Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Josef Ruederer >

Wallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten

Josef Ruederer: Wallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten
authorJosef Ruederer
year1899
publisherGeorg Bondi Verlag
addressBerlin
titleWallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten
pages3-256
created20020423
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
Schließen

Navigation:

Der strohblonde Augustin,
der brennrote Kilian
und die sittliche Weltordnung.

»Der Herr geb' ihm die ewige Ruh,« pflegte der strohblonde Augustin mit demütiger Miene zu sagen, wenn er wieder einmal einem Menschen den Hals umgedreht hatte.

»Und das ewige Licht leuchte ihm,« flüsterte der brennrote Kilian nicht minder ergeben, wenn er gleichfalls einen Menschen ins Jenseits befördert hatte.

Der brennrote Kilian war nämlich sehr fromm, und der strohblonde Augustin womöglich noch frömmer.

Schon von Kindheit an waren sie das, wo sie als ungewaschene Bauernjungen durch ihr Heimatdorf tappten und in der klotzigen Felswand hinter den Hütten der Väter so ziemlich das Ende der Welt erblickten.

Vor jedem Heiligenbilde hatten sie damals den Filz verschoben, in jede Messe waren sie gegangen, mit geweihtem Wasser hatten sie die struppigen Haare bespritzt, und weil sie sich das gottesfürchtige Herz treulich bewahrt hatten, wollten sie auch heute von diesen Gewohnheiten nicht lassen, wo der strohblonde Augustin zum Schrecken der Menschheit ein weitberühmter Mörder geworden war, und der brennrote Kilian als hochnotpeinlicher Scharfrichter sein treffliches Auskommen hatte.

»Der Herr lasse ihn ruhen in Frieden! Amen!«

Mit einem Rosenkranz in den Händen verrichteten sie solch ein Gebet. Dabei hoben sie fleißig die Augen zum Himmel empor und leiteten die frommen Gedanken zu einem freundlichen alten Herrn mit roten Backen und weißem Vollbart, den ihnen der hochwürdige Expositus in der kleinen Dorfkirche als Gott Vater bezeichnet hatte.

»Erhöre mich,« flehte der brennrote Kilian, »erhöre mich, Gott Vater im Himmel, und erhalte den Menschen die so nötige sittliche Weltordnung, auf daß jeder den Tod erdulde, der Gut und Böse nicht unterscheiden kann.«

»Erhöre mich,« flehte auch der strohblonde Augustin, »erhöre mich, Gott Vater im Himmel, und sende deine Blitze auf diese sogenannte sittliche Weltordnung hernieder, auf daß ich ungestört weiter morden kann, wie es nun 'mal meine berechtigte Eigentümlichkeit ist.«

Dann fuhr sich jeder der beiden mit dem Zeichen des Kreuzes über die Stirne, während Gott Vater, den sie gerufen hatten, aus den Wolken herunterschaute und die frommen Gebete mit peinlicher Sorgfalt im Hauptbuch des Himmels verzeichnete.

War der Andacht aber Genüge geschehen, dann legte der brennrote Kilian den eben Gerichteten ohne weitere Umstände in den bereitstehenden Sarg, und der strohblonde Augustin neigte sich auf sein neuestes Opfer herab, das sich ebenfalls nicht mehr bewegte.

Ein zufriedenes Lächeln zog wellige Falten über sein glattrasiertes Gesicht.

»Es geht nichts über eine ruhige, sichre Hand,« sagte er und hob seine gelenken Finger gegen die Sonne.

Ohne sie hätte er zu rohen Gewaltmitteln greifen müssen, wie der brennrote Kilian, oder zu Messer und Flinte, und das wäre ihm schmerzlich gewesen, sehr schmerzlich.

Der strohblonde Augustin war nämlich Gemütsmensch – er konnte kein Blut sehen.

Schon von Kindheit an nicht, wo er jedesmal in die fernsten Wälder floh, wenn bei hohen Kirchenfesten ein Kalb oder Schwein gestochen werden sollte.

»Nur kein Blut nicht,« hatte er immer gejammert, und je stärker er zitterte, um so hämischer lachte der brennrote Kilian.

Ihm war so ein Schlachttag noch lieber als Sacklaufen und Preisschieben, und wenn nun das frische Blut den Leuten auf Nase und Bauch spritzte, dann kannte er sich vor Vergnügen gar nicht mehr aus.

Am lautesten jubelte er, wenn er selber etwas scheiden, stechen oder hauen durfte.

»Da schau her, strohblonder Augustin,« kicherte er und schliff das große Küchenmesser mit Absicht recht umständlich.

Aber der strohblonde Augustin wollte nichts davon wissen, und wie er sich damals Augen und Ohren zugehalten hatte, wenn ein unschuldiges Tierchen geopfert werden sollte, so that er es heute noch, wenn draußen auf der Vogelwiese ein armer Sünder gerädert oder gevierteilt wurde. Voll des tiefsten Grauens wandte er sich ab und nannte den brennroten Kilian, der alle diese Strafen mit breiter Gemütsruhe zu vollziehen verstand, das größte Scheusal unter der Sonne.

