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Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Zweiter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid8ef46a07
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VI.

Es war eine geraume Zeit verflossen und Waldstein hatte seine Zusage nicht gelöst, er war seinem Worte untreu geworden, indem er seinen letzten Entschluß aufrecht erhielt und – bei der Gräfin nicht wieder erschien. Das leidenschaftliche Weib hoffte, harrte und härmte sich lange. Sie konnte und wollte nicht glauben an die gänzliche Machtlosigkeit ihrer Reize über den noch immer geliebten Flüchtling. Endlich hielt sie es nicht länger; ihre Botschaften und Briefe beantwortete er nicht. Dies Schweigen war eine Demüthigung, die ein anderes Weib zur Entsagung bewogen hätte; aber Camilla ließ sich nicht verschmähen, ohne sich zu rächen; sie wollte noch einen Sturm auf das Herz und die Sinne dieses Mannes unternehmen, und wenn er ihrer Liebe nicht gehorchte, sollte er ihren Haß fühlen.

Albrecht war allein in seinem Gemache. Das Haupt sinnend in die Hand gestützt, saß er am Fenster und blickte auf die Stadt, um welche sich der Nebelflor der Dämmerung wob. Walperga's Bild, sein künftiges Geschick, hundert Entwürfe und Befürchtungen, sonnenhelle und nachtschwarze Bilder zogen durch seine Seele; da rauschte es von Seide gespensterhaft hinter ihm und als er sich erschreckt wandte, lag die Gräfin zu seinen Füßen. Unbemerkt von der Dienerschaft, hatte sie leicht wie ein Schatten sich in sein Zimmer geschlichen. Sie faßte seine Hand, drückte ihr Haupt in seinen Schoß und weinte laut. So sehr er gefaßt sein mußte auf diesen Auftritt, so sehr erschreckte ihn doch das Erscheinen desselben. Sie war jetzt noch ganz aufgelöster Schmerz, die Wehmuth des Verlustes drückte ihre wilden Gefühle nieder; sie erschien noch als Bittende.

»Also falsch, wirklich falsch,« schluchzte sie, »treulos, wortbrüchig und so hart wie der Marmor an einem Grabmal. Heuchler, Verräther und Undankbarer – alles, alles, was die Brust eines Weibes bis zum Tode verletzen kann – und doch noch geliebt, geliebt von mir, nur weil ich eine Wahnsinnige bin!«

»Camilla!« sagte Albrecht ernst und entschieden und erhob sie vom Boden und geleitete sie zu einem Ruhesitz. Er wollte um jeden Preis diesen Auftritt abkürzen und den Bruch, gut oder schlimm, vollenden; »Camilla, es war nicht gut für Euch und mich, daß ihr kamt. Das zarte Gefühl der Weiblichkeit mußte Euch doch sagen, daß ich verzichten muß, verzichten will, verzichtet habe. War ich zu zart; nun gut, ich wollte nicht verwunden; Ihr mußtet es fühlen! Ich hab' Euch an die Zukunft gewiesen, weil ich Euch keine Gegenwart geben konnte. Schöne Tage der Vergangenheit waren die Eurigen; was wollt Ihr mehr?«

Er ging ungeduldig auf und ab, sein Antlitz röthete sich im Zorn, sein Auge hatte etwas von jenem erschrecklichen Feuerblick, mit dem der spätere Kriegsheld, der Gebieter mord-, raub- und sieglustiger Horden das kurze Urtheil zu sprechen pflegte: »Lass't die Canaille hängen!«

Ihr Busen hob sich stürmisch, der Schmerz und die Wehmuth verbebte in ihr, aus der Thränenfluth stiegen die Gefühle des Zornes, der Wuth empor. »Ich bin auch nicht,« sagte sie, und ihre Augen blickten ihn durch die Thränen drohend an, »gekommen, um zu betteln, sondern um zu fordern! Mit der Liebe bin ich bald zu Ende; an ihre Stelle tritt ein anderes Gefühl. Ich verlange die letzte und bestimmte Antwort. Soll Frieden sein zwischen uns oder Krieg?« Sie erhob sich stolz und trat dicht vor ihn.

