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Wallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten

Josef Ruederer: Wallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten
authorJosef Ruederer
year1899
publisherGeorg Bondi Verlag
addressBerlin
titleWallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten
pages3-256
created20020423
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
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»Übrigens kann mir's ja wurscht sein,« brummte der Maëstro eines Tages, indem er nach langer Pause wieder die Pinsel ergriff.

Er wollte arbeiten, tüchtig arbeiten, womöglich ein großes Figurenbild, das wieder so auffallen sollte, wie seine Kreuzabnahme. Aber, wie er es auch anfing, es wollte ihm nichts von der Hand gehen. Alle möglichen Entwürfe wälzte er durch den Kopf, zu keinem konnte er sich entschließen.

»'s ist ein Elend,« seufzte er verstimmt.

Und er trug seinen Kummer spazieren mitten in leichten Frühlingstoiletten und lachenden Gesichtern. Langsam schritt er die Straße hinunter und traf ihn zufällig das Auge eines Vorübergehenden, dann sah er zu Boden, als suche er ein verlorenes Geldstück. Was musterten denn diese Leute immer sein Gesicht, was musterten sie seinen Anzug? Er blickte doch auch keinen andern an, sondern ging ruhig seines Weges, wenn es ihn auch mehr wie einmal gereizt hätte, den glänzenden Cylinder eines Stutzers einzutreiben oder einem lachenden Frauenzimmer die Schleppe des seidenen Kleides herunter zu treten. Alle die Laffen ärgerten ihn, denn er sah gar nicht ein, was die Menschen für einen Grund hatten, sich besonders zu freuen. Dieses Leben bedeutete ein elendes Dasein voll ewiger Enttäuschungen, und war es jetzt schon erbärmlich, wie mochte es für ihn erst in Zukunft werden, wenn er sich immer so weiter fretten mußte mit der bescheidenen Rente seines Vermögens und ohne Aussicht auf jemaligen Absatz seiner zahllosen Werke?

»O, meine nichtsnutzigen Bilder!« brummte er.

Am liebsten wollte er sie heute noch dem Trödler verehren, aber er mußte ja fürchten, daß sie ihm der geschäftskundige Mann mit Hohnlachen zurückgeben könnte, weil er solch scheußliche Dinger nicht einmal geschenkt haben wollte. Und das war dann die Kunst! Der Maëstro lachte bitter über die hehre Göttin, der er zwanzig Jahre seines Lebens geweiht hatte. Die ganze Kunst war nichts anderes, als müßiger Zeitvertreib für reiche Protzen, und der Maëstro beneidete jeden Holzhauer, an dem er vorüberging, vor allem aber um seine Zufriedenheit. Ja, wer's verstanden hätte, wie der Muckl, wie der Gewerbe-Otto! Die bekamen bezahlt, was sie verlangten für ihre Arbeiten und für ihren guten Geschmack.

»Ihnen fehlt eben das Liebliche, das Gefällige, was die beiden haben,« hatte der Verstand schon öfters gesagt, und damit hatte er allerdings zwei Eigenschaften genannt, die seinem preisgekrönten Freunde nicht in die Wiege gelegt waren.

Zwar hatte sich der Maëstro schon die größte Mühe gegeben, bei festverschlossenen Thüren so was ähnliches herauszubringen, aber immer war es ein Zerrbild geworden, das eher den Gesichtern jener grotesken Karikaturen glich, die Karlchen zum Entsetzen seiner einstigen Lehrer so meisterhaft zeichnete.

»Dem geht's auch so wie mir,« seufzte der Maëstro, »nur mit dem Unterschied, daß er einen Alten von vielen Millionen hat, er kann leben und schaffen, wie er will, ich aber habe ein paar lumpige Groschen und kann elend verhungern.«

»Oder wenigstens verdursten,« fügte er grimmig bei, denn die Flasche stand bei ihm noch höher als sämtliche Kalbsbraten der Stadt.

Der furchtbare Gedanke, daß einmal der Tag kommen könnte, wo er nichts mehr zu trinken hätte, regte ihn dermaßen auf, daß er nahe daran war, so ein paar Tagediebe mit kräftigen Stößen in den Straßenkot zu rempeln, aber plötzlich drehte er auf dem Absatz um, wie ein Spitzbube, der sich vom Schutzmann entdeckt sieht.

»Das ist mein Verstand gewesen, ganz sicher ist er's gewesen.«

Sofort hatte er ihn wieder erkannt, trotzdem er ein Frauenzimmer bei sich hatte und einen schwarzen Vollbart trug wie der duldende Nazarener.

»Aber, Maëstro, warum laufen Sie denn schon wieder davon?« tönte es jetzt hinter ihm.

Eigentlich war der Maëstro gerade daran, sich dieselbe Frage vorzulegen. Und weil er fand, daß er wahrhaftig keine Ursache zum ausreißen hatte, blieb er stehen, indem er sein geängstigtes Gesicht seinem Verstande zudrehte:

»Sie sind doch in Gesellschaft,« sagte er zögernd.

»Ach was, die Dame kann warten.«

»Ist das nicht Ihre ehemalige Tischnachbarin?« fragte der Maëstro sehr leise.

Sein Verstand that wieder so geheimnisvoll wie an jenem Abend.

»Also mit so etwas treiben Sie sich in den Ferien herum?« brummte der Maëstro. »Und mich lassen Sie sitzen?«

»Darüber reden wir morgen,« lachte der Student. »Ich muß Ihnen ohnehin viel erzählen.«

»Na, da kommen Sie und suche Sie endlich Ihr verlassenes Zimmer auf,« sagte der Maëstro. »Schauen Sie aber auch zu mir ins Atelier herüber.«

»Ob ich komme!« rief der Student und gab ihm die Hand.

Der Maëstro hielt sie einen Augenblick fest.

»Was doch für Sachen passieren auf der Welt,« sagte er langsam. »Ich treffe Sie da so zufällig, und im selben Augenblick, wieder ich Ihren neuen Vollbart sehe, kommt mir eine großartige Idee.«

»Was für eine Idee?«

»Ich will Sie als Christus malen.«

»Soll mir angenehm sein,« sagte der Student und empfahl sich.

Der Maëstro aber stolzierte nach Hause, summend wie eine Biene, und hatte in wenigen Stunden den ganzen Entwurf einer großen Kreuzigungsgruppe vollendet.

»Das soll mir der Muckl oder der Gewerbe-Otto nachmalen,« lachte er zufrieden.

In der Kneipe beschloß er den aufregenden Tag bei einigen Flaschen Champagner, denn, wenn's auch nicht viel war, was er jährliches Einkommen hatte, die paar lumpigen Pullen konnte es immer noch decken. Das wußte der Maëstro als guter Haushalter, der noch niemals gepumpt hatte und darauf sehr stolz war.

