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Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band

Karl Herloßsohn: Wallenstein's erste Liebe. Dritter Band - Kapitel 18
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authorKarl Herloßsohn
titleWallenstein's erste Liebe. Dritter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XVII.

»Sie verschmäht mich also« – sagte Waldstein und ein bitterer Schmerz spielte um seinen Mund – »ich konnte mir's denken; 's ist meine eigene Weisheit, mit der sie mich schlägt. Dasselbe Wort sprach ich, als Camilla kam und bei mir um neue Liebe warb. Eine selige Erinnerung liegt hinter uns – wir wollen sie in die Zukunft heraufbeschwören, lebendig, wirklich. Das vermag selbst Gott nicht. Er kann die Vergangenheit nicht zur Zukunft schaffen. Noch einmal aber, Otto, möchte ich sie zum ewigen Abschied an meine Brust und meinen Mund auf ihre Lippen drücken. Ich war zu selig! Ja – ich habe geliebt und werde dessen nie vergessen. Allein, es kann nicht sein – es ist vorbei. Nun – Ehrgeiz, nimm mich ganz in Deine Arme! Ich gehe!«

»Du willst nicht bleiben?« fragte Otto.

»Ich gehe zu Ferdinand nach Steiermark, wie ich versprochen. Die Venetianer belagern ihn in der istrischen Grenzfestung Gradiska. Ich werbe zweihundert Reiter auf meine Kosten und führe ihm dieselben zu – denn er leidet Noth an Streitkräften, Kaiser Mathias unterstützt ihn nicht, ich werde willkommen sein und gedenke mir den künftigen Herrscher Böhmens zu verbinden.«

»Und Du entziehst uns Deinen Arm?« sagte Otto betrübt. »Hier gähren neue Elemente, wie vor dem Beginne eines gewaltigen Kampfes; Du solltest dem Vaterlande dienen, nicht dort der fremden Sache auf fremdem Boden.«

»Ich werde kommen,« rief Albrecht mit Feuer und legte wie betheuernd seine Rechte auf Otto's Schulter, »wenn mich hier Thaten rufen. Bis dahin, mein Otto, lebe wohl und bringe dem Mädchen meinen Gruß! Daß sie mich verschmäht, raubt ihr mein liebend Angedenken nicht; fast könnte ich sie um dieses Stolzes willen nur höher achten. Werde Du glücklich mit ihr, Otto! Lebe wohl!«

Nachdem sich Otto entfernt, trat Wallenstein's Haushofmeister und Vertrauter, Giovanni Peroni, ein Ingenieur, den er in Florenz gekannt und seit kurzem in seine Dienste gerufen, in das Gemach.

»Hast Du Antwort von Wien?« fragte Waldstein. »Will Gianbattista Seni kommen, der weise Astrolog? Hast Du ihm geschrieben, daß ich ihn schon in Genua gekannt und verehrt?«

»Er ist für Euren Dienst gewonnen, Excellenz!« versetzte Peroni. »Ich bot ihm vierhundert Thaler jährlich Gehalt – und er hat sie angenommen und wird im nächsten Monat von Wien aufbrechen.«

»Vierhundert Thaler,« rief Albrecht erstaunt und geringschätzend, und eine finstere Wolke zog über seine Stirn, »vierhundert Thaler, sagst Du? Und für den Spottpreis sollte ich den weisen Mann, den Kenner des gewaltigen Weltgebäudes, einen der ersten Gelehrten in meine Dienste locken? Pfui doch, Peroni! Du verstehst nur Knechte in Lohn zu nehmen. Schicke ihm sofort vierhundert Thaler Reisegeld, einen Wagen mit sechs Pferden und biete ihm ein Jahresgehalt von zweitausend Thalern, das letztere vorausbezahlt. Er soll seiner und meiner würdig in fürstlichem Glanze hier erscheinen; denn seine Wissenschaft ist eine königliche – sie spricht und lehrt von Kronen und von Thronen!«

»Ich dachte nur, mein gnädiger Herr,« versetzte verlegen der Florentiner, »da selbst die Kaiser einen Keppler karg belohnten; so –«

»Wenn sich,« warf Waldstein stolz ein, »die Kaiser nicht schämen, den hohen Geist und die allmächtige Wissenschaft schlecht zu besolden, so ist das ihre Sache und mag keinen Maßstab abgeben für mein Verwalten. Thu', was ich Dir geheißen, Giovanni! In zwölf Tagen kann Seni von Wien hier anlangen. – Ich lieb' Euch Italiener – Du weißt es – doch mag ich Euren Geiz nicht leiden.«

Er entließ den erstaunten Florentiner. –

Die böhmischen Stände erklärten dasjenige, was in Klostergrab und Braunau geschehen war, für ungiltig, weil dem Majestätsbrief zuwiderlaufend, der die Errichtung von Gotteshäusern und Schulen für die Protestanten im ganzen Königreiche frei gab. Sie wandten sich in einer Beschwerdeschrift deshalb an den Kaiser und verlangten seinen Schutz gegen die Uebergriffe der Katholischen. Ihnen traten die schlesischen, mährischen und Lausitzer Stände in einem demüthigen Bittschreiben bei.

