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Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Zweiter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid8ef46a07
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IV.

Der Jubel in Prag war grenzenlos; denn die größere Hälfte der Bewohner war protestantisch, ja, die katholische Bürgerschaft und das niedere Volk selbst protestantisch genug oder vielmehr tolerant genug gesinnt, um ihren Mitbürgern und Brüdern die neue Errungenschaft, die in ihrer Art auch geeignet war, manchen Zwiespalt zu heben und eine versöhnliche Gleichseitigkeit hervorzurufen, zu vergönnen. Nur der katholische Adel, die Priesterschaft und namentlich die Jesuiten empfanden die Ertheilung des Majestätsbriefes als einen Todesstreich. Sie versanken zuerst in dumpfe Rathlosigkeit; dann aber flogen ihre Blicke auf Mathias, den künftigen Herrscher; dieser konnte die Magna Charta Böhmens ebenso gut vernichten, als sie Rudolf gegeben!

Während die Glocken vom hohen Dome und den anderen katholischen Kirchen erklangen zur Trauerfeier für den ermordeten Heinrich von Frankreich, tönte von den Thürmen der utraquistischen Tempel Festgeläute zum Dankesgottesdienste für den neuen Sieg des Glaubens, und während hier das » Gloria in excelsis« und das » Te Deum laudamus« in lateinischer und böhmischer Sprache gesungen wurde, erschallte dort das » Requiem aeternam dona ei Domine«. Den ganzen Tag und die Nacht hindurch donnerten auf den Wällen die Karthaunen und krachten in den Straßen Flintenschüsse. Die utraquistischen Stände hatten ihre Truppen auf längere Zeit angeworben und konnten sie daher nicht sofort entlassen. Diese, mit einer Doppellöhnung gratificirt, füllten nun jubelnd und singend die Gassen und Plätze. Was in den Kirchen keinen Raum hatte, füllte die Schenken; auf den Märkten wurden Trinkzelte und wandernde Küchen aufgeschlagen; böhmische Lieder zu Ehren Luther's, Hussen's, Hieronymus' und Ziska's erschollen; wer mit der Volksfreude gleichen Schritt halten wollte, mußte sich gewissermaßen berauschen. Von allen Ecken und Enden erscholl Musik, und als es Abend wurde und die Geschäfte ruhten, da strömte fast die ganze Bevölkerung, besonders die der Alt- und Neustadt, die vorzugsweise der protestantischen Lehre anhing, auf die Plätze und Straßen, die Häuser, vorzugsweise die des Roßmarktes und der angrenzenden Straßen und des Altstädter Ringes, wurden erleuchtet, hier und da ließ man Raketen und Schwärmer steigen.

Die Directoren der protestantischen Nation – wie sie hießen – ritten durch das Volk; überall wurden sie mit Jubel aufgenommen, besonders die Herren von Thurn, Fels und Bubna, als die Feldherren der Truppen.

Auf dem Strome schifften Kähne mit bunten Lampen und Musikchören, auf den Inseln leuchteten Freudenfeuer und donnerten Victoriaschüsse. Die Brücke war von einer Reihe Pechkränze eingefaßt, die eine flammende Guirlande in der Dunkelheit bildeten.

Als vollends die Nacht einbrach, schmückten sich auch die Thürme mit Feuerzeichen und bunten Flaggen, Drommeten und Zinken schollen von oben herab und auf dem oberen Roßmarkt hatte sich um die heutige Wenzelsstatue, wo ehedem die Bildsäule des Johannes Huß gestanden, eine Anzahl Volkes versammelt, welches den lauten Jubel floh und in frommer, geistiger Erhebung seine Freude kundgab.

Sie umschlossen die Statue in einem weiten Kreise und sangen des seligen Johannes Huß fromme Lieder, als da sind: »Das lebende Brot der Engel« etc.; »Christ hat ew'ge Freud' bereitet seiner frommen Welt« etc. und »Jesus Christus unser Heil, unser Glaubensretter«.