»Wenn ich den Kerl mal unter die Finger bekomme,« brummte er, »ich wollte in bei der Gurgel fassen, aber recht langsam, recht nachdrücklich, daß er die stärksten Atmungsbeschwerden verspüren möchte, und auf seine letzten Augenblicke noch das Schielen lernen sollte.«

»Ganz nach Belieben,« meinte der brennrote Kilian, als ihm diese freundliche Botschaft durch einen seiner Gehilfen überbracht wurde. »Ich freue mich ohnehin schon lange auf ein Wiedersehen mit dem strohblonden Augustin und hoffe, daß sie ihn recht bald auf dem Schinderkarren zu mir heraus fahren werden. Dann will ich ihn herzlich willkommen heißen, will ihm seine gelbliche Haut gemächlich über die Ohren ziehen und will ihn von oben bis unten mit eisernen Nadeln spicken wie einen frisch geschossenen Hasen, damit er sich allmählich an Blut gewöhnen kann, der erbärmliche Spitzbube.«

»Vollkommen einverstanden,« lachte der strohblonde Augustin zu den wohlmeinenden Absichten seines ehemaligen Spielgenossen. »Aber erst müßt ihr mich erwischen.«

Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem Menschen den Hals umgedreht.

Der brennrote Kilian schimpfte auf die miserable Polizeiverwaltung, auf die langen Beine des strohblonden Augustin, und nicht zuletzt auf das hinterlistige Verfahren, das der grausame Mordgeselle fortwährend anwandte.

»Jeder auf seine Weise,« meinte der strohblonde Augustin. »Mein Verfahren ist ein völlig geräuschloses und thut noch lange nicht so weh, als die vermaledeiten Schinderwerkzeuge des brennroten Kilian.«

Damit betrachtete er wieder seine Finger und pries den gütigen Zufall, der ihn einstmals darauf verwiesen hatte.

Das war zu einer Zeit, wo der strohblonde Augustin noch garnicht ans Umbringen dachte, sondern mit dem brennroten Kilian die Hühner des Dorfwirtes durcheinander hetzte, auf die er es besonders hatte.

Im ersten Frühling war es. Da erschien jedes Jahr, wenn der heiße Föhn über die Berge wehte und der schmelzende Schnee die halbe Einöde samt Menschen und Hütten hinwegtrug, eine dickbauchige Kutsche im Thale, der vier gestrenge Herren in weißen Perücken entstiegen.

Die nobeln Gäste besahen kopfschüttelnd den Schaden, hockten drei Tage kopfschüttelnd im Wirtshaus und fuhren am vierten Tage wieder kopfschüttelnd von dannen.

Mit offenem Munde glotzte ihnen der strohblonde Augustin jedesmal nach, wenn sie in ihren Schnallenschuhen gravitätisch umhergingen. Durch seinen Schädel zog so etwas wie eine leise Ahnung, daß es noch andere Wesen auf der Erde gebe, als Bauern und Tiere, denn die prächtig gekleideten Herren verlangten Respekt und schlugen dem strohblonden Augustin einfach den Deckel herunter, als er nicht grüßte.

Heulend lief der Bursche zum brennroten Kilian und klagte sein Leid.

»Sei doch froh,« sagte der, »deine Läuse wollen auch einmal Luft schnappen.«

Der strohblonde Augustin wußte nicht, was er antworten sollte und suchte wieder die Hühner zu fangen. Freilich, die blieben nicht stehen, sondern liefen gackernd hinweg, und der große Hahn hackte den eigensinnigen Verfolger gar tüchtig in die Hand.

Zeter und Mordio heulte der Bursche, aber plötzlich verstummte er, denn die Wirtin war im Hofe erschienen und hatte mit sicherem Griffe eines der Hühner gepackt. Eilig nahm sie es zwischen die Beine, und ehe es noch einmal den Schnabel öffnen konnte, hatte sie ihm schon den Hals umgedreht.

Der strohblonde Augustin und der brennrote Kilian rissen mächtig die Augen auf – so etwas war ihnen noch niemals vorgekommen.

»Ei, Frau Wirtin, was thut Ihr da?« fragten sie wie aus einem Munde.

»Ihr seht es ja,« lachte die Wirtin, indem sie wieder ein Huhn packte. »Ich mache den Ludern den Garaus, damit unsere vornehmen Gäste etwas zu essen haben.«

Der brennrote Kilian hatte begriffen und nickte verständnisvoll, der strohblonde Augustin dagegen zitterte, als ob ihm eisiges Wasser über den Rücken gegossen würde.

»So vergeßt auch den Hahn nicht!« eiferte er. »Dieser Schurke hat mich blutig gehackt.«

Die vielbeschäftigte Frau schien es eilig zu haben. Stillschweigend drehte sie noch ein paar Hühnern den Kragen um und verlud die ganze Beute mit zufriedenem Gesichte in ihre blaue Schürze.

»Den Hahn, den Hahn!« schrie ihr der strohblonde Augustin nach.

»Pack' ihn doch selber,« wisperte der brennrote Kilian. »Was ist denn dabei? Da fließt ja kein Blut.«

»Allerdings,« sagte der strohblonde Augustin und stürzte sich mit kampfbereiter Miene auf seinen Gegner.

Gleich beim ersten Anprall bekam er ihn auch bei der Gurgel zu fassen, aber der strohblonde Augustin war damals noch Anfänger und hatte noch nicht zwei Hafendeckel als Hände wie heute. So hieb ihm denn der Hahn das ganze Gesicht auseinander, daß brühwarme Bäche über die mageren Backen herabliefen.

Wie der Bursche das merkt, kriegt er einen furchtbaren Schreck, er stampft und schreit, endlich aber knickt er den Hahn auf die Erde und dreht ihm mit einem solchen Rucke die Kehle um, daß ihm die eigene Hand aus dem Gelenke springt.

»Das hab' ich gut gemacht,« sagte er aufatmend.

»Alle Hochachtung,« rief der brennrote Kilian. »Dafür mußt du auch eine Belohnung haben.«

Diese feine Belohnung konnte der strohblonde Augustin heute noch nicht vergessen, und jedesmal, wenn er daran dachte, geriet er in eine furchtbare Wut auf den brennroten Kilian.

