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Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Zweiter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid8ef46a07
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IX.

Wir kehren wieder in die Schenke in die Brückengasse zurück. Es war am Abend eines der stürmischen Tage nach dem Passauer Einfall.

Der Fleischer Sojka war der Erste, welcher in die leere Gaststube eintrat; er wischte sich den Schweiß von der Stirn und warf sein blutiges Beil unter die Ofenbank.

»Gieb Bier, ich habe Durst,« herrschte er dem geschäftigen Miklasch zu, »Durst, daß ich die Moldau aussaufen könnte, schwämme nicht allerlei pestilenzialisches Gesindel darin herum.« Er warf sich erschöpft auf einen Stuhl.

»Ihr kommt aus der Schlachtbank,« sagte Miklasch, der mit einem Satze fortgesprungen war und mit einem überschäumenden Kruge zurückkam, indem er das gefärbte Beil auf die Bank hob, »es thut heute auch heiß – überall, im Himmel und auf Erden.«

»Von der Fleischbank,« versetzte der Fleischer, nachdem er den Krug auf einen Zug geleert, »wie Du willst – es war eine Fleischbank; aber es ist kein Ochsenblut, das da an meinem Beil klebt, sondern Menschenblut, Schurkenblut, Passauerblut. Die Hunde! – Nun, es ist inzwischen Frieden geschlossen; sie werden endlich abziehen müssen. Vorderhand hätten wir Waffenstillstand, und da gehen die Verhandlungen hin und her zwischen dem König und den Ständen. Das ist immer das langweilige Ende, nachdem man uns ins Feuer gebracht. Ich habe dem Hostal etwas abzubitten – er hatte Recht; doch da ist er ja selbst,« wandte er sich gegen die Thür, wo der Kürschner eben eintrat; »das Recht ist nun an Euch, Ihr habt es. Ich glaubte freilich, es wär' damals schon alles abgemacht; aber – nun an uns liegt die Schuld nicht, wir haben den Frieden nicht gebrochen.«

»Wir brechen ihn niemals,« versetzte stolz der Kürschner, indem er Platz nahm und Miklasch frische Krüge brachte, »aber die Herren, und unter ihnen ist der Teufel. Hab' ich, die alte prophetische Eule, nicht Recht gehabt? Und ich hab' damals selbst nicht geglaubt, was ich sagte. Aber ich habe einmal den Grundsatz: Bei allem Guten, das wird, setz' ich was Schlimmes, so darnach kommt, voraus, und ich habe mich darum nie geirrt und kann's ruhiger ertragen, weil ich mehr darauf gefaßt bin als ein Anderer. Was wird's geben, wenn der Tumult wieder vorbei ist? Neue Steuern, neue Abgaben. Habe Einer nur ein Haus! Es fehlt noch, daß sie mir ein paar von den Schnapphähnen, den Passauern, in Einquartierung legen. Und die Herren sind's im Stande; wenn sie sich einmal versöhnen, sollen auch wir mit einemmale liebevoll und friedlich sein. Es ist ein Jammer!«

»I, hol' der Teufel Eure ewigen Steuern,« versetzte der Fleischer und trank aus Aerger und Erschöpfung mehr als sonst, »ich mach' mir nichts aus den Steuern, Fleisch müssen die Leute immer essen und das verdient sich. Aber daß ich Unrecht gehabt habe, das ärgert mich, daß ich gegen die Menschen mit meinem Beil gehen muß – das wurmt mich! Mit meinen Ochsen, da weiß ich umzugehen, das ist eine Sache in der Ordnung. Da aber werden die Menschen so viehschlecht und so viehdumm, daß man sie wirklich dafür halten muß und zuschlägt, als wären sie – Ich bin drei Tage nicht nach Hause gekommen; was wird mein Weib denken. Ich war in der Altstadt, wie der Tumult losging – hatte einen Kauf dort zu besorgen; da kam der Teufel geritten, die Passauer, und nun nahm ich beim Handwerksgenossen ein Beil, und schlug d'rauf los, als wären's ungarische Ochsen. Nun, es waren nur deutsche Schnapphähne, den Mönchen that ich nichts. Wie das Gesindel überall ist, so war's auch dieses, das sich an die Kapuzen und die geschorenen Köpfe machte. Ich dachte, es sind auch Böhmen; aber wo der gemeine Mann stehlen kann, ist er erst in der Furie – und schlägt darauf los. Es ist schändlich freilich; denn todtschlagen muß man nöthigenfalls, aber nicht stehlen. Miklasch – Bier! Was sperrst Du Maul und Augen auf? Ich habe Durst – Du fauler Dachs hast Dich wie immer im Keller verkrochen, als die Sturmglocken läuteten.«

