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Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Dritter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
projectid89ec15fc
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I.

Waldstein hatte sich schon zur Ruhe begeben, als Otto in sein Gemach stürmte und ihm die letzten Ereignisse meldete.

»Du hast sie zur Frau von Rosenberg gebracht?« sagte Albrecht und sprang erschreckt auf. »Es mag gut sein; aber Gott! nun ist auch alles zu spät! Warum sah, warum fand ich Dich nicht seit mehreren Tagen. Diese unglückselige Krönung – die doch nichts ist –«

»Und wohin sonst?« erwiderte Otto. »Was sollte ich thun? Ist sie dort nicht besser geborgen, und für das Mädchen selbst, das Du doch liebst, dieser Aufenthalt ehrenvoller als bei mir, bei Dir, bei uns? Wir sind beide unvermählt, Albrecht! Und stünde ich nicht so hoch angeschrieben bei Frau von Rosenberg, sie würde sich wohl besonnen haben, ein Sängermädchen in ihre Obhut zu nehmen, das zu schön und doch wieder zu geringen Standes ist für unsere – Freundschaft und Achtung allein.«

»Du hast Recht, Otto! Allein ich wollte Dich ja bitten, Du solltest die Weiber nach Hermanic bringen – weit von hier – von mir! Bei Gottes Zorn! ich schäme mich, Dir's zu sagen, und muß es doch. Walperga ist Dein!! Dir gebe ich sie, wenn ich sie geben kann. Dein Freund ist nicht mehr Dein Nebenbuhler; nein, er ist einer, der Dich bittet, sie zu lieben, sie zu trösten. Ich werde mich vermählen.«

»Mit Walperga?« fragte Otto erschreckt.

»Nein, nein, beim Donner – ich weiß nicht, wo mir das Hirn sitzt. Höre alles: ich heirate in wenig Tagen Frau von Viczkova und – Walperga soll nichts davon erfahren, sie soll von nun an Dich allein lieben, von Dir geliebt werden; denn Du bist treu, bist ehrlich, Du verdienst es – – ich, ich bin falsch! Schelte mich, verwünsche mich – ich kann nicht anders. Mein Schicksal gebietet unabänderlich, und jetzt erst fühle ich die Gewalt der Stürme, deren Walten ich mich unterworfen, in ihrer ehernen, in ihrer furchtbaren Schwere. Ich muß entsagen – ich habe entsagt. Fühl' mir in die Brust herein, Otto, und Du wirst finden, wie mein Herzblut Deine Finger überrieselt. Allein ich darf nichts empfinden und muß noch lächeln, lächeln, schweigen, lügen! Hätte ich nie die Sterne befragt, ich müßte jetzt nicht ihrer Botschaft folgen, ich könnte träumerisch leben wie Du, und ruhig abwarten, was da kommt, und es Schicksal nennen. Allein wer ihnen einmal zugeschworen, ist ihrer Macht verfallen. Sie haben mein Los bestimmt – ihnen gegenüber giebt's keinen Widerstand!«

»Albrecht, Du träumst,« versetzte Otto erstaunt – die Sterne könnten Dir gebieten, treulos, verrätherisch von Deiner Liebe zu lassen. Sie wären dämonische Mächte, welche des Menschen freien Willen zwingen können?« Er warf sich in einen Stuhl und betrachtete fast erstarrt den Freund.

»O, Du verstehst mich nicht, Otto,« versetzte Waldstein, und sprang auf und eilte in großen Schritten durch das Gemach, »wer ihnen einmal zugeschworen, muß ihnen knechtisch auch gehorchen; wer einmal sie befragt und ihrer Antwort gefolgt, muß sie immer befragen. Die erste That bedingt nothwendig auch die zweite. Bist Du einmal ihrem Spruch gefolgt, und hat er wahr gesprochen, so wagst Du es nicht, das nächstemal ohne ihren Rath zu handeln. Mit einem Worte: sie, die bisher meine Laufbahn mir verkündet und mein Wirken bestimmt, sie fordern gebieterisch den Bund mit Lucretia von Nekysch; im Besitz ihrer Hand allein verheißen sie mir Macht, Größe, Glanz und Kriegsruhm, die Laufbahn eines Helden, mit einem Wort: den Endzweck meines Lebens! Ich kann nicht zurück!« Er sprach die letzten Worte fast athemlos.

