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Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Zweiter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid8ef46a07
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XIV.

War, wie wir wissen, die Gräfin van Meer auch schuldlos und unbetheiligt an dem Raubversuch gegen Walperga, so hatte sie doch in dieser sofort ihre Nebenbuhlerin, Diejenige, um derenwillen ihr Albrecht untreu geworden, erkannt und brütete Rache und Verderben gegen das Mädchen. Zuerst machte sie ihrem inneren Spotte über den Stand der Straßendirne, der Zigeunertochter, Luft, die, wie sie annahm, nur bestimmt war, seiner augenblicklichen Leidenschaft zu fröhnen; aber wie auch ihre Eigenliebe mit ihrer Eitelkeit und ihrem Stolze Hand in Hand ging, gestehen mußte sie sich doch, daß die niedere Magd schön sei, schöner als sie vielleicht im Reize ihrer Jugendlichkeit, daß sie wohl gar im Stande sei, den Treulosen länger zu fesseln, so lange sogar, daß er nie wieder in ihre Arme zurückkehren dürfte. Das Mädchen mußte sie entfernen, vernichten! Noch hegte diese keinen Argwohn; aber Albrecht und die Mutter mußten sie, das war offenbar, sofort warnen und in sorgfältigere Obhut nehmen. Sie hatte der Alten zu viel von ihrem Spiel verrathen; wie konnte sie aber auch in deren niederer Höhle, in deren eigenem Kinde die Feindin, die Räuberin ihres Glückes suchen? Mit Fleiß – das war ihr jetzt klar – hatte die Alte ihre Frage umgangen, ob Albrecht sie öfter gesehen. Daran war kein Zweifel; ja aus dem ganzen Wesen des Mädchens sprach die beglückte Liebe; sie liebte auch Albrecht, und er kannte sie längst, hatte die Dirne bethört durch seinen Rang, seine Schönheit, seine Verheißungen und Schwüre, wie einst sie, die Gräfin van Meer. Woher kam die kostbare Laute sonst, das zierliche Gewand in diese armselige Behausung? – Es bedurfte aber der Schlauheit, wollte sie ihr gekränktes Herz rächen und diese neue Liebe für ewig verderben. – Es kam zwar, wie bei jedem Weibe, ein Moment der Weichheit in ihre Seele; das arme Mädchen, auf dessen Stirn, in dessen Wesen die Tugend und Unschuld offenkundig geschrieben stand, dauerte sie, es trat sogar eine Thräne in ihr Auge; aber sie beschwichtigte das Mitleid sofort durch den Einwurf, daß sie das Mädchen nur durch Entfernung oder Störung ihres Liebesbündnisses vor einem gleich traurigen Lose, wie sie es selbst erfahren, bewahrte. Dann bäumte sich auch ihr Stolz gegen eine solche Kränkung, gegen diese Zurücksetzung auf. Sie hätte dem Treulosen weniger gezürnt, wenn er, durch Familien- oder Rangverhältnisse gezwungen, sie verschmäht und einer Anderen, von hoher Geburt und Reichthum, geopfert hätte. Aber, um solcher kleinen Liebe willen, um einer Sängerdirne willen, die doch nur im Stande war, geheim und kurze Zeit seiner Leidenschaft zu dienen, ihre Hand zurückgewiesen zu sehen, das schmerzte tief, das forderte zur Rache auf.

Walperga's Verderben war beschlossen, und Camilla besaß Willen und Ausdauer genug, um zu vollbringen, was sie beschlossen, hätte nicht ein anderes Ereigniß und dessen Kunde vorläufig noch den Blitzstrahl von des Mädchens Haupt hinweggelenkt.

Janko war in seinem Wagen mit Vojta bis hinter Slichov an die rothe Mühle gelangt und der Kutscher ließ die Pferde, die er im Fluge bis hierher getrieben, da sich zumal kein Verfolger vernehmen ließ, ausschnaufen und langsamer gehen. Jetzt erst, da auch der Rausch zum großen Theil von ihm gewichen, erhielt Scherbic Fassung und Ruhe genug, um seinem Knecht das Schreckensereigniß, das ihren Plan kurz vor dem Gelingen zum Scheitern gebracht, zu erzählen. Er that dies immer noch in der festen Ueberzeugung, ein Gespenst der Unterwelt sei zur Rettung des Mädchens erschienen und habe ihm dasselbe entrissen. Er hatte es ja selbst – in der Aufregung und im jähen Erschrecken – gesehen, wie das Gerippe mit den bleichen, fleischlosen Händen nach ihm gelangt, und wie es ihn verfolgt habe auf seiner Flucht durch den Stollen mit klapperndem Schritt. Das war kein Blendwerk, das war Geistermacht!

