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Walpurgisnacht

Gustav Meyrink: Walpurgisnacht - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleFledermmäuse / Walpurgisnacht
titleWalpurgisnacht
authorGustav Meyrink
year1982
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-1967-4
pages167 - 378
editorEduard Frank
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
firstpub1917
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Die Trommel Luzifers

Polyxena stand in der Sakristei der Kapelle "Allerheiligen" im Dom und ließ, stumm und in Erinnerungen versunken, mit sich geschehen, daß Božena und eine andere Dienerin, die sie nicht kannte, ihr ein morsches, zerschlissenes, moderig riechendes Gewand, mit erblindeten Perlen, Gold und Juwelen bestickt – geraubt aus der Schatzkammer –, über das weiße Frühlingskleid legten, das sie trug, und es beim Schein der hohen, armdicken Wachskerzen mit Nadeln und Spangen feststeckten.

Die letzten Tage lagen hinter ihr wie ein Traum.

Sie sah sie vorüberschweben wie Bilder, die noch einmal aufwachen wollen, ehe sie für immer schlafen gehen, wesenlos, schattenhaft und vom Nachfühlen abgetrennt, als gehörten sie einer Zeit an, die niemals existiert hat – langsam abrollend, von mattem, stumpfem Licht umflossen. Wie eins nach dem andern verschwindet, tritt jedesmal in den Zwischenräumen die dunkelbraune Maserung der alten, wurmstichigen Kirchenschränke hervor, als wolle der Hauch der Gegenwart sich melden und wispern, daß sie noch lebe.

Bis zu der Stunde, als sie aus der Daliborka geflohen und durch die Straßen geirrt war, um auf halbem Wege abermals zu dem Wärterhäuschen im Lindenhof zurückzulaufen und die ganze Nacht bei dem vor Herzkrämpfen bewußtlosen Geliebten zu sitzen mit dem festen Entschluß, ihn nie mehr zu verlassen, konnte Polyxena in ihren Erinnerungen zurückfinden; alles, was vorher lag: die Umgebung ihrer Kindheit, das ganze Dasein bis dahin, ihre Klosterzeit, die unter Greisen, Greisinnen, verstaubten Büchern und trostlosen, aschgrauen Dingen aller Art verbrachten Jahre – – alles schien ihr unwiederbringlich versunken, als hätte es statt ihr ein empfindungsloses Porträt erlebt. –

Aus diesem schwarzen Hintergrund drangen jetzt Worte hervor, und die Bilder aus den jüngst vergangenen Tagen reihten sich an:

Sie hört den Schauspieler reden wie damals in der Daliborka, aber eindringlicher noch und zu einer kleinen Versammlung: zu den Aufrührern der "Taboriten", zu ihr und zu Ottokar. – Es ist ein einer schmutzigen Stube eines alten Weibes, das man die "böhmische Liesel" nennt. Eine Lampe schwelt. – Einige Männer lehnen umher und lauschen den Worten der Besessenen. Sie glauben wieder, wie in der Daliborka, er sei in Jan Zizka, den Hussiten, verwandelt.

Auch Ottokar glaubt es. –

Nur sie allein weiß, daß es nichts als Erinnerungen an eine alte, vergessene Legende sind, die aus ihrem Hirn, formengewinnend, hinüberwandern in das des Schauspielers, um dort zu spukhafter Wirklichkeit zu werden. – Ohne daß sie es beabsichtigt: Das magische "Aweysha" strömt aus ihr, aber sie kann es nicht hemmen und nicht lenken – es wirkt selbsttätig, scheint anderen als ihren Befehlen zu gehorchen –, es wird nur in ihrer Brust geboren, und dort entspringt es, aber die Zügel führt eine fremde Hand. Die unsichtbare Hand ihrer gespenstischen Ahne Polyxena Lambua mag es sein, fühlt sie.