Vom Carolino aus zogen drei verschiedene Haufen von Studenten, darunter auch Magistri und Lectoren, in förmlicher Prozession aus. Sie sangen abwechselnd lateinische und böhmische Lieder, theils geistlichen, theils weltlichen Inhaltes. Ihre Haltung war ruhig und würdig bis auf die des dritten und kleinsten Haufens. An seiner Spitze ging ein wüster Gesell; er hatte ein breites Stück rothen Tuches auf einer Stange befestigt – dies diente ihm als Fahne – und sang mit einer rauhen, aber durchdringenden Stimme das folgende böhmische Spottlied:

»Und weil ich just betrunken bin,
So weiß ich, wer ich bin;
Es ist ein Mensch mein König
Und ein Mensch meine Königin!
Doch weil wir keine Königin haben,
So muß die allerschönste Dirn',
Die allerschönste Dirn',
Mich mit ihrer Liebe laben!«

Der nebenhergehende Pöbel stimmte laut lachend und jubelnd in die letzten Verse ein, was den trunkenen Sänger anspornte, in seiner Weise fortzufahren:

»Und weil ich jetzo durstig bin,
So klopf' ich an das Faß;
Das Faß singt einen tiefen Ton,
Das Bier darin ist naß.
Darum will ich alles Drei's mir merken:
Den Durst still mir das Bier,
Die Lieb' die Dirne mir,
So mag mich auch der Glaube stärken!«

Der Chor wiederholte wieder die letzte Zeile und schrie im Takte zu seinem Marsche die gefällige Singweise; da trat aber plötzlich der ehrwürdige und allbeliebte Professor Thaddäus Hajek von Hajek, der berühmte Mathematicus, hinzu und verwies in ernsten, aber wohlwollenden Worten dem Vorsänger den Inhalt seines Spottliedes. Er machte darauf aufmerksam, wie der heutige Tag ein Tag der Glaubensfreiheit und so auch der Glaubensfreude geworden, wie er darum nicht durch Tumult und Roheit, durch böse Lieder und Hohnneckereien entheiligt werden dürfe. Von diesem Tage an datire sich eine neue, folgens- und segensreiche Aera für das Vaterland; der dem Volk vom Könige ertheilte Majestätsbrief schütze seine Religionsfreiheit für ewige Zeiten, und es gezieme daher dem noch im hohen Greisenalter so wohlwollenden Fürsten, der am Rande des Grabes noch seinem Lande ein so glückbringendes Vermächtniß hinterlassen, der aufrichtigste Dank, das » Domine, salvum fac regem« viel mehr als ein muthwillig Gesätzel; er, Hajek, hoffe daher auch, das Volk würde aus freiwilliger Brust einstimmen in seinen Ruf: Vivat Rudolfus, Boëmorum rex!

Dieses that denn auch sofort der leicht leitbare und begeisterte Haufen und aus Hunderten von Kehlen erhob sich, daß es durch die Straßen hallte – den sogenannten Ritterplatz entlang – das: Vivat Rudolfus Rex!

Die drei Schaaren zogen jetzt durch das Brückel auf den Roßmarkt; als sie hier die frommen Gesänge der Beter an der Wenzelssäule vernahmen, trat allgemeine Stille ein, sie entblößten insgesammt die Häupter, schritten in guter Ordnung vorwärts, stellten sich aber im weiteren Kreise auf und vermischten ihre Stimmen mit denen der Versammlung.

Ob nun gleich rings alle Wirthshäuser dicht mit freudig aufgeregten, im Biergenuß keineswegs enthaltsamen Menschen angefüllt waren, so erfolgte doch nirgends ein Exceß, nirgends ein Act der Brutalität oder Gemeinheit. Das Fest, das aus dem Bewußtsein des Volkes ohne Vorbereitung und Instigation hervorgegangen war, erschien mehr als ein Versöhnungs-, denn als ein Triumphfest, und darum war es auch keineswegs beschaffen, irgend eine Erbitterung von Seiten der anderen Glaubenspartei im Volke hervorzurufen.

