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Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Zweiter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid8ef46a07
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VIII.

Kaiser Rudolf war nunmehr mit den Böhmen versöhnt, aber der gewaltsame Tod Heinrich's von Frankreich, sowie die Vermuthung, die sich schon damals herausstellte, der gräßliche Mord sei durch die eigene Familie des Königs veranlaßt oder begünstigt worden, stimmte ihn nur finsterer, mürrischer, menschenscheuer und seinen Brüdern gegenüber auch mißtrauischer. Er bereute den mit Mathias getroffenen, oder vielmehr ihm abgezwungenen Vergleich und die Abtretung so großer, reicher Länder, deren er sich ohne Schwertstreich, in augenblicklicher Verblendung und auf die Ueberredung der von seinem Gegner gewonnenen Rathgeber hin begeben hatte.

»Nein, Julius,« sagte er in einer traulichen Stunde zu seinem Sohne, indem er heiterer als sonst seine Locken streichelte, »mein Lebensabend ist noch nicht gekommen; es gilt, für den Rest noch etwas zu wagen. Treulosigkeit heischt keine Treue, und Gewalt giebt nicht das Recht auf Besitz. List fordert List heraus; was Du mir nimmst, wenn mein Arm gelähmt, nehm' ich Dir wieder, wenn mein Arm genesen und gekräftigt. Die Sterne sind dem Unternehmen günstig, sagt mein Mathematicus. – Warum soll ich am Rand des Grabes nicht ein Wagniß beschließen! Mehr zu verlieren ist nicht, als was schon verloren. – Sieh' mein Knab': die Herrschaft Krumau, die mir heimfiel nach dem Tode des letzten Rosenbergers, ist Dein, verbrieft, durch die Landtafel verbürgt. Du bist so einer der reichsten Edlen Böhmens, und den Namen Julius von Oesterreich können Dir meine Herren Brüder und Vettern nicht rauben. – Aber es ist doch nur ein kleines, winziges Erbe, das ich Dir, meinem einzigen, meinem – einzig geliebten Sohne hinterlasse, ich, der Kaiser, der König und Herr so vieler Reiche. – Lass' mich darum, mein Kleiner, noch einen Kampf wagen; vielleicht erobere ich Dir noch ein Scepter, wenn auch der Ausgang nicht groß und glänzend ist. Was ich jenen nehme und Dir gebe, hat zehnfachen Werth für mich; denn Dir geb' ich gern und dort nehm' ich gern, weil mir genommen wurde.«

Der schüchterne willenlose Knabe schmiegte sich sanft an seinen Vater und hatte in seiner demüthigen Liebe nur eine Bitte: »Leb' nur für Dich, mein Vater – nicht für mich! Wär' ich groß und mächtig, ich wollte alle Deine Kronen wieder holen.«

»Die Böhmen hab' ich kürzlich erst beschenkt,« sagte der Kaiser schlau lächelnd, »wir wollen sehen, ob sie dankbar sind, wie sie mir's versprochen. Waren sie gute Kaufleute damals, müssen sie sich jetzt die Gegenrechnung gefallen lassen. – Ich hab' so einen geheimen Bund mit meinem Vetter, dem Bischof Leopold von Passau, Ferdinand's Bruder. Der will mir wohl, wohler als die Brüder – und der mag helfen. – Davon darf freilich niemand wissen, und ich selbst kann es nicht Wort haben. Merk' Dir das wohl, mein Sohn. – Ich will einmal einen Reichstag nach Prag ausschreiben und die Fürsten leise fragen, ob sie noch etwas halten von dem alten Kaiser Rudolf, der ihnen stets wohl gewollt. – Und gilt's einen Krieg, mit Geld kann man schon Krieg führen. Meine Adepten dort hinten in dem finsteren Gäßlein,« fügte er mit fast kindischer, abergläubischer Zuversicht hinzu, »die Chemiker, sie sind dem Ziele nah', sie brauen mir Gold aus Blei und anderem schnöden Metall. Und Geld beherrscht die Welt – die Krone selbst, wär' sie nicht von Gold, hätte keinen Werth und keine Bedeutung. Merk' Dir das, mein Söhnlein!«