»Du mußt vergnügt sein, Karlchen,« sagte er, »nicht immer so borstig dahocken.«

Karlchen aber war gar nicht vergnügt. Er hatte an den Alten geschrieben, daß er Peperl heiraten wolle und statt der erhofften Zustimmung eine beleidigende Antwort erhalten.

»Nun ist mir alles wurscht,« sagte er schnodderig.

»Na, na, na,« brummte der Maëstro, und er erzählte von den romantischen Umständen, unter denen er seinen Verstand wiedergefunden habe.

»Wie der Kerl zu diesen Weibern kommt, ist mir ein Rätsel. Wenn ich mir vorstelle, ich sollte so etwas probieren . . . .«

Je ungeheuerlicher ihm dieser wahnwitzige Gedanke erschien, um so stärker bewunderte er seinen glücklichen Verstand, der so etwas spielend zu Weg brachte.

»Na, denken Sie noch immer wie damals?« fragte er ihn am andern Tage, nachdem der erste Redeschwall erschöpft war.

»Über was denn?«

»Über den schlimmen Richard den Dritten und die Anna?«

Der Student verschränkte die Arme und hob langsam den Kopf, als blicke er zurück in ungemessene Fernen:

»Wahrhaftig. In dem Falle mögen Sie Recht behalten. Ich habe doch möglicherweise die Schnelligkeit unterschätzt, mit der man Erfolge bei Frauen erringen kann.«

Er sprach gemessener als sonst, mit einem gewissen Ernst, der ihm gut zu dem dunklen Vollbart stand.

»Sehen Sie wohl,« schmunzelte der Maëstro, »der olle Shakespeare ist doch nicht so übel.«

»Ach, man schwatzt manchmal dummes Zeug, wenn man noch jung und bekneipt ist,« antwortete der Student wie zur Entschuldigung. »Jetzt soll es schon anders werden.«

»Na, warum denn?« fragte der Maëstro. »Das war ja gerade so fidel an Ihnen.«

»Schweigen wir davon,« sagte der Student. »Ich dachte zu verächtlich von Bildung und Wissenschaft. Nun aber habe ich eine starke, innere Wandlung durchgemacht.«

Das merkte jetzt auch der Maëstro.

»Was wollen Sie denn thun?« fragte er ganz kleinlaut.

Der Student durchmaß mit großen Schritten das Zimmer.

»Ich will umsatteln . . . . ich will Litterarhistoriker werden.«

»Ich meinte immer, Dichter wollten Sie werden?«

»Selbstredend, aber ohne die richtige Grundlage kann ich's im ganzen Leben zu keiner wirklichen Bedeutung bringen.«

»Hat Ihnen das der weise Professor in den Kopf gesetzt?«

Der Student lächelte:

»Ach, Maëstro, für solche Dinge fehlt Ihnen ja doch jeder Verstand.«

Mit leichtem Brummen gab sich der Maëstro wieder zufrieden und griff nach Pinsel und Palette, um ihn richtig als Christus zu malen. Ihm zu Füßen setzte er die Schlickenrieder Nanni als büßende Magdalena, rechts vom Kreuze die alte Hauswirtin als Muttergottes und links den Lockspitzel als den Jünger Johannes.

»Fehlt nur noch, daß ich den Muckl und den Gewerbe-Otto als Schächer verwende,« brummte er.

Der Gewerbe-Otto hätte wohl seine rote Nase dazu geliehen, weil ihm so 'was Vergnügen machte, Muckl aber wäre unter gar keinen Umständen bereit gewesen, sich auf einem Bilde mit dem Studenten verewigen zu lassen, dem er sogar schon in der Kneipe auszuweichen begann.

»Daß du den Posenfatzke überhaupt malen magst,« sagte er. »Der ist doch noch viel greulicher geworden, seitdem er zurückgekehrt ist.«

Natürlich ließ sich der Maëstro dadurch nicht abhalten, sondern schuftete, was das Zeug hielt, einen Tag nach dem andern. Es gab lustige Sitzungen in dem alten Atelier, denn Lockspitzel brachte außer seinem Mädel auch noch Champagner mit, nur der Verstand vergaß manchmal seine neue Wissenschaft, wenn unter ihm die Schlickenrieder Nanni ihre vollen Brüste entfaltete.

Das Mädchen aber fühlte sich ganz als büßende Magdalena und wollte von einem Sündenfall mit dem Studenten nichts wissen.

»Na, ich denke immer, Sie haben viel bessere Ware?« sagte der Maëstro zu seinem Verstande.

»Trotzdem bin ich kein Kostverächter, wie Sie glauben.«

»Und was würden wohl Ihre feinen Damen dazu sagen?«`

»Alles zu seiner Zeit und an seinem Orte,« lachte der Student.

Der Maëstro begriff es immer noch nicht. Erst neulich hatte er seinen Verstand wieder auf der Straße ertappt, diesmal mit einem noch schöneren Frauenzimmer.

»Ein toller Kerl,« hatte er kopfschüttelnd gesagt, und er war froh, daß er wenig spazieren ging, sonst hätte er vielleicht seinen Verstand alle Tage mit einem andern feinen Frauenzimmer begegnet, die ihm im Grunde doch furchtbar zuwider waren.

»Warum sind sie Ihnen denn gar so zuwider?« fragte der Student mit spöttischem Lächeln.

Freilich, das konnte der Maëstro selber nicht sagen.

»Also ist es weiter nichts als ein albernes Vorurteil,« sagte der Student, »um so mehr zu bedauern, als gerade Ihnen so ein Verkehr sehr nötig wäre.«

»Na, wieso?«

»Weil Sie dann jedenfalls bessere Bilder malen würden.«

»Male ich Sie vielleicht nicht schön genug, Herr Verstand?«

»Mich malen Sie ganz gut, aber im allgemeinen haben Sie viel zu wenig Geschmack.«

Der Maëstro wurde ein bischen unruhig.

»Das sollte ich nun eigentlich doch selber wissen.«

»Ei freilich,« lachte der Student, »aber wann hätten denn die Künstler je im Leben einen Begriff von den Forderungen der Kunst gehabt?«

Jetzt wußte es der Maëstro. Sein Verstand hatte es ihm wieder einmal so gründlich besorgt, daß er gar kein Wort zu erwidern versuchte, sondern seine bösen Gedanken im Stillen verarbeitete.

»Es geht nicht mehr länger mit ihm,« sagte er sich. »Ich male ihn nur noch als Christus fertig, weil er mir dafür gerade paßt, dann aber schmeiße ich den frechen Kerl ganz sicher zur Thüre hinaus.«

Der Student war unverändert in seiner Stellung am Kreuz geblieben.

»Wie gesagt, es liegt nur an den rohen Formen, die Sie immer vor Augen haben. Verkehren Sie mal mit wirklichen Damen von Geist und Erziehung, da wird Ihnen eine neue Welt aufgehen, und Sie werden auch bald ganz anders verdienen.«

»Wenn er doch Recht hätte?« fragte sich der Maëstro mit scheuem Mißtrauen. »Hinausgeworfen ist er gleich, aber drinnen ist er so bald nicht wieder.«

Deshalb fragte er de Studenten, wie man denn das mit so einem Verkehr mache.