»Also alles, alles nur für den Ruhm, des Stolzes Nahrung, die oft blutig, oft gar verbrecherisch ist,« entgegnete Otto bitter lächelnd, »zu welcher Höhe, oder in welchen Abgrund führt Dich, Albrecht, Dein Sternenglaube – Dein zügelloser Ehrgeiz! Und auch Walperga wirfst Du hin um solchen eitlen Preis? Walperga, diese schönste, reichste Erdenblüthe, strahlender, beglückender als jede Fürstenkrone! Ob ich eine solche Kraft der Entsagung auch bewundern kann, preisen kann ich sie nicht. Mensch, ich fasse Dich nicht! Bedenke, was Du opferst, und – vielleicht für ein Hirngespinnst.«

»Ich bitte Dich,« warf Waldstein ein, »lass' jeden Vorwurf, der nur kränkt, nicht hilft. Habe ich an meinem inneren Zwiespalt doch schon schwer zu tragen. Tröste das Mädchen, schone ihren Schmerz, sei glücklich! Stehe mir dafür, daß ihr das Herz nicht bricht – nimm sie hin, sei glücklich!«

»Beneidenswerther,« sprach Otto mit verhallender Stimme, »der so reich ist, um einen solchen Kranz leichtverzichtend hinzulegen, statt Haupt und Brust und seinen ganzen Erdenhimmel damit zu schmücken.« Allein er erhob sich rasch, und durch seine Wehmuth zuckte, ungerufen von ihm und wie von einer höheren Hand gesendet, ein Strahl der Hoffnung. »Und was verlangst Du von mir?« fragte er rasch.

»Verkenne mich nicht, Otto,« sprach Albrecht warm, »glaube nicht, daß ich Walperga bethört, daß ich ihr ein Ehebündniß versprochen, und jetzt eidbrüchig werden will. In meinen, in ihren Liebesworten lag freilich ein schöner Zukunftshimmel, doch deutete ich auch die Möglichkeit der Entsagung an. Wenn Du mir auch unerreichbar bleibst, bleibst Du doch mein schönster Stern! sprach ich mit Beziehung. Und sie wiederholte in begeisterter Ergebung meine Worte. Ich bin kein Dieb und Lügner also, Otto! Doch Du fragst, was ich verlange. Meine Vermählung muß Walperga verborgen bleiben, wenigstens für jetzt, geraume Zeit.«

»Und was wäre da gewonnen?«

»Ich weiß es nicht,« versetzte Waldstein hastig, »ich weiß nur, daß es besser wäre, Du hättest sie nicht in das Rosenberg'sche Haus gebracht, sondern weit weg von hier, nach Hermanic, wo man sie beschützen – ja beschützen konnte, auch vor der Nachricht meiner Heirat, meiner Treulosigkeit. Ich weiß nur, daß mir besser wäre, bekäme sie spät, recht spät davon Kunde, wo mein Bild in den Hintergrund getreten, wo ich schon vergessen wäre – bis Du, mein Freund, tröstend an meine Stelle gekommen, Dein Bild allmählich sich in ihr Herz geschlichen und den bleichen Schatten Albrecht's daraus verdrängt hätte. So muß es kommen, so wird es kommen! Glaube mir, Otto, Walperga wird Dein, und meine Entsagung eben ist's, die mein heiligstes Vermächtniß segnend an Deine treue Freundesbrust legte. Darum, Otto, hilf, rathe mir, daß Walperga erst spät von meiner Untreue Kunde erhalte. Nur Frist gewonnen, denn mir zieht eine Ahnung durch die Seele, daß dann etwas rettend, vermittelnd oder beschwichtigend dazwischen treten wird: etwas, das die Blitze entwaffnet, die über meinem, über des Mädchens Haupte schweben.«