Dann wieder zweifelt sie daran und möchte glauben, daß es das Gebet der Stimme im Lindenhof ist, das um Stillung der Sehnsucht Ottokars, nach Erfüllung ringt und die magische Kraft des "Aweysha" in Bewegung setzt. – Ihre eigenen Wünsche sind gestorben. – "Ottokar soll gekrönt werden, wie er es in seiner Liebe um meinetwillen begehrt, und sei es auch nur für eine kurze Stunde. – Ob ich dabei glücklich werde – was kümmert's mich!" – das ist das einzige, was in ihr noch wunschhaft flüstern kann, und auch das spricht eher ihr Konterfei als sie selber: – dahinter verbirgt sich vampirgleich der unsterbliche Keim der alten blutdürstigen Brandstifterrasse, der sich auf sie vererbt hat seit Geschlechtern und sie nur vorschiebt als Werkzeug, um teilzuhaben am Leben und der Furchtbarkeit der herannahenden Geschehnisse. – Sie sieht vor sich in den Gesten und Reden des Schauspielers, wie die Sage von Zizka, dem Hussiten, allmählich sich wandelt und sich der Gegenwart anpaßt – ihr graut.

Sie sieht das Ende voraus: Das Gespenst Jan Zizkas wird die Wahnwitzigen in den Tod führen.

Und Bild um Bild wirbelt das magische "Aweysha" ihre Vorahnungen ins Reich des Körperlichen hinein, auf daß Ottokars Sehnsucht aus einem Luftschloß zu Wirklichkeit werde: Zrcadlo befiehlt mit der Stimme Zizkas, daß Ottokar gekrönt werden soll, und besiegelt die prophetischen Worte, indem er dem Gerber Stanislaw Havlik das Amt überträgt, aus seiner Haut eine Trommel zu fertigen; dann stößt er sich selbst – ein Messer ins Herz.

Der Weisung gemäß beugt sich Havlik über die Leiche.

Die Männer fliehen, von Grausen gepackt.

Nur sie hält es unerbittlich an der Tür fest: Das Konterfei in ihr will zusehen – will zusehen.

Endlich, endlich hat der Gerber sein blutiges Werk vollbracht. –

Ein anderer Tag taucht vor ihr auf:

Stunden des Rausches und verzehrende Liebe kommen und schwinden.

Ottokar hält sie umfangen und spricht zu ihr von einer nahenden Zeit des Glücks, der Pracht und der Herrlichkeit. – Mit allem Glanz der Erde will er sie umgeben. Keinen Wunsch wird sie haben, den er ihr nicht erfüllen könnte. – Unter seinen Küssen zerbricht die Phantasie die Fessel "Unmöglichkeit". Aus der Hütte im Lindenhof wird ein Palast. – Sie sieht in seinen Armen das Luftschloß erstehen, das er für sie baut. – Er reißt sie an sich und sie fühlt, daß sie sein Blut empfängt und Mutter sein wird. – Und sie weiß, daß er sie damit unsterblich gemacht hat – daß aus der Brunst die Inbrunst keimen wird – daß aus Verweslichem das Unverwesliche sprießt: das ewige Leben, das eins aus dem andern gebiert.

Ein neues Erinnerungsbild: Die Zyklopengestalten des Aufruhrs sind wieder um sie her: Männer mit ehernen Fäusten, in blauen Blusen, Scharlachbinden um die Ärmel.

Sie haben eine Leibwache gebildet.

Nennen sich nach dem Vorbild der alten Taboriten: "Die Brüder vom Berge Horeb."

Tragen Ottokar und sie durch die rotbeflaggten Straßen.

Wie Blutschwaden wehen die Fahnen von den Häusern:

Eine heulende, rasende Menge mit Fackeln neben ihnen und hinter ihnen drein:

"Hoch, Ottokar, Borivoj, Kaiser der Welt, und seine Gemahlin Polyxena!" – –

Sie hört den Namen "Polyxena" fremdartig, als gelte er nicht ihr: Sie spürt, daß das Konterfei der Ahne in ihr triumphiert und die Huldigung auf sich bezieht.

