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Wallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten

Josef Ruederer: Wallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten
authorJosef Ruederer
year1899
publisherGeorg Bondi Verlag
addressBerlin
titleWallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten
pages3-256
created20020423
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
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Die wundervolle Legende
vom
heiligen Leonhard und der heiligen Barbara

Der Pfarrer von Sankt Leonhard trat jeden Morgen, wenn er die heilige Messe gelesen hatte, an das offene Fenster seines Studierzimmers und schaute, ob Regen, ob Sonnenschein war, zur Kirche der heiligen Barbara hinüber, und der Pfarrer von Sankt Barbara trat gleichfalls jeden Morgen, wenn er die heilige Messe gelesen hatte, an das offene Fenster seines Studierzimmers und schaute, ob Regen, ob Sonnenschein war, zur Kirche des heiligen Leonhard hinüber.

Dabei rauchte der Pfarrer von Sankt Leonhard gewöhnlich eine Pfeife und sah ganz behaglich vor sich hin, der von Sankt Barbara aber rauchte keine Pfeife und sah ganz giftig vor sich hin. Und da die beiden großen Ortschaften mit ihren blitzblanken Häusern und Gärten so dicht ineinander gebaut waren, daß kein Fremder wußte, wo Sankt Leonhard aufhörte und Sankt Barbara anfing, konnten sich die hochwürdigen Herren zur selben Stunde jedesmal ganz gut erblicken. Ihre Pfarrhöfe ragten auf leichten Anhöhen mit den großen Kirchen über alle Häuser hinweg und lagen sich fast auf Rufweite gegenüber.

Aber weder dem einen noch dem andern fiel es ein, sich je einen Gruß zuzusenden.

Sie blieben eine Weile stumm am Fenster stehen und schauten über die beiden Gemeinden hin, die den blauen Rauch ihrer Herde einträchtig zusammenbliesen; dann verschwanden sie wieder, der Pfarrer von Sankt Leonhard mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen, der Pfarrer von Sankt Barbara mit zusammengezogenen Augenbrauen und einigen Flüchen, die aber so leise gemurmelt wurden, daß sie der etwas vorlaute Kanarienvogel auf dem Studiertische nicht einmal vernehmen konnte.

Das ging nun schon eine ganz geraume Zeit, und die beiden Schutzheiligen der ehrenwerten Dörfer mochten wissen, wie's gekommen war und wann's wieder enden werde.

»Meinetwegen kann's ruhig so weiter dauern,« sagte der Pfarrer von Sankt Leonhard, wenn er wieder durch sein Zimmer schritt, der von Sankt Barbara aber ließ die knochige Fäuste aneinanderkrachen und dachte in seinem faltigen Lehnstuhl jener schönen, einträglichen Zeiten, wo Barbarer und Leonharder mit ihren Schutzheiligen noch gemeinsam die Wallfahrt bestellten.

Ein bittres Lächeln zog um seine Lippen, als er sich sagte, daß es nun damit für immer vorbei war.

»Diese abergläubische Masse, diese Esel, die sich so an der Nase herumführen lassen!«

Die Esel waren in seinen Augen die Einwohner von Sankt Leonhard, und der sie an der Nase herumführte, das sollte ihr rotbackiger Pfarrer sein, der alle Tage so spöttisch herübergrinste.

Hätte der behäbige Herr mit dem doppelten Kinn und den pfiffigen Augen die bösen Worte seines Nachbarn hören können, er wäre schwerlich aus seiner Ruhe herausgegangen, sondern hätte höchstens die Achseln gezuckt:

»Abergläubisch! Lassen Sie sich doch nicht auslachen! Möchte wissen, wieso die in Sankt Barbara gescheidter sind als die meinigen. Und was das betrifft mit dem Herumführen an der Nase – mein Gott und Vater, da soll mir doch der Herr Kollege weiter nichts vorwerfen, er weiß schließlich auch, wie's gemacht wird.«

Dann wäre er wieder durchs Zimmer geschritten und hätte einen tüchtigen Zug aus seiner Pfeife gethan.

Der hagere Pfarrer von Sankt Barbara aber, der eine gründliche Aussprache schon lange vergeblich herbeisehnte, wäre vom Stuhle gesprungen und hätte auf den Tisch geschlagen, daß der gelbe Kanarienvogel von einem Käfiggitter zum andern geflattert wäre:

»Ich muß mich verwahren gegen eine solche Beschuldigung! Wir wirken da herüben keine so merkwürdigen Wunder mit Ketten und Hirtenstäben, wie Sie da drüben beim heiligen Leonhard.«

Sein Amtsgenosse, immer ruhig und gemütlich, hätte ihn wohlwollend auf die heilige Barbara verwiesen, die einmal in grauer Vorzeit dem armen Geigerlein ihren Schuh zugeworfen habe.

»Bitte sehr, das ist historisch erwiesene Thatsache,« hätte der Pfarrer von Sankt Barbara voll heiligem Eifer geschrieen.

»Ach, was ist denn historisch erwiesen? die Leute von Sankt Kümmernis behaupten von ihrer Schutzheiligen, sie sei es gewesen.«

»Und die Leute von Kühzackel behaupten, daß ihr heiliger Leonhard einen noch kräftigeren Wunderstab besitze, als der eure.«

Unwillkürlich wäre dem dicken Pfarrer das Lachen gekommen.