»Gnädiger Herr!« sagte Vojta, nachdem er ruhig zugehorcht, »der Fuchs hat seine Sache ordentlich gemacht, an ihm lag es nicht, wenn die Sache mißlang. Ihr müßt mir da eine unterthänige Bemerkung erlauben. Ich halte alles, was Ihr da gesehen habt, für Träumerei von Wein und von dem Schauer in der kalten Gruft. Hättet Ihr mir nur gleich, da Ihr hereingestürzt kamt, gesagt, was es gebe; ich wäre zurückgerannt und hätte Euch die Dirne gebracht, beim Teufel auch! – Ich fürcht' mich nicht vor Gespenstern; die fürchten sich vielmehr vor mir und meinen Fäusten.«

»Frevle nicht,« versetzte düster und noch wirr im Kopfe Scherbic; »ich weiß, was ich gesehen habe und das ging nicht mit rechten Dingen zu. Sie entriß sich mir und sprang zum Kreuze; da sprang das Kreuz herab aus der Nische und hinter ihm aus Rauch und Moderduft ein bleiches, grinsendes Gerippe, das hob die Arme – o, es war schauderhaft – mein Blut gerann mir – es rinnt mir noch wie Eis durch die Adern.«

»Das müßt Ihr hier wärmen, gestrenger Junker,« versetzte Vojta, »hier an der rothen Mühle ist eine Schenke, wenn Ihr mir aber gnädigst erlaubt, Herr, so möcht' ich Euch das alles auch noch natürlich aufklären. Ich hab's vielfach gehört und oft gesehen, wo ich auf meinem Wanderleben in verfallene Klöster kam, daß vor Zeiten Mönche, welche ein schweres Verbrechen verübt oder auf Befehl ihrer Oberen nicht hatten verüben wollen, bei lebendigem Leibe eingemauert worden sind. Man hat sie so häufig gefunden, wenn man nach Schätzen suchte und an eine hohle Wand schlug. Ein solches Begräbniß wird vielleicht auch in dem verdammten Keller gewesen sein. Die Dirne faßte das Crucifix, mit diesem brach die alte Mauer und der Todte wurde sichtbar. Und der hätt' Euch nichts gethan. War ich nur selbst dabei und ließ Euch nach dem Wagen sehen, der Knochenmann hätt' mir die Jungfer nicht entrissen und hätt' er mit mir gerungen. Es kam auf die Probe an, wessen Arm stärker, ob meine fleischigen oder seine morschen.«

»Ja, wenn's so wäre, wär's verdammt,« sagte Scherbic dumpf und starrte frierend vor sich hin.

»Ich setze meinen Kopf zur Wette,« entgegnete Vojta, »und der ist mir jetzt etwas werth, weil ich ihn nur, sozusagen, vom Henker auf Frist geliehen habe. Die Sache ging so gut; ich jubelte schon über meinen Meisterstreich und fühlte den Lohn schon in der Tasche. Ja – war ich nur dabei. Und jetzt ist vielleicht alles verloren. Nein! Vielleicht noch alles nicht. Haltet hier, gnädiger Herr, und stärket Eure Lebensgeister mit einem Trunk! Ich kehr' in aller Eile zurück. Ich renne, was mich die Füße tragen. Ich hab' einen Gedanken nämlich. Vielleicht liegt die Dirne noch ohnmächtig in dem Keller, und die zu ihrer Hilfe kamen, haben sie nicht gefunden! Oder sie haben sie gefunden, was auch glaublich, da die ganze Meute auf unserer Spur und das Gesindel vom Aujezd herbeigelaufen war – und bringen sie nunmehr anderswohin in Sicherheit. Das müssen wir aber vor allen Dingen erfahren, wir müssen die Spur haben, sonst ist's wieder nichts.«

»Ich wollt',« grollte Scherbic, während der Wagen hielt, »ich hätte die verfluchte Dirne nie gesehen; ich möcht' den verdammten Handel ganz aufgeben. Hab' einmal kein Glück in der Liebe – und an diesen Schrecken werd' ich denken. He, man verfolgt uns doch nicht?« fragte er, indem er ausstieg.

