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Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Zweiter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid8ef46a07
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V.

Elisabeth von Slavata war sechs Jahre alt. Da kehrte sie eines Abends mit ihrer Wärterin von einem Spaziergange zurück und verweilte, wie Kinder pflegen, trotz des Zurufes der alten Amme, im Hausflur, während diese bereits die Seitentreppe hinanstieg. Hinter dem Flügel des großen Hausthores vernahm sie klägliche Laute; sie glaubte, es sei der Jagdhund ihres Bruders, der sich, war er gezüchtigt worden, oft daselbst verbarg. Er war ihr Liebling; sie drängte sich daher in den engen Raum zwischen Pforte und Wand; da kauerte ein bleicher Knabe von neun bis zehn Jahren, mit schwarzen Locken, in einer braunen Bunda, ziemlich sauber gekleidet, von gutem Aussehen und deshalb mit keinem Straßenläufer zu verwechseln.

Sie betrachtete ihn erstarrt. Kaum erblickte der blasse Knabe das schöne Kind, so sagte er mit zwar schwacher, aber freudiger Stimme: »Du bist ein Engel – Du bringst mir Brot – ich verhungere.«

»Wer bist Du denn?« fragte das Mädchen.

»O gieb mir Brot,« flehte er, »frage nicht – verrathe mich nicht!«

»Gleich! gleich!«

Das Mädchen sprang instinctmäßig fort, eilte geschmeidig und heimlich in die Vorrathskammer bei der Küche, raffte an Speisen, was sie vorfand, zusammen, barg diese in ihr Kleid und schlich behutsam in das Versteck hinab.

Hier fiel der fremde Knabe heißhungrig über das Dargebotene her und gestand ihr, daß er sich schon seit drei Tagen daselbst verborgen halte ohne Speise und Trank. Er hatte einen bösen Vater und Bruder, diese hatten ihn gezüchtigt und ihren Mißhandlungen war er entflohen. Hier hatte er aus Angst, verfolgt zu werden, ein Versteck gesucht und wollte lieber Hungers sterben, als in sein Vaterhaus zu seinen Peinigern wieder zurückkehren.

»Wie heißest Du denn, Du armer Junge?« fragte das Mädchen mitleidsvoll.

»Max,« versetzte er.

»Nun so komm' hinauf, armer Max,« versetzte sie und reichte ihm die Hand, »zu meiner Mutter und zum Bruder! sie werden Dir noch mehr zu essen geben.«

»Nein, nein, guter Engel!« flehte der Knabe und kniete zu ihren Füßen, »sie würden mich dem Vater wieder ausliefern, und da will ich lieber sterben. Lass' mich nur hier und sage niemand etwas und bring' mir morgen wieder zu essen, guter Engel – ich will ja gern hier bleiben, wenn Du Dich meiner erbarmst.«

»Also ich darf nichts sagen, Max? Ja, ich will Dir morgen wieder Brot bringen und Fleisch. Fürchtest Du Dich nicht?«

»Nein, ich fürchte mich nicht vor Gespenstern; nur vor dem Vater und vor Wojta, der mir immer die Haare ausriß, weil sie nicht roth sind wie die seinigen. Und ich war so stark wie er, und durfte ihn nicht wieder schlagen. Wenn Du nur morgen wiederkommst; ich will schon ruhig sein.«

»Ich will kommen, armer Max, und Dir Essen bringen.«

»Nicht wahr, Du bist ein Engel! Der Wojta ist bestimmt ein Teufel.«

»Ich heiße Elisabeth.«

»Elisabeth?! Ich danke Dir. So kommst Du – und schweigst?«

»Ich komme – armer Max!«

Das Mädchen enteilte flüchtigen Schrittes und ging in ihre Stube zur Wärterin, die sie ausschalt. Ihr Inneres war voll Bewegung. Sie hatte ein Geheimniß und einen Schützling, dies war von einem wundersamen Reiz für das Kind. Noch zweimal erspähte sie den Moment, schlich sich fort, eilte hinab und sah nach ihrem Gaste. Das zweitemal schlief er, in die Ecke gekauert. Er hatte sich aus Stroh, das er Nachts vom Hofe geholt, ein Lager gemacht. Da die große Pforte des Nachts nicht geschlossen wurde, weil die Leibgardisten vor dem Hause schilderten, so entdeckte auch niemand von der Dienerschaft den Knaben, der äußerst vorsichtig nur nach Mitternacht bei völliger Finsterniß seinen Schlupfwinkel verließ und sich im Hofe am Brunnen tränkte. Die Hunde im Hause hatte er durch Schmeicheleien oder Kunstgriffe so girre gemacht, daß sie bei seiner Annäherung nicht anschlugen.

