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Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Dritter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid89ec15fc
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IV.

Der Zweikampf zwischen Otto von Los und Janko von Scherbic fand, als kaum die Sonne aufgegangen, an dem bestimmten Orte, einer Wiese, die sich zwischen den Ausläufern der Scharkaberge bis beinahe zu dem königlichen Wildgarten, der Stern – so genannt, wegen der sternförmigen Bauart seines Jagdschlosses – erstreckt, statt.

Scherbic hatte Mühe, noch an demselben Abend, wo ihn Otto herausgefordert, seines alten Secundanten Sadsky habhaft zu werden; kein anderer Edelmann Prags hätte dem Verrufenen seinen Beistand geliehen. Sadsky that es, widerwillig zwar, aber doch für Geld und gute Worte; denn seine Rath- und Thatlosigkeit hatte ihn wieder in herbe Noth gestürzt.

Janko erschien auf dem Kampfplatz fast völlig trunken und war eben im Begriff, wie es seine unritterliche Weise war, den Gegner wie dessen Secundanten mit Schmähungen zu überhäufen, als er Ulrich Kinsky neben seinem Widerpart erblickte. Da überkam es ihn wie eine Art Respect, denn Kinsky, einer der ersten und mächtigsten Barone, stand ihm gegenüber und gewährte ihm die Ehre der Waffen. Er fühlte plötzlich eine Art Stolz in sich, und dieser hieß ihn von seiner Rohheit zu lassen und selbst feine Gesittung und edle Manieren zu affectiren. Die würdige Haltung seiner Gegner imponirte ihm so sehr, daß sie seine Frechheit für den Augenblick nicht nur beseitigte, sondern sein Wesen auch einschüchterte und beengte; er suchte diesem daher auch, so gut es ging, einen Anstrich von Stolz zu geben und sprach daher kein Wort, grüßte kalt, probirte die Waffen und ließ stillschweigend Sadsky alle Vorbereitungen treffen.

Man kämpfte nach damaliger französischer Sitte zu Pferde. Das Zeichen wurde gegeben; beide Gegner ritten von einem bestimmten Punkte in einem Halbkreis auf einander los und griffen während des Begegnens einander mit Hiebschwertern an. Im ersten Kreisrennen schon blutete Scherbic am Hinterhaupte und brüllte laut auf und hatte einen Fluch auf den Lippen – doch bemeisterte er sich noch, aber – dem Pferde die Sporen gebend, drang er im zweiten und dritten Rennen mit ungezügelter Wuth auf Otto los, der auch – nachdem er, um den Gegner zu ermatten, sich beinahe ganz auf die Defensive beschränkt hatte – schwer in die Schulter verwundet wurde, so daß Kinsky dem Janko anzeigen mußte, daß sein Duellant unfähig sei, den Kampf auf Degen weiter fortzusetzen.

Man griff zu den damals üblichen langen Faustrohren; jeder Gegner hatte deren zwei in den Halftern, die er während des Laufes auf jeder beliebigen Distanz, gleichzeitig oder hintereinander abbrennen konnte. Beide trieben ihre Pferde jetzt zum Galopp – fast gleichzeitig schossen beide Kämpfer in der Entfernung von dreißig Schritten etwa; Janko's Kugel pfiff dicht am Ohr von Otto's Pferd vorbei, aber Otto's Schuß traf den Scherbicer mitten durch die Brust.

»Daß Dich der Teufel!« schrie Janko und fiel vom Pferde; der ledige Gaul floh scheu in die Berge der Scharka.

Gegner und Secundanten stürzten herbei. Es war Otto widerwärtig, an den verächtlichen Scherbicer einige Worte richten zu müssen, aber die Regel des Kampfes erforderte es. Sadsky hob Janko vom Boden auf und legte seinen Oberleib in seinen Schoß, indem er ihm das Wams öffnete; aus der Brustwunde floß nur wenig Blut, aber aus dem röchelnden Munde quoll es hervor, ein Lungenflügel schien getroffen. Janko verdrehte mehrmals die Augen und warf ganze Blutflocken aus. Nachdem sich die Strömung einigermaßen gestillt, stöhnte Janko mit einer Ruhe und Resignation, die eines besseren Menschen würdig gewesen wäre:

»Pfui, pfui! Ihr habt mir den Garaus gemacht, Herr von Los, daran werd' ich glauben. Ein Loch, wie ein Thalerstück, im Leib' – wenn ich das wieder zuflicken kann – glaub's nicht!« –

»Ritter Janko,« sagte Otto und reichte ihm die Hand hin, »da Ihr kampfunfähig und, wie es scheint, bedeutend verletzt worden seid, so gebieten die Regeln des Duells, daß ich –«

»Ich zürn' Euch nicht,« versetzte in Absätzen Janko; »den Teufel auch, der Aderlaß macht nüchtern; ich lach' mich nur aus, daß ich so ein Thor war und alles für eine Straßendirne –«

»Scheltet das Mädchen nicht,« sagte Otto gereizt, »ich habe für sie gekämpft und Waldstein.«

»Nun wohl, aber ich selbst weiß nicht, warum – und ärgere mich, daß ich meinem Schuft Vojta nachgegeben; ich wollte schon den Handel fahren lassen. Es ist nun abgemacht; es hat getroffen; heute mir und morgen Dir! – Ich bitte die Herren nur, lasset mich auf den Stern hinauf schaffen, damit ich ausruhe und, wenn ich sterben soll, doch unter einem Dache sterbe. Es athmet sich sehr schwer mit dem Loche da.«

»Ich habe meinen Reitknecht bereits nach Prag geschickt, meinen Wundarzt zu holen,« sprach beruhigend Kinsky.

»Habt Dank, gnädiger Herr!« antwortete Scherbic, »es wird vielleicht nicht mehr nöthig sein und nichts helfen, wenn er nicht die Luft, ich wollt' sagen, den Athem auch zusammennähen kann. Da d'rin ist ein Faden zerrissen.«

»Das viele Sprechen strengt Euch an, Herr!« sagte Kinsky.

Sadsky und die beiderseitigen Diener erhoben nun den Verwundeten so behutsam als möglich und trugen ihn auf ihren Armen langsamen Schrittes die Anhöhe zum Jagdschloß hinauf.

Matusch hatte inzwischen, dieses Amtes kundig, Otto's Wunde verbunden. Der Hieb war nur durch den Muskel gegangen; er war nicht gefährlich, doch äußerst schmerzhaft und hemmte jede freie Bewegung des Armes.

Matusch, der während des Kampfes sichtbar gespannt und beängstigt dagestanden hatte, nach Janko's Verwundung aber theilnahmslos, ja fast unzufrieden schien, brummte, während er Otto hilfreiche Hand leistete: »Es ist alles noch zu wenig, gar zu wenig für den hündischen Schuft. Er nimmt sich's auch gar nicht zu Herzen. Galgenholz, das knirscht nicht, wenn man hineinschneidet. Noch zwei, drei Kugeln in den Wanst und dann verschmachten auf freiem Felde, wie ein toller, angeschossener Hund, das hätte ich ihm gegönnt. Wenn ich bedenke, daß es den edlen Herrn von Los hätte ebenso gut treffen können, das Leben dieses Braven gegen das niederträchtige eines Scherbicers! Pfui – ja pfui! Hast Recht, pfui, Bube. Denk ich d'ran, wie er die Walperga geängstigt und verfolgt und die Marga geschoren – von meinem Buckel will ich gar nicht reden, der Schandkerl hat niemand was Gutes und aller Welt nur Schlechtes gethan. Es ist noch zu wenig – sage ich und bleibe dabei; und wenn er d'rauf geht, ist's noch ein gar zu sanfter, gar zu ehrlicher Tod. Der Herr von Waldstein, und jetzt Herr Otto, haben auch ihr Leben gesetzt gegen den Wicht; ist das ein Vergleich, eine Aehnlichkeit?!«

»Ich hätte Dich nicht für so rachsüchtig gehalten,« sagte Otto, über den Ingrimm des Alten lachend. »Du fluchst ja mörderisch, und Scherbic kann Gott danken, daß Du nicht sein Gegner warst.«

»Ich bin nicht hart, gnädiger Herr!« versetzte Matusch finster und ärgerlich, »mich kann ein kranker Sperling dauern und ich kann's nicht leiden, wenn man große Hunde auf Katzen hetzt; aber, was Recht ist, das ist Recht. Der Ritter Janko ist ja sozusagen ein Meuchelmörder; denn war Gottes Hand damals nicht und mein Degen, so zerschmetterte sein Leibschurke ja unseren Herrn von Waldstein durch die herabgestürzte Mauer in tausend Stücke. Und wie er heucheln und gleißen konnte; er sagte, er mache sich nichts mehr aus Walperga und er würde sie in Ruhe lassen. Schön gesagt; darum ertrug er heute meinen Blick auch nicht – weil er als Lügner vor mir stand.«

