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Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Dritter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171101
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XVIII.

Pater Anselm oder vielmehr Max von Rozmital, wie er sich nannte, lebte als böhmischer Edelmann in Venedig, nicht als Priester. Er bewohnte den Palast Moncenigo, welchen er gemiethet; Camilla galt für seine Gemahlin.

Er liebte sie; das sinnliche schöne Weib hatte seine Leidenschaft entflammt und seine Neigung gefesselt. Seinem Wesen sagte ihre rastlose Natur zu. Nach einem Phantom, nach einer längst versunkenen und vergessenen Liebe hatte er gerungen, hier fand er Hingebung, alle Zauber der sinnlichen Leidenschaft. Er vergaß Elisabeth's; er schalt sich einen Thoren, daß er so lange gehangen an einer Jugendschwärmerei. Camilla umgab ihn mit einem Meer von Wonnen. In ihren Armen hatte er zuerst Erwiderung seiner Gluten gefunden, unter ihren Küssen waren seine Ahnungen zur Wirklichkeit geworden.

Der Sonnenstrahl zitterte auf den Lagunen; die warme Sommerluft zog vom Canal Onufrio herein ins Fenster; purpurne Dämmerung herrschte in dem prachtvollen Gemache. Anselm saß an einem Tische und schrieb, Camilla lag auf einem Divan, in einem weißen, faltigen Gewande, das dessenungeachtet ihre Glieder nur halb bedeckte, ihr Haar war gelöst und rollte nachlässig über Gewand und Kissen bis auf den weißen Marmorboden hinab. Sie hatte den linken Arm über die Stirn gedeckt, doch schlief sie nicht, es war nur ein Zustand von Ruhe und Ermattung, der wie ein halber Schlummer über ihr lag.

»Weißt Du, was ich hier geschrieben habe, Camilla?« fragte Anselm und erhob sich und hielt das Blatt in seiner Hand: »Meinen Freibrief, der mich der Rache enthebt und ganz der Liebe, ganz Dir zu eigen giebt. Elisabeth Rosenberg, so meldet man mir, liegt tödtlich krank darnieder. Ich muß ihr Licht geben, ihr, die mich verrieth, die letzte Stunde verbittern; denn Vergeltung muß sein! Es sind nur wenige Zeilen, höre!« Er las: »Elisabeth! Der Priester, der im Beichtstuhl Eure Hand mit dem Dolch zum Gattenmord bewaffnete, der Mann, der Euch bei Rozmital Euer ältestes Kind und dann in Prag das jüngere rauben wollte, war Max, der arme Max, der Findling, dem Ihr Liebe gelogen und den Ihr betrogen. Er heuchelte den Tod in den Fluthen der Moldau, um für die Rache zu leben. Sie gelang nur halb. Allein jetzt, wo er Euch an der Schwelle des Todes weiß, verzeiht er Euch. Betet zu Gott, daß er seinen gerechten Zorn nicht überträgt auf Eure Kinder und von denen die Liebe erzwingt, die Ihr ihm verweigert! Den beifolgenden Schleier entriß er Euch in der Niklaskirche, als Ihr seinen endlichen Triumph vernichtet habt.«

»Waldstein ist bei den Steirischen vor Gradisca,« sagte Camilla, die den Worten Anselm's keine Aufmerksamkeit zu schenken schien.

»Was soll es mit Waldstein?« fragte Anselm finster.

»Wie Du Dich durch ein Schreiben rächst an einer Sterbenden,« entgegnete sie, »möchte ich dorthin, um mit eigener Hand an dem Stolzen, der in Glück und Hoheit schwelgt, Rache zu üben; der Gifttrank hat ihm nur Heil gebracht – Lucretia's frühen Tod und reiches Erbe.«

»O – Du liebst ihn noch,« rief Anselm und seine Augen blitzten, »die Rache ist's nicht allein, die Dich dahin zieht. Ein süßes Wort von ihm und Du sinkst reuig und hingebend an seine Brust. Hüte Dich, daß ich Dein Herz auf keiner Lüge ertappe. Du sollst nur mich lieben, mich allein, wie ich Dich liebe! Ich habe mich Dir ganz ergeben – mich für ewig an Dich gefesselt. O, zertrümmere meinen Wahn nicht – meide den Schatten jeder Untreue und reize meine Eifersucht nicht!«