»Na, so lassen Sie's schwatzen,« hätte er gesagt. »Jedenfalls zieht unser heiliger Leonhard besser als der von Kühzackel und . . . auch besser als die heilige Barbara. Er heilt nicht nur das liebe Hornvieh, nein, er beschwört den Unglauben und alle Verstocktheit, ja, in letzter Zeit hat sich sogar herausgestellt, daß er gegen die Unfruchtbarkeit der Frauenzimmer ausgiebig zu helfen weiß. Mehr kann man doch wahrhaftig nicht verlangen.«

Der Pfarrer von Sankt Barbara hätte zu jedem Worte mit dem Kopf genickt:

»Nein, mehr kann man nicht verlangen in Ihrem heiligen Leonhard! Aber Sie werden mir zugestehen müssen, daß er diese Wunderkraft erst dann an sich entdeckte, als er sich von unserer Barbara in unverantwortlicher Weise getrennt hat.«

Ein listiges Augenzwinkern wäre die Antwort gewesen:

»Pfeift der Wind aus dem Loch? Na, da nehmen Sie sich gefällig selber bei der Nase, und fragen Sie sich, warum sich der heilige Leonhard nicht mehr mit der heiligen Barbara einlassen will.«

Wie ein Geier wäre der Diener der schwerbeleidigten Heiligen auf seinen Gegner losgegangen:

»Sie haben das Band zerrissen, das unsere Heiligen verknüpfte. Sie haben den Unfrieden gestiftet, ja, leugnen Sie's nur nicht. Jahrhundertelang hielten unsere Gemeinden im besten Glauben zusammen, jahrhundertelang gingen sie Hand in Hand auf die Wallfahrt, das einemal mit der heiligen Barbara zum heiligen Leonhard hinüber, das andremal mit dem heiligen Leonhard zur heiligen Barbara herüber – und jetzt? Jetzt schaut kein Hund mehr den andern an, jetzt werden die Häuser angezündet, jetzt wird gerauft an allen Sonntagen, daß die Haare davon fliegen, jetzt wächst die Zahl der unehelichen Kinder ins Maßlose . . .«

Weiter wäre er in seiner übersprudelnden Rede nicht mehr gekommen, denn der gemütliche Pfarrer von Sankt Leonhard hätte ihn hier mit unbändigem Gelächter unterbrochen:

»Die unehelichen Kinder! Ich bitte Sie! Die hat's doch immer bei uns gegeben.«

»Nicht in dieser erschreckenden Weise, wie seit dem Tage der gewaltsamen Trennung des heiligen Leonhard von der heiligen Barbara.«

»Ah bah! Schauen Sie doch die sechs Töchter vom Lebzelter Zachen an! Jede hat ihr Kind, keine hat einen Mann.«

»Diese sauberen Mädchen gehören auch zu Ihrer Gemeinde, Hochwürden.«

»Und ihre sämtlichen Liebhaber zu der Ihrigen, Herr Pfarrer von Sankt Barbara. Kommt also alles auf eines heraus.«

»Oho – oho!«

»Aber natürlich! die Hauptsache bleibt immer, daß die Leute an etwas glauben und fleißig in die Kirche gehen.«

»Wenn die Leute keine Moral mehr haben, dann gehen sie auch nicht mehr in die Kirche.«

»Doch wohl nur in Sankt Barbara?« hätte der dicke Pfarrer spöttisch entgegnet. »Bei mir wenigstens kann ich durchaus nicht klagen, und es wird ja auch Ihnen bekannt sein, daß unser vielgeliebter, heiliger Leonhard die Trennung von der heiligen Barbara im allgemeinen recht gut überstanden hat.«

Dagegen konnte der andere nichts vorbringen, denn daß der heilige Leonhard in der ganzen Umgegend ebenso an Ansehen stieg, als die heilige Barbara an Kredit verlor, bildete ja seinen eigentlichen Grimm gegen den aufblühenden Nachbarort.

»Stimmt, stimmt auffallend,« hätte er verbissen zur Antwort gegeben, »aber bedenken Sie das eine, daß dieser gewaltsame Bruch des Seelenbundes der beiden Heiligen einen ungeheuren Frevel an Gott bedeutet, den Sie auf dem Gewissen haben, Sie ganz allein.«

Jetzt wäre der dicke Pfarrer zum Schlusse fast noch tüchtig grob geworden.

»Ich bedank' mich für Ihre hirnverbrannten Zumutungen! Wissen Sie, wer schuld ist an dem zerrissenen Seelenbund der heiligen Barbara und des heiligen Leonhard? Euer miserables Bier und gar nichts anderes! Wir können uns das schon mal eingestehen, da wir gerade so gemütlich beisammen sind. Hätte dieser Gauner, der Katzenbräu, einen besseren Tropfen für die Wallfahrer gebraut – der heilige Leonhard käme nach wie vor zu seiner Barbara herüber. Statt dessen hat der Kerl einen Sudel verzapft, den der Teufel saufen mochte, aber kein ehrsamer Bittbruder von uns herüber.«

Und mit einem sehr entschiedenen: »So, jetzt wissen Sie's wenigstens,« hätte er dem immer noch kampfbereiten Gegner das breite Hinterteil zugekehrt.

Möglich, daß er sich an der Thüre noch einmal umgedreht hätte, um in spöttischem Tone zu bemerken, daß es der heiligen Barbara im übrigen ja vollkommen freistehe, mit ihrem goldenen Schuh gerade so viele Wunder zu wirken, wie der heilige Leonhard.

Dann aber wäre er sicher gegangen und hätte den Kollegen mit seinen Gedanken allein gelassen, die gerade nicht die rosigsten waren.

Das verdammte Bier des elenden Katzenbräu!