»Der nichtsnutzige Verräter!« murmelte er.

Er hatte sich damals im Vollgefühle seines schwererrungenen Sieges neben seine Trophäe gestellt, aber kaum waren Wirt und Wirtin auf dem Hofe erschienen, da schlugen sie schon von beiden Seiten auf ihn los, und herzueilende Bauern schrieen um Vergeltung und Rache.

»Ist denn die ganze Welt auf einmal verrückt geworden?« fragte sich der strohblonde Augustin.

Der Expositus gab ihm an andern Tage die Antwort mit dem pfeifenden Rohrstock. Schon seit Jahren plagte sich der hochwürdige Herr vergebens, dem strohblonden Augustin den Unterschied zwischen dem A, dem B und dem C zu erklären, nun sah er sich auch noch vor die schwierige Aufgabe gestellt, ihm den nicht minder bedeutsamen Unterschied zwischen Mein und Dein in den Schädel zu bläuen.

Er sollte bald merken, daß dieser Begriff seinem verstockten Schüler noch schwerer fiel als schreiben und lesen. Der strohblonde Augustin schien von der fixen Idee behaftet, da0 die Erde eine große Vorratskammer sei, aus der jeder nur zu nehmen brauche, wie es ihm paßte.

»Heiliger Vater!« rief der Expositus. »Ihr seid doch nicht mehr im Paradiese, ihr müßt doch arbeiten.«

Freilich mußte man arbeiten, manchmal sogar an bösen Stellen, wo Nasen und Hände auf Nimmerwiedersehen hinwegflogen; was die Arbeit aber mit dem Gockel des Wirtes zu thun hatte, das vermochte der strohblonde Augustin wieder nicht einzusehen.

Da führte der Expositus den Burschen in die Kirche und machte ihn vor dem Bilde Gott Vaters darauf aufmerksam, daß es auf dieser Erde eine sittliche Weltordnung gebe.

Zum erstenmal in seinem Leben hörte der strohblonde Augustin dies sonderbare Wort.

»Sittliche Weltordnung?« fragte er, als ob er nicht richtig verstanden hätte.

»Jawohl, und ihr hat sich jeder zu fügen, sonst verfällt er der Strafe des himmlischen Vaters.«

Langsam reckte der Augustin seine strohblonde Mähne zum Hochaltar empor und sah sich den alten Herrn im rotblauen Gewande auf die sittliche Weltordnung ein bischen genauer an.

»Wo hat er sie denn?« fragte er begierig.

»Überall, zu jeder Stunde und an jedem Orte,« antwortete der Expositus.

Noch einmal blickte der Bursche den Schöpfer des Himmels und der Erde von oben bis unten mit starker Beklemmung an. Als er aber gar nichts Neues entdecken konnte und schließlich den freundlichen Augen begegnete, die so lustig dreinschauten wie immer, da mußte er innerlich lachen über den Expositus und die ganze sittliche Weltordnung.

»Der himmlische Vater ist viel zu vernünftig für so einen Blödsinn,« sagte er zu sich selber, und diese Überzeugung konnte von jenem Tage an nie mehr in ihm erschüttert werden, ja, sie bohrte sich immer fester, je weiter er durch die Lande zog und je öfter er mordete.

Gott Vater sah mit ernster Miene aus den Wolken hernieder und erwiderte das Vertrauen des strohblonden Augustin mit gänzlichem Stillschweigen, der brennrote Kilian aber ärgerte sich über seinen ehemaligen Spielgenossen und ballte die Fäuste:

»Er soll nur warten, bis er einmal ins Jenseits kommt. Der himmlische Vater wird ihm schon einheizen im Fegefeuer und in der Hölle.«

»Herr Scharfrichter! Davor mögen sich andere fürchten,« drohte der strohblonde Augustin, »denn, wenn drüben wirklich gleiches mit gleichem vergolten wird, dann kommt der brennrote Kilian aus den Röstmaschinen und Marterwerkzeugen des leibhaftigen Gottseibeiuns die ganze Ewigkeit nicht mehr heraus!«

Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem Menschen den Hals umgedreht.

Weil er sich aber neben der Arbeit auch eine Erholung gönnen wollte, ging er dazwischen ein bischen auf die Jagd nach Hirschen und Rehen, die er besonders bevorzugte, nachdem er mit den Hühnern so schändlich verunglückt war.

»Mach' dir nichts daraus,« hatte ihn der brennrote Kilian damals getröstet, als die Wirtsleute ihren Gockel immer noch nicht vergessen konnten. »Ja, mach' dir nichts daraus. Ging es damit nicht, geht es im Walde, da sind noch viel schönere Viecher.«

Und er zeigte ihm, was da alles zwischen den Bäumen herumsprang.

Der strohblonde Augustin war ganz begeistert, aber die sittliche Weltordnung ging ihm trotz seines Zutrauens zum himmlischen Vater doch noch ein bischen im Kopf herum.

Deshalb fragte er den brennroten Kilian, wie es damit bestellt sei, wenn man diese reizenden Tierchen ins Netz lockte.

»Mit der sittlichen Weltordnung?« fragte sein Freund. »Was ist denn das?«

»Weiß nicht,« sagte der strohblonde Augustin, »der Pfarrer behauptet, daß es wirklich so etwas gäbe.«

Ungläubig schüttelte der brennrote Kilian den Kopf.

»Ich hab' sie mein Lebtag noch nicht gesehen.«

»Ich auch nicht,« meinte der strohblonde Augustin und legte nun Schlingen, wo und wie er nur immer konnte.

Anfangs wollte garnichts hineingehen, aber plötzlich sollte es glücken, dank der trefflichen Maschen, die die Botenkuni mit geübten Fingern zu knüpfen wußte.