»Und dennoch glaubst Du an die Unfehlbarkeit Deiner Himmelsaussprüche und gehorchst ihren Geboten mit ängstlicher Scheu. Und dann wieder soll ein Zufall rettend – ändernd – umgestaltend sich ins Mittel legen. Ich begreife Dich nicht.«

»Die Constellation kann sich ändern,« entgegnete Albrecht gewichtig, »und dann, dann ist ein jeglicher Entschluß ein günstiger, erfolggekrönter.«

»Als wir Walperga's Haus verließen, damals, wo ich Dich zum erstenmale hingeleitete, sagtest Du: der folgende Tag sei nicht einmal Dein, die Sterne ließen sich nichts abzwingen, sie folgten unabänderlichen Gesetzen und hätten heilige Rechte, die keinen Eingriff dulden. Halb verstehe ich Dich jetzt. Aber wie soll ein Aufschub der Schreckensbotschaft für Walperga die Kraft verlieren, da sie Dich liebt. Oder liebt sie Dich vielleicht nicht?«

»Sie liebt,« fiel Albrecht in bitterer Wehmuth ein, »und nur zu sehr. Sieh, Otto – ich kann nicht so leicht ein Mädchenherz brechen; das ist's, was mich feig und zaghaft macht. Und darum wünscht ich, wäre der Moment, wo ihr das Schrecklichste Gewißheit wird, weit, weit hinausgeschoben. In zwei Tagen etwa schon ist meine Vermählung – nur früher, möchte ich, soll sie nichts erfahren.«

»Und wie dies hindern?«

»Das eben ist's, Otto! Lies diesen Brief. Camilla, das rasende, rachgierige, eifersüchtige Weib weiß meine Verbindung mit der Freifrau. Lies! Da, wo sie gleißt, ist sie am gefährlichsten. In Walperga ahnt sie eine Nebenbuhlerin, und dieser, dieser gilt von nun an ihr Haß. Wohl raubt die Witwe ihr meine Hand, aber sie denkt und fühlt ganz sicher, nur Walperga habe ihr mein Herz entrissen. Der wird sie gern die neue Mähre als Todesbotschaft überbringen; sie weiß ja, daß sie mein Herz am tiefsten verwundet, wenn sie den Dolch des Schmerzes in die Brust des armen Mädchens senkt. Das mußt Du hindern; denn es ist zu spät, Walperga aus ihrem sicheren Asyl plötzlich wieder fort und nach Hermanic zu führen; auch fehlt der Vorwand.«

»Das thäte ich nimmer,« antwortete Otto, »wie erschiene ich vor Frau Elisabeth und ihrer – Umgebung, in welchem Licht das Mädchen selbst, das plötzlich aus edlem weiblichen Schutze ohne Grund in den junger, frauenloser Männer sich begiebt. Dir selbst kann's nicht lieb sein, daß Dein Name, daß nur Hermanic dabei genannt wird, um der Freifrau willen. Doch abgesehen auch davon, so habe ich jetzt drei Tage strengen Dienst beim neuen König. Er verlangt Einsicht in gewisse Actenstücke der katholischen Clerisei in der Landtafel. Ich weiß Auskunft darin und muß ihm Nachweis geben. Zudem habe ich Dir doch gesagt, daß ich sofort nach dem Bubenstücke den Schuft Scherbic angerannt und deshalb morgen früh am Ausgange der Scharka oberhalb dem Stern einen Zweikampf mit ihm habe.«

»Ich bin Dein Secundant,« versetzte Waldstein rasch, »ich habe noch so den Dienst von damals wettzumachen.«