Drei Tage und drei Nächte dauerte der Jubel und nicht ein einzigesmal wurde die öffentliche Ruhe gestört, so daß selbst die Mönche, die man doch gewohnt war, als Feinde der Glaubensfreiheit zu betrachten, ungefährdet sich unter das Volk mengen konnten und nicht einmal eine leichte Neckerei zu erfahren hatten.

Als Mathias Thurn an der Teinkirche vorbeiritt, gefolgt vom lauten Jubel des Volkes, das sich hier gesammelt hatte, um die reiche Illumination der Thürme und des Portales mit dem Standbild Georg's von Podebrad und dem Kelche anzustaunen, stieß ihm Albrecht von Waldstein auf. Dieser hielt sein Pferd an und grüßte den Freund, dessen hartes Antlitz von Freude leuchtete.

»Nun, was sagst Du, Albrecht?« rief Thurn triumphirend. »Ist nichts Großes geschehen, nichts Besonderes, nichts, das der Mühe lohnte, auch Deinen Arm in die Wagschale zu werfen? Hör' das jubelnde Volk und frag' es, ob wir sein Bedürfniß gekannt und ihm Abhilfe gegeben!«

»Ei, in der That,« versetzte Waldstein, »habt Ihr viel vermocht in so kurzer Zeit und gar ohne Blut und Schwertstreich. Ich hätte nicht geglaubt, daß der König gar so schnell sich fügen würde, auf eine bloße Drohung hin, zumal er recht verbissene Leute an der Seite hat. Aber etwas Großes vermag ich's demungeachtet nicht zu nennen; es ist eine leichte Errungenschaft und mit ihr alles zu Ende. Es folgt nun Fried' und Ruhe darauf und müßt nun die Hände in den Schoß legen. Das ist der Schluß vom Lied und, wie es ward, bedurfte es solches Geschreies und solcher mächtiger Anstrengung nicht!«

»Verdirb mir die Freude nicht,« entgegnete Mathias ernst, »durch bitteren Spott; sonst glaub' ich, es spräch' katholischer Ingrimm aus Dir – und zum Kuttenknecht bist Du noch zu brav und klug. Wir haben eine Errungenschaft und eine für ewige Zeiten – will's Gott! Es knüpft an diesen Brief sich eine große Zukunft unseres Vaterlandes – Freiheit, Selbstständigkeit, der Bund mit den protestantischen Staaten Europas –«

»Und neues Unheil vielleicht,« warf Waldstein ein.

»Auch gut! Du widersprichst Dir; denn dann ist nicht alles abgeschlossen, es ruft ein neuer Kampf, es lockt ein neuer Sieg, das schwer Erworbene zu behaupten und wär's gegen eine ganze Welt. D'rum also lassen wir das Schwert nicht rosten. Auf Rudolf folgt Mathias, auf diesen Ferdinand. Weiß Gott, ob sie uns ruhig gewähren oder unsere Privilegia antasten.«

»Du mußt mich nicht mißverstehen, Thurn! Ich sprach damals zu Dir von etwas Gewaltigem, das die Zeit aus ihren Fugen reiße, und worein ich mich zu stürzen bereit sei, den Riß zu vergrößern oder auszufüllen. Ein solches scheint mir das nicht, was wir heute erlebt. Ich sah nur eine Gährung um eines untergeordneten Rechtes und Verhältnisses willen. Wie ich vorausgesetzt, ist bald d'rauf die Stille und die Ruhe gefolgt. Die Menschheit kann wieder schlafen gehen auf geraume Zeit. Das ist's, weshalb ich meine, daß meine Stunde noch nicht gekommen sei.«