Dies wackere Mädchen mit krummen Beinen, stumpfer Nase und faltigem Kropfe wohnte gerade zwischen dem Häuschen des brennroten Kilian und dem Häuschen des strohblonden Augustin. Von der sittlichen Weltordnung wußte sie ebenso viel wie ihre beiden Nachbarn, trotzdem sie alle vierzehn Tage aus dem Dorfe herauskam und im nächsten Marktflecken Lebensmittel und Post holte. So guckte sie denn bald dem strohblonden Augustin, bald dem brennroten Kilian in die Fenster, bis eines Abends die beiden Burschen um sie herum hockten wie um einen Ofen, der behagliche Wärme verbreitet. Da schlang sie Masche an Masche beim Scheine des Herdfeuers, und ihre Verehrer fingen nun ein Reh um das andere.

Der strohblonde Augustin drehte den Tierchen die Hälse um, daß es schon eine Freude war, und der brennrote Kilian konnte der Botenkuni garnicht genug erzählen von der zunehmenden Geschicklichkeit seines Freundes.

Lächelnd nickte die Botenkuni und sang mit schmelzender Stimme so sehnsüchtige Lieder, daß der strohblonde Augustin wie ein Schloßhund heulte, der drei Tage nichts mehr zu fressen bekommen hat.

Auch der brennrote Kilian hatte kaum widerstehen können, und je ergriffener die Burschen zuhörten, um so runder, um so fetter wurde die Kuni von dem vielen, vielen Singen.

»Es waren doch wonnige Stunden,« sagte der brennrote Kilian träumerisch, wenn er heute noch eine jener wohlbekannten Melodieen in trauter Erinnerung vor sich hinsummte, und dabei einem Delinquenten gerade den Bauch aufschnitt. »Ja, es waren doch wonnige Stunden, und es ist eigentlich schade, daß sie für immer dahin sind.«

»Wer ist denn schuld daran?« fragte der strohblonde Augustin. »Nur der elende Kilian selber. Er hat uns verraten, wie er mich mit dem Gockel verraten hat, und wenn er das vielleicht gar nicht mehr wissen sollte, dann bin ich gerne bereit, seinem schlechten Gedächtnis ein bischen aufzuhelfen.«

Er kannte die Sache nämlich noch sehr genau, vom Anfang bis zum Ende.

An einem milden Herbstabend hatten sie wieder zu dritt beisammen gesessen, so behaglich wie immer, als plötzlich die Thüre aufging und ein Grünrock mit einem Landgendarm hereinkam.

Sehr erschrocken sprangen der brennrote Kilian und die Botenkuni empor, der strohblonde Augustin aber blieb sitzen und schaute im Vollbesitze seines guten Gewissens auf die ungebetenen Gäste, die sich lächelnd anstießen:

»Da steckt ja das würdige Kleeblatt . . . . haben wir euch endlich? . . : . nun wartet, jetzt geht's in die Stadt hinein . . . . vorwärts marsch!«

»Ist denn die ganze Welt wieder einmal verrückt geworden?« fragte ich der strohblonde Augustin, als er nun auf einmal an Händen und Füßen mit festen Stricken gefesselt wurde.

Aber seines Staunens sollte kein Ende werden, denn noch in selber Nacht wurde er samt der Botenkuni und dem brennroten Kilian auf einen Karren geladen, der immerzu rollte, ohne Unterbrechung in unbekannte Fernen und Länder. Wie ein Kalb lag der strohblonde Augustin neben seinen Leidensgenossen. Er sah nichts, als hoch über sich die ragenden Berge, und als die allmählich kleiner und kleiner wurden, da sah er nur noch den Himmel und meinte, es müßte jetzt direkt zu Gott Vater hinaufgehen, den er in seiner Verzweiflung beständig um Hilfe beschwor.

Der himmlische Vater schaute auch richtig werden aus den Wolken herunter, aber er machte ein sonderbares Gesicht und fand es nicht angezeigt, den Pferden in die Zügel zu fallen.

»'s ist zum Verzweifeln,« stöhnte der Augustin.

»Halt' doch dein Maul, du machst einen ja ganz desperat,« sagte der brennrote Kilian, und die Botenkuni wimmerte kläglich, sie möchten doch beide vor den Richtern auf die Ehre und Unschuld eines armen Mädchens Bedacht nehmen.

»Was heißt da Bedacht nehmen?« ächzte der Kilian. »Wir müssen schauen, daß wir uns herauswinden, jeder für sich, so gut es geht.«

Und er fing zu jammern an über sein Unglück, in das er schuldlos geraten war.

Das ärgerte den strohblonden Augustin, und er wandte sein Gesicht mit großer Anstrengung zu der dicken Botenkuni hinüber.

»Sei nur ruhig!« lispelte er. »Ich sage nichts von dir.«

»Du guter Augustin,« schmeichelte die Kuni, »ich hab' dich auch immer besonders lieb gehabt und will dich lieben bis an mein seliges Ende.«

»Eine Verlobung auf dem Schinderkarren,« höhnte der Kilian. »Du bist mir eine nette Person, du saubere Botenkuni. Oh, wären mir nur nicht Hände und Füße gebunden, ich wollte eurem verdammten Liebesgetändel ein grausames Ende bereiten.«

Und er spuckte auf gut Glück in die Luft, bis ihm die Kehle so trocken war, wie im glühendsten Hochsommer.

Botenkuni und der strohblonde Augustin aber grüßten sich zu, als gute Freunde, die sich für immer gefunden haben.

