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Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Dritter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid89ec15fc
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VIII.

Das Dankopfer für die gerettete Tochter wurde am folgenden Tage dargebracht. Der Abt des Prämonstratenserstiftes, Lohelius, las selbst die Messe in der ersten Capelle, rechts vom Hochaltare. Hier kniete, andachtdurchschauert, dankerfüllt und freudig erhoben, Elisabeth inmitten ihrer beiden Töchter, hinter ihr Marga und Matusch und eine zahlreiche Dienerschaft in ihren Galakleidern. Der übrige Raum der Kirche war leer, die Hauptpforte geschlossen; nur die Betheiligten allein sollten an dem Meßopfer theilnehmen. Während des Offertoriums hörte man draußen zwei Wagen vorfahren, doch erschien niemand weiter im Tempel selbst, nur ein Sacristan im Ornate ging geschäftig durch das Schiff nach dem Hochaltare.

Es kam die Wandlung, ein kleiner, blonder Ministrantenknabe, der ungesehen herbeigekommen war, berührte sachte Walperga's Arm und drückte ihr ein zusammengefaltetes Blatt in die Hand. Walperga las: »Folgt dem Ueberbringer und Ihr werdet sehen, wie Albrecht von Waldstein mit Lucretia von Viczkova getraut wird.«

Wie ein Blitz durchzuckte es Walperga, der Altar, die heilige Handlung, alle Umgebung verschwand vor ihren Augen, der gräßliche Gedanke ließ sie List, Täuschung, Gefahr, alles vergessen; sie erhob sich und folgte dem Knaben. Er führte sie in das Seitenschiff gegenüber, eine Treppe hinauf, auf das Oratorium, welches nach der verschlossenen Sanct Norbertscapelle, wo damals die Gebeine des Ordensstifters ruhten, führte. – Walperga trat bleich, bebend an die Brüstung. Unten vor dem Altare stand ein Paar, den Rücken ihr zugewendet – rechts in einem Armstuhl saß der Erzbischof – der Priester am Altare wechselte eben die Ringe – wechselweise wurde das laute Ja gesprochen; Gatte und Gattin umarmten sich – der Erzbischof segnete sie; Walperga's Augen hafteten wie erstarrt auf der Gruppe; sie konnte, sie wollte nicht glauben, in ihrem Gehirn glühte es wie ein Feuerbrand; da wandten sich die Neuvermählten – Walperga kreischte laut auf im herzzerschneidenden Tone: »Albrecht! Albrecht!« und sank ohnmächtig in die Arme der Mutter, die ihr besorgt auf dem Fuße nachgefolgt war.

Waldstein warf einen Blick empor; er erkannte die Stimme, er erkannte die wankende Gestalt, Leichenblässe glitt wie ein Todeshauch kältend über sein Angesicht; der Moment war so vernichtend, daß er als Buße gelten konnte für die Hälfte seiner Schuld. Er faßte krampfhaft des Erzbischofs Hand, dieser geleitete das Brautpaar schweigend in die Sacristei; der Ceremoniarius, welcher die Copulation vollzogen, folgte.

Die leblose Walperga wurde in den Wagen gebracht, Mutter und Schwester nahmen neben ihr Platz, die Dienerschaft brach auf, auch Matusch hinterdrein. Nur Marga blieb knien vor dem Altare und verharrte bis nach beendigter Messe. Sie hatte Walperga's Aufschrei gehört, sie ahnte alles. Während sie, die Protestantin, hier betete und mechanisch bei der Communion und dem Segen an die Brust schlug, strömten große Thränen auf ihre dürren, krampfhaft verschlungenen Hände nieder.

Später fuhren zwei andere Wagen vom Strahof nach dem Hradschin hinab. Als Lucretia, blaß wie der Tod, in den Wagen stieg, näherte der Erzbischof seinen Mund ihrem Ohre und flüsterte ihr zu: »Vergeßt nicht, hohe Frau, daß Ihr dieses Mannes Zukunft und nicht seine Vergangenheit Euch angetraut. Er ist Euch nur für jene verantwortlich – Euer erhabener Sinn wird dies ermessen.« Waldstein folgte ihr, sein Wagen kehrte leer zurück.

