Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Herloßsohn >

Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Dritter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid89ec15fc
Schließen

Navigation:

VII.

Da es Abend wurde, begab sich Marga stattlich gekleidet auf den Hradschin zu Waldstein. Ihr Herz schlug freudig während des Ganges; denn nun waren alle Zweifel gelöst und alle Hindernisse beseitigt, und Waldstein konnte ihre Walperga als eine Ebenbürtige freien.

Albrecht war verstimmt, sein Kopf so dumpf und wüst, und doch eine entsetzliche Leere in seiner Brust. Rastlos jagten sich seine Gedanken und fanden, wie sie auch flogen und suchten, keinen Ruhepunkt, keine leuchtende Idee, kein beruhigendes Bild, um daran zu haften. Schon war er im Begriff, die Alte abzuweisen; doch besann er sich und ließ sie eintreten.

Ohne sich lange bei einleitenden Redensarten aufzuhalten, erzählte sie ihm die Ereignisse des Tages, erzählte, wie Walperga als Tochter der Frau von Rosenberg anerkannt worden sei, und fragte schließlich, ob er nun noch und ernstlich werben wolle um ihre schöne Pflegetochter.

Albrecht hatte anfangs zerstreut, dann aber mit immer wachsender Spannung zugehorcht, seine Augen traten, in fieberhafter Erregtheit, aus ihren Höhlen hervor, endlich sprang er wild auf, drückte die geballte Faust vor die Stirn und brach verzweiflungsvoll in die Worte aus: »Zu spät – zu spät! Ich Unglückseliger!«

Die Alte faßte seine Aufregung nicht – er schritt wild in der Stube auf und ab, dann trat er vor die erschrockene Marga und sagte: »Sage mir, weiß die Gräfin Meer, hat sie gewußt von dieser Entdeckung, von Walperga's Erkennen?«

»Freilich, gnädiger Herr!« versetzte sie, »und gleich danach. Sie kam ins Slavata'sche Haus und wollte mich und Walperga heimsuchen, da sie uns auf dem Jagdhaus nicht mehr gefunden. Matusch war am Thor, empfing sie und berichtete ihr in seiner Freude, sie würde nicht mehr die Brabanter Sängerin Walperga, sie würde das Fräulein von Rosenberg finden. Da meinte sie, sie wolle nicht stören, und entfernte sich rasch.«

»Ha!« lachte Waldstein grell und wild auf, »das also war der Schlange Windung und ihr leiser Gang. Nein! nein! das wollten die Sterne nicht; sie verkündeten mir ja auch bei Walperga Heil und ließen mir freie Wahl; doch dieses Weibes tückisches Gestirn durchkreuzte ihre Bahn und ich, so nah' am Ziele, bin zurückgeschleudert in die andere Bahn und elend, elend! – So hab' ich nur den Glanz und den Ruhm der Zukunft und keine Liebe! O Mossoun, Mossoun, warum kamst Du nicht acht Stunden früher! Du hättest einen Himmel gebracht und so – hast Du einen Himmel zertrümmert!«

»Ich begreife Euch nicht, gnädiger Herr! Warum sollte es zu spät sein; ist doch Walperga jetzt ein Edelfräulein!«

»Mossoun,« sagte Albrecht und athmete tief aus der gepreßten Brust, »Du bist klug und verschlagen; höre alles, wie es kam, wie es wurde und durch wen es wurde, und ich, wie ich so grenzenlos unglücklich bin. – Ich liebte Deine Walperga über alles, liebte sie mehr, als es weise war, als ich sollte. – Du weißt, Mossoun, ich bin, ich war nicht reich, nicht reich genug, um mit Weib und Kind unabhängig zu sein, um ihnen eine glanzvolle Zukunft bieten zu können. Mein Rang, meine Verwandtschaft, die Umstände verlangten gebieterisch meine Verbindung mit der mächtigen Frau von Viczkova. Mit blutendem Herzen fügte ich mich in das Nothwendige und – wollte Walperga entsagen. – Da, gestern noch, will die Freifrau auf Grund meiner Liebe zu Walperga, von der sie Kunde erhalten, zurücktreten, unseren Bund lösen und – ich war frei! Weißt Du, was das sagen will – frei sein! Nein aber – es mußte anders kommen! Die Gräfin van Meer, die tückische, listige Schlange, die mich verderben will, da sie mich nicht besitzen kann, erfährt kaum – wie Du sagst – Walperga's Erhöhung, erblickt die Möglichkeit meiner Vereinigung mit dem nun ebenbürtigen Mädchen, da eilt sie zu Frau von Viczkova, beschönigt mein Vorgehen, stimmt diese zur Versöhnung und feiert den Triumph, daß diese das Band nunmehr unzerreißbar um mich geschlungen hat, das ich wenige Stunden vorher, hätte ich Walperga's Schicksalsänderung erfahren, selbst mit aller Macht zerrissen hätte. – Jetzt ist's zu spät – mein Name steht unter dem Heiratsvertrag, und dieser ist in den Händen des Erzbischofs. – Nun, Mossoun, hast Du mein Elend ganz begriffen und ist mein Los nicht mitleidswerth?«