Elisabeth wurde endlich zu Bett gebracht; doch dachte sie die ganze Nacht an ihr Abenteuer und Geheimniß. Das Letztere währte auch drei Tage; sie trug ihrem Schützling treulich Nahrung zu und plauderte mit ihm in kurzen Augenblicken. So erfuhr er denn, wo er sich befand, wer sie und ihre Eltern waren. Er erzählte ihr dagegen, daß er ziemlich weit von der Stadt zwischen Bergen in einem Hause mit seinem Vater und Bruder gelebt, daß er nie das Haus und den kleinen Garten habe verlassen dürfen, daß ihn der Vater bei jeder Gelegenheit gezüchtigt und der boshafte rothhaarige Bruder auch ohne Veranlassung geschlagen, während er, obgleich der Stärkere, ihn nicht wieder schlagen durfte. Auch hatten ihn Beide immer nur Bankert und Wechselbalg gescholten. Nur zweimal im Jahre, wo er neue Kleider erhielt und ein fremder Mann kam, der insgeheim mit dem Vater sprach und sich dann den Knaben besah, wurde er freundlicher behandelt. Aber gleich darauf mußte er seine gute Kleidung wieder an den verhaßten Bruder abgeben und dessen abgetragene anziehen, und die Mißhandlungen begannen vom neuen. Da beschloß er endlich, sein Joch zu zerbrechen; denn er ahnte, daß er als Gefangener gehalten würde, daß der fremde Mann sein Wohlthäter sei und daß dieser, fände er ihn, ihm helfen würde. Er täuschte in einer Nacht die Wachsamkeit des Vaters, sprang aus dem Fenster, eilte durch den Garten, flog zwischen den Bergen hin an einem Fluß entlang, bis er nach Prag gelangte. Hier schlug er die erste beste Straße ein – gelangte so, als es schon dämmerte, in die Spornergasse und flüchtete, da er eine Stimme hinter sich hörte, die der seines Bruders glich, unbemerkt hinter dem Rücken der Gardisten in das Slavata'sche Haus und suchte ein Versteck.

Die kleine Elisabeth hörte theilnahmsvoll die Leidensgeschichte des Knaben und vergoß Thränen dabei. Er dagegen weinte nicht, er sprach nur von Rache und Wiedervergeltung an seinem hartherzigen Bruder, wenn er ihm einst allein begegnen würde.

Das häufige Fortschleichen des Mädchens, ihr Besuch der Vorrathskammer, wo dies und jenes abhanden kam, ihr geheimnißvolles, verschlossenes Wesen erweckte endlich Aufmerksamkeit; man belauschte ihre geheimen Gänge und der Knabe wurde, nicht ohne Gegenwehr, aus seinem Versteck hervorgezogen. Er wurde vor die Herrschaft des Hauses gebracht; Elisabeth umklammerte ihn schreiend und weinend.

Man vermochte aus dem trotzigen Knaben nichts weiter herauszubringen, als was er bereits Elisabeth gesagt. Diese beruhigte man, indem man ihr die Versicherung gab, daß er vorderhand im Hause bleiben sollte.

Es wurden Nachforschungen angestellt; sie führten zu keinem Ziele und ergaben nur so viel, daß die heimatliche Hütte des Knaben zwischen den Bergen bei St. Ivan, bei Königsaal oder noch weiter gelegen sein müsse, denn er war – seiner Schilderung nach – am linken Ufer der Moldau durch den Schmichov und das Aujezder Thor in die Stadt gekommen. Seine Erzählung war so gleichmäßig, daß man ihn auf keiner Lüge oder Widerspruch ertappen konnte. Man fand sich daher genöthigt, ihm auf Weiteres zu glauben und eine Aufklärung über seine räthselhafte Herkunft der kommenden Zeit zu überlassen.

Max war kein schönes Kind, nur aus seinen Augen leuchtete ein edles Feuer und in seiner Rede und Gebarung sprach etwas, das vermuthen ließ, er stamme nicht aus dem Pöbel. Er war trotzig, auffahrend, rachsüchtig und dagegen wieder, setzte man ihm Festigkeit entgegen, sklavisch demüthig, unterwürfig und dann gehorsam wie ein Hund, wenngleich aus seiner Demuth eine lauernde Tücke verborgen hervorzublicken schien. Dagegen war er aber reich an Geistesgaben, gelehrig, lernbegierig, muthvoll und beharrlich.