Mathias aber, aufgehetzt von Ferdinand, statt die Gerechtigkeit ihrer Bitte anzuerkennen, ließ den Ständen mit seiner Ungnade drohen. Er befahl den Statthaltern, die Urheber der Versammlung im Carolin vorzuladen, ihnen Sr. Majestät ernstliche Mißbilligung auszudrücken und ihnen zu sagen, daß alles, was sich zu Braunau und Klostergrab begeben, auf königlichen Befehl geschehen sei. Der Kaiser ließ ihnen ferner erklären, daß sie den Majestätsbrief mißbrauchten, daß er die Häupter ihrer aufsässigen Partei als Aufrührer zu betrachten und demgemäß zu bestrafen sich genöthigt sehen würde. Er befahl ihnen, sich so lange ruhig zu verhalten, bis er selbst nach Prag kommen, ihre Beschwerden anhören und Recht sprechen würde. – Zu gleicher Zeit wurde Graf Mathias seiner Stelle als Burggraf vom Karlstein entsetzt und dieses wichtige Amt dem Herrn von Martinic übertragen.

Die kaiserlichen Statthalter hatten den Auftrag, die protestantischen Stände auf das Prager Schloß in die Landstube zu bescheiden und ihnen Sr. Majestät strenges Mandat zur Nachachtung vorzulesen.

Der verhängnißvolle Tag erschien.

Noch vorher aber hatten die böhmischen Herren evangelischer Confession, gereizt durch die immer wachsenden Uebergriffe der katholischen Priester und Mönche und offenbar verkürzt und bedrängt in ihren Rechten durch des Kaisers stillschweigende und öffentliche Begünstigung ihrer Gegner, in allen ihren Kirchen zu Prag und auf dem Lande verkündigen lassen, man gehe damit um, ihnen den Majestätsbrief, ihre Religionsfreiheit, sowie die anderen von Kaisern und Königen ertheilten Vorrechte zu entreißen. Sie ließen daher das Volk ermahnen, auf seiner Hut zu sein und Gott inständig zu bitten, er möge ein so großes Unglück von ihnen, sowie vom gesammten Vaterlande gnädig abwenden.

Von den königlichen Statthaltern befanden sich zur Zeit nur vier in Prag: der Oberstburggraf Adam von Sternberg, Wilhelm von Slavata, Oberst-Landrichter Jaroslav von Martinic und Diepold von Lobkovic, Grandprior der Malteser. Die Uebrigen hatten sich – ob zufällig oder absichtlich – auf ihre Güter begeben, und so war den Zurückgebliebenen die schwierige Aufgabe gestellt, den protestantischen Häuptern das ungnädige Schreiben des Kaisers zu publiciren und sie allen Ernstes zur Ruhe und zum Gehorsam zu vermahnen.

Es war am 20. Mai 1618. Die im Carolin versammelten utraquistischen Stände begaben sich Vormittags 11 Uhr auf das Hradschiner Schloß in die böhmische Kanzlei. An ihrer Spitze befanden sich Thurn, Colon Fels und Wilhelm Lobkovic. – Der Oberstburggraf Sternberg las ihnen das königliche Mandat vor. Als er zu den Worten »Rebellen« und »nachdrücklich strafen« kam, da ging ein lautes Murren durch die Versammlung und wie Feuer leuchtete es rings aus den Augen. Aber ein lautes »St« Thurn's und sein Blick, der gebieterisch in der Runde umherlief, gebot augenblickliche Ruhe.

Nachdem der Oberstburggraf vollendet, bat Thurn namens der Stände um Einsicht in das kaiserliche Handschreiben. Sternberg überreichte es. Die Protestantischen gingen damit aus der Kanzlei auf den Vorsaal – hier lief das Schreiben von Hand zu Hand. Sie beriethen sich leise und kehrten in die Landstube wieder zurück. Thurn überreichte das Actenstück dem kaiserlichen Rathe und böhmischen Landessecretär, Herrn Magister Philipp Fabricius, und sagte, gegen die Statthalter gewendet: »Stände behalten sich vor, auf sothanes ungnädige und ungerechte Schreiben ihre Rechtfertigung einzureichen, und werden solche binnen zwei Tagen den Herren Statthaltern persönlich überreichen. Sie bäten aber, damit sie dieses ordentlich vermöchten, ihnen eine Abschrift gedachten kaiserlichen Befehles zu geben.«

Nachdem sie eine solche erhalten, kehrten sie ruhig in die Altstadt zurück. Der übrige Tag verlief fast ohne Störung; aber gegen Abend und noch mehr am folgenden Morgen gab sich eine Aufregung kund, vergleichbar dem Aufwallen des Meeres vor einem Sturme. – Um das Carolin herum, durch die Straßen der Altstadt und später auch der anderen Städte, drängten und bewegten sich geschäftseifrig viele vom Herren- und Ritterstande, zu Fuß und zu Roß, gefolgt von ihren Dienern und Gardisten, bewaffnet mit Büchsen, Pistolen und Degen. Sie besuchten einander wechselseitig in ihren Logements, doch nur auf kurze Zeit; es war ein Hin- und Herziehen, ein Auf- und Abrennen, daß es den Anschein hatte, als müßte sofort ein Aufstand ausbrechen, wie denn auch schon der Pöbel Miene machte, den Tandelmarkt und die Judenstadt zu plündern, und die Kaufleute ihre Läden schlossen. – Inzwischen erschienen die Stadthauptleute an der Spitze der Stadtguardia und königlichen Truppen, die Nacht brach ein und die öffentliche Ruhe wurde nicht gestört.