»Wir hatten hier doch auch unsere Angst,« versetzte Miklasch, »als das Stürmen und Schießen losging und die Bande hinauf ins Schloß rückte. Viel fehlte nicht, sie hätten auch hier geplündert.«

»Es sind doch unseres Königs liebe Kinder,« bemerkte giftig der Kürschner, »hat er ihnen doch seine Hofburg geöffnet. Es ist ein Jammer auf der Welt, wenn selbst die Könige lügen und falsch sind; was soll da der gemeine Mann? – Keiner will sie gerufen haben, die Passauer, und beim Teufel, warum jagt man sie denn nicht da oben fort. Aber Sojka, wie seid Ihr denn herübergekommen aus der Altstadt; die Brücke ist ja noch gesperrt?«

»Gleich, gleich,« entgegnete dieser, »ich will nur hier den Gassenbuben an der Thür zu meinem Weib schicken, daß sie sich nicht ängstigt. Wenn sie nur weiß, daß ich hier bin, hat sie keine Sorge.«

Er kehrte auf seinen Platz zurück. »Ich kam auf einem Kahn vom Frantischek herüber, wir landeten am Jesuitengarten, und da waren Leute, die mich kannten, daß ich ein Kleinseitner Bürger bin. Ein Fleischer ist immer etwas mit Blut beschmutzt, und auf die Nase hab' ich's ihnen auch nicht gebunden, daß ich ein paar Passauer Hirnschädel gespalten. Sie hätten's sonst recht gern gehört, es waren unsere Leute, aber es standen ein paar Spione dabei mit spanischen Mänteln und Hellebarden. Die, hieß es, sollen die Unordnung verhüten, das heißt keine ständischen Kriegsleute herüberlassen, aber die Augen zudrücken, kämen die Passauer hinüber.«

In diesem Augenblicke ward die Thür aufgerissen, der Bader sprang mit leichten Füßen herein: »Lauter Neuigkeiten, allerneueste Neuigkeiten! Ich hab' in diesen Tagen wenigstens hundert Verwundete verbunden und hab' noch dreißig schwere Patienten liegen, die nach mir seufzen; aber ich kann mir nicht helfen, ich muß zu meinen Freunden und muß ihnen sagen, was ich weiß. Seltsame Neuigkeiten – sonderbare! Es wird gewiß bald wieder alles in der Ordnung sein – bis auf die Löcher in den Köpfen und die abgehauenen Gliedmaßen. Das dauert etwas länger. Miklasch! Einen Krug Bier – Du siehst, daß ich verschmachte.«

»Es wird nichts Neues sein,« demonstrirte der Kürschner, »sondern etwas Altes, das wir als neu betrachten sollen, weil's wieder kommt. Wo soll ein Frieden für uns herkommen, wenn die Herren selbst keinen Frieden halten?«

»Nun, Hostal,« rief herausfordernd der Fleischer, »den Ständen werdet Ihr doch diesmal die Schuld nicht beimessen: das möcht' ich Euch rathen. Die haben sich benommen, wie sie sich benehmen sollten – keinen Finger breit nachgegeben. Aber, Kostelecky, so erzählt doch – Ihr habt getrunken, denk' ich.«