Marga kaute schweigend an ihren Nägeln während Wallenstein's Erzählung, und ihre Augen schossen grüne Blitze, dann sagte sie ingrimmig: »Ei nun – Ihr konntet meiner Walperga auch noch einige Zeit länger treu bleiben, gnädiger Herr; es war nichts verloren. – Ihr konntet's noch abwarten; es hatte keine Eile, Herr! Und arm – daß wir nicht arm sind, habt Ihr doch gesehen, als wir mit unserer Habe die Ruine verließen. Freilich war's auch besser; ich sprach schon damals, wie ich wollte – als wir aufs Jagdhaus zogen, und ließ Euch die Herkunft des Mädchens errathen. Ihr hättet geforscht und Euch besonnen. – Wer kann aber auch alles vorher wissen. Ich dachte, kommt Zeit – kommt Rath, und hätte gemeint, Ihr würdet auch sprechen, gnädiger Herr, und nicht so hinterm Rücken freien. – Ihr dauert mich freilich – aber Untreu straft sich selbst; mehr aber jammert mich mein armes Kind, so muß ich die Walperga doch noch immer nennen, denn ich hab' sie ja unter Thränen und Schmerzen groß gezogen, und als die Stunde kam, die Hälfte meines Herzens abgerissen, um sie nur glücklich zu machen. Ich konnte ja auch schweigen und sie war noch immer meine Tochter und ich ihre Mutter und keine Fremde, die man auf einmal wegschicken und ablohnen kann. – Das aber wird ihr das Herz brechen, wie ich sie kenne. Sie giebt es nicht durch Worte und Thränen äußerlich kund; aber es zehrt tief bei ihr im Innern und nagt an der Seele. Sie liebt Euch unsäglich – das weiß ich, Herr von Waldstein, und jetzt – jetzt, das hat mein armes Kind um Euch nicht verdient. Ihr habt Euch eine Blume zum Spielzeug genommen und habt sie aus dem Erdreich, aus ihrem Lebensboden gerissen und nicht bedacht, daß sie so verschmachten und verdorren muß.«

Die Alte brach in lautes Weinen aus. Waldstein schritt rastlos und wie mit sich zerfallen in der Stube auf und nieder.

»Da sei Gott vor, Mossoun,« sagte er sanft, »und darum schenkt' ich Dir mein Vertrauen und bau' auf Deine Mithilfe. Walperga's Herz soll und darf nicht brechen. Lass' uns den Pfeil, der ihr Herz durchbohren soll, mit heilenden Kräutern und Balsam benetzen, daß er leicht und schmerzlos verwunde. – Nicht wahr, Du liebst das Fräulein von Rosenberg noch mit derselben mütterlichen Zärtlichkeit wie damals, als sie noch Deine Tochter war?«

»Freilich,« versetzte Marga grollend, »säß' ich denn sonst vor Euch da und weinte bitterlich?«

»Dann, Mossoun, kann ich auf Deine Hilfe bauen. Gegen den schweren Schluß der Sterne sind wir machtlos; was vorüber, ist unwiderbringlich verloren. Wir können nur mildern, den fernen Zwiespalt schlichten und den Schmerz besänftigen. – Ich verlasse morgen Prag, meine Vermählung wird heimlich stattfinden. Dir soll es obliegen, sie Walperga auf längere Zeit zu verheimlichen. Bin ich erst fern, schweigt längere Frist von mir jede Botschaft, dann wird sie zürnen, wird mich schelten, wird weinen, mich treulos wähnen, mir fluchen. Dies wird ihr Herz erleichtern; ihr Stolz wird sich erheben, sie wird mich verachten, und endlich nur so noch mein gedenken. Du weißt es, Otto von Los liebt Dein Kind tief, innig, mit reiner Flamme; lass' ihn ihr Tröster, der Vertraute ihrer Leiden sein; ihr Herz wird sich ihm öffnen, sie wird ihn schätzen, wird ihn lieben lernen – und dann – dann hat sie mein vergessen. – Und Otto, bei Gott, ist ihrer würdig.«