»Ich kam auch, um Dich darum zu bitten; allein jetzt, wie die Dinge stehen, nehme ich's nicht an. Bedenke, mir begegnet etwas Menschliches. Du geräthst auf dem Kampfplatze noch in Händel mit dem Scherbic; wer soll die Fäden leiten dann in dieser Verwirrung? Ich bin jedenfalls leichter zu entbehren als Du. Und die Freifrau von Viczkova würde es mir schlechten Dank wissen, ihren Bräutigam wenige Stunden vor der Hochzeit in lebensgefährliche Händel verwickelt zu haben. Ich sage es Kinsky; kein Wort darüber. Wie aber soll ich nun verhindern, ich, der ich im günstigsten Falle drei Tage das Rosenberg'sche Haus nicht besuchen kann, daß Camilla nicht dahin dringe. Noch abgesehen davon, daß ich, will ich nicht einen mir und Walperga nachtheiligen Verdacht erregen, den Slavata'schen Palast nicht häufiger betreten darf als ehedem. Verfolgt Camilla, wie Du meinst, unser Mädchen, so hat sie sicher, da der Umzug mit zahlreicher Dienerschaft geschah, sofort ihren neuen Zufluchtsort ausgekundschaftet. Matusch könnt' es eher wehren; er ist im Dienst dort.«

»Wie, Matusch,« warf Waldstein ein, »einer Gräfin – er, der Hausdiener? Wenn sie sich, um zu den Weibern zu gelangen, bei Slavata selbst, bei der Rosenberg melden läßt, einen Brief in Walperga's Hände spielt? Dem Weibe stehen tausend Wege offen, die sie findet und wandelt und die wir kaum errathen.«

»Ich weiß keinen Ausweg,« versetzte Otto, »lassen wir es denn kommen, wie es der Zufall oder Deine Sterne fügen werden.«

Albrecht's Leibdiener trat herein und meldete, der Läufer des Erzbischofs sei im Vorgemach und bescheide den Baron sofort zu Seiner fürstlichen Gnaden.

»Der Fürst liegt doch nicht im Sterben?« rief Waldstein erschreckt und befahl, den Läufer herein zu lassen.

Dieser beschwichtigte sofort Albrecht's Besorgniß durch den Bescheid, daß der Fürst zwar noch kränklich und namentlich an Schlaflosigkeit sich leidend befinde, keineswegs aber in Lebensgefahr sei. Nur sei die Angelegenheit höchst wichtig, in der er den Herrn Baron zu sprechen wünsche, und er ließe ihn deshalb noch in der Nacht zu sich bitten.

»Ich werde sogleich beim gnädigen Fürsten erscheinen!« versetzte Waldstein und warf sich in die Kleider.

»Was wird es wieder sein?« sagte Albrecht, nachdem sich der erzbischöfliche Diener entfernt. »Auf jeden Fall etwas von der Viczkova und etwas Unfreundliches vielleicht, weil so dringend; das Erfreuliche drängt nie!«

»Ich hab' mir's überlegt,« sagte Otto, »es ist schon spät, was soll ich erst in die Altstadt; muß ich doch morgen noch vor Sonnenaufgang wieder über den Hradschin und zum Reichsthor hinaus. Du kannst mir heute Herberge geben und ein Nachtmahl, Albrecht; ich schreib' an Kinsky, daß er mich morgen bei Zeiten hier abholt und die Waffen bringt. Einer Deiner Leute mag den Brief noch hinabtragen und Ulrich wecken lassen und Antwort bringen. So erfahr' ich auch, was Dir der Erzbischof gesagt hat, das mich fast neugierig macht.«

»Es sei,« versetzte Albrecht, »hab' Dank dafür, Otto, vielleicht ist's gut, daß Du mir nahe bleibst, kannst mir rathen vielleicht oder mich trösten.« Er eilte fort.