Zwei Tage ging das langsam so fort, am dritten aber ließ der Kutscher plötzlich die Peitsche knallen, und nun stolperte der Wagen mit lautem Gepolter über rundliche Steine hinweg, daß den gefesselten Fahrgästen Magen und Därme nur so durcheinander geworfen wurden.

»Gott, Vater, erbarme dich meiner,« stöhnte der brennrote Kilian, der immer kleinlauter wurde, je länger die Fahrt dauerte.

Der strohblonde Augustin hingegen sagte garnichts, sondern schaute und schaute. Er sah seltsame Dinge aus der Erde wachsen, Häuser, die zehnmal so hoch waren als die Schenke im Dorfe, Türme, die bin in den Himmel reichten, und Wagen, so prächtig, daß der Herrgott selber drin herumfahren konnte.

Und gar die Menschen! Erst glaubte der strohblonde Augustin, die vier Herren wiederzusehen, die alle Jahre in die Einöde kamen, aber gleich darauf sah er sie wieder, dann sah er sie noch einmal, und schließlich waren ihrer so viele, als die höchsten Zahlen betrugen, die der Herr Expositus je in der Schule an die schwarze Tafel geschrieben hatte.

Alle scherzten mit vornehmen Frauenzimmern und gingen neben dem Wagen einher bis zu einem großen, weiten Platze, wo der strohblonde Augustin wieder einmal meinte, daß die ganze Welt verrückt geworden sei.

Da drehte sich alles im Kreise, auf Schaukeln, auf Rutschbahnen, auf blechernen Pferden und hölzernen Schwänen, da wiesen buntgekleidete Männer und Frauen mit hohen Stöcken auf seltsame Bilder, und dazwischen schwirrte es nur so durcheinander von Glocken, Pfeifen, Trompeten und Drehorgeln, daß es dem strohblonden Augustin beinahe das Trommelfell zerriß.

»Das ist die Menschheit,« stöhnte der Kilian, »weh uns, daß wir in ihre Hände gefallen sind.«

»Warum wehe uns?« fragte sich der Augustin, der die Menschheit äußerst vergnüglich fand.

Er hätte sie gerne ein bischen genauer angesehen, aber plötzlich hielt der Wagen vor einem ungeheuren Gebäude, vor dem Soldaten in hohen Tschakos und weißen Bandelieren ihre Schießprügel spazieren trugen, so ernst, so gravitätisch und gemessen, wie sie der Augustin schon in Bilderbüchern gesehen hatte.

Leider störte das Geschrei des brennroten Kilian, der jetzt gänzlich verzweifelt war, die ruhige Betrachtung.

»Ich will alles gestehen, ich will alles bereuen,« jammerte er.

Der strohblonde Augustin aber jammerte gar nicht, sondern ließ sich ganz geduldig die langen Gänge forttragen, immer weiter, immer weiter in ein tiefes, finstres Loch, wo er Morgen und Abend nicht unterscheiden und die Fülle der neuen Eindrücke mit Muße verarbeiten konnte.

Wenn er sich heute diese Stunden vergegenwärtigte, dann konnte er sehr bitter werden, der strohblonde Augustin.

»Wasser und Brot hat's gegeben,« brummte er, »und mein einziger Zeitvertreib bestand darin, daß ich den Ratten und Mäusen ein bischen die Hälse verdreht habe.«

Möglich, daß er das alles geduldig ertragen hätte, wenn nicht zu dem Elend das verächtliche Benehmen des brennroten Kilian gekommen wäre, das er niemals verzeihen konnte.

Er hatte sich's in dem dumpfen Loche schon ganz behaglich eingerichtet und dachte an die lustige Menschheit mit den Schaukeln und Drehorgeln, die ihm zu gut gefallen hatte, da wurde er auf einmal wieder ans Tageslicht gezerrt und trepp auf und trepp ab geschoben. Als er aber die schmerzenden Augen verrieb und sich langsam an die Helle gewöhnte, da befand er sich in einem mächtigen Tonnengewölbe, und neben ihm kniete mit käsefarbenem Gesichte die weinende Botenkuni.

»Wo ist denn der brennrote Kilian?« fragte der Bursche.

Auch der war zugegen, aber er kniete nicht auf der Erde, that auch gar nicht mehr so verzweifelt wie bei der Einlieferung, sondern ging mit lächelndem Gesichte herum und machte tiefe Bücklinge vor zwei würdigen Herren mit glattrasierten Gesichtern, in schwarzen Talaren und weißen Perücken.

Der strohblonde Augustin kannte sich noch immer nicht aus und sah sich genauer um in dem modrigen Raume. Wunderliche Dinge erblickte er da.

Von der weißgetünchten Decke hingen schwere Eisenketten mit wahren Kanonenkugeln, rings an den Säulen standen bequeme Sessel mit spitzen Nägeln auf Sitzen und Lehnen; verschiedene Werkzeuge, wie Schrauben, Bohrer und Beißzangen hingen an den Wänden herum, während eiserne Räucherbecken auf dem Boden bläuliche Wolken zur Decke sandten, und närrische Fratzengesichter mit stachligen Halskrausen aus Nischen und Ecken hervorgrinsten.

Einige Schritte ging der strohblonde Augustin zum brennroten Kilian.

»Was ist denn das?« fragte er gedehnt und deutete auf die sonderbaren Instrumente.

Der brennrote Kilian machte eine wichtige Miene.

»Das ist die sittliche Weltordnung,« sagte er nachdrücklich.

»Die sittliche Weltordnung?«

Mit höchstem Erstaunen blickte der strohblonde Augustin die Wände hinauf und hinunter – er hatte sich die Sache ganz anders vorgestellt.

»Also hatte der Pfarrer doch recht?« begann er nach langer Pause.

