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Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Dritter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
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V.

Am folgenden Morgen, nachdem Walperga und ihre Mutter in das Slavata'sche Haus gebracht worden waren, kehrte Frau Elisabeth durch den Corridor des Hinterhauses, welcher über einen verdeckten Gang in die nahe Cajetankirche führte, aus der Messe zurück.

Aus den Gemächern, welche den fremden Frauen eingeräumt worden waren, tönte Saitenklang und dazu bald eine Stimme, deren seelenvoller Wohlklang Elisabeth's Schritte fesselte und sie zu lauschen zwang. Und sie hörte so, athemlos horchend, getragen von einem Stimmentone, der ihr Thränen aus den Augen lockte, folgende Strophen eines Liedes, das mehr wie ein Gebet klang, als wie ein Lied. Walperga, allein im Gemache – während die Mutter in den entfernteren Zimmern die vom Jagdhaus herbeigeschafften Gerätschaften und Gewänder ordnete – sang:

»Sollst Du keine Ruhe finden,
Armes Herz, mit Deinem Leid,
Büßest Du für fremde Sünden,
Die der Zorn des Herrn geweiht?

Wo wirst Du die Heimat sehen,
Die der Fremde gastlich grüßt?
Ist es dort auf jenen Höhen,
Die der Glanz der Sonne küßt?

Ist es unter Palmenhainen,
Weit in einem fernen Land,
Ist es unter Sternenscheinen,
Wenn mein Auge ausgebrannt?

Und so fühl' ich allerwegen
Diesen sehnsuchtsvollen Schmerz;
Meine Leiden möcht' ich legen
An ein fühlend Mutterherz.«

Wohl hatte Frau Elisabeth dem Moment mit Spannung entgegengesehen, wo ihr die fremden Frauen, von deren reicher Habe ihr die Diener fast Wunderbares berichtet, durch den Haushofmeister vorgestellt werden sollten; aber diese sehnsüchtige Liebesklage überwältigte sie. Sie verbannte jede Bedenklichkeit des Schicklichen und öffnete, die Wangen noch thränenfeucht, rasch die Thür. Walperga, einfach geschmückt, die Laute im Schoß, saß am Fenster und blickte auf die Bäume des düsteren Hofes hinab – wo einst Max seine jugendlichen Spiele geübt. Sie schien die Eintretende nicht zu hören.

»Du bist das fremde Sängermädchen,« sagte Frau Elisabeth im milden Tone, »das meinen Schutz gesucht?«

Walperga erhob sich bei diesem wohlthuenden Stimmenklange, die Laute fiel auf den Boden, das Mädchen trat der Edelfrau entgegen und, wie von der Erscheinung eines Heiligenbildes getroffen, sank sie zu ihren Füßen nieder.

Aber Elisabeth stand erschüttert beim Anblick des schönen Mädchens. Es war ihr, als erblickte sie längstbekannte Züge vor sich, als sehe sie in das sonnige Frühroth einer seligen Vergangenheit zurück. »Mein Gott,« lispelte sie mit zitternder Stimme erstaunt und bebend, »Du bist es – Du, die Fremde!? und lieh willenlos ihre Hand den Küssen des sichtbar ergriffenen Mädchens.

»Und knie vor Euch, wie vor meiner Schutzheiligen,« versetzte demuthsvoll und mit feuchten Blicken Walperga.

In diesem Augenblick trat Marga aus einer Nebenthür ein und gewahrte die Gruppe. »So recht, Marinka!« rief sie, »hier ist unser Platz, zu den Füßen unserer edlen Beschützerin, wo wir endlich eine Ruhestätte gefunden.« Sie küßte demüthig Elisabeth's Kleid.

»Marinka nennst Du sie?« fragte Frau von Rosenberg und zog hastig das Mädchen zu sich empor, und ihre Blicke hafteten auf Walperga's Antlitz, als wollte sie jeden Zug desselben ergründen. Diese bebte, sie war blaß – ihr ward, als sei sie in geweihter Nähe.

»Marinka!?« wiederholte Elisabeth.

»Ja – Marinka,« stockte Marga, »so heißt sie eigentlich; denn wir sind dieses Landes Kinder und kein Zigeunervolk. Den Namen Walperga gab ich ihr, als wir ins fremde Niederland kamen und dort den Glauben und die Sitten des Volkes annehmen mußten.«

»Ihr seid aus Böhmen?« fragte Elisabeth und konnte sich immer noch nicht vom Anblick Walperga's trennen.