Erzbischof Lamberg lag auf dem Krankenbette, bleich und hinfällig. Das Auge zwar leuchtete noch in geistigem Feuer, auch war der Stimme Ton kräftig und voll Klang; aber an den eingefallenen Wangen sah man es, daß völlige Genesung nie wieder auf sie zurückkehren werde. Auf dem Marmortisch neben seinem Lager brannte eine Schirmlampe und lag das Brevier; der Kirchenfürst selbst hielt ein silbernes Crucifix in seinen Händen, mit dem er in einsamen Stunden wohl oft Zwiesprach über die Vergänglichkeit des Irdischen gepflogen haben mochte.

Waldstein trat leise ein. Der Anblick des Leidenden, der in der matten Beleuchtung noch hinfälliger erschien, erschreckte ihn und gemahnte an einen Sterbenden; aber Lamberg's lauter Gruß zerstreute seine Befürchtung. Er kniete neben dem Krankenlager nieder und küßte die kalte, blasse Hand des Greises.

»Was hast Du gethan, Albrecht?« sagte dieser im Tone eines milden Vorwurfes; »die Freifrau hat Kenntniß von Deinem Handel mit der Sängerin und will allen Ernstes zurücktreten.«

»Von Walperga!« rief Wallenstein erschreckt und der Name Camilla bebte auf seiner Zunge. Nur diese, das ward ihm im Momente klar, konnte, von Eifersucht gestachelt, bei der Witwe an ihm zum Verräther geworden sein. Von ihrer Verbindung mit ihm hatte sie, um Lucretia's Vertrauen zu gewinnen, klug geschwiegen; aber auf die arme, von ihr gehaßte Walperga wollte sie ihren Haß werfen und ihn da verwunden, wo er am verwundbarsten war.

»Ich rieth Dir doch, Albrecht!« fuhr der Erzbischof fort, »Du solltest um jeden Preis die Verschwiegenheit der Dirne erkaufen und jedes Aufsehen vermeiden.«

»Mein hochwürdigster Fürst und Vater,« versetzte Waldstein, »von dem armen, unglücklichen und edlen Mädchen hat Lucretia bestimmt keine Kunde erhalten, weiß doch jene bis jetzt selbst nichts von meiner bevorstehenden Vermählung. Ich vermuthe eine andere Quelle.«

»Desto schlimmer,« entgegnete Lamberg, »dann ist Dein Verhältnis schon ganz offenkundig und die stolze, vornehme Frau stößt sich daran, mit einer Straßensängerin in die Schranken zu treten, deren Nachfolgerin zu sein.«

»Ich hab' das bedrängte, unbescholtene Mädchen gegen einen rohen Wüstling in Schutz genommen, das ist das Oeffentliche an der Sache. Frau von Viczkova war vermählt; ich stoße mich nicht daran, daß ich nicht ihre erste Liebe mehr sein kann, und sie verlangt, ich soll in meinen Jahren auch nicht einer flüchtigen Leidenschaft unterthan gewesen sein! Will sie einen Knaben zum Gatten, der ihr seine schwärmerischen Erstlingsgefühle darbringt, dann mag sie sich mit einem Schüler vermählen, der soeben aus der Jesuitenschule tritt!«

»Du wirst es besser wissen, Albrecht, als ich, daß auch der wüsteste Mann von seiner Gattin die erste Liebe heischt; nicht anders thun die betagten Weiber. Sie möchten Einen an ihre Brust drücken, der noch nie geliebt, in ihnen erst die Liebe aufblühen sieht und ihnen Ersatz giebt für das, was ihnen die Vergangenheit, ein unglückseliger Ehebund vielleicht, versagte. Dein Ritterdienst war bei der Sängerin schlecht angewendet; Lucretia verlangt von ihrem Bräutigam nur Ritterdienste für ihre Person. Wie gesagt, sie will zurücktreten.«

»Ich geb' sie frei!« rief Albrecht schnell; denn in diesem Augenblicke tauchte Walperga's leidendes Bild wieder vor seiner Seele auf und seine Hoffnung flog ihr entgegen.