»Nichts leichter als das,« war die fröhliche Antwort. »Ich führe Sie ein.«

»Soll ich, soll ich nicht?« zog es mit bangen Zweifeln durch den Kopf des Maëstro.

»Ich soll,« sagte er eines Tages, weil er nichts unversucht lassen wollte, um doch einmal auf einen grünen Zweig zu kommen.

So ließ er sich richtig einen neuen Anzug machen und wanderte mit ihm und seinem Verstande in jene geheimnisvollen Kreise, die er sein Lebelang ängstlich gemieden hatte.

Ein schrecklicher Kater begleitete ihn wieder nach Hause, ein Kater, wie er noch niemals einen solchen gesehen hatte. Das grausame Tierchen hüpfte ihm munter auf dem Leibe hinauf und ließ ihn auch am Morgen noch lange nicht locker, wo sich der Maëstro mit bösen Empfindungen aus seinem Bette wälzte. Wäre es Wein gewesen, Schnaps oder Bier, was ihm solche Beschwerden verursachte, aber darin bestand ja gerade die Niederträchtigkeit, daß die Bestie aus ganz anderen Stoffen erzeugt war, als aus den gewöhnlichen der Stammkneipe und der andern Lokale, wo der Maëstro zu trinken pflegte.

»Eine Gemeinheit! Eine Gemeinheit!« murmelte er.

Nur aus grauen Nebelschleiern dämmerte ihm die Erinnerung auf an die entsetzlichen Stunden, die er sich hilflos an den Wänden herumgedrückt hatte, ohne zu reden, ohne zu schauen. Erst hatte man eine Stunde lang auf den Marterkasten geklopft, zweihändig, vierhändig, dann mit einstimmigem, zweistimmigem und dreistimmigem Gesang. Dann hatte einer auf der Violine herumgekratzt, ein anderer auf dem Cello, ein dritter hatte die Flöte geblasen, und schließlich war dem Studenten ein Tischchen vor die Beine geschoben worden, auf dem er mit höchstem Pathos seinen neuen Einakter vorlas.

»Zerrissene Seelen« war die Schauersache benannt, und der Herr Professor, der auch diesmal fast ausschließlich das Wort führte, hatte es wieder sehr maßvoll und vornehm gefunden, wie die ganze hysterische Gesellschaft, die dem glücklichen Dichter frenetischen Beifall klatschte.

Zu essen aber hatte es fast gar nichts gegeben, außer einem belegten Brötchen, und zu trinken nur Leitungswasser und Thee.

»Hol' mich der Teufel,« stöhnte der Maëstro und wankte ohne langes Besinnen zur Thüre seines Nachbarn.

»Sie! he! Machen Sie auf, oder ich haue Ihnen die Thüre ein.«

»Na, zum Kuckuck, was wollen Sie denn?« schrie der Student.

»Ich will Ihnen nur sagen, daß ich Sie seit gestern Abend gründlich durchschaut habe.«

»Wieso denn?«

»Die ganze Geschichte ist Schwindel. Ihre angeblichen Erfolge bei den Weibern sind auch nichts als Schwindel, ich glaub' nicht daran, ich hab' überhaupt nie daran geglaubt, nie, nie, nie! So, und jetzt unterstehen Sie sich nicht, noch einmal einen Fuß auf meine Schwelle zu setzen.«

»Ganz wie Sie wollen,« rief der Student durch die Thüre. »Ich komme also nicht mehr und werde auch sogleich die Dame abbestellen.«

»Welche Dame?«

»Eine Dame, die sich gestern Abend ungemein für mein Porträt als Christus interessierte.«

»Na, was ist denn mit der Dame?« fragte der Maëstro sehr unruhig.

»Ach nichts! Sie wollte das Bild heute besichtigen und vielleicht auch kaufen.«

»Das kann sie ja immer noch,« meinte der Maëstro.

»Nein, die Sache ist jetzt erledigt, nachdem Sie mich einen Schwindler geheißen haben.«

»Wer wird denn gleich alles so schroff nehmen?«

»Ja, so bin ich nun 'mal,« antwortete der Student und ließ den Maëstro ein paar Stunden qualvoller Ungewißheit verleben.

Es wurde elf Uhr, zwölf Uhr und schon ging der Zeiger zur Verzweiflung des Maëstro langsam auf ein Uhr hinüber.

»Wenn ich mir diese Geschichte wieder verscherzt habe, dann kann ich mich selber aufhängen,« stöhnte der Maëstro.

Sein gütiges Schicksal verschonte ihn vor solcher Zwangsmaßregel, denn kaum waren zehn Minuten vergangen, da klopfte es endlich, und sein Verstand, der liebe, herzensgute Kerl, der doch nichts nachtragen konnte, kam mit der Dame richtig zur Thüre herein.

»Ich bin gerettet,« sagte der Maëstro zu sich selber.

Immer zweifelhafte, ob die beiden kämen oder nicht kämen, hatte er es doch für nötig erachtet, einige besonders schlimme Akte der Schlickenrieder Nanni beiseite zu schaffen und den verschiedenen Spinnen an Fenstern und Wänden mit rauhem Griffe die Wohnung zu kündigen. Nun stand er neben der Staffelei und machte eine Verbeugung, um die ihn ein Höfling beneiden konnte.

»Höchst interessant,« sagte der feine Besuch, der sich in diesem Raume seltsam genug ausnahm.

»Hm, hm!« sagte der Maëstro.

Er hatte in der Dame die Tischnachbarin seine Verstandes wiedererkannt, die er an dem Abend bei Muckl so schön gefunden hatte. Jetzt, wo er sie ganz in der Nähe sehen konnte, wollte sie ihm mit ihren zahlreichen Fältchen und der unreinen Gesichtsfarbe viel weniger gefallen als damals und gestern, wo sie bei der langweiligen Vorlesung kein Auge von dem Studenten gewandt hatte.

»Die hat geradeso ihre vierzig Jahre auf dem Buckel, wie ich selber,« dachte der Maëstro, und sein sonst so glücklicher Verstand erschien ihm in diesem Augenblicke nicht sonderlich beneidenswert.

»Wie gesagt, höchst interessant,« wiederholte die Dame, das Lorgnon vor den Augen. »Und was mich besonders freut, daß Sie den leidenden, schwärmerischen Zug unseres gemeinsamen Freundes so ausgezeichnet getroffen haben.«

Sie sah zärtlich zu dem Studenten empor, der ihr zunickte wie in tiefen Gedanken. Dann wandte sie sich wieder zum Maëstro:

»Dieser gebrochene Blick . . . . dieser namenlose Schmerz um etwas Verlorenes . . . . diese Entsagung . . . . ich, Sie haben aus seiner innersten Seele geschöpft.«

»Wenn sie nur das Bild kauft,« dachte der Maëstro, »dann kann sie meinetwegen noch ein paar Stunden so weiter schwatzen.

