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Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Zweiter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid8ef46a07
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I.

Waldstein wollte die Schloßgasse hinabgehen, da ereilte ihn Mathias von Thurn.

»Bei Gottes Donner!« rief er, faßte seinen Arm und trat mit ihm seitab von der Kirche Maria im Schnee dahin, wo sich jetzt die breite Brüstung bis zur Schloßstiege hinab erstreckt, von wo aus man den prachtvollen und einzigen Ueberblick über die wunderbare Stadt genießt. »Hab' ich Dich endlich? Hier mußt Du Rede stehen. Tritt mit mir vor an die Mauer!«

Sie lehnten sich in eine Vertiefung der Ringmauer, wo ihnen eine Geschützöffnung den weiten Ueberblick über die unteren Städte gestattete. Das Abendroth warf seinen Purpurmantel über die Höhen, über die Thurmspitzen und Zinnen des weiten Häusermeeres. Die Moldau wallte in einem Silbernebel, die grünen Inseln verdämmerten wie blasse Smaragden, zwischen die Häuserreihen, auf die Straßen und Plätze tief unten lagerte sich bereits Dunkelheit, aus welcher hier und dort verstohlen ein nächtlicher Lichtschimmer emporbrach, zahllose Glocken tönten die Abendfeier, daß es heraufklang wie wirre Harmonikaklänge, ohrenbezaubernd, weich die Seele rührend. Prag, das schöne, stolze, im Prachtgeschmeide üppig glänzende Weib, gemahnte in einem Moment an die feenhafte Venezia, denn dort, wo am Ende des Gesichtskreises die Häusermassen sich verliefen, schloß sich ein weiter Nebelkreis, anzuschauen wie das Meer, nur rechts und links eingedämmt durch die Berge, wie in eine weite Bucht.

»Keine Vorwürfe!« stürmte Thurn; »aber wer – wie – was bist Du? Wo verkriechst Du Dich, und was soll aus Dir werden? Denkst Du nicht mehr des Abends bei Kinsky? Was sprachst Du da? Warst Du nicht voll Feuereifer, voll Thatendrang? Konntest den Moment nicht erwarten, Dich in die Ereignisse zu werfen, wolltest je eher, je lieber dareinschlagen. Bebtest vor dem Gedanken, spurlos vorüberzugehen, vor Untätigkeit zu verschmachten? Und jetzt?! Bist uns etwa schon treulos geworden – gut katholisch, kaiserlich, slavatisch oder dergleichen? Doch nein! Noch seh' ich kein Hofkleid an Dir, 's ist noch immer der alte Rock, noch schmückt Deine Brust kein Ehrenpfennig! Also, was ist's? Hast vielleicht gar zum Rosenkranz gegriffen, hast dem alten Strachovsky für das Erbtheil geloben müssen, ein Duckmäuser zu werden? Sprich, Albrecht, daß ich weiß wie ich, wie wir mit Dir daran sind!«

»Alter Freund!« versetzte Waldstein, »noch ist meine Zeit nicht gekommen; ich folge einer höheren Mahnung; sie wird mir werden und mich gerüstet finden.«

»Und bist blind für das Nächste,« warf Thurn ein, »träumst mit offenen Augen. Folg der nächsten Mahnung, statt der höheren. Große Ereignisse bereiten sich vor, für den Thätigen setzt es Kampf und Ruhm: Eins muß man jetzt sein, Schwert oder Schild – Freund hier oder Feind dort. Tritt zu uns, werd' einer der Unserigen! Hab' doch in Deiner Seele gelesen; Du machst Dir nicht viel aus dem Kuttenvolk und Deine Bekehrung drang nicht durch die Haut. Ob Du sieben, ob zwei Sacramente hast, Albrecht, darauf kann Dir's Dein Lebenlang nicht ankommen. Ich wär' dumm, glaubt' ich das Gegentheil. Aber ich will nur, zum Teufel, Du sollst etwas Ganzes sein! So lange in Prag und man hört nichts von Dir. Ich glaubte, wie Du kamst, die Straßen würden zittern unter Deinem Tritt. Und jetzt – wie?«

»Denk' nicht, Mathias,« versetzte Waldstein ruhig, »die Ereignisse gingen theilnahmlos an mir vorüber! Ich schlafe nicht, ich wache, ich lauere, und wiederhol's noch einmal: Meine Zeit ist noch nicht gekommen! Ich rechne auf etwas Gewaltiges und – sag' an, was Großes habt Ihr denn vor?«