Es kam der 23. Mai, der Tag vor Himmelfahrt Christi – nach dem alten Kalender. – Wilhelm Slavata trat am frühen Morgen aus seiner Stube und war im Begriffe in den Wagen zu steigen, um zuerst in der Domkirche zur Messe und dann in die Landstube zu fahren. Da kam ihm von der Treppe des zweiten Geschoßes Walperga entgegen. Sie war bleich und aufgeregt.

»Mein gnädiger Oheim,« sagte sie und küßte seine Hand, »geht heute nicht aufs Prager Schloß, ich beschwöre Euch! Ich hatte einen unheilkündenden Traum, dessen Bilder nur verworren noch vor meiner Seele zittern; ich sah Euch blutig und sterbend auf dem Boden.«

»Dein kindischer Traum,« versetzte Slavata kalt und entzog ihr die Hand, »wird mich doch wohl von meiner Pflicht nicht abhalten! Ich sollte dem heutigen Sturme ausweichen, sollte zittern vor den Ketzern und Rebellen? Die Haare auf meinem Haupte haben ein Kaiser und ein König gezählt, und ihre Arme schweben schützend über mir. – Vernichten werd' ich die Verrätherbrut; doch mir sollen sie kein Haar krümmen! Noch bin ich mächtig und groß, größer als jemals!«

»Mein gnädiger Oheim!« sagte Walperga im Tone eines demüthig bittenden Vorwurfes, »es wäre viel besser, wenn Ihr mehr Liebe hegtet für die stammverwandten Herren und gegen Euer Vaterland.«

»Marinka!« fuhr Slavata auf und seine Augen trafen geringschätzend und demüthigend das Mädchen, »man sagt, Du habest es ehedem sehr wohl verstanden, schöne Lieder zu singen, greif' wieder zur Laute und bleib dabei, wag's aber nie mehr, mein Handeln zu meistern.«

Sein Blick fiel in das Treppendunkel hinter Walperga; da stand Otto von Los, bleich, das Auge umwölkt – er hatte alles gehört; aber nicht die Worte Ketzer und Rebellen hatten seine Seele empört, sondern der giftig bittere Vorwurf des herzlosen Mannes, der Walperga's früheres Geschick betraf.

Es war Slavata unlieb, daß Otto Zeuge seiner heftigen Aeußerung gewesen; doch faßte er sich schnell, grüßte ihn freundlich und sagte: »Mich dünkt, wir haben einen und denselben Weg. Darf ich Euch meinen Wagen anbieten. Wenn's gefällig!«

»Mein Wagen hält schon am Thore – ich werde später folgen!« antwortete Otto kalt und gemessen und reichte Walperga den Arm, um sie die Treppe hinaufzugeleiten. Die tief verletzte Jungfrau folgte ihm.

Nachdem die vier Statthalter in der Veitskirche die Messe gehört, traten sie gegen halb neun Uhr in die böhmische Kanzlei. Sie ließen sofort alle Bänke und Stühle – den einen, welcher den Thron des Königs repräsentirte, ausgenommen, hinausschaffen, um mehr Platz zu gewinnen, denn es war ihnen nicht fremd, daß sich diesmal die Herren der drei Stände sub utraque in großer Anzahl einfinden würden. Diese erschienen auch um neun Uhr zu Fuß, zu Roß und zu Wagen, mit vieler Dienerschaft, bewaffnet mit Büchsen und Pistolen. Die vom Herren- und Ritterstande füllten allein den Saal, die von den Städten mußten vor der Thür stehen, welche deshalb offen blieb. Die vier Statthalter nebst dem Geheimschreiber Fabricius oder Plattner standen in einer Fenstervertiefung zunächst dem Ofen.