Man ließ ihn unterrichten und kleiden; er galt für Elisabeth's Gespielen. Diese hing mit einer kindlichen Neigung an ihrem Schützling; er verehrte sie mehr als jeden im Hause und liebte sie mit einer fieberhaften Eifersucht; dies hinderte aber nicht, daß er die Kleine in den Aufwallungen seines Zornes oft mißhandelte. Das Mädchen ertrug seine Liebkosungen sowohl wie seine Bosheiten aus Furcht; denn so oft sie sich darüber beklagte, drohte man ihn fortzujagen und das gab ihr Mitleid, das vom ersten Augenblicke, wo sie ihm, dem Verhungernden, als Retterin erschien, wo er sie einen Engel nannte, zwischen ihr und ihm ein festes Band geschlungen hatte, nicht zu. Sie duldete, um nur ihn jeder Strafe zu entheben; sie übte sich früh in kleinen Leiden, als ahnte sie, daß ihr das Leben eine ununterbrochene Reihe von größeren bereiten würde.

Man ließ den Knaben studiren und öffnete dadurch und daß man ihn wie einen Sohn des Hauses hielt, ihm eine glänzende Zukunft. Mit den Jahren wuchs seine Liebe zu seiner Gespielin, aber auch sein Trotz, sein Stolz, das Bewußtsein seiner geistigen Befähigung. Die Dienerschaft des Hauses hatte längst in ihm den Findling vergessen, er wußte sich als ihr Herr geltend zu machen.

So wurde Elisabeth sechzehn, Max neunzehn Jahre alt. Da warb der mächtige Herr von Rosenberg um das engelschöne Mädchen. War er auch an Jahren bedeutend älter, so war ihm Elisabeth doch in herzlicher Neigung zugethan. – Sie gab ihr Jawort! – Dies war ein Donnerschlag für Max – er verfiel in momentane Raserei, dann aber raffte er sich stolz empor, trat vor Elisabeth's Mutter und ihren Bruder und stellte seine Werbung jener des Herrn von Rosenberg entgegen. Er zog einen Dolch und drohte das Mädchen zu ermorden, wenn man ihm ihren Besitz verweigern würde.

Seine Werbung wie seine Drohung wurden mit Unwillen und Verachtung aufgenommen. Man warf ihm seinen Undank, seine dunkle Herkunft, seine tolle Anmaßung vor. – Er mußte, da man sich von seiner ungezügelten Leidenschaftlichkeit des Aeußersten versah, sofort das Slavata'sche Haus verlassen. Er that dies, nachdem er die schrecklichsten Drohungen gegen den Mörder seines Glückes, so nannte er den Herrn von Rosenberg, ausgestoßen. Slavata, Elisabeth's Bruder, stellte ihm noch eine bedeutende Geldsumme zu, die er aber mit Verachtung zurückwies.

Max hatte auf Elisabeth's Heftigkeit gebaut, er hatte erwartet, daß sie lieber den Tod wählen, als ihm entsagen würde. Er hatte sich in ihrer Liebe getäuscht – so grenzenlos er selbst sie liebte, so wenig fühlte sie für ihn eine tiefere Leidenschaft. Es war nur jugendliche Anhänglichkeit, und jetzt nur Mitleid, was sie für ihn hegte. Sie erklärte freiwillig, ihre Hand Rosenberg zu reichen, und war mit Maxen's Entfernung einverstanden; nur bat sie – man möge ihn nicht ganz verstoßen. Die Verbindung mit Rosenberg befreite sie von seinen drohenden Ansprüchen, und so sehr sie auch seine unglückliche Liebe beweinte, so hoffte und wünschte sie doch von ihm vergessen zu werden.

Max verschwand noch an demselben Tage, an dem sein Urtheil gesprochen ward und der Irrthum seines Lebens für ihn eine so schreckliche Lösung fand, aus Prag. Drei Tage darauf, wo Elisabeth vor dem Altare Rosenberg's beneidete Gattin wurde, fand man Maxen's Kleider an dem Ufer der Moldau bei der Podbaba, und dabei einen Brief an Elisabeth. Er warf ihr darin, in Ausdrücken, wie sie nur die rasendste Liebesschwärmerei eingeben konnte, ihre Untreue vor, schalt sie die Ursache seines Todes und rief die Rache des Himmels auf das Haupt ihres Gatten und ihrer Familie herab. Elisabeth vergoß heiße Thränen um den Unglücklichen und ließ – fromm wie sie war – zahlreiche Messen für das Heil seiner Seele lesen.