»Bin ich so wandelbar, wie Du,« versetzte sie ruhig zwar, doch vorwurfsvoll, »daß Du schon jetzt von Untreue sprichst, wo kaum der Schatten einer Möglichkeit in meine Seele, mein Hoffen und Wünschen fällt? Ich hätte nicht geglaubt, daß Du, ein Mann, dessen Geist und Willenskraft mich zur Bewunderung zwang, so leicht eines Vorsatzes vergessen konntest, den Du zwanzig Jahre lang gehegt. Wie klein ist dieses Blatt gegen Deine großen Entwürfe!«

Er betrachtete sie eine geraume Weile stumm, dann beugte er sich zu ihr nieder und bedeckte Ihr Antlitz mit flammenden Küssen und sagte: »Was soll ich für den Haß noch ferner leben, da ich hier für die Liebe leben kann! Die mächtige Glut hat jenen Haß in mir erstickt. Und wie ich mit diesem Blatt, das ich nach Prag sende, die Erinnerung an jene Elisabeth aus meinem Herzen reiße – so vertilge Du in Deiner Brust jedes Gedächtniß an Albrecht von Waldstein! Ich will es so; das Geschick hat uns verbunden, unauflöslich. Du bist und bleibst mein. Denn höre, Camilla: je länger, desto heißer liebe ich Dich.«

Er erstickte ihre Antwort mit seinem Munde.

Aber Camilla, die sich ihm nur ergeben, um einen Diener ihres Willens zu haben, liebte ihn nicht. Seine wachsende Leidenschaft beängstigte sie. Seit sie Albrecht gerettet und frei wußte, flog ihm ihr Herz wieder zu. Sie wollte zu seinen Füßen um Verzeihung flehen, seine Liebe wieder erringen. Anselm ängstigte sie mit seiner stündlich wachsenden, verzehrenden Leidenschaft. Wie sie vordem Waldstein, so verfolgte und peinigte er sie mit Liebkosungen, die sie weder erwidern konnte, noch wollte, mit quälender Eifersucht, mit Argwohn und Herrscherlaunen. Sie empfand in seiner Verbindung dieselbe Pein, die ehedem Waldstein durch sie erlitten. Sie wollte – sie mußte sich befreien. Es gab Momente der Schwärmerei, wo ihr selbst der Tod von Albrecht's Hand und ein Versöhnungsblick von ihm eine Seligkeit dünkte.

Als sie am folgenden Tage wieder sinnend und träumerisch auf dem Ruhebett lag, in nachlässiger Müßigkeit, trat leise einer ihrer Diener, Georgiades, ein häßlicher, sonnverbrannter Corsiote, herein, betrachtete sie eine geraume Frist wie verzückt und seufzte dann, indem er auf den bloßen Arm deutete, worauf sie Ihr Haupt stützte: »O, wie beglückt der, welcher seinen Mund auf diese Reize pressen darf!«

»Elender Knecht,« rief Camilla und erhob stolz das Haupt, »wessen erfrechst Du Dich! Ich werde es Deinem Gebieter sagen, damit er Dich züchtige.«

Aber diese Drohung schüchterte den Insulaner keineswegs ein, er verharrte in seiner Stellung und sagte lächelnd: »Und doch bin ich im Besitze eines Geheimnisses – wofür Ihr mir noch reicheren Lohn schenken würdet.«

»Was ist's?« fuhr Camilla auf und starrte den Griechen an, »sprich!«

»Erst wenn Ihr mir schwört, daß Ihr schweigen wollt und mir einen reichen Lohn verheißet.«

»Ich schwöre Dir zu – und verheiße Dir – tausend Zecchinen.«

»Und? – Die Excellenz weiß – daß Ihr in morgiger Nacht fliehen wollt. – Beppo hat Euch verrathen. Ihr wollt nach Gradisca, zu einem deutschen Herrn, Eurem früheren Geliebten.«

Camilla wurde bleich, sie sprang auf, faßte den Diener an der Schulter und rief tonlos: »Sprich leiser – was weißt Du weiter?«

»Ich habe die Excellenz heute belauscht und Beppo – wie sie ihren Plan machten. Morgen, bei der Abendmahlzeit, vor der beabsichtigten Flucht, werdet Ihr einen Schlaftrunk erhalten und dann will Euch der gnädige Herr mit Beppo's Hilfe in den Kissen Eures Bettes ersticken. Excellenz ist nur Wuth und Rache und kennt keine Liebe mehr.«

