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Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Zweiter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid8ef46a07
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XVI.

Der Rath von Rudolfs Räthen war kein anderer als seine freiwillige Entschließung. Er erkannte, daß seines Bruders Absicht allein dahin ging, ihm sofort die Regierung über Böhmen zu entnehmen und daß die Stände Mathias darin willfahrten, weil sie fürchteten, der Kaiser könnte den protestantenfeindlichen Ferdinand von Steiermark als seinen Nachfolger einsetzen. So wollte er denn lieber gutwillig die Krone niederlegen, als sich dieselbe mit Gewalt abzwingen lassen. Darum hielt er den begehrten Landtag am bestimmten Tage und ließ durch seine Bevollmächtigten, die Herren Zdenko von Lobkovic und Burchard von Tocnik den versammelten Ständen erklären, daß er wegen seines Alters und wankender Gesundheit die Regierung nicht mehr zu führen im Stande sei und daher beschlossen habe, dieselbe seinem Bruder Mathias zu übergeben. Er ersuche die Stände daher, diesen noch bei seinen Lebzeiten zum König in Böhmen zu krönen und den Tag zu dieser Feierlichkeit baldigst anzuberaumen, damit hierdurch allen Unruhen, welche wegen der Thronfolge nach seinem Tode entstehen könnten, vorgebeugt würde.

Die Stände ernannten hierauf die Herren Wenzel von Budova und Adam von Waldstein zu Vorsitzern, welche den 23. Mai festsetzten und die Abtretungsurkunde abfaßten, welche Rudolf zu unterzeichnen hatte.

Mit dieser Abtretungsurkunde erschienen die genannten Commissarien, sowie eine Anzahl Standesherren vor Kaiser Rudolf.

Es war Abend; der Kaiser lehnte, den Hut auf dem Haupte, im Fenster, neben ihm stand Julius. Sein Wesen war aufgeregt, seine Haltung fast stolz.

»Ich weiß, warum Ihr kommt,« sagte er mit tiefer Stimme, noch bevor die Abgeordneten ihre Begrüßung vorbringen konnten; »faßt Euch kurz, das Geschäft ist bitter; lies, Budova, lies!«

Und Budova las: »Weil Wir von den Ständen des Königreiches Böhmen unterthänigst sind gebeten worden, Unserem geliebten Bruder Mathias die Regierung noch bei Lebzeiten abzutreten, so sprechen Wir die drei Stände sowohl, als auch alle übrigen Einwohner dieses Königreiches, höheren und niederen Standes, von aller Unterthänigkeit, Pflicht, Verbindlichkeit und dem Eide, den sie Uns, als einem König in Böhmen geschworen, in Gnaden frei und los, um allen künftigen Mißhelligkeiten und Unordnungen vorzubeugen. Wir thun es zur größeren Sicherheit und zum Besten des ganzen Königreiches Böhmen, welches Wir über sechsunddreißig Jahre regiert, in demselben Unsere besten Jahre zugebracht und fast immer Hof gehalten haben, welchem Wir so vorgestanden, daß es während Unserer Regierung eines langen und guten Friedens genossen, wie auch an Reichthum und Glanz sehr zugenommen; Wir entlassen sie also kraft dieses Briefes mit gutem und freiem Willen, mit guter Ueberlegung und Unserem sicheren Bewußtsein, aller Schuldigkeiten, so daß sie Uns, als einem König in Böhmen, auf keine Weise mehr verpflichtet sein sollen, von dem heutigen Tage in künftige und folgende Zeiten.«

»Wie ist das?« rief Rudolf und seine Augen hafteten funkelnd auf der Versammlung, »aber lies weiter, Budova, lies nur weiter den – Kaufbrief den –« Seine Stimme zitterte.

Budova fuhr fort: »Desgleichen entlassen Wir auch die Mährer, Schlesier und Lausitzer des Eides der Treue, dieweil sie zweien Herren nicht dienen können und erklären die Passauer Truppen in die Acht.«

»Genug!« donnerte Rudolf und nahm den Hut vom Haupte und warf ihn ergrimmt zu Boden; »also lebendig todt! Die Krone und das Gewand, das Leben und den Namen eines Lebendigen! – Das wollt Ihr und das will mein gnädiger Bruder!? Ich, ein Popanz, wie abgenutztes Kinderspiel in den Winkel geworfen! Die Majestät eine Spottgestalt; entthront vor ganz Europa, wie ein Wahnwitziger, zum Bettler herabgestoßen!«

Er öffnete rasch das Fenster und rief in höchster Aufregung, athemlos, aber mit lauter Stimme heraus: »Wehe über Dich, Prag, weh' über Dich, Böhmen!«

Aus dem dunkeln Abendhimmel schoß leuchtend über dem weißen Berg eine Sternschnuppe herab und übergoß die Gegend mit einem falben Lichte, einem Blitze gleich. – Die Stände schauderten, der König wandte sich bleich und zitternd, und fuhr fort: »Ihr habt's gehört, Ihr habt's gesehen: der Himmel ist meine Rache!«

»Mein gnädigster Kaiser,« sagte Lobkovic und sank vor ihm auf die Knie, »der Inhalt ist doch Eurer Majestät freiwillige Entschließung; die Form der Worte ward gewählt, damit kein Zwiespalt über die Art der Abtretung entstehen könne, ein verderblicher Krieg, ein Bürgerkrieg! Es ist Seiner königlichen Gnaden, Herrn Mathias' Auftrag, in welchem wir –«

»Schweig'!« sagte Rudolf, und zu Budova gewendet, der in der Vorlesung des Dokumentes fortfahren wollte, setzte er gebieterisch hinzu: »Genug – was Schlimmeres kann nicht folgen; gieb her den Judasbrief. Schämt sich die Tinte nicht; ich glaub', sie ist roth!«

Er nahm die Feder, zeichnete mit zitternder Hand seinen Namenszug und zerstauchte sie daneben und befleckte das Papier; dann nahm er die Feder und zerbiß sie in Stücke.

»Du sollst nichts mehr der Art schreiben,« sagte er ingrimmig, »und jetzt geht! Das Band zwischen uns ist zerrissen; das knüpft keine Macht der Erde wieder an. – Schnell fort! Dies ist Eures Königs letztes Gebot.«

Sie entfernten sich, betrübt, schweigend, beschämt. Rudolf sank in einen Sessel und bedeckte das Antlitz mit beiden Händen. Julius kniete zu seinen Füßen und barg sein weinendes Gesicht im Schoße des Greises. – »Ich sah es kommen,« murmelte Rudolf nach einer Pause – »und doch hat es mich entsetzt; denn ich konnt's nicht glauben. Da geh'n sie hin und tragen meine Krone. – Nun, Herr Bruder, könnt Ihr jubeln und Euren Tanz versuchen mit der böhmischen Treue; sie ist, traun! Eurer Brudertreue würdig! – Als mir die Jugend lächelte und der Thron mit seinem Purpur entgegenglänzte, und welch ein Thron, Kaiser Maxen's Thron: da ahnt' ich freilich nicht, daß ich mich dereinst unter den entsetzten Königen zählen würde. – Genug! Komm', mein Sohn, wir wollen schlafen gehen; der Nachtschlaf ist eine Vorbereitung auf den ew'gen Schlaf. Und ich darf jetzt schlafen, ich hab' kein Volk mehr, keine Krone mehr zu bewachen. Der milde Bruder hat mich dieser Lasten überhoben. – Mög' er so sanft ruhen mit der Krone auf dem Haupte, wie er geruht hat im Erzherzogshute. Komm', Julius! Du mußt mir noch feierlich schwören, daß Du nie ein König werden willst, und wenn sie Dich mit Gewalt zwingen würden! Es wäre Schad' um Dich, mein Sohn!«

Er nahm des Jünglings Hand und schwankte, auf ihn gestützt, durch die Gemächer, bis er in seinem Studirzimmer zwischen Globen, Büchern, physikalischen Apparaten sich erst wieder heimisch fühlte und ruhig ward. Wie er mit dem Knaben hinschritt, langsam gebeugt, glich seine Erscheinung der Belisar's, den auch der Undank härter geschlagen als Verbannung und Blindheit. – Tags darauf versammelten sich die Stände in großer Anzahl auf dem Schlosse; hier legte ihnen der oberste Kanzler Zdenko von Lobkovic die Abtretungsurkunde Rudolfs vor; im Namen des Mathias überreichte dagegen Wenzel Kinsky einen Revers, worin Mathias den Ständen des Königreiches versprach, daß er vierzehn Tage nach seiner Krönung alle ihre Freiheiten, Vorrechte, Satzungen, Landtagsbeschlüsse, die freie Religionsübung, Bündnisse und andere Vorrechte mehr mittelst eines Majestätsbriefes bestätigen und erneuern wolle.

Der Tag der Krönung kam. Da aber Kaiser Rudolf im Volke noch einen großen Anhang hatte und hier und da Stimmen laut wurden, welche die Art, wie man ihn vom Throne entfernte, bitter tadelten, so besorgte man einen Aufstand und darum waren bei Tagesanbruch alle öffentlichen Plätze der Prager Städte mit ständischer Reiterei, die Kreuzgassen aber mit zahlreichem Fußvolk besetzt. Durch die Hauptstraßen ritten ganze Schwadronen auf und ab, um jede Zusammenrottung zu verhindern. Die Thore wurden gesperrt, und auf den Hauptstraßen gegen Welwarn, Schlan, Beraun, Brandeis, Böhmischbrod und Tabor waren starke Reiterposten aufgestellt.

Von den Wällen donnerten die Kanonen in das Frühroth des herrlichen Maientages, alle Glocken läuteten, die Stände fuhren und ritten in Prachtgewändern, von zahlreicher Dienerschaft gefolgt, nach dem Hradschin. Die Innungen waren mit flatternden Fahnen und klingendem Spiele ausgerückt, von der Spitze des Schloßthurmes flatterte das groß-böhmische Banner, der silberne Löwe im rothen Felde.

Im Ständesaale fragte der Oberstburggraf Adam von Sternberg die Versammlung, ob sie nun Alle und einmüthig darein willigten, daß er auf Verlangen des Kaisers und Königs Rudolf den König Mathias von Ungarn nach dem alten Gebrauche und kraft seines Amtes für einen König in Böhmen ausrufen solle. Sie antworteten mit einem lauten Ja. Hierauf erhob sich Sternberg und mit ihm die ganze Versammlung. Er sprach mit lauter Stimme: »Ich kündige also kraft meines oberstburggräflichen Amtes, im Namen der heiligen Dreieinigkeit, des einigen Gottes, allen Anwesenden an, daß Seine Gnaden, der König Mathias von Ungarn, von nun an der gewählte und angenommene König in Böhmen sei. Gott wolle diese Wahl und Ankündigung zu seinem eigenen Ruhme und Lobe, wie auch zum Besten dieses Königreiches angedeihen lassen!«

Die Herolde eilten jetzt durch die Stadt und wiederholten unter Trompetenschall diesen Ausruf auf allen öffentlichen Plätzen. – Hierauf begaben sich die Stände in den St. Veitsdom und schickten die Landesofficiere in die Wohnung des Königs Mathias, um ihn abzuholen. Er wurde in die St. Wenzelscapelle gebracht, wo man ihm das königliche Gewand anlegte. Hierauf führten ihn die Bischöfe von Wien und Strigau – der Erzbischof Lamberg war durch Unwohlsein abgehalten, der Ceremonie beizuwohnen – vor den Hochaltar, wo das Hochamt gesungen wurde. Nach der Epistel legte Mathias folgenden Eid mit lauter Stimme ab, den ihm der oberste Burggraf in böhmischer Sprache vorlas: »Wir schwören zu Gott dem Herrn, der Mutter Gottes und zu allen Heiligen auf dieses heilige Evangelium, daß Wir die Herren, die Ritter, die Wladyken, die Prager, wie auch die übrigen Städte und die ganze Gemeinde des Königreiches Böhmen bei ihren Ordnungen, Gerechtsamen, Privilegien, Satzungen, Freiheiten und Rechten, wie auch bei ihren alten, guten und löblichen Gewohnheiten erhalten; daß wir ferner von dem Königreiche Böhmen nichts veräußern oder versetzen, sondern dasselbe vielmehr nach unserer Möglichkeit vermehren und erweitern, und alles, was zum Besten dieses Königreiches gereichen mag, thun wollen und sollen. Dazu wolle uns Gott und alle Heiligen helfen!«

Nach beendigter Communion, wo die Krönung erfolgen sollte, trat der oberste Burggraf vor die Balustrade am Hochaltar und wandte sich zu dem versammelten Volke mit folgender lauter Frage: »Wollt Ihr Seiner Gnaden, dem Könige von Ungarn, als Eurem künftigen König unterthänig, getreu und gehorsam sein, und ihm sein Königreich befestigen helfen, und ist es Euer Wille, daß Seine königliche Gnaden gekrönt werden?«

Diese Frage wurde dreimal wiederholt und das Volk antwortete jedesmal: »Ja, es ist unser Wille!«

Nun näherte sich der Bischof von Olmütz, Cardinal Franz von Dietrichstein, der für den kranken Erzbischof fungirte, nahm die Krone des heiligen Wenzel vom Altar und setzte sie mit Beihilfe der zwei genannten Bischöfe und des Oberstburggrafen dem König aufs Haupt. In diesem Augenblicke schmetterten vom Chore die Trompeten und Pauken, alle Glocken wurden geläutet und draußen von den Wällen donnerten die Kanonen.

Der König setzte sich nunmehr, mit der Krone auf dem Haupt, auf den Thron links vom Altare, der Oberstburggraf trat vor ihn und sprach laut: »Eure königliche Majestät wollen alle Privilegien, Freiheiten, Schenkungen, Gerechtsame, die Landrechte, die alten und löblichen Gewohnheiten und Ordnungen, sowohl der Gemeinden, als auch einzelner Personen erhalten, und nichts dawider unternehmen?«

Der König antwortete: »Das wollen wir!«

Hierauf wandte sich Sternberg zu der Versammlung: »Weil nun Seine Majestät der König ordentlich zu einem König ist gewählt worden, so kündige ich Euch Allen im Namen Gottes des Allmächtigen öffentlich an, daß Seine Majestät König in Böhmen sei. Ich frage Euch sämmtlich, ob Ihr Seiner Majestät getreu, gehorsam und unterthänig sein wollet?«

Die ganze Versammlung antwortete: »Ja, wir wollen!«

Darauf rief der Oberstburggraf: »Hebet also zwei Finger der rechten Hand in die Höhe und schwöret Eurem König auf Seine Krone Gehorsam, Treue und Unterthänigkeit!«

Die Versammlung erhob feierlich die Hände, Sternberg machte selbst den Anfang, kniete vor dem König nieder und legte seine zwei Finger auf die Krone. Dies thaten nach ihm die Landesofficiere und dann die Vornehmsten aus den drei Ständen.

Nach geschehener Huldigung nahm der König das Schwert des heiligen Wenzel, entblößte es und schlug damit die Herren Wenzel von Blezyva und Christof Korensky von Tereschova zu St. Wenzelsrittern.

Hiernach ging der neue König zum Opfer und brachte, nach altem Gebrauche, zwei Laib Brot und zwei Fäßchen Wein auf dem Altare dar. Er setzte sich wieder auf den Thron, und in diesem Augenblicke wurden zum Beschluß, auf ein gegebenes Zeichen vom Schloßthurm her, zu gleicher Zeit die Stücke auf dem Hradschin, dem Lorenzberg und dem Wyschehrad gelöst. Der Erbmarschall ritt durch die Menge und warf goldene und silberne Denkmünzen aus, der Brunnen der St. Georgsstatue im Schloßhof strömte österreichischen Wein, um welchen sich der Pöbel, in kleinen und großen Gefäßen schöpfend, herumbalgte.

Bei der öffentlichen Tafel im spanischen Saale saßen der Cardinal, der päpstliche Legat und die Gesandten von Spanien und Toscana zur Rechten des Königs; zu seiner Linken der Erzherzog Karl von Oesterreich und der Herzog Christian von Brieg und Lignic. Ihnen warteten der Erbvorschneider Johann Sezyma, der Erbmundschenk Johann von Wartenberg und der Erbmarschall Berthold von Lippa auf. – Es waren noch elf Tafeln für die Landesofficiere und ihre Gäste vorgerichtet. An der ersten führte der Oberstburggraf Adam von Sternberg den Vorsitz. Viele Grafen und Herren aus Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Mähren, Schlesien und der Lausitz nahmen an dem Krönungsmahle theil.

Während dieser Feier wandelte der Kaiser Rudolf in den Gängen und Gebüschen des Fasanengartens hinter dem Ferdinandeischen Lusthaus, jenseits des Hirschgrabens, düster und grollend auf und ab. Er wollte den Schall der Trompeten und Pauken und den lauten Jubel des trunkenen Volkes, das dem neuen Herrscher ebenso freudig zujauchzte, wie es vordem ihm selbst zugejauchzt, nicht hören. Er zürnte Keppler, der ihm wohl von dem großen nördlichen Dreieck aus der Andromeda her ein Mißgeschick vorhergesagt, aber nicht als so nahe bevorstehend verkündigt hatte.

Am folgenden Morgen ließ König Mathias durch seinen ersten Kämmerer, den Grafen Meggau, dem Kaiser für die so brüderlich abgetretene böhmische Krone seinen Dank abstatten. Rudolf, der den Abgesandten in einem ganz einfachen Hauskleid empfing, sah zu Boden und würdigte ihn keines Blickes. »Sag' Deinem Herrn,« antwortete er nach einer Weile finster, »ich hoffe, er werde sich nunmehr erst als König gegen mich immer recht brüderlich bezeigen!« – Mit diesen Worten entließ er ihn und wandelte von da an wieder düsteren Sinnes und von Gram erfüllt durch die dunklen, unterirdischen Gänge des Schlosses und im Schatten seines Gartens stundenlang umher, oder er fütterte im Hirschgraben die Edelthiere, und wenn sie traulich aus seiner Hand Brotkrumen und Weizenkörner nahmen, sagte er zu seinem Sohne Julius: »Sieh, mein Kind, die kennen mich noch, obgleich ich kein König mehr bin; die sind nicht undankbar, wie die Menschen!«

Er hatte seinen Bruder weder vor noch nach der Krönung gesehen und gesprochen; dieser wohnte noch immer in seinem Hause auf der Altstadt, welches ihm die böhmischen Stände eingeräumt, während Rudolf allein auf dem Prager Schlosse hauste.

Von diesem Augenblicke nannten die Böhmen auch Rudolf den »guten König« und wunderten sich darüber, wie es dem Mathias doch gelungen sei, ihm theils durch Unterhandlungen, theils durch Gewalt zwei schöne Königreiche und die übrigen Länder abzunehmen.

Einen unangenehmen Eindruck machte es, als Mathias die früheren Räthe Rudolfs, Slavata und Martinic, sofort in ihre Würden einsetzte und mit seinem Vertrauen beehrte; Mathias beschwichtigte aber die protestantische Partei sofort wieder, indem er den Grafen Mathias Thurn zum Burggrafen von Karlstein und Herrn Colon von Fels zu seinem Gesandten beim Reichstag in Nürnberg ernannte.

Die deutschen Kurfürsten nämlich waren mit den Gewaltthätigkeiten, die man ihrem Kaiser angethan, keineswegs zufrieden. Sie erließen von Nürnberg aus, wahrscheinlich auf Rudolf's Beschwerde, an Mathias sowohl als an die böhmischen Stände ernste Briefe, in welchen sie Beiden mit einem Kriege drohten, wenn sie dem Kaiser die abgedrungenen Länder nicht sofort wieder zurückstellen würden. Der Kurfürst von Sachsen und der Herzog von Bayern zogen auch bereits zu diesem Zwecke ihre Kriegsvölker zusammen. Die Böhmen antworteten, daß die deutschen Fürsten kein Recht zu einer Einmischung in ihre Angelegenheiten hätten, daß das Königreich in keiner Hinsicht unter den Gesetzen oder in sonstiger Verbindung mit dem Reiche stehe, und rüsteten sich zur Gegenwehr. Mathias aber wählte den Weg der Vermittlung, er schickte nebst dem gedachten Colon von Fels die Grafen von Meggau und Richard Sternberg als Gesandte nach Nürnberg an die Reichsfürsten, ließ ihnen die Abtretungsurkunde Rudolf's vorlegen und alle Umstände seiner friedlichen Erhebung auf den böhmischen Thron genau vortragen. Die Sache wurde nunmehr dadurch beigelegt, daß Mathias versprach, den Kaiser Rudolf als sein Oberhaupt anzuerkennen und zu achten, daß Rudolf bei seinen Lebzeiten gestattet sei, sich immerhin einen König von Ungarn und Böhmen, Herzog von Oesterreich und Markgraf von Mähren zu schreiben, und daß ihm ein Jahrgeld von dreimalhunderttausend Gulden nebst den Städten Pardubic, Brandeis, Benatek, Lissa und Prerau, sowie das Prager Schloß als Residenz überantwortet wurden.

Mathias reiste später nach der Lausitz und Schlesien, um sich huldigen zu lassen; dann begab er sich nach Wien, wo er sich mit Anna, der Tochter des Erzherzogs Ferdinand, vermählte.

Die Protestanten machten sich noch in diesem Jahre die von Rudolf und Mathias ihnen ertheilte Religionsfreiheit zu Nutzen und bauten zwei neue evangelische Kirchen für deutsche Gemeinden, die eine in der Altstadt und die andere in der Kleinseite, die jetzige Paulaner- und Carmeliterkirche.

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