»Ich sagte es,« rief Kostelecky schwer aufathmend nach seinem scharfen Trunke, »daß wir uns haben noch viel zu viel gefallen lassen, sonst wär' es nicht so gekommen. Also das Allerneueste soll ich Euch erzählen! Nun, die Herren Stände haben also wieder eine Versammlung bei Kinsky gehalten und unter sich dreißig Männer gewählt, zehn aus jedem Stande, die heißen Directors, und sollen die ganzen Landesangelegenheiten besorgen, ohne Raison auf den König zu nehmen. Sie haben sofort an die Kreise geschrieben, daß man aus jedem neun Abgeordnete, je drei aus den Ständen, nach Prag schicken solle, damit sie den Berathungen beiwohnen, damit sozusagen das ganze Land vertreten sei und sich selbst regiere. Uebrigens sollen die in jedem Kreis vorhandenen Truppen auf ihrer Hut sein und den im Lande herumstreifenden Feind vernichten. Denn aus den achttausend Passauern sind nach und nach dreißigtausend Mann fremder Kriegsleute geworden; der Teufel weiß, wer sie besoldet; wen sie berauben und ausplündern, das wissen wir. Eben kam auch ein Landritter aus Welwarn hereingesprengt, der meldet, daß die Leitmeritzer den Ramee, den Bluthund, überfallen und in die Flucht geschlagen haben. Sie nahmen ihm neun mit Raub beladene Wagen und viele Gefangene ab.«

»Nun, Victoria!« sagte Miklasch und machte einen Luftsprung, »da bekämen wir ja bald wieder Frieden. Und wenn die Schnapphähne erst ganz zur Stadt hinaus sind, geb' ich abermals ein halb Faß zum Besten; es kann da wieder eine kleine Festlichkeit setzen.«

»Ob Krieg oder Frieden,« spottete der Fleischer, »Du Dachsbein! Wenn Du nur recht viel Bier ausschenken kannst. Söffen die Passauer bei Dir und zahlten sie baar, sie wären Dir lieber noch als wir; Du bist ein Lump. Aber ein Jammer bleibt's doch, daß unser armes Land nicht zur Ruhe gelangen kann.«

»Na!« eiferte Hostal, »wer hat diesmal angefangen, haben wir angefangen, die Stände und das Volk oder jemand Anderer? Wir lassen Ruhe, man lasse uns auch Ruhe; es ist, als wollte man den Böhmen schier zur Verzweiflung bringen.«

»Guten Abend, meine Herren und Landsleute,« sagte eintretend Matusch, und schüttelte den Regen von seiner Mütze ab, »es ist ein nasses Wetter draußen, und wenn die Nacht recht finster, so kommen die Ständischen von der Altstadt herüber und machen denen auf dem Hradschin einen unerwarteten Besuch. Wenn Ihr's nicht schon wißt, so meld' ich Euch, daß sie den Franz Tengnagel, einen Passauer Feldherrn, bei Welwarn mitgefangen haben. Er ist ein Rath des Bischofs Leopold. Heute Früh wurde er transportirt und an die Stände ausgeliefert. Ganz natürlich muß er die Absichten des Passauer Einfalles wissen und da er gutwillig nichts sagen wollte, hat man ihn, wie zum Mittagsessen, auf die Folter gespannt. Da soll er denn ausgesagt haben, man hätte die Böhmen für Empörer erklärt und sie beschuldigt, daß sie den Kaiser vom Throne stürzen wollten. Den Kaiser habe man darum zu bereden gesucht, sich mit allen seinen Schätzen von Prag hinweg und nach Passau zu begeben. Der König Mathias sollte hierauf bekriegt und ihm nach dem Leben gestrebt werden; zu Prag selbst aber sei der Beschluß gefaßt worden, alle Ketzer aus dem Wege zu räumen. Bei der deshalb gepflogenen Berathschlagung sei ein ordentliches Blutgericht versammelt gewesen, als: der Jesuit Heinrich Agentius, Herr Berka von Duba, Herr Wilhelm Slavata und Herr Jaroslav Martinic.«

»Eine schöne Gesellschaft, eine herrliche Gesellschaft, eine wohlwollende Gesellschaft!« spottete der Fleischer, »die Pest mag über sie kommen, die Vaterlandsverräther!«

»Und unsere Herren Stände,« fragte Hostal, »was haben die gesagt zu solchem Geständniß? Das ist ja ein ganzes Bündel von Niederträchtigkeiten auf einmal. Und da soll man den Oesterreichern noch trauen?«

»Schauderhaft freilich,« sagte Matusch, »wenn alles wahr ist, was der Tengnagel ausgesagt.«

»Wahr, wahr!« eiferte der Bader, »freilich wird's wahr sein – zum Spaß wird er dergleichen doch nicht aussagen.«