Wenn das Brüllen für Sekunden verstummt, lacht grell die Trommel des Gerbers Havlik auf, der, in ekstatischer Wildheit die Zähne gefletscht – ein Tigermensch –, dem Zuge voranschreitet.

Aus Seitengassen gellt Todesschrei und Kampfgetöse; vereinzelte Volkshaufen, die Widerstand leisten, werden niedergemetzelt.

Sie ahnt dumpf, daß es auf den stummen Befehl des Bildnisses in ihrer Brust geschieht, und ist voll Freude, daß Ottokar die Hände rein von Mord bleiben.

Er hält sich an den Knöpfen der Männer, die ihn tragen, und sein Gesicht ist weiß. – Er hält die Augen geschlossen. –

So geht es die Schloßstiege empor zum Dom.

Eine Prozession des Wahnsinns.

Polyxena kam zu sich; statt der Bilder ihrer Erinnerung umgaben sie wieder die kahlen Wände der Sakristei, und die Maser der alten Schränke wurde deutlich.

Sie sah, daß Božena sich niederwarf und den Saum ihres Kleides küßte – sie suchte in den Mienen des Mädchens zu lesen:

Keine Spur von Eifersucht oder Schmerz darin. Nur Freude und Stolz.

Dröhnend fielen die Glocken ein und ließen die Flammen der Kerzen erzittern. – –

Polyxena trat ins Kirchenschiff.

Anfangs war sie wie blind in der Finsternis – allmählich erst sah sie unter den gelben und roten Lichtern die tragenden silbernen Leuchter erstehen. – –

Dann ringen schwarze Männer mit einer weißen Gestalt zwischen den Säulen und wollen sie zwingen, zum Altar zu gehen:

Der Priester, der sie trauen soll.

Sie sieht: Er weigert sich – wehrt sich, hebt ein Kruzifix in die Höhe.

Dann: Ein Schrei, ein Fall.

Man hat ihn erschlagen.

Getümmel.

Warten. – Gemurmel. – Totenstille.

Dann wird die Kirchentür aufgerissen.

Fackelglanz fließt von draußen in den Raum.

Die Orgel erschimmert rötlich.

Sie bringen einen Mann in brauner Kutte geschleppt.

Sein Haar ist schneeweiß.

Polyxena erkennt ihn: Es ist der Mönch, der täglich in der Georgskrypta den gemeißelten schwarzen Stein: "die Tote, die eine Schlange statt eines Kindes unter dem Herzen trug", erklärt. – –

Auch er weigert sich, zum Altar zu gehen!

Drohende Arme recken sich nach ihm.

Er schreit und fleht, deutet auf die silberne Statue des Johann von Nepomuk. – Die Arme sinken nieder. – Man horcht, was er spricht. Verhandelt.

Murren.

Polyxena errät: Er ist bereit, Ottokar und sie zu trauen – jedoch nicht vor dem Altar.

"Er hat sein Leben gerettet", begreift sie, "aber nur für eine kurze Spanne Zeit. – Man wird ihn erschlagen, sowie er den Segen gesprochen hat." –

Im Geiste sieht sie wieder die Faust des furchtbaren Zizka, wie sie schmetternd auf einen Schädel niedersaust, und hört seine Worte:

"Kde más svou pleš! – Mönch, wo hast du deine Tonsur?"

Diesmal wird sein Schemen die Faust der Menge führen, weiß sie. –

Man trägt eine Bank vor die Statue und legt einen Teppich über die Fliesen.

Ein Knabe kommt durch den Gang geschritten und bringt auf einem Purpurkissen einen elfenbeinernen Stab.

"Das Zepter Herzog Borivojs des Ersten!" geht ein Raunen durch die Menge.

Man reicht es Ottokar.

Er nimmt es wie im Traum und kniet im Herrschermantel nieder.

Polyxena neben ihm.

Der Mönch tritt vor die Statue.

