Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Herloßsohn >

Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band - Kapitel 16
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Zweiter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid8ef46a07
Schließen

Navigation:

XV.

Martinic und Slavata wurden bald auf Rudolfs dringendes Verlangen, mehr jedoch auf Mathias' Fürsprache von den Directoren in Freiheit gesetzt. Der alte Kaiser war weicheren Herzens und treuer als seine Räthe; er verließ sie in der Noth nicht – wie sie ihn; denn er fürchtete für ihr Schicksal. War es doch ihr Rath hauptsächlich, der ihn zu seinem letzten tollkühnen Wagniß angefeuert; allein großmüthig wollte er die Verantwortlichkeit tragen.

Otto von Los erbat sich den Auftrag, dem Herrn von Slavata seine Freilassung zu verkünden.

»Mein sanfter Freund,« sagte Albin Schlik leise zu ihm, »weiß in seine Milde eine Methode zu bringen; er tritt mit einem Act der Großmuth vor einen Feind und tröstet zugleich ein junges, schönes Mädchen. Lass' Dich nur von der kleinen Papistin nicht abtrünnig machen; in der That ist das Kind unter lauter Gedanken an die heilige Madonna erzeugt und geboren worden; es giebt keine sanftere, reizendere Schönheit!«

»Du weißt, Albin,« entgegnete Otto leicht erröthend, »wie wenig das mich trifft. Ich bin der Mutter befreundet und würde eine Botschaft, wär' sie auch schlimm, gern übernehmen, weil sie von mir, wie ich weiß, ihr milder erscheinen würde.«

»Ei, die Mutter,« versetzte Schlik, »ist immer noch eine schöne Frau, doch leidend, mehr eine geweihte Wachskerze als ein Menschenleib von Fleisch und Blut. Die Pfaffen wollen sie schon hier zur Heiligen machen.«

»Sie ist edel und unglücklich,« sagte Otto zurechtweisend. »Beides wandelt oft auf Erden Hand in Hand! Leb' wohl!«

Er ging in das Slavata'sche Haus. Die Wachen machten ihm ehrfurchtsvoll Platz. Er trat in das Gemach des Gefangenen.

Dieser war im Hauskleid, von Büchern und Papieren umgeben – seine Stimmung schien gleichmüthig. Bei Otto's Eintritt erhob er sich, trat ihm entgegen und sagte höflich, die Hand ihm bietend: »Ein freundlicher Besuch – Ihr habt der Einladung nicht vergessen, auch in trüber Zeit, Herr von Los!«

»Gnädiger Herr,« sagte Otto etwas befangen, da seine Sendung ernster war als die, welche der Baron vermuthet, »ich komme, um Euch im Namen des Directoriums Eure Freilassung anzuzeigen.«

»Des Directoriums?!« wiederholte Slavata scharf und warf einen befremdeten Blick auf den jungen Mann; dann setzte er gleichsam sich beruhigend hinzu: »Ach, ja! des Directoriums; denn wir haben im Augenblick keinen König, der's wirklich ist. Und das Directorium hat mir ja den Arrest aufgelegt; es ist richtig – ich besinne mich und weiß den Zartsinn zu ehren, daß es mir Euch gesandt, die bittere Botschaft mir weniger bitter zu machen. Ich hätte so viel Zartsinn von den Herren nicht erwartet.«

»Die bittere Botschaft, Euer Gnaden,« warf etwas verstimmt Otto ein, »die Freiheit – eine Bitterkeit?«

»Die Freiheit selbst nicht, Herr von Los; allein es kommt auf den Beigeschmack an; man nimmt sie nicht von jedem gern! Ich mein' nicht Euch, mein werther Freund! Euch danke ich, weil Ihr Euch bemüht, daß kein Anderer kam, der mir den Augenblick vergällt hätte. Ihr seid mir stets willkommen und seid es doppelt jetzt! Ich bin Euch, Otto« – fügte er milder hinzu – »zum Dank verpflichtet. Verkennt mich nicht, die trübe Stimmung galt nicht Euch. Das Herz hieß Euch zu mir gehen, Herr Otto! – nicht wahr? Ihr seid ein braver Mann; das überrascht mich, je mehr ich hier und dort mit Falschheit muß verkehren. Nun lass't es gut sein, Freiherr von Los! Im Parteienkampfe wechselt das Geschick: heute oben, morgen unten; wer weiß, ob ich Euch nicht dereinst einen gleich freundlichen Dienst erweise. Die Botschaft ist es nicht, mich freut der Bote.«