»Beim Teufel!« lachte Thurn auf, »bist Du denn blind? Nichts Besonderes? Nun – der König, oder vielmehr sein geheimer Rath, hat uns die Glaubensfreiheit rund abgeschlagen – wir haben den Landtag geschlossen – wir, die protestantischen Stände, und die katholischen gingen ruhig nach Haus, als sei alles abgethan. Hast Du von unserer Versammlung in der Neustadt nichts gehört? Fühlst Du nicht, daß es gährt, daß Feuer brennt und knistert unter dem Boden, auf dem wir stehen, und daß es ihn unterhöhlt! Wie – bei Gott! Wenn diese Zeit nicht von Bedeutung ist, dann ist es keine!«

»Ich mein' das Nächste, was Ihr wollt, wie Ihr beginnen, Eure Frage wieder anknüpfen werdet. Denn ich selbst glaube auch, mit diesem Landtag sei alles abgethan.«

»So denkst Du?! Beim Teufel, nein und durchaus nicht! Erst ordentlich angegangen ist's, angehen soll es. Wir haben uns constituirt, wir, die Protestanten, als ein Landtag dem Landtag gegenüber, wir, ein national-böhmischer dem kaiserlichen, dem böhmisch-österreichischen gegenüber. Dreißig Directoren haben wir über uns gesetzt, Fels, Bubna und ich sind zu Feldherren der Truppen gewählt, die wir geworben, die wir werben. Denn dies Recht haben wir als böhmische Herren in den Tagen der Nothwendigkeit. Und Gefahr fürs Vaterland ist da: es sind landständische Truppen, die den Königen von Böhmen oft beigestanden, oft ihnen aber auch widerstanden haben, handelte es sich um Beschränkung unserer Rechte. Ich hab' dreitausend Mann zu Fuß zusammengebracht, Bubna und Fels haben zweitausendfünfhundert Reiter gewonnen. Das sind landständische Soldaten, merkst Du? in unserem Sold, für unsere Sache, unter unserem Befehl! Die Werbung ist durchs ganze Land ausgeschrieben – der Zulauf gewaltig, die Zeit nicht länger für den Müßiggang. Der Frieden hat den Leuten ohnehin zu lang gewährt. Jetzt sind die schlesischen Abgesandten gekommen; sie verlangen, wie wir, vom König Religionsfreiheit und haben sich zu uns geschlagen. Ganz Schlesien ist im Bund mit uns! Wie? Ist das noch nichts? Sind das keine Aspecten, wie Du's nennst? Muß, wenn sich zwei Gewitter am Himmel zusammenballen, von denen keines weichen will, nicht ein Schlag erfolgen?«

»Wohl!« entgegnete fast zerstreut Albrecht – »und was hofft Ihr dann?«

»Was wir dann hoffen? Wir hoffen und werden erlangen, was wir verlangen: die Religionsfreiheit und die Vernichtung der österreichischen Partei, ein freies, unabhängiges Böhmen; wenn wir uns binden, die Krone ist gesetzlich auch gebunden, unverbrüchlich!«

»Und wenn dies erreicht – dann ist alles vorbei!«

»Ich habe nicht gewußt,« fuhr Thurn ärgerlich auf, »daß Du Karthäuser geworden bist; verzeihe! Wenn ich, Du, wir Alle todt sind, dann ist freilich alles vorbei und nach dem jüngsten Gericht ist vollends alles zu Ende; darauf harrst Du also?«

»Verzeih',« lenkte Waldstein, der den Freund nicht erzürnen wollte, ein, »ich wollte sagen: dann ist Fried' und Ruhe und nichts Großes steht weiter bevor. Ich rechne und hoffe auf etwas Gewaltiges, das die Zeit aus ihren Fugen reißt; dahinein möcht' ich mich stürzen, den Riß vergrößern oder ihn ausfüllen!«

»Und daß das nicht erfolgen kann, daß dieses hier nicht schon ein Großes ist – weißt Du bestimmt? Welcher Geist hat schon am Anfang eines Völkerereignisses je das Ende, den Erfolg bemessen!? – Geh', Du bist verstimmt, krank, milzsüchtig oder abergläubisch, vielleicht gar fromm. Das Letztere wär' das Schimpflichste, was ich mir denken könnte!«

»Verkenn' mich nicht,« sprach Waldstein und faßte seine Hand – »ich werde bereit sein, wenn die Stunde schlägt; weil ich säume, bin ich weder kraft- noch willenlos. Zudem beschäftigt mich jetzt etwas, das in der That meine Aufmerksamkeit mehr in Anspruch genommen, als es sollte. Mich verfolgt ein rasendes, ein verliebtes Weib, von dem mir Unheil droht und ich – ich bin nahe daran, ein Mädchen zu lieben, wie ich noch nie geliebt; das füllt für einige Zeit meine Seele – doch –«