»Freilich hatte er recht,« lachte der Kilian, »und wenn du dich jetzt nur noch einen Augenblick geduldest, dann sollst du mit der sittlichen Weltordnung gleich nähere Bekanntschaft machen.«

Mit abermaliger Verbeugung wandte er sich zu den beiden Herren, die unter dem schwarzen Talare je einen Schmerbauch herbeitrugen, noch dicker als jener der jammernden Botenkuni.

»Hochgebietender Herr Bürgermeister, hochgelehrter Herr Doktor! Was verordnen Sie?«

Schmunzelnd wandten sich die Herren die roten Gesichter zu:

»Ich denke, wir geben dem Burschen mal die Daumenschrauben,« sagte der eine.

»Vortrefflicher Einfall,« sagte der andre, »und das verstockte Frauenzimmer, das so aufgedunsen ist wie eine Dampfnudel, könnt Ihr der Abwechslung halber ein bischen auf die Bratpfanne setzen.«

»Das giebt ein Fest, noch fideler als Kirchweih und Vogelwiese,« lachte der brennrote Kilian und legte dem strohblonden Augustin die Eisen auf die Fingernägel.

»Ist denn die ganze Welt wieder einmal verrückt geworden?« fragte der Bursche.

Der brennrote Kilian aber lachte noch stärker als zuvor und sah dem strohblonden Augustin tief in die Augen:

»Siehst du, mein Junge, nun sollst du mir sagen, ob du ein schweres Unrecht zu fassen vermagst, und ob du's von ganzem Herzen redlich bereuen willst, wie sich's für einen wackren armen Sünder gebührt, der sich drüben die ewige Seligkeit erhofft.«

»Ich habe nichts zu bereuen,« sagte der strohblonde Augustin, »und es sollte mir leid thun, wenn Gott Vater im Himmel die Erteilung der ewigen Seligkeit von so etwas abhängig machen wollte.«

»Ich rate dir gut,« sagte sein ehemaliger Spielgenosse, »denn, wenn du jetzt nicht auf der Stelle Vernunft annimmst, dann ziehe ich mit hoher Genehmigung des Herrn Bürgermeisters und des Herrn Doktors die sittliche Weltordnung zusammen. Siehst du, so!«

»Au, au, au,« schrie der strohblonde Augustin, »du elendere Kilian, du hast doch auch gejagt und dasselbe begangen wie ich. Wie kommst du jetzt auf einmal dazu, mich zu peinigen?«

»Das will ich dir erklären,« wisperte der brennrote Kilian. »Ich habe mich mit der sittlichen Weltordnung in allen Ehren versöhnt und bin heute in ihre Dienste getreten.«

Der strohblonde Augustin wollte für immer seiner angebeteten Botenkuni entsagen, wenn er von diesem Gefasel ein einziges Wort verstand.

»Besinne dich nur,« mahnte der brennrote Kilian. »Ich konnte doch von jeher so prächtig Blut vertragen, ich konnte immer häuten und stechen, was man nur wollte, und da die hohe Regierung diese trefflichen Eigenschaften gebührend zu würdigen geruhte, soll ich den alten Herrn Scharfrichter ersetzen, um an seiner Stelle die verstockten Sünder alle so kräftig zu zwicken, wie ich dich jetzt zwicke.«

»So soll dich und deine sittliche Weltordnung auf der Stelle der Teufel holen,« tobte der strohblonde Augustin unter Höllenqualen. »Ich will ein ehrlicher Kerl bleiben.«

Der brennrote Kilian löste die Schrauben und sah fragend auf den Herrn Doktor, der dem Delinquenten bedächtig den Puls fühlte.

»Dann müssen wir es mal mit was anderem probieren, denn es wäre schade, wenn der strohblonde Augustin nicht bald zur Überzeugung käme, daß die sittliche Weltordnung im Grunde doch ein recht heilsames Ding ist.«

Und weil der Doktor zustimmend nickte, legte der brennrote Kilian den schweren Verbrecher auf die Streckbank und dehnte ihm die Glieder auseinander, daß der strohblonde Augustin mit hörbarem Rucke in die Länge schoß und alle seine Mitmenschen um einen guten Kopf überragte.

»Wenn du dir nicht vielleicht zu groß vorkommst,« sagte er brennrote Kilian und griff nach der Säge, »die sittliche Weltordnung kann dich auch werden nach Belieben kürzer machen.«

»Eher mußt du mich schon in Stücke zerschneiden,« schäumte der strohblonde Augustin, »ehe ich dir eingestehe, daß ich ein Unrecht begangen habe.«

»Dann sollte man dir wohl gar mit einem glühenden Eisen den Star stechen?« forschte der brennrote Kilian. »Was meint der Herr Doktor?«

Der Herr im schwarzen Talare griff nachdenklich an die Nase.

»Ein merkwürdiger Fall,« sagte er und fuhr mit beiden Daumen dem strohblonden Augustin am Kopf hinauf und hinunter. Dann horchte er lange am Herzen, beklopfte Bauch und Rücken, als ob er ein Zimmermann wäre und ließ sich auch noch die Zunge zeigen.

»Da ist nichts zu machen,« brummte er. »Dem strohblonden Augustin fehlt das Organ für die sittliche Weltordnung.«

»Könnte man's ihm nicht eintreiben?« fragte der brennrote Kilian wieder, indem er Nägel und Hammer herbeiholte.

»Wird schwer halten,« meinte der Doktor, »so einen tappigen Kerl läßt man am besten wieder laufen.«

»Thut das nicht,« warnte das würdige Stadtoberhaupt. »Wir erwischen so selten einen Spitzbuben, daß wir ihn schon deswegen behalten sollten.«

»Thut das nicht,« warnte auch der Kilian, »es könnte euch einmal gereuen.«

»Hä, hä, hä,« grinste der Doktor, »ich werde mir doch nicht in die hohe Wissenschaft pfuschen lassen, und wenn's zehnmal der Herr Bürgermeister wäre, oder der Scharfrichter.«

Schweren Herzens löste der brennrote Kilian die Ketten des strohblonden Augustin.