In der That schrieb Rudolf eine Reichsversammlung nach Prag aus. Dabei erschienen die Kurfürsten von Mainz, Köln und Sachsen, die Herzoge von Bayern und Braunschweig, auch die Erzherzoge Max und Ferdinand von Oesterreich. Andere Reichsfürsten hatten ihre Gesandten geschickt, auch Mathias desgleichen. Der Zweck derselben war bis zur Eröffnung der ersten Sitzung ein Geheimniß. In dieser aber erschien der Kaiser selbst und beklagte sich den Repräsentanten gegenüber über das Unrecht und die Gewaltthätigkeiten, so ihm, dem deutschen Reichsoberhaupte, von seinem Bruder widerfahren. – Seine Rede machte großen Eindruck, und schon in der nächsten Versammlung verlas der Kurfürst von Mainz eine ausführliche Schrift, worin enthalten war, was die sämmtlichen Kur- und anderen Fürsten beschlossen hatten, um dem Kaiser, ihrem Oberhaupte, Genugthuung zu verschaffen. Die Hauptpunkte besagten, daß der ernannte König Mathias von Böhmen dem Kaiser knieende Abbitte leisten und ihm ganz Oesterreich und Mähren wieder zurückgeben sollte.

Diesen Reichsbeschluß meldeten die Gesandten des Mathias sofort nach Wien, von woher auch bald die Nachricht einlief, daß sich Mathias dem Ausspruche des Reichstages unterwerfen wolle.

Der Kaiser schien zufriedengestellt, und die Fürsten reisten wieder nach Hause zurück. Aber Mathias' Unterwürfigkeit dauerte nur für die Zeit ihrer Anwesenheit in Prag, er gedachte weder Oesterreich noch Mähren zurückzugeben. Nur die Abbitte wollte er leisten und sandte zu diesem Zwecke einen Abgesandten nach Prag, der sie in seinem Namen ablegen sollte. – Rudolf aber wies diese Ceremonie stolz und entschieden zurück. »So wenig ich den falschen Bruder liebe,« sagte er, »so wenig soll es, um Habsburgs Stammes willen, einmal heißen, ein Erzherzog von Oesterreich habe sich vor dem Kaiser demüthigen müssen und kniend Reue üben. – Treibt ihn sein Herz und Redlichkeitsgefühl zu nichts anderem, dies mag ich ihm schenken, wie ich ihm Länder geschenkt. Ist's keine Schmach, sie jetzt noch zu besitzen, so verlang' ich auch die Schmach seiner Demüthigung nicht.«

Rudolf schien einen solchen Ausgang erwartet zu haben. Doch wider alles Erwarten bot er nicht zum zweitenmale die Hilfe der Reichsfürsten auf, auch warf er nicht sofort dem störrischen Vasallen und Kronenräuber den Fehdehandschuh hin. Aber Erzherzog Leopold – Ferdinand's Bruder, der oben erwähnte Bischof von Passau – warb plötzlich mit aller Macht Truppen, man wußte nicht, ob mit Wissen und Willen des Kaisers. Es hieß, diese Kriegsvölker seien gegen Deutschland bestimmt und man wolle sich der Jülich'schen Erbschaft versichern. Als aber achttausend Mann auf den Beinen waren, rückten sie unter Anführung der Grafen von Sulz und Althan, des Adam von Trautmannsdorf und Laurenz Ramee in Oesterreich ein. Von hier wandten sie sich plötzlich nach Böhmen und bemächtigten sich der Städte Budweis, Krumau, Pisek und Tabor durch Gewalt oder List. Dieser unvermuthete Einfall erregte allgemeine Bestürzung. Man sagte öffentlich, Rudolf lasse diese Völker nach Prag kommen, um den Erzherzog Leopold, der sich wie zufällig an seinem Hofe befand, zum Nachfolger in Böhmen krönen zu lassen und den Böhmen den ertheilten Majestätsbrief wieder zu entreißen. Das Letztere war nicht des Kaisers Absicht, wenn auch die Herren Slavata und Martinic im günstigen Augenblicke dazu gerathen hatten; er wollte vielmehr die Truppen und Leopold dem Mathias entgegenstellen, obgleich er den Ständen gegenüber auch dies in Abrede stellte und erklärte, der Passauer Einfall sei gegen seinen Willen und sein Wissen geschehen, die Stände möchten ihn abwehren und das Reich vor allen üblen Folgen schützen.