»Doch!?« lachte Thurn hell auf; »Du bist verliebt – nun Gott befohlen! Da kannst Du uns nichts nützen und wirst auf der anderen Seite uns nicht gefährlich sein. – Gott befohlen, und auf Wiedersehen, bis Du geheilt, bis Du ausgeträumt und ausgeraset hast. Sehen wir uns wieder, dann sind wir aber schon um ein Paar Schritte weiter! Wie Du willst – gehab' Dich wohl. – Doch noch Eins! – Der Schlik ist brav, er spricht und handelt, der Kinsky schimpft und lacht und wirkt; sie haben ihres Auftrages nicht vergessen. Und unser sanfter Otto – weiß Gott! dem scheint die Träumerei auch in das Gehirn gefahren zu sein wie Dir. Allein, da ist mir nicht bange, den reiß' ich wider Willen mit ins Gewühl – und er wird sich schon brav halten. – Der glaubt an den Zufall und nicht an die Sterndeuterei wie Du; darum ist er freier. – Und dann lass' ich ihn nicht von der Seite. – Wenn ich meinen könnte – Albrecht! – daß das Dein Skrupel wäre, so würde ich Dir sagen, daß zwanzig redliche Katholiken – im Herzen Protestanten – bei uns stehen, bloß weil – weil sie fühlen, daß uns Unrecht geschehen, daß wir das gleiche Recht haben müssen, das mit Strömen von Blut erkaufte! – Aber abgesehen davon – und gleichviel das Andere; steh' Du meinetwegen drüben, sag': Ich bin Euer Freund nicht mehr, ich bin Euer Feind! – gut auch; ich weiß doch, was wir an Dir haben, ich weiß doch, daß Du wirkst, willst, daß Du der Albrecht bist, vom Thatendrang erfüllt, als welchen Du Dich selbst gabst und den ich als Knaben zu Hohem berufen erkannte! – Man muß etwas sein, etwas Ganzes! Und jetzt, bei Gott – Du bist kein Halbes – Du bist es nicht, Du bist nicht etwas! – Zum Teufel doch, das ärgert mich!«

»Du weißt, Mathias,« versetzte Waldstein immer noch ruhig und ohne durch diese Vorwürfe gereizt zu werden, fast begütigend, »daß ich Dir über nichts zürnen kann, selbst über ungerechten Vorwurf nicht; denn ich liebe Dich wie meinen Vater. Ich denke noch daran und, bei Gott! mit Freude denk' ich daran, wie ich noch ein Knabe war und Du ein Mann schon, ein geprüfter Held, und Du mir in Vaters Schloß den Becher botest und mit ihm die Brüderschaft, das Recht der Brüderschaft! Etwas in Deinem Herzen muß Dich schon damals zu mir gezogen haben; ein Etwas hat mich von jener Stunde an für ewig Dir verbunden. – Sieh, Mathias, ich bin jetzt ein Mann geworden, muß manches noch überwältigen, was Du, der Aeltere, schon hinter Dir hast, lass' mir so lang den freien Willen, bis ich sagen kann und will: hier bin ich, hier steh' ich! Hast Du doch Dein Leben hindurch den freien Willen vertheidigt auf Gut und Blut – und jetzt? – Was ist's? Die Freiheit Deines Glaubens willst Du bewahren, besitzen, und, wenn man sie verweigert, ertrotzen. – Ich aber will dem Freunde nichts abtrotzen – ich bitte ihn nur, sich zu gedulden, mir zu trauen, so lang er nicht Grund zum Mißtrauen hat, mir das Eine nur zu glauben: Ich irrte nie, so lange ich der höheren Lenkung folgte – ich werde folgen, wenn sie ruft. – Ob nun auf dieser, ob auf jener Seite, Du sollst mich sehen als Mann, als Mann von Muth; mein Schwert sollst Du erkennen, ob es neben dem Deinen, ob Dir gegenüber ficht. Ich weiß es ehrenvoll zu führen und mitten im Kampfe kenn' ich nur eine Pflicht: den Kampf! – Vergiß das nicht, Mathias, und um der alten Liebe, die mich ja des Bruderwortes gewürdigt, wirf mich nicht so leicht hin wie einen Verlorenen, einen Ueberlästigen, den es nicht lohnt, weiter zu beachten, weil selbst die Möglichkeit, die Zukunft nicht für ihn spricht! – Ich weiß, Du hassest Deinen Feind recht tüchtig, aber Du schmähst, Du geringschätzest ihn nicht – wenn auch im einzelnen Wort, so doch nicht in der Seele; mach's mit dem Freunde so – mit dem jüngeren und doch schon alten Freunde! – Zürnend, mißtrauisch, lass' ich Dich nicht gehen! Daß ich so ruhig Deinen Hohn ertrug, zeugt doch von meiner Liebe. – Wenn jetzt die Leidenschaft für ein Weib mein Herz erfüllt, so ist's der Umstand, daß dieses Herz in der Zeit keine höhere Mahnung traf. – Erschallt mir diese: beim unwandelbaren Gott der Sterne, so reiße ich diese Liebe, die noch nur ein kleiner Theil ist von meinem Selbst, aus der Brust, leicht wie man einen Grashalm trennt von der Erde, und folge jener Mahnung mit aller Kraft der Seele – auf Leben und Sterben! Lass', was ich sprach, für einen Schwur gelten – die Nacht, die jetzt herniedersinkt und unseres Landes Stolz und Pracht, die wunderbare, heißgeliebte Stadt, bedeckt, mit Falten nicht, mit Schleiern nicht, nein! mit einem ewigen Königsmantel goldener Sterne, hat diese Worte gehört! Wär' in meiner Seele nichts von der Empfindung für das Große, von dem Drange nach ihm, glaubst Du, ich stände hier und hörte Dich und blickte zugleich mit trunkenem Aug' in dieses wunderbare Schauspiel vor uns und meine Seele gedächte nicht in demselben Augenblick seiner großen Vergangenheit, der rätselhaften Gegenwart und der gewaltigen Zukunft; ich stände also hier theilnahmslos – statt hinzugehen, wo mir Befriedigung wird im reichen Maß für gemeine Wünsche! – Nein, Mathias, das glaubst Du nicht! Der Waldstein wird Eure Erwartungen nicht täuschen, ist auch sein Weg dereinst ein anderer. Noch ist er's nicht! Schwankt doch die Kugel, die Du treibst, nach einem gegeb'nen Ziel, beim Anbeginn des Laufes, bis sie nach innerem Trieb die richtige Bahn erfaßt hat; und der Mann sollte blindlings, selbst ohne innere Nothwendigkeit auf das erste, beste Ziel losstürzen? – Ich hab' noch eine weite und, wie ich weiß, ereignißreiche Zukunft vor mir: warum Kraft, Lust, Erwartung, Ausdauer jetzt vergeuden, wo kein Drang es heischt? Verzweifle nicht am Ziele meiner Bahn – und ist es ein falsches, dann glaube fest, daß ich die Stelle, wo ich es zu erreichen hoffte, mit meiner Leiche decke.«