Zähneknirschend mußte sich Sankt Barbaras Seelenhirte eingestehen, daß es bei der letzten Wallfahrt das einzige, dafür aber um so durchschlagendere Wunder gewirkt hatte. Die Leonharder, die sich sonst in aller Demut bei den frommen Übungen die Kniee wund drückten, liegen die ganze Nacht mit abscheulichem Bauchgrimmen herum, um andern Morgen aber packten sie voll tiefer Entrüstung ihren Schutzpatron wieder zusammen und zogen von dannen, indem sie sich hoch und theuer verschworen, in ihrem ganzen Leben nie wieder die heilige Barbara mit ihrem Wunderschuh und ihrem elenden Bier zu besuchen.

Eine so bitterböse Drohung hatte man zuerst allenthalben für eine höchst bedenkliche Gotteslästerung, aber keineswegs für bare Münze genommen.

Vor allem war es der Katzenbräu selbst, der einige besorgte Gemüter durch die tröstliche Versicherung beruhigte, daß die dummen Leonharder das nächstemal ja doch wiederkämen. Hätten sie das Bier bis jetzt geduldig getrunken, würden sie's auch in Zukunft trinken.

Allein diesmal vertraute er seinem zweifelhaften Stoffe und der Langmut der frommen Pilger doch etwas zu viel; die Leonharder hielten Wort und kamen wirklich nicht wieder.

Zwar duldeten sie stillschweigend, daß die verhaßten Nachbarn mit ihrer Schutzpatronin noch einmal den üblichen Gegenbesuch abstatteten und sich's im Dorfe bequem machten. Übler vermerkten sie's schon, als die heilige Barbara zum heiligen Leonhard in die Kirche gebracht wurde, denn dort durfte sie der frommen Sitte gemäß immer eine ganze, lange Nacht bleiben.

Und diese Nacht kam den Leonhardern diesmal wie eine Ewigkeit vor. Sie waren eifersüchtig auf ihren Heiligen und wollten vor allem der Barbara nicht mehr recht trauen.

Ununterbrochen gingen sie vor der Kirche spazieren, und als endlich der Tag graute, rissen sie mit herausfordernden Mienen die Thüren auf, um sich zu überzeugen, daß ihm wirklich nichts zugestoßen war.

Aber auch sonst entbehrte diese letzte Wallfahrt des innigen Zuges, der dies bedeutsame Fest der gegenseitigen Vereinigung in früheren Tagen ebenso erhebend als erfolgreich gestaltet hatte.

In der Kirche, bei den Prozessionen, bei den Opferungen wurden die Barbarer von allen Einheimischen gemieden, und im heiligen Walde, wo sonst immer Männlein und Weiblein einträchtig kampiert hatten, ließ sich, trotz einer köstlichen Sommernacht, außer einigen Eidechsen kein lebendes Wesen aus Sankt Leonhard erblicken.

Sankt Barbaras Pilger mußten die traurige Entdeckung machen, daß die Zeit des trefflichen Einvernehmens ihrem Ende nahe. Sie wurden schon am zweiten Tage mit feindseligen Redensarten verfolgt und bekamen in manchen Wirtschaften den stärkenden Gerstensaft nur mit bissigen Vergleichen vorgesetzt. Ja, der Lebzelter Zachen, der den köstlichsten Meth und die bestgeweihten Kerzen in großen Holzbuden vor der Kirche feilhielt, verbot seinen Töchtern sogar, von seiner weitberühmten Ware nur das geringste zu verkaufen, wenn so ein Barbarer davon verlangen sollte.

Diesem Verbote fügte er noch eine ausgiebige Maulschelle bei, als seine jüngste Tochter eben dem einzigen Sohne des verrufenen Katzenbräu den heiligen Leonhard in Gestalt eines buntgefärbten Lebkuchens heimlich zustecken wollte.

»Aber, es ist doch sein Namenspatron,« schluchzte das Mädchen.

»Alles wurscht,« knurrte der Alte. »Deine Namenspatronin ist auch die heilige Barbara, und du kommst doch so wenig mit dem saubern Katzenbräu-Leonhard im Leben wieder zusammen, als die Barbara mit unserm heiligen Leonhard je wieder zusammen kommt.«

»Ist das Euer letztes Wort?« fragte der Bursche, der kleinlaut daneben stand.

»Mein letztes Wort!« sagte der Zachen. »Und nun habt ihr höchste Zeit, daß ihr eure Heilige mit dem goldenen Wunderschuh dahin tragt, wohin sie gehört.«

Der Bursche merkte, daß jeder Widerspruch vom Übel gewesen wäre. Er gab der Barbara zum letztenmal die Hand und trocknete sich mit der andern die hervorquellenden Thränen. Dann warf er einen scheuen Blick auf den Alten, einen wehmütigen auf das weinende Mädchen und schlich mit offenem Munde zur Kirche.

Da stand die heilige Barbara noch immer auf dem blumengeschmückten Hochaltare neben dem heiligen Leonhard. Sie hatte offenbar keine Ahnung von der bevorstehenden Trennung, sondern schaute mit ihren gläsernen Puppenaugen ohne jede Erregung zu ihrem bartlosen Wundergenossen hinüber.

Dem schien die Sache diesmal nicht mehr recht geheuer. Er hatte seinen Hirtenstab an die linke Schulter gelehnt und zog die Augenbrauen so hoch, als kenne er sich vor lauter Staunen gar nicht mehr aus. Beide Hände aber streckte er mit den Flächen etwas nach auswärts wie einer, der nicht recht weiß, was er sagen soll und deshalb sehr verlegen ist.

Vielleicht wunderte er sich auch über die eisernen Ketten, die ihm um die Handgelenke geschlungen waren, denn diese waren ihm bei früheren Besuchen der heiligen Barbara jedesmal abgenommen worden.