Während man sich in der Eile zur Gegenwehr rüstete, nahmen die Passauer bereits die Stadt Beraun ein, rückten in einem Tage vor Prag und lagerten sich auf dem weißen Berge. Von hier aus erklärten sie, sie wären in Folge Reichsbeschlusses gekommen, um sowohl seine kaiserliche Majestät als die Stände vor Gewaltthätigkeiten zu schützen. Aber diese Erklärung genügte den Ständen nicht; deshalb ritt Erzherzog Leopold, der eine Gemeinschaft mit ihrem Vorhaben ablehnen wollte, in das Lager hinaus und versprach den Ständen sichere Nachricht über ihre Absichten zu bringen. Gleichzeitig erschien ein Passauer Rittmeister in der Stadt, trat vor die Stände und stellte die Frage, ob sie sich zum Schutze des Kaisers mit seinen Völkern vereinigen wollten.

Man zögerte mit der Antwort bis zur Rückkunft des Erzherzogs. Dieser brachte den Bescheid, die Passauer Völker seien entschlossen, abzuziehen, wollten die eingenommenen Städte auch sofort übergeben, wenn man ihnen das schriftliche Versprechen leistete, daß sie auf ihrem Rückzuge nicht beunruhigt werden sollten. Damit waren die Stände zufrieden und schickten ihnen die verlangte Schrift ins Lager. Man versah sie mit Lebensmitteln und unterließ alle Sicherheitsmaßregeln, da der Frieden so gut wie hergestellt war.

Aber bei anbrechendem Tage schlich sich eine Abtheilung der Passauer zwischen der Moldau und der Stadtmauer durch die Gärten in den Aujezd, bemächtigte sich des Thores und hieb die Wachen nieder. Sogleich rückte das ganze Heer nach und fiel über die wehrlosen Einwohner her. Man stürmte mit allen Glocken, die Bürger griffen zur Wehr, feuerten aus den Fenstern, Graf Thurn stellte sich an die Spitze einiger Reiterei; aber stark am Arme verwundet und von der Uebermacht gedrängt, mußte er sich ins Schloß zurückziehen. Die Bürger, um dem Blutvergießen ein Ende zu machen, hingen zum Zeichen der Uebergabe weiße Tücher aus den Fenstern.

So waren die Passauer im Besitz der Kleinseite und wollten sich nunmehr auch der Altstadt bemächtigen. Einige hundert Mann zu Pferde stürmten den Brückenthurm, fanden zwar daselbst Widerstand, drangen aber doch in die Altstadt. Jetzt sperrte man jedoch hinter ihnen das Brückenthor und schnitt ihnen den Rückzug ab. Sie sprengten bis auf den Ring vor; hier wurden sie von den ständischen Truppen und den rasch bewaffneten Bürgern umzingelt und in Stücke gehauen. Nur wenige flüchteten sich in die Klöster. Jetzt rottete sich der Pöbel und viele Bauern, die während der Unruhen nach Prag gekommen waren, zusammen, um die Flüchtlinge aufzusuchen oder vielmehr die Wohnungen der Geistlichen zu plündern. Sie fielen über das Kloster Emaus her, fanden daselbst zwei Passauer Soldaten und erschlugen sie nebst drei Mönchen. Von hier stürmten sie auf den Wyschehrad und plünderten die Häuser der Domherren. Der Prälat auf dem Karlshof bot ihnen zweihundert Ducaten, sie nahmen das Geld, schlugen die Priester todt, plünderten die Kirche, berauschten sich in den Kellern und verwüsteten das Kloster. Bei Maria Schnee ermordeten sie zwölf Franciscaner und schossen vier von den Dächern herab, die sich dahin geflüchtet. – Jetzt rannten sie unter dem Gebrüll: »Vorwärts in die Jesuitenmesse!« in die Altstadt zum Clementinum. Die Jesuiten hätte unfehlbar dasselbe Los getroffen wie die Franciscaner; aber die Herren Vladislav von Mitrovic und die beiden Kinsky, Wenzel und Wilhelm, nahmen sie an der Spitze eines Haufens Ständischer in Schutz und wehrten die wüthende Rotte ab. Doch mußte man ihnen gestatten, die Kirche zu durchsuchen, ob sich kein Passauer darin verborgen hatte. Bei einbrechender Nacht verliefen sich die Räuber mit ihrer Beute, am folgenden Tage aber bemächtigten sich die Stände der Rädelsführer und ließen sie zur Stadt hinauspeitschen.