»Ich glaubte keinen Vorwurf zu verdienen, Euer Gnaden,« antwortete Otto stolz und verletzt, »darüber schon, glaub' ich, dürfte meine Sendung mich hinaussetzen. Ich komme im Auftrag der Gewalt, die Euch die Freiheit nahm und sie jetzt Euch giebt. Die Sendung war, wie gesagt, meine Wahl und ich war stolz genug, zu glauben, daß, wenn die Freiheit für Euch irgend einen Reiz hat, ihr Werth nicht verringert werden dürfte, wenn ich sie Euch verkünde. Ich glaube, Ihr habt es selbst schon ausgesprochen. Kränkt Euch ein Richterspruch, gnädiger Herr, so dürft Ihr Euren Groll nicht auf den Boten werfen. Ihr prophezeit mir da ein ähnliches Geschick, nicht wissend, ob ich's je verdienen werde, und dann Euch eine gleiche Sendung. Herr von Slavata, ich bin nicht so erfahren in Staatsgeschäften wie Ihr – allein ich hoffe, käme jener Fall, Ihr dürftet Euch als Edelmann beim besten Willen Eures Auftrages nicht freundlicher entledigen als ich gethan – und als ich zu thun beabsichtigt. Bis jetzt war meine Verantwortlichkeit nicht so groß, daß sie hier oder dort mir ein ähnliches Geschick bereiten könnte.«

»Muß ich es wiederholen,« versetzte mild Slavata und nahm Otto's Hand in die seinige, »daß mich der Bote freut, daß ich ihm danke, weil er es und kein Anderer ist. Meine Bitterkeit galt doch nicht Euch, nur Eurer Partei und, verzeiht, über den werthen Freund hab' ich der Partei nicht gedacht und nicht beachtet, daß ich, schelte ich sie, auch ihn kränken muß. Ihr würdet mir nicht zürnen, Otto, kenntet Ihr nur den zehnten Theil von dem, was in der letzten Tage Gebraus durch diesen Kopf, durch dieses Herz gezogen ist! Schwankend zwischen König und Vaterland, beide mit gleicher Lieb' umfassend, beide versöhnen, ineinander schmelzen, beiden helfen wollend, so steh' ich da und kann nur rufen: Nehmt mein Herzblut hin, und kann es dienen, Eure Saaten gleichmäßig zu befruchten, so mög' es strömen, bis sein letzter Tropfen verronnen ist! Ich kenne nach all meiner Weisheit, deren nur mein Geist fähig ist, kein Heil außer dem, das aus einem festen Bunde zwischen Volk und König entsprießt! Bei Gott! Rudolf hat's gewollt. Mein Haar fängt an grau zu werden; ich lüge nicht! Ich sitze lang im Rathe und habe erwogen und erkannt, was es heißt, ein gerecht und dauernd Regiment zu führen. Darin, was ich wollte, habe ich nie geirrt, hat man den König nicht verstanden, nicht verstehen wollen, es ist nicht seiner Räthe Schuld. Wäre Schuld, mein junger Freund, immer nur auf einer Seite, wie leicht wäre da der Sieg erfochten!«

»Und ich, gnädiger Herr!« sagte Otto mit Festigkeit, »leb' und streb' für mein Vaterland und seine Unabhängigkeit, für ein selbstständig Böhmen unter einem eigenen Herrschergeschlecht, das nicht ein Theil von einem großen Ganzen, das der Kern ist, wie er's war. Uns wäre besser dann! Die böhmische Krone sollte keiner tragen als Nebenschmuck – sie ist ein Hauptschmuck, dächt' ich. Der Böhme mochte nie der Zweite sein, und wer sich seinen Vater nennt, der muß nicht ältere, liebere Kinder haben, mit größeren Rechten und mit höheren Würden!«