»Ja,« versetzte Marga, »das sagt sich leicht; wenn's nur auch so leicht geschähe. Da kennt Ihr mein Kind doch nicht so genau wie ich. Wohl liebt Herr Otto meine Walperga schon lange Zeit und treu – beständig, daß es mich oft tief gerührt hat; aber ebenso hoffnungslos. Den Freund dürfte sie wohl an ihm finden, doch weiter? – Woran sie einmal gehangen, das läßt sie nur mit dem Leben. Sie ist von besonderer Art und das war mir oft ein Räthsel. In ihrem Geist und Herzen sieht's ganz anders aus wie bei Unsereinem, und Trost und Schmeichelwort und Rath verfängt da nicht; wie mild sie ist, so trotzig auch. Gott mag hier helfen! Eins begreif ich wohl: wir müssen vorderhand Eure Vermählung – Eure Untreue, gnädiger Herr, sollte ich es besser nennen – verschweigen. Kaum hat sie heut' die Freudenbotschaft so gewaltig erschüttert und jetzt der Schlag, dieser entsetzliche, die junge Liebe im Augenblick gemordet – es könnte sie in Tod und Wahnsinn stürzen. – Ja, sie soll später erfahren von diesem Leid und doch früh genug, um ihr ganzes Leben hindurch ein blutend Herz in der Brust zu tragen. – Ich will sie wahren von der schlimmen Mähr, wie eine Blume vor dem giftigen Mehlthau, wie die Knospe vor Lenzesfrost.«

»Mossoun! Bei allen Heiligen des Himmels beschwöre ich Dich, schütze sie nur vor der Gräfin, dieser giftgeschwollenen Kröte. Weise sie von Deiner Thür wie ein reißend Unthier; denn soll Dein Haus für Walperga ein Friedenstempel sein, kann es dies sein jemals – dann halte sie fern von seiner Schwelle – in ihrem Gefolge ziehen die Furien ein!«

»Das werd' ich, das muß ich, trotz Eurer Untreue also wäret Ihr doch Walperga's Gemahl geworden – wußtet Ihr früher, da es noch Zeit war, daß sie hoher Leute Kind. Und nur die niederländische Gräfin hat es so falsch gewendet, hat die Karten gemischt und uns das Spiel verdorben. – Sie ist die böse Hexe! – Nun, wartet nur, ich tränk' ihr's ein. Sie braucht mich schon noch einmal; denn es ist nicht der letzte ihrer Ränke. O, ich vergelt' Euch, gnädige Frau! Beim Himmel, ich vergelt' Euch! – Ich hab' kein böses Herz, bei Gott, ich bin so sanft und weich, Ihr habt's an meinem Kinde sehen können; aber wer diesem meinem Kinde ein Leid thut, den kann ich hassen und bin gar grausamer Rache fähig, grausam wie ein Teufel. Da bin ich die Hexe!« – Sie grinste wild und giftig bei diesen Worten, es war, als stiege ein dämonischer Plan in ihrem Busen auf.

Sie nahm Abschied von Waldstein, der sich nach Otto sehnte, um sein gepreßtes Herz in dessen Busen auszuschütten.

Es war später Abend, Frau von Rosenberg weilte bereits seit zwei Stunden mit Walperga eingeschlossen in ihrem Cabinet. Sie rollte vor dieser älteren und vom Schicksal geprüften Tochter ihr ganzes ereignißreiches und düsteres Leben auf und zeigte ihr den Zusammenhang der Gegenwart mit der trüben Vergangenheit. Sie betrachtete es als ein Werk der Reue und Buße, ihres Wahnes und ihres Glaubensirrthums, sich vor dem eigenen Kinde anzuklagen. Walperga vermischte ihre Thränen mit denen der Mutter, und nachdem diese geendigt, stürzte sie an ihre Brust und rief: »Mutter! Und einem solchen Glauben, der so Entsetzliches Euch geheißen, konntet Ihr treu bleiben?«

»Mein Kind,« versetzte Elisabeth, »derselbe Glaube hat aus des ehrwürdigen Strachovsky's Munde mir wieder Trost und Ruhe gegeben; kein Anderer hätt' es vermocht, dies ist der Ausspruch seiner Göttlichkeit. Und doch scheint mein Geschick noch nicht versöhnt. Um meine Knaben für die reine Lehre zu gewinnen, wagte ich das Schrecklichste, dessen eine Mutter nur fähig. Des Himmels zorniger und gerechter Rathschluß nahm sie mir. Er schenkt in Dir mir eine Tochter wieder; doch mit Schaudern muß ich erfahren, daß Du der falschen Lehre anhängst, um derentwillen ich so Unsägliches gelitten. O, wende Dich zum Licht, wende Dich zu meinem Gott!«

»Wenn's Euch beruhigen kann, Mutter, so lass't mich forschen und glauben, ich will erkennen. Ist der Eine Gott doch unser Aller Gott. Und da Eure Liebe mein ist, möge es auch Euer Glaube sein.«

Elisabeth legte, entzückt den Blick zum Himmel gewendet, ihre Hände segnend auf das Haupt der Tochter.