»Matusch!« sagte Otto, nachdem er verbunden war, »wirf Dich jetzt rasch aufs Pferd und sprenge hinein und bringe Walperga Nachricht von dem Ausgang des Kampfes und beruhige ihre Angst; Du kannst dann auch Waldstein davon Bericht abstatten. Ich muß jetzt aufs Jägerhaus; denn es ziemt sich, zugegen zu sein, wenn vielleicht Janko verscheiden sollte.«

»Ach!« warf Matusch geringschätzend ein, indem er seinen Gaul bestieg, »gebt Acht, gnädiger Herr – der überwindet's, der hat den Teufel im Leib, die Schlechtesten haben auf Erden das meiste Glück und die Guten nur Elend, das sehen wir an der Walperga. Wenn ihm das Licht nur ausgeblasen wäre – dann wüßten wir doch, daß wir Ruhe haben werden. Der Denkzettel ist freilich nicht übel! Er ein Loch in der Lunge und sein Vojta – wie er ihn nennt – eine Hand weniger; aber, ich bleibe dabei, alles zu wenig, Herr! Alles zu wenig.« Er gab seinem Roß die Sporen und sprengte nach der Reichsstraße zu.

Otto ging ins Jägerhaus. Im Erdgeschoß in einer Stube des Wildwärters hatte man Janko auf ein Bett gelegt. Sadsky war hilfreich um ihn beschäftigt – Kinsky lehnte an einem Fenster.

Bei Otto's Eintritt erhob Scherbic das Haupt – man merkte es ihm an, wie er den Schmerz mit eisernem Willen bewältigte und sagte: »Sadsky, gieb mir zu trinken – gieb mir Wein – ich habe Durst – der starke Aderlaß hat mir alles Feuer aus dem Leibe gezogen, ich verschmachte.«

»Jetzt dürft Ihr nicht trinken,« sagten einstimmig Sadsky und Ulrich, »das könnte Euch den Tod geben.«

»Beim Teufel auch,« versetzte leichthin Scherbic, »entweder stärkt mich der Wein, oder er ist todesschädlich; auf jeden Fall ist dieser Zustand erbärmlicher und unleidlicher, als jeder andere; es kann nur besser werden, nicht schlechter. Ich will Wein!«

Man reichte ihm das Verlangte; er trank in gierigen Zügen. »Der Schlund ist noch ganz und auch der Magen,« sprach er mit übermüthigem Spott, »nur links da ist eine Naht gerissen. Ihr habt gut getroffen, Herr von Los – das Mädchen wird Genugthuung haben für das bißchen Schreck, so ich ihr eingejagt. Es ist gar keine Ritterzeit mehr – man darf nicht einmal einer niederen Dirne nachstellen – das wird alles vornehm und frei – unseresgleichen.«

Otto wollte etwas entgegnen; aber Ulrich winkte ihm und er schwieg. Bald darnach kam der Wundarzt. Jetzt entfernten sich Kinsky und Los.

»Wenn ich davon kommen sollte,« sagte Scherbic zum Abschied, »meine Herren! dann bitte ich mir die Ehre ein andermal aus.«

Der Arzt erklärte die Wunde für lebensgefährlich, doch gestattete er auf Janko's Wunsch, daß dieser in einer Sänfte nach der Stadt in seine Wohnung geschafft werden durfte. Man wollte aus dem nahen Sanct Margarethenkloster zu Brevnov einen Geistlichen herbeirufen, der dem Verwundeten die Sacramente spenden sollte, aber Janko wies diese Zumuthung zurück, indem er spöttisch sagte: »Das fehlte mir noch! Die Schwarzkittel haben mir stets nur Aerger gebracht. Zudem war ich seit Jahren nicht bei der Beichte und der Pfaff hätte da Gelegenheit, mich nach Herzenslust auszufilzen, also keine Schwachheit; ich bin auf alles gefaßt!«

Er wurde behutsam nach der Stadt gebracht.

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