»Ihr fordert?« versetzte er ebenso fest, »dann ist Liebe eine Pflicht, Pflicht ist Knechtschaft – Sklaverei – Arbeit. Nennt Ihr das Liebe? Was wollt Ihr von dieser Liebe? Ich führe nicht einmal Krieg mit Weibern, die ich nie geliebt. Nur weil ich der Vergangenheit nicht vergessen kann und will, dulde ich Eure Drohung jetzt. Ihr seht, Gräfin van Meer, ich bin dankbarer für Eure Zärtlichkeiten.« Er wandte sich unwillig ab.

»Dann,« rief sie, »dann lasse ich bloß das tiefgekränkte Weib sprechen, es macht Gebrauch von seinen Waffen und heuchelt nicht!« Sie riß einen Dolch aus ihrem Busen und zuckte ihn im raschen Schwunge gegen seine Brust. Mit einer Handbewegung fing er ihren Arm auf, entwand ihr das Messer und schleuderte es durch die zerklirrende Scheibe zum Fenster in den Garten hinaus.

»Lass't das,« sagte er geringschätzend, »das ziemt sich nur für Weiber wälscher Banditen. Wenn Ihr mich für feig und so leicht erschreckbar hieltet, dann lohnte es sich nicht – mich zu lieben. Ich hätte nicht geglaubt, daß die wallonischen Weiber Memmen ihre Liebe schenken, die vor jeder Dolchspitze zittern und – gehorchen. Doch – das wißt Ihr besser.«

Sie erbleichte, ein furchtbares Zittern ging durch ihren Körper. Dann faßte sie krampfhaft nach einem Marmortisch an der Wand und hielt sich, denn der Boden schien unter ihr zu weichen.

»Wenn heute nicht,« sagte sie tonlos, »so trifft morgen Dich der Streich. Ich raste nicht. Du hast meine Rache herausgefordert, vor der Rache weicht jeder Stolz. Ich will Dich doch verderben. Vor allen Edlen Böhmens aber will ich vorher Deinen schändlichen Verrath ausschreien. Doch noch eins zuvor: ich weiche, ich schwöre, daß ich von Dir lassen will, daß ich Dein schone, daß ich Dir vergebe, wäre vergeben zugleich vergessen – nennst Du mir den Namen meiner Nebenbuhlerin, den Namen der Elenden, die mir Deine Liebe, Deine Dankbarkeit, Deine Achtung sogar geraubt.«

»Frau Gräfin van Meer,« antwortete Waldstein mit schneidendem Stolze, »gäb' es bis jetzt auch eine solche, Ihr hättet nicht das Recht zu solcher Frage in solchem Tone, ich nicht die Verpflichtung zur Antwort. Vergeßt nicht, gnädige Frau, daß es der Altar Gottes nicht war, an welchem ich Euch Treue geschworen, sondern das Lager der eidbrüchigen Gattin! Ihr verdient die Antwort.«

»Der Vorwurf,« sagte sie mit bleichen bebenden Lippen, »ist erbärmlich; Du freutest Dich der Sünde, Du pflücktest ihre Rosen – mein war freilich die größere Schuld – und jetzt, jetzt drückst Du die Dornen mir in die Brust, den Stachel des Vorwurfes Du mir, da jene Rosen abgewelkt sind – nicht abgewelkt, bei Gott, nein, nein! Nur weil Dich nach anderen frischeren verlangt. Elender!«

»Ein Weibermund ist leichtfertig im Schmähen; doch haftet solche Schmach auf der Männerehre nicht.«