Vojta warf sich mit dem Ohr mitten auf der Straße zur Erde, sprang aber schnell auf und sagte: »Die denken nicht daran, kein Huftritt stundenweit in der Nähe.«

Er trat zur Schenke und pochte den Wirth heraus. Dieser öffnete auch bald und Scherbic begab sich mit Vojta in die Gaststube, während der Wagen mit der Dienerschaft vor dem Hause hielt. Der Wirth brachte eine große Kanne Bier und entfernte sich auf Scherbic's Wink wieder. Beide tranken hastig.

Vojta setzte die abgebrochene Rede fort: »Aufgeben, gnädiger Herr!? Warum nicht gar aufgeben, nachdem die Sache so gut angefangen hat, das wär' schade. Ich käm' ja auch um meinen Lohn, den muß ich verdienen. Und dann die Schande für Euch; wir räumten das Feld wie zwei Hasen, die die Schoten Nachts benagen und beim Horn des Nachtwächters im Dorfe entfliehen. Das geht nicht an, gnädiger Herr! Für den ausgestandenen Schrecken müßt Ihr eine Vergeltung haben und gerad' von der Dirne, die Euch den Possen gespielt und gar schön ist, wie ich gesehen. Gebt mir Geld auf ein paar Tage; ich laufe zurück und erkundschafte das neue Versteck der Weiber gewiß. Find' ich aber das Nest noch unberührt, was freilich kaum glaublich, so droh' ich ihr Mord und Tod, kneble sie und bring' sie – wenn alles rings geheuer – in mein Versteck, in meine Kammer auf dem Aujezd. Da hört sie keinen Hahn krähen und kräht kein Hahn nach ihr. Hab' ich sie, so entwischt sie mir nicht wieder. Ich sende Euch sofort Botschaft nach Sanct Ivan. Im ersten Falle aber komme ich selbst und wir beschließen das Weitere.«

»Nun meinetwegen,« sagte mit stieren Augen Scherbic, der sich durch das starke Bier bald wieder erregt und gekräftigt fühlte, »es mag d'rum sein, obgleich ich mir nicht mehr viel d'raus mache. Es ist freilich um der Ehre willen und damit ich den Waldstein, den hochmüthigen Narren und die Dirne recht ärgere. Dem hab' ich so längst Rache zugeschworen und konnt' nur nicht an ihn, weil ich des Mädels wegen alles mit List und verstohlen unternehmen mußte. Ich wisch' ihm schon noch einmal mit meiner Klinge den Knebelbart. Aber mit der Dirne mag's nicht lang mehr dauern, sonst vergeht mir die Lieb' und die Geduld! – Hier hast Du Geld und thu', was Dir gut dünkt, und betrüg' mich nicht! Im Grunde bist Du noch ein pfiffigerer Hund, als ich gedacht, und es wäre fast schade gewesen, hätt' Dich der Galgen bekommen.«

»Fahrt in Gottesnamen jetzt,« entgegnete Vojta, »Euren Weg weiter, gnädiger Herr! Um mich seid ohne Sorgen. Ich bät' Euch um ein Pferd, um eines von Euren Dienern, um schneller d'rin zu sein, aber wenn ich mich bloß aufs Spioniren legen muß, wär' mir der Gaul zur Last! Ich bin ein guter Läufer, ein besserer, als des Erzbischofs seiner, und in einer guten halben Stunde komm' ich hinein. Der Himmel behüt' Euch, gnädiger Herr!«

Er sprang fort und rannte wie der Wind auf der Straße nach der Slichover Bergcapelle zu, deren Hügel, wie die Volkssage geht, aus den Knochen erschlagener Hussiten aufgethürmt sein soll.

Nachdem Scherbic sicherer geworden, weil sich noch immer keine Verfolger zeigten, so sprach er dem Bier noch geraume Zeit so fleißig zu, daß er in einen behaglichen, das heißt berauschten Zustand verfiel, und dann setzte er seine Reise fort.

Vojta rannte rasch wie ein beutegieriger Wolf durch die Dörfer Slichov und Smichov an Gärten, Feldern und Straßenhäusern vorbei und befand sich bald wieder auf dem Aujezd. Er schlich behutsam nach dem verhängnißvollen Platze; denn waren die Waldstein'schen Leute noch da, so konnte ihm seine erborgte Livrée verderblich werden; waren die Weiber aber schon anderswohin in Sicherheit gebracht und Walperga namentlich gefunden, so galt er bei dem gewiß noch müßig auf dem Lärmplatze versammelten Volke für einen Diener Albrecht's und war sicher, das Nöthige auszuforschen.