»Nun, nun!« versetzte Thurn nach einer Weile und faßte Waldstein's Hand, die er losgelassen, und drückte sie herzlich; »ich weiß wohl Albrecht! daß Du besser sprechen kannst als ich, und daß Du besser sagst, was Du meinst, als ich es kann für meinen Theil. – Wann sehen wir uns wieder? Bei Kinsky? Wieder so einen Abend unter uns! Ei, nun haben wir Wichtigeres zu besprechen – die Zeit ist darnach. Wenn Dir auch manches nicht recht ist, was da fällt, kannst doch kommen! Bist willkommen, und kannst was lernen, bei meiner Seele! – Du gehst in die Kleinseite – nun geh' rechts, ich geh' die Schloßstiege hinab, wir könnten uns sonst noch einmal herumzanken. Und es taugt doch nichts! aber – komm'! hörst Du, komm' bald, auf Wiedersehen!«

»Leb' wohl! alter Freund!«

Sie trennten sich.

Wie verabredet worden war, fand Albrecht die alte Marga in der Abendstunde seiner harrend an der Dominikanerkirche. Er erzählte ihr während des Gehens, daß er die Gräfin in der That so gefunden, wie sie ihm dieselbe geschildert. Er beschwor die Alte, ein Mittel zu erdenken, um Camilla auf die am wenigsten gewaltsame Weise zu entfernen. Keppler's Ausspruch hatte seine Besorgnisse, ja seine Furcht, die etwas Grauenhaftes bekam durch die medeenhaften Zauberreize des Weibes, nur gesteigert. Ihm drohte Unheil aus den Aspecten ihres Gestirnes.

Um heute gegen einen Ueberfall gerüstet zu sein, hatte er zwei Pistolen unter seinem Mantel verborgen, drei seiner Diener lauerten an der Wasserseite der Ruine und waren auf den ersten Ruf bei der Hand, auch folgte ihm in einer weiteren Entfernung Matusch und umging das Gebäude von der Straßenseite.

Walperga trat ihm auch diesmal geschmückt entgegen, doch einfacher und darum fast noch reizender.

»Ihr seid bewaffnet, gnädiger Herr!« fragte sie, als er die Faustrohre aus dem Gürtel zog und auf den Tisch legte.

»Muß ich denn nicht?« entgegnete er; »denn Du bist wie ein Feenkind, dessen Grotte Drachen umschleichen und den Eingang lebensgefährlich machen. Es ist etwas Märchenhaftes an Dir und um Dich. Lass' uns glauben, wir lebten hier in einer Zauberwelt, vom kalten, düsteren Außenleben nicht berührt. Die verschwiegene Nacht hat ihren heiligen Reiz, das Abenteuerliche der Gefahr erhöht ihn noch.«

»Und meinetwegen, gnädiger Herr! der armen Dirne wegen setzt Ihr Euch der Gefahr aus und reizt den Feind, der nur mein Feind ist.«

»Ja, Deinetwegen, Walperga, und – auch meinetwegen; denn was riefe mich denn her, wär's nicht Dein Liebreiz, und was triebe mich, wär's nicht mein Herz! Gedulde Dich nur kurze Zeit, mein holdes Kind! Du sollst sicherer wohnen. Rechts vor dem Reichsthor, vor der Scharka, nahe bei dem Devicer Gehöfte, auf einer Höhe steht ein Jagdhaus, das mir der Oheim geschenkt. Es ist jetzt verfallen zwar, doch habe ich bereits Befehl gegeben, es herzustellen, zu befestigen und Deiner würdig einzurichten; dort sollst Du wohnen mit der Mutter, von treuen Dienern gegen jede Gewaltthat beschützt, geschirmt von mir und meinem Freunde Otto.«

»Ihr kennt Herrn Otto von Los genau, Herr von Waldstein?!«

»Und habe an seiner Freundschaft schon einen Treubruch begangen. Ich glaube, daß er Dich liebt, ich weiß es fast und habe ihm bis jetzt verschwiegen, daß ich Dich gesehen, gesprochen und bewundert. So neidisch bin ich auf mein Glück, auf des Zufalls Gunst, daß ich den Freund selbst fürchte. Zudem ist er gar schön und stattlich und dürfte Dir gefallen. Nächstens bring' ich ihn, Du sollst Deinen zweiten Beschützer kennen lernen. Er war's fast zuerst, der meine Aufmerksamkeit auf Dich, Du Wundermädchen, lenkte; ihm dank' ich die erste Schilderung Deines Wesens, die, wenngleich begeistert, nur ein schwaches Abbild war. Doch klagte er Dich auch kalten Herzens und stolzen spröden Sinnes an.«

»O kommt hinfüro doch allein,« flehte Walperga, »ich fürchte jene vornehmen Herren. Ich dank' Herrn Otto doch um so heißer, je weniger seine Gegenwart meinen Dank einschüchtert. Wer weiß, ist er so herablassend und mild wie Ihr, so gnädig gegen eine niedere Magd.«

»Die niedere Magd?« wiederholte er mit leisem Vorwurf – »nicht dies Gewand bezeichnet Dich als solche, nicht Dein edler Sinn, nicht Dein züchtig adelig Wesen, Dein Geist nicht, der Dir Worte leiht von wundersamem Klang und tiefer Bedeutung, auch meine Huldigung nicht, die ich freiwillig Deiner Schönheit und Tugend zolle. Wozu die Selbsterniedrigung mir gegenüber, der ich so Werth als Schein ermessen kann. Du magst Dich immer eine Königstochter achten, Walperga; Dein Fehler nicht, des Geschickes Schande ist's, daß Du als solche nicht dastehst vor der Welt. Ja, ich möchte Dich wohl stolzer sehen, Walperga! Wie konnte Dich auch Otto dieses Fehlers zeihen!«

»Ich kann wohl stolz sein dem Gemeinen gegenüber,« betheuerte sie, »doch wie bestünde ich vor Euch? Wenn Euch Herr Otto gleicht –«

»Ei Kind! Er hat, was Frauen freut und berückt, in höherem Maß als ich. Du sollst ihn sehen! Es wär' Verrath, schwieg' ich ihm länger von meinem nächtlichen Gange. Ich hätte dann in einen Tempel mich geschlichen, vor dem er heiß betend den Eingang sucht, und ich verschwieg ihm die geheime Pforte. Wenn sich die Göttin nur nicht von ihm rauben läßt und ich bereuen muß.«

Sie saß wieder zu seinen Füßen, sie schwatzte vertraulich und doch schüchtern wie ein Kind; ihr Auge, wenn sie sich nicht belauscht wähnte, haftete mit einer Innigkeit auf ihm, die der Verräther ward des in ihrer Brust aufgeblühten Frühlings, an den sie sonst nicht glauben wollte.

Als er sich zum Aufbruch rüstete und ihre Hand lange in der seinigen hielt und sich nicht trennen konnte von dem Anblick ihrer Augen, in denen der ganze romantische Schmerz der Vergangenheit lag und der Hoffnungshimmel der Gegenwart, die Wehmuth und die Wonneseligkeit, da sagte sie muthvoller und zutraulicher: »Zwei Worte weiß ich noch aus dem Liede von dem treuen Ritter, der so heldenmüthig war und doch liebte; sie lauten:

Wie wunderbar, daß so gewaltigem Mann
Die kleine Liebe das Herz brechen kann!«

»Ja, Walperga,« rief Albrecht und hob ihr gesenktes Haupt empor und küßte sie warm und innig auf die Lippen:

»Wie wunderbar, daß so gewaltigem Mann
Die kleine Liebe das Herz –

nein, brechen soll es nicht! Da sei Gott für; es muß heißen: die ganze Seele füllen kann!«

Er beugte sich noch einmal zu ihrem entzückend schönen Munde nieder; da trat Marga ein und er nahm Abschied.

Walperga warf einen langen ernsten Blick auf seine Waffen, dann seufzte sie: »Wenn ich Euch so scheiden sehe, gnädiger Herr, mit dem Tode gerüstet, dann zittere ich für Euer Leben. Um es zu nehmen, müßt Ihr mindestens den Tod drohen. Und dessen trage ich die Schuld! Wie verdien' ich das, ich arme Magd?«

»Du holdes Kind,« versetzte er lächelnd, »glaube, daß die Gefahr für uns Männer Reize hat, wie die Liebe fast. Ei! sollte ich denn in Deine schönen Augen sehen dürfen ohne alles Verdienst, ohne irgend ein Wagniß? Du schlägst Deinen Werth in der That gering an, mir gegenüber. Und doch meinte Otto, daß Du es ganz gut verstehst, Deiner Schönheit Dich bewußt zu sein vor der Menge.«

»Meint er?« entgegnete sie mit einem Seufzer. »Wohl vor der Menge – ich habe freilich meine Lieder hingegeben für kleine Scheidemünze; etwas glaubt' ich zurückbehalten zu müssen! Wenn Euch der Vergleich nicht eitel dünkt, gnädiger Herr, so gleicht mein Wesen einer Blume – wie ist ihr Name doch? – die Nachts sich ganz erschließt in trauter Verborgenheit und ihren Duft ausströmt, am Tage aber nur die bunten Blätter zur Schau trägt. Nachts träumt sie von der Sonne und erzählt's den Sternen auf ihre Weise, die die Sonne nicht zu sehen bekommen. Ich bin nur muthig vor der Welt; einsam recht zaghaft und glaub' wohl an Gespenster.«

»Wenn Gespenster Träume sind, so lass' mich einmal als Traumbild Dir erscheinen und warm und freundlich an die Brust Dir sinken! Ich will Dich nicht erschrecken! Leb' wohl, Walperga!«

»Ihr geht?« sagte sie zitternd und schmiegte sich an ihn – ihr Antlitz erblaßte – »wenn sie Euch auflauern, aus einem Hinterhalt den Tod Euch senden, wenn durch diese Oede, durch die Nacht ein Wehruf erschallt – und Ihr –«

»Sei ruhig, Kind,« tröstete er und es durchströmte das Bewußtsein ihrer unverhehlten Neigung seine Brust wohlthätig und erhebend, »ich bin nicht allein; meine Diener harren in der Nähe, und dann hab' ich ja diese Waffen und Dein Bild in meiner Seele. Was aber sicherer schützt, das sind die Sterne; in ihnen ist Dein und mein Geschick geschrieben, sie künden mir jetzt noch keine Gefahr. Leb' wohl – auch Du sollst ruhig schlafen – ich lasse meine Leute in der Nähe bis zum Sonnenaufgang. Nächstens komm' ich am Tage und will sehen, ob die Blume nur die Farbe für mich hat und nicht den Duft der Seele auch.«

»Nicht doch,« versetzte sie leise und drückte verschämt die Hand aufs Antlitz.

Er verließ das Haus – unten fand er Matusch und gelangte mit ihm diesmal unangefochten über den Aujezd.

Sie flog die verfallene Wendeltreppe des halb eingestürzten Thurmes hinauf; an einem vermauerten Fenster, dessen schmale Oeffnung im Kriege als Schießscharte gedient, lauschte sie bange hinaus in die Nacht. Sie hörte die Worte und Tritte der Männer, bis sie verhallten; sie sah im Mondenlichte, das über dem Laurenzberge heraufdämmerte, seinen Mantel schimmern, als er über einen Hügel niedergestürzten Gemäuers am Ausgang der Straße schritt und darauf verschwand. Alles blieb ruhig.

»Die Mutter Gottes,« sagte sie freudig für sich, »hat ihn in ihren heiligen Schutz genommen!« und eilte die Stufen hinab.

Marga bereitete das Mahl; sie hätte gern gefragt und gesprochen, aber sie las in dem scheuen Blick der Tochter mehr ein Verbot als eine Aufforderung zur Rede. Schweigend nahm Walperga die Laute und ging durch die Zimmer bis in das letzte Gemach, eine ehemalige Klosterzelle, die das Gebäude nah an der Moldau begrenzte; hier öffnete sie die schwere Fensterlade, lehnte sich an das Gesims und blickte lange schweigend in die Nacht hinaus. Unten schritten abwechselnd zwei Männer auf und nieder, sie waren bewaffnet und in die Waldstein'schen Farben gekleidet: ihre Wächter, von denen Albrecht gesprochen.

Der Mond war hinter dem Lorenzberge in seiner vollen Pracht und Majestät hervorgegangen. Sein gelber Schein beleuchtete tageshell den breiten Strom, der seine Fluthen wie geschmolzenes Silber dahinwälzte, und die Inseln, die sich in ihm zu wiegen schienen wie grüne Schiffe, mit laubigen Masten und flatternden Wimpeln geschmückt, und die Thürme und Kuppeln der Neustadt, das Sanct Ignatiusbild auf dem hohen Giebel der Jesuitenkirche, das in goldenen Strahlen leuchtete und weiterhin die weißen Mauern des Wyschehrad, zwischen denen die Thürme von Sanct Peter und Paul aufragten. Die Nacht war mild und verlockend wie ein Liebestraum; einzelne Glockentöne, die Stunden verkündend oder das Horagebet in den Klöstern, schwammen durch die Luft. Von den Mauern und den Wachthürmen, rings im Umkreis einer Meile, schallten dumpf, näher und ferner verhallend die Wächterrufe. Sonst war die gewaltige Stadt still und ruhig wie ein schlafendes Kind, das fromm den Abendsegen gebetet und von der Wärterin eingesungen worden.

Das Schlummerlied sang ihr die Moldau an den Wehren und Brückenbogen, wo Welle an Welle auf der Wanderung der schönen Königstochter einen Scheidegruß zuflüsterte und einen Liebesblick sandte und wehmüthig schied von der Reizenden, um die heimatliche Erinnerung zu verträumen im fernen, weiten Ocean.

Das Haupt auf die Hand gelehnt, die Laute im Schoß, sann hier das Mädchen und blickte bald in die Zaubernacht hinaus, bald schloß sie wehmüthig und träumerisch in innerer Beschaulichkeit das Auge.

Da regte sich, was sie empfand und ersehnte, tief in ihrer Brust und gestaltete sich zum Worte und zum Tone und sie sang leise, halb für sich, halb in die Nacht hinaus, das Lied:

Wär' ich ein Stern,
Ich würde voll Sehnsucht und heißem Entzücken
Immer nach Dir, meiner Sonne, blicken,
Bis ich in Deinem Glutenmeer
Untergegangen, versunken wär'!

Wär' ich die Rose,
Ich streute Dir duftige Blätter zu Füßen,
Würde Dir Wangen und Stirne küssen,
Schlösse Dein Bildniß, für ewig mein,
Tief in den Kelch, in die Seele ein!

Wär' ich die Nacht,
Ich würde mit Schleiern die Welt umwinden,
Kein sehendes Auge sollte Dich finden,
Nur meine Seele sehend allein
Schwelgte berauscht in Deines Glanzes Schein!

Die Stimme verbebte, die Laute verklang und glitt auf den Boden hinab, Walperga senkte das Gesicht auf den Arm und blieb schweigend und regungslos; als sie das Haupt wieder erhob, waren die Wangen thränenfeucht, der Mond glänzte in den quellenden Perlen und malte das Antlitz geisterhaft bleich wie ein schmerzhaft Madonnenbild. »Der Frühling ist gekommen,« seufzte sie bange klagend. »Der Keim hat die Erde durchbrochen. Heilige Mutter Gottes, wie wird das enden!« Sie weinte laut im Vorgefühl eines künftigen Schmerzes, der gewaltig in ihrer Seele emporzog wie ein mächtiges Gewitter. »Meiner Leiden ist kein Ende! So selig bin ich und weiß doch, daß ich elend sein werde!«

Da klang es weich und leise herauf: »Walperga! Gute Nacht!« Eine Gestalt öffnete den Mantel und breitete die Arme nach dem Fenster aus; das volle Mondlicht beleuchtete sie. Es war Waldstein! Sehnsucht der Liebe und die Besorgniß, ob das Haus auch sorgfältig bewacht sei, hatte ihn um die Insel Campa, das Ufer entlang, wieder zurückgeführt. Er hatte Walperga's Gesang belauscht, hatte ihr Lied gehört. Jetzt verschwand er wieder am Wasser hinter den Häusern der Eulmühle.

Sie erhob sich, wischte die Thränen aus den Augen und blickte wehmüthig lächelnd in die blitzende Nacht hinaus. Dann drückte sie die Hand fest an ihr Herz und suchte ihr Lager. Die Alte störte ihr stilles Treiben nicht.

Noch ehe die Sonne aufging, stand Walperga an Marga's Lager. »Mutter,« sagte sie zu der Erwachenden, die sie befremdet anstarrte. »Du sagtest mir oft, ich sei edler Herkunft. Sprich jetzt klarer mit mir davon; ich will wissen, wo meines Daseins Spur beginnt, will wissen, wie hoch ich die Blicke erheben darf. Wer war mein Vater?«

»Mein liebes Kind,« versetzte die Alte ängstlich, »was ficht Dich so plötzlich an? Ich habe Dir wohl gesagt, daß ich es nicht weiß, nicht wissen kann, weil ich die Spur selbst suche. Daß Du edlen Blutes – vermuthe ich mit vielem Grund; ja, Du bist es und wärst es selbst als eines niederen Bettelweibes Tochter.«

»Und Ihr Mutter – und Eure Herkunft?«

»Mein Vater war ein Landmann – glaub' ich; ich ward geraubt als Kind – wie ich Dir oft gesagt, und fortgeführt –«

»Dann hat Euch, die niedere Magd, ein edler Herr bethört und – entehrt und – ich, ich bin die Frucht der Sünde. Ich weiß genug, Mutter – ich will den Vater nicht, fändest Du ihn auch.«

Sie ging. Marga hielt sie an der Hand zurück und bat: »Nein, Marinka, nein, mein Engel! Das ist es nicht. Entehrt nicht, schmachvoll erzeugt nicht. O es ist anders – muß anders sein, wird anders sein. Vielleicht bin ich dem Ziele nahe, das Dir alle Räthsel lösen soll. Gedulde Dich, mein frommes Kind – erheb nur stolz die Blicke – auch dann, ja dann noch darfst Du es. O Gott! Wenn ich Dir alles sagen könnte; doch wozu – soll ich Dein Herz quälen mit Zweifeln und Vermuthungen, gegen ein Geschick Dich noch mehr erbittern, das Du schon unwillig trägst. Ich bau auf Gott! Bald giebt er uns vielleicht Klarheit und dann, mein Kind, wirst Du freudig mein Schweigen segnen. Hat es mir doch bis jetzt auch, so hart es oft meine Brust bedrängte, Heil und Freude und Glück gebracht. Und was, was kann so plötzlich Dich zu dem Ernste treiben? Warst Du doch so ruhig – so verschlossen in den letzten Tagen und gedachtest jener Frage kaum. Ich forsche rastlos – und der Himmel sendet uns gewiß endlich Licht.«

»Die ewige Ausflucht,« versetzte Walperga mit herbem Tone; »ich muß das Schlimmste glauben und so wär' ich nicht einmal ehrlich geboren, wär' nun der Vater ein sogenannter Edler oder ein Bauer. Man nennt mich einen Bastard. Der Eltern Bund hat weder die Kirche noch der Menschen Segen geheiligt und gebilligt.«

»Nein, nein, Marinka!« schrie die Alte entsetzlich auf, »so wahr der Heiland meiner Sterbestunde gnädig sei, so ist es nicht, so kann es nicht sein. Weiß ich doch alles, was wir, Du, nicht sind, nur über dem, was wir waren, liegt zum Theil ein Schleier. Was rüttelst Du so gewaltsam an den Riegeln einer geheimnißvollen Pforte, unbedacht, ob hinter ihr auch Glanz oder Nacht verschlossen ist. Warum die ängstliche Frage nach dem, was wir waren, da uns doch, was wir sind, nur Werth giebt. Und Du darfst stolz sein auf das: Wie Du bist!«

»Weil ein Geheimniß nur versiegelt Schreckliches hat, gelöst, selbst wär's Tod und Verderben, an seinem Grauen verliert. Warum ich also dringend frage? Ich ehre Albrecht von Waldstein und will wissen, ob es sich ziemt, mir zukommt, daß ich das Haupt als niedere Magd vor ihm senke oder es neben dem seinigen auch stolz erheben darf. Nur tiefer würde es mich demüthigen, wüßte ich, daß vor der Welt Schamröthe sein Antlitz überziehen muß, spräch' man von mir, der er mit Huld begegnet. Auch nicht einmal glauben soll die Welt, er suche ein Werkzeug niederer Leidenschaft in mir!«

Ohne Marga's Antwort abzuwarten, entfernte sie sich stolz.

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