Paul von Rican verlas nunmehr, da eine augenblickliche Stille eingetreten war, die Gegenschrift der unkatholischen Stände. Der Hauptinhalt derselben besagte beiläufig Folgendes: »Da wir in Seiner Majestät höchst ungnädigem Schreiben insgesammt als Rebellen erklärt, so Ehre und Leib bereits verwirkt, und uns mit der Execution darin gedroht worden, lediglich darum, weil wir uns zur Aufrechthaltung des Majestätsbriefes versammelt und in ehrerbietigem Tone über Gewaltthaten uns beschwert; so haben wir uns nunmehr verbunden, Alle für Einen und Einer für Alle bei Verlust von Leib und Leben, Ehr' und Gut, daß wir Alle festiglich beisammen, wie ein Mann, stehen wollen, ein rechtliches Erkenntniß, wie uns angedroht, nicht erwarten – weil wir nicht schuldig, sondern den Majestätsbrief nach allen unseren Kräften vertheidigen und wechselseitig beschirmen und nöthigenfalls für unseren Glauben und unsere Rechte ruhmvoll untergehen wollen. Da uns aber bekannt ist, daß Seiner Majestät ungnädiges Schreiben nur in Folge der Instigationen, Verdächtigungen und falscher Anklagen einiger Feinde unseres Glaubens, sowie des Vaterlandes, ergangen ist, so befragen wir hiermit ernstlich und auf ihr Gewissen die Herren Statthalter, ob dieselben oder andere von ihnen von des Kaisers Manifest gewußt, dazu gerathen oder dasselbe approbirt haben. Darauf verlangen wir sofortigen Bescheid.«

Der Oberstburggraf antwortete: »Edle Herren! Wir sind dermalen nur vier von königlicher Statthalterei, wie Ihr sehet, hier versammelt. Die anderen Herren sind fern von Prag, mit Ausnahme des Herrn Oberstlandhofmeisters Adam von Waldstein, als welcher krank in seiner Behausung darnieder liegt. Um mit letztgedachtem über eine genügsame Antwort zu communiciren, bitten wir Euch um eine Abschrift des vorgetragenen Rechtfertigungsschreibens und werden nicht unterlassen, Eurer Hochachtbaren und Edlen am nächsten Freitag an hiesiger Stelle gebührliche Antwort zu geben.«

Da erhoben Thurn, Fels und Wilhelm Lobkovic gleichzeitig ihre Stimmen und riefen: »Wozu schiebt Ihr den Adam Waldstein vor? Ihr wißt, daß er uns freundlich, daß wir mit ihm zufrieden sind; wir wollen die Antwort von Euch – und auf der Stelle!« – Ein lautes Schreien und Durcheinanderreden flog durch die Versammlung, die vier Statthalter traten wieder an das Fenster und beriethen sich leise.

»Was suchen sie an den Fenstern,« murmelte Colon Fels leise zu Thurn, »geht's dort hinaus? Sie müssen doch fühlen, daß wir entschiedene Antwort haben wollen.«

»Wir bitten um baldigen Bescheid,« rief einer der Heftigsten plötzlich durch die Stille. Es war der Herr Hans Litwin von Rican; er schlug seinen Mantel zurück, griff nach seinen Pistolen im Gürtel und machte eine drohende Bewegung gegen Herrn von Martinic.

Da trat der greise Mathias von Lobkovic, der Großprior, vor und sagte freundlich: »Den edlen und weisen Herren wird es nicht unbekannt sein, daß wir als Seiner Majestät Räthe in Eid und Pflicht stehen und, was in Seiner Majestät Rath vorgekommen, als Amtsgeheimniß heilig zu halten verpflichtet sind. Uns geziemt es daher nicht, auf die gestellte Frage Rede zu stehen und wenn wir es dahero dennoch müssen, so fordern wir die Herren Stände auf, uns vor Seiner Majestät redlich zu bezeugen, daß wir dazu gewaltsam gezwungen worden. Im Uebrigen steht Euch jedoch, hohe Herren, zu Eurer Beschwerde der Weg an den König unmittelbar offen, wo Ihr Euch beschweren und gegen etwaige Uebergriffe unserseits klagbar werden könnt.«

»Das ist eine schiefe Antwort!« rief Thurn laut durch die Versammlung. »Daß Ihr, Grandprior, und der Herr Oberstburggraf zu dem kaiserlichen Brief nicht gerathen, das meinen und glauben wir wohl. Können aber die Herren von Slavata und Martinic auf ihre Ehre dasselbe sagen?« Hierauf nahm der Oberstburggraf, der vermeiden wollte, daß die beiden genannten Räthe isolirt und den aufgeregten Ständen allein gegenüber gestellt werden sollten, das Wort und sagte mit zitternder Stimme: »Geliebte Herren und Landsleute! Wir geben Euch, da Ihr uns dazu zwingt, die heilige Versicherung, daß wir zu dem kaiserlichen Briefe, welchen Ihr ausleget, als verletze er den Majestätsbrief und gefährde Euch an Leib und Leben – was wir jedoch nicht intentionaliter darin zu erkennen vermögen – nicht gerathen haben.«