Da ruft laut eine Stimme:

"Wo ist die Krone?!"

Unruhe erfaßt das Volk, und es wird erst wieder still, als der Priester die Hände hebt.

Polyxena hört seine bebenden Worte. – Worte der Andacht und der Fürbitte, wie sie der Gesalbte gesprochen, und es überläuft sie wie ein Frost bei dem Gedanken, daß sie aus einem Munde kommen, der sich noch in derselben Stunde für ewig schließen soll. –

Die Trauung war vorüber.

Jubel brauste durch den Dom und erstickte einen leisen, wimmernden Schrei.

Polyxena wagt nicht, sich umzusehen: Sie wußte, was geschehen war.

"Die Krone!" gellte wieder eine Stimme auf.

"Die Krone! Die Krone!" – hallt es von Bank zu Bank. – –

"Bei der Zahradka ist sie versteckt", schreit jemand. Alle drängen zur Tür.

Ein wildes Gewoge:

"Zur Zahradka! Zur Zahradka! – Die Krone! – Holt die Herrscherkrone!" – –

"Sie ist aus Gold! Mit einem Rubin auf der Stirn!" – kreischt es von der Chorgalerie. – Die Božena ist es, die immer alles weiß.

"Rubin auf der Stirn", läuft der Erkennungsruf von Mund zu Mund, und alle sind überzeugt, als hätten sie den Stein mit eigenen Augen gesehen. –

Ein Mann steigt auf einen Sockel. – Polyxena sieht: Es ist der Lakai mit dem stieren Blick.

Er fuchtelt mit den Armen in der Luft herum und schrillt beutegierig, so daß seine Stimme überschnappt:

"Im Waldsteinpalais liegt die Krone."

Niemand zweifelt mehr:

"Im Waldsteinpalais liegt die Krone!"

Hinter der johlenden Menge her zogen finster und schweigsam die "Brüder vom Berge Horeb", wieder – wie auf dem Gang zum Dom – Ottokar und Polyxena auf den Schultern.

Ottokar trägt den Purpurmantel des Herzogs Borivoj und in der Hand das Zepter.

Die Trommel ist stumm.

Unversöhnlicher Haß gegen den lärmenden Pöbel, der in einem Atem begeistert sein kann und nach Raub und Plünderung lechzt, steigt heiß in Polyxena auf. – "Ärger als die Bestien sind sie und feiger als die feigsten Köter" – und sie denkt mit tiefer, grausamer Befriedigung an das Ende, das unabwendbar kommen muß: das Rasseln der Maschinengewehre und – ein Berg von Leichen.

Sie blickt zu Ottokar hin und atmet befreit auf: "Er sieht und hört nicht. Ist wie im Traum. Gebe Gott, daß ihn ein schneller Tod ereilt, ehe das Erwachen kommt."

Was mit ihr selbst geschehen wird, ist ihr gleichgültig.

Das Tor des Wallensteinpalais ist fest verrammelt.

Die Menge will die Gartenmauer erklimmen – fällt mit blutigen Händen zurück: Flaschenscherben und eiserne Spitzen überall auf den Simsen. – –

Einer der Männer bringt einen Balken.

Hände packen zu.

Zurück und vor. Zurück und vor: mit dumpfem Krach Breschen in die Eichenplanken schlagend, rennt das Ungetüm wieder und wieder auf das Hindernis los, bis sich die eisernen Angeln verbiegen und die Pforte in Trümmer birst. – – –

Ein Pferd, rot gezäumt, mit gelben, gläsernen Augen, steht mitten im Garten, und die Hufe auf ein Brett mit Rädern geschraubt.

Es wartet auf seinen Herrn.

Polyxena sah, daß Ottokar den Kopf vorbeugte, es anstarrte und die Hand auf die Stirn legte, als käme er plötzlich zu sich.

Dann trat einer der "Brüder vom Berg Horeb" an das ausgestopfte Pferd heran, ergriff es beim Zügel, rollte es auf die Straße, und sie hoben Ottokar hinauf, indes die Rotte mit lodernden Fackeln in das offene Haus hineinstürmte.