Es pochte schon zum zweitenmale leise an der Thür des Cabinets. Frau von Rosenberg öffnete. Ein Prämonstratensermönch trat demüthig mit den Worten: »Gelobt sei Jesus Christus!« ein und berichtete, eine vornehme Dame, die jedoch ihren Namen nicht genannt, habe auf morgen um elf Uhr in der Kirche des Strahof eine feierliche Messe bestellt als Dankopfer bei Veranlassung eines freudigen Familienereignisses im Hause der Frau von Rosenberg. Der hochwürdige Abt des regulirten Chorherrnstiftes hatte ihn abgesandt, die edle Frau davon in Kenntniß zu setzen und sie zu bitten, dem Gottesdienst beizuwohnen.

»Ohne Zweifel Base Martinic!« rief Elisabeth erfreut und erblickte einen Fingerzeig des Himmels darin, der ihr Gelegenheit gab, ihre Tochter zum erstenmale zum Meßopfer zu führen. – Sie sagte zu und entließ den Mönch reich beschenkt.

Es war die zweite Nacht, daß Walperga unter dem Dache des mütterlichen Hauses schlief. Sie hatte einen entsetzlichen Traum. Ihr war, als ruhe sie auf dem Lager in einem unabsehbar weiten Gemache, das mit einem seltsam rothen Lichte angefüllt war. Ein heißer brennender Kuß erweckte sie – ihre Glieder umwand ein glatter Körper und preßte sie – sie schlug die Augen auf, neben ihrem Haupte regte sich ein anderes und wehte sie mit heißem Odem an – es war ein gräßlich Schlangenhaupt, dessen Leib, stark wie ein Menschenleib, sich eiskalt um ihre Glieder legte. Sie wollte aufschreien, doch hatte ihr die Windung des Unthiers die Brust zusammengezogen, daß ihr der Odem fehlte. Sie rang in gräßlicher Todesangst gegen die entsetzliche Umstrickung; da verwandelte sich plötzlich das Schlangenhaupt in das der Gräfin Meer, die ihr hohnlächelnd mit grell leuchtenden Blicken ins Antlitz starrte. In verzweiflungsvoller Kraft stieß sie mit beiden Armen das Haupt von sich, und wie es schwand, zugleich mit den Schlangenringen, brach von der Decke heller Schein hernieder und ein seltsamer, langgedehnter Ton, der mehr wie ein Seufzer schien als ein Wohlklang, erschallte, und auf ihren Busen herab fiel ein Lilienkranz. Wie sie mit den Fingern das blendende Gewinde berührte, da zeigten sich Bluttropfen auf den schneeigen Blättern, und wie ihr Auge jetzt spähte, von wannen der Kranz gekommen, da stand rechts am Lager Albrecht in einem schneeweißen Gewande, bleich und verstört. Er schlug das Gewand zurück und eine große, blutige Todeswunde klaffte in seiner Brust. – Dann verschwebte seine Gestalt in der Ferne. »Albrecht!« schrie sie auf, und das Entsetzen hatte ihr Odem und Sprache gegeben, »Albrecht!« und sie erwachte, von ihrem eigenen Wehschrei geweckt. Sie schlug die Augen auf. – Jaroslava, die mit ihr in demselben Gemache schlief, stand zitternd an ihrem Lager.

Noch von Schauder erregt und erschüttert, erzählte Walperga ihren Traum – die holde Schwester setzte sich im weißen Nachtgewande auf ihr Lager und streichelte ihr liebend Stirn und Wangen und tröstete sie. »Matusch,« sagte Walperga von düsterer Ahnung gefoltert, »hat gewiß gelogen – er hat mir nicht alles gesagt – Albrecht war beim Zweikampf und ist verwundet; denn warum kam er nicht? Marga sagt, sie habe ihn nicht gefunden. Sollt' er das Edelfräulein meiden, da er liebend die niedere Dirne gesucht?«

Jaroslava tröstete. Die Mädchen erwarteten in bangen und hoffenden Gesprächen den lichten Morgen.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.