Er langte, indem er sich immer an den Häusern hindrückte, gerade an, als die Frauen in ihrem Wagen, von zahlreichen Dienern begleitet abgefahren waren. Indem er nun dem Zuge in einiger Entfernung, als gehörte er noch zu ihm, folgte, erfuhr er aus den Aeußerungen der ab und zu Gehenden, daß Walperga gerettet sei und unter Waldstein's Schutze auf dessen Jagdhaus Vorschov bei Devic gebracht werde. Die verschiedenen Arten, wie Walperga's Raub und Befreiung erzählt wurde, und die Verwünschungen, die man gegen den muthmaßlichen Räuber ausstieß, rührten ihn nicht weiter oder reizten ihn zum Widerspruch. Er ersah seine Gelegenheit, als sich der Haufe in der engen Straße bei der Diebskneipe vorbeidrängte und sprang in die Hausthür derselben, eilte über den Hof und verschwand in einem verfallenen Hintergebäude. Hier unter dem Dache hatte er eine Kammer, seinen jetzigen Schlupfwinkel.

Vor allen Dingen warf er hier die verrätherische Kleidung, die ihm gegenwärtig nichts mehr nutzen konnte, ab und zog seine gewöhnliche grobe Bunda wieder an, legte das Pflaster aufs Auge – er hatte es während des Raubes wohlweislich abgethan – stülpte seine Pelzmütze auf sein struppiges Haar und suchte dann in einem Winkel zwischen Brettern, Scherben und Stroh eine Anzahl Fetzen und Lumpen zusammen. Diese musterte, flickte und ordnete er, und nachdem er sie geprüft, legte er sie, mit sich zufrieden, neben sein Lager, das aus einem Strohsack und einigen Decken bestand, die abgelegte Livrée aber faltete er sorgfältig zusammen und verbarg sie im Strohsack selbst.

Nachdem dieses geschehen, ging er hinab in die Schenke des Vorderhauses zu seinen Diebs- und Bettelbrüdern und ließ sich, da er vorgab, er komme aus der Altstadt, den neuesten Aujezder Vorfall abermals auf die verschiedenartigste Weise erzählen. Ein Verdacht von Seiten seiner Zech- und Gesinnungsgenossen, wäre ihm dieser auch gefährlich gewesen, konnte ihn nicht treffen, da er bisher sorgfältig vermieden hatte, von seiner Verbindung mit dem Ritter von Scherbic zu sprechen. Er weilte von Allen am längsten bei seinem Kruge, dann kroch er, gesättigt wie ein Raubthier, aber im Inneren die ungestillte Raublust eines solchen, in seine Bodenkammer.

Am folgenden Morgen in der Früh schlich den Rand des Waldes, der sich damals von den Devicer Feldern aus nach Bubenc, der Kaisermühle und bis zur Podbaba hin am linken Moldauufer erstreckte, ein riesengroßer Bettler entlang, in moderige Lumpen gehüllt, das eine Bein gelähmt, auf einem Auge erblindet, mühsam am Stab sich fortschleppend. Er bettelte in den Weingärten am Abhang der Scharka, wankte, mit heiserer Stimme eine Gabe erflehend, durch den Devicer Meierhof und kroch dann mühselig die kleine Anhöhe links nach dem Voroschover Jagdhause hinauf. Das Thor daselbst war verschlossen, aber innerhalb der niedrigen, an einigen Stellen verfallenen Ringmauer herrschte Leben, es schallten die Stimmen von Arbeitern und Hundegebell heraus. Der Bettler machte keinen Versuch, Almosen bittend an die Pforte zu klopfen; er wand sich rechts, doch so nahe als möglich, um das Gebäude; er schien auf die Umgebung nicht zu achten und nur mit seiner Gebrechlichkeit, die ihn sichtbar drückte, beschäftigt. So gelangte er hinter das Haus, wo drei vergitterte Fenster nur zur Hälfte über die Mauer herüberragten. Aus einem derselben schallte Lautenklang. Der Bettler lauschte, doch nur einen Moment, richtete sich wie einer, der plötzlich eine Entdeckung gemacht, rasch auf, sank aber sich bemeisternd ebenso schnell in seine Erschlaffung zurück und setzte seinen schleppenden Gang um das Gebäude fort, dann bog er in einem etwas weiteren Kreise wieder in die tiefer liegenden Felder hinab. Etwa einen Büchsenschuß weit von sich sah er den alten Matusch auf dem Fahrweg, der nach dem Meierhofe führt, raschen Schrittes zu dem Jagdhause emporeilen. Er selbst blieb auf dem Rain zweier Aecker, deren Getreideähren ihn zur Hälfte verbargen. Hier kauerte sich der Bettler nieder und blickte durch die offene Linie, welche den Rain bildete, aufmerksam zurück. Matusch, der ihn nicht bemerkt zu haben schien, verschwand in dem Jagdhause.