»Otto von Los!« rief Slavata mit Feuer, »die Natur lehrt auch: Kannst Du kein Leib selbstständig sein, so werde ein ganzes Glied vom Leibe; Dienst für Gegendienst, das ist ehrenvoll! Als Theil bist Du im Ganzen auch mächtig. Drei Kronen aneinander gefügt wiegen mehr im Völkerrathe, als jede vereinzelt; wo drei Brüder eine kühne That vollbringen, kann sich jeder gleichmäßig derselben rühmen. Und ist's nicht besser so, einig, gemeinschaftlich zu wirken, als wechselseitig ein jegliches Wirken, die Thatkraft zu stören? Wir wollen einen, um mächtig zu sein; Ihr wollet theilen! Beim kleinen Erbe verkümmert jeder, der geerbt. Nur große Völker sind dauernd und beständig; mit ihnen müssen kleine sich verschmelzen; der Bach stürzt sich doch freudig in den Strom – die Natur treibt ihn – der Strom nimmt ihn brüderlich in seine Arme und wird so eins mit ihm. Ist's ehrenvoller, zu verrieseln im Sand, als zu verschmelzen mit dem Strom, dem Weltmeer? Kann jede Welle sich nicht stolz als Ocean benennen? Wollt Ihr statt einer Krone auf einem Haupt der Kronen fünfzig kleine auf fünfzig Häuptern? Selbstständig bin ich, auf einen Bergesgipfel gestellt, und frei; ob aber thatkräftig, ob wirklich frei, wenn nirgends eine Möglichkeit, die mich unfrei machen könnte? Ein einziger Mensch auf dieser Welt wäre zugleich der größte, edelste und schönste. Wo kein Vergleich und kein Zusammenhang, da hört jede Werthschätzung auf. Allein ich bin selbstständig, bin ich ein Glied der Kette; ich weiß, daß, wenn mein Reif fehlt, die Kette bricht und keine Spannung hält. Kann ich mich also nicht ebenso gut die Kette nennen? Und warum nicht Haus Oesterreich? Warum ein anderer Nachbar, warum ein Fremder? Wird er uns besser lieben, wird er in seinen Ring zum Edelstein nicht auch uns als Edelstein fügen? Wird er den eigenen Ring zerbrechen, undankbar um unsertwillen? Zerstört Ihr Eures Vaters Haus, weil Euch der Ohm ein schöneres vererbt? O achteten wir nur im Fremden auch das Selbstgefühl, wir lernten uns selber besser fühlen. Bin ich, wenn wir uns die Hände reichen, der Erste oder der Zweite?«

Er hielt fast athemlos ein und senkte wie erschöpft und betrübt das Haupt, dann schritt er langsamen Schrittes in der Stube auf und ab.

»Wir waren's einmal, gnädiger Herr!« versetzte ruhig und gemessen Otto, »ein Kronen-Hauptschmuck, und was Ihr da nanntet, ein Strom – ein Kern, wie ich gesagt. In uns, den Strom, da mündeten die Bäche. Daß wir es nicht vergessen können?! Das einzig Unsterbliche am Menschen ist das Gedächtniß, es ist sein ewig Erbtheil, das Völker zu Völkern tragen. Weh dem, der für seines Volkes Größe keine Erinnerung hätte! Der Premysliden Scepter reichte vom Baltischen Meer bis zum Adriatischen. Was zwischen beiden Weltgewässern liegt, war gerechterworbenes Gut. Man hat uns klein gemacht. Der Graf von Habsburg schlug unseren größten König auf dem Marchfeld und theilte den Purpur seiner Leiche unter seine Söhne. Und wir und alles, was wir hatten, wurde dieser Söhne Erbe. Glaubt Ihr, sie warfen dieses Königskleid des Ottokar um ihre Schultern? Nein, nein! Sie flickten es als ein Stück in ein ander fürstlich Gewand, als sollte es heißen: Seht! Mit solchen Flecken prunken wir, das kleine Böhmen füllt gerade den Brustlatz aus!«