»Na, so geh,« sagte er grimmig, »aber die Botenkuni, die will ich wenigstens hier behalten und will sie durch die sittliche Weltordnung zu meinem braven, ehelichen Weibe erziehen, auf daß sie mir Braten und Suppe kocht und stattliche Kinder gebiert.«

»Dich werd' ich wohl heiraten, du schlechter Kerl,« eiferte die Botenkuni. »Ich geh' mit dem strohblonden Augustin, von dir aber will ich gar nichts mehr wissen.«

Der brennrote Kilian lächelte sehr verschmitzt. Er war ein energischer Brautwerber, der sich auf die erste Weigerung nicht abschrecken ließ. Darum schloß er die rundliche Kuni mit brünstigen Empfindungen in seine Arme und hob sie mit sanfter Bewegung auf die glühende Bratpfanne.

»Willst du mein Weib sein?« fragte er, so zärtlich er konnte.

Und die Botenkuni vergaß ihren Starrsinn und gab ihm unter fürchterlichem Gebrüll das Jawort fürs Leben.

»Du hast gewählt!« jauchzte der Kilian. »Nun komm wieder herunter, und wenn ich den hundertsten Verbrecher ins Jenseits befördert habe, dann wollen wir Hochzeit halten auf meine feste Anstellung, wie es Brauch und Sitte bei rechtschaffenen Scharfrichterseheleuten.«

Der strohblonde Augustin führte heute noch die sonderbarsten Dinge auf, wenn er sich diese schrecklichen Stunden vergegenwärtigte. Gedachte er der eigenen Qualen, dann schleckte er zur nachträglichen Linderung die gefolterten Daumen ab, wie ein Händchen die Pfoten, gedachte er der geliebten Botenkuni, dann legte er voll innigen Mitgefühls beide Hände erst auf den Bauch, dann auf den rundesten Teil seines Körpers, gedachte er aber der sittlichen Weltordnung, dann drehte er am liebsten gleich ein paar Leuten den Hals um und hielt ein vertrautes Zwiegespräch mit Gott Vater im Himmel, der wieder mit höchst eigentümlichem Gesichte aus den Wolken herunterschaute.

»Diese Menschheit! Diese elende Menschheit!«

Übel genug hatte sie ihm mitgespielt im Verließ und in der Folterkammer, übel genug spielte sie ihm mit, als er mit verrenkten Gliedern wieder entlassen wurde.

Da stand er nun vor dem ungeheuren Hause, in der fremden Stadt, auf dem harten Pflaster, und glotzte die langen Straßen hinunter.

»O, du miserabler brennroter Kilian,« stöhnte er, »aber wart' nur, ich schaffe mir jetzt eine eigene sittliche Weltordnung an, dann hol' ich dich und spiel' dir auf, wie du mir aufgespielt hast.«

»Immer zu!« antwortete der brennrote Kilian vom Fenster herunter. »Aber so eine sittliche Weltordnung kostet mehr Geld, als du in der Tasche hast, und außerdem brauchst du auch noch die hohe, obrigkeitliche Bewilligung, ohne die selbst bekanntlich keine sittliche Weltordnung giebt.«

»Und wenn ich keinen roten Heller in der Tasche habe und keine obrigkeitliche Bewilligung,« tobte der strohblonde Augustin, »ich schaff' mir's doch an, und Gott Vater im Himmel und die Menschheit auf Erden sollen mir dazu verhelfen.«

Damit ging er fest entschlossen in jene Richtung, aus der der wohlbekannte Spektakel drang. Seine lange Nase führte ihn trefflich, denn in die weitgeöffneten Flügel zogen mit einemmale die schmackhaften Düfte gebratener Würste und Heringe, die den strohblonden Augustin immer weiter lockten, bis er richtig auf jenem Platze herumging, wo es ihm bei der Herfahrt schon so trefflich gefallen hatte.

Kaum aber hatte er die Wunderdinge besichtigt, da tönte es plötzlich von allen Seiten:

»Schaut den langen Kerl an mit den dürren Beinen, das muß ein Riese sein, der aus einer Bude ausgekommen ist.«

»Um so besser,« riefen andre, »da braucht man kein Eintrittsgeld zu bezahlen, man sieht ihn gratis.«

Erst allmählich merkte der strohblonde Augustin, daß diese Rufe keinem anderen als ihm galten.

»Richtig,« sagte er sich, »mich haben sie ja um einen Kopf länger gemacht.«

Bei dieser Entdeckung kam er sich als sehr bedeutende Person vor und wandte sich mit freundlichem Gesichte zu der gaffenden Menge:

»Ich bin kein Riese von Geburt, ihr lieben Leute, sondern komme direkt von der Malefizbank herunter.«

»Ah, oh, eh, wie merkwürdig,« riefen die Leute, »da bist du aber wohl tüchtig geschunden worden?«

»Das könnt ihr euch denken,« sagte der Augustin. »Der brennrote Kilian hat mich in die Länge gezogen wie eine Schweinsblase. Und wißt ihr, warum? Weil ich kein Organ für die sittliche Weltordnung habe.«

Er hatte gesprochen und meinte, die Leute müßten jetzt alle sehr entrüstet auffahren, aber sie thaten gar nicht dergleichen, sondern lachten nur und mehrten sich indessen um ihn, wie die Flöhe zur Winterszeit in der warmen Bettlade.