»Gut,« sagte Ulrich Kinsky – »Euch Beiden, Herr Oberstburggraf und Herr Grandprior, glauben wir vom Herzen, doch des Schreibens Auslegung geziemt vor allen uns, denn es trifft uns, und wahrlich wie ein Richtschwert in eines Blinden Hand. Aber die Herren von Slavata und Martinic haben dazu gethan, sie sind unsere, unseres Glaubens und des Landes erbitterte Feinde. Ja, ich wiederhole es, nicht wir, Du Slavata, Du Martinic: Ihr seid Empörer, Ihr wollt den Majestätsbrief uns vernichten, Ihr hasset und verfolgt die Protestanten, habt auf den kaiserlichen Herrschaften sowohl als auf den Eurigen die Evangelischen verfolgt, Priester und Amtsdiener von Kirche und Amt gejagt und an deren Stelle katholische gesetzt, und Du, Slavata, hast zu Telc Deine Unterthanen gewaltsam zum katholischen Glauben bekehrt!«

»Ich bin der protestantischen Herren Feind nicht,« versetzte Slavata, der bisher unerschütterlich dagestanden, obgleich sein bleiches Antlitz von großer Bewegung zeigte; »aber ein Freund des Rechtes hier wie dort. Was zieht Ihr meine Herrschaft Telc hierher? Sie liegt in Mähren und nicht in Böhmen. Wer von meinen Unterthanen dort nicht freiwillig katholisch werden wollte – den ließ ich mit Hab' und Gut abziehen; gezwungen hab' ich keinen. Und was – Mathes Thurn – geh'n Euch meine Unterthanen an? Hab' ich doch niemals mich zum Anwalt der Eurigen aufgeworfen? – Ich will einmal keine Ketzer auf meinem Grund und Boden!«

»Ketzer!« donnerte es einstimmig aus der Versammlung und Fäuste erhoben sich, Dolche blitzten. Mehrere griffen an ihre Pistolen.

Slavata, den das unbedachtsame Wort selbst zu erschrecken schien, trat zurück, der greise Grandprior stellte sich wie schützend vor ihn, und Martinic, weniger muthig, aber besonnener als Slavata, sagte vermittelnd: »Meine Unterthanen, die katholisch wurden, haben es freiwillig gethan und verharren noch jetzt ohne Beschwerniß in ihrem Glauben; wenn jedoch von kaiserlichen Herrschaften protestantische Personen ausgewiesen worden, so ist solches nicht wegen ihres Glaubens, sondern wegen ihrer Aufsässigkeit, indem sie Andere gegen Seine Majestät aufzuhetzen gesucht und feindselig gegen die katholischen Insassen verkehrt, geschehen. Auch ist gegen selbige nach Untersuchung und Richterspruch verfahren worden. – Was jedoch den Vorwurf gegen mich betrifft, so muß ich wiederholen, daß alle meine Unterthanen in dankbarer Gesinnung gegen mich verharren.«

»Ei, Du Heuchler!« höhnte Graf Schlik, »da muß Dir unser edler und ehrenfester Graf Thurn auch dankbar sein, weil Du ihn um seine Würde als Burggraf von Karlstein gebracht.«

»Da ist Gott,« betheuerte Martinic in weinerlichem Tone, »und alle Landesofficiere meine Zeugen, daß ich mich genugsam bei Seiner Majestät gegen diese Würde unterthänigst gesträubt und gebeten, selbige dem Grafen Thurn zu belassen und solche erst dann angenommen, als der König den Herrn Grafen um eine Staffel erhöht und ihn zum Oberstlehnrichter ernannt hat.«

»Weil er Euch da,« fiel Wilhelm von Lobkovic, dessen Eifer sich kaum länger zügeln ließ, ein, »nichts mehr zu bedeuten hat. Ei, wie seid Ihr Burschen mit uns bei dem letzten Landtage verfahren, wie eigenmächtig seid Ihr bei der Wahl des Königs umgegangen, habt des Majestätsbriefes im königlichen Revers nur im Allgemeinen bei der Confirmation der Privilegien und nicht insbesondere erwähnen lassen, habt seinerzeit weder den Majestätsbrief noch den Vergleich der katholischen und protestantischen Stände und das Amnestiedecretum unterschrieben, wie es die anderen Landesofficiere gethan! – Schmach und Schande Euch, die Ihr den böhmischen Namen entehrt, die Ihr der Pfaffen und des Kaisers Diener, des Vaterlandes Feinde seid!«

»Die Sache währt zu lange,« donnerte auf einmal Mathias Thurn dazwischen und strich sich ungeduldig das Haar aus der Stirn – Todtenstille erfolgte ringsum – »es muß ein Ende haben! Hier, meine Freunde, stehen zwei; das sind die größten und erbittertsten Feinde unserer Religion. Sie wollen uns um den Religionsbrief, um alle unsere Freiheiten bringen. So lange die im Lande, ist weder unser Recht noch unser Glaube, ist weder unser, noch unserer Weiber und Kinder Leben gesichert. Leben die Beiden ferner noch im Besitze ihrer Macht, so müssen wir an Leib, an Ehre und Gut zugrunde gehen. Darum wollen wir mit rascher That sie als unsere Feinde und Verderber erklären und sofort bestrafen!«

Ein allgemeines Beifallsgeschrei erfolgte, drohende Worte flogen hin und wieder, der Sturm wuchs zum tobenden Orkane an.

