – – "Hört jetzt, was seine Durchlaucht Fürst Peter Kropotkin – mein Vater hat seinerzeit die Ehre gehabt, bei ihm Leibkutscher zu sein – weiter schreibt: 'Der Staat ist der Beschützer der Ausbeutung und der Spekulation, er ist der Beschützter des durch Raub und Betrug entstandenen Privateigentums. Der Proletarier, dessen einziges Gut die Kraft und Geschicklichkeit seiner Hände ist'" – er hob wie zum Beweis seine muskulösen Pranken in die Höhe –, "'hat nichts vom Staate zu erwarten; für ihn ist er nichts weiter als eine Körperschaft, die bemüht ist, um jeden Preis seine Befreiung zu verhindern.' – Und weiter: 'Schreiten die herrschenden Klassen vielleicht vorwärts im praktischen Leben? Weit entfernt davon: In wahnsinniger Verblendung schwenken sie die Fetzen ihrer Fahnen, verteidigen sie den egoistischen Individualismus, den Wettkampf Mann gegen Mann, Nation gegen Nation ("Auf gegen die Juden!" hetzte die Stimme im Hintergrund): Die Allmacht des Zentralistischen Staates. – Sie schreiten vom Protektionismus zum freien Austausch und vom freien Austausch zum Protektionismus, sie gehen von der Reaktion zum Liberalismus und vom Liberalismus zur Reaktion, vom Muckertum zum Atheismus und vom Atheismus zum Muckertum. ("Muk, Muk", spöttelte es wieder aus dem Hintergrund, und einige lachten.) Immer furchtsam, den Blick nach der Vergangenheit gerichtet, tritt ihre Unfähigkeit, nur das geringste dauerhafte Werk zu schaffen, mehr und mehr zutage.' – Und hört weiter: 'Wer dem 'Staate' das Wort redet, muß auch den Krieg gutheißen. Der Staat ist und muß bestrebt sein, seine Macht fortwährend zu vergrößern; er muß bestrebt sein, die benachbarten Staaten an Stärke zu übertreffen, wenn er nicht ein Spielzeug in ihren Händen sein will. – Deshalb ist der Krieg für die Staaten Europas stets unentbehrlich. Aber: noch ein oder zwei Kriege werden der baufälligen Staatsmaschine den Gnadenstoß versetzen.'"

"Alles recht schön und gut", unterbrach ein alter Handwerker ungeduldig, "aber was soll jetzt geschehen?"

"Du hörst doch: De Juden totschlagen und den Adel! Iberhaupt alles, was sich patzig macht", belehrte ihn der tschechische Lakai. "Wir müssen ihnen zeigen, wer die wirklichen Herren im Lande sin."

Der Russe schüttelte verbissen und ratlos den Kopf, dann wandte er sich, wie hilfesuchend, an den Schauspieler Zrcadlo, der aber immer noch, ohne an dem Streit teilzunehmen, auf seinem Stein sitzend, vor sich hindämmerte. Noch einmal raffte er sich zu einer Rede auf: "Was jetzt geschehen soll, fragt Ihr mich? – Ich möchte euch fragen: Was muß geschehen? – Die Truppen sind im Feld. Es gibt nur noch Weiber und Kinder zu Haus und – uns! – Worauf warten wir?"

"Es gibt aber noch Eisenbahnen und Telegraphen", wendete der Gerber Havlik gelassen ein. "Wenn wir morgen losschlagen, sind sich iebermorgen die Maschinengewähre in Prag. Und dann? – No servus."

"Nun, dann – werden wir zu sterben wissen", schrie der Russe, "wenn's soweit kommt, was ich nicht glaube" – er schlug mit der flachen Hand auf sein Heft: "Wer sagt, wenn es das Heil der Menschheit gibt? Die Freiheiten geben sich nicht von selbst, man muß sie nehmen!"

"Panove – meine Herren! Ruhe und kaltes Blut, ich bitt schän", – mit einer weit ausholenden pathetischen Geste ergriff der tschechische Lakai das Wort: "Panove! Ein alter diplomatischer Satz ise sich der folgende: Zuerscht Geld, dann noch amol Geld und dann erscht recht Geld! – Ich frage: Hat der Pan Kropotkin" – er machte mit den Fingern die Bewegung des Münzenzählens –, "hat der Kropotkin Penize? – Hat er – Geld?"

"Er ist tot", murrte der Russe.