»Ja, gnädige Frau,« berichtete Marga, »Zigeuner raubten mich in früher Kindheit und schleppten mich mit sich und zwangen mich, ihresgleichen zu werden – bis ich ihnen entfloh. Meine Farbe war vordem nicht so braun und fahl.«

»Du glückliche Mutter,« sprach in wehmüthiger Erinnerung Elisabeth, »Du hast Dein Kind! Auch mir ward eine Tochter gleichen Namens geraubt – und wohl auch getödtet – es mögen nunmehr sechzehn Jahre sein!«

»Euch, gnädige Frau,« rief die Alte erstaunt, »um Gotteswillen – doch nicht – Walperga! Marinka! Jetzt, jetzt ist vielleicht der Augenblick gekommen, wo ich sprechen kann – ein Strahl von Gott ist's. Sechzehn Jahre – gnädige Frau – und geraubt, sagt Ihr – auf dem Lande – weit von hier?«

»Ja, ja – was sagst Du, was blickst Du mich so flammend an?!«

»Gleich, gleich, gnädigste Frau – es kann, es kann sein; ich habe ein Zeichen, ein Amulet!« Sie sprang in das Nebenzimmer und kehrte zurück, ein Kästchen in der Hand. Darin lag sorgfältig verwahrt ein Kinderspielzeug: ein silbernes Muttergottesbild, flach gearbeitet, dies hielt ein Wappenschild in der Hand, das oben abgebrochen war, nur die untere Hälfte ließ einen Stern erkennen.

»Hier!« sagte Marga zitternd und reichte es hin. »Kennt Ihr's vielleicht – das hatte Marinka hier am Halse und den Namen nannte sie mir selbst – sie vermochte nur diesen Namen zu sprechen.«

Elisabeth warf einen Blick auf das Amulet und rief im herzzerschneidenden Tone aus: »Barmherziger Gott, es ist mein Kind!« und brach in die Knie. Selbst einer Ohnmacht nahe, beugte sich Walperga über sie, und auch die Alte, in ihrem ganzen Wesen erschüttert, halb von Angst, halb von Freude, sprang ihr bei.

Elisabeth erholte sich, noch auf dem Boden kniend umklammerte sie mit einer Gewalt, als gälte es ein Leben zu retten, Walperga und rief mit schluchzender Stimme: »Du bist mein Kind, meine Tochter Maria, mein verlorenes, geraubtes, todt geglaubtes Kind! Und Du, barmherziger Gott,« fügte sie fast kreischend und außer sich hinzu, »wodurch habe ich diese Gnade verdient.« Sie bedeckte Walperga, die ohnmächtig, leise weinend in ihren Armen lag, mit tausend Küssen, und ein seliger Wahnsinn der Freude schien sich ihrer Seele bemächtigt zu haben und drohte die zarte Form zu zerbrechen.

»So also,« sprach Walperga, die Augen aufschlagend, »ruht es sich an einer Mutterbrust.«

»Und Du, Elende!« wandte sich jetzt Elisabeth drohenden Blickes zu Marga und der gerechte Mutterzorn wallte auf in ihrer Brust, »Du hast mein Kind geraubt, Du hast es gerissen von der Mutterbrust, hast es ihr jahrelang entfremdet und gemeinem Dienst geweiht!?«

»Nein, nicht so, gnädigste Frau,« kreischte Marga und wand sich auf dem Boden, »nicht geraubt habe ich sie, sondern gerettet, einem vielleicht blutgierigen Räuber entrissen – mit Gefahr meines Lebens gar. Ich will alles erzählen – es ist wunderbar, wie es so kam. Ich zitterte vor dem Moment in selbstsüchtiger Liebe, der kommen und mir Walperga, meinen einzigen Schatz, entreißen sollte, und jetzt, da er kam, will ich ihn doch segnen, muß ich ihn segnen. Hört – hört mich, gnädige Frau, und statt des Fluches wird ein Wort des Segens und des Dankes von Euren Lippen fließen. Hört mich – hört!«