»O, lieber Herr Schwager,« sagte bleich und zitternd mit leiser Stimme Martinic zu Slavata, »wie wird es uns ergehen! Wäre ich Euch doch nicht gefolgt und wäre lieber weit von Prag gezogen, statt mich solchem Sturme auszusetzen!«

»Mag da kommen, was da wolle,« versetzte immer muthvoll und verwegen Slavata, »wir stehen hier in Kaisers Namen, wir handeln nach Eid und Pflicht, und sollte uns der Herr den Märtyrertod bestimmt haben, lieber untergehen als nachgeben!« – Er wandte sich jetzt an die Versammlung: »Meine Herren!« rief er mit lauter Stimme, »ich hoffe, daß Böhmens erleuchtete Stände gegen Böhmens Statthalter nichts Feindseliges und Gewaltsames unternehmen werden. Wir sind des Landes Magnaten – reich begütert, Eures Gleichen. Der Kaiser ist unser Richter. Vor seinem Throne mögt Ihr, glaubt Ihr, daß Euch Unbill widerfahren, Klage und Beschwerde gegen uns führen. Wir verlangen richterlich Gehör und werden uns seinem Urtheil unterwerfen. Verschmäht Ihr aber den Weg zum höchsten Richterstuhle, gut – dann soll das böhmische Landrecht, dessen Beisitzer Alle unseres Gleichen – über uns Richter sein. – Keine Gewaltthat, meine Herren, die Ihr schwer zu büßen haben würdet!«

»Der kaiserliche Brief, der uns in die Acht erklärt,« schrie Wilhelm von Lobkovic, »ist hier in Prag, ist von Euch geschrieben; ich weiß es. Der Schelm Fabricius mag es leugnen – er kann es nicht; er erbleicht, das Wort stockt ihm im Halse. Darum, meine Freunde, frag' ich Euch: Erkennet Ihr Alle – selbst diejenigen, die mit den Beiden blutsverwandt – die Herren von Slavata und Martinic für unsere Feinde und für die Landesverräther, und darum als strafwürdig?«

»Wir bitten um Gottes willen,« schrie Martinic, »daß man gegen uns keine Gewalt braucht und bedenkt, wie wir an Kaisers Stelle hierselbst, und dieser Ort ein geheiligter ist!«

»Es thut mir im Herzen weh',« versetzte Wilhelm von Ruppa, »daß so etwas geschieht; aber ich habe es lange voraus gesehen und Euch gewarnt. Ihr glaubtet nicht, glaubt jetzt!«

»Statthalter oder nicht,« rief Wilhelm Lobkovic, »wir kennen hier nur zwei Feinde unseres Glaubens und des allgemeinen Friedens.« Er wandte sich zugleich mit Roupova zum Oberstburggrafen und zum Grandprior, indem er höflich sagte: »Gnädige Herren! Wir bitten Euch, diesen Saal zu verlassen, dieweil wir gegen Eure ehrwürdige Person durchaus nichts Feindliches im Sinne haben. Was hier weiter noch verhandelt werden soll, betrifft bloß die Herren Slavata und Martinic.«

Martinic, der diese Worte hörte, sprang herbei, klammerte sich an des Burggrafen Arm und rief in Todesangst: »Nein, Euer Gnaden, Herr Oberstburggraf! Sie verlassen uns nicht in dieser Noth. Wir vier sind insgesammt Statthalter des Königs und müssen für einen Mann stehen, ja nöthigenfalls gemeinschaftlich den Tod leiden.«

Der Oberstburggraf machte auch Miene, zu bleiben, und erhob flehend die Arme, aber Mehrere umdrängten ihn und führten ihn fast gewaltsam zur Thür hinaus. Dasselbe geschah mit dem Großprior Leopold von Lobkovic.

Hierauf warfen sich Thurn, Joachim Schlik und einige Andere auf den Herrn von Slavata; Wilhelm Lobkovic, Rican, Ulrich Kinsky, Smiricky und Kaplir faßten den Herrn von Martinic und drängten sie vom Ofen bis in die Gegend des einen Fensters, indem sie durcheinanderschrien: »Jetzt haben wir's allein mit den Feinden unseres Glaubens zu thun, das sind sie!«

Während des Herumdrängens waren die beiden Statthalter an die Thür gelangt, sie glaubten, man werde sie hinausführen und gefangen setzen, darum sagte Slavata, obgleich verstört und fieberisch aufgeregt, doch immer noch stolz: »Wir dulden dies für den Glauben und für den Kaiser. Seht zu, wie Ihr dies rechtfertigen werdet!«

Als sie aber wieder von der Thür fort bis zum Fenster gezerrt wurden, und eine Hand, unberufen vielleicht, das Fenster öffnete, da sank Beiden der Muth und sie schrien laut und beschworen ihre Gegner, man sollte ihnen erst einen Beichtvater gestatten – um Gottes Barmherzigkeit willen.