"Tot? – No – ja – dann?" der Lakai machte ein langes Gesicht. "Dann ise sich doch alles Reden umesonst."

"Geld werden wir haben wie Mist!" rief der Russe. "Ist denn nicht die silberne Statue des heiligen Nepomuk im Dom dreitausend Pfund schwer? Liegen nicht im Kapuzinerkloster Millionen Perlen und Diamanten? Ist vielleicht nicht im Palais der Zahradka die uralte Herrscherkrone und ein Schatz vergraben?"

"Damit kann man kein Brot nicht kaufen", ertönte die Stimme des Gerbers Havlik. "Wie das zu Geld machen?"

"Lächerlich", frohlockte der Lakai, der sofort wieder Mut gefaßt hatte, "wozu is denn das städtische Versatzamt da! Ibrigens: Wer zagt, wenn's das Heil der Menschheit gilt?"

Ein Stimmengewirr – für und wieder – brach los; jeder wollte seine Meinung anbringen, nur die Arbeiter blieben ruhig.

Als der Lärm sich gelegt hatte, stand einer von ihnen auf und sagte ernst: "Was hier geschwätzt wird, geht uns nichts an. Das sind Menschenreden. – Wir wollen hören, was Gott zu uns spricht." – er deutete auf Zrcadlo – –, "aus seinem Munde soll Gott zu uns sprechen! – Unsere Vorväter waren Hussitten und haben nicht gefragt: 'Warum', wenn's geheißen hat: in den Tod stürmen. Wir werden's auch können. – Wir wissen nur das eine: So geht's nicht weiter. – – Sprengstoff ist da. Genug, um den ganzen Hradschin in die Luft fliegen zu lassen. – Wir haben's beiseite geschafft, Pfund für Pfund und versteckt. – Soll er reden, was geschehen soll!"

Totenstille trat ein, und alles blickte gespannt auf Zrcadlo.

– In höchster Aufregung beugte sich Polyxena über das Loch in der Decke.

Sie sah, daß der Schauspieler taumelnd aufstand, aber er brachte kein Wort hervor – zog nur, abwärts streichend, an seiner Oberlippe, dann bemerkte sie, daß der Russe die Hände verkrampfte, als strenge er sich aus voller Macht an, den Mondsüchtigen durch seinen Willen zu beeinflussen.

Das Wort "Aweysha" fiel ihr ein, und sofort erriet sie, was der Russe – vielleicht unklar für ihn selbst – bezweckte: Er wollte den Schauspieler als Werkzeug verwenden.

Und es schien ihm auch glücken zu wollen: Zrcadlo bewegte bereits die Lippen.

"Nein, das darf nicht geschehen!" – Sie hatte nicht die leiseste Vorstellung, was sie tun müßte, um den Somnambulen nach ihrem Willen zu lenken, sie wiederholte nur immer und immer wieder den Satz: "Das darf nicht geschehen!" –

Die nihilistischen Theorien des Russen hatten ihr Verständnis nur gestreift – bloß das eine war haftengeblieben: Der Pöbel wollte die Herrschaft über den Adel an sich reißen! –

Das Blut ihrer Rasse bäumte sich gegen einen solchen Gedanken. –

Mit richtigem Instinkt begriff sie, was das treibende Gift in diesem Lehren war: die Gier des "Knechtes", sich zum "Herrn" aufzuschwingen – der Pogrom in anderer Form. – Daß die Schöpfer dieser Ideen, Kropotkin oder Tolstoj, den sie mit dazu zählte, und Michael Bakunin unschuldig darin waren, wußte sie nicht, aber sie hatte ihre Namen von je aus tiefster Seele gehaßt. –

– "Nein, nein, nein – ich, ich, ich will nicht, daß es geschieht!" knirschte sie in sich hinein.

Zrcadlo schwankte hin und her, als stritten zwei gegensätzliche Kräfte, die sich die Waage hielten, miteinander um die Oberherrschaft, bis eine dritte, unsichtbare Macht den Wettkampf für sich entschied; aber als er endlich die ersten Worte hervorstieß, klangen sie unsicher.

Voll Triumph fühlte Polyxena, daß sie abermals, wenn auch noch nicht vollends, den Sieg über den russischen Kutscher davongetragen hatte. – Was auch immer der Somnambule jetzt sprechen würde – sie wußte: – Es konnte unmöglich im Sinne ihres Gegners sein.

Der Schauspieler stieg, mit einemmal ruhig und sicher geworden, auf seinen Stein wie auf eine Rednertribüne.