»Mutter,« sagte Walperga beschwichtigend zu Elisabeth, die sich erschöpft auf ein Ruhebett geworfen, und kniete zu ihren Füßen, »war dieses Weib auch meine Mutter nicht, so hat sie doch gethan an mir, wie kaum eine solche, und wenn ich auch nicht kindliche Liebe für sie empfand in meinem Herzen, weil die Stimme der Natur schwieg, so bleibe ich doch ewig ihr in Dankbarkeit verpflichtet. Was hat sie nicht geduldet und geopfert, entbehrt und gerungen meinetwegen. Sie liebte mich mehr, denn ihren Gott, denn ihre Seligkeit. O, ich entbehrte nicht der Zärtlichkeit, der Hingebung, der Sorgfalt und der Güte; nur die Stimme der Natur erklang mir nicht, sie vernehme ich an dem Pulsschlag Eures Herzens. In meinem Herzen, gnädige Frau, mögt Ihr von nun an den ersten Platz einnehmen, in meinem dankbaren Gedächtniß lebt sie zuerst und unvergänglich. Erzähle Marga; denn auch ich brenne vor Ungeduld, des Räthsels Lösung endlich zu erfahren.«

»Erzähle!« sagte Frau von Rosenberg und reichte begütigt Marga die Hand.

»Was ich erzähle,« hub Marga an, »es ist die Wahrheit, die lautere Wahrheit – ich bin bereit, das Sacrament darauf zu nehmen; möge Gott sich mein nicht in der Sterbestunde erbarmen, so ich nur ein Wort der Lüge spreche. – Wie ich Dir, Marinka, bereits oft wiederholt, so stamm' ich aus Böhmen – aus welchem Orte, weiß ich nicht – doch mag's nicht fern von der Elbe sein und der Name Teinic schwebte mir noch später im Gedächtniß. Als Dich der Scherbic gestern auf dem Jagdhaus rauben wollte, berichtigte und ergänzte Matusch gerade meine Erinnerungen, und ich war nahe daran, des Dorfes Namen zu erkennen. Wir werden uns noch besinnen. Als ich später mit den Zigeunern wieder in die Gegend meiner Heimat gerieth, und sie wiedererkannte, war das Dorf niedergebrannt, meine Eltern waren todt, mein Bruder in den Türkenkrieg gezogen. Schon als sechsjähriges Kind raubten mich Zigeuner; ich habe aus jener Zeit nichts als ein zinnernes Muttergottesbild, das ich treu bewahre. Mit meinen Räubern durchzog ich Böhmen, Mähren, Ungarn, dann Schlesien und die Lausitz; so lange ich jung war, lebt' ich von Almosen, von Spiel und Tanz, später von Wahrsagerei. – So unter den Zigeunern fast selbst zu ihresgleichen geworden, ward ich vierzig Jahre alt, da kehrten wir in einem großen Zuge wieder aus dem fernen Siebenbürgen durch die Karpathen nach Böhmen zurück. – Da einstmal, als wir in einem Wald nahe bei einem großen Dorfe lagerten – ich weiß nur, daß wir Tags vorher die Gegend von Strakonic verlassen hatten – beschuldigten uns die Bauern, daß einer aus unserer Bande einen Mord begangen habe, und zogen mehrere Hundert stark, mit Feuergewehren, Dreschflegeln und Mistgabeln bewaffnet, gegen uns aus, um uns zu vertilgen. Wir wurden überrascht, zersprengt und wie wilde Thiere gehetzt. Ich flüchtete die Nacht hindurch, der Gegend unkundig, die Kreuz und Quer. Was nützte es mir, den Leuten zu sagen, daß ich dem Zigeunervolk nicht angehöre, daß ich ihresgleichen sei, daß ich in der Jugend geraubt worden; war doch mein Antlitz von Sonn' und Wind gebräunt und seine Farbe schien die der Aegypter geworden und meine Redeweise, meine Sitten und Gewohnheiten waren die des Wandervolkes. Ich floh ganz allein, die Nacht hindurch – von meiner Bande getrennt. In einem dichten Busch nahe am Waldesrand schlug ich mein Nachtlager auf und entschlief hier ermüdet von Hunger und Anstrengung. – Ich hatte fast den ganzen Tag hindurch geschlafen und erwachte erst, als die Sonne sich bereits zum Untergange neigte. Mich peinigte der Hunger, und doch wagte ich nicht mein Versteck zu verlassen, um betteln zu gehen, denn ich wußte nicht, ob ich während der Nacht an den Ort des Schreckens zurückgerathen war. Als ich die dichten Zweige meines Versteckes zurückbog, gewahrte ich nicht hundert Schritte von mir und tiefer liegend als die Höhe, auf der ich mich befand, einen großen Garten, nur von einem schmalen Graben eingefaßt – hinter den hohen Bäumen des Gartens ragten die Thürme eines Schlosses hervor.«

»Es war Rozmital!« unterbrach Elisabeth, die in aufgeregter Spannung zuhorchte, mit einem Seufzer – »erzähle weiter!«