Inzwischen hatten sich die Passauer auf dem Hradschin versammelt und dem Kaiser den Eid der Treue geschworen. Rudolf, der nunmehr offenbar mit seiner Absicht hervortrat und das Passauer Kriegsvolk als in seinem Solde stehend bezeichnte, schickte die Herren Adam von Sternberg, Slavata und Czernin an die in der Neustadt in Kinsky's Hause versammelten Stände und verlangte, sie sollten ihre Kriegsvölker mit den Passauern vereinigen, ihr schweres Geschütz an ihn ausliefern, das Brückenthor öffnen und die Verschanzungen wegräumen. Rudolf wollte sich der Ständischen versichern, um sie mit den Passauern gegen Mathias zu führen. Aber der ganze Plan war ungeschickt angelegt, und die Stände, empört über eine solche Zumuthung, erklärten kurz, sie würden sich mit einem Gesindel, das räuberisch in das Land gefallen, sich durch Verrath eines Theiles der Stadt bemächtigt und friedliche Bürger erschlagen, nicht vereinigen, sie wären vielmehr entschlossen, diese Eindringlinge zum Lande hinauszuwerfen, und deshalb könnten sie weder ihre Kanonen ausliefern, noch das Brückenthor öffnen. Sofort schickten sie Abgeordnete an König Mathias nach Wien, mit der Bitte, er möge nach Böhmen kommen und sein Land wider die Passauer schützen. Wenzel von Budova ging zu gleichem Zwecke an die mährischen Stände ab, und an alle Kreise Böhmens lief der Befehl aus, Kriegsvölker nach Prag zu schicken.

Zwar ließ Rudolf auf diese Weigerung hin dem Passauer Feldherrn Sulz fünf schwere Kanonen übergeben, und befahl ihm, diese auf der Letnice, einer Anhöhe des Hradschiner Berges, aufzustellen und gegen die Altstadt zu richten; da aber auch diese Drohung ohne Erfolg blieb, so schickte er eine neue Botschaft an die Stände und ließ ihnen folgenden Vorschlag thun: Die ständischen Truppen der Alt- und Neustadt sollten in Gegenwart von zwanzig Passauer Kriegsofficieren gemustert werden und dem Kaiser Treue schwören; das Brückenthor der Altstadt soll geöffnet, der aufrührerische Pöbel aus der Stadt verwiesen und den Passauern ein sicheres Geleit, um Prag und Böhmen verlassen zu können, bewilligt werden.

Die Stände wußten wohl, daß sich der Kaiser ihrer Truppen nur versichern wollte, um in Gemeinschaft mit ihnen gegen seinen Bruder aufzutreten; aber er hatte sich der Passauer zuerst friedenstörend gegen sie selbst bedient, einen Feind im Lande unter seine Obhut genommen; wie bald konnte er, war er mit Mathias fertig, nicht dieses fremde Kriegsvolk zu ihrer Unterdrückung benutzen! Sie wandten sich darum an Mathias, in der einen Hand ihr Schwert, auf dessen Spitze die Krone, in der anderen den Majestätsbrief; nur Eines mit dem Anderen sollte, eines ohne das Andere konnte er nicht haben. Sie antworteten daher in Erwartung der Rückkehr ihrer Abgesandten auf die kaiserlichen Propositionen: den Eid wollten sie ablegen, die Truppen mustern lassen, aber nicht im Beisein der Passauer Räuber und Todtschläger, das Thor wollten sie öffnen, aber erst wenn die fremde Soldatesca drei Meilen von Prag entfernt wäre. Die Urheber des letzten Tumultes aus dem Volke – welchen doch nur der Passauer Einfall hervorgerufen – seien bestraft und vertrieben, den Passauern aber könnten und möchten sie kein freies Geleit geben, weil sothanes Kriegsvolk ohne irgend eine kaiserliche oder landständische Autorität ins Land gefallen und daher ebenso wieder abziehen möge.

Dem Kaiser, welcher ein Spiel unternommen, zu dessen Wagniß seine den Protestanten aufsässigen Räthe das Feuer geschürt, ward nunmehr die Anwesenheit der Passauer selbst lästig, er wollte sich ihrer auf gelinde Weise entledigen, ohne den Ständen gegenüber feig zu erscheinen. Ja, als aus fast sämmtlichen Kreisen von Böhmen Kriegsvölker zu Fuß und zu Roß herbeiströmten, den Ständischen gegen die Eindringlinge zu helfen, lag es ihm daran, mit den Böhmen sich zu versöhnen. Er merkte zu spät das Verfehlte seiner Maßregel und das Verderbliche geheimer Kunstgriffe; darum ließ er den Ständen einen abermaligen Vorschlag machen, und zwar durch den Herrn von Dohna, einen Sachsen, aber böhmischen Vasallen. Dieser begann seine etwas anmaßliche Anrede in deutscher Sprache, worauf man ihm bemerklich machte, daß er in Böhmen, Böhmens Landständen gegenüber und nicht in Deutschland sei und ihn zur Thür hinausbeförderte. Den Sturm aber beschwichtigte der Oberstburggraf Adam von Sternberg, wenngleich Katholik und kaiserlicher Rath, doch beliebt und geachtet, ein vortrefflicher Redner, indem er die Böhmen an die Verleihung des Majestätsbriefes, an des Kaisers hohes Alter, an seine milde Gesinnung, an die von seinen Verwandten ihm widerfahrenen Unbilden, an seine trübe Geistesstimmung erinnerte und gemahnte, und sie schließlich aufforderte, einen hart gebeugten Fürsten nicht noch mehr zu kränken und ihm den Lebensabend nicht verbittern zu wollen.