Allgemeine Stille trat ein.

"Brüder! Ihr wollt, daß Gott zu euch spricht? – Jegliches Menschen Mund wird zum Munde Gottes, wenn ihr glaubt, daß es Gottes Mund ist.

Der Glaube macht es allein, daß sich des Menschen Mund in Gottes Mund verwandelt. Jedes Ding wird Gott, sobald ihr glaubt, daß es Gott ist!

Und wenn irgendwo Gottes Mund zu euch spräche und ihr glaubtet, daß es Menschenmund sei: – so ist auch schon Gottes Mund zum Menschenmund erniedrigt. Warum glaubt ihr nicht, daß euer eigener Mund Gottes Mund sein kann? Warum sagt ihr nicht zu euch selber: 'Ich bin Gott, ich bin Gott, ich bin Gott?'

Wenn ihr es sagtet und glaubtet, so hätte euch der Glaube geholfen in der selbigen Stunde.

So aber wollt ihr, daß Gottes Stimme dort spricht, wo kein Mund ist – daß seine Hand eingreift, wo kein Arm ist. – In jedem Arm, der euern Willen hemmt, seht ihr: Menschenarm – in jedem Mund, der euch widerspricht: Menschenmund. In eurem eigenen Arm seht ihr nur: Menschenarm – in eurem eigenen Mund: nur Menschenmund, nicht Gottes Arm und nicht Gottes Mund! Wie soll Gott sich euch denn offenbaren, wenn ihr nicht an ihn glaubt, und: daß er überall ist?

Viele sind unter euch, die da glauben: Gott verhänge das Schicksal, und zur gleichen Zeit glauben sie: sie könnten Herr über ihr Schicksal werden. – Also glaubt ihr: ihr könntet Herr über Gott werden und dennoch Menschen bleiben? –

Ja, ihr könnt Herr über das Schicksal werden, aber nur wenn ihr wißt, daß ihr Gott seid; denn nur Gott kann Herr über das Schicksal sein.

Wenn ihr glaubtet, daß ihr nur Menschen seid und von Gott getrennt und von Gott geschieden und ein anderes als Gott, so bleibet ihr unverwandelt, und das Schicksal steht über euch.

Ihr fragt: Warum hat Gott den Krieg entstehen lassen? – Fragt euch selbst: Warum habt ihr ihn entstehen lassen? Seid ihr denn nicht Gott?

Ihr fragt: Warum enthüllt uns Gott nicht die Zukunft? – Fragt euch selbst: Warum glaubt ihr nicht, daß ihr Gott seid: dann wüßtet ihr um die Zukunft, denn ihr schaffet sie euch selbst – jeder den Teil, der ihm obliegt, und aus dem Teil, den er selbst schüfe, könnte jeder das Ganze erkennen und vorher wissen.

So aber bleibet ihr Sklaven des Schicksals; und das Schicksal rollt wie ein fallender Stein, und der Stein seid ihr: ein Stein aus Sandkörnern gefügt und gekittet, und ihr rollet mit ihm und fallet mit ihm.

Und wie er rollt und wie er fällt, so ändert er seine Form in immer neue und neue Formen gemäß den unwandelbaren Gesetzen der ewigen Natur.

Auf die Sandkörner, die seinen Leib bilden, hat der Stein nicht acht. Wie könnte er denn? – Alles, was aus Erde besteht, kümmert sich nur um den eigenen Leib.

Bisher war der große Menschheitsstein ein lockerer Stein, aus Sandkörnern verschiedener Farbe wirr durcheinandergemengt; jetzt erst nimmt er die Form an, die jedes einzelne Sandkorn im kleinen hat: Er wird die Form eines einzigen, riesigen Menschen. –

Jetzt erst geschieht die Erschaffung des Menschen aus Hauch und – Lehm.

Und die, die 'Kopf' sind, nüchterner, denkender, die werden zusammen sein Kopf sein; und die, die 'Gefühl' sind, weiches, ertastendes, schauliches, beschauliches – die werden sein Gefühl sein!

So werden die Völker beisammenstehen, nach Art und Artung eines jeglichen und nicht nach Wohnsitz, Abstammung oder Sprache.

Hättet ihr von Anbeginn daran geglaubt, daß ihr Gott seid – so wär's im Anbeginn so geworden; so aber habt ihr warten müssen, bis das Schicksal Hammer und Meißel – Krieg und Elend – zur Hand nahm, um den widerspenstigen Stein zu behauen.