Marga fuhr fort:

»Wie ich schärfer hinabblickte, gewahrte ich unten im Garten eine Wärterin im Grase sitzen – schlafend – ein Kind in ihrem Schoße. – Das Kind, unruhig, beugte sich nach den Gräsern ringsum und faßte sie mit seinen kleinen Händen; es glitt sachte vom Schoße der Wärterin, die auch darüber nicht erwachte, in den Rasen, ohne zu schreien; als ich noch darüber nachdachte, ob ich es wagen sollte, hinabzugehen und um ein Stück Brot zu betteln, da schlich zu meiner Rechten, gleichfalls aus dem Gestrüpp, ein Mann heraus, in Bauerntracht, die ihm doch so auffallend saß, daß sie nicht zu ihm, der Mann nicht zu ihr passen konnte. Da er mir ganz nahe war – jedoch ohne mich zu sehen, konnte ich sein Gesicht genau betrachten; er schien noch jung, doch bleich und sein schwarzes Auge hatte einen furchtbaren Ausdruck. Sein Haar war lang und rabenschwarz.«

»Weiter, um Gotteswillen! rascher,« rief Frau Elisabeth in peinlicher Ungeduld.

»Der Mann flößte mir, ich wußte selbst nicht warum, Grauen ein. Wie ein scheuer und doch mordgieriger Wolf blickte er spähend ringsum, dann bog er sachte die Zweige zurück und kroch katzenleise durch das niedere Gesträuch bis an den schmalen Graben. Hier hielt er inne, schien zu horchen, prüfte noch einmal mit seinen Falkenblicken die Umgebung und – setzte in einem raschen Sprunge über den Graben, mit fünf ähnlichen Sätzen war er bei dem spielenden Kinde, raffte es, schnell wie ein Blitz, vom Boden auf, hielt ihm die Hand vor den Mund und war ebenso schnell wieder im Gebüsche, an der früheren Stelle.«

»Barmherziger Gott!« stöhnte Elisabeth, die sich ganz in die Schilderung versenkt hatte, und umklammerte Walperga mit stummer Heftigkeit, als sollte ihr diese abermals entrissen werden.

»Ich wollte schreien,« fuhr Marga fort, »aber die Angst der Verfolgten gab mir den Muth nicht. Mein erster Gedanke war: Der Bösewicht raubt das Kind – das willst Du erretten! Ueber das Gelingen dachte ich nicht länger nach. Leise und gewandt, nach Zigeunerart, wand ich mich aus dem Busch, dem Räuber nach. Er floh den Wald hinauf – und hatte einen tüchtigen Vorsprung. Um rascher laufen zu können, mußte er einen Arm frei haben und zog daher die Hand vom Munde des Kindes. Da schrie das arme Kleine herzzerschneidend. »Schweig, Wurm,« fluchte der Mann, dem ich geräuschlos wie ein Eichhorn nunmehr auf den Fersen war, »oder ich zerschmettere Dich am nächsten Baume, wenn Du mich verräthst.« Diese Drohung kräftigte meinen Entschluß, ich raffte einen gewaltigen Baumast vom Boden auf – mit zwei Sätzen war ich hinter dem Räuber drein und – o, meine Arme waren damals noch stark! – ich führte einen mächtigen Hieb auf sein Haupt, daß der Ast zersprang, der Räuber erst taumelte, dann mit einem Schrei zu Boden stürzte. Das Kind fing ich in meinen Armen auf. Ob der Räuber todt geblieben, weiß ich nicht; aber als ihm in Folge meines Schlages die Kopfbedeckung herabfiel, gewahrte ich am Hinterhaupte einen kahlgeschorenen Fleck, wie die Tonsur eines Priesters.«

»Heiland des Erbarmens,« unterbrach Elisabeth mit einem Aufschrei; »also er – er – meine Ahnung! Ja, Marga, Du sprichst wahr – Du hast in der That mein Kind gerettet – o, habe Dank, Du gesegnetes Weib! Also er war's, der Entsetzliche!«