Während der Fahrt saß sie leise weinend in der Ecke des Wagens und verhüllte ihr Haupt; doch ließ sie Albrecht willig ihre Hand. Auch er schwieg, seine Augen waren gesenkt, aber glühend und funkelnd wie zwei Dolche, auf einen Punkt gerichtet, und auf seinen Lippen bebte der Wunsch: »O, könnte ich mich jetzt in eine Schlacht stürzen!« –

In Lucretia's Wohnung angekommen, trat ihnen Camilla entgegen. Waldstein maß sie mit einem furchtbaren Blicke, sie ertrug denselben aber unbefangen und zog die junge Frau in ein Nebenzimmer. Albrecht warf sich in einen Sessel und starrte wüst und wirre gegen die Wand. Aus seiner Brust zog es empor, welt- und lebenverachtend.

Nach einer Stunde erschien seine Gattin wieder, wundersam beruhigt; sie nahte sich ihm traulich und konnte unbefangen von gleichgiltigen Dingen sprechen. Welchen Zauber übte diese Camilla aus!

Als Lucretia später für einen Augenblick das Gemach verließ, trat Camilla an das Fenster, spielte, wie zerstreut, mit den Fingern an den Scheiben; dann sagte sie halblaut:

»Seid Ihr nun zufrieden mit mir, Albrecht?«

»Wie der erste Mensch mit der Schlange, die ihm das Paradies gestohlen,« versetzte er knirschend; »einen Dolch möcht' ich in Dein giftiges, falsches Herz stoßen!«

»Hab' ich nicht entsagt, geschwiegen und Euch die Braut erhalten?« versetzte sie leichthin.

»Und Walperga gemordet!«

»Sie konnte nie die Deinige werden!«

»Noch gestern, Du weißt es –«

»Soll ich nicht auch hassen dürfen?«

»Und heute, Du Furie des Hasses! Was hat Dir das arme Kind gethan?«

»Es ist besser so – jedes Räthsel gelöst und alles zu Ende gebracht. Wozu Verstellung?«

»Was hindert mich, Dich zu erwürgen?«

»Soll ich sprechen, von mir sprechen?« fragte sie und blickte ihn herausfordernd an.

»Und was willst Du von mir, Entsetzliche?«

»Wieder in Deinen Armen liegen wie damals, als Du mich geliebt. Was hindert uns jetzt? – Du berühmtest Dich doch, daß nur ich damals gesündigt und dem Gatten die Treue gebrochen, nicht Du. Du kannst nun auch kosten, wie süß die Sünde schmeckt!«

»Nie, nie, beim Heil meiner Seele; aber grenzenlos verachten will ich Dich!«

»Ich baue auf die Zukunft,« sagte sie mit unbefangener Ruhe, »und – biete den Frieden!«

Lucretia trat ein. Waldstein sammelte sich; sie durfte nichts gewahren.

Am folgenden Morgen verließ das junge Ehepaar auf kurze Zeit Prag.

Camilla hatte in der That alles vollenden wollen; Walperga das Herz brechen – denn sie errieth den Grund der heimlichen Trauung, welche Albrecht betrieb – mit einem jähen Blitzstrahl wollte sie das Mädchen vernichten und eine Schranke aufbauen zwischen ihr und Albrecht, die selbst das Geschick in seinen Wechselfällen nicht zu brechen im Stande sein sollte. Walperga sollte den Treulosen verachten, selbst dann noch verachten müssen, wenn er später liebeflehend wiederkehren würde. Diese plötzliche und schonungslose Enthüllung sollte Walperga eine ewig unheilbare Wunde schlagen – und die tückische That gelang.

Walperga's Seelenfrühling war gebrochen. Sie saß neben der Mutter, die ihr Kind in Schmerzen verloren und in Schmerzen wieder gefunden. Sie weinte nicht, sie starrte bleich in den Schoß, sie schien geblendet, wie Einer, den der Blitz gerührt und dessen Augen die grelle Helle für jedes andere Licht, für den Unterschied der Farben unempfänglich und stumpf gemacht. Als die Ohnmacht ihr Auge umschattete beim Anblick seines Verrathes, da rief es dumpf in ihr: »Zerbrich, mein Herz, zum weiteren Leben bedarf ich Deiner nicht!« – Weiter kam keine Klage über ihre Lippen.