»Ihr geht zurück,« entgegnete ruhiger Slavata, »mein junger Freund, und ich blicke vorwärts! Da kämpfen wir mit ungleichen Waffen. Alte Kronen wie Völker verjüngen sich nicht; nur im Fortschritt ist ihre Jugend. Seht, wie rings die Reiche sich vergrößern im Zeitenlaufe; was wäre ein einzeln Böhmen jetzt? Sind wir im Stande, Brandenburg zurückzufordern, wir allein – und die steierische Mark und Kärnten, Krain, Friaul? Der Adler Oesterreich hat die letzteren schon; wir brauchen sie nicht zu erobern, sind wir mit ihm. Wollt Ihr, könnt Ihr ein Mädchen freien mit reichen Gütern, die Liebliche verschmähen und mit ihr einen gefährlichen Rechtsstreit beginnen wegen alter Ansprüche, statt Eure Hand in die ihrige, Euer Besitzthum zu dem Ihrigen zu legen? Es ist mit Völkerträumen nichts, nur mit Völkerwahrheiten. Ich gesteh's Euch, Otto – und nun kennt Ihr mich, daß ich nicht lügen will – ich wollte Euch gern zu uns herüberziehen – nicht um des Gewinnes willen, sondern weil ich Euch liebe! Glaubt Ihr, da Rudolf's Stern im Untergange ist, daß deshalb Oesterreichs Sache untergeht? Mit Nichten! Wir wissen, was wir wollen, und darum bleiben wir mächtig. Ich möchte Euch haben, daß Ihr am Tage des Triumphes nicht unter den Besiegten steht. Was wurde, sah ich kommen, weil ich des Spieles beiderseitigen Ausgang vorher berechnet hatte. Wir meinen's ehrlich, Herr Otto, wenn wir auch nicht Schwärmer sind!«

»Ehrlich,« versetzte dieser mit einem Ton, der einen bitteren Tadel und Zweifel aussprach, »ehrlich – Eure Gnaden – mit uns, den böhmischen Vaterlandessöhnen? Und die letzten Ereignisse –?«

»Ja ehrlich, sage ich Euch, und sage es bis zur Todesstunde: der König ist redlich und kein Haar breit von Haß in seiner Seele.«

»Und was Tengnagel ausgesagt, gnädiger Herr! Der Verrath an uns; dies Doppelspiel – dies Gewähren des Majestätsbriefes, dann das Bereuen wieder und der Versuch, ihn zu zerreißen –!? Herr von Slavata! Ich schenke einem armen braven Mann in Anerkennung seines Werthes und in großmüthiger Laune eine Summe und da mich's später reut – schleiche ich mich Nachts – Ihr seht, Herr! ich wähle den gelindesten Fall! – in sein Haus und nehme ihm im Schlaf die Gabe wieder. Und das ist redlich und gut gemeint? Ja Könige können nicht sündigen; ihr Wort ist heilig, selbst wenn sie es brechen; nur Völker sind die großen Sünder, wenn sie mahnen, wenn sie auf Königsworte sich berufen. Das aber ist die Macht des Königthums, daß da dem Einzelnen der Gesammtheit gegenüber alles ist gestattet, weil es geheiligt ist. Die Könige nur haben heilige Rechte, die der Völker dauern von heute bis morgen.«

»Was der Tengnagel ausgesagt,« versetzte Slavata mit einem Eifer, der durch den Widerstand nur noch wärmer wurde, »das habt Ihr Herren ihm auf der Folter ausgepreßt. Was Ihr vermuthet habt, das fragtet Ihr, und was Ihr fragtet, sagte er aus in der Pein. Ich will mit der Folter einen Menschen zwingen, daß er gesteht, er habe Einen ermordet, der da nie gelebt. Was der König mit der Berufung des Passauer Volkes gewollt – das weiß ich nicht; denn es geziemt uns Räthen keineswegs, in Seiner Majestät sämmtliche Intentionen eindringen zu wollen. Aber Eines weiß ich und darauf sterbe ich: Kaiser Rudolf hat an den Böhmen keinen Treubruch üben wollen. Und wie denn auch?! Sie waren seine letzte Stütze, seine letzte Hoffnung, und haben ihn verlassen. Ich kann nicht deutlicher sein; das Nähere könnte Euch der König nur selber sagen. Freilich, man hat auf jener Seite keine Ohren für das, was wir sagen. Ein Wort, das wir gesprochen, ist schon falsch, weil wir's gesprochen. Nennt Ihr das Treue für Treue, und Glauben für den Glauben geben?«