»Ich kehrte eilig zurück mit dem Kinde, das sich wundersam beruhigt hatte, um es in die Arme der sorglosen Wärterin zurückzugeben. Noch im dichten Gebüsch am Waldesrand hör' ich Stimmen, lautes Geschrei, Hundegebell. »Die Zigeuner haben Marinka, haben das Fräulein geraubt,« schrie es ringsum, »schlagt sie todt, die Zigeuner! auf die Zigeunerjagd!« Trat ich nun hervor mit dem Kind in meinen Armen, so war mein Tod gewiß. Wer hätte mir geglaubt, wer nur eine Erklärung angehört. Schon meine Erscheinung stempelte mich ja zu einer Schuldigen. Ich verkroch mich, von Augst und Todesfurcht gehetzt, immer tiefer in die Gebüsche – die Verfolger waren stets und oft gar nahe hinter mir her. Das Kind schien mein Schutzengel, denn es wachte und verrieth mich doch durch keinen Laut meinen Jägern; es spielte schweigend mit den Schaupfennigen an meinem Halsband. – Ich flüchtete die Nacht hindurch mit dem festen Vorsatz, am folgenden Tage das Kind entweder in Person zurückzubringen oder dem ersten besten Bauer zur Beförderung an seine trostlose Mutter zu übergeben. Da aber stieß ich auf einen Theil unserer Bande und war ihr wieder verfallen. Als die Genossen mich im Besitze des schönen Kindes sahen, wünschten sie mir Glück; sie plünderten die Kleine, indem sie ihr die kostbaren Kleider und Schmucksachen, die eine gar vornehme Herkunft verrathen ließen, abnahmen; nur dies silberne Amulet, das ihnen von keinem hohen Werthe schien, konnte ich retten. Ich sprach die Absicht aus, das Kind zurückstellen zu wollen, und erregte die Hoffnung auf eine zu erwartende große Belohnung von Seiten der Eltern des Mädchens. – Umsonst – die Zigeunermutter Baba prophezeite uns Heil und Glück von diesem Kinde, und es wurde deshalb in die Bande aufgenommen und meiner Obhut überlassen. Ich hatte in früheren Jahren selbst ein Kind verloren. Ein junger Kriegshauptmann, dem ich in seinem Zelte wahrgesagt, hatte mich bethört, indem er versprach, mich mitzunehmen und so aus der Knechtschaft der Zigeuner zu befreien. Er aber brach sein Wort, zog weiter und ich habe ihn nie wieder gesehen. So betrachtete ich denn Marinka als ein mir von Gott gegebenes Unterpfand, eine Waise, bei der ich Mutterstelle zu vertreten habe. Doch gab ich die Hoffnung nie auf, dereinst das mir anvertraute junge Wesen in die Arme seiner Eltern wieder zurückführen zu können. Die Bande zog nach dem Eger'schen Kreise, fortwährend gehetzt und geängstigt. Ich war des Wanderlebens satt, des gefahrvollen Daseins und Treibens mit diesen rohen Geschöpfen; meine Knechtschaft war mir je länger, desto unerträglicher. Meine Jugenderinnerungen wurden wach, ich wußte, daß ich den weißen Leuten angehöre, ich beschloß – da in Böhmen damals eine allgemeine Verfolgung der braunen Gesichter stattfand und also hier meines Bleibens doch nicht war – auf eigene Hand ins Reich zu gehen und dort von meinen erworbenen Kenntnissen und Fertigkeiten zu leben. – Ich entfloh, und diesmal gelang auch meine Flucht. Bevor ich aber Böhmen verließ, wollte ich noch einen Versuch wagen, das arme Kind seiner Heimat und seinen Angehörigen wieder zu geben. Wenn auch mein Herz an dem kleinen Liebling hing – ich wollte mich doch von ihm trennen, da ich der trostlosen Mutter gedachte und des glänzenden Loses, dem er entrissen. Nicht ohne Lebensgefahr schlug ich die Richtung nach Strakonic ein; von dort aus hoffte ich die Gegend und das Schloß wiederzufinden, wo ich Marinka aus Räubershand befreit. Mehr als anderthalb Jahre waren verflossen, mein Gedächtniß mir untreu geworden – damals war es Sommer gewesen, jetzt Winter. Ueber einen Monat lang durchzog ich den Pilsener, Klattauer und Prachiner Kreis – vergebens! Ich fand den Wald, das Schloß nicht wieder. Meine Flucht, fast stets zur Nachtzeit ausgeführt, war damals auch zu hastig gewesen, um die Gegenstände rings meinem Gedächtniß einzuprägen. – So ergab ich mich in den Willen Gottes und hielt alles für ein unbegreifliches Geschick. Ich verließ Böhmen und zog durch die Oberpfalz weiter nach Deutschland. – Es war in der That, als ob mein kleiner Pflegling mir Heil und Segen brächte. Fünf Jahre durchzog ich Deutschland, wahrsagte den Leuten, bereitete Heil- und Wundertränke für Menschen und Thiere, verkaufte Amulette und gewann Geld über Geld. Ich reiste zu Pferde, das kleine Mädchen in den Armen. Man bot mir häufig viel Geld für das wunderschöne, kluge Kind, vornehme Damen wollten es als ihr eigen annehmen; aber meine Seele hing an ihm, daß ich es nur mit dem Leben lassen wollte. – Wir kamen nach Brüssel. Und hier ging der Stern meines Glückes strahlend auf!«