»Ei, lass' Dir,« spottete Thurn, »von Deinen Sternen doch einen neuen Kreuzzug, eine Völkerwanderung, den Tartareneinfall oder eine Schlacht, von einer Hälfte Europas gegen die andere geschlagen, präpariren, wenn Dir hier alles zu klein! Wir haben vor allen Dingen das Vaterland vor Augen, das ist unsere Welt, der Kreis unseres Schaffens, Wirkens und Verbesserns; sein Ruhm ist unser Ruhm, seine Größe die unserige! Was hier sich ergiebt, ist uns das Höchste, Nächste, Theuerste. Du bist nicht gut patriotisch gesinnt, Albrecht! Das jammert mich im Herzen; Du bist nicht Böhme genug, um böhmisch zu fühlen; das Ausland hat Dich uns entfremdet! Du willst ein Kriegsheld werden, gleichviel für wen und welche Sache. Ich bin erst böhmisch und dann das Uebrige. Glaubst Du, der Mathias Thurn wird ruhen, wenn innerhalb dieser Grenzen alles beruhigt, zufrieden und beglückt ist? – O nein! Dann blickt er auch in die Ferne hinaus und hält sein Wirken nicht schon hier für abgeschlossen. Aber, daß ich mich freue des gelungenen Werkes, wirst Du natürlich finden; wir haben eine geistige Schlacht geschlagen und dem Haus Oesterreich, das die Krone Böhmens einmal hält, eine Linie gezogen, die da besagt für künftige Zeiten: »Bis hierher und weiter nicht!« Auf daß jeder Theil sicher seine Straße wandere; hier eine Schranke und dort auch eine; darauf der Bann!«

»Du alter Griesgram,« versetzte Waldstein und reichte ihm die Hand, »Du mußt mich doch immer schelten. Nun, es ist so Deine Weise und erzürnt mich nicht. Ich hab' doch einen Fleck in Deinem Herzen! – Wohl bin ich auch gut böhmisch und möcht' es Euch beweisen, wenn unserem Lande eine große Stunde schlägt. Sie wird ihm schlagen, das künden meine Sterne, und auch dem Kaiserhaus; Du erlebst es noch mit, daß halb Europa gerüstet sich entgegensteht, denn glaub' mir nur, der Friede von heute ist nicht auf ewig geschlossen. Da kennst Du Rom und seine Priester schlecht. Daß sie die Reformation so ruhig neben sich als Kirche dulden, friedlich mit dem Lutherthum die Welt sollen theilen, das ist ein Hirngespinnst. Eher giebt's einen Kampf auf Leben und Tod! – Unser Beispiel hier wirkt nicht – es gießt nur drüben Oel ins Feuer! Und wenn's recht brennt, Mathias, so ordentlich, daß die Lohe zum Himmel steigt, sehen wir uns wieder und holen uns Feuerbrände oder werfen Klötze hinein. Nicht wahr!?«

Er schüttelte ihm die Hand und ritt fort. Thurn trabte nach der Zeltnergasse, wohin viel Volk strömte.

Auch in der uns bekannten Schenke in der Brückengasse ging es lustig her. Da saßen Hostal, Sojka, Kostelecky und der alte Matusch, sowie noch eine größere Anzahl fröhlicher Trinker beim Bierkrug und feierten den Tag und ließen König Rudolf und Mathias Thurn und die anderen Stände hoch leben.

Miklasch, der lahme, drollige Schenke, hatte Wort gehalten und ein halbes Faß Bier gegeben. Diese Spendirung, wie sie es nannten, trug ihm aber reichliche Zinsen; denn es wurde toll darauf losgetrunken. Der Fleischer war schon tüchtig berauscht, sein Antlitz glühte, er lachte bei jeder Veranlassung aus vollem Halse; der Bader war geschwätziger als je und der Kürschner redselig und ärgerlich, selbst heute nicht zufrieden, sondern tadelsüchtig. Am Riesenofen saß eine Musikbande, bestehend aus drei fabelhaft aussehenden, zerlumpten Kerlen, Klarinette, Geige und Baß behandelnd; diese spielten in einzelnen Pausen, den Höllenlärm übertönend, böhmische Tanzweisen auf: Wrtak, Kolo, Rejdovaczka und andere mehrere. Die Lichter brannten matt, die Krüge klirrten, der Eine jauchzte, der Zweite sang mit zur Musik; zwei, drei Stimmen auf einmal riefen nach Miklasch, verlangten Bier, Rettig, Speck und Brot, daß er hin und her schießend in geschäftiger Eile sich kaum zu fassen wußte.