Und sie kaufte das Bild.

Ohne langes Feilschen bewilligte sie den ganzen Preis, den der Maëstro nur zögernd herausbrachte, dann ging sie wieder von dannen, indem sie noch freundlich ersuchte, ihr das Werk gleich nach der Vollendung ins Haus zu senden.

»Kommen Sie her,« schrie der Maëstro seinem Verstande zu. »Sie sind doch ein fideler Kerl.«

»Haben Sie je daran gezweifelt?« fragte der Student.

»Jawohl! Gestern Abend, als Sie diesen schauderhaften Mist vorgelesen haben,« antwortete der Maëstro.

Er war froh, daß er es wieder heraus hatte, denn das hatte er sagen müssen, trotz aller Dienste, die er dem Studenten verdankte.

»Na, Sie halten ja selber nichts davon,« fügte er hastig bei, als er in dem Gesichte des Studenten einen erstaunten Zug zu lesen glaubte.

»Wer sagt Ihnen denn das?« fragte der Verstand.

»Ich meine halt . . . . weil Sie bei den Gedichten so vernünftig waren.«

»Ach, erinnern Sie mich nicht immer an die Jugendthorheiten, die glücklicherweise vorbei sind.«

»Da sind Sie wohl sehr böse auf mich?« fragte der Maëstro.

»Keine Ahnung. Es ist mir ganz gleich, was Sie davon denken, weil Ihnen in dem Punkte eben doch der Verstand fehlt.«

Der Maëstro war weit entfernt, heute etwas übel zu nehmen. Er klopfte auf seinen Bauch, als ob er ein Weinfäßchen wäre und verriet dem Studenten die feste Absicht, von jetzt an immer in solche Gesellschaften zu gehen.

»Nicht wahr? Sie sind doch nicht so übel?«

Mit komischem Ernste legte der Maëstro seine Rechte auf den hochgehobenen Brustkasten:

»Na, ich verstehe mich aber auch in diesen Kreisen entsprechend zu bewegen.«

Beinahe hätte er selbst an die schöne Phrase geglaubt, denn der ungeheure Erfolg stieg ihm zu Kopfe wie Champagner. Jetzt hatte er Geld, jetzt brauchte er nicht mehr mit jeder Flasche ängstlich zu rechnen, die er als Zugabe noch trinken wollte, jetzt konnte er auch ein bischen auftreten wie Gewerbe-Otto und Muckl und wollte sich nicht mehr über die Achsel ansehen lassen als der preisgekrönte Maëstro, der für seine Bilder wohl goldene Medaillen, aber kein Kupferstückchen gangbare Münze bekam. Und dieses Wohlleben sollte keinen Müßiggänger aus ihm machen, im Gegenteil, jetzt wollte er erst recht arbeiten, denn hatte diesmal die eine Dame von ihm gekauft, das nächstemal kaufte eine andere, dann eine dritte, und so immer weiter, bis das alte Spinde das viele Geld gar nicht mehr fassen konnte und der Maëstro einen großen eisernen Schrank anschaffen mußte.

»Wie sie den die vier Treppen heraufbringen werden, weiß ich heute noch nicht,« sagte er zu seinem Verstande. »Da giebt's Unannehmlichkeiten mit dem Hausherrn.«

Immer tollere Sprünge machte seine Phantasie, während er sich die Zukunft zurechtlegte und den neuen Anzug mit dem altgewohnten vertauschte. Die vornehmen Damen sollten nicht nur Bilder kaufen, sie sollten auch selber welche malen, und weil sie das wohl nicht von heute auf morgen so ohne weiteres fertigbrächten, heckte der Maëstro einen neuen Plan aus, den er sich allerdings seinem Verstande nicht direkt ins Gesicht zu sagen traute. Er ließ daher sein Flanellhemd einen Augenblick auf dem Kopf hängen, daß man die haarbedeckte Mannesbrust sah und erklärte dabei, er sei fest entschlossen, sich neben den wechselnden Bilderverkäufen auch ein regelmäßiges Einkommen zu sichern durch eine Damenschule, die er in diesen Tagen gründen wolle.

»Sind Sie verrückt?« fragte der Student. »Dazu gehört doch noch etwas mehr persönliche Liebenswürdigkeit.«

Der Maëstro war tötlich beleidigt, denn er hielt die Idee einer Malschule für sehr raffiniert und meinte, daß nur ein so gerissener Geschäftsmann, wie er einer war, darauf verfallen könne.

»Eine Weiberkneipe können Sie nicht dirigieren,« lachte der Student, »aber keine Damenschule.«

»Sie halten sich natürlich für den allein richtigen Mann, solch ein Unternehmen zu wagen?«

»Was kann ich dafür, wenn sich mir alle Weiber an den Hals werfen?«

»Ist's denn wirklich gar so toll?« fragte der Maëstro mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Manchmal wird's mir schon fast zu viel,« sagte der Student wie einer, der drei Nächte nicht mehr geschlafen hat.

Nachdenklich richtete der Maëstro seine Blicke auf ihn.

»Ja, ja, Sie sind ein toller Kerl, ein ganz toller Kerl . . . . Aber warten Sie, . . . . wenn ich erst 'mal sechs Wochen in den Kreisen verkehre.«

Und er stieg wie ein Pfau durch das Zimmer.

Weil sein Verstand aber gar nicht auf die großartige Idee eingehen wollte, bändelte er nach langer Zeit wieder mit dem Gewerbe-Otto an.

»Was meinen Sie dazu?« fragte er ihn am selben Abend.

»Wenn die Damen kommen, warum denn nicht?«

Die würden schon kommen, meinte der Maëstro und erzählte mit vollen Backen von seinem unerhörten Dusel mit der Kreuzigung.

»Haben Sie schon das Geld in der Tasche?« fragte der Gewerbe-Otto.

»Nein,« sagte der Maëstro gedehnt. »Aber das ist ja doch so gut wie sicher.«

»Wenn Sie glauben . . .«

»Wenn ich glaube –?«

Der Maëstro glaubte bereits gar nichts mehr, sondern begann auf dem Stuhle zu rücken, und weil ihm der Wein auf einmal nicht mehr schmecken wollte, that er etwas, was seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr geschehen war: Er ging um elf Uhr nach Hause. Heute noch wollte er den Studenten sprechen, um dieser Ungewißheit ein Ende zu bereiten.

Als er aber an die Thüre seines Nachbars das Ohr lehnte, stieß er einen leisen Fluch aus:

»Jetzt muß der Kerl gerade ein Frauenzimmer bei sich haben.«

Schon manchmal hatte er sich heimlich gefragt, wen er wohl wieder auf die Bude geladen habe. Diesmal aber empfand er keinerlei Neugierde, sondern zog ärgerlich die Decke hoch über die Ohren.

Am nächsten Morgen pochte er um so heftiger und erzählte von dem ungeheuren Floh, den ihm der Gewerbe-Otto ins Ohr gesetzt hatte.