»Aber, Marga,« unterbrach mit leisem Vorwurf Walperga, »warum hast Du, da ich erwachsen war, mir nie von meiner Herkunft gesprochen, und wenn ich später in Dich drang, mir das Räthsel meines Lebens wohl angedeutet, aber nie gelöst?«

»War es doch mir selbst ein Räthsel! Wozu Dein Herz mit einem Verlangen erfüllen, dessen Befriedigung in dunkler Ferne, vielleicht unerreichbar lag. Und sollt' ich mich um den kleinen Theil Deiner Liebe bringen, die Du mir zolltest, bloß weil Du glaubtest, ich sei Deine Mutter? In Deiner Seele lebte ein Stolz, der Dir angeboren war – Du fühltest Dich beengt selbst in der Nähe derjenigen, die Dir für Deine Mutter galt. – Und dann – wie zitterte ich bei dem Gedanken, daß die Stunde kommen könnte, daß Du sie gewaltsam herbeiführen würdest, wo ich Dich den Deinigen würde wieder zurückerstatten müssen, da doch meine Seele, mein ganzes Leben an Dir hing! Ich schwur mir zu, wenn Du zur Jungfrau erblüht wärest, Dich wieder in die Heimat zu führen und Deine Herkunft durch alle Mittel zu erforschen. Vor allen Dingen strebte ich nach Reichthum; denn – wenn wir auch Deine Eltern nicht wiederfanden, so solltest Du doch Deiner Herkunft angemessen im Vaterlande ein sorglos und glänzend Leben führen. – Der Himmel begünstigte mein Streben; die vornehmsten Damen buhlten um meine Dienste und erkauften mit reichen Geschenken meine Wissenschaft. Marinka – die ich Walperga genannt – wuchs und blühte heran. Der protestantische Priester Geron, ein edler Greis, unterwies sie in Künsten und Wissenschaften. Mit rascher Leichtigkeit erlernte sie vier Sprachen, und die Gabe des Gesanges hatte ihr der Himmel gegeben. – So nahte der Zeitpunkt, wo ich beschlossen hatte, nach Böhmen zurückzukehren. Wir kamen nach Prag. Ich kaufte für wenig Geld jene Ruine am Moldauufer, welche uns eine längere Zeit schützend beherbergte und wo ich meine Schätze vor der Habsucht barg. Um diese nicht zu reizen, mußten wir arm scheinen. Marinka's Gesangesgabe verhieß eine neue Erwerbsquelle. Mit richtigem Sinne zog das Mädchen es vor, dem Volke auf den Straßen lieber zu singen, als den Reichen in ihren Palästen, und ich selbst führte sie gern in die Oeffentlichkeit, in der Hoffnung, ein Mutterauge könnte sie finden und – erkennen. Unablässig war ich bemüht, die Spuren ihrer Herkunft aufzusuchen; es gelang mir nicht, und daß es erst jetzt und später gelang, daran trag' ich wohl selbst die Schuld. Denn in meinem Herzen wohnte ein Zwiespalt. Gern wollte ich Marinka den ihr gebührenden Rang in der Welt wieder verschaffen, und gern wieder hätte ich sie ewig als meine Tochter und in dem Glauben derselben erhalten. So erhellte und verdunkelte ich oft abwechselnd mit Willen jede Spur, die sich mir darbot. – Da störte uns die Rohheit des Scherbicers aus unserer Sicherheit auf und bedrohte unsere Freiheit, unser Leben; da fanden wir in den Herren Waldstein und Los edle Freunde und Beschützer, welche die Tugend Walperga's auch im niederen Gewande ehrten und mit ihrem Blut verfochten – da endlich fand Marinka durch Gottes allmächtigen Rathschluß Schutz und Sicherheit in diesem Hause, das zugleich ihr Vaterhaus wurde.«