Als sich nach und nach die Menge verlaufen, die Musik entfernt hatte und Miklasch für kurze Zeit verschnaufend wieder am Tische seiner befreundeten Stammgäste stand, sagte der Kürschner: »Wie lange ist's her, daß wir da saßen und davon sprachen, und nunmehr ist's erreicht; die Toleranz hätten wir. Wenn nur dem anderen Uebel abgeholfen wär'; die Steuern drücken noch immer – ich hab' noch heut' zwei Mann Einquartierung vom königlichen Aufgebot gegen den Erzherzog Mathias.«

»Nun, nun,« beschwichtigte Matusch, »die Welt wird nicht vollkommen hergestellt in einem Tage. Gedulden wir uns, es kommt schon langsam nach, und freuen wir uns des heutigen Tages.«

»Ich wußt's voraus, daß es so kommen müßte,« sagte wohlgefällig Miklasch, »darum versprach ich das Bier und daß ich's heut' spendiren mußt', macht mir Freude.«

»Ja,« sagte der Fleischer, »wie lang mag's her sein; Du Dachs, Du hast das Bier von damals schon bis heute aufgehoben; darum schmeckt es auch so schal, so schauderhaft, so verworfen. Das, welches Du für Geld giebst, ist das bessere.«

»Gott soll mich strafen,« betheuerte Miklasch, »wenn's nicht vom besten Fasse ist und von demselben Bier. Ihr glaubt das auch nicht und wollt mich nur ärgern. Das aber kränkt mich nicht.«

»Ja,« rief Kostelecky, »es kam so, es mußte so kommen, weil wir uns einmal nicht alles gefallen ließen. Es wird auch besser werden mit unsereinem; denn die Akademie kommt jetzt an uns, die Unkatholischen, und in den Facultäten wird Gleichheit und Gerechtigkeit sein.«

»Es war damals,« lachte der rauschselige Fleischer, »es wurde von uns ausgemacht, als wir dem Miklasch eine Abkühlung gaben auf dem Hofe für seine Liebesglut zu der brabantischen Sängerin.«

»Wenn er sich's gefallen ließe,« meinte der Bader, »so thäte ich den Vorschlag, ihm auch heute eine Abkühlung zu geben zum Gedächtniß an jenen Tag, wo dasjenige, was wir nunmehr erlebt, ausgemacht worden ist.«

»Ja, das kann geschehen!« schrie der Fleischer; aber Miklasch war mit einem Satz zur Thür hinaus – schallendes Gelächter folgte ihm.

»Wenn es nur,« grübelte der Kürschner, »auch mit der Religionsfreiheit seinen Bestand haben wird, die Jesuiten und die anderen Mönche werden das nicht gutwillig zugeben.«

»Ei, Du verdammter Schicksalsrabe,« schalt der Fleischer und erhob drohend sein Bierglas, als wollte er ihm den Inhalt über den Kopf schütten, »hast Du nicht, als wir damals vom Schloß gingen, gebrummt und gemäkelt an den Propositionen der Stände und fast prophezeit, daß nichts daraus werden würde! – Und – wie ist's heut'!«

»Ja,« meinte der Kürschner abwehrend, »es ist noch nicht aller Tage Abend.«

»Darum eben,« beschwichtigte Matusch, »müssen wir das andere Gute immer noch abwarten. Euch grämt Euer Haus und macht Euch Sorgen, die werdet Ihr erst los, wenn Ihr im Grabe liegt, aber auch dann wälzen sie Euch noch einen Stein auf die Brust.«

Der Kürschner sah, daß er mit seinem Gerede in Nachtheil gerathen würde, er lenkte daher die Unterhaltung wo anders hin:

»Erwähntest Du nicht der Sängerin, der Walperga? Es war mir so!«

»Freilich. Wir tauften den Miklasch, als es ihm beikam, sie freien zu wollen.«

»Wo ist sie hingekommen? Man hört nichts mehr von ihr.«

»Sie singt nicht mehr auf den Straßen,« berichtete Matusch, »seit sie der Scherbic verfolgt und gehöhnt hat; aus Furcht vor ihm und aus sonstigem Grund – doch geht es ihr wohl. Man beschützt sie. Wahrscheinlich wird sie Prag verlassen, der Raufbold Janko hat's ihr verleidet.«

»Schade,« sagte Hostal, »ich hörte sie so gern und alle Welt. Der Lump!«

»Gott! Wenn ich den einmal unter meine Fäuste bekäme!« meinte der Fleischer und schlug die nervigen Arme ineinander.

»So was hören wir nicht sobald wieder,« warf der Bader ein, »und auf solch' schöne Dirn' können wir lange warten. Und nun verdient sie auch nichts und wird ins Elend gehen.«

»Das nicht,« versicherte Matusch, »die Alte ist nicht arm. Sie trieben das Musiciren nicht aus purer Noth. Der Scherbic, mein' ich, verfolgt sie noch alle Weile; nur konnte er ihr bisher nicht beikommen.«

»Ich wollt', er wär ein ungarischer Ochs und ich hätt' ihn zur Behandlung«, höhnte der Fleischer. »Es ist ein Jammer, daß der von Adel ist.«

»Das ist's ja, was ich sage,« fiel rasch und giftig Hostal ein, »der Adel ist zu mächtig und wird's auch jetzt bleiben; der Bürgersmann ist nichts gegen ihn und wird so lange gedrückt liegen in seiner Ohnmacht und Niedrigkeit, bis wir nicht ein anderes Regiment bekommen, wo alles gleich eingetheilt ist. Bevor uns Kaiser Ferdinand I. unsere Privilegia nahm und die Siegel von den Freibriefen reißen ließ nach dem blutigen Landtag, da war der Prager Bürger noch ein Herr, so gut ein Herr wie der Baron und Ritter im Reiche. Nun aber sind wir zu nichts herabgesunken.«

»Ja,« stammelte Kostelecky, »wir lassen uns immer noch zu viel gefallen; das ist's, was ich stets behaupte.« Der Kopf sank ihm etwas schief auf die Schulter, denn allmählich bewältigte ihn der Dunst des Bieres.

»Wo ist Miklasch?« fragte Hostal. »Ich will zahlen; es ist spät.«

»Ei, der that einen Luftsprung,« lachte der Fleischer, »als wir ihm drohten, wieder eine Taufe zu geben zur Feier des heutigen Tages. Wie wär's, wenn wir ihn suchten und ihn wieder kühlten; er hat heut' tüchtig geschwitzt.«

»Nein, lass't ihn, lass't ihn,« bat Matusch vor, »es ist heut' ein Freudentag für Jedermann und – einmal könnte der Spaß doch mißlingen. Es kann Einen der Schlag davon treffen – mindestens die Gicht.«

»Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben; es ist auch spät, mein Weib wild schon ausgeschlafen haben; wir wollen gehen!«

»Ja, wir wollen gehen,« riefen die Anderen und taumelten mehr oder minder von ihren Sitzen empor und riefen nach Miklasch und schalten ihn mit seinen zahlreichen Spitznamen, weil er sich feige verborgen hielt. Er war schlau; er wußte, was ihm im günstigsten Falle bevorstand und hatte seine Schlafkammer gesucht. Dort überrechnete er, was ihm der heutige Tag an Zapfengeld abgeworfen und entschlief, zufrieden mit seinem Geschäftsbetrieb. –