Der Student meinte, der Herr höre zwar das Gras wachsen, diesmal aber irre er sich, denn die Dame sei steinreich und werde schon deshalb halten, was sie versprochen habe, weil er den Christus darstelle. Das brachte er alles mit solcher Sicherheit heraus, daß der Maëstro wieder seine Ruhe gewann.

»Sie haben gestern gelumpt,« sagte er lächelnd.

»Woher?« rief der Student. »Ich war um zehn Uhr zu Bett.«

»Ja, aber nicht allein,« rief der Maëstro.

»Auf Ehrenwort.«

»Na–nu?« schrie der Maëstro ganz entsetzt. »Das wagen Sie zu behaupten, und ich habe deutlich gehört . . . .«

Feuerrot war der Student plötzlich geworden.

»Maëstro . . . . Maëstro . . . . Sie sind ein Schuft,« sagte er mit ganz eigentümlichem Lachen.

»Möglich,« meinte der Maëstro. »Jetzt aber will ich schnell das Bild fertig malen und dann soll's ein großes Atelierfest gegen mit Wein und Weibern.«

Sieben Tage malte er noch, und diese Woche dünkte ihm fast die schwerste seines Lebens. Nicht wegen der Arbeit. Die ging glatt voran und war am Sabbath auch richtig beendet wie das Werk des Schöpfers. Aber sonst hatte der Maëstro so vielerlei auszustehen in diesen Tagen, daß ihm fast seine Freude an dem gut gelungenen Bilde verleidet wurde.

Da kam Besuch auf Besuch zu der Thüre herein, Herren und Damen, und alle wollten das Kunstwerk bewundern. Dem Maëstro ging erst in diesen Tagen das Licht auf, was sein Verstand eigentlich für ein Mordskerl war.

»Nun muß ja die Damenschule gedeihen,« hatte er gesagt.

Als das aber immer so weiter ging wie in einem Bienenstock, begann ihn das ganze Spektakel zu ärgern. Die Herrschaften blieben nämlich geraume Zeit und trugen ihr Kunstverständnis auf der Zunge. Erst nahmen sie feste Stellung in einer Ecke und legten die Hand über die Augen, dann traten sie etwas näher und neigten den Oberkörper vor, während besonders feine Kenner den Kopf nach der Seite bogen und dabei mit den Augen blinzelten.

Selbst der Herr Professor hatte sich eingefunden und dem Maëstro versichert, daß, wenn er auch die ganze Auffassung nicht teilen könne, er doch für die wertvollen Details das größte Interesse habe. In diesem Augenblicke hatte der Maëstro schon wieder etwas recht Böses auf den Lippen gehabt, als ihm der Herr Professor gerade noch zur rechten Zeit gratulierte, daß es ihm vergönnt war, den jungen Dichter und künftigen Gelehrten zu malen, von dem man so schönes erwarten dürfe und den er mit Stolz seinen Schüler nenne.

»Am liebsten möchte ich den Kerl das heißen, was er ist, einen Schafskopf oder sonst einen Vierfüßler,« hatte sich der Maëstro gesagt, »aber vielleicht hat er eine Tochter, vielleicht hat er eine Frau, vielleicht hat er beides, und die kämen dann sicher nicht in die Malschule.«

So schluckte er dann auch diese Pille hinunter und pinselte weiter mit zitternden Händen, bis er endlich am letzten Tage zwei Packern den Auftrag erteilte, das Bild in die Wohnung der freundlichen Dame zu bringen.

Jetzt erst atmete er wieder leichter:

»Das wäre überstanden.«

Die Leute schlugen die Kreuzigung in ein großes Leinen und trugen sie langsam zur Thüre hinaus.

Nachdenklich sah ihnen der Maëstro bei dieser Arbeit zu:

»Als ob sie einen Toten fortschafften.«

Trotz des vorteilhaften Verkaufs wollte ihn fast eine gewisse Wehmut überkommen, daß er seine Kunstwerke nie wieder sehen sollte.

»Na, trinken wir eins,« sagte er, »dann vergeht der üble Eindruck.«

Und sein Durst war so groß, daß er nicht einmal das Geld abwartete, sondern die Freunde noch auf denselben Abend zu sich lud.

Alle kamen auch richtig um sechs Uhr daher. Zuerst der Verstand mit einer Theerose im schwarzen Salonrock, den dunkeln Christusbart peinlich zurecht gestrichen, dann kam Lockspitzel im feinsten Frack mit der Miez, die ein ausgeschnittenes Gesellschaftskleid trug, hinter ihnen gleich der Gewerbe-Otto im dunkelblauen Gehrock, der unten wie eine Glocke auseinanderfiel, auch Karlchen ließ nicht auf sich warten, sondern stolzierte daher im kurzen Smoking, in der Hand einen langen Spazierstock, am Arm das glückstrahlende Peperl, das sich eigens einen freien Abend gemacht hatte, und ganz am Schlusse erschien der Muckl, über und über in schwarz von den Lackschuhen bis zum Zylinder, mit dem Gesichte eines Leichenbitters.

Der Maëstro hieß seine Gäste willkommen und wies einen jeden mit vielsagendem Blicke auf die furchtbaren Batterieen der zahllosen Flaschen am Atelierfenster. Dieser feuchten Seite der Feierlichkeit schien er größeres Gewicht beizulegen, als hohlen Äußerlichkeiten wie Kleidung und Wäsche, denn während sich die Freunde ihm zu Ehren festlich geschmückt hatten, bewegte er sich zwanglos in seinen ledernen Schlappschuhen und in jenem hellgelben Anzug, der sich viele Jahre hindurch so trefflich bewährt hatte.

Auch die häusliche Stütze des Abends, die Schlickenrieder Nanni, hatte ihr graues Kattunkleid nicht gewechselt, mit dem sie regelmäßig zur Sitzung kam. Für den Maëstro, der sie sonst nur nackt in seinen vier Wänden herumlaufen sah, war das schon Veränderung genug.

»Du bist ja fein beisammen,« schmunzelte er. »Jetzt aber gieb 'mal die Platten her und mach' zunächst fünfzehn Flaschen auf.«

Mit verbindlicher Bewegung lud er die Gäste an den großen Tisch, den er eigens geborgt hatte. Langsam gruppierten sie sich, wie's ihnen gerade am nächsten war. Nur der Student, der Peperl und Nanni schon öfters in die Backen gekniffen hatte, eilte mit weiten Sprüngen zum Sofa und rückte Schenkel an Schenkel neben die kreischende Miez.