Fenster fielen prasselnd auf das Pflaster, das Glas zerschellte in tausend Splitter, hinabgeschleudertes Silberzeug, vergoldete Harnische, juwelengeschmückte Waffen und bronzene Standuhren flogen klirrend von den Prellsteinen auf und häuften sich zu Bergen: Keiner der "Taboriten" streckte die Hand danach aus.

Man hörte das laute Knirschen, wie die drinnen mit Messern die Gobelins an den Wänden zerfetzten.

"Wo ist die Krone?" schreit der Gerber Havlik hinauf.

"Die Krone ist nicht hier" – Gebrüll und Gelächter – "Sie wird bei Zahrakdka sein", kommt's nach einer Weile aus wiehernden Mäulern zurück. –

Die Männer heben das Brett mit dem Pferd auf ihre Schultern, stimmen ein wildes hussitisches Lied an und marschieren, vor sich die bellenden Trommeln, zur Thunschen Gasse.

Hoch über ihnen, in wehendem Purpur, sitzt Ottokar auf dem Rosse Wallensteins, als reite er über ihre Köpfe hinweg. – – –

Der Eingang zur Gasse war durch Barrikaden versperrt; eine Schar alter ergrauter Diener, angeführt von Molla Osman, empfing sie mit Revolverschüssen und einem Hagel von Steinwürfen.

Polyxena erkannte den Tataren an seinem roten Fetz.

Um Ottokar vor Gefahr zu schützen, richtet sie unwillkürlich einen Strom von Willen auf die Verteidiger – das "Aweysha" fährt, fühlt sie, wie ein Blitz in ihre Reihen, so daß sie, von panischem Schrecken gepeitscht, die Flucht ergreifen.

Nur auf Molla Osman übt es keine Wirkung.

Er bleibt ruhig stehen, hebt den Arm, zielt und schießt. Ins Herz getroffen wirft der Gerber Stanislav Havlik die Arme empor und bricht zusammen.

Das Kläffen der Trommel ist jäh verstummt.

Doch gleich darauf – Polyxena gerinnt das Blut vor Grauen – fängt es wieder an, dumpfer, gräßlicher, aufpeitschender noch als früher. – In der Luft, von den Mauern widerhallend, aus der Erde heraus – – überall. "Es gellt mir nur in den Ohren. Es ist unmöglich. Ich irre mich", sagte sie sich vor und suchte mit den Augen: Der Gerber liegt auf dem Gesicht, die Finger in die Barrikaden verkrallt, aber die Trommel ist fort – nur ihr Wirbeln, plötzlich schrill und hoch geworden, rast im Wind.

Die "Taboriten" räumten in fliegender Eile die Steine zur Seite und machten den Weg frei.

Der Tatar schoß und schoß, dann warf er seinen Revolver weg und lief im Trab die Gasse hinauf, ins Haus der Gräfin Zahradka, dessen Fenster hell erleuchtet waren.

Unablässig das entsetzliche Trommeln im Ohr, sieht Polyxena sich im Sturm vorwärts getragen, neben sich das ragende, schwankende, tote Pferd, von dem ein betäubender Geruch nach Kampfer ausgeht.

Hoch oben Ottokar.

In dem irren Schein der sich kreuzenden Lichter und Flammen der Fenster und Fackeln glaubt Polyxena einen schattenhaften Menschen dahinhuschen zu sehen, bald auftauchend, bald wieder verschwindend – bald da, bald dort.

Er ist nackt, wie ihr scheint, und trägt eine Mitra auf dem Kopf, doch kann sie ihn nicht genau unterscheiden. – Er bewegt die Hände vor der Brust, als rühre er eine unsichtbare Trommel.

Als der Zug vor dem Hause hielt, stand er plötzlich am obern Ende der Gasse, ein Gebilde aus Rauch – ein schemenhafter Tambour – – und das Rasseln der Pauke kam wie aus weiter Ferne her.