»Ei!« rief Wilhelm Lobkovic, »wir sollen Euch wohl gar noch Eure Helfer hierherrufen? Was zum Teufel fährt, fährt auf dem kürzesten Weg zum Teufel.«

Er entriß Martinic den Hut, faßte ihn beim Mantel, die Anderen griffen zu – er hatte Rappier und Dolch an der Seite – hoben ihn auf die Fensterbrüstung und stürzten ihn aus der Höhe in den sechzig Fuß tiefen Schloßgraben hinab. Martinic betete während seines Todeskampfes, indem er sich an die Steinfassung anklammern wollte: » Jesu, fili Dei vivi, miserere mei, mater Dei, memento mei!« und flog in den Abgrund hinab.

Den Herrn von Slavata, der sich gewaltig wehrte, hatten inzwischen Thurn, Schlik und einige Andere erfaßt und ihn vom Boden aufgerissen, auf den er sich niedergeworfen hatte. Er schrie: » Deus propitius esto mihi peccatori!« und erfaßte den Riegel, der das geschlossene Fenster hielt; aber Thurn zerschlug ihm mit dem Schafte seiner Pistole die Finger, bis er losließ, und im weiten Schwunge von acht Armen geschleudert, flog auch Slavata seinem Genossen in den Wallgraben nach.

So wie dieses geschehen war, stand die Versammlung einen Moment lang starr und selbst erschrocken über das, was so plötzlich geschehen. Jetzt wiederholte Wenzel von Roupova das Wort, welches er zu Anfang des Tumultes gerufen und welches den Ausschlag gegeben: »Verfahrt mit ihnen nach altböhmischer Weise ( po staroèesku)!« Es war verhallt – unbeachtet – jetzt sagte er, der erste, der die Stille unterbrach: »Das ist die altböhmische Weise – für Verräther!«

»Und hier ist noch der Dritte,« schrie Wilhelm Lobkovic und zeigte auf den bleichen, zitternden Geheimschreiber Fabricius, der sich in der Nische des zweiten Fensters verbarg.

»Ja,« sagte Thurn, wild auflachend, »wenn die Federn unten sind, muß auch das Tintenfaß nach.«

Sogleich faßten hilfreiche Arme den Magister und stürzten ihn, trotz seiner Betheuerungen, daß er ganz unschuldig, gleichfalls zum Fenster hinaus. Am thätigsten dabei war Hans Smiricky und ein Ritter Ehrenfried von Biebisdorf, welcher, wie später Fabricius klagte, ihm dabei mehrmalen Haare aus dem Kopf und Barte gerauft.

Alle drei auf diese Weise Hinabgestürzten wurden wie durch ein Wunder gerettet – wie denn später auch Martinic und die Jesuiten behaupteten, die heilige Jungfrau, welche sie in ihrer letzten Stunde so inbrünstig angerufen, habe ihnen ihren Mantel unterbreitet.

Martinic verletzte sich nur leicht an der Hüfte und vermochte sogleich aufzustehen; Slavata, der nach dem Falle tiefer in den Graben gerollt war, hatte sich in seinen Mantel verwickelt und trug eine ziemlich tiefe Kopfwunde, Fabricius erhob sich ganz unversehrt vom Boden, half dem obersten Landrichter auf die Beine und salutirte ihn durch mehrere Reverenzen. Dann floh er durch den Graben und gelangte glücklich an dem alten Schloßthor hinab bis in seine Wohnung in der Altstadt, wo er sich sofort reisefertig machte und nach Wien eilte, um dem Kaiser Nachricht von dem Geschehenen zu bringen.

Wie die in der Landstube Versammelten sahen, daß ihre Feinde sich fast unversehrt erhoben, und ihr Racheact keineswegs gelungen war, da brannten sie aus den Fenstern ihre Büchsen und Faustrohre ab – jedoch ohne zu treffen. Dem auf der jenseitigen Mauer versammelten Volke riefen sie zu, in den Graben hinabzusteigen und den Schurken den Garaus zu machen. Aber die Mauer war zu steil – die Angerufenen konnten nicht hinabgelangen und begnügten sich damit, auf sie zu schießen. Zwar durchlöcherten die Kugeln Slavata's Mantel und streiften des Martinic Arm, doch trafen sie nicht und eben eilten durch eine Pforte, welche vor der neuen Schloßstiege und aus dem Hinterhause Slavata's in den Graben führte, sechs bis sieben Slavata'sche Diener – Matusch an ihrer Spitze, herbei, und salvirten sie, während rechts und links die Kugeln pfiffen, in das Slavata'sche Haus durch den verdeckten Gang, der noch heute in das Thun'sche Palais führt.

Dies sahen ihre Verfolger aus den Fenstern der Landstube. »Gottes Pest!« rief Thurn – »Giftpflanzen muß man mit Stumpf und Stiel ausrotten, sonst sind sie nicht unschädlich gemacht. Kommen die Beiden mit dem Leben davon, so ergeht es uns schlimmer als vordem. Fort – ihnen nach ins Slavata'sche Haus!«

Sie stürmten racheschnaubend, mordlustig über den Schloßhof, an der rechten Seite hinab, bis sie an der Pforte standen, wo die Flüchtlinge verschwunden.