Aber Max war ein Charakter, der eine wirkliche oder eingebildete Errungenschaft nicht so leicht aufzugeben gesonnen war. Er hatte den Tod nicht in den Wellen gesucht, nur erschrecken und betrüben wollte er die von ihm treulos Geglaubte, sie bestrafen wegen ihrer vermeintlichen Nachgiebigkeit in den Willen ihrer Mutter, ihr und Rosenberg die Hochzeitsfreuden verbittern. Er wechselte seine Tracht und verließ mit dem Gelde, welches er in der Zeit, wo er wie ein Edelmann gehalten wurde, erspart, Böhmen und ging vorerst nach Wien. Er fühlt es jetzt, daß er einen Namen brauche, daß er bloß Max heiße und ein Findling sei. Er wollte in den Türkenkrieg ziehen und Held werden, mit gewaffneter Hand sich die geraubte Geliebte holen. Aber die Dämonen in seiner Brust gaben ihm nicht die Rast zu solcher Ausdauer und Wagniß. Auf einem kürzeren Wege hoffte er seine Rachelust zu befriedigen und in den Besitz des ihm geraubten Gutes zu gelangen. – Er trat in Wien in den Jesuitenorden. – Mehr als fünf Jahre brütete er über seinem Plane. Als sein Noviziat vorüber, als er der Congregation hinlängliche Beweise seiner Geisteskraft, seiner Charakterstärke und seiner Gewandtheit gegeben, sandte sie ihn in einer geheimen Glaubensmission nach Böhmen. Darauf hatte er gelauert. Die Zwecke seiner Sendung beiseite setzend, spann er, in Prag angekommen, verändert in Antlitz und Haltung, fast unkenntlich geworden und als ein längst Todter vergessen, seine Fäden um die unglückliche Frau, die er ins Verderben reißen, um seine Rachelust zu kühlen, seiner sündigen Leidenschaft opfern wollte.

Wir finden ihn als Pater Anselmus wieder, wie er, im Beichtstuhl sitzend, namenloses Unglück auf das Haupt der edlen Elisabeth häuft. Sein Plan, worin ihn eine seiner Creaturen, die im Dienste des Herrn von Rosenberg stand, unterstützte, war satanisch, aber auch klug angelegt. Elisabeth sollte, ob Mörderin oder nicht – denn führte sie den Todesstreich nicht, so benutzte sein Helfershelfer ihre Ohnmacht oder Gemüthszerrüttung – sich als Büßerin in seine Arme werfen. Der Anschlag aber mißlang; ein Strahl von Gott gesandt erleuchtete die Seele der unglücklichen Frau und sie taumelte vom Rande des Abgrundes zurück, als sie seine erschreckliche Tiefe ermaß.

Vom Prager Erzbischof, der nur jesuitischen Glaubensfanatismus in seiner Handlungsweise zu erkennen glaubte, verbannt, ging er nach Wien und bald darauf nach Steiermark. Er selbst sprengte das Gerücht aus, daß er nach einem spanischen Kloster exilirt sei. Rachebrütend fügte er sich in die Nothwendigkeit, aber nur, um bald wiederzukehren. – Er erfuhr den Tod von Elisabeth's beiden Knaben, von ihrer grenzenlosen Trauer. – Er kannte ihre leidenschaftliche Liebe zu ihren Kindern. – Er ging wieder nach Böhmen. Elisabeth befand sich mit ihren beiden Mädchen in Rozmital. Sobald er ihren Aufenthalt ausgekundschaftet, wechselte er in einem nahen Dorfe seine Kleidung, umlauerte und umschlich das Schloß und – es gelang ihm, Marie, das ältere Mädchen, der schlafenden Wärterin zu rauben. – Er wollte mit dem Kinde über die böhmische Grenze flüchten und von dort der betrübten Mutter schreiben, daß sie nur gegen die Gewährung ihrer Hand in den Besitz des Mädchens gelangen könne. Als abtrünniger katholischer Priester hoffte er in einem protestantischen Lande Schutz und Unterstützung zu finden. Er wollte sich, nachdem er auch Elisabeth zum Protestantismus überführt, mit ihr vermählen. – Glücklich erreichte er, das schreiende Kind in den Armen, auch den nahen Wald; da aber, durch einen Schlag oder durch einen fallenden Baumast hart am Kopfe getroffen, stürzte er ohnmächtig nieder, und als er wieder zur Besinnung kam, war das Kind verschwunden. Hatte ihn jemand verfolgt, hatte das Kind, seinen bewußtlosen Zustand nutzend, allein den Rückweg genommen, er wußte es nicht. Er fühlte nur, daß es für jetzt nicht länger geheuer für ihn sei in der Nähe des Schlosses, und suchte daher sein Versteck im Dorfe wieder auf. Als aber in der Nacht das Aufgebot der Bauern nach einem Kinderräuber – man hatte die Zigeuner im Verdacht – suchte, da fühlte er sich nicht mehr sicher; er legte sein Priestergewand wieder an und kehrte nach Oesterreich zurück.