»Heute Abend werde ich dich regelrecht belagern.«

Die Miez wollte etwas erwidern, aber sie wurde von einer Stimme unterbrochen, die wie schneidender Kommandoton durch die ganze Gesellschaft drang:

»Meine Damen und Herren!«

Lockspitzel war es, der sich erhoben hatte. Er hielt sein Glas mit zwei Fingern umspannt und feierte nun den Maëstro, der so ein bedeutendes Kunstwerk geschaffen habe, sich selbst und allen Kunstverständigen zur Freude, ein Kunstwerk, dessen Entstehung sie mit höchstem Erstaunen verfolgt hätten, und das seinen Meister nicht minder ehre, wie die feinsinnige Kennerin die es erworben habe. Daß sie es aber erworben habe, sei neben der genialen Kraft des Maëstro vor allem dem segensreichen Einfluß seines fast nicht minder bedeutenden Verstandes zu danken, und deshalb erhebe er jetzt sein volles Glas auf diese beiden.

»Der Maëstro und sein Verstand sollen leben,« rief die Miez und die andern, mit Ausnahme von Muckl, stimmten in das dreimalige Hoch ein.

»Hol' uns der Teufel,« schrie der Maëstro.

Sein gefeierter Verstand aber neigte seine Augen noch dichter zur Miez und flüsterte zärtliche Worte.

»Hören Sie nicht?« rief der Maëstro. »Der Lockspitzel hat Sie leben lassen und er hat recht . . . . Sie haben alles gemacht . . . . Sie haben . . . . Sie haben . . . . Sie sind . . . . Sie sind . . . ., na, ja, hol' uns wirklich der Teufel!«

»Hat er Ihnen auch schon das Geld gebracht?« fragte der Gewerbe-Otto mit freundlichem Lächeln.

»Lassen Sie mich doch endlich aus mit dem verfluchten Geld,« wetterte der Maëstro. »Sie ruinieren mir ja jedesmal meine Stimmung.«

»Das Geld kommt morgen,« rief der Student.

Er hatte jetzt auf seine andre Seite auch noch das Peperl gedrückt und die Schlickenrieder Nanni auf seinen Schoß gesetzt. So saß er da wie ein richtiger Pascha zwischen seinen Weibern und zwickte sie, daß sie wieherten.

Der Anblick solch sonniger Behaglichkeit gab auch dem Maëstro seinen Frieden wieder.

»Da schaut euch meinen Verstand an,« rief er lachend, »ich hab's ja immer gesagt, ein toller Kerl – ein toller Kerl.«

»Peperl, komm zu mir herüber,« knurrte Karlchen.

Dem Peperl wie der Nanni schien es heute auffallenderweise bei dem Studenten zu gefallen, und die Miez drehte ihrem Herrn und Gebieter eine lange Nase herüber.

Lockspitzel that, als achte er nicht darauf. Er hatte schon tüchtig getrunken und stieß jetzt den schweigsamen Muckl in die Weichen, der seit seinem Eintritt kaum ein Wort mehr geredet hatte:

»Lachen Sie doch, lachen Sie doch!«

»Warum soll ich lachen?« erwiderte der Muckl und blieb sitzen, als ob er Bitterwasser gekostet hätte.

»Mir ist heute alles gleich,« rief Lockspitzel, »und wenn die Miez dem Verstand einen Kuß giebt, soll mir's auch recht sein.«

Die Miez weigerte sich entschieden und nannte ihren Liebhaber einen läppischen Einfaltspinsel.

»Na, dann später,« flüsterte der Student, »wenn wir allein sind.«

»Später,« schrie der Maëstro. »Ihr zwei wachst heut so noch zusammen.«

Ein schrilles Gelächter tönte in der Runde, aber plötzlich verstummte alles, denn Karlchen war mit stark gerötetem Gesichte vom Stuhle gesprungen und hatte mit brüllender Stimme Silentium geboten. In tadelloser Haltung stand er am Tische, und nun schlug er mit seiner Cigarre den Takt und sang mit näselnder Stimme:

»'Darling, darling,' flüstert das holde Ding,
»darling, my darling, mein süßer Plumpudding . . . .«

»Karlchen ist aufgewacht,« lachte Lockspitzel. »Gnad' uns Gott, vor drei Stunden hört er nicht mehr auf.«

»Bind' ihm das Maul zu!« rief der Student.

»Nein, laßt ihn weiter singen,« schrie der Maëstro.

Karlchen beachtete keinen der Zwischenrufe, sondern sang und sang, immer dasselbe, immer im gleichen Tone.

»Weiß niemand was besseres?« fragte der Student, der seine Arme um die Hüften der Weiber geschlungen hatte.

»Ich weiß was besseres,« rief Lockspitzel und zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche.

»Los damit!« riefen die andern.

». . . . Das ist gewiß, das ist gewiß.
Eine richtige englische Miß . . . .«

fuhr Karlchen ungestört fort.

»Hör' doch auf,« schrie der Student.

»Nicht nötig,« lachte Lockspitzel, »ich kann noch lauter brüllen.«

Und nun las er mit dröhnender Stimme einen Absatz vor, dessen Verfasser er sich selber nannte. Ganz konnte er nicht durchdringen, da Karlchen munter sein »Darling!« dazwischen schrie. Immerhin gelangten einige Schlager an die Ohren der Gäste: ». . . . bedeutender Meister . . . . Kreuzigung vollendet . . . . junger Dichter . . . . herrlicher Christuskopf . . . . tiefer Eindruck . . . . Privatbesitz übergegangen . . . . kostbare Gallerie der Frau . . . . ganz immenser Preis . . . .«

»Hurrah,« rief der Maëstro. »Wir sind in der Zeitung, ich und mein lieber Verstand.«

». . . . Mein süßer Plumpudding,« sang Karlchen.

»Seid doch still, seid doch still!« rief die Miez. »Es hat ja schon ein paarmal geklopft.«

»Wahrscheinlich der Hausherr,« meinte der Gewerbe-Otto, »wegen nächtlicher Ruhestörung.«

»Will doch mal selber sehen,« brummte der Maëstro sehr mißtrauisch.

Er wankte nach der Thüre, aber kaum hatte er geöffnet, da flog er auch schon wieder zurück, als wäre ihm einer begegnet, den er schon lange für tot gehalten hatte.

»Na, was sind denn das für Klopfgeister?« fragte der Muckl.

Der Maëstro achtete nicht auf seine Worte, sondern guckte mit stieren Augen auf die kräftigen Blousenmänner, die jetzt schwerfällig zur Thüre hereinstolperten, und einen großen Gegenstand bedächtig auf die Erde setzten.

»Das ist mein Bild!« stöhnte der Maëstro und riß das weiße Leinen herunter.

Heute Morgen hatte er ihm mit blutendem Herzen aufs Nimmerwiedersehen Lebewohl gesagt, und jetzt kam es richtig schon wieder wie ein treues Kind, das die Trennung von seinem Erzeuger doch nicht verwinden konnte.

»'s ist doch eine Gemeinheit!« schrie der Maëstro.

Die Gäste erhoben sich, je nach ihrer Verfassung schnell oder langsam, auch der festgeschlungene Weiberknäuel um den Studenten begann sich zu lockern. Nur Karlchen ließ sich nicht stören und sang ununterbrochen seine eintönige Melodie.