»Weil Eure Ehre nur das Schwert ist und der Küraß. Da prallt nur ab, was äußere Schande ist. Aber, Albrecht, so wahr es einen rächenden Gott giebt, der meine Seufzer, meine Gebete, meine Racheschwüre gehört hat, ich zwinge Dich, Du sollst bitten, flehen und dann von mir zurückgestoßen werden. Ich brandmarke Dich vor allen Deinen Standesgenossen; als verführtes, betrogenes, schmachvolles Weib, tret' ich, eine Leidensgestalt, als Deine Anklägerin auf, erkläre Dich für bar Deines edlen Namens, zur Lüge selbst, wo die Wirklichkeit nicht schwarz genug malt, greife ich und zeihe Dich geheimer Unthaten. Welche Waffen wirst Du mir dann entgegensetzen? Ein leidend Weib, ein weinendes, ein vernichtetes Weib, redet eine siegreiche, überzeugende Sprache. Dies ist ein Tod, schrecklicher, als hätte jener Dolch Dich getroffen. Begreifst Du mich, Albrecht? Hast Du es geahnt, was es heißt, ein liebend Weib zum Aeußersten zu zwingen?«

Sie blickte ihn triumphirend an, ihr Busen hob sich fieberisch.

»Welche Waffe ich dagegen biete?« sagte er mit ruhiger Ueberlegung und lächelte bitter und verschränkte die Arme. »Den Fluch des Lächerlichen lade ich auf Euch; als eine Wahnsinnige, eine Thörin schildere ich Euch; ich zeige das Unweibliche, das in Eurem Beginnen liegt, der Welt im grellsten Lichte, ich geb' die Närrin dem Spotte meiner leichtsinnigen Freunde preis, was verliebte Tollheit ersinnen mag, bürd' ich Euch auf, erbarmenslos zieh' ich den Schleier von jedem Liebesgeheimniß; Ihr greift zur Lüge – ich auch. Was allenfalls mich verächtlich macht, das macht Euch lächerlich, bedauerlich, zum Kinderspott. Nun, stolze Gräfin, in den Kampf! Ich bin bereit.«

Er wandte sich ab und schritt wieder gemessenen Ganges in dem Gemache auf und ab. – Sie schwankte zu dem Ruhesitz und sank in denselben. Sie drückte die Hände vor das Gesicht und weinte leise.

Eine lange Pause folgte – keiner sprach. Endlich erhob Camilla das Haupt und sagte mit leiser Stimme: »Es sei denn! Ich bin nichts als ein armes, ein zertretenes Weib! So will ich denn in meiner Schwäche Trost und die Kraft zur Entsagung suchen. Ich gehe! Ich wollte durch die Liebe Liebe locken, und da sie widerstand, durch Haß sie zwingen. Ich ernte nur Haß, einen Haß, der mächtiger ist, als der meinige. Ich würde doch unterliegen und morden, was noch schön an meiner Erinnerung. – Albrecht! So lass't uns in Frieden scheiden. Kann es Eurem Stolze dienen, so mag ich mich für überwunden erklären. Vergeßt meine Leidenschaftlichkeit. Der Schmerz eines Weibes spricht seine eigene Sprache. – Lass't mir die Hoffnung nur und einen Blick in die Zukunft. – Mög' ich Euch eine freundliche Erinnerung sein – wenn auch unsere Bahnen voneinander weichen. Vielleicht finden sich unsere Herzen wieder zusammen!«

»Camilla!« rief er in fast zärtlichem Tone, denn ihre Sinnesänderung versprach ihm einen friedlichen Ausgang dieses Auftrittes, »so kenn' ich Euch wieder – so wollt' ich Euch zu unserem beiderseitigen Heile. Ich wußte, daß Euer Herz endlich obsiegen wird. Stellte ich die Entscheidung Eurem Herzen anheim, so gewann ich stets. Nur Euer Geist war mein Gegner. – Ja, lass't uns scheiden und uns eine vorwurfsfreie Zukunft bewahren. Wenn unsere Herzen sich wiederfinden, bedarf es keiner Versöhnung. Wir sehen uns wieder, wie wir schieden. – Wo wir auch weilen, spannt sich ein blauer Himmel zwischen uns. Wir lieben uns, Camilla, wie Freunde lieben, wir verzichten auf den Besitz der Gegenwart, um einer schöneren Zukunft zu gehören. Lebt wohl!«