»Entsetzlich,« stöhnte Camilla – »doch ist's auch Wahrheit, was Du sagst?«

»Ich schwör's bei Eurer Schönheit und bei Sanct Marcus, der hier in Venedig mehr gilt als alles.«

»Kannst Du mich retten, Georgiades?«

»Ihr meint mit einem Dolchstoß? Ja, gern; aber das macht Aufsehen – und hier die Inquisition, die ist verflucht wach und ersäuft uns im Canal grande, wenn sie auch nur Verdacht schöpft.«

Ein Gedanke durchblitzte Camilla: »Einen Schlaftrunk, sagst Du – und morgen? Kannst Du mir heut' Nacht, wenn der Herr plötzlich erkrankt, zur Flucht behilflich sein? Er soll erkranken – tödtlich fast – sich nicht erheben, uns nicht verfolgen können. Wenn die übrigen Diener rathlos nach den Aerzten eilen – kannst Du eine Gondel bereit halten, mit mir fliehen – nach Gradisca; dort sind wir geborgen und geschützt.«

»Ich verstehe,« sagte der Diener, »statt seinen Trank morgen zu nehmen, wollt Ihr ihm heute einen geben. – Zur Flucht will ich Euch behilflich sein; doch den Herrn müßt Ihr unschädlich machen. Ich kenne alle Schlupfwinkel und Ausgänge nach dem festen Lande und bring' Euch sicher nach Gradisca, vorausgesetzt, daß man uns vor einer halben Stunde nicht verfolgt.«

»Es sei – doch nun schwör' auch Du mir zu!«

»Und der Lohn – wird nicht vergessen?«

Camilla eilte in das Nebengemach, hier öffnete sie einen Schrank und in demselben ein Kästchen, welches den Gift- und vermeintlichen Liebestrank enthielt, den ihr Marga bereitet. Die Flüssigkeit hatte sich fast zur Dichtigkeit des Honigs verdickt und so fast vierfach an Wirksamkeit gewonnen. Camilla betrachtete die Phiole mit funkelnden Blicken: »Wer hätte gedacht, daß dieser Rest mein Retter werden soll!«

Der Abend kam. Beide saßen am Tisch, worauf Speisen und Früchte dufteten, der Wein in den Pokalen schäumte. Beide kannten ihre geheimen Absichten: Anselm Camilla's beabsichtigte Flucht, sie seinen Mordanschlag; er aber ahnte nicht, daß ihm schon früher, schon heute Krankheit, Verderben oder gar der Tod in diesem Becher auflaure, Beide trugen eine äußere Unbefangenheit zur Schau, die wechselweise täuschen, den Verdacht einschläfern sollte. So glichen sie zwei Tigerkatzen, die im Kreise sich umschleichen, scheinbar theilnahmlos, bis sie den Augenblick zum tödtlichen Sprung auf den Rücken des Gegners erlauscht.

Camilla wurde sogar zärtlich und hingebend und Anselm dachte für sich: »So pflücke Du zum letztenmale heute die Rosen!« – Endlich leerte er den verhängnißvollen Becher, den ihre Hand credenzte.

Zwei Stunden später, als er an der Seite des schönen, jetzt noch heißgeliebten, aber von ihm dem Tode zugesprochenen Weibes lag – that das Gift seine gewünschte und eine fürchterliche Wirkung.