"Er ist nackt: seine eigene Haut ist auf die Trommel gespannt. Er ist die Schlange, die in den Menschen wohnt und sich häutet, wenn sie sterben. – Ich – – Grundwasser –" – die Gedanken Polyxenas verwirren sich. Dann sieht sie das weiße haßverzerrte Gesicht ihrer Tante Zahradka über den Eisenstäben des Balkons im ersten Stock, hört sie grell und spöttisch lachen und schreien: "Weg da, ihr Hunde! Weg da!"

– Das Brüllen der Menge, die, nachdrängend, die Straße heraufzog, kam näher und näher:

"Die Krone! – Sie soll ihm die Krone herausgeben! – Sie soll ihrem Sohn die Krone geben!" heulten die Stimmen wütend durcheinander. – –

"Ihr Sohn?!" jubelte Polyxena auf, und eine wilde unbändige Freude zerreißt sie fast. "Ottokar ist von meiner Rasse!" – –

"Was? – Was wollen Sie?" fragte die Gräfin, nach rückwärts gewendet, ins Zimmer hinein.

Polyxena sieht von unten den Kopf des Tataren nicken und irgend etwas antworten, hört den beißenden Hohn, der aus der Stimme der Alten klingt:

"Gekrönt will er sein, der – der Vondrejc? – Ich werd' sie ihm selber aufsetzen – die Krone!"

Dann geht die Alte rasch ins Zimmer.

Ihr Schatten erscheint hinter den Gardinen, beugt sich nieder, als hebe er etwas auf, und richtet sich wieder empor.

Unten am Tor hämmern zornige Fäuste: "Aufmachen! Die Brecheisen her! – Die Krone!"

Gleich darauf tritt die Gräfin Zahradka wieder auf den Balkon hinaus – die Hände auf dem Rücken.

Ottokar, im Sattel des auf den Schultern der Männer stehenden Pferdes, ist mit dem Gesicht fast in gleicher Höhe mit dem ihrigen und nur durch einen geringen Zwischenraum davon getrennt.

"Mutter! Mutter!" hört Polyxena ihn aufschreien. Dann schießt ein Feuerstrom aus der Hand der Greisin:

"Da hast du deine Königskrone, Bastard!" – –

In die Stirn getroffen, stürzt Ottokar kopfüber vom Pferd.

Betäubt von dem furchtbaren Knall, kniete Polyxena neben dem Toten, rief immer wieder seinen Namen und sah nur, daß ein Blutstropfen auf seiner Stirn stand wie ein Rubin.

Sie konnte das Geschehene nicht erfassen.

Endlich verstand sie und wußte wieder, wo sie war.

Aber sie sah nur spukhafte Bilder ringsum: Ein rasendes Menschengetümmel, das das Haus stürmte – ein umgefallenes Pferd, an dessen Hufen ein grünes Brett befestigt war:

Ein ins Riesenhafte vergrößertes Spielzeug.

Und daneben Ottokars schlafendes Gesicht! – "Er träumt wie ein Kind vom Weihnachtsabend!" – dachte sie bei sich.

"Sein Gesicht ist ruhig! – Das kann doch unmöglich der Tod sein? Und das Zepter! – Wie wird er sich freuen, wenn er aufwacht und sieht, das er es immer noch hat!" – – – –

"Warum nur die Trommel so lange schweigt?" – sie blickt auf – "freilich, der Gerber ist doch erschossen." – Es kommt ihr alles so selbstverständlich vor: – daß die rote Lohe aus dem Fenster schlägt – daß sie wie in einer Insel sitzt, von einem brüllenden Menschenstrom umwogt – daß im Haus drin ein Schuß fällt, genau so absonderlich hallend und ohrenzerreißend wie vorher der erste – daß plötzlich die Menge sich, wie von Entsetzen ergriffen, zurückstaut und sie allein bei dem Toten läßt – daß die Luft um sie her aufschreit: "Die Soldaten kommen!"