»Da haben wir auch einen Brief,« sagte einer der finstern Eindringlinge.

Mit zitternden Händen griff der Maëstro danach. Eilig riß er den Umschlag auf, und nun fuchtelte er voll verzweifelten Bemühens an dem Lichte herum:

»Malefizpratze, verdammte!«

»Geben Sie her,« sagte der Gewerbe-Otto.

Und er las mit scharfer Betonung, die er bei einigen Worten mit leisem Spotte vermischte:

Sehr verehrter Herr!

Ich bin unmöglich in der Lage, für alle verliebten Dummheiten meiner Frau aufzukommen, die dieselbe stadtbekannterweise begeht. Eine solche Dummheit ist der gegen meinen Willen und ohne meine ausdrückliche Genehmigung abgeschlossene Bilderkauf, den ich absolut nicht anzuerkennen gesonnen bin, und beehre mich deshalb noch heute Abend die Kreuzigung beifolgend mit dem Ausdruck höflichen Bedauerns und mit der Versicherung vorzüglicher Hochachtung zu retournieren.

Ergebenster
                                    Kommerzienrat . . . . . .«

»Der Name ist rein unleserlich,« fügte der Gewerbe-Otto bei.

»Nicht nötig,« lachte der Muckl, »wir kennen die Dame auch so schon zur Genüge.«

Er lief im Zimmer herum und war auf einmal wie elektrisiert.

»Na, was sagst du nun?« wandte er sich zum Maëstro, »was sagst du nun zu deinem Verstand? Hab ich dir's nicht immer prophezeit?«

»Laß mich aus,« tobte der Maëstro.

»Natürlich,« lachte der Muckl sehr bissig. »Jetzt willst du's wieder nicht gewesen sein. Aber du hast ja nicht hören wollen, du hast das Herrchen so lange verpepelt, bis er glücklich dein sogenannter Verstand geworden ist, und darum trägt auch an der ganzen Blamage kein andrer Mensch Schuld als du, du ganz allein.«

Der Maëstro hielt sich die Ohren zu vor den kreischenden Tönen.

»Fahr' ab, fahr' ab, altes Schandmaul, je schneller, je besser.«

»Gerne,« sagte der Muckl und warf sich in Positur. »Hiermit aber sind wir geschiedene Leute. Ich bedaure es, daß auch du zu meinen zahllosen Enttäuschungen gehörst, doch bin ich das von dieser undankbaren Welt nicht besser gewohnt.«

Damit ergriff er seinen Zylinder und folgte in stolzer Haltung den Dienstleuten, ohne sich noch ein einzigesmal nach dem unterbrochenen Gelage umzusehen, das in seiner heillosen Verwirrung ein krauses Stillleben bot.

Dort in der Ecke lag Lockspitzel mit seiner Zeitung, die den glänzenden Verkauf aller Welt verkündet hatte, neben ihm kauerte Peperl auf der Erde mit gläsernen Augen und schlaffherabhängenden Armen, während zwei Schritte von ihr die Schlickenrieder Nanni mit dem Kopfe wackelte, als wollte sie jeden Augenblick in ein besseres Dasein hinüberschlummern. Auf dem Sofa aber lag die Miez, die alle viere von sich streckte, und ihr gegenüber sang Karlchen immer noch sein scheußliches Tingeltangelcouplet. Jetzt hatte freilich auch seine Haltung bedenklich gelitten. Der Kneifer war in ein Weinglas gefallen und die Kniee begannen zu zittern, trotzdem schrie er weiter und schwang den Cigarrenstummel in der Luft herum. Nur der Gewerbe-Otto und der Verstand des Maëstro saßen noch aufrecht an dem weinbegossenen Tische. Der eine war seiner Gewohnheit treu geblieben und hatte auch heute Abend keinen Alkohol genommen, der andere schlürfte mit großem Behagen in kleinen Dosen von dem Rotspohn, als ob gar nichts vorgefallen wäre:

»Maëstro, mein Kompliment! Der Wein ist wirklich vortrefflich!«

»Hm, hm! Sonst sagen Sie gar nichts? Wirklich gar nichts?«

»Was soll ich denn sagen?«

»Na, ich meine halt bloß,« sagte der Maëstro.

Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch und saß schwer atmend dem Studenten gegenüber. Dann nahm er eine volle Flasche und goß den Inhalt mit zitternden Fingern in einen Glasbecher. Seltsame Dinge gingen ihm dabei vor den Augen herum. Ihm war es, als ob sich das ganze Zimmer in Bewegung setze, als ob die Gläser und Teller alle zu tanzen anfingen, und da sprang er auf und schleuderte die Flasche mit voller Wucht gegen den Studenten.

»Sie sind ein Rindvieh, daß Sie's wissen, ein Rindvieh sind Sie!«

Gerade noch rechtzeitig hatte sich der Student der vollen Ladung entzogen.

»Gehen Sie zu Bett,« sagte er herausforderend, »Sie sind besoffen.«

Ungelegener hätte dies böse Wort niemals den Maëstro treffen können:

»Ich bin besoffen . . . . ich bin bei klarem Verstande . . . . aber ich lasse mich nicht zum Hanswursten machen . . . . ich lasse mir das nicht gefallen . . . . und wenn Sie's noch einmal sagen . . . .«

»Hundertmal sage ich's Ihnen,« rief der Student, »Sie und Ihre ganze Kunst sind besoffen, sonst wäre Ihnen das Bild niemals zurückgeschickt worden.«

Den Maëstro drehte es im Kreise herum, als ob er mitten in eine Windhose geraten wäre.

»Sie, das überlegen Sie sich,« ächzte er.

Aber sein Verstand war in voller Auflösung begriffen und wollte nicht mehr gehorchen.

»Ich habe mir nichts zu überlegen,« sagte er kurz. »Ihnen aber möchte ich einen freundschaftlichen Rat geben: Üben Sie endlich Mäßigkeit und saufen Sie nicht mehr so viel, dann wird's mit Ihnen auch wieder bergauf gehen.«

Vieles hatte der Maëstro ertragen von seinem Verstande. Er hatte geschwiegen die ganzen Monate, als ihm der Bursche an seiner Kunst herummäkelte, er hatte geduldet, daß ihn der Laffe als Spielball behandelte, ja, er hatte es sogar stillschweigend hinuntergeschluckt, daß er ihm diese Niederlage mit dem Bilde bereitete – die unverschämte Zumutung aber, er sollte der Flasche entsagen, brachte ihn in helle Raserei:

»Ich lasse mir von keinem Menschen was einreden!«

Und nun tanzten die Flaschen, die Gläser, die Teller nicht mehr in seiner erhitzten Phantasie durchs Zimmer, sondern sie flogen wirklich von seinen Händen geschleudert vom Boden zur Decke, als ob alle Spukgeister entfesselt wären.