Bei der jetzigen Wallfahrt hatten es seine Schutzbefohlenen nach reiflicher Überlegung indessen für vorteilhafter befunden, sie an jener Stelle zu lassen, wo sie der heilige Leonhard jahraus, jahrein mit der Geduld frommer Hirten und christlicher Märtyrer zu tragen pflegte.

Das ganze Dorf setzte zwar in die Charakterstärke seines Schutzpatrons das größte Zutrauen, aber sicher ist sicher, sagten die Leonharder ohne Erbarmen – schließlich hatten sogar Heilige schon ihre schwachen Stunden gehabt.

Und das war's, was die Leute von Sankt Barbara von allen Schändlichkeiten am tiefsten beleidigte: die Ketten verziehen sie nicht.

»Die heilige Barbara hat gar keine Angst gehabt,« sagten sie spöttisch, und mit dem frevelhaften Wagemute jener Leute, denen alles gleich ist, weil sie schon alles verloren haben, verstiegen sie sich sogar zu der Behauptung, daß da schon ein ganz andrer kommen müßte, als dieser dünnbeinige Leonhard, wenn er der Heiligen ein bischen gefallen sollte.

Unter solchen Reden luden sie ihre Schutzpatronin wieder auf die kleine Tragbahre und zogen ins Dorf hinüber, zwei rote Fahnen und den langgestreckten Pfarrer an der Spitze.

Der geistliche Herr blickte wütend um sich und leierte in sehr gereiztem Tone ein Vaterunser nach dem andern ab, während der Chor mit noch zornigerem Geschrei beim Ave Maria pünktlich einfiel.

Am giftigsten betete der alte Katzenbräu, gleich hinter der Tragbahre, denn daß die Leonharder von jetzt an nie mehr ihren Heiligen auch nur auf eine Stunde der Barbara überlassen würden, das war wohl allmählich dem dümmsten klar geworden.

»Das Techtel Mechtel mit des Zachen Tochter hat jetzt ein Ende,« sagte er zu seinem Sohne, der neben ihm schritt.

»Aber, Vater . . . .«

»Nichts da, die soll mit ihrem Bankert elend in Schimpf und Schande sitzen bleiben. Das gönn' ich dem weißhaarigen Spitzbuben.«

Und drüben in Sankt Leonhard rief am selben Abend der Lebzelter Zachen seine sämtlichen Töchter zusammen und erklärte mit greulichen Flüchen, lieber sechs uneheliche Enkel von Zigeunern und böhmischen Musikanten bekommen zu wollen, als einen rechtmäßigen vom Sohne des Katzenbräu.

Damit war die Feindschaft zwischen den Dörfern für immer besiegelt. Was der Zachen und der Katzenbräu thaten, thaten auch andere, und wer weder Söhne noch Töchter hatte, der warf Fenster in Scherben oder stellte dem Nachbarn ein Bein, daß er sich die Nase auf der Erde breitschlug. Konnte man aber einmal den Thäter nicht finden, dann schrieen beide Dörfer wie aus einem Munde:

»Das hat natürlich wieder so ein elender Kerl von da drüben gethan.«

So verbissen sie sich immer fester, wie zwei Raubtiere, die sich tüchtig gepackt haben und nicht mehr loslassen wollen.

Die beiden Schutzheiligen aber sahen unbeweglich auf den Spektakel herunter und rührten sich nicht.

Da – eines Sonntags wurde es dem heiligen Leonhard doch zu dumm. Er warf seine Ketten samt dem Hirtenstab auf die Altarstufen, wo sie der alte Meßner am frühen Morgen fand.

Das hatte gerade noch gefehlt.

»Ein Wunder, ein himmlisches Wunder!« schrieen die Leonharder ganz begeistert und warfen sich auf die Erde.

»Ein Schwindel, ein heilloser Schwindel!« antworteten die Barbarer und warfen die Fenster ein.

Aber es half ihnen nichts. Die Leonharder ließen Stab und Ketten vier Wochen lang auf der gleichen Stelle liegen, sie beteten die Wunderdinge an, sie setzten sie unter einen Glassturz und zeigten sie jedem, der sie sehen wollte.

Das waren nicht wenige. Aus der ganzen Umgegend kamen die Bauern herbeigezogen, schwere Stöcke in der Rechten, schwere Geldbeutel in der Tasche. Alles, was einst mit den beiden Dörfern zur Wallfahrt gegangen war, ging jetzt nur noch zum heiligen Leonhard, der so herrliche Wunder vollbringen konnte.

Als guter Geschäftsmann konnte der Katzenbräu einen kleinen Überschlag machen, was da verdient wurde, und die Barbarer zählten vor ihrer Heiligen an sämtlichen Knöpfen ihrer Rosenkränze wie Schulkinder auf der Rechentafel mit, indem sie die unbescheidene Frage stellten, ob sich ihre verlassene Schutzpatronin nicht auch mal zu einem kleinen Wunder entschließen könne.

Der bleiche Pfarrer hingegen sah jeden Morgen immer ungeduldiger zum Fenster hinaus, ob denn diese Stätte frivolen Aberglaubens noch nicht von der Erde getilgt sei. Statt dessen erblickte er fortwährend das rundliche Gesicht seines Kollegen und die stattliche Kirche, die die Leonharder funkelnagelneu angestrichen hatten, um sie den zahllosen Fremden in vollstem Glanz zu zeigen.

Solch blendenden Wohlstand konnte er nicht mehr vertragen, und deshalb erklärte er eines Tages mit donnernder Stimme von der Kanzel herunter, daß der heilige Leonhard seine Ketten nur deshalb abgeworfen habe, um seiner sündigen Gemeinde ein sichtbares Zeichen zu geben, wie sehr es ihn nach der heiligen Barbara verlange, von der man ihn freventlich getrennt hätte.