»Ich meine nur,« warf der Matusch ein, »daß die Folter garstig zwickt und daß daher, der darunter liegt, alles sagt, was man gern wissen möchte. Auf der Folter haben schon Viele gelogen, um die Pein sich abzukürzen.«

»Das alles aber,« belehrte der Kürschner, »liegt ja auf der Hand, etwas anderes können die Herren ja gar nicht wollen. Alles wieder katholisch, jesuitisch.«

»Und wir werden uns alles wieder gefallen lassen,« meinte der Bader, »und es wird schlimmer sein, als es je gewesen.«

»Ich dachte,« fuhr Hostal fort, »die Sache würde nicht schlimmer enden, als Anno 97, beim Einfall der Wallonen, wo ich so große Verluste erlitten. Ich sollte damals Entschädigung erhalten; hab' aber bis heute noch nichts. Diesmal aber, merkt auf, liegt alles noch schlimmer im Hintergrunde. Wir gehen einer grauenhaften Zeit entgegen. Glücklich, wer weder Haus noch Hof hat, nichts als das nackte Leben; der hat am wenigsten zu verlieren und kann alles in die Schanze schlagen. Die haben, werden geben müssen, und die nichts haben, werden Gelegenheit finden zum Nehmen; das ist immer so das Ende vom Liede!«

»Das Ende vom Liede ist,« bestätigte der Bader, »daß der Schwache immer geprügelt wird, wenn's zum Streit kommt, das heißt: weil er sich's gefallen läßt.«

»Schwach sind wir gerade nicht,« meinte der Fleischer und blickte auf seine muskelstrotzenden Arme herab, »wenn wir nur einig wären. Die Stände sind darum jetzt auch nur stark dem König gegenüber, weil sie einig sind. Käme diese Einsicht unter das gemeine Volk –«

»Wahr gesprochen,« unterbrach ihn Hostal, »dann halten wir's Heft in Händen, dann wären wir der gebietende Stand, der erste. Aber das ist der Jammer, daß einer seines Gleichen nicht gehorchen will, er gehorcht nur immer sogenannten Höheren, da glaubt er sich nichts zu vergeben. Als ich einmal nach Elbeteinic zu einem Vettern verreist war, setzte ich einen von meinen Gesellen über die anderen, an meiner Statt. Aber schon den ersten Tag, wo ich fort war, prügelten sie ihn und warfen ihn zur Werkstatt hinaus. Sie zerschlugen dabei Fenster und Geschirre; das mußten sie freilich bezahlen und mußten vor der Innungslade noch Strafe leiden. Aber der hatte doch seine Prügel und war mein Stellvertreter gewesen.«

»Es ist, glaub' ich, schon spät,« bemerkte Matusch.

»Ja,« äußerte Sojka, »wir können zu Bett gehen, um morgen früh auf den Beinen zu sein, da giebt's wieder etwas neues. Ich kann die Ruhe übrigens vertragen, denn seit den drei Tagen hab' ich keinen Schlaf gesehen. Miklasch, noch eine Halbe als Nachttrunk; es kann nicht schaden, ich werde darauf gut schlafen.«

»Ja,« versetzte Miklasch und nahm den Krug. In diesem Augenblicke erschallten schwere Tritte draußen auf dem Pflaster, und Hellebarden rasselten.

»Um Gotteswillen,« flehte Miklasch ängstlich, »die Lichter aus, es ist die Nachtguardia – Passauer Volk. Nach zehn Uhr müssen alle Lichter verlöscht sein, das ist uns anbefohlen.«

»Gar nicht übel,« schalt der Fleischer, »daß uns dies friedenstörerische Gesindel bewachen soll, als wären sie die Lämmer, wir die Wölfe.«

»Oder vielmehr,« äußerte der Kürschner, »damit sie in Sicherheit bleiben, müssen wir zur Ruhe gehen. Der Friedensstörer gebietet uns Frieden. Es ist ein Jammer und noch eine Schmach dazu!«

»Ich hatte immer Recht, daß wir uns alles gefallen lassen,« sagte der Bader aufbrechend.

Sojka leerte im Finstern seinen halben Krug; darauf entfernten sich Alle geräuschlos. Matusch ging nach dem Aujezd.

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