Elisabeth vergoß heiße Thränen und suchte ihr Kind zu trösten: »Komm' und lege Dein Haupt an die Mutterbrust, und weine Dich aus; vergiß die Liebe zu jenem Manne; möge sie untergehen in der Kindesliebe. Das Schicksal giebt nie doppelt; als es Dir die Mutter gab, verlangte es ein Opfer. Du hast es gebracht; der Himmel nimmt es gnädig auf und wird Dir lohnen für Dein schmerzhaftes Entsagen. Nicht welke Kränze, er verlangt die blühenden, damit erkannt werde, ob Du alles Irdische lassen kannst für ihn!«

»Mutter,« versetzte Walperga, »ich klage nicht, Mutter, ich weine ja nicht! Er hat gesagt: Wenn auch unerreichbar, bleibst Du doch mein schönster Stern. Es war eine Lüge und nichts mehr! Treue läßt sich halten, Liebe nicht. Er hält die Treue nicht; nun – es war mein Wahn. Entsagen konnt' ich für das Leben; doch durft' er keiner Anderen gehören. Es ist vorüber. Es war ein Traum, wie der in heutiger Nacht. – Nennen wir seinen Namen nicht mehr!«

Die alte Marga klärte Walperga alles auf, was dieser noch räthselhaft sein mochte. Sie wiederholte nur mit ruhiger Kälte: »Nennen wir seinen Namen nicht mehr!«

Otto erschien nach drei Tagen im Hause der Frau von Rosenberg. Die beseligte und doch wieder durch den tiefen Seelenschmerz gebeugte Frau umarmte ihn mit Thränen: »Euch dank' ich auch mein zweites Kind, edler Freund! Fast wirkt Ihr Wunder – doch allmächtig seid Ihr nicht und konntet den Blitzstrahl nicht lenken von dem Haupte meiner Tochter.«

»Ich mochte es,« seufzte Otto, »doch war's des Himmels Wille nicht.«

»O, wär' es doch sein Wille!« entgegnete Elisabeth. »Ihr könntet meinem Hause näher angehören; Ihr würdet ferner Segen bringen, wie Ihr ihn bisher gebracht.«

»Ich bin Protestant, gnädige Frau!«

»In meinem Herzen seid Ihr meines Glaubens.«

»Vielleicht windet mir die Zeit den Kranz der Gewährung.«

Er ging zu Walperga, sie war allein und reichte ihm mild die Hand.

»Lass't die Treue nicht entgelten,« flehte er, »was Untreu an Euch verbrach, und wenn Ihr alle Blüthen knickt am Lebenskranze, schont die meiner Hoffnung!«

»Mein edler Freund,« erwiderte sie schmerzhaft lächelnd, »Euch hab' ich erkannt, weil mein thöricht trügerisch Herz nicht mit im Spiele war. Ja, Ihr seid edel – an Euch glaub' ich.«

Er wollte zu ihren Füßen sinken, sie hielt ihn zurück und sagte feierlich: »Sucht keinen Trost bei den Trostlosen, gebt ihn selbst, da wo Ihr trösten und beglücken könnt!«

Sie nahm seine Hand, öffnete die Thür des Nebengemaches und führte ihn zu Jaroslava. Das holde Mädchen erröthete; aus ihrem blauen Auge zuckte es auf wie eine schmerzhafte Ahnung. Liebe sieht scharf. Sie errieth, was in Otto's Herzen hoffnungslos und doch unvertilgbar für Walperga lebte.