»Und hatten wir, Herr von Slavata – Ihr kennt ja die Geschichte – es nie zu bereuen, weil wir glaubten? War der Böhme nicht stark im Glauben und Vertrauen? Er wäre es noch, hätte man ihn nie getäuscht. Was ist es, was die Völker so duldsam erhält? Die Hoffnung, die hundertmal getäuschte und doch unverwüstliche.«

»Sagt, was Ihr wollt, Otto! Ihr stündet doch bei uns, wär's nicht der Glaube, der uns trennt. Zu unserem Regiment bedürfen wir des Glaubens; er ist eine Macht in unserer Hand. Ihr wollt ihn selbstständig herstellen, zu einer Macht gedeihen lassen; nun seht nur zu, ob er Euch, erst gekräftigt, nicht selbst bewältigt. Es kann ein Volk nur einen Herrscher und einen Glauben haben. Ein Reich ist wie ein Haus: Schlaf, Erwachen, Mahlzeit müssen sich nach ihren Glockenschlägen fügen. Ein gemeinschaftlicher Gott erzeugt und gewährt gemeinschaftliche Treue. Nur den Gott, an den ich nicht glaube, kann ich leichten Sinnes verrathen. Ja, der Glaube ist's, Otto! der mehr im Großen stört, als im Kleinen. Euch kümmert's jetzt nicht, ob ich heute gebeichtet oder communicirt – hier im Hause; aber drüben im Rathe unterscheidet Ihr ganz scharf und hart, ob ich beim Abendmahl den Kelch nehme oder nicht. Und also thun wir auch, und weil wir den Frieden wollen, möchten wir, daß kein streitig Element mehr wäre, was sothane Frage stellt und uns den Frieden stört. Ich bleib' dabei: wir meinen's redlich und werden nur verkannt.«

»Ich ehre die Gesinnung, gnädiger Herr, allein ich lieb' auch meine, so heiß, wie Ihr die Eurige nur lieben mögt.«

»Daß wir den Glaubenspunkt, den streitigen, des Streites Urquell, darum gern beseitigen möchten, ich leugn' es nicht. Die Protestanten sollen zur Mutterkirche zurückkehren. Die Welt war glücklicher, bevor eidbrüchige Priester die Glaubensfackel angezündet.«

»Wir leben in die Zukunft, sagtet Ihr, gnädiger Herr; auch die Gesellschaft Jesu schwingt eine Glaubensfackel, einen Feuerbrand vielmehr. Bedenkt, daß drei Viertheile Böhmens fast der protestantischen Lehre anhängen. Das Volk läßt sich Gut und Blut, Recht und Gewohnheit leichter nehmen, als seine Confession!«

»Mein scharfer Blick dringt ahnend in die Zukunft, ich irre mich nicht. Der protestantische Eifer ist vorübergehend; die Menschheit hat, sowie in Trachten, so in Gesinnungen ihre Moden. Die Mutterkirche wird siegen; auch hier in unserem Lande, wo der ketzerische Geist am frühesten Wurzel geschlagen; es kommt nur auf das Maß der Liebe an oder der Gewalt, um wiederum das Alte festzustellen.«

»Die Gewalt, Herr, zwingt uns nicht; durch den Majestätsbrief gab uns die Liebe noch bislang den Frieden und wir, wir brachen ihn nicht. Erlaubt, gnädiger Herr, daß ich mich empfehle und einen Augenblick den Damen des Hauses meine Verehrung beweise.«

»Herr von Los,« rief Slavata und hielt ihn zurück, »ich muß Euch um Verzeihung bitten. Bei Eurem ersten Besuche versprach ich, daß zwischen uns von Sachen des Regiments und Glaubens nicht die Rede sein sollte; ich habe mein Wort schlecht gehalten. Doch kommt Ihr heute selbst in Geschäftssachen, das weckte meinen Eifer. Es würde mir leid thun, gingt Ihr zürnend von mir!?«