Ihr hofft, daß aus dem Munde dessen, den ihr Zrcadlo – den 'Spiegel' nennt, Gott zu euch sprechen wird? – Hättet ihr den Glauben gehabt, daß er Gott ist und nicht nur sein Spiegel, so hätte euch Gott die volle Wahrheit gesagt über das, was da kommen wird.

So aber kann nur ein Spiegel zu euch reden und euch einen winzigen Teil der Wahrheit enthüllen. –

Ihr werdet es hören und dennoch nicht wissen, was ihr tun sollt. – Wißt ihr doch nicht einmal jetzt, daß ihr den wertvollsten Teil der Geheimnisse, die ein Mensch ertragen darf, solang er noch sterblich ist, in wenigen Worten bereits empfangen habt!

Ein Linsengericht werdet ihr bekommen, so ihr nicht nach mehr begehret – – – – – –"

"Wie geht der Krieg aus? Wer gewinnt?" – platzte der tschechische Lakai mittein in die prophetische Rede hinein. – "Die Deitschen, Pane Zrcadlo? – Was ist das Ende?"

"Das – das Ende?" – Der Schauspieler kehrte ihm langsam und verständnislos das Gesicht zu; seine Züge wurden schlaff, und in den Augen erlosch das Leben; "Das Ende? – Der Brand von London und der Aufstand in Indien – das – das ist der Anfang – vom Ende."

Die Leute umdrängten den Besessenen und bestürmten ihn mit Fragen, aber er gab keine Antwort mehr – glich einem Automaten ohne jede Empfindung.

Der russische Kutscher stierte mit verglasten Augen vor sich hin – die Zügel, mit denen er die Aufrührer zu lenken gehofft hatte, waren seinen Händen entfallen.

Sein Spiel war verloren. – Wo der Sektiererwahnsinn losbrach, gab's für ihn, den Machtbegierigen, keine führende Rolle mehr. Ein unfaßbares Gespenst hatte ihn vom Bock herabgestürzt und lenkte den Wagen.

Polyxena richtete, um ihre Sehkraft wiederzugewinnen, den Blick auf das dunkelgähnende Loch, um das die Menge herumgesessen war: Die ganze Zeit über hatte der Schauspieler dicht unter einer der Acetylenfackeln gestanden. – Das grelle, schneidende Licht hatte sie fast blind gemacht.

Immer wieder tauchte der Reflex der Flamme, die sie auf der Netzhaut brannte, aus dem schwarzen Hintergrund empor. – – – –

Andere Bilder gesellten sich hinzu, schemenhafte Gesichter drängten aus der Tiefe da unten, dem äußeren Sinne erkennbar geworden infolge der Ermüdung der Augennerven. Die Ausgeburten einer seelischen Walpurgisnacht rückten heran.

Polyxena fühlte, daß jede Fiber in ihr zuckte und bebte in einer fremdartigen Erregung.

Die Worte des Schauspielers hallten in ihr nach – hatten irgend etwas geweckt, was ihr bis dahin vollkommen unbekannt gewesen war.

Auch die Männer mußte es wie fanatischer Taumel ergriffen haben; sie sah, daß ihre Mienen verzerrt waren und sie wild durcheinander gestikulierten – hörte ihre Schreie: "Gott hat zu uns gesprochen –" – "Ich bin Gott, hat er gesagt."

Ottokar lehnte an der Wand, sprachlos, Lippen und Gesicht bleich, die flackernden Augen unverwandt auf den wie aus Stein gehauen dastehenden Schauspieler gerichtet. Sie blickte wieder auf die gähnende, dunkle Öffnung und fuhr zusammen: stiegen da nicht Gestalten herauf, in Kleider aus Nebel gehüllt, gespenstische Wirklichkeit und nicht mehr Reflexe: Ottokar, noch einmal – sein Ebenbild als Schatten der Vergangenheit, ein Szepter in der Hand! –

Dann ein Mann mit einem rostigen Helm und einer schwarzen Binde über den Augen, wie Jan Zizka, der Hussit – und ihre Urahne, die Gräfin Polyxena Lambua, die hier im Turm wahnsinnig geworden war, in grauem Kerkergewand; – sie lächelte grausig zu ihr empor, und alle mischten sich unter die Aufrührer, ohne von ihnen gesehen zu werden.