»Nicht so rasch,« entgegnete Lamberg, »ich hab' Dein Wort, mein Sohn! Du hast den freien Entschluß und Keppler's Verkündigung; es wäre thöricht, so nahe am Ziele umzukehren. Es sind wohl nur Weibergrillen, wechselnd wie Mondesschatten, die flüchtige Wolken treiben. Ich will sie zerstreuen, will Lucretia beschwichtigen. So erzürnt sie im Schreiben sich auch geberdet, leuchtet doch, wie ich glaube, die Hoffnung einer erwünschten Verständigung und Versöhnung daraus hervor. Lass' Dich das nicht beirren – doch sei von nun an vorsichtiger. Ich habe sie auf morgen zu mir beschieden; bleib' in Deiner Wohnung und sei gewärtig, wann ich Dich rufen lasse, damit die Versöhnung sofort stattfinde. Ich will dann Deinem Wunsche nach auch auf schnelle und geheime Trauung dringen, welcher sie sich bisher hartnäckig widersetzt hat; denn sie wollte Dich mit allem Glanze ausgestattet, im Triumphe zum Altare führen. Leicht, das besorge ich nun selbst, könnte sie Kunde von noch irgend einer Deiner früheren Liebschaften erhalten und neues Mißtrauen schöpfen; dann wär' eine Vermittelung vielleicht schwerer. Du hast zahlreiche und gefährliche Nebenbuhler, Albrecht; ich wollte nicht, daß Dir dies Glück, so nahe dem Ziel, entschlüpfte!«

»Ja, rasch, nur rasch, diese Verbindung,« bat Albrecht, »oder sonst nie! Es ist eine innere Gewalt in mir, die mich drängt, den verhängnißvollen Schritt schnell zu thun.«

»Dein Wille soll geschehen, mein Sohn!« versetze der Erzbischof freundlich und legte ihm zum Abschied segnend die Hand aufs Haupt, »das Alter muß die eigenen – es ist seine Schickung so – und noch der Jugend Sorgen tragen. Ich habe Dich noch so spät rufen lassen, weil ich den Brief selbst spät erhielt und Dich vorher doch noch in Kenntniß der Dinge setzen wollte. Schlaf' wohl!«

Waldstein küßte seine Hand und entfernte sich.

Als er in seine Wohnung kam, war Otto noch wach. »Da siehst Du,« sagte Albrecht, nachdem er dem Freunde die neue Verwickelung erzählt, »was ich von dem giftigen Weibe zu erfahren habe, trotz des gleißnerischen Briefes. Die arme Walperga!«

»Und Du wärst entschlossen gewesen,« sagte Otto gespannt und angstbeklommen, »wärest –?«

»Zu verzichten,« sagte Waldstein kalt.

»Und Deiner Sterne Bestimmung?«

»Sie verheißen mir aus der Verbindung mit Lucretia Ruhm und Größe; doch kann ich diese Verbindung nicht erstreben; die Sterne selbst können mir nicht dienstbar sein und Lucretia's Willen zwingen. Ich muß denn eine andere Constellation abwarten.«

Sie wechselten noch einige Gespräche und da auch bald der abgesandte Diener mit Kinsky's bejahender Antwort zurückkehrte, so ruhten sie dann nur kurze Zeit; denn schon im Morgengrauen erschien Matusch und stattete nach Befehl seinen Bericht ab. Es hatte sich bei dem Jagdhause, wie wir erwähnt, während der Nacht nichts Auffallendes mehr zugetragen. Heimlich trug er auch Waldstein die Bitte Walperga's vor, sich nicht bei dem Zweikampf zu betheiligen. Dieser Wunsch wurde sofort erledigt, denn gleich darnach ritt Kinsky in den Hof und eine halbe Stunde später saßen dieser und Otto, von einigen Dienern geleitet, zu Pferde und ritten zu dem Reichsthore heraus. Matusch folgte ihnen.

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