Der in Böhmens Geschichte so wichtige, für seine Zukunft so verhängnißvolle Majestätsbrief war ertheilt. Er gewährte den Unkatholischen nicht nur eine völlige Religionsfreiheit nach Augsburgischem Glaubensbekenntnisse, sondern er erlaubte ihnen auch, nach Bedürfniß neue Kirchen und Schulen zu bauen, ein eigenes Consistorium zu errichten und aus ihrer Mitte Defensoren oder Glaubensbeschützer zu erwählen, deren Bestätigung sich jedoch der König vorbehielt. Laut desselben wurde ihnen auch die Prager Akademie ganz übergeben und verordnet, daß eine oder die andere Confession Jeden in der Ausübung seiner Religion ungekränkt lasse, widrigens die Uebertreter scharfe Strafe treffen solle. Der Kaiser erklärte darin überdies die gegentheiligen Verordnungen, welche je hierüber ergangen waren, für ungiltig; diejenigen aber, die etwa von ihm oder seinen Nachfolgern zum Nachtheil dieses Majestätsbriefes erlassen würden, sollten ohne Kraft und Giltigkeit sein.

Böhmen war sonach thatsächlich und durch diese magna charta auch grundgesetzlich ein protestantisches Land. Die Mehrzahl seiner Bewohner war protestantischen Glaubens; die Religion derselben die herrschende; der Katholicismus, wenngleich paritätisch, doch in der Minderheit.

Diesen Majestätsbrief aber, welchen Budova entworfen und der den Ständen, auf Pergament geschrieben, mit dem königlichen Siegel und Rudolfs Unterschrift versehen, feierlich übergeben und in die Landtafel eingetragen wurde, unterzeichneten von den katholischen Herren nur zwei: der oberste Burggraf von Prag, Adam von Sternberg und der Untersecretär von Böhmen, Paul Michna. Slavata und Martinic entzogen sich der Unterzeichnung durch die Behauptung, das Document erfülle alle gesetzlichen Formen, da es die unmittelbare Sanction des Königs erhalten und sonach zur Intabulirung in die Landtafel vollkommen geeignet sei.

Der Kaiser verlangte jetzt, daß die protestantischen Stände ihre Truppen sofort abdanken sollten. Darüber kam es zu einem stürmischen Auftritte, denn sie verlangten, daß er ihren getreuen Bundesgenossen, den Schlesiern, in dieser Zeit der Bedrängniß dieselben Religionsfreiheiten ertheilen möge. Nach längerer Weigerung mußte sich der Kaiser auch dieser Consequenz fügen; er fand die Forderung billig und ihre Gewährung brachte auch in Schlesien den Frieden.

Zum Beschlusse errichteten nun die katholischen und evangelischen Stände in Uebereinstimmung eine Amnestie und einen besonderen Frieden untereinander für ewige Zeiten. Alle – so weit also waren die Gemüther versöhnt – unterschrieben den betreffenden Tractat; nur die Herren Wilhelm von Slavata und Jaroslav von Martinic nicht. Sie erklärten, daß sie in diesem Punkte sich nicht als böhmische Standesherren, sondern als Seiner Majestät geheime Räthe erachteten, als welche Majestät mit diesem Specialvertrage nichts zu schaffen habe.

Diese Weigerung, die einer völligen Lossagung von den vaterländischen Interessen gleichkam, erfüllte die Protestanten mit einem Hasse, der in der Zukunft beiderseitig die schrecklichsten Früchte trug. Die Böhmen betrachteten den Slavata und Martinic von diesem Zeitpunkte an außer dem Nationalverbande!

Der Majestätsbrief trat übrigens von da an wirksam und in der That auch segensreich ins Leben. Allgemein in Böhmen war die religiöse Toleranz eingeführt. Die seit längerer Zeit verschlossene hussitische Kirche von Bethlehem, wo der ehrwürdige Märtyrer Johannes gelehrt, wurde feierlich wieder eröffnet und bald darnach in derselben eine lutherische Predigt in deutscher Sprache gehalten. Von der Hauptstadt aus verbreitete sich die Glaubensgleichheit über das ganze Land; in einem und demselben böhmischen Dorfe fand man oft bis drei verschiedene Glaubensgemeinden und ebenso viele Lehrer und Prediger, die sich aber demungeachtet friedsam miteinander vertrugen.

Es war dies ein schönes Morgenroth des Friedens; wäre er nie von der katholischen Partei gebrochen worden! Sie hatte, wie immer, nur nachgegeben, aber nicht verzichtet!

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