»Meinen Sie wirklich?« hätte der Pfarrer von Sankt Leonhard mit spöttischem Aufblicke zur Kanzel gefragt, wenn er diese schöne Predigt gehört hätte.

Die Barbarer aber fragten nicht lange, sondern stimmten mit frenetischem Jubel in den Ruf ihres Hirten ein:

»Ein Wunder war's, ein himmlisches Wunder!«

»Na, weil ihr's nur selber glaubt,« lachten die Leonharder.

So hatten es die Barbarer freilich nicht gemeint. Als schreckliches Wahrzeichen, als letzte Warnung von oben wollten sie das plötzliche Wunder nehmen. Dem heiligen Leonhard Waren seine Ketten nicht abgenommen worden, deshalb warf er sie selbst herunter, um seinen Schutzbefohlenen zu zeigen, daß man einem Heiligen niemals Gewalt anthun dürfe.

Die undankbaren Leonharder wollten diese Auffassung leider gar nicht verstehen. Nach wir vor strichen sie ganz gelassen das Geld in die Taschen, und es fiel ihnen nicht im Schlafe ein, den heiligen Leonhard noch einmal zur heiligen Barbara herüber zu tragen, nach der es ihn gar so gelüsten sollte.

Als sich nun die Barbarer in ihren besten Absichten so schändlich verkannt sahen, schluckten sie alle zarten Regungen energisch hinunter und erklärten von jetzt an jeden Leonharder kurzweg für vogelfrei.

Die Prügel fielen immer dichter, die Glaser wurden wohlhabende Leute, und auch die Bader verdienten ihr Geld.

An diesem heiligen Kampfe mitzuwirken, war Ehrensache für jeden rechtschaffenen Barbarer geworden. Alle mußten dabei sein, und wer nicht mitthat, der wurde über die Achsel angesehen wie ein pflichtvergessener Soldat.

So ging es bald dem verschlafenen Katzenbräu-Sohne, denn einem Leonharder Mädel nachzujammern, das war schon das dümmste, was sich ein tapferer Barbarer augenblicklich vorstellen konnte. Hatten doch auch die sämtlichen Liebhaber der fünf übrigen Töchter des Zachen ohne große Gewissensbisse eine lange Nase hinübergedreht und die Sorge für die Kinder dem wackern Lebzelter überlassen.

Der Leonhard that das nicht. Er war aus weicherem Holze geschnitzt, und so klagte er denn in der Einsamkeit herum, wobei er nicht wußte, wen er tiefer bedauern sollte, sein armes Mädel oder ihre Schutzpatronin, die heilige Barbara.

»Was macht denn der heilige Leonhard?« fragte er, als er mit Barbara einmal zufällig vor dem Dorfe zusammentraf.

Das Mädchen zog ihr rotes Kopftuch noch tiefer in die Stirne, um ja nicht erkannt zu werden.

»Schlecht geht's ihm,« antwortete sie traurig.

»Nicht wahr?« sagte er mit grausamer Genugthuung. »Ja, ja, der arme Kerl kann's halt nicht mehr aushalten.«

»Und die heilige Barbara?« fragte sie langsam.

»Der geht's genau so,« rief er trotzig. »Ist denn das aber auch anders möglich bei so einer Behandlung? Wenn ich daran denke,« fuhr er fort, »wie das früher schön war bei den Wallfahrten! Der heilige Leonhard war bei der heiligen Barbara, und wir zwei waren auch beisammen. Aber jetzt . . .«

Er sah sich vorsichtig um, ob niemand sie beobachtete. Dann wollte er sie umfassen.

»Hör' auf,« sagte sie. »Wenn das der Vater sieht.«

»Ist er noch grad' so?« fragte er.

»Mein Gott,« sagte sie. »Der läßt die heilige Barbara nie mehr zum heiligen Leonhard.«

»Und der heilige Leonhard?« fragte er wieder. »Läßt der sich das gefallen?«

»Ja, das weiß doch ich nicht,« sagte das Mädchen mit einem Seufzer. »Weißt du's vielleicht,« fragte sie leise, »ob er nicht doch einmal wieder zur heiligen Barbara kommt?«

Der Bursche wußte ihr keine Antwort zu geben, aber er versprach, die Sache bedenken zu wollen.

Zu Hause angelangt legte er den Finger an den Kopf und ging in seiner Stube umher.

Diese ungewohnte Arbeit strengte ihn jedoch außerordentlich an und hatte obendrein gar keinen Zweck. Denn, wie er sein Hirn auf marterte, er fand keinen andern Ausweg, als daß man eben die Heilige hinüber oder den Heiligen herüber tragen müßte, und das war ein Unternehmen, bei dem man die fürchterlichsten Prügel zu riskieren hatte.

Immerhin wäre es eine hohe That gewesen, die die beiden Heiligen gewiß mit wohlgefälligem Lächeln aufgenommen hätten. Sein Namenspatron hatte ja schon ein ermutigendes Zeichen gegeben, indem er die Ketten abwarf, also bekam auch der Bursche etwas mehr Zuversicht. Er ging in das Nachbardorf hinüber, und weil er vom Gesichte des Heiligen eine freudige Zustimmung, ein sehnsüchtiges Verlangen zu lesen glaubte, erteilte er zufriedenen Sinnes eines Tages im Stillen der Barbara die schuldige Antwort auf ihre letzte Frage.

»Ja,« sagte er vor sich hin, »ich weiß es jetzt, vielteure Barbara, der heilige Leonhard kommt wieder zu seiner Herzenskönigin.«

Damit beschloß er trotz aller Gefahren, in der nächsten Nacht bei Barbara einzusteigen.