Daß das von ihm geraubte Kind verschwunden blieb, daß man seine Leiche in der Lomnic gefunden haben wolle, erfuhr er gleichermaßen. Er vermochte den Zusammenhang nicht zu ergründen; er wußte nur Eins: daß Elisabeth nunmehr nur ein Kind besaß und daß – bekam er dieses in seine Gewalt – er auch ihrer in Tod und Leben versichert sei.

Wohl faßte Frau Elisabeth während jener Beichtstuhlscenen ahnungsvolles Grauen, wohl erfüllte sie der Stimmenklang, mit dem der Versucher, seiner nicht mehr mächtig und nahe daran, die Maske abzuwerfen: »Elisabeth« rief; aber wie konnte sie glauben, daß die Fluth nach Jahren zurückgebe, wen sie verschlungen, wie konnte in der gewaltigen Aufregung all ihrer Sinne die Vermuthung über sie kommen, hier werde ein täuschend Spiel gespielt. Wie alles Elend auf sie niederstürzte, glaubte sie, es käme auch dieser Weheschrei aus ihrer Vergangenheit zurück, und der Unglückliche, den sie verschmäht und in den Tod getrieben, mache seine Rechte geltend und mahne sie an den ersten Irrthum ihres Lebens.

Pater Anselm verschwand nunmehr für mehrere Jahre; er war in der That im Auftrage des Ordens nach Spanien geschickt. Er durchschiffte den Ocean, weilte auf St. Domingo und Cuba, kehrte endlich wieder zurück, immer noch seine rachsüchtige Liebe im Herzen. Er kam heimlich nach Prag; hier sah er Elisabeth wieder; sie war immer noch schön, schöner aber erschien sie seiner gierigen Leidenschaft, weil diese der Widerstand reizte und Haß zum Wahnsinn steigerte. Er beschloß den letzten, entscheidenden Streich; er wollte Jaroslava rauben. Glücklicherweise traf er seinen Helfer von vormals, jenen nichtswürdigen Buben, der in Rosenberg's Diensten gestanden, der die unglückliche Frau durch seine gespensterhafte Erscheinung zum Morde gestachelt und, kam der Tod nicht als ungerufener Helfer, statt ihrer den Todesstreich geführt hätte. – Mit diesem wurde der Entführungsplan besprochen, Hilfsgenossen gewonnen, und das Verbrechen wäre ohne Otto's Dazwischenkunft, welche die Räuber verwirrte und in die Flucht trieb, gelungen, da sie, durch den verlöschenden Fackelschein oder ihre eigene Furcht geblendet, eine größere Anzahl von Gegnern in seinem Gefolge wähnten, welche Vermuthung die erscheinenden Scharwächter noch verstärkten.

Otto's Degen hatte beim ersten Streiche, den er blindlings in der Finsterniß führte, Anselm's Gesicht getroffen und ihm über Stirn, Auge, Mund und Wange eine tiefe Wunde beigebracht. Sein Helfer, den Otto's zweiter Streich traf, war es, der den Weheruf »Heilige Ludmilla, erbarme Dich mein!« erschallen ließ. Alles dies geschah so schnell, so plötzlich, daß die Räuber nur in schleuniger Flucht ihre Rettung zu finden vermeinten, die ihnen auch, von der dichten Finsterniß begünstigt, gelang.

Anselm litt lange Zeit an seiner Verwundung. Otto's Degen hatte ihm den Augapfel durchschnitten; er war auf dem linken Auge geblendet für immer. Er hielt sich verborgen. Alles Mißgeschick, das seine Unternehmungen traf, war nicht geeignet, ihn von der eingeschlagenen Bahn zurückzuschrecken, seine leidenschaftliche Rache verlangte nur um so heißer nach ihrem Opfer. Mit dem Mißlingen, mit dem Widerstand wuchs nur seine Hartnäckigkeit. Nur einen Tag, eine Stunde nur wollte er Elisabeth sein nennen, zu seinen Füßen sehen, in seine Arme pressen, von ihr erkannt werden, sie an ihre Schuld mahnen, ihr Herz zerknirschen, auf ihren Mund großmüthig verzeihend den Versöhnungskuß drücken, dem Todten zum Hohn, racheübend über das Grab hinaus, Besitz von ihren Reizen nehmen, dann untergehen, sein irdisches Dasein, und so es für ihn ein ewiges gab, hingeben für diesen Preis. – Wir werden diesem schrecklichen Menschen noch später begegnen.

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