Und das Bild Ottokars verschmolz mit dem Lebendigen, der Mann mit dem Helm trat hinter den Schauspieler und verschwand; – statt seiner schwarzen Binde fiel plötzlich ein Schlagschatten über Zrcadlos Gesicht, und der rostige Helm war in wirres Haupthaar verwandelt. Die Schemen der toten Gräfin huschte neben den Russen und umschloß mit den Händen würgend seinen Hals.

Er schien es zu spüren, denn er rang angstvoll nach Atem. Ihre Gestalt löste sich allmählich auf unter dem sengenden Schein der Acetylenfackeln, aber die weißen Finger blieben unsichtbar.

Polyxena begriff, was ihr die Bilder in stummer Sprache sagen wollten: – Sie richtete ihre ganze Willenskraft auf Zrcadlo und dachte daran, was ihr der Tatar über das Aweysha erzählt hatte.

Fast im selben Augenblick kam Leben in den Schauspieler; sie hörte das Zischen, wie er die Luft heftig durch die Nasenlöcher in sich riß. Die Männer prallten zurück, als sie ihn so verwandelt sahen.

Der Gerber Havlik deutete mit steifem Arm auf die Schattenbinde und schrie:

"Jan Zizka! Jan Zizka von Trocnov!"

"Jan Zizka von Trocnov", lief es in scheuem Geflüster von Mund zu Mund.

"Jan Zizka von Trocnov", kreischte der tschechische Lakai und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen: "Die 'böhmische Liesel' hat gesagt, daß er kommen wird!"

"Die 'böhmische Liesel' hat's prophezeit!" kam es wie ein Echo aus dem Hintergrund. – – –

Zrcadlo streckte suchend die linke Hand aus, als kniete vor ihm ein unsichtbarer Mensch, nach dessen Haupt er fassen wolle.

In seinen Augen lag der Ausdruck der Blindheit.

"Kde maš svou ples" – hörte ihn Polyxena murmeln – "Mönch, wo hast du deine Tonsur?"

Dann hob er langsam, Zoll für Zoll, die Faust und ließ sie plötzlich, wie auf einen Amboß, schmetternd niederfallen.

Ein Ruck des Entsetzens fuhr durch die Menge, als habe er in Wirklichkeit, wie Zizka zur Zeit der Taboriten, einem Pfaffen den Schädel zertrümmert.

Polyxena glaubte den Schemen eines Mannes in grauer Kutte niederstürzen zu sehen. – Die Historien aus den Hussitenkriegen, die sie in ihren Kinderjahren heimlich gelesen, traten vor ihren Blick: – auf weißem Pferd der schwarze Zizka in eiserner Rüstung vor seinen Kämpferscharen, blitzende Sensen und stachlige Morgensterne; zerstampfte Felder, brennende Dörfer, geplünderte Klöster. –

Sie sah im Geiste die blutige Schlacht gegen die "Adamiten", die – Männer und Weiber nackt –, angeführt von dem rasenden Borek Klatovsky, nur mit Messern und Steinen in den Händen sich auf die Hussiten stürzten, sich in ihre Kehlen verbissen, bis man sie niederschlug wie tolle Hunde und die letzten vierzig umzingelte und auf Scheiterhaufen lebendig briet – sie hörte das Kriegsgetümmel in den Straßen Prags, die mit Ketten versperrt waren, um den Ansturm der wahnwitzigen Taboriten aufzuhalten – hörte die Schreckensrufe der fliehenden Besatzung auf dem Hradschin, das Klirren der Streitkolben und Klingen der Äxte, das Sausen der Schleudern. –

Sie sah, wie der Fluch der sterbenden Adamiten: "Der einäugige Zizka solle erblinden", an ihm in Erfüllung ging – sah den Pfeil schwirren, der ihn in das noch sehende Auge traf – sah ihn, gestützt links und rechts von seinen Hauptleuten, auf einem Hügel in die Nacht seiner Blindheit hineinstarren, während unten zu seinen Füßen im Sonnenschein die Schlacht tobte – hörte ihn Befehle geben, die die Scharen seiner Feinde niedermähten wie Sicheln das Getreide – sah den Tod von seiner vorgestreckten Hand ausgehen wie einen schwarzen Blitz. – – Und dann – und dann, das Furchtbarste von allem: Zizka, an der Pest gestorben und dennoch – dennoch – lebendig! Seine Haut auf eine Trommel gespannt! Ihr schepperndes, grauenhaftes Bellen jagt alle in die Flucht, die es hören.