»Es ist das schöne Vorrecht freier Männer und ihre Pflicht, wie ihre Eigenthümlichkeit, die Gesinnung frank und entschieden auszutauschen. Beides, gnädiger Herr, haben wir gethan, ich glaube rechtlich, nach Ueberzeugung. Ich kann mich hoch im Preise halten und muß deshalb doch nicht den Nachbar oder Gegner geringschätzen. Ich scheide friedlich und erfreut, daß ich die Freiheit Euch künden konnte. O, liebet diese Freiheit auch, gnädiger Herr, bei unserem Volke!«

Er verbeugte sich; Slavata reichte ihm die Hand und sagte: »Lebt wohl! Auf immer frohes Wiedersehen!«

Otto stieg die Treppen in das zweite Geschoß hinauf, indem er murmelte: »Dieser Nacken beugt sich nicht, der muß einmal gebrochen werden. Ein Anderer hätte nicht so sanft mit ihm gesprochen. Doch bereu' ich es nicht, daß ich die Botschaft mir erwählt. Wozu den Feind erbittern, da seine Feindschaft an sich schon gefahrvoll. Und wenn sein Stern auch jetzt erbleicht; er kann schon wieder steigen. Der Mann opfert alles für den Ehrgeiz!«

Er ließ sich bei Frau von Rosenberg melden. Die Kammerfrau öffnete ihm eine Thür, er trat in das Gemach; Jaroslava befand sich allein. Sie trug ein schneeweißes Hauskleid und blaue Perlen im Haar. So glich sie in ihrer Unschuld und Feinheit dem Gebilde eines Dichters, einer Idylle entnommen, die auf smaragdenen Hügeln und unter einem ewig blauen Himmel spielt.

Freudig erschreckt, erglüht wie eine Rosenknospe, trat sie dem jungen Manne entgegen und sprach, als hätte sie die Ueberraschung mit seltenem Muth befeuert, noch ehe er seinen Gruß anbringen konnte, schnell und feurig: »Es kann nur etwas Freudiges sein, das Herrn Otto von Los in unser Haus führt.«

»In der That,« versetzte Otto und faßte ihre beiden Hände, die sie ihm reichte, und wollte sie an seine Lippen ziehen, »ich brachte Seiner Gnaden, Eurem Ohm, die Enthebung seiner Haft.«

»Jetzt erst,« rief sie und stützte sich mit ihren Händen auf die seinigen und trat so dicht an ihn, als wollte sie sich anschmiegen, »jetzt erst, mein Herr, find' ich die Worte, die ich so lang Euch schulde! Ihr seid so reich an Edelmuth, und ich, ich war so arm an Dank Euch gegenüber. Mit so viel Lieb' und Güte überschüttet Ihr uns, und wir, und ich, was kann ich armes Mädchen Euch dafür bieten; so sehr verpflichtet und gar nichts verdient!« In seliger Verwirrung wollte sie zu seinen Füßen niedersinken und seine Hand an ihre Lippen drücken. Er fing sie auf in seinem Arm und trug sie in den Ruhesitz am Fenster. Da kniete er an ihrer Seite nieder und hielt die kleine, weiche Hand an seinen Lippen.

»Hier, hier,« sagte er, »mein gnädiges Fräulein, ist mein Platz; er wär' es auch, trüg' ich eine Krone. Ihr sprecht von Dank? O glaubt mir, daß ich nach der Botschaft geizte, weil ich in ihr den schönsten Lohn fand. Der süßeste Preis ist ja, Euch zu dienen. Wenn Ihr aus Eurem Garten die schönsten Blumen zum Kranze webt und schenkt ihn Einem, wollt Ihr ihm noch danken, daß er Euren Kranz nimmt? Ihr singt dem Hörer ein wunderselig Lied, wollt Ihr ihm danken, daß er Euch gehört? Seine Seligkeit ist Euer Lohn.«