»Habt ihr's gehört?« ging es durch die Reihen. »Ihm fehlt das Organ für die sittliche Weltordnung.«

Unwillig drehte sich der Augustin im Kreise herum. Die Leute da sahen so fett, so wohlgenährt aus, sie hielten Maßkrüge in den Händen und führten gesalzene Brezeln zum Munde, um seinen Jammer aber kümmerte sich keiner.

»Wenn ihr nichts anderes thun könnt als gaffen, dann schert euch von dannen, oder gebt mir wenigstens was zu fressen, ich habe Hunger.«

»So ein Tagedieb,« kicherten die Menschen. »Merk dir's, zu essen bekommt man nur dann, wenn man eine Börse voll Geld hat, oder wenn man arbeitet von früh bis zum Abend.«

»So sagt mir doch, was ich arbeiten soll?« rief der strohblonde Augustin, dessen Magen zu zwicken begann wie die Daumenschrauben der sittlichen Weltordnung.

Die Leute lachten wieder:

»Ist das unsere Sache? Das muß ein jeder selber wissen, und wenn du nicht verhungern willst, dann mußt du dich ebenso plagen, wie wir uns alle plagen und schinden müssen.«

Und sie hoben wieder die Maßkrüge und bissen in die Brezeln hinein.

Dem strohblonden Augustin war das Weinen näher wie das Lachen.

»Laßt mich doch wenigstens auf einem Karussel herumfahren,« jammerte er.

»Ein Vergnügen will er auch noch! Ist das nicht eine Niederträchtigkeit?«

So höhnte die Menge, und der strohblonde Augustin war drauf und dran, an ihr zu verzweifeln, als sich gerade noch ein guter Kerl fand, der ihm den Glauben zur rechten Stunde noch wieder gab. Dieser treuherzige Geselle war ein verkrüppelter Knirps mit schwarzen Haaren und bleicher Gesichtsfarbe.

»Komm mit mir,« sagte er, »du sollst ein Vergnügen haben und sollst auch zu essen bekommen.«

Der strohblonde Augustin wußte noch nicht, was das zu bedeuten hatte.

Er wanderte gehorsam mit, die lange Budenstraße hinunter, und wo er hinkam, erhob sich ein überschäumender Jubel.

»Aufgepaßt!« schrie der Knirps. »Aufgepaßt, jung und alt, hoch und niedrig!«

Mit lautem Gebrüll antwortete die Menschheit, und alles drängte sich zu dem neuesten Weltwunder, dem strohblonden Augustin. Da grüßten ihn die Riesenweiber, dort warfen die Jongleure ihre Kugeln in die Höhe, die Zauberkünstler winkten ihm zu, und die Jungfrauen aus den Schießbuden und Wirtschaften warfen verschämte Blicke nach ihm, während die Affen, die Elefanten, die Kakadus und die Löwen munter dazwischen heulten.

»Immer herbeispaziert, meine Herrschaften, immer herbeispaziert,« jauchzte der Knirps.

»Ich kenne mich nicht mehr aus,« jammerte der Augustin.

Hinter ihm tollten die Leute, und vor ihm stolzierte der Zwerg mit einem langen Stocke, indem er ein Gedicht zum besten gab, das er mit gellender Stimme hinausschrie:

»Ihr lieben Leute, schaut wohl hin:
Das ist der strohblonde Augustin,
Ein ganz verkomm'ner, schlechter Lump,
Lebt nur von Gaunerei und Pump.
Drum, lieben Leute, schaut wohl her,
Er kommt grad' von der Folter schwer.
Dort hat man tüchtig ihn gestreckt,
Weil man mit Abscheu hat entdeckt,
Daß für die Ordnung dieser Welt
Ihm das Organ im Bauche fehlt.
Sagt selbst, ist das nicht int'ressant?
Drum öffnet schnell die Spenderhand,
Und zahlt herein in diesen Teller
Pro Mann und Weiblein dreizehn Heller!«

»Ein munt'rer Bursche,« riefen die Leute, die sich nicht satt sehen konnten.

»Ein munt'rer Bursche,« dachte der Augustin, dem jetzt langsam ein Licht aufging, als er die Geldstücke fliegen sah.

»Wann bekomme ich denn meinen Braten?« fragte er.

»Du gefräßiger Kerl,« antwortete der Knirps, »erst wollen wir noch mehr verdienen.«

Wieder stimmte er sein seltsames Lied an und führte ihn fort, immer tiefer und tiefer ins Menschengewühl.

»Wenn mich jetzt die Botenkuni sehen könnte,« seufzte der strohblonde Augustin, »sie hätte sicher ihre Freude daran, aber die Ärmste ist in den Händen dieses Schurken, des brennroten Kilian, sie muß sein Weib werden, sie muß ihm Kinder gebären. Oh, Schimpf und Schande, es ist eben nichts vollkommen auf dieser Welt.«

»Mach' nur kein so trauriges Gesicht,« kläffte der Knirps, »sondern schau lustig drein, die Herrschaften werden sonst untreu. Also lustig, immer lustig.«

Da sperrte der strohblonde Augustin das Maul auf, daß ihm die Türmer bis in den Magen schauen konnten, und nun wurde die Menschheit auf einmal freigebig. Sie zeigte nach ihm wie nach einem Raubtier, Das zur Fütterung geführt wird, und warf ihm Nußschalen, Käserinden und Rettichfetzen unter lautem Gelächter in den Schlund hinab.

»Siehst du, das hast du alles nur mir zu verdanken,« sagte der Knirps. »Und nun sollst du neben dieser köstlichen Mahlzeit auch dein Vergnügen haben, wie dir's versprochen war.«

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.