Er wollte die Sache zunächst am eigenen Leibe probieren. Glückte das, dann wollte er weiter sehen, was sich für die Heiligen thun ließe, damit sie nach so langer Entbehrung auch wieder einmal ein Vergnügen hätten.

Im tiefen Dunkel schlich er auf weiten Umwegen nach Sankt Leonhard, wo er auf einer morschen Leiter ins Zimmer der Barbara stieg.

Seltsamer Weise versagte sein Schutzpatron dem schönen Unternehmen seine wunderthätige Hilfe. Es ging übel aus, trotz aller Rosenkränze, die der tapfere Leonhard vorher zu ihm gebetet hatte.

Der alte Lebzelter litt nämlich in letzter Zeit an sehr schlechtem Schlafe. Der bedeutende Aufschwung seines Geschäftes, sowie der beständige Argwohn gegen die elenden Barbarer ließen ihn schon beim geringsten Geräusche vom Lager emporfahren.

Damit hatte der unbedachte Leonhard, der von früher her an einen recht kräftigen Schlummer des Alten gewöhnt war, garnicht gerechnet, und auch die leichtsinnige Barbara hatte es völlig vergessen.

Ihr Vater aber litt schmerzlich darunter, und als er nun auf einmal sein altes Haus von oben bis unten in schwankender Bewegung fühlte, wie ein Schiff bei hohem Seegang, da packte ihn erst eine schreckliche Angst, dann eilte er, von schlimmen Ahnungen getrieben, zum Zimmer seiner Tochter Barbara.

Dort setzte es einen Skandal, daß die Nachbarn zu Hilfe eilten, weil sie alle meinten, der arme Zachen sei plötzlich verrückt geworden.

Sobald sie aber von dem schwerbeleidigten Vater die Ursache seines Jammers erfuhren, stimmten sie ein Wutgeheul an, daß die Barbarer auch noch aus den Betten sprangen und zu Knüppeln und Sensen griffen.

Glücklicherweise gelang es Leonhard, in diesem allgemeinen Wirrwar den Dreschflegeln der erbitterten Leonharder durch einen Sprung aus dem niederen Heustadel zu entgehen und in sein Heimatdorf hinüber zu stürzen.

Freilich, da kam er vom Regen in die Traufe! Die Barbarer mit ihrer hellen Auffassungsgabe errieten sofort an seiner luftigen Gewandung, woher er so eilig des Weges kam.

»Du hast uns diesen Schimpf angethan,« schrieen sie ihm entgegen und prügelten ihn, daß selbst die Leonharder vollauf zufrieden sein konnten.

Der schöne Plan war gründlich zu Wasser geworden. Wochenlang trug der Katzenbräu-Leonhard die deutlichen Zeichen an sich, daß die beiden Heiligen von einer so gewaltthätigen Wiedervereinigung nichts wissen wollten, und drüben weinte die arme Barbara vor dem Standbild des heiligen Leonhard aus schwergefoltertem Herzen, weil sie so fürwitzig gewesen war zu fragen, wann er wieder zur heiligen Barbara käme. Sie hatte bei dem Handel gleichfalls ihre blauen Wunder erlebt und schämte sich, wieder unter Menschen zu gehen.

»Nur nicht gar so traurig,« sagte einmal der gutherzige Pfarrer zu ihr, als er sie immer des Abends an der gleichen Stelle fand.

Barbara erhob sich schwerfällig:

»Ach, Hochwürden . . .«

Da nickte ihr der Pfarrer befriedigt zu und klopfte ihr beruhigend auf die bloße, runde Schulter.

Er mochte Barbara von jeher gern leiden, denn sie war ein liebes Geschöpf mit hübschen, braunen Augen und gefälligen Manieren. Daß sie dabei auch auffallend stramme Hüften und eine gut entwickelte Büste besaß, mußte der Pfarrer wohl oder übel gleichfalls bemerken, wenn er mit seinen Gemeindekindern überhaupt reden sollte. Übrigens hätte er sich in dem Punkt nicht das geringste einreden lassen, weder von dem knochigen Pfarrer von Sankt Barbara, noch von einem Erzbischof.

Darum sah er sich jetzt des Zachen saubere Tochter von oben bis unten mit aller Gemütsruhe an. So konnte er sich die ganze Schwere der Sünde vor Augen halten, die sie mit dem Leonhard wieder begangen hatte.

Als er so lange nichts redete, fing Barbara unter seiner Hand leise zu zittern an, aber in dem Herzen des Pfarrers regierten ausschließlich Versöhnung und Milde.

»Ja, ja, nur guten Muts,« wiederholte er, »der heilige Leonhard wird's schon machen.«

Wie's der heilige Leonhard machen werde, verschwieg er, weil er's selber nicht gewußt hätte.

Der strenggläubigen Barbara wäre es auch niemals in den Sinn gekommen, danach zu fragen. Sie war schon froh, daß sie der Hochwürden so freundlich angeredet hatte und opferte nun alle Sonntage voll zärtlichen Vertrauens in kleines Herz aus geweihtem Wachs, das sie vorher aus der reichen Vorratskammer ihres Vaters gestohlen hatte.

Je mehr sie opferte, um so freundlicher nickte ihr der gütige Seelsorger zu, und dann drohte er eines Sonntags sämtlichen Weibern seiner Gemeinde in unzweideutiger Weise, sie sollten sich nicht unterstehen, etwa einen Stein zu werfen, sondern reumütig an den eigenen Busen klopfen.