Sie reichte ihm die Hand und sagte leise und kalt: »Lebt wohl!« Er küßte ihr die Hand; sie erhob die Arme, als wollte sie noch einmal an seine Brust sinken, doch besann sie sich und schritt langsam der Thür zu. Er begleitete sie die Treppen hinab.

Albrecht kehrte fast abgespannt und unheimlich berührt in sein Gemach zurück. Er athmete tief auf. »Ein Sturm wär' überstanden,« sagte er für sich, »und doch ist das Gewitter nicht vorüber. Ich trau' dem Weibe nicht. Sie folgte zu plötzlich, diese kalte Resignation, auf ihre Raserei. Das wogt und kocht und wallt auf dem Grund der See. Lass't uns auf der Hut sein! – Was kann es Großes geben; kleine weibische Neckereien, Bosheiten und Lästerungen. Das nutzt sich ab mit der Zeit, wo es keinen Erfolg sieht. – Fort zur Walperga! Der milde Mond mag das Gewölk zerstreuen, welches die Gewitterschwüle in meiner Seele aufgethürmt.«

Otto von Los hatte, seinem Versprechen getreu, sich zur Gräfin begeben, als Vermittler, Versöhner und Beschwichtiger. – Der schöne Mann überraschte das leicht erregbare Weib augenblicklich. Sie deutete den Umstand so, daß Albrecht ihn als Ersatz stelle. Der Tausch war nicht geringzuschätzen. Vielleicht konnte der Jüngling eine Waffe werden in ihrer Hand gegen Waldstein. Durch Eifersucht hoffte sie ihn noch zu zwingen.

Sie weinte und klagte zwar, doch legte sie bald die Maske der Milde und Verträglichkeit vor, sie sprach von ihrem Stolz, der ihr nicht gestatte, Liebe erzwingen zu wollen. So überging sie endlich zu theilnahmsvoller Wärme für ihren neuen Freund und begann den arglosen Otto mit allen Verführungskünsten zu umstricken; aber wie erstaunte sie, ihn kalt und unempfindlich zu finden, wie empörte sie dieses blöde Verschmähen ihrer Gunst. Ihr Zorn, ihre Rachsucht kehrte wieder; um sie zu höhnen, hatte ihr Albrecht den schönen, aber gefühllosen Otto gesendet. Dieser Umstand trieb sie zu jenem Besuche, den wir eben geschildert. – Otto gab sie deshalb nicht auf; sie konnte manchen Ritterdienst von ihm bedürfen; einem leidenden, hilflosen Weibe durfte er seine Theilnahme nicht ganz entziehen und vielleicht – schmolz endlich doch das Eis von seiner Brust.

Otto aber, dessen Seele ganz der Schmerz um Walperga's Verlust ausfüllte, hatte darin keinen Raum für eine so neue, so rasche Leidenschaft, die sich mit allzu irdischen sinnlichen Flammen ihm ankündigte. Seine reinsten, heiligsten Gefühle waren Walperga geweiht; wie konnte er, von einem Paradies geschieden, so schnell in einen Abgrund sinken, auf dessen Boden die Gemeinheit wohnte, wenngleich mit schönen Blumen überkleidet. – Er versprach zu jedem redlichen Dienst der Gräfin seinen Arm; sein Herz konnte er ihr nicht mehr schenken. So gedachte er auch dem Freunde zu dienen, indem er das Weib von jeder Unbesonnenheit oder Gewaltthat zurückhielt.

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