– "Es ist nichts Wunderbares dabei – ich hab' doch immer gewußt, daß es so kommen muß!" – neu und fast merkwürdig erscheint ihr nur, daß der Tatar mit einemmal mitten aus der Feuersbrunst auf den Balkon treten kann und mit einem Satz herabspringt – daß er ihr zuruft, ihm nachzugehen –, ein Befehl, dem sie Folge leistet, ohne zu wissen, warum – daß er die Gasse hinaufrennt, die Hände in die Höhe streckt und daß dort oben eine Reihe Soldaten mit bosnischem, rotem Fez steht, die Gewehre an der Wange, und ihn durchläßt. Dann hört sie, daß der Unteroffizier sie anbrüllt, sie solle sich niederwerfen.

"Niederwerfen? Warum? – Weil sie schießen werden? – Glaubt der Mensch: ich fürchte mich, daß sie mich treffen? – Ich trage doch ein Kind unter dem Herzen! Von Ottokar. – Es ist unschuldig, wie könnten sie es töten! – Der Keim der Rasse Borivoj, die nicht sterben kann, die nur schläft, um immer wieder aufzuwachen, ist mir anvertraut. – Ich bin gefeit."

Eine Salve krachte dicht vor ihr, so daß sie von der Erschütterung einen Herzschlag lang die Besinnung verliert, aber sie schreitet gelassen weiter.

Hinter ihr ist das Geschrei der Menge jählings erloschen. Die Soldaten stehen wie Zähne eines Rachens, dicht einer neben dem andern. Halten immer noch die Gewehre an der Wange.

Nur einer tritt klirrend zur Seite und läßt sie durch die entstehende Lücke.

Sie wandert in den leeren Rachen der Stadt hinein und glaubt das Trommeln des Mannes mit der Mitra wieder zu hören, gedämpft und mild, wie aus weiter Ferne; er führt sie, und sie geht ihm nach und kommt am Palais Elsenwanger vorüber:

Das Gittertor herausgerissen – der Garten ein Trümmerfeld; glimmernde Möbel, die Bäume schwarz und die Blätter verkohlt.

Sie wendet den Kopf kaum: "Warum soll ich hinschaun? Ich weiß doch: Da liegt das Bild der – Polyxena. – Jetzt ist es tot und hat Ruhe"; – sie blickt an sich herunter und staunt über das Brokatgewand, das ihr weißes Kleid verhüllt.

Dann erinnert sie sich: "Jaja, wir haben doch 'König und Königin' gespielt! – – Ich muß es schnell ausziehen, ehe das Trommeln aufhört und der Schmerz kommt."

Dann steht sie an der Mauer vom Sacré-Coeur und zieht die Glocke:

"Dort drin, will ich, daß mein Bild hängt."

Im Zimmer des Herrn kaiserlichen Leibarztes Taddäus Flugbeil steht der Diener Ladislaus Podrouzek, wischt sich mit dem Handrücken über die nassen Augen und kann und kann sich nicht beruhigen.

"Nein, wie sich seine Exzellenz, der Knäher, alles selber noch so schän aufg'raamt hat! –"

"Hundsviech, arm's"; wendet er sich mitleidig an den zitternden "Brock", der mit ihm hereingekommen ist und winselnd auf dem Boden nach einer Spur schnuppert, "hast du dich auch deinen Herrn verloren! No, laß nur, wir werden sich schon aneinander gewähnen."

Der Jagdhund hebt die Schnauze, stiert mit seinen halbblinden Augen zum Bett hin und heult.

Ladislaus folgt seinem Blick und bemerkt den Kalender: "Gut, daß ich's siech. Der Knäher mächt sich schön giften, wenn er wüßt, daß er's vergessen hat" – und er reißt, bis die Ziffer "1. Juni" erscheint, die verjährten Zettel ab und mit ihnen das Datum der Walpurgisnacht.

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