Anselm schrie gräßlich auf, dann verstummte er – seine Blicke trafen Camilla, in ihnen leuchtete die Gewißheit, die Ueberzeugung von ihrer That und die ohnmächtige Wuth seiner mißglückten Rache; er war keines Wortes mächtig, so zog ihm der Gifttrank den Schlund zusammen, er konnte weder um Hilfe rufen, noch das mörderische Weib anklagen und der Inquisition übergeben; er war ganz ihrer Willkür preisgegeben. Aber sie fiel trotzdem nicht aus ihrer Rolle, mit verstelltem Schmerz und händeringend eilte sie durch die Gemächer, weckte die Diener, schickte die Verdächtigen fort nach den Aerzten, heuchelte Anselm Theilnahme bis zum letzten Momente, wo ihr Georgiades anzeigte, daß alles zur Flucht bereit sei – dann verließ sie das Krankenzimmer, gab ihrem Befreier den Schlüssel zu der Geldtruhe, wo Georgiades seine Taschen mit Geldstücken füllte, hierauf schloß sie alle Thüren des Palastes, selbst die Außenpforte, warf die Schlüssel in den Canal, bestieg die Gondel – und verschwand in der Nacht. Anselm blieb in dem weiten, menschenleeren Gebäude allein, und als später die Diener mit den Aerzten und Wärtern kamen, konnten sie nicht eindringen; sie mußten erst die Anzeige an den Fanto oder obersten Polizeibeamten machen, der die Thüren alle unter gerichtlicher Aufsicht öffnen ließ. So vergingen mehrere Stunden, bevor Anselm Hilfe erhielt. Sie kam zu spät – er blieb sprachlos; er versuchte zu schreiben – aber die konvulsivisch verzerrte und gelähmte Hand versagte ihm den Dienst – er verschied am frühen Morgen: elend, wie er gelebt, ohne Triumph der Rache. Als sich, nach mehreren Aeußerungen Beppo's ein gräßlicher Verdacht herausstellte und man den Flüchtigen nachzusetzen beschloß, war dies schon zu spät. Sie befanden sich bereits auf dem Wege nach Aquileja und dem Isonzo. –

Die Böhmen errichteten sofort nach dem gewaltthätigen Auftritte ein festes Bündniß untereinander, wählten dreißig Directoren aus ihrer Mitte, denen sie die Leitung der Staatsangelegenheiten übergaben, und suchten sich in Vertheidigungsstand zu setzen, indem sie Truppen warben und den Grafen zum obersten Feldherrn ernannten. Zugleich erließen sie eine Denkschrift an den Kaiser, worin sie ihr eigenmächtiges Verfahren rechtfertigten und entschuldigten, sich auf den Majestätsbrief beriefen, im Uebrigen den Kaiser als ihren gnädigen Herrn erkannten und ihm Treue gelobten. Mathias drohte ihnen mit seinem ganzen Unwillen und befahl ihnen, sofort ihre Truppen zu entlassen. Aber wehrlos wollten die Häupter des Aufstandes sich nicht seiner und der Jesuiten Rache überlassen, sie schrieben im Gegentheil an die benachbarten Fürsten, nach Ungarn und an die der Krone einverleibten Provinzen und baten kraft der alten Bündnisse um Hilfsvölker. – Noch einmal versuchte Mathias den Weg der Güte, er schickte seinen geheimen Rath Eusebius Khan heimlich nach Prag an Thurn und Fels, diese für sich zu gewinnen und zur Unterwerfung zu bewegen. Beide aber waren schon zu weit gegangen, um sich der katholischen Partei auf Gnade oder Ungnade ergeben zu können. Die Directoren verwiesen nunmehr den Prager Erzbischof und die Aebte von Strahov und Braunau als Störer des Religionsfriedens, sowie sämmtliche Jesuiten als Verräther, Aufwiegler und Königsmörder – alle diese Vorwürfe wurden ihnen schon damals gemacht – des Landes, welches sie binnen vierzehn Tagen bei Todesstrafe zu räumen hätten. König Ferdinand schrieb nun selbst an die Böhmen und trug ihnen seine Vermittlung an, aber vergebens; der Kaiser bestand auf Unterwerfung, Bestrafung der Rädelsführer, Entlassung der fremden Truppen; die Protestanten dagegen verlangten die Verurtheilung ihrer Feinde, der kaiserlichen Räthe, und beschworen den Monarchen, keine fremden Truppen ins Land zu schicken, weil solches für das gemeine Volk, in den Städten sowohl als auf dem Lande, das Signal sein würde, über die katholischen Geistlichen, sowie über ihre Kirchen und Klöster herzufallen, was sie selbst dann nicht zu verhindern im Stande sein würden. Im Uebrigen kündigten sie ihm durchaus den Gehorsam nicht auf, baten nur, er möge unparteiisch richten und sie in den Besitz ihrer geraubten Gerechtsame wieder einsetzen. Aber Mathias, von den Jesuiten gehetzt, von Ferdinand angefeuert, beschloß nunmehr, die Böhmen als Rebellen zu behandeln und mit Gewalt der Waffen zur Unterwerfung zu zwingen.

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