Die Alte vollendete. Elisabeth trocknete ihre Thränen und reichte Marga die Hand. »Habe Dank! Es wohnt ein edler Kern in dieser rauhen Schale, und gleiche Mutterrechte neben mir sollst Du auf dies mein Schmerzenskind auch ferner haben. Du hast sie redlich und aufopfernd erworben. – Walperga,« wandte sie sich zu der Tochter, »lass' mich ferner bei diesem Namen Dich nennen; er hat Dir mehr Heil gebracht, als Marinka. Doch komm' jetzt und lass' es Deiner Schwester und dem Oheim, meinem Bruder, uns verkündigen, wie Du wiedergefunden worden und wie durch Dich, wenn auch spät, doch beseligend, der Trost in dieses schmerzensreiche Haus eingekehrt ist.«

Sie nahm Walperga an der Hand und führte sie in das Vordergebäude zu Jaroslava. »Hier,« rief sie dem jungen Mädchen zu, »bring' ich Dir die todtgeglaubte, doch wiedergefundene Schwester! Walperga, die schöne Sängerin, ist Deine heißbeweinte Schwester Marinka. Umarme sie – und mögen sich Eure Herzen so schnell finden in zärtlicher Liebe, wie mein Mutterherz die Tochter gefunden hat.« Sie ging nach diesen Worten hinab zu ihrem Bruder.

»Meine Schwester!« rief Jaroslava erstaunt und freudige Thränen füllten ihre Himmelsaugen. Sie breitete die Arme aus und zog das reizende Mädchen an ihre Brust.

»Schwester!« sagte Walperga, »wenn ich Euch noch fremd erscheine und nicht vornehm genug, bedenkt, daß mich das Geschick bis jetzt im niederen Stande leben hieß.«

»Wärst Du es auch nicht,« antwortete Jaroslava, »so sagt mir doch mein Herz, daß es, nachdem es Dich erkannt, mit schwesterlicher Innigkeit Dich lieben würde. Auch als Fremde würdest Du mir Schwester sein. Doch Du bist es wahrhaftig – sieh nur!« Sie zog sie vor ein Bild, das ein grüner Schleier deckte; nachdem sie diesen aufgehoben, fuhr sie fort: »Unsere Mutter, als sie sechzehn Jahre und Braut war: Dein treues Ebenbild!«

Und so war es in der That: Walperga blickte wie in einen Spiegel, nur quoll ihr das Leben lebendiger, geistiger und in den Zügen mehr von zauberischer Schwärmerei angehaucht, als in den trockenen, verblaßten Farben.

Die Schwestern setzten sich unter das Bild der Mutter nieder, und Walperga mußte erzählen. Sie that dies in lebhafter Schilderung nach Marga's Bericht theils, und theils nach ihren eigenen Erlebnissen. Manche Thräne der Theilnahme entlockte ihr Schicksal den schönen Augen Jaroslava's. Es verging keine Stunde, so hatten die beiden Mädchen ihre Herzensgeheimnisse wechselseitig ausgetauscht. Wie unendlich wohl ward es Walperga, einem weiblichen Herzen gegenüber zum erstenmale ihre innersten Leiden und Lebensfreuden vertrauensvoll offenbaren zu können! Aber wie ein eisiger Hauch zuckte es durch ihr Herz, als Jaroslava ihre Liebe zu Otto gestand und erröthend bekannte, wie sie wähne, ebenso heiß geliebt zu werden. Ach, Walperga kannte nur zu wohl Otto's unauslöschliche, wenngleich hoffnungslose Liebe, die er zu ihr im Herzen trug. Ihr Auge füllte sich mit einer Thräne, sie störte nicht den Wahn der schönen, kindlichgläubigen Schwester, doch seufzte sie für sich mit einem bitteren Vorwurf: »Also auch in dieses friedliche Haus muß Dein Erscheinen Unheil bringen!« Ihr Gedanke flog betend zum Himmel, und sie hoffte Otto's Herz in liebender Erkenntniß zu Jaroslava zu neigen.

Die Nachricht von dem wiedergefundenen Fräulein verbreitete sich sofort durch das ganze Slavata'sche Haus. Die Dienerschaft theilte die Freude ihrer Herrin von ganzer Seele, denn nun hoffte man auch fröhlicheren Tagen entgegenzugehen. Marga selbst theilte alles dem alten Matusch mit, der Freudenthränen vergoß, die seinen greisen Bart netzten. Im Verlaufe des Gespräches, und als er das Dorf Lokoschovice bei Elbeteinic nannte, wo er geboren und ihm eine Schwester als Kind geraubt worden war, ergab es sich, daß er Marga's Bruder, derselbe, der in den Türkenkrieg gezogen und vermeintlich nicht wieder zurückgekehrt war. Ort und Gegend, sowie die Zahl der Jahre stimmten, und das zinnerne Muttergottesbild beseitigte jeden Zweifel. Und so feierten auch diese beiden treuen Seelen ein schönes Fest des Wiederfindens und Erkennens. Allen, die durch Geschick und Liebe aneinandergekettet waren, leuchtete von nun an eine Zukunft, die mit keiner Trennung drohte.