Jan Zizka von Trocnov, der Blinde und Gehäutete, reitet – ein Gespenst auf verwestem Pferd – unsichtbar seinen Horden voran und führt sie von Sieg zu Sieg! – – – – Das Haar sträubte sich ihr bei dem Gedanken, daß der Geist Zizkas auferstanden und in den Körper des besessenen Schauspielers gefahren sein könnte.

Wie ein Sturmwind brachen die Worte Zrcadlos, die er zu den Aufrührern sprach, aus seinem Munde hervor, bald schrill und gebieterisch – dann wieder heiser, aufpeitschend, in kurzen, abgebrochenen Sätzen hintereinander herjagend und die Wurzeln der Besinnung aus jedem Hirn reißend.

Schon der Klang der einzelnen Silben betäubte wie mit Keulenschlägen. – Was sie bedeuteten? Sie konnten es nicht erfassen, so laut rauschte ihr vor Aufregung das Blut in den Ohren – sie erriet nur, was er sagte, an dem wilden Feuer in den Augen der Männer, an den geballten Fäusten, an den sich duckenden Köpfen, wenn die Rede nach geflüsterten Pausen von Zeit zu Zeit losbrach wie ein Orkan und über die Herzen hinfegte. – – – –

Immer noch sah sie die drosselnden Finger ihrer Ahne um den Hals des russischen Kutschers gelegt.

"Die Bilder meiner Seele sind zu Gespenstern geworden und tun dort unten ihr Werk", fühlte sie, und es kam wie schnelle Erkenntnis über sie, daß sie losgelöst von ihnen sei und für eine Weile ein eigenes Selbst sein könne.

Ottokars Gesicht schaute zur Decke auf, als fühle er mit einemmal ihre Nähe – seine Augen blickten fest in die ihren.

Der Ausdruck der Trauer und der Abgezogenheit lag darin, den sie so gut an ihm kannte.

"Er sieht und hört nichts"; wußte sie, "die Worte des Besessenen sind für ihn bestimmt; das Gebet der Stimme im Lindenhof geht in Erfüllung: 'Muttergottes, Gebenedeite, erhöre die Sehnsucht, die ihn verzehrt, aber laß seine Hände rein bleiben von Menschenblut.'"

Wie ein brausendes Lied aus Orgeklängen hüllte es sie plötzlich ein: das Gefühl einer unermeßlichen Liebe zu Ottokar, wie sie nie für möglich gehalten, daß es je ein Menschenherz empfinden könnte. –

Als sei der dunkle Vorhang der Zukunft für einen Augenblick entzweigerissen, sah sie Ottokar dastehen: ein Zepter in der Hand – – der Schemen, der sich vorhin mit ihm verschmolzen hatte, wurde Fleisch und Wirklichkeit für sie – – und auf dem Haupt eine Herrscherkrone.

Jetzt verstand sie, welche Sehnsucht Ottokar verzehrte – ihretwegen!

"Meine Liebe ist nur ein schwacher Widerschein der seinen" – sie kam sich vor wie zerschmettert, konnte nicht mehr denken.

Wie fernes Murmeln pochte die Rede Zrcadlos an ihr Bewußtsein: Er sprach von Böhmens versunkener Pracht und von dem Glanz einer neuen kommenden Herrlichkeit. – Und jetzt: – – "König!" – hatte er nicht "König" gesagt?

Sie sah, daß Ottokar zusammenzuckte und unverwandt zu ihr emporstarrte, als erkannte er sie plötzlich – fahl im Gesicht wurde, sich ans Herz griff und mit dem Umsinken kämpfte.

Dann zerriß ein ohrenbetäubendes Getöse die Luft und verschlang die letzten Worte des Schauspielers.

"Jan Zizka! – Jan Zizka von Trocnov wird unser Führer sein!"

Zrcadlo deutete auf Ottokar und brüllte ein Wort in die aufgeregte Menge.

Sie verstand es nicht – sah nur, daß ihr Geliebter ohnmächtig niederstürzte – hörte ihren eigenen gellenden Schrei:

"Ottokar! Ottokar!"

Ein Heer von weißen Augen war plötzlich zu ihr emporgekehrt. Sie fuhr zurück.

Sprang auf. Prallte mit jemand zusammen, der da in der Dunkelheit gestanden haben mußte.

"Es ist der Bucklige von der Schloßstiege", schoß es ihr durch den Kopf, dann riß sie die Tür des Turmes auf und stürmte über den Lindenhof in ein Nebelmeer hinein.

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