Barbara stieg in den Augen der Leonharder, und als der Pfarrer bei einer Wallfahrt gar noch dem Zachen energisch zusetzte, ihr zu vergeben, da war sie angesehener als jemals zuvor.

Von einer Wiederversöhnung mit dem Katzenbräu-Leonhard hatte der Pfarrer dem Vater freilich kein Sterbenswörtchen gesagt, indessen mußte er als feiner Menschenkenner schließlich selbst wissen, daß dies bei dem alten Starrkopf vergeblich gewesen wäre, ganz vergeblich, na, und überberdies war das eben die Sache, die der gütige Pfarrer dem heiligen Leonhard überlassen wollte, der's schon machen werde.

Aber der heilige Leonhard machte gar nichts, und der seinen Namen trug, des Katzenbräu arg verprügelter Sohn, heulte sich wieder die Augen wund.

Ihn hatte sein Pfarrer mit ewiger Verdammnis bedroht, wenn er noch einmal der schändlichen Sünde verfallen werde, und sein Heimatsdorf wischte ihm eins aus, wo er sich sehen ließ.

Die guten Barbarer brauchten nämliche einen Prügeljungen für ihren unaufhaltsamen Niedergang.

Früher, bei den einträglichen Wallfahrten hatten sie einfach das Maul aufgesperrt, um die gebratenen Tauben hineinfliegen zu lassen; jetzt, wo die freundlichen Tiere ihrem Kirchturm fern blieben, wollten sie nicht wieder die Arbeit aufnehmen.

Nur zu bald sollten sich die Folgen zeigen.

Statt der frommen Pilger wurden die Gerichtsvollzieher die ständigen Gäste, und die ließen kein Geld sitzen, sondern nahmen es, wo sie's fanden. Schon sah man das Vieh aus den Ställen wandern und die Betten aus den Zimmern. Die Häuser verloren ihre Sauberkeit, die Blumen vor den Fenstern verdorrten in den Scherben, und durch das absterbende Nest schlich das lange, graue Elend mit ekler Grimasse.

Da kam denn der Sohn des Katzenbräu gerade recht. Er konnte sich nicht wehren wie die verhaßten Leonharder, die Hieb mit Gegenhieb zu vergelten pflegten, während ihre Häuser immer blanker und ihre Börsen immer voller wurden.

»Wir haben kein Glück mehr,« jammerte das Dorf.

Der Leonhard mußte es büßen, daß sie kein Glück hatten. Alle Tage bekam er seine Prügel, alle Tage wurde er hohnlachend durch die Straßen gezogen.

Und wo ganz Sankt Barbara mitthat, da wollte der eigene Vater doch nicht zurückbleiben, dessen Bier nur noch die Landstreicher tranken – wenn sie's geschenkt bekamen. Auch er hielt sich schadlos an seinem Buben und halste ihm schließlich der Bequemlichkeit halber die ganze Schuld an der allgemeinen Verachtung auf, die ihm sein böses Gebräu eintrug.

Voll tiefster Zerknirschung kauerte der abgehetzte Leonhard zu Füßen der heiligen Barbara, seinem letzten, täglichen Zufluchtsorte.

Hier in der grabesstillen Kirche gab es zwar niemand, der ihn getröstet hätte, aber hier durfte er wenigstens nicht geprügelt werden, hier konnten ihm nicht die Namen sämtlicher Stalltiere der Reihe nach an den Kopf fliegen, hier war er geborgen vor Barbarern und Leonhardern, denn in die Kirche ging zur Wut des Herrn Pfarrers schon bald keine Seele mehr.

Die Barbarer hatten noch immer auf ein Wunder gehofft, das die Thalerstücke wieder ins Dorf würfe, als sich die Heilige aber gar nicht dazu anschickte, gaben sie jede Hoffnung endgültig auf und straften die einst so Gepriesene mit stiller Verachtung.

Ihr letzter Verehrer war der Katzenbräu-Leonhard geworden, der seine zerschlagenen Glieder auf den marmorierten Holzstufen langsam zurechtlegte.

»Dein heiliger Leonhard hat mich elend im Stich gelassen,« sagte er traurig.

Zum Beweise dafür ließ er bittre Seufzer hören und langte mit beiden Händen auf die schmerzenden Stellen.

Die Heilige hörte sehr aufmerksam zu und sah nachdenklich auf den einzigen Bittgänger ihres Dorfes herab.

Eigentlich war er kein schwächlicher Bursche, im Gegenteil, er hatte Arme und Schenkel wie von Eisen, aber er war schwer von Entschluß, er wartete immer bis die andern schlugen, und dann war's natürlich lange zu spät. Seine braunen, verschwommenen Bollaugen, die jetzt andächtig zur heiligen Barbara hinaufgingen, sahen die Gefahr erst, wenn er mitten drinnen war, oder wenn er schon tüchtig zerwalkt auf der Strecke lag. Sonst hätte er doch dem frechen Lebzelter das Lästermaul stopfen müssen, als der alte Hallunke das ganze Dorf zusammenschrie und dabei die verächtlichsten Schimpfworte auf die heilige Barbara losließ.

Oh, dieser Gotteslästerer!

Leonhard erzählte der Heiligen mit weinerlicher Stimme, was der alte Zachen auf seine bewegten Vorstellungen vor Barbaras Bettstatt damals alles erwidert hatte. Er erzählte umständlich, in einem krausen Durcheinander.

Daß sie überhaupt gar keine Heilige sei, daß die Geschichte mit dem Wunderschuh garnicht passiert sei, daß sie auch niemals den Katzenbräu-Leonhard mit seiner Tochter zusammen bringen werde, und daß es zu bedauern sei, daß sich der heilige Leonhard früher mit ihr eingelassen habe.