»Kommen Sie mir nicht zu nahe,« schrie der Maëstro zu seinem Verstande hinüber, »sonst reiße ich Ihnen sämtliche Haare von Ihrem Frisierschädel herunter.«

Seine Warnung war überflüssig – der Student wäre auch ohne sie ausgerissen. Er hatte die schlaftrunkene Miez vom Sofa gehoben, und trug das schreiende Frauenzimmer, so schnell er konnte, zur Thüre hinaus.

Da rüttelte der Maëstro den Lockspitzel an Armen und Schultern:

»Wachen Sie auf, wachen Sie auf, der Student hat die Miez in sein Zimmer geschleppt.«

Lockspitzel rührte sich kaum, sondern brummte nur einige unverständliche Laute.

»Ihnen wachsen die Hörner noch heute zum Kopfe heraus,« schrie der Maëstro.

Selbst diese Drohung schien auf den Journalisten nicht mehr zu wirken.

»Besoffenes Elend,« brummte der Maëstro und taumelte auf den finsteren Gang zur festverschlossenen Thüre seines Verstandes.

Einige Male fuhr er fluchend mit dem Kopf an die Wände, endlich pochte er, als ob er Tote erwecken wollte:

»Lassen Sie die Miez heraus oder des geht Ihnen schlecht.«

Aber weder die Miez noch der Student zeigten die geringste Lust, die intime Nachfeier des lebhaften Festes zu unterbrechen.

»Es hilft ihnen nichts,« knurrte der Maëstro, »ich leg' mich jetzt vor die Thüre und morgen, wenn sie herauskommen, verhau ich ihn und das treulose Weibsbild.«

Wie ein finsterer Rachegott, der Verderben geschworen hat, blieb er die ganze Nacht auf derselben Stelle liegen. Manchmal fiel er in einen leichten Halbschlummer, gleich darauf schreckte er daraus empor und ballte die Fäuste mit dem sicheren Gedanken an den strafenden Morgen:

»Alle Männer soll der Bursche doch nicht unglücklich machen.«

Und er wachte bis der matte Strahl des dämmernden Tages in den dunkeln Gang fiel. Nun erhob er sich endlich mit bleiernem Schädel, ächzend und gähnend, um flüchtig in sein Atelier hinüber zu sehen, was aus den andern geworden war. Dabei blickte er immer wieder nach rückwärts zum Zimmer des Studenten, das er keine Sekunde aus den Augen verlieren wollte, und erst, als er seiner Sache ganz sicher war, daß auch kein Mäuschen daraus entwischt war, wagte er es, einen scheuen Blick durch die offen stehende Thüre in sein Heiligtum zu werfen.

Zerbrochene Gläser, zerbrochene Platten, halbgefüllte Flaschen grinsten ihn an, und obendrein stieg dem Maëstro ein Duft von ausgebrannten Cigarren, von Asche und Speiseresten in die Nase, daß er eilig die Hand vorhielt.

Plötzlich aber ließ er sie fallen und neigte langsam den Kopf vor.

Er wußte nicht, ob es ein Trugbild war, was ihm sein Kater da vor die geröteten Augen zauberte, oder schreckliche Wirklichkeit.

»Ja, was ist denn das? . . . . was ist denn das . . . . ?« stammelte er.

Auf dem Sofa lag die, um deretwillen er eine Nacht auf dem harten Boden wie auf den Pritschen der Wachtstube zugebracht hatte, die freundliche Miez, ganz gemütlich neben dem Lockspitzel, der gerade langsam erwachte und mit wächsernem Ausdruck bald den Maëstro, bald das schnarchende Karlchen, bald das weinende Peperl anstierte, als sei er äußerst erstaunt, statt in seinem Bette in diesem greulichen Sumpfe sich wieder zu finden.

»Guten Morgen,« sagte endlich der Maëstro.

»Recht guten Morgen,« sagte die Miez.

»Guten Morgen,« schluchzte das Peperl, das sich nicht wenig schämte.

Wie Unkenrufe drangen die verkaterten Stimmen durch den hohen Raum.

Unwillig räusperte sich der Maëstro ein paarmal, dann zog er auf seinen Schlappschuhen zum Sofa, die verwunderten Blicke fest auf die gähnende Miez gerichtet.

»Hab' ich geträumt oder war ich so besoffen?« fragte er schüchtern.

»Weshalb denn?« fragte die Miez.

»Ich meine deutlich gesehen zu haben, daß Sie mein Verstand auf sein Zimmer getragen hat.«

»Nur bis vor seine Thüre,« lachte die Miez. »Da bin ich ausgerissen und bin zu meinem Schatze herübergelaufen.«

»Und das soll ich gar nicht gemerkt haben?« brummte der Maëstro sehr argwöhnisch.

»Sie werden doch wohl schon sehr hoch gewesen sein,« meinte die Miez.

Der Maëstro verneinte eigensinnig.

»Dann war die Nanni oder das Peperl beim Studenten, wenn Sie nicht drin waren.«

Peperl weinte noch stärker als zuvor über eine solche Zumutung, und die Nanni erklärte sehr patzig, mit einem solchen Laffen gehe sie überhaupt nicht aufs Zimmer.

»Hol' euch alle der Teufel,« schrie der Maëstro, »eine muß drin gewesen sein.«

Sämtliche Damen erhoben sich von ihren Plätzen und gingen mit lautem Geschimpfe auf ihn los wie schnatternde Gänse.

»Leugnen Sie's nur nicht,« sagte der Maëstro zur Miez.

»Das ist schon eine Unverschämtheit,« rief die Beklagte.

Der Maëstro sah sie so mißtrauisch an wie nach jener Nacht den Studenten, der ihm das Liebesabenteuer aus dem Gesichte leugnen wollte:

»Aber ich habe doch ganz deutlich gehört . . . .«

»Was haben Sie gehört?« eiferte die Miez. »Gar nichts haben Sie gehört. Und jetzt schämen Sie sich was, daß Sie drei anständige Mädchen in solcher Weise verdächtigen.«

Wütend fuchtelte der Maëstro mit den Armen herum.

»Gehen Sie mir doch mit Ihrer Anständigkeit! Ich weiß, was ich weiß, und auf der Stelle soll ich tot umfallen, wenn der Student nicht was besonders von Ihnen gewollt hat.«

»I, gewollt hat er schon,« lachte die Miez, »aber zu so was gehören schließlich doch immer zweie.«

»Allerdings,« sagte der Maëstro. »Einer allein –«

Ein überlegenes Lächeln zog auf einmal über sein ganzes rundes Gesicht. Er sah mit pfiffigen Augen auf die Thüre des Studenten, dem er in dieser Sekunde alles verzieh, trotz Kreuzigung, trotz des Professors und trotz seiner Frechheit.

»'s ist doch ein fideler Kerl,« sagte er schmunzelnd, »'s ist doch ein fideler Kerl.«

Und er humpelte gleich zu der Thüre, um ihn zu fragen, was es denn mit der Damenschule wäre, nachdem die Sache mit dem Christus leider mißlungen war.

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