Auf ihr wüthendes Geschrei, ihr Pochen und Andonnern öffnete sich endlich die Pforte und – Walperga trat hervor, ein Schwert in der Hand, die Wangen geröthet, die Augen blitzend.

»Herr Graf Thurn,« rief sie Mathias, der an der Spitze des Haufens stand, entgegen, »man hat mir gesagt, daß Ihr, ein Held, den Feind nur aufsucht im freien Felde, und nicht in eines Hauses stillen Frieden eindringt mit bewaffneter Hand. Nur über meine Leiche sollt Ihr Eingang finden! Die – so Ihr suchet – ringen mit dem Tode; vergönnt Ihnen die Sacramente der Sterbenden zu empfangen.«

Mathias, geblendet wie die Uebrigen von der wunderbaren Erscheinung des reizenden Mädchens, sagte: »Bei Gott – das Fräulein ist so schön, wie unsere erste Herzogin Libuscha – der alle Männer gehorchten. Wer hat den Muth, hier gewaltsam einzudringen – ich habe ihn nicht!«

Alle schwiegen, ihre Blicke hafteten staunend, fast ehrfurchtsvoll auf der schönen Jungfrau.

»Doch Nöthigeres ist zu thun,« fuhr nach kurzer Pause Thurn fort: »Zerstreuen wir uns Alle in der Stadt und verhindern wir, daß der Pöbel, wenn er hört, was geschehen, nicht die katholischen Kirchen und Klöster plündert. Denn, vergeßt den Wahlspruch nicht: Es ist ein Glaubenskrieg, den wir wollen! Wir haben unsere Feinde bestraft und nicht des Kaisers Statthalter. Kein Katholik soll beleidigt werden, ich bitte Euch darum. Was wir gethan, mögen wir tragen; doch schlimme Folgen würden doppelt schwere Schuld auf uns laden.«

Walperga trat zurück, verschloß die Pforte und der Haufe zerstreute sich sofort.

Kaum hatten sich die Herren Slavata und Martinic in das Haus des ersteren zurückgezogen, so erschienen sofort auch ihre Beichtväter, Melchior Trevenicus und Martin Santinus, und spendeten ihnen geistlichen Trost. Martinic, der sich zuerst erholte, schwärzte sein Gesicht mit Pulver, zog einen Kittel an und folgte, als es Abend wurde, dem herbeigerufenen Landschaftsbarbier Tomasoni als dessen Diener. Er wurde, obgleich ihm zahlreiche Gruppen vor dem Hause auf der Spornergasse auflauerten, nicht erkannt, gelangte glücklich in sein Haus auf dem Hradschin, nahm Abschied von Weib und Kindern und flüchtete auf der Pilsener Straße nach Tachau und von da durch den Böhmerwald nach Bayern und München. Er wagte es nicht, nach Wien zu gehen, weil er befürchtete, auf dem Wege dahin verfolgt zu werden.

Slavata lag krank darnieder, sorgsam gepflegt von seiner Schwester; die Stände begnügten sich, ihm eine Wache vor die Thür zu stellen. Später sollte ihm der Proceß gemacht werden.

Slavata genas bald; aber der gewaltige Schrecken warf Frau von Rosenberg auf das Krankenlager. Ein langsam tödtendes Zehrfieber befiel sie; sie fühlte ihr Ende.

»Ich werde gehen,« sagte sie in einer traulichen Stunde, wo sie allein mit Walperga war, »zu meinem barmherzigen Gotte und zu meinem, vielleicht jetzt versöhnten Gatten, und lasse Euch allein. Ich werde dort Ruhe finden und doch vielleicht zu früh. Euch lasse ich ohne Gatten, rathlos, ohne Mutterschutz. Und den, der mir und Euch so wohlgethan – Otto von Los, habe ich nicht belohnt. Du konntest es vielleicht – oder Jaroslava. Ich muß früher scheiden, ehe meine Erdensendung vollendet. Der Mutter bekümmertes Herz bleibt hier zurück.«

»Du wirst so früh nicht sterben, Mutter!« versetzte Walperga, »wie es aber auch immer komme, hier gelobe ich's in Deine ehrwürdige Hand: ich lohne Otto, die er liebt, oder ihm lohnt Jaroslava, die ihn liebt. Ich will der Schwester – ich will sein Schutzgeist sein. Glaubst Du, ich habe meines Lebens Aufgabe nicht erkannt? Zu Glück und zum Besitz bin ich nicht berufen wie Du, gute Mutter, doch zu Opfern. So will ich Segen bringen, wie ich kann! Dein Vorbild giebt mir Muth und Kraft.«

»Und meinen Bruder – Deinen Oheim,« flehte Elisabeth, »den Du diesmal errettet?«

»Er bedarf der Liebe nicht,« seufzte Walperga, »da er an sie nicht glaubt. Doch soll sein Haupt mir heilig sein und gilt es – decke ich es im Tode selbst mit meiner Brust!«

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