Ob das der Zachen in der flughaften Eile jener schwülen Liebesnacht wirklich alles gesagt hatte, was er heute der Heiligen stundenlang vorrechnete, das hätte der Leonhard wohl selbst nicht beeidigen können. Er besann sich nur noch, daß er mitten in dem niedersausenden Prügelregen von dem wütenden Lebzelter den ersprießlichen Rat bekam, sich vom Wunderschuh der heiligen Barbara helfen zu lassen. Das andre dichtete er dazu, um zu sticheln und aufzuhetzen, auch vergaß er nicht, dazwischen den treulosen, heiligen Leonhard ein bischen anzuschwärzen, der zum Zachen gehalten hatte.

Die Heilige hörte sehr aufmerksam zu, aber sie gab kein Zeichen von sich.

Kerzengerade schwebte sie in einer blaugestrichenen Himmelswolke ein wenig über dem reichgestickten Meßtuch des Hochaltars. Auf ihrem Haupte trug sie eine schwere Krone, mit der hochgehobenen Linken hielt sie ein Sträußchen ganz verstaubter Blumen umspannt, und dorten unter dem fadenscheinigen Purpurmäntelchen lugte der goldgestickte Wunderschuh hervor, dessen Spitze ein grüner Edelstein von unermeßlichem Werte zierte.

Leonhard sah nichts mehr auf der ganzen Welt als diesen Schuh. Seine Augen wuchsen langsam aus den Höhlen heraus wie aufgehende Seifenblasen, und seine Hände begannen zu zittern. Wer den Schuh besaß, konnte den Leonhardern tausendfach heimzahlen.

Und so betete denn der fromme Leonhard ganz laut, daß es durch die Kirche hallte:
»O, heilige Barbara, wirf mir deinen Schuh herunter, wie du das damals gethan hast, als der arme Geiger in Not war. Schau, heilige Barbara, ich bin auch in Not, ich darf nicht mehr zu meinem Mädel gehen, wie du nicht mehr zu deinem Leonhard darfst, aber ich gelobe dir auf Ehre und Seligkeit, du sollst statt dessen an mir zeitlebens einen treuen Verehrer haben, wenn du mir jetzt die hohe Gnade erweisen willst, ein Wunder zu wirken. Dann wird auch der heilige Leonhard einsehen, daß so etwas auch noch andere fertig bringen und wird sich gefügiger zeigen.«

Die Heilige hörte wieder sehr aufmerksam zu und rührte sich immer noch nicht.

Traurig schüttelte der Leonhard den Kopf. Es war doch auch manchmal mit den Heiligen eine eigene Sache. Wenn sie nicht wollten, dann konnte man tagelang betteln, sie blieben hartherzig und erhörten einen nicht.

Schon zuckte es wieder um seine Mundwinkel, schon würgte er die aufsteigenden Thränen hinunter, als ihm plötzlich die kleine Puppe zu Füßen der Heiligen ins Auge fiel.

Das graugekleidete Männchen mit dem Fiedelbogen war der Geiger, an dem sie das vielbezweifelte Wunder gewirkt hatte. Er kniete natürlich schon immer an der gleichen Stelle, aber noch niemals hatte ihn der Leonhard so mit den Augen verschlungen wie heute.

Ein breites Grinsen teilte des Burschen rundes Gesicht mit klaffendem Risse.

Jetzt hatte er's endlich gefunden! Auch er mußte sich vorher ein bischen plagen, wie der Geiger es gethan hatte, denn umsonst wirken die Heiligen keine Wunder auf Erden.

Hastig griff er seine Taschen ab und suchte und suchte. Endlich verklärten sich seine Züge, er hielt eine Stelle an der Joppe fest und zog gleich darauf mit triumphierendem Gesichte seine Mundharmonika hervor.

Ohne Zaudern spielte er nun der himmlischen Musikfreundin einen wiegenden Ländler auf, erst ein bischen langsam, dann immer wärmer, immer gefühlvoller, wie früher, wenn beim Katzenbräu getanzt wurde.

Und jetzt geschah es wirklich, was der Bursche ersehnt hatte: Die Heilige konnte nicht widerstehen, als sie die Töne vernahm. Sie erhörte ihren gepeinigten Schützling und warf ihm mit holdseligem Lächeln ihren Goldschuh herunter, dem Zachen und allen Leonhardern zum Trotz!

Ah, denen wollte der Leonhard den Wunderschuh unter die Nase halten!

Nicht gleich auf das erstemal hatte er ihn erhalten. Die Heilige hatte noch nicht genug und verlangte mehrere Zugaben. So spielte er denn noch einen Walzer, einen Schuhplattler, aber da – als er sich die Lippen schon blutig gehobelt hatte und immer ärgerlicher mit dem Kopfe wackelte, wollte er auf einmal deutlich bemerkt haben, daß die Heilige den Wunderschuh ein ganz klein wenig bewegt habe.

Zitternd war er näher getreten. Der Schuh saß zwar noch unbeweglich an der gleichen Stelle, aber jetzt wußte der Leonhard schon ganz bestimmt, daß er sich nicht geirrt hatte. Darum wollte er sich wenigstens gründlich überzeugen und der Heiligen bei ihrer löblichen Absicht etwas behilflich sein. Er zupfte ein bischen an dem faserigen Gewebe, dann wieder ein bischen, dann etwas ungeduldiger, und nun geschah es auf einmal, das große, gewaltige Wunder.

Der Goldschuh fiel endlich herab, und mit ihm plumpste der gottbegnadete Leonhard vor freudigem Schreck wie ein vollgepfropfter Mehlsack auf die Altarstufen nieder.

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