Es drängte Matusch, schleunigst fortzueilen, um dem Herrn von Waldstein von dem plötzlichen und so glänzenden Schicksalswechsel Walperga's Kenntniß zu geben. Ihm war, als hinge ein großer Erfolg davon ab, daß Albrecht sofort die wichtige Botschaft erführe; doch eben ließ ihm Frau von Rosenberg gebieten, das Haus nicht zu verlassen, sie wolle zu ihren nächsten Verwandten fahren, um ihnen das freudenreiche Ereigniß persönlich zu melden und – Matusch sollte sie, wie gewöhnlich begleiten. Er warf sich, etwas verstimmt darüber, daß ihm die Freude versagt war, der Erste sein zu können, der Albrecht von der angebeteten Walperga so frohe Botschaft bringen sollte, in die glänzende Hausdienertracht, welche er anzulegen pflegte, wenn er im persönlichen Dienst der Frau Elisabeth war. Bereits am frühen Morgen hatte er Walperga von dem glücklichen Ausgange des Duelles, und daß Waldstein diesmal nicht dabei betheiligt war, Nachricht gegeben; sie hatte dankbar seine Hand gedrückt und seine rauhe Wange gestreichelt und ihn ihren lieben Vater genannt. Er hatte nicht geahnt, daß dieselbe Walperga, die er nur wie ein unglückliches, seines Schutzes so bedürftiges Mädchen zu betrachten pflegte, sich wenige Stunden später in die Tochter seiner gnädigen Herrin, in seine Gebieterin verwandeln würde. Sein Herz war voll Freude, und darum bedauerte er, nicht demjenigen von dem neuen Ereigniß Nachricht geben zu können, der Grund hatte, am lebhaftesten an dieser Freude theilzunehmen. Er forderte Marga auf, dies für ihn zu thun. Diese versprach auch am Nachmittage auf den Hradschin ins Waldstein'sche Haus zu gehen. Sie mußte sich erst stattlichere Kleider zurecht machen; denn die abenteuerliche Tracht, in welcher sie bisher als Wahrsagerin und Tamburinspielerin unterm dem Volke erschien, ward für immer abgelegt.

Matusch stand am Hausthore bei den Gardisten und wartete, bis der Galawagen seiner Herrin angespannt war; da hielt vor der kleineren Pforte eine Sänfte; Matusch trat dienstbeflissen herbei, öffnete den Schlag und half der Gräfin Camilla van Meer beim Heraussteigen. Er kannte sie – ihr dagegen war der alte Diener und sein Amt unbekannt. Sie fragte nach Marga und deren Tochter, sie hatte dieselbe schon im Jagdhause gesucht, man hatte sie hierher gewiesen. Matusch lächelte etwas verschmitzt und stolz und strich sich den Bart; dann sagte er respectvoll:

»Gnädige Frau, die Brabanter Sängerin werdet Ihr hier nicht wiederfinden, sondern die Tochter der Frau von Rosenberg, die Nichte des edlen und gestrengen Herrn von Slavata, des obersten Landrichters im Königreich. Fräulein Walperga oder Marinka ist soeben zur Freude des ganzen freiherrlichen Hauses als das der gnädigen Frau vor längeren Jahren im zarten Alter geraubte Kind anerkannt und aufgenommen worden. Die Verhältnisse haben sich sonach geändert – gnädigste Frau. Wenn es dahero noch gefällig ist, so will ich Euch dienstbeflissen melden.«

Camilla erbleichte; schnell gefaßt aber erwiderte sie: »Nein – nein! Bei solchen Freudenfesten ist die Gegenwart eines jeden Fremden, Unbetheiligten störend. Ich werde ein anderesmal kommen. Ich bin die Gräfin van Meer – meldet das Walperga – dem Fräulein, und drückt ihr meine Theilnahme an dem frohen Ereigniß aus.«

Sie stieg wieder in die Sänfte und ließ sich nach der Brückengasse zur Frau von Viczkova tragen.

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