Der alte Matusch ging im Hofe, verdüstert und verstimmt, mit gesenktem Haupte auf und ab. Er hatte von der Schwester alles erfahren, was ihm noch unklar geblieben war. Er murmelte ingrimmig für sich: »Die ganze Welt ist falsch, alle Treue aus ihr gewichen und das Leben gar nichts mehr werth. Bei Gott, es gefällt mir auch nicht! – Das arme Kind, so schändlich getäuscht, so belogen und betrogen. Und ich alter Narr hab' noch seinen Ruhmredner gemacht. Das will ein Edelmann sein! Ich bin ein gemeiner Knecht und würde mich schämen, dergleichen zu thun, zu heucheln und zu lügen. Der gerechte Gott müßte auch d'rein schlagen. Und Herr Otto, der zwar besser ist – der – nun aus dem kann ich auch nicht klug werden. Die arme Jaroslava verschmachtet seinetwegen, der Gram kann sie ins Grab bringen; er sieht's und thut, als sähe er es nicht. So morden sie Alle blind und rücksichtslos ihr junges Leben, als wüßten sie nicht, was Jugend ist, daß Gott erbarm'! – In meinem alten Herzen wird's so grau, wie jetzt der Himmel ist; es geht mich weiter selbst nichts an, aber warum lieb' ich einmal diese Menschen! Der gute Gott meinte es so wohl mit ihnen und sie verdrehen seinen Plan und bereiten sich, wie zur Wollust, selber Qual und Jammer. Dächten sie nur zuweilen ans Grab wie ich; dort werden sie Alle ärmer, recht arm sein und sich nach einem kleinen Theil der Liebe sehnen, die sie so kalt jetzt von sich stoßen, als wär' sie gar kein himmlisch Gut. Die armen Todten liebt niemand. Wartet nur, da soll's Euch recht öd' und leer und einsam sein!«

Er verließ leise grollend und scheltend das Haus.

Otto von Los war beim Herrn von Slavata; er sprach zu ihm einige glückwünschende Worte über Walperga's Wiederfinden. Slavata's Stirne umdüsterte sich.

»Ich mag,« sagte er, »den schönen Wahn meiner leidenden, krankhaften Schwester nicht trüben; doch wär' es besser, die Vergangenheit hätte ihren Schleier nicht gelöst. Ihr tragt unfreiwillig die Schuld davon, Herr von Los! Ein Blatt, vom Baum geweht, paßt nie mehr auf dieselbe Stelle des Zweiges, von der es der Sturm gerissen. – Das Fräulein von Rosenberg hat singend auf den Straßen vom Pöbel Almosen genommen. Die Erhöhung konnte unterbleiben! Walperga hatte keine glänzende Vergangenheit – und wir müssen jetzt ihre Tage der Erniedrigung in unseres Stammes ehrenhaft Gedächtniß mit aufnehmen. Das ist, wenn auch nicht schmachvoll, weil es unverschuldet, doch auch nicht ruhmreich und mindestens unbequem. Meine Schwester hatte vergessen. Die Todten sollen todt bleiben, auch wenn sie für uns leben möchten. Wechseln ihre Bedingungen nicht, so wechseln doch die unserigen. Ihr seid vernünftig, Otto, und edelgeboren wie ich! Was soll ein solches wildes Reis noch im Bunde, im Kranze sag' ich, mit den letzten Rosenbergern und den letzten Slavata. Ich muß es nur bedauern, doch schon' ich der Schwester; das Sängermädchen bleibt mir fremd, ich kann's nicht ändern.«

»Herr,« sagte verletzt Otto, »rechnet Ihr die Macht des Blutes für nichts?«

»Unser Blut ist nur edel, so lang' es uns Ehre bringt. Wir müssen kein Band haben, das uns unmittelbar an den Pöbel knüpft. Man wird leider nie vergessen, daß die Hand, die sich jetzt mit der Freiherrnkrone schmückt, ehemals an den Straßenecken die Laute geschlagen.«

»Ich würde mich glücklich schätzen, gnädiger Herr, würde die Hand, die die Laute schlug, die meinige fürs ganze Leben!«

»Herr von Los! Ich werde sie Euch nicht versagen. Euer Wappenschild kann ich ehrenhaft neben das meinige stellen. – Werdet der unserige, Otto! Glaubt mir, die Zeiten ändern sich; ein Wechsel ist bald nahe.«

»Wo mein Geist das Rechte findet und mein Herz den Beruf,« versetzte Otto hart und stolz, »dahin werd' ich gehen, Herr von Slavata! Die Frauen, glaubt mir, vermitteln alles Gute. Lass't mich wieder zu ihnen zurückkehren. Lebt wohl!« –

Otto's Herz hatte sich für ewig abgewendet von diesem Manne.

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