Die Böhmen, gutmüthig und nachgiebig wie alle Völker, wenn sie das Wort des Friedens und der Versöhnung statt des der Drohung und des Hochmuthes vernehmen, fügten sich sofort der Aufforderung Sternberg's und verlangten nur, die Passauer sollten binnen vier Tagen abziehen, dann wollten ihre Truppen dem Könige den Eid der Treue leisten; in sechs Tagen müßten die Fremden das Königreich verlassen haben, zuvor aber die gegen die Altstadt errichteten Werke niederreißen, die Kanonen in das Zeughaus abliefern und allen Schaden, so sie den Pragern, den Budweisern, Taborern, Beraunern durch ihren Einfall verursacht, ersetzen.

Die kaiserlichen Abgeordneten entgegneten, die Erfüllung des letzterwähnten Punktes sei unmöglich, denn wer anders, als der Kaiser, den man doch nicht zum Mitschuldigen machen werde, müßte in diesem Falle diese großen Kosten bezahlen.

Mathias Thurn, den Arm noch in der Binde, antwortete entschieden: »Wir haben die Passauer nicht ins Land gerufen, das ist entschieden – und folglich können wir sie nicht bezahlen. Sind sie wegen des Königs Mathias gekommen, so mag seine kaiserliche Majestät sich von diesem die Kosten bezahlen lassen; denn, wer den Rechtsstreit verliert, zahlt die Anwälte!« – Die Versammlung ging murrend und lärmend auseinander.

Nach der Verleihung des Majestätsbriefes war Böhmen glücklich und ruhig, es ging einer schönen Zukunft entgegen; die protestantischen Stände des Reiches dachten an keinen Friedensbruch, aber die Familienverhältnisse des Kaisers beschworen das neue Unheil herauf. Rudolf wollte die Länder wieder haben, die ihm sein Bruder geraubt; in dieses Familienzerwürfniß wurden natürlich die Völker mit verwickelt. Hätte der Kaiser den Majestätsbrief früher gegeben, bevor ihn die Furcht vor Mathias den Ständen gegenüber dazu zwang, die Böhmen hätten nie gestattet, daß er in seinen Würden und Besitzthümern verkürzt werde.

Sie standen zwischen zwei Kaufleuten, die sich in ihren Geboten steigerten, und wandten sich dem angestammten zu, weil er auf gesetzlicherem Wege ihren Anforderungen entsprach. Sie hatten dabei Rudolf nicht an Mathias verrathen, sie nahmen von ihm die gerechte Forderung in Empfang, die Gewährung beförderte der Umstand, daß sie ein anderer im Verweigerungsfalle zahlen wollte.

Darum, wenn die Völker in vernichtende und blutige Kriege gestürzt werden, suche man die Veranlassung nicht immer in ihnen, sondern in den Familienzerwürfnissen ihrer Herrscher. Das ist eine Wahrheit, so alt wie die Weltgeschichte. Das Volk soll für seinen Herrscher sein, aber aus einer Herrscherfamilie fühlen sich oft mehrere zum Herrscher gedrungen oder berufen, und indem sie das Volk zu ihren Zwecken mißbrauchen, ihm Treu' und Glauben, Heil und Freiheit lügen, stürzen sie es ins Verderben. Sie selbst gehen in der Regel heil und glücklich aus diesen Wirren hervor; aber das arme Volk verblutet und hat nur seine Anwartschaft auf den Himmel, wo der allmächtige Gott die Verhältnisse wahrscheinlich anders ordnet. Die Völkergeschichte ist darum häufig nur Familiengeschichte und wird nach dieser geschrieben, weil die Gesammtheit untergeht im Namen eines Einzelnen, der sich an ihre Spitze zu stellen gewußt; sie ist darum nur als solche zu beurtheilen!

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