»Gefunden!« murmelte der Bettler, in welchem wir bereits Vojta erkannt haben, indem er sich erhob und weiter hinkte. Er gelangte bis an den Waldesrand, dort verschwand er im Gebüsch. Als er sich allein wußte, warf er sich unter einen Baum und sagte für sich: »Das ist sicher, dort steckt sie und ist gut bewacht. Aber besser doch, daß wir sie jetzt im Freien haben, als dort zwischen den Häusern und den vielen Leuten. Mit Hast ist hier nichts anzufangen. Ich muß mich von Zeit zu Zeit hier zeigen, daß sich die Leute an mich gewöhnen und mich für unverdächtig halten. Käm' ich morgen und zu oft wieder, so würde das auffallen. Mein Herr muß sich heute gedulden; denn in dem Aufzug kann ich nicht gut bei Tage durch die Stadt. Ich muß mich hier auch gedulden.«

Er nahm seinen Bettelsack, warf die erhaltenen Brot- und Käsestücke verächtlich ins Gebüsch und langte aus der Tiefe seines Ranzens eine Flasche und ein großes Stück gebratenes Schweinefleisch und fuhr fort: »Damit will ich mir die Zeit vertreiben bis zum Abend und wenn ich mich in meiner Höhle erst gehäutet habe, so mach' ich meinem Herrn die Freude und lauf' die paar Meilen nach Sanct Ivan und bring' ihm die Botschaft, daß wir sie hätten – so eigentlich noch nicht hätten, aber so gut als wie. Ich hätte es nicht geglaubt; es ist dumm vom Waldsteiner Herrn, daß er sie uns so nah' auf die Nase setzt; er kann sich doch denken, daß wir nicht so leicht ablassen werden. Ich meinerseits hätt' sie heimlich weggebracht – der Scherbicer hätte lange suchen können. Freilich, es hat jeder sein Liebchen gern in der Nähe. Einen Spaß wird's doch geben, wenn endlich einmal die Herren meinen Junker erwischen und ihn ausklopfen. Es wär' mein Schade – obgleich er ein ebenso schlechter Kerl wie ich, so bezahlt er doch gut. Nun – es giebt noch genug große Herren, die schlechte Kerle sind, und da find' ich schon mein Brot. In Prag mach' ich's so nicht lange; die Schergen könnten mich endlich doch aufspüren und meinen Hals als einen Ausreißer in Beschlag nehmen. Die Welt ist noch weit und für den Magen überall Brot und für den Tod nirgend ein Kraut gewachsen! Ah!«

Er aß und trank, pfiff ein Lied, schlief und wälzte sich im Grase, bis der Abend kam, dann erhob er sich und schlich zwischen den Wachen durch das Karlsthor in die Stadt. Als ihn aber das Dunkel der Straßen aufnahm und weniger kenntlich machte, da änderte er Haltung und Schritt und eilte rascher seiner Wohnung zu.

Dort angelangt, warf er die Lumpen von sich, kleidete sich in seine gewohnte Tracht, stärkte sich in der Bettlerkneipe mit Speise und Trank, steckte noch ein Fläschlein Branntwein – der damals schon weder mehr selten noch theuer war – als Wegzehrung in seine Tasche und brach gegen Mitternacht auf.

Da das Thor schon geschlossen und einem Einzelnen um diese Stunde nicht geöffnet wurde, so kroch Vojta über die Gartenmauern nächst der karolinischen Schanze, wo diese dicht an das Moldauufer stößt und befand sich bald im Freien.

Hier pfiff er ein lustig Bubenlied und wanderte – die Nacht war warm und mild – wohlgemuth vorwärts auf der Königsaler Landstraße.

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