»Wie müßt Ihr glücklich sein, Herr von Los!« fuhr sie zutraulich fort, »so viel geliebt und so viel gesegnet von der Liebe. Und wie müssen erst, die Ihr Eure Freunde nennt, beglückt sein durch Eure Gunst, da Ihr so gerne über Freunde selbst den Segen des Wohlthuns ausstreut. O, Ihr habt gewiß nicht einen Feind – und seid darum besser als ich, denn ich habe schon Feinde, die Mutter sagt es, jene, die mich rauben wollten, waren meine Feinde.«

»Beschämt mich nicht,« entgegnete er erröthend, »mein holdes Fräulein, Ihr könnt mich sonst stolz, sehr stolz machen. Bin ich erst von solchen schönen Lippen des süßen Lobes gewöhnt, ich könnte leicht nach keinem weiteren geizen. Wohl hab' ich Freunde, aber wißt Ihr nicht, daß ich einer Partei angehöre, deren Glauben und Zweck Euer Oheim als feindlich bezeichnet und demgemäß bekämpft?«

»Der Oheim hätt' Euch seinen Feind genannt,« sagte sie versöhnend, »o, glaubt ihm nicht, er hat ein Herz nur für seine Staatsgeschäfte, er versteht sich nicht auf Freundschaft. Darüber fragt nur mich – und die Mutter.«

»Im Hause nicht,« antwortete Otto, »ich kam als Freund und schied als solcher; aber draußen, Fräulein, im Lebenskampfe, im Meinungskrieg sieht er nur den Feind. Und Eure holde Jugend, Jaroslava, ist's allein, die alles im schöneren Lichte sieht, im hellen Glanze, weil die eigene Brust ihn ausstrahlt. Und darum überschätzt Ihr mich. Ich hab' so wenig Gutes bei vielen Fehlern, die seht Ihr nicht; der blaue Himmel in Eurem Auge kleidet alles, was Ihr erblickt, in Himmelsblau. Freilich, seh' ich in diese Augen und spiegle mich daran, erschein' ich schöner mir und besser. Ja, Ihr könntet mich stolz und eitel machen, Jaroslava von Rosenberg!«

»Ihr hättet Fehler?« sagte sie ungläubig und neues Roth überflog bei seinem tiefen Blick in ihre Augen ihre Wangen; »das glaub' ich nicht. Und mag es sein; ich möcht' Euch doch nicht anders haben, als Ihr seid. Das spracht Ihr nun, um über das ungläubige Kind zu lachen. Ich horche auf die Mutter, die spricht immer wahr; o wüßtet Ihr, was sie von Euch Gutes sagt!«

»Und Ihr also?« fragte er lächelnd.

»Ich sprach es nach,« entgegnete sie und beugte sich herab zu ihm und nahm in kindlicher Unschuld sein Haupt zwischen ihre Hände. Ihre beiderseitigen Lippen waren sich so nahe, daß sie sich im nächsten Moment berührt hätten; da rauschten leise Tritte im Vorzimmer, Otto erhob sich oder vielmehr Jaroslava zog sich erschrocken rasch empor, sie zitterte in seliger Befangenheit, der Moment hätte mit Eins ihr Liebesgeständniß ihr entlockt, in diesem Kusse, das fühlte sie, lag ihre Zukunft, ach, sie war ausgesprochen auch ohne diesen Kuß. Die Mutter trat ein. Sie kam von ihrem Bruder; er hatte ihr seine Freilassung bereits gemeldet.

Sie schloß mit Freudenthränen in den Augen Otto in ihre Arme und rief, indem sie ihn herzinnig küßte: »Wie meinen Sohn begrüß' ich Euch; der Himmel hat die Söhne mir geraubt, doch eines Sohnes Liebe in Euch mir gegeben. So oft Ihr dieses Haus der Sorge und Trauer betreten, verbreitet Ihr ja Segen und Freude darin.«

Er mußte sich zwischen Mutter und Tochter setzen und lange verweilen im traulichen Gespräche. Als er schied, trat Walperga's Bild vor seine Seele und ein wehmüthiger Seufzer entwand sich seiner Brust. »Ich kann Dich ja nicht reißen,« sagte er, »aus diesem Herzen; kein anderes Götterbild als der Engel Jaroslava fände sonst